INHALTS-VERZEICHNIS.
ERFINDUNG UND VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST
1450—1500.
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| EINFÜHRUNG IN [DAS ERSTE BUCH] (3-10). | |
| [I. KAPITEL.] | |
| ZUR VORGESCHICHTE DER BUCHDRUCKERKUNST. | |
| Älteste Spuren der Vervielfältigung. Die Manuskripte. Der Metall- und Holzschnitt. Die Kunstschulen. Die xylographischen Werke. Die Vorbedingungen für die Erfindung der Buchdruckerkunst. | 11-22 |
| [II. KAPITEL.] | |
| DIE ERFINDUNG. | |
| Johannes Gutenberg. Herkunft. Aufenthalt in Strassburg. Gutenberg in Mainz. Verbindung mit Johann Fust. Peter Schöffer. Gutenbergs Unglück. Sein Tod. Sein Andenken. | 23-36 |
| [III. KAPITEL.] | |
| DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IN DEUTSCHLAND. | |
| Schnelle Verbreitung der Kunst. Die Nachfolger Gutenbergs in Mainz. Peter Schöffer und seine Nachkommen. Ulm. Beromünster. Basel. Bamberg. Albrecht Pfister. Augsburg. Nürnberg. Wien. Der Norden: Köln, Münster, Magdeburg, Leipzig. | 37-54 |
| [IV. KAPITEL.] | |
| DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IM AUSLANDE. | |
| Italien: Subiaco und Rom. Venedig. Foligno. Mailand. Florenz. Spanien und Portugal. Frankreich: Paris. Lyon. Die Niederlande: Die Histoires. Colard Mansion. England: William Caxton. Skandinavien: Dänemark. Schweden. Die slawischen Länder. Ungarn. Die Türkei. | 55-76 |
| [V. KAPITEL.] | |
| DIE TECHNIK DER BUCHDRUCKERKUNST UND DIE LITTERARISCHE PRODUKTION. | |
| Die Technik: Schriftgiesserei. Satz. Druck. Korrektur. Die Pressen. Die Farbe. Die Ausschmückung der Bücher. Das Pergament und das Papier. Die Buchbinderkunst. Die Litterarische Produktion: Der Buchhandel. Die Zensur. | 77-96 |
GLANZPERIODE UND VERFALL DER BUCHDRUCKERKUNST
1500—1750.
| Seite | |
| EINFÜHRUNG IN [DAS ZWEITE BUCH] (98-104). | |
| [VI. KAPITEL.] | |
| DIE ILLUSTRIERENDE KUNST IN DEUTSCHLAND. | |
| Die deutschen Malerschulen. Der Kupferstich und der Holzschnitt. Michel Wolgemut. Albrecht Dürer, seine Zeitgenossen und Nachfolger: Hans Burgkmair, Hans Schaeuffelein, die „Kleinmeister“. Hans Holbein d. j. Lucas Cranach d. ä. Die Schweizer und Elsasser Künstler. Über die „eigenhändigen“ Holzschnitte der Zeichner. | 105-126 |
| [VII. KAPITEL.] | |
| DIE TYPOGRAPHIE IN DEUTSCHLAND UND IN DEN SKANDINAVISCHEN LÄNDERN. | |
| Nürnberg: Der Theuerdank. Die deutschen Schriften. Augsburg: Hans Schönsperger d. ä. Frankfurt am Main: Chr. Egenolff, Sigism. Feyerabend, die Merians. Mainz: Die Nachfolger Schöffers. Tübingen: Der slawische Druck. Cotta. Strassburg: Illustrierter Druck. Basel: Joh. Froben, die Familie Petri, Joh. Oporinus. Zürich: Chr. Froschauer. St. Gallen: Leon. Straub. Wien: Johan Sigriener, Hans Kohl, Joh. v. Gehlen. Leipzig: Melch. Lotter, Valentin Bapst. Gute und schwere Zeiten. Wittenberg. Der Norden. Berlin. | |
| DIE SKANDINAVISCHEN LÄNDER. Dänemark, Norwegen und Island, Schweden und Finnland. | 127-158 |
| [VIII. KAPITEL.] | |
| DER DRUCKBETRIEB UND DAS BUCHGEWERBE IN DEUTSCHLAND. | |
| Die Schriftgiesserei und die Druckschriften. Die Technik des Setzens und Druckens: Der Satzapparat, die Korrektur, die Presse, die Farbe. Prinzipal, Geselle und Lehrling. Die Buchbinderkunst. Der Buchhandel: Die litterarische Produktion, das Verhältnis zwischen Autor und Verleger. | 159-174 |
| [IX. KAPITEL.] | |
| ITALIEN, SPANIEN, PORTUGAL UND DAS SÜDLICHE AMERIKA. | |
| Venedig. Die Familie Aldus: Aldus Pius Manutius, Paul Manutius, Aldus ii. Dan. Bomberg. Mechitar. Rom: Die Buchdruckerei der „Propaganda“. Genua. Florenz: Die Giunta. Padua. Die Xylographie: Ces. Vecellius, der Clair-obscur-Druck. Ugo da Carpi, Graf Ant. Zanetti, John Jackson. | |
| Spanien und Portugal. Brocario und die complutinsche Polyglotte. Madrid. Ant. Bortazar. — Mexico. Joh. Kromberger, Juan Pablos. Lima. Peru. St. Domingo u. a. | 175-192 |
| [X. KAPITEL.] | |
| FRANKREICH. | |
| Die Lage des Buchdruckers. Der Staat und die Presse. Die Xylographie, die livres d'heures. Anton Verard. Geofroy Tory. Jodocus Badius. Conrad Néobar. Berühmte Druckerfamilien. Die Stephane: Heinrich i., Robert i., Heinrich ii., Ende der Familie. Die Gründung der königlichen Buchdruckerei. Ant. Vitré. Savary de Brèves. Lyon: Seb. Gryphius, Jean de Tournes, Steph. Dolet. Die Schriftgiesserei. Die Buchbinderkunst. | 193-216 |
| [XI. KAPITEL.] | |
| DIE NIEDERLANDE. | |
| Die Illustration. Christoph Plantin, seine Nachkommen, das Plantinsche Museum. Die Familie Blaeu. Die Elzeviere: Ludwig i., Matthias und Bonaventura, Isaack, Bonaventura und Abraham i. Johann und Daniel. Ludwig und Daniel, das Ende des Hauses. Die Nachahmer der Elzeviere. Die Familie Enschedé und die Schriftgiesserei. | 217-254 |
| [XII. KAPITEL.] | |
| ENGLAND. NORDAMERIKA. | |
| Das allmähliche Wachstum der englischen Presse. Wynkyn de Worde, Richard Pynson, Reynold Wolfe, John Day, Th. Vautrollier, Th. Roycrofft, Sam. Palmer, Sam. Richardson. Oxford, Cambridge. Die schottische und die irische Presse. Die Stereotypie und Will. Ged. Das Zeitungswesen. Die Schriftgiesserei. | |
| NORDAMERIKA. Kleine Anfänge der Presse. John Glover, James Franklin, Benjamin Franklin. Die deutschen Einwanderer und ihre Presse. Christoph Sauer und seine Nachkommen. | 255-276 |
| [XIII. KAPITEL.] | |
| DIE SLAWISCHEN LÄNDER. DIE TÜRKEI. DIE OSTASIATISCHEN LÄNDER. | |
| Polen. Russland: Moskau, St. Petersburg. Die Türkei: Konstantinopel, Ibrahim und Said Efendi. Syrien. Das östliche Asien, China, das chinesische Tafeldruckverfahren und die Papierfabrikation. Europäischer Druck in Asien. Afrika. | 277-288 |
| [Register.] | |
| [A. Namen- und Sachregister] | 289-300 |
| [B. Nachweis der angeführten Quellenschriften] | 301-304 |
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ERSTES BUCH.
ERFINDUNG UND VERBREITUNG
DER
BUCHDRUCKERKUNST
1450—1500.
EINFÜHRUNG IN DAS ERSTE BUCH. [[←]]
Das Dunkel der
Erfindung.
MIT Dunkelheit und Vorurteilen ist die Geschichte derjenigen Kunst umhüllt, welche geschaffen war, Licht über die Wissenschaften zu verbreiten, sie zu erhalten und fortzupflanzen — so klagte schon der berühmte Johann Gottlieb Immanuel Breitkopf in seinem leider nur Bruchstück gebliebenen Werk über die Geschichte der Buchdruckerkunst.
Hundertmal wurde diese Klage seit Breitkopf wiederholt, teils mit Recht, teils mit Unrecht. Allerdings sind manche Punkte der Erfindungsgeschichte noch heute in ein Dunkel gehüllt, das kaum je gelichtet werden wird, wenn nicht ein absonderlicher Glücksfall ein typographisches Pompeji oder Olympia aus irgend einem verschütteten Keller an das Tageslicht fördern sollte; jedoch mit solchen Glücksfällen kann selbstverständlich nicht gerechnet werden und nicht jeder, der nach Funden gräbt, ist im Finden ein Schliemann.
In manchen Punkten jedoch hat das Licht der wissenschaftlichen Kritik die, durch unpraktische Gelehrsamkeit, missverstandenen Patriotismus, Mangel an technischen Kenntnissen bei den Schriftstellern, kritiklose Kompilation oder Köhlerglauben an zweideutige Zeugnisse noch mehr verdichteten Wolken endlich durchbrochen.
Was ist Typo-
graphie?
Was mehr als alles Andere zu dem langen Zustande der Unsicherheit beigetragen hat, in welchem sich die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst befand, ist, dass man nicht im voraus einig gewesen, was man eigentlich unter Buchdruckerkunst — Typographie — zu verstehen hatte. Wie leicht wäre bei genügender Klarheit hierüber mancher Streit zu verhindern gewesen! Die Kunst des „Druckens“ bestand, selbst in Deutschland, lange vor Gutenberg, ja die Chinesen übten, wenn man sich auch nur an das streng historisch Beglaubigte hält, einen umfangreichen „Bücherdruck“ wenigstens 500 Jahre vor Gutenberg. Ist trotzdem auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass die Chinesen nicht die „Typographie“ erfunden haben? Cicero spricht, so klar wie man es verlangen kann, das Prinzip des Setzens aus. Ist deshalb der gelehrte Römer ein Gutenberg gewesen? Zugegeben selbst, dass in Haarlem ein ehrlicher Küster oder Lichtzieher, zugleich ein guter Grossvater, als Spielzeug für seine Enkel Buchstaben in Baumrinde geschnitten hat; ja, noch viel weiter gegangen und angenommen, er hätte in dieser Weise sogar ein Büchlein fertig gebracht, konnte man diesen Mann als den Prototypographen bezeichnen? Gewiss nicht, wenn wir die unerlässlichen Bedingungen vor Augen haben, welche das Wesen der „Typographie“ bilden. Mit diesem Namen kann man nur diejenige Kunst bezeichnen:
den niedergeschriebenen Gedanken, mittels „mechanisch durch Guss vervielfältigter“ Typen (also beweglicher Metalltypen) gesetzt, wiederzugeben und diesen Satz nach dessen Einreibung mit Druckfarbe „mechanisch“ durch die „Druckerpresse“ in einer beliebigen Anzahl vollständig gleicher Abdrücke herzustellen.
Mit anderen Worten: die Erfindung der Buchdruckerkunst schliesst die Erfindung der Schriftgiesserei, des Setzens, des Pressendruckes, der Farbenbereitung in sich ein. Als Bestandteile gehören zu ihr: die Stempel, die Matern, die Metalltypen, die mechanische Presse nebst den verschiedenen Utensilien, die Farbe.
Die Erfindung einzelner, zu dieser Gesamtheit gehörender Teile macht nicht die Erfindung der Buchdruckerkunst aus. Würde man Gutenberg zwar die Presse, die Farbe und die in Holz geschnitzten Buchstaben lassen, jedoch die Erfindung der Schriftgiesserei auf Schöffer übertragen, so wäre Gutenberg nicht der Erfinder derjenigen Kunst gewesen, welcher die ganze zivilisierte Welt bereits auf vier Säkularfeiern als ihrer grössten Wohlthäterin, als der Verbreiterin des Lichtes, als der Befreierin von allen geistigen Fesseln gehuldigt hat, derjenigen Kunst, welche die Grossmacht der Presse geschaffen hat.
Gutenberg allei-
niger Erfinder.
Jedoch, es steht unzweifelhaft fest, die Erfindung gehört in ihrem vollen Umfange Gutenberg „und ihm allein“. Dies hat die wissenschaftliche Kritik, welche in neuerer Zeit eine, blosses Material anhäufende Gelehrsamkeit ablöste, unwiderruflich festgestellt. Über diesen Punkt muss man endlich die Akten als geschlossen betrachten, wie dies auch in den folgenden Blättern geschieht.
Ob die 36zeilige Bibel vor der 42zeiligen gedruckt wurde, ob Caxton 1476 oder 1477 die Kunst nach London brachte, ob in Köln die Fratres vitæ communis zuerst gedruckt haben und dergleichen Einzelnheiten werden die Federn der Gelehrten noch lange in Bewegung setzen und die Entscheidung ist gewiss von dem höchsten Interesse. Es kann jedoch nicht der Zweck dieses Handbuches sein, das Für und Wider solcher Fragen breit zu erörtern, ohne doch ein bestimmtes Resultat ziehen zu können. Selbst eine, vielleicht zu zuversichtliche Annahme eines zweifelhaften Datums oder Faktums ist in einem Handbuch manchmal weniger nachteilig, als eine Verwirrung des Urteils durch die sich fortwährend wiederholende Erhebung von Zweifeln.
Die Litteratur
der Erfindung.
Von den Werken, welche im allgemeinen die Vorgeschichte der Erfindung, diese selbst und die früheste Periode der Kunst behandeln, erwähnen wir folgende, welche, namentlich so weit sie die älteren xylographischen und typographischen Druckerzeugnisse in Reproduktionen vorführen, mutmasslich eine grössere Anzahl von Lesern interessieren werden.
K. Falkenstein.
Wenn wir die Jubelschrift des Oberbibliothekars Dr. Karl Falkenstein: „Geschichte der Buchdruckerkunst in ihrer Entstehung und Ausbildung“, mit vielen Illustrationen (Leipzig 1840), obenan stellen, so geschieht es, weil dies Werk sehr vieles dazu beigetragen hat, die Lust an der Geschichte der Typographie zu wecken und zu nähren, zugleich, weil es das einzige ist, welches den Anlauf nimmt, die Geschichte bis auf die damals neueste Zeit, 1840, fortzuführen. Der Zweck eines Handbuches für den täglichen Gebrauch konnte und wollte das Buch jedoch nicht erfüllen, welches als Jubelschrift zur Verherrlichung der Erfindung und des Erfinders das Hauptgewicht auf die Vorgeschichte und die Erfindung selbst, sowie auf die Bekämpfung der Gegner Gutenbergs legen musste. Auch konnte es nicht anders sein, als dass die Behandlung vom gewerblich-technischen Standpunkt aus gegen die bibliographische Arbeit zurücktreten musste, was ja vollständig aus dem Berufe des berühmten Bibliothekars, aus dessen Feder das Buch stammt, sich erklärt. Dies macht sich namentlich in Betreff der Ausführung sowohl der Periode des nachmaligen Aufblühens der Kunst seit der Mitte des xviii. Jahrhunderts als auch der neuesten, den ganzen technischen Betrieb umgestaltenden Zeit geltend. Seit dem Erscheinen des Werkes, das schon lange im Buchhandel fehlt, sind ausserdem mehr als 40 Jahre verflossen, die nicht nur manches Bedeutende in der Kunst zutage gefördert haben, sondern auch über die Vergangenheit derselben in vielen Beziehungen ein helleres Licht verbreiteten. Es werden dem Werke viele fehlerhafte Angaben vorgeworfen; solche waren wohl kaum zu vermeiden, und darf dieser Umstand denjenigen, der den Versuch macht ein Kompendium der Geschichte der Buchdruckerkunst zu liefern, der Pflicht nicht entheben, dankbar anzuerkennen, dass diese Aufgabe ohne die Anhaltspunkte, welche das Falkensteinsche Buch gewährt, eine weit mühsamere gewesen sein würde.
T. O. Weigel.
Ad. Zestermann.
Ein sehr bedeutendes Werk ist T. O. Weigels und Ad. Zestermanns: „Die Anfänge der Druckerkunst in Bild und Schrift an deren frühesten Erzeugnissen in der Weigelschen Sammlung erläutert. Mit 125 Facsimiles und vielen in den Text gedruckten Holzschnitten“. 2 Bde. fol. (Leipzig 1866). Die Verfasser stellen sich ganz entschieden auf die Seite Gutenbergs: „Es gelang mir nicht“, sagt Weigel, „für Hollands Ansprüche auch nur ein einziges Dokument vor 1460 zu entdecken“. Das Werk, in den Brockhausschen Druck- und Kunstanstalten ausgeführt, ist zugleich, indem es die alte Kunst uns vor Augen führt, ein würdiges Denkmal der neueren graphischen Kunst Deutschlands.
A. v. d. Linde
Ein merkwürdiges, eine ganze Gutenberg-Bibliothek ersetzendes Werk ist: „Gutenberg, Geschichte und Dichtung, aus den Quellen nachgewiesen von A. van der Linde“ (Stuttgart 1878). Der Verfasser musste, nachdem er die Koster-Legenden der Holländer in mehreren Streitschriften auf das grausamste der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, Holland verlassen und lebt als kgl. Bibliothekar in Wiesbaden. Die erste Abteilung des Werkes giebt die Geschichte der Erfindung, wie wir sie nun endlich als feststehend betrachten müssen, wenn nicht ein vollständig neues Material geboten werden sollte, denn mit dem alten kommt man dem Ziele nicht näher. Die zweite Abteilung erzählt die verschiedenen Erfindungs-Märchen und berichtet auf nicht weniger als 500 enggedruckten Seiten über die Fälschungen und Irrtümer. Zahlreiche Urkunden machen den Beschluss. Der Verfasser bietet mit seinem Buche keine leichte Lektüre und erschwert sie den meisten ausserdem durch die ungewohnte Schreibweise und die unzähligen Einschaltungen und Erläuterungen.
Leider schlägt der gekränkte und hart behandelte Verfasser einen gehässigen und einem streng wissenschaftlichen Werk nicht ganz angemessenen Ton an, der eher seiner guten Sache schadet als sie fördert. Das Wahre bleibt jedoch wahr und es mag sein, dass es, Gegnern gegenüber, die recht wohl sehen und hören können, aber nicht wollen, unmöglich ist, sich nicht von der Leidenschaft hinreissen zu lassen. Die von anderen Seiten dem Peter Schöffer auf Kosten Gutenbergs gewordene Bevorzugung hat möglicherweise van der Linde in seiner scharfen Kritik gegen Schöffer viel zu weit geführt.
Von den bereits noch vor Falkensteins Jubelschrift erschienenen Werken, die namentlich dazu beigetragen haben Gutenbergs Namen hoch zu halten und seine Erfinderehre den holländischen Ansprüchen gegenüber zu wahren, sind zu nennen:
C. A. Schaab.
J. Wetter.
„Die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann Gensfleisch genannt Gutenberg“, von C. A. Schaab. 3 Bde. (Mainz 1830-1831).
„Kritische Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann Gutenberg zu Mainz“, von J. Wetter. Mit einem Atlas (Mainz 1836).
J. G. I. Breitkopf.
J. G. I. Breitkopf, der mehr, als irgend jemand, die Befähigung hatte, eine Geschichte der Buchdruckerkunst zu schreiben, hat uns leider nur einzelne wenn auch wertvolle Bruchstücke hinterlassen.
G. W. Ottley.
S. Sotheby.
Im Gegensatz zu Weigel treten zwei englische Autoren Ottley und Sotheby entschieden für die holländischen Ansprüche in die Schranken und lassen Gutenberg wenig von seinem Ruhm. Interessant sind beide Werke durch die grosse Zahl von Nachbildungen. Der Titel von Ottleys Werk lautet:
„An inquiry concerning the Invention of printing by the late William Young Ottley, with an introduction by J. Ph. Berjeau. Illustrated with 37 plates and numerous wood engravings“ (London 1863). Herr Ottley findet es sehr natürlich, dass Fust dem Gutenberg den Stuhl vor die Thüre gesetzt, nachdem letzterer sich unfähig bewiesen hatte, seine Aufgabe zu lösen: „Er war ein schlauköpfiger Schwindler, geschickt genug, die Arbeit anderer zu benutzen, aber nicht befähigt eigene Ideen zu erzeugen und durchzuführen, ein Mann ohne mechanisches Geschick und ohne Erfindungsgabe“. So urteilt Ottley über Gutenberg.
Herr Samuel Sotheby ist zwar kein Verehrer von Gutenberg, lässt sich jedoch nicht auf eine so gehässige Polemik wie Ottley ein. Das Endergebnis seiner Untersuchungen ist, dass die Kunst mit beweglichen Typen zu drucken in den Niederlanden bereits 1454 geübt wurde. Das von seinem Sohne Samuel Ligh Sotheby herausgegebene Werk ist betitelt:
„Principia typographica. The block-books or xylographic delineations of Scripture history, issued in Holland, Flanders and Germany, during the XV Century. Exemplified and considered in connection with the origin of printing“ (London 1858).
J. W. Holtrop.
Hieran schliessen sich: J. W. Holtrop, „Monuments typographiques des Pays-Bas au XV Siècle“ (Haag 1851-1868).
W. A. Chatto.
J. Jackson.
Ein lehrreiches und verdienstliches Buch ist: „A treatise on wood engraving historical and practical by Jackson and W. A. Chatto. 2. Ed.“ (London 1861). Chatto lieferte den Text; J. Jackson gegen 300 vortreffliche xylographische Nachbildungen, wenn auch zum grossen Teil in verkleinertem Formate.
T. F. Dibdin.
Namentlich durch ihre vorzüglichen Abbildungen instruktiv sind die Werke Thomas Frognall Dibdins, des berühmten Bibliomanen und Bibliothekars des Lord Spencer auf Althorp. Sein Hauptwerk: „The bibliographical Decameron or ten days' pleasant discourse upon illuminated Manuscripts and Subjects connected with early Engraving, Typography and Bibliography“ (London 1817) strotzt von prachtvollen Stichen und Holzschnitten, die in vandalischer Weise zerstört wurden, um das Buch selten zu erhalten. Der Text ist schwatzhaft; die Noten, welche neun Zehnteile des grossen dreibändigen Werkes bilden, strömen von Gelehrsamkeit und Belesenheit über, sind aber schwer geniessbar.
H. N. Hum-
phreys.
Unter den populären Werken, welche Nachbildungen bringen, sind erwähnenswert: H. N. Humphreys' „The illuminated books of the middle age“ (London 1844) und desselben Verfassers: „History of the art of printing“ (London 1867), eine anspruchslose klare und fassliche Darstellung der Verbreitung der Kunst. Die 100, teils schwarzen, teils farbigen, Reproductionen haben zwar den Vorzug, dass sie meist in den Originalgrössen aufgenommen sind, die Photolithographie lässt jedoch an Klarheit zu wünschen übrig. Eine dritte Sammlung von Humphreys ist: „Masterpieces of the early printers and engravers“ (London 1869).
L. de Vinne.
In dem Verfasser des Werkes: „The invention of printing“ L. De Vinne. Mit vielen Abbildungen (New-York 1876) haben wir es nicht mit einem Gelehrten, jedoch mit einem tüchtigen Praktiker, zugleich durchgebildeten Manne zu thun. Sein Buch ist klar und verständlich geschrieben, namentlich sind seine technischen Exkurse sehr lehrreich und anziehend. Beigegeben ist eine grosse Zahl besonders gut ausgeführter, wenn auch in den meisten Fällen reduzierter Illustrationen. Herr de Vinne ist ein enthusiastischer Verteidiger Gutenbergs, demzufolge auch leicht geneigt, ein zu strenges Urteil über die Thätigkeit Schöffers zu fällen, dem, wie schon gesagt, v. d. Linde ganz beistimmt.
A. Bernard.
Von französischen Werken seien erwähnt: A. Bernards „De l'origine et des débuts de l'imprimerie en Europe“ (Paris 1853).
A. F. Didot.
Ein Werk, das in kleinem Umfang einen Schatz des Wissenswerten birgt, ist Ambroise Firmin Didots „Essai typographique et bibliographique sur l'histoire de la gravure sur bois“ (Paris 1853). Der berühmte Buchdrucker, Buchhändler, Gelehrte und Sammler (gestorben 1876) verband mit der grössten Vertrautheit der deutschen Verhältnisse eine vollkommene Unparteilichkeit.
J. P. A. Madden.
In neuester Zeit erregten in der typographischen Welt ein nicht gewöhnliches Aufsehen J. P. A. Maddens, „Lettres d'un Bibliographe“. 5 Bde. (Paris, 1868-1878). Zahlreiche Abhandlungen in Briefform, welche eine Menge von Fragen in Bezug auf die Erfindungs- und die Inkunabelnzeit behandeln, bilden den Inhalt. Ein Hauptzweck des Verfassers ist die Führung des Beweises, dass die Fratres vitæ communis in ihrem Kloster am Weidenbach bei Köln eine grosse Druckanstalt gehabt haben, aus welcher eine Anzahl der ältesten bedeutenden Typographen als Ulrich Zell, Nik. Jenson, Collard Mansion, Will. Caxton, Mentelin u. a. hervorgegangen sind. Von seiner seltenen Kombinationsgabe und seinem ungemeinen Scharfsinne sowohl im Aufstellen der eigenen Wahrscheinlichkeitsbeweise als im Entdecken der Trugschlüsse anderer legt zwar fast jede Seite Zeugnis ab, doch wird es nicht leicht sein, alles zu unterschreiben, was Madden behauptet, und solange er nicht Thatsachen bringen kann, bleibt der Wert seiner Briefe für die Geschichte mehr negativer Art, indem sie zur Vorsicht in der Annahme manches bis jetzt als thatsächlich Anerkannten mahnen.
Die Schriften, welche die Geschichte einzelner Perioden, Länder, Städte oder Persönlichkeiten berühren, sind an den betreffenden Stellen des Textes, soweit es der Plan des Buches notwendig oder wünschenswert erscheinen liess, angeführt.
I. KAPITEL. [[←]]
ZUR VORGESCHICHTE DER BUCHDRUCKERKUNST.
Älteste Spuren der Vervielfältigung. Die Manuskripte. Der Metall- und Holzschnitt. Die Kunstschulen. Die xylographischen Werke. Die Vorbedingungen für die Erfindung der Buchdruckerkunst.
Vorbedingungen
der Erfindung.
IST es auch bei jeder Erfindung, bei welcher ja der Zufall und der Blitz des Geistes eine so wesentliche Rolle spielen, eine schwer zu beantwortende Frage, warum sie gerade zu „der“ Zeit oder bei „dem“ Volke entstanden, so lässt sich andererseits doch nicht leugnen, dass jede Erfindung in der Zeit wurzeln und im Zusammenhange mit dem Geiste der Zeit stehen muss, wenn sie nicht ein Embryo bleiben soll. Ein Denker, der seiner Zeit vorauseilt, empfängt vielleicht die Idee; ist jedoch das Zeitalter für sie nicht reif, so bleibt sie in dem Kopfe des Empfangenden ruhen, oder letzterer wird, wenn er sie ausspricht, als ein Phantast oder gar als ein Wahnsinniger betrachtet, bis er in dem vergeblichen Kampf gegen den Unverstand wohl gar schliesslich ein solcher wird.
Es kann auch keineswegs als eine blosse Zufälligkeit betrachtet werden, dass die Kunst mit beweglichen Typen zu drucken von den Alten trotz der hohen Kulturstufe, auf welcher sie standen, nicht erfunden wurde, obwohl ihre Kinder durch Schablonen schreiben lernten und mit geschnittenen, zu Worten zusammenzureihenden Buchstaben spielten. Eben so wenig kann man es jedoch als ein Spiel des Zufalls betrachten, dass die Erfindung der Buchdruckerkunst in das fünfzehnte Jahrhundert, das Jahrhundert des Wiedererwachens der Poesie, der Wissenschaft und des Kampfes für die kirchlich-religiöse Freiheit, fiel. Die Zeit brauchte die Waffe für den grossen geistigen Kampf und der Geist der Zeit schaffte sie, als die Reife einmal gekommen war.
In dem Gesagten liegt schon, dass wir es hier nicht mit einer urplötzlich aus dem Kopfe des Erfinders entsprungenen, bereits vollständig gewaffneten Erscheinung zu thun haben. Viel eher passt der einfache Vergleich mit einem, schon in den ältesten Zeiten gelegten Samenkorn, das, sich selbst überlassen, zwar gekeimt und Blätter getrieben hatte, aber erst unter der aufmerksamen Pflege des verständigen Gärtners die schönsten Blüten spendete.
Versuchen wir es in dem Folgenden in Kürze die Spuren des Entstehens und des Wachstums der Pflanze zu verfolgen.
Aelteste Spuren.
In Stein gehauen, in Erz gegraben, in Thon eingedrückt oder in Wachstafeln geritzt, sind von den Völkern des Altertums die ersten Dokumente auf uns gekommen: Regententafeln, Gesetze und Nachrichten über denkwürdige Ereignisse oder bedeutende Persönlichkeiten. Als die Kultur stieg, schrieb man auf Papyrusblätter oder auf Pergamentrollen und ganze Werke wurden auf diese Weise der Nachwelt erhalten. Die Autoren hielten sich ihre Schreiber, die entweder Sklaven oder Freigelassene waren. Es bildete sich die Klasse der Abschreiber und wir finden sowohl bei den Griechen wie bei den Römern Buchhändler, welche die Bücher-Rollen (volumina) in grösserer Zahl entweder zum Verleihen oder zum Verkaufen abschreiben liessen und reich assortierte Bücher-Lager hielten. Selbst Spuren des Farbendrucks, sowie der Vervielfältigung der Illustrationen durch Schablonendruck, trifft man an.
„Es brennt“, heisst es im Kinderspiel, wenn Einer nahe daran ist, den versteckten Gegenstand zu finden. Und so konnte man auch hier sagen „es brannte“, denn man war der Kunst der mechanischen Vervielfältigung durch Typen und Druck nahe; doch gefunden ward sie nicht, denn die Zeit drängte nicht auf die Erfindung hin. Die wohlfeile Arbeitskraft der Abschreiber und die gute Organisation ihrer Arbeit genügten vollkommen für billige und rasche Herstellung der Werke. Das freie öffentliche Leben bei den Kulturvölkern des Altertums, der heitere südliche Himmel, das leichte, fröhliche Dasein waren ohnehin nicht geeignet, Stubengelehrsamkeit zu nähren. Man hörte die Dichterwerke öffentlich vorlesen, sah in den, Allen zugänglichen Theatern den Schauspielen oder den Wettkämpfen zu, lauschte den Rednern des Forums. Alle Staatsakte geschahen öffentlich; das ganze politische und geistige Leben gipfelte in der Hauptstadt; man hatte genügende Gelegenheit öffentlich die Ansichten auszutauschen; es fehlte das Bedürfnis, im stillen Kämmerlein, von Büchern umgeben, über das Erlebte nachzugrübeln und sich gelehrten Forschungen hinzugeben[1].
Die Klöster und
die Manuskripte.
Es folgte die Völkerwanderung und damit die Zertrümmerung des frischen geistigen Lebens. Alle Völker Europas versanken in Barbarei. Die Überreste der Gelehrsamkeit und des Studiums fanden sich nur in den Klöstern vor. Hier entstand nach und nach das Bedürfnis, die liturgischen Bücher und die Lehrmittel zu vervielfältigen. Die Mönche hatten in ihrem beschaulichen Leben Zeit nicht allein zu einem Abschreiben in einfacher Weise, sondern auch, dies zu einer Kunst auszubilden. In roter Farbe ausgeführte Zierrate waren schon bei den Römern gebräuchlich, die sich des Miniums bedienten, um die Überschriften der Bücher oder Kapitel ins Auge fallend zu machen. Das Verfahren verpflanzte sich nach Griechenland und dem Orient, uns ist daraus noch die Bezeichnung „Rubrik“ geblieben. Später wurden die Anfangsbuchstaben der Abschnitte und Paragraphen durch Hinzufügung von roten Strichen bemerkbarer gemacht, oder man malte die Buchstaben ganz rot aus. Im Griechischen Reiche wurde die rote Farbe ganz besonders in Ehren gehalten und zu den heiligen Schriften sogar rotes Pergament verwendet mit Buchstaben in Silber oder Gold. Auch bei den Gothen ward diese Ausschmückungskunst geübt, wie der berühmte Codex argenteus, die Übersetzung des Neuen Testaments von dem Bischof Ulfilas, beweist, der einen Schatz der Universitätsbibliothek zu Upsala in Schweden bildet. Die fränkischen Könige nahmen bald die Pracht der Handschriften an, die in Deutschland durch Karl den Grossen bekannt wurde[2].
Die Illumination.
Die Mönche gingen in der kunstreichen Abschrift und Ausschmückung der Bücher immer weiter. Es fand eine förmliche Teilung der Arbeit nach den verschiedenen Fähigkeiten statt. Einige schrieben, andere verglichen, korrigierten und rubrizierten. Kunstfertige Brüder (rubricatores, illuminatores, miniatores) malten Anfangsbuchstaben, Randverzierungen und bildliche Darstellungen und oft entstanden auf Pergament geschriebene wahre Prachtwerke mit herrlichen Miniaturen in kostbare Deckel von Sammet oder sogar von edlem Metall, mit Edelsteinen besetzt, gebunden, die mit goldenen Spangen geschlossen wurden. Solche Werke hatten natürlich einen sehr hohen Preis und wurden mitunter mit einem Rittergut aufgewogen, konnten also selbstverständlich nur von Fürsten und reichen Leuten angeschafft werden.
Zu dieser Pracht der Ausstattung passte schlecht die im vii. Jahrhundert aufgekommene Sitte, eine Menge von Wörtern so zu abbrevieren, dass schliesslich eine besondere Gelehrsamkeit dazu gehörte, ein Manuskript zu entziffern. Diese Unsitte wurzelte nicht bloss in dem Wunsch, das teure Pergament zu sparen, sondern wohl auch in der römischen Geschwindschrift (den tironianischen Noten), welche schon zu Ciceros Zeiten gebräuchlich waren.
Der Manuskrip-
tenhandel.
Als gegen das Ende des elften Jahrhunderts ein, namentlich durch die Benediktinermönche genährtes, regeres geistiges Leben begann, als die Menschheit durch die Kreuzzüge in eine, bis dahin ungeahnte Bewegung geraten war, als der Geschmack für die Klassiker sich wieder zu zeigen begann und die Nachfrage nach abgeschriebenen Büchern grösser ward, da fingen auch Laien an Bücher abzuschreiben und den Bücherhandel zu treiben. Förmliche Korporationen bildeten sich (stationarii, librarii). In Italien und Frankreich beschränkten sich die Handschriftenhändler auf einige Universitätsstädte; sie waren, wie später auch die Buchdrucker, in Paris Beamte der Universität, und standen, was Ein- und Verkauf betraf, unter Aufsicht der letzteren. Ohne Vorwissen des Rektors durften sie einem Studenten nichts abkaufen, mussten schwören, reell zu sein und dem Käufer nur den 40. Pfennig als Gewinn abzunehmen. Unter den deutschen Städten fand nur in Wien eine ähnliche Kontrolle statt, die, wenn sie auch in Einzelnheiten ihr Gutes gehabt haben mag, doch im allgemeinen nachteilig wirkte. Die Produktion der Manuskripte und der Handel mit denselben entwickelten sich deshalb auch in Deutschland viel freier, manchmal selbst an Orten, wo keine innere Veranlassung vorlag, so in dem Städtchen Hagenau (um 1430). Die Manuskriptenhändler, die noch lange nach der Erfindung der Buchdruckerkunst fortbestanden, besuchten die Jahrmärkte und Messen und selbst in Frankfurt blühte nach der Erfindung der Buchdruckerkunst der Manuskriptenhandel neben dem Buchhandel. Auch die Lehrer verkauften an die Schüler die denselben notwendigen Bücher.
Bilderschrift.
Die Abschriften und das Material für diese war aber immer noch teuer und nur die Auserwählten konnten lesen. Man nahm also, um auf das grössere Publikum zu wirken, seine Zuflucht zu der, Allen verständlichen, in Metall- oder Holzschnitt ausgeführten „Bilderschrift“. Um Heiligen- und andere Bilder herzustellen, entstanden die Zünfte der Briefmaler und Illuministen. Brief (Breve sc. scriptum) wurde jedes einseitig gedruckte einzelne Blatt genannt, es mochte nun eine Spielkarte, ein Heiligenbild, ein Ablassbrief, eine Anordnung o. dgl. sein.
Als bekannt darf das Wesen des Holzschnittes, wodurch dieser sich von dem Kupferstich unterscheidet und der Schrifttype gleichkommt, angenommen werden, nämlich darin bestehend, dass im Holzschnitt das auf den Holzstock gezeichnete Bild stehen gelassen wird, während alle nicht gezeichneten Stellen weggeschnitten werden, so dass schliesslich die Zeichnung erhaben auf dem Holzstock zurückbleibt, während im Kupferstich umgekehrt die Zeichnung graviert oder geätzt wird, also in der Tiefe liegt. Das Material für den Holzschnitt war zu der Zeit, von welcher hier die Rede ist, Linden-, Birn- oder Buchenholz, das in Längenschnitten mit dem Messer bearbeitet wurde, während man jetzt beinahe ausschliesslich nur Buchsbaum in Querschnitten verbraucht und mit dem Stichel behandelt.
Metallschnitt.
Früher war man gewohnt, alle erhaben geschnittenen Formen als Holzschnitte zu bezeichnen. Durch aufmerksame Prüfung kam man jedoch zu der Erkenntnis, dass ein Teil der vorhandenen Abdrücke von Metallplatten herrühren, und dass der Metallschnitt dem Holzschnitt vorangegangen sei. Die Möglichkeit des Unterscheidens liegt namentlich in der Farbe der vorhandenen Drucke, indem die Metallschnitte etwas grauer, griesslicher und weniger gesättigt erscheinen, als die Holzschnitt-Drucke. Öfters kann man auch in den Umfassungslinien Verbiegungen wahrnehmen, die in einer Holzplatte nicht möglich gewesen sein würden; man hat auch heute noch erhaltene Metallstiche vorgefunden.
Der Zeugdruck.
Wir nähern uns hiermit schon der Buchdruckerkunst. Die erste ausgedehnte Anwendung eines Druckverfahrens ist der farbige Zeugdruck, der in Europa mutmasslich zuerst in Italien geübt wurde. Ohne uns in ältere Zeiten zu verlieren steht es fest, dass schon im xii. Jahrhundert Seiden- und Leinenstoffe durch Formendruck verziert wurden. Eine allgemeinere Verwendung fand der Zeugdruck im xiii. Jahrhundert und erscheint oft auf den Futterstoffen der reicheren liturgischen Ornate. Gegen den Schluss des xiii., namentlich aber zu Beginn des xiv. Jahrh., wurde auch Leder bedruckt und als Tapete verwendet, selbst auf Bucheinbänden findet man farbige Muster auf dünnes Schafsleder gepresst. Die verzierten Tapeten zeigen nicht nur biblische Scenen sondern auch Gegenstände aus dem Sagenkreise; unter die vorzüglichsten gehören die zu Sitten in der Schweiz. Die beim Zeugdruck vorkommenden Farben beschränken sich zuerst hauptsächlich auf Schwarz und Rot, die Goldverzierungen sind durch Bestäuben erzielt. Auf grösseren Gemälden kommt an den Gewändern der Figuren eine besondere Art von Farbendruck vor, indem die Stellen mit einer kreide- oder gipsartigen Masse überzogen und dann mittels Formen mit Mustern bedruckt wurden (Teigdrucke). Auch nach der Erfindung der Buchdruckerkunst wurde der Zeugdruck mit Holz- oder Metallformen fortgesetzt, der in neuerer Zeit in grossartiger Weise als Kattundruck ausgebildet wurde.
Aelteste Bilder-
drucke.
Die ältesten uns bekannten bildlichen Darstellungen in Metallschnitt reichen nach den gründlichsten Untersuchungen bis gegen Ende des xii. Jahrhunderts zurück, Holzschnitte bis gegen Ende des xiv. Einer der ältesten Metallschnitte ist das, früher in der T. O. Weigelschen Sammlung in Leipzig, jetzt in dem Germanischen Museum in Nürnberg befindliche Blatt „Christus am Kreuze“. Unzweifelhaft beglaubigt ist der Holzschnitt „Der heilige Christoph“ aus dem Jahre 1423. Die Erhaltung dieser, wie mancher anderen alten Drucke ist der Sitte zu verdanken, die Deckel der Büchereinbände durch Aufeinanderkleben solcher auszufüttern oder zu bekleben. Freilich haben wir durch diese Sitte andererseits den Verlust zahlreicher Blätter zu beklagen.
Die bildlichen Darstellungen hatten hauptsächlich religiöse Vorwürfe und das Bedürfnis zeigte sich namentlich in den Zeiten bedeutender religiöser Aufregung, wie zu Ende des xiv. und zum Beginn des xvi. Jahrhunderts. Um die Andacht beim Gebet zu erhöhen, wurden die Angerufenen durch Bilder versinnlicht. So entstanden die zahlreichen Darstellungen der heiligen Jungfrau, der Kreuzigung, der Himmelfahrt, der gesamten Passion, der Heiligen, des Weltgerichts. Gesteigert wurde der Verbrauch durch die religiösen Brüderschaften und die Wallfahrten. Es folgten die zusammenhängenden Bildwerke, die zumteil schon im frühen Mittelalter gezeichnet vorhanden waren, und im xv. Jahrhundert xylographisch und typographisch vervielfältigt wurden. Die Hauptsache ward im Bilde dargestellt und die notwendige Erklärung und die Nutzanwendung in Schrift beigegeben.
Daneben machte jedoch auch das profane Leben seine Forderungen geltend und wurde durch eine Menge, teilweise sittenloser Darstellungen befriedigt. Johann Gerson in Paris, zu Anfang des xv. Jahrhunderts, drang — wie später Luther — auf eine sittliche Umkehr und auf Beseitigung schlechter und sittenverderbender Bücher und Bilder, die sogar in den Kirchen zu Paris an hohen Festtagen verkauft wurden. Es ist jedoch von solchen Erscheinungen nichts auf uns gekommen. Das öffentliche Schamgefühl scheint das Vernichtungswerk gründlich betrieben zu haben. Von profanen Büchern mit achtbaren Zwecken sind einige erhalten worden, z. B. das „moral play“, die „zehn Lebensalter“, das „Glücksrad“.
Die Spielkarten.
Neben den Heiligenbildern, ja vielleicht noch vor diesen, war das Buch des Teufels, die Spielkarten, ein sehr gesuchter Artikel, der stark abgenutzt wurde. Schon um das Jahr 1300 wurden die Karten in Italien bekannt, kamen aber wahrscheinlich erst in dem letzten Viertel des xiv. Jahrh. nach Deutschland. Um der grossen Nachfrage zu genügen, benutzte man ein Druckverfahren, durch welches die Figuren (darunter auch Heilige) nach den Farben in Metallblätter ausgeschnitten und die Farben schablonenmässig auf das Papier getragen wurden. Später schnitt man die Umrisse in Holz, druckte diese und malte den inneren Raum aus[3].
Feststellung der
Schnitte.
Die Entscheidung über das Alter eines Metall- oder Holzschnittes ist eine schwierige Aufgabe. Kolorit, Technik, Papier, Kleidung der Figuren, die Art das Haar zu tragen, Bewaffnung u. s. w. müssen in Betracht gezogen werden, um den Ort und die Zeit der Entstehung festzustellen. Später kommt der Vergleich mit den wenigen datierten Drucken hinzu. Auch die Mundart der, von den Figuren ausgehenden Sprüche und die Form der, zu diesen benutzten Schrift gewähren Anhaltepunkte, letztere jedoch insofern weniger, als die Mönchsschrift sich ziemlich unverändert das xv. Jahrh. hindurch erhielt. Nach den erwähnten Merkmalen lassen sich die graphischen Kunsterzeugnisse vor Gutenberg in gewisse Schulen einordnen: die Schwäbische (Ulm, Augsburg); die Fränkische (Nürnberg, Nördlingen); die Bayerische (Freising, Tegernsee, Kaisersheim, Mondsee); die Niederrheinische (Köln, Burgund). Von diesen Schulen lieferten die beiden letzteren die besten Zeichnungen; die letzte ausserdem auch noch die besten Schnitte.
Fortschritte in
der Kunst.
Beim Fortschreiten der Kunst bekommen die Zeichnungen Andeutungen von Schattierung. Auf die einfachen Unterschriften der Bilder folgen ganze Sprüche, gewöhnlich Bibelstellen und Verse; oft in der Form von Devisen aus dem Munde einer Figur hervorgehend. Aus den Sprüchen werden schliesslich ganze Textseiten, die dem Bilde gegenüberstehen. Das Bedürfnis der weltlichen Belehrung führt schliesslich zu einem Buch ohne Bilder, dem Donatus. Aus den Briefmalern werden Briefdrucker (am Rhein printers genannt) und Formenschneider, welche Massen produzieren, von denen leider sehr vieles in der Zeit des dreissigjährigen Krieges vernichtet, einiges aber doch erhalten wurde[4].
Kunst-Zünfte.
Die Zünfte der Genannten standen oft in grossem Ansehen. Als die bedeutendsten sind zu nennen: die in Augsburg (1418), Nürnberg, Frankfurt a. M., Mainz, Köln, Lübeck. In Ulm sind um das Jahr 1410 schon Kartenmacher und Kartenmaler, Formenschneider jedoch erst 1441. In Brügge bestand 1454 eine Brüderschaft St. Johannis des Evangelisten, zu welcher Schreiber, Schulmeister, Buchhändler, Buchbinder, Bildermacher, Bildschnitzer, Illuminatoren, Holzdrucker, Formenschneider und Briefdrucker gehörten und die noch lange nach Erfindung der Buchdruckerkunst blühte. In Italien und Frankreich kannte man solche Vereinigungen erst im xvi. Jahrhundert; sie hiessen im letztern Lande: tailleurs et imprimeurs d'histoires et figures.
Reiberdrucke.
Noch druckte man nicht auf einer Presse, sondern das Papier wurde auf die Druckform, welche mit leichter Erdfarbe, später mit einer aus Lampenruss und Firnis gemischten Schwärze eingerieben war, gelegt. Mit einem harten Lederballen, der mit Pferde- oder Kalbshaaren gestopft war, strich man über die Rückseite des Papiers hin und her, ähnlich wie die Holzschneider mittels des Falzbeines ihre Probeabdrücke machen und wie die Chinesen noch heutigentages ihre Bücher drucken. Da der Reiber einen sehr starken Eindruck in dem Papier hinterliess, so konnte man nicht auf die Rückseite desselben nochmals drucken, sondern diese sogenannten Reiberdrucke sind nur einseitige (anopistographische). Um ein Blatt mit bedruckter Vorder- und Rückseite zu bilden, musste das Blatt umgebogen und an den beiden Rändern zusammengeklebt oder geheftet werden, wie es heut zu Tage noch bei den chinesischen Büchern der Fall ist.
Selbst nach Erfindung der beweglichen Typen hört der Tafeldruck nicht ganz auf, namentlich für Sachen, wozu kleinere Typen erforderlich, deren Guss noch zu schwierig war. In dieser Weise vertraten die Holzplatten zumteil die späteren Stereotypplatten. Man konnte die ersteren, deren Material so gut wie nichts kostete, bequem aufbewahren, um nach Bedürfnis Abdrücke zu machen, und hatte nicht nötig, den Aufwand an Papier für längere Zeit im voraus zu bestreiten. Nach Erfindung der Buchdruckerpresse konnte man selbstverständlich beide Seiten des Papiers bedrucken.
Die xylographi-
schen Werke.
Von den Tafeldrucken in Buchform, speziell Xylographische Werke genannt, sind etwa 30 auf unsere Zeit gekommen, von denen die umfangreichsten gegen 50 Blatt umfassen. Sie sind teils nur Bilder ohne Text, teils Bilder mit Text, schliesslich Text ohne Bilder. Von einigen sind die Federzeichnungen, welche der Anfertigung der Holzschnitte vorausgingen, erhalten, andere sind später typographisch ausgeführt, andere wieder xylographisch auf der Buchdruckerpresse gedruckt. Der grösste Teil ist religiösen Inhalts, der künstlerische Wert gewöhnlich unbedeutend. Wir nennen die hauptsächlichsten:
Ars moriendi. Eine Anleitung, selig zu sterben, in einer kompendiösen und in einer ausführlichen Darstellung (speculum artis bene moriendi). Das Buch schildert die Versuchungen des Menschen durch den Teufel, dem der Schutzengel entgegentritt. Der Stoff war ein sehr beliebter und das Buch wurde in allen germanischen und romanischen Sprachen bearbeitet. Der Verfasser ist nicht bekannt. Ein, früher im Besitz von T. O. Weigel in Leipzig befindliches, jetzt dem British Museum einverleibtes xylographisches Exemplar der ars moriendi gilt als die erste, zugleich die vollendetste Ausgabe. Sie besteht aus 12 Bogen kl. fol., in bräunlicher Farbe gedruckt. Die Schrift ist die Mönchsschrift. Die Konzeption und die Ausführung übertrifft in dem geistigen Ausdruck der Figuren und in kunstgerechter Handhabung des Messers alles, was von Kunstblättern des xv. Jahrh. bekannt ist. Allen Anzeichen nach stammt das Werk aus Köln, wo es auch aufgefunden wurde[5].
Die xylographi-
schen Werke.
Historia St. Johanni eiusque visiones apocalypticae oder „das Buch der haymlichē Offenbarungē Sant Johans“ war schon frühzeitig der Gegenstand bildlicher Darstellung. Es giebt drei Ausgaben mit 50, drei mit 48 Vorstellungen.
Ars memorandi: Die Kunst, die Erzählungen der vier Evangelisten in Erinnerung zu behalten. Ein ebenfalls beliebtes, öfters aufgelegtes Werk in 15 rohen, mit blasser Farbe gedruckten Holztafeln, und 15 Blättern mit Text.
Biblia Pauperum, „Die Armenbibel“, ist eine Reihe neutestamentlicher Darstellungen von der Geburt der heiligen Jungfrau an bis zum jüngsten Gericht, unter beständiger Hinweisung auf das Alte Testament. Das Buch ist wahrscheinlich niederrheinischen Ursprungs. Die Benennung erklären Einige, als sei das Buch für die geringeren Ordensgeistlichen, die sich Pauperes Christi nannten, bestimmt, Andere nehmen an, es solle damit gesagt sein, sie sei eine Bibel für die an Gütern oder am Geiste Armen.
Speculum humanæ salvationis (holländ.: Spieghel der menscheliker Behoudnisse): „Der Heilsspiegel“, ist ebenfalls eine Reihe neutestamentlicher Darstellungen. Von den vielen Ausgaben dieses beliebten Buches ist nur eine mit in den Tafeln geschnittenem Text, die übrigen sind typographisch ausgeführt. Das Buch ist niederrheinischen Ursprungs und die Holländer erklären dieses späte Produkt für ein von Koster mit beweglichen Typen gedrucktes Werk.
„Der Entkrist“, die Legende von dem falschen Messias. 26 Bl. in kl. fol.
„Die Legende des heiligen Meinrad“, 48 xylogr. Blätter in 8°.
Von den xylographischen Werken weltlichen Inhalts sind folgende besonders erwähnenswert:
„Die Kunst Ciromantia Dr. Joh. Hartliebs“, Leibarzt des Herzogs Albrecht des Frommen zu Bayern, 24 auf beiden Seiten bedruckte Blätter.
„Der Kalender des Magisters Johannes de Gamundia“, die älteste bekannte Ephemeride (gedruckt um d. J. 1470). Das Werk bestand nicht bloss aus der uns allein erhaltenen Tafel, sondern hatte 11 Foliobogen Text.
„Der deutsche Kalender von Magister Johann von Kunsperk“ (Regiomontanus) um d. J. 1473. Von diesem Werke hat man Exemplare, welche nach dem Druck abgeschrieben sind, ein Beweis, dass die gedruckten Bücher damals noch teuer waren und dass man in den Klöstern immer noch Zeit übrig hatte.
Von den Lehrbüchern war namentlich der Donatus sehr verbreitet. Der Verfasser Älius Donatus, welcher um 335 n. Chr. in Rom lehrte, hat mehrere kleine grammatische Schriften hinterlassen, aus welchen man einen Auszug in Katechismusform: Donatus minor bildete, der bis tief in das xviii. Jahrhundert noch im Gebrauch war.
Ebnung des
Bodens für
Gutenberg.
Um die Mitte des xv. Jahrh. hebt sich der Sinn für die klassische Litteratur in merklicher Weise. In Italien erblüht ein frisches Geistesleben, durch Dante, Boccaccio und Petrarca geweckt. Die fürstlichen Häuser der Medici, Visconti und Este suchen ihre Ehre in der Beschützung und Pflege der Dichtkunst und der Wissenschaften. Im Norden bilden der Hof von Burgund und die niederländischen Städte Pflanzschulen der Kultur. In Deutschland geht das Lehns- und Ritterwesen zuende und der Bürgerstand erhebt sich mächtig. Die Fragen der Kirche sind auf die Tagesordnung gesetzt: Wiclef und Huss haben der Reformation vorgearbeitet.
Streitigkeiten an der Prager Universität veranlassen die Auswanderung von Lehrern und Schülern, welche die Gründung der Hochschulen zu Wien, Heidelberg, Köln, Erfurt, Würzburg und Leipzig zur Folge haben. Die Zeit war für die Entdeckung der Buchdruckerkunst gereift und die neue Welt des Geistes sollte noch eher, als die neue Welt jenseit des Meeres, ihren Columbus finden. Dieser war: Johannes Gutenberg.
[1] J. A. Arnett, An inquiry etc. of the books of the ancients. London 1837. — J. A. Bräutigam, Ein Blick in das Bücherwesen des Alterthums. Leipzig 1867. — J. O. Le Clerc, Des journaux chez les Romains. Paris 1838. — J. A. Bräutigam, Zur Gesch. d. Zeitungswesens bei den Römern. Leipzig 1868. — W. Schmitz, Schriftsteller und Buchhändler in Athen. Heidelberg 1876. — E. Caillemer, La propriété littéraire à Athènes. Paris 1868.
[2] Th. Astle, The origin and progress of writing, illustr. London 1784. — J. G. I. Breitkopf, Beiträge zu einer Geschichte der Schreibkunst. Leipzig 1801. — U. J. Kopp, Bilder und Schriften der Vorzeit. Mannheim 1819. — Die Buchschriften des Mittelalters. Wien 1852. — H. N. Humphreys, The origin and progress of writing. 2. Ed. London 1855. — Digby Wyatt, The art of illuminating. London 1860. — K. Wattenbach, Das Schriftenwesen des Mittelalters. 2. Aufl. Leipzig 1875. — H. Shaw, Illuminated Ornaments selected from manuscripts of the middle ages. London 1833. — K. Faulmann, Illustr. Geschichte der Schrift. Wien 1880.
[3] J. G. I. Breitkopf, Versuch den Ursprung der Spielkarten zu erforschen. Leipzig 1801. — W. S. Singer, Researches into the history of playing cards. London. — W. A. Chatto, History of playing cards. London 1865. — P. Lacroix, Origine des cartes à jouer. Paris 1837. — N. H. Willshire, Descriptive Catalogue of playing cards in the British Museum, mit Illustr. 1877. — J. Duchesne l'ainé, Jeux de Cartes etc. du XIV au XVIII Siècle. Paris 1844.
[4] C. F. v. Rumohr, Zur Geschichte der Formschnitte. 1837. — J. D. F. Sotzmann, Älteste Gesch. der Xylographie. Leipzig 1837 (Raumers Taschenbuch). J. M. Garnier, Histoire de l'imagerie populaire et des Cartes à jouer à Chartres. Chartres 1869.
[5] Das Buch erschien in einer vortrefflichen photographischen Nachbildung 1869. Das Original erzielte in der am 27.-29. Mai 1872 abgehaltenen Versteigerung der Weigelschen Sammlung die Summe von 21450 Mark. Der Seite 17 erwähnte Metallschnitt „Christus am Kreuze“ wurde mit 3375 Mark bezahlt.
II. KAPITEL. [[←]]
DIE ERFINDUNG.
Johannes Gutenberg. Herkunft. Aufenthalt in Strassburg. Gutenberg in Mainz. Verbindung mit Johann Fust. Peter Schöffer. Gutenbergs Unglück. Sein Tod. Sein Andenken.
JOHANNES GENSFLEISCH ZU GUTENBERG, geboren in Mainz um das Jahr 1397, gehörte einer dortigen angesehenen Patrizierfamilie an. Sein Vater, Frielo Gensfleisch, heiratete Else, letzte Sprosse des Patriziergeschlechtes „zum Gutenberg“. Dieser Ehe entstammten zwei Söhne Frielo und Henne (Johannes).
Herkunft und
Jugend Guten-
bergs.
Von den Jugendjahren und dem Bildungsgang des Johannes ist nichts bekannt. In die Streitigkeiten zwischen dem Adel und den Bürgern von Mainz verwickelt, wanderte die Familie Gensfleisch 1421 von Mainz aus und zog wahrscheinlich zuerst nach Eltville im Rheingau, wo sie Güter besass. Hier wohnte 1434 noch der älteste Sohn Frielo. Aus einer Urkunde, welche Johannes Gutenberg (bei diesem seinen Weltnamen werden wir ihn künftig nennen) im Jahre 1434 in Strassburg ausstellte, erfährt man erst mit Bestimmtheit, dass er dort sein Domizil aufgeschlagen hatte. Er wohnte im Kloster Arbogast an der Ill, eine Viertelstunde vor dem Weissturmthore, an der, jetzt Grüneberg genannten Stelle. In der erwähnten Urkunde erklärt Gutenberg, dass er, dem Strassburger Magistrat zuliebe, den Mainzer Stadtschreiber Nikolaus, den er hatte festnehmen lassen, um die Zahlung einer Rente von dem Mainzer Rate zu erzwingen, welche dieser beanstandete, weil Gutenberg nicht nach Mainz zurückgekehrt war, loslassen wolle. Gleichzeitig verzichtet Gutenberg auf jede Forderung an die Stadt Mainz.
Gutenbergs
Associationen.
Als industrielles Talent zeigt sich Gutenberg erst um das Jahr 1435 („etliche Jahre vor 1439“). Zu der erwähnten Zeit sucht Andreas Dritzehn ihn auf, mit dem Begehren, Gutenberg möge ihn in einige von den Künsten einweihen, mit welchen er sich abgebe. Gutenberg ging hierauf ein und schloss einen Vertrag in Betreff des „Steinepolierens“ mit Dritzehn ab. Im Jahre 1437 traf Gutenberg ein weiteres Abkommen mit Hans Riffe, Voigt zu Lichtenau, bezüglich des „Spiegelmachens“, einer Kunst, die man anlässlich der 1439 bevorstehenden Wallfahrt nach Aachen mit Vorteil auszubeuten hoffte. Gutenberg sollte zwei Anteile von dem Ertrag haben, Riffe einen. Als Dritzehn hiervon Kenntnis erhielt, drang er darauf, auch in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden und Gutenberg gab ihm schliesslich den einen seiner zwei Anteile. Später erlangte Anthonin Heilmann, ein geistlicher Herr, noch für seinen Bruder Andreas Heilmann, der wie Dritzehn zur Kürschnerzunft gehörte, eine Teilnahme. Man einigte sich schliesslich dahin, dass er die Hälfte von Dritzehns Drittel bekam. Jeder Teilnehmer musste an Gutenberg 80 Gulden zahlen.
Als die Aachener Wallfahrt auf das Jahr 1440 verschoben wurde, entschlossen sich die Teilnehmer, den Vertrag zu prolongieren und auf andere Zweige zu erweitern. Andr. Dritzehn und Andr. Heilmann sollten je 125 Gulden einzahlen. Nach einigen Schwierigkeiten wurde der Vertrag im Sommer 1438 auf fünf Jahre abgeschlossen. Starb in dieser Zeit einer der Beteiligten, so sollten dessen Erben nach Ablauf des Vertrags mit 100 Gulden abgefunden werden. Das Verhältnis unter den Teilnehmern blieb ein freundliches. Das Geschäft war namentlich Spiegelmachen, eine Kunst, die damals Bedeutung hatte. Besonderes Gewicht wurde bei dieser Fabrikation auf die gepressten Metallrahmen gelegt. Dass die Compagnons sich mit Metallarbeiten beschäftigten, geht deutlich aus ihren Ankäufen hervor.
Dritzehns Tod.
Weihnachten 1438 erkrankte Dritzehn in gefährlicher Weise und starb an einem der Weihnachtsfeiertage. Andr. Heilmann, dem daran liegen musste, dem Gerede Neugieriger vorzubeugen, ersuchte den Tischler Saspach, der für die Gesellschaft eine Presse gefertigt hatte, diese auseinanderzunehmen, „dann wisse niemand, was die Stücke zu bedeuten hätten“. Saspach ging auch am 26. Dez. hin, aber „das Ding“ war fort. Auch Gutenberg hatte seinen Diener Lorenz Beildeck mit einem ähnlichen Auftrage gesandt. Vergebens; die Presse war fort. Wozu sollte sie aber gedient haben? Es konnte eine Druckerpresse gewesen sein, aber ebenso wohl eine Art von Prägepresse für die Verzierungen der Spiegelrahmen. Andere haben die Vermutung ausgesprochen, es handle sich um ein Giessinstrument, einen Apparat, der wirklich neu und für die Ausbeutung der Erfindung der Buchdruckerkunst, falls es sich doch um diese gehandelt haben sollte, weit massgebender war als eine Presse. Was ein auseinandergenommenes Giessinstrument bedeuten könne, sollte allerdings dem Uneingeweihten zu erraten schwer geworden sein.
Ende der Asso-
ciation.
Gegen die klaren Bestimmungen des Vertrags forderten die Brüder des verstorbenen Dritzehn, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Gutenberg, der diesen Antrag verwarf, ward nunmehr von den Dritzehns bei dem grossen Rate zu Strassburg verklagt, jedoch nach Abhören von vielen Zeugen freigesprochen. Das Urteil vom 12. Dezbr. 1439 lautete: Die Erben Dritzehns hätten sich bei der festgesetzten Entschädigung von 100 Gulden zu beruhigen, von welchen 85 Gulden, welche Dritzehn noch an Gutenberg angeblich schuldete, abgezogen werden sollten, vorausgesetzt, dass letzterer die Richtigkeit der Angabe beschwören würde. Den Eid leistete Gutenberg.
Wüssten wir auch nicht aus diesem Rechtsstreit, dass Gutenberg bis zum Sommer 1443 in Strassburg gebunden gewesen, so könnten wir aus dem Steuerregister, in welchem er in den Jahren 1439, 1443 und 1444 verzeichnet ist, leicht erfahren, dass er um diese Zeit in Strassburg verweilte. In diesem Register wird Gutenberg als „Konstofler“ bezeichnet, d. h. als Mitglied einer lokalen Innung im Gegensatz zu den gewerblichen. Auch eine Bürgschaftsurkunde Gutenbergs aus dem Jahr 1441 ist vorhanden. Einem anderen Dokument ist sein Siegel beigefügt mit der Umschrift: S. Hans Gensfleisch dei Gutenb'g. Aus dem Strassburger Aufenthalt erfährt man ferner, dass Gutenberg auf Grund eines angeblich nicht gehaltenen Eheversprechens von Anna zur eisernen Thüre in Anspruch genommen wurde. Von einer Heirat ist keine Spur zu finden, jedoch schreibt sich Anna später Annel Gutenbergerin.
Gutenbergs
Rückkehr nach
Mainz.
Die pekuniären Erfolge der Strassburger Unternehmungen entsprachen den Erwartungen der Teilnehmer nicht und Gutenberg kehrte, wahrscheinlich in der Hoffnung von seinen Verwandten das erforderliche Geld zur Durchführung seiner Pläne zu erlangen, nach Mainz zurück. Am 23. April 1444 weilt er noch in Strassburg. Nach Mainz muss er, in Begleitung von seinem treuen Diener Lorenz Beildeck, zu Ende d. J. 1444 oder zu Anfang d. J. 1445 gekommen sein. In Strassburg finden sich keine Spuren einer Buchdruckerkunst vor.
Vertrag mit Fust.
Von den ersten fünf Jahren aus dem Aufenthalt Gutenbergs in Mainz ist so viel wie nichts bekannt, nur dass sein Oheim Henne Gensfleisch der ältere den „Hof zum Jungen“ mietete und ihn darin aufnahm, ferner, dass ein anderer Verwandter Arnold Gelthuss für ein Darlehn von 150 Goldgulden, welches er am 6. Oktober 1448 gegen einen Zins von 5 Goldgulden für das Hundert aufnahm, sich verbürgte. Nur hieraus kann der Schluss gezogen werden, dass seine Pläne sich in einem vorgeschrittenen Stadium befanden, dass jedoch seine Mittel zur Durchführung nicht genügten.
Da erschien zu einer, in ihrer Folge teueren Hülfe ein angesehener und gut situierter Bürger, Johannes Fust. Am 22. Aug. 1450 wurde ein Vertrag zwischen diesem und Gutenberg abgeschlossen, nach welchem Fust 800 Goldgulden gegen 6% Zinsen vorstreckte. „Das Gezüge“ blieb Unterpfand. Sollten die Kontrahenten in Differenzen geraten, so hatte Gutenberg die 800 Gulden zurückzuzahlen. Ausserdem wurde übereingekommen, dass Fust jährlich bis zu 300 Gulden für Löhne, Hauszins, Pergament, Papier, Farbe und andere Erfordernisse vorschiessen sollte. Der ganze Vertrag hatte somit einen rein finanziellen Charakter. Gutenberg gab den Gedanken, das Werkzeug, die Arbeit; Fust das Geld. Von einer Miterfinderschaft des letzteren ist mit keinem Worte die Rede.
Damaliger Stand
der Erfindung.
In seinem ganzen nachherigen Verfahren zeigt sich Fust als ein so vorsichtiger und klug berechnender Geschäftsmann, dass unbedingt angenommen werden muss, die Erfindung habe beim Abschluss des Vertrags bereits auf einer weit vorgerückten Stufe der Entwickelung gestanden. Mit einem projektmachenden Junker, der weiter nichts mitbrachte, als etwa den Gedanken, Holztafeln in einzelne Buchstaben zu zersägen und diese Buchstaben einzeln an einander zu reihen und zu drucken, würde ein Fust kaum den Vertrag abgeschlossen haben. Und wie sollte ein strebender Geist, wie Gutenberg, der jahrelang sich in Metallarbeiten geübt hatte, auf den Gedanken kommen, grosse Hebel in Bewegung zu setzen, um xylographische Drucke zu liefern oder bewegliche Holztypen zu schaffen? Was heutzutage mit allen Raffinements der Hülfsmaschinen kaum gelingen würde, sollte im Jahre 1450 denkbar gewesen sein! Gutenberg müsste kein Erfindergenie gewesen sein, wenn er hölzerne Typen je zu einem anderen Zweck hergestellt hätte, als um Versuche zu machen und allenfalls sie als Stempel zu benutzen, um Matern zum Guss der Buchstaben zu schaffen. Und, hat auch Gutenberg wirklich seine ersten Stempel in Holz geschnitten, so wird es nicht lange gedauert haben, bis er eingesehen hat, dass für die Stempel Metall, und zwar ein härteres als das der Mater oder der Type, unumgänglich notwendig sei. Es kann nicht genug betont werden: „Die mechanische Vervielfältigung der Typen bildet das Wesen der Typographie“. Hätte Gutenberg nicht die Schriftgiesserei erfunden, so gehörte ihm auch nicht die Erfindung der Buchdruckerkunst. Dass Peter Schöffer wesentliche Verbesserungen in diesem Zweige eingeführt habe, muss man jedoch annehmen.
Gutenbergs neue
Verlegenheiten.
Mit dem grossen Werke Gutenbergs ging es, wie mit so vielen anderen Unternehmungen von Bedeutung: es verschlang, bevor es in seiner Vollendung Geld bringen konnte, mehr Geld, als berechnet war. Im Dezember 1452 schoss Fust abermals 800 Goldgulden vor, sorgte aber vorsichtigerweise auf das beste für die Sicherstellung. Nicht allein das „Gezüge“, sondern das „Werk des Buches“ wurde ihm verpfändet und der Vorteil sollte ein gemeinschaftlicher sein. Hier ist also von einer wirklichen Beteiligung die Rede, was einen sicherern Beweis liefert, dass nicht mehr an der Rentabilität gezweifelt wurde.
Erste Press-
erzeugnisse.
Welches waren nun die ersten unbestreitbaren Erzeugnisse der Gutenbergschen Presse? Den grössten Absatz versprachen natürlich Schulbücher, namentlich die schon früher erwähnte sehr beliebte Grammatik des Älius Donatus. Ein Fragment (jetzt in Paris), zwei Pergamentblätter, eines solchen von Gutenberg gedruckten Donats, wurde als Einschlag einer alten Rechnung entdeckt. Die grossen Typen des Schriftchens sind die der 36zeiligen Bibel. Verkehrtstehende Buchstaben weisen unwiderleglich auf eine typographische Herstellung hin, die um das Jahr 1451 stattgefunden haben muss.
Die Ablassbriefe.
Am 12. Aug. 1451 bewilligte der Papst Nikolaus v. denjenigen, welche zur Unterstützung des Königreichs Cypern in seinem Krieg gegen die Türken Geld spendeten, einen allgemeinen Ablass, der für die drei Jahre vom 1. Mai 1452 - 1. Mai 1455 erteilt wurde. Paulinus Zapp (Chappe) besorgte von Mainz aus den Vertrieb der Ablassbriefe für Deutschland. Das Geschäft wollte aber nicht recht gehen, bis, nach dem Fall von Konstantinopel (1453), Europa aufschrak. Nunmehr nahm der Generalinquisitor Johann von Capistran die Sache in die Hand und predigte den Kreuzzug gegen die Türken. Jetzt fand der Ablasshandel einen günstigeren Boden. Zur massenhaften Anfertigung dieser „Anteilscheine auf Seligkeit“ eignete sich Gutenbergs Erfindung ganz vorzüglich. Man liess nur den Raum für den Ort, den Tag und den Namen des Aktieninhabers offen und die Ausstellung konnte in raschester Weise vor sich gehen. Ein vollständig „geschriebener“ Ablassbrief aus Lübeck, datiert vom 6. Okt. 1454, ist noch vorhanden, daneben sind aber auch „typographisch“ hergestellte Exemplare mit der Jahreszahl mccccliiii aufgefunden. Nach dem ersten Mai 1455 waren die Urkunden wertlos und deshalb die Pergamentblätter namentlich von den Buchbindern benutzt, oder sie gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren. Allmählich sind jedoch 23 solcher Denkmale der ältesten Typographie ans Licht gezogen, die alle aus dem Zeitraum vom 25. Nov. 1454 bis zum 30. April 1455 stammen. Aus diesen geht hervor, dass Gutenberg im Jahre 1454 wenigstens zwei Schriftgattungen besessen hat: die grosse Donattype und eine kleinere, die jedoch zu keinem Buche von ihm benutzt wurde.
Bibeldruck.
Mit Resultaten wie die erwähnten war Gutenberg jedoch nicht zufrieden; sein Sinn trachtete nach einem grösseren Ziele. Und welches Ziel konnte der neuen Erfindung würdiger sein, als die Verallgemeinerung der heiligen Schrift. Wir stehen nun vor einem der wichtigsten der vielen, noch dunklen Punkte in der Erfindungsgeschichte.
Welche Bibel ist
die erste?
Es liegen zwei Bibeln vor, über welche Meinungsverschiedenheit obwaltet: die „42zeilige“ (die sogenannte „Mazarinsche“), unzweifelhaft von Gutenberg und Fust begonnene und von Fust und Schöffer vollendete, und die „36zeilige“ (die „Schellhornsche“)[1]. Welcher von beiden gebührt die Priorität? Früher wurde diese allgemein der 42zeiligen zugesprochen und die 36zeilige Bibel als ein Druck Alb. Pfisters in Bamberg betrachtet. Alle neueren Forscher jedoch, Didot, Weigel und Zestermann, Madden, de Vinne, van der Linde, sind darin einig, dass die 36zeilige Bibel die erste sei und ebenfalls aus Gutenbergs Offizin stamme. Diese neuere Ansicht wird durch eine, aus der Schöfferschen Druckerei direkt stammende Überlieferung bestätigt, welche Ulrich Zell nach Köln brachte und die 1499 gedruckt erschien. Hiernach wäre die erste Bibel die mit den „grossen Missalbuchstaben“ gedruckte d. i. die „36zeilige“. Dieselben Typen, die für den erwähnten Donat dienten, wurden 1454 zu: „Eyn manūg d' christēheit widd' die Durkē“ verwendet und gingen wahrscheinlich später in den Besitz Pfisters in Bamberg über. Dies mag Veranlassung zu der Annahme gegeben haben, dass die 36zeilige Bibel aus Pfisters Offizin stamme, wogegen jedoch dessen sonstige typographische Leistungen und viele äussere Umstände und innere Gründe entschieden sprechen.
Die 36zeilige
Bibel.
Die 36zeilige Bibel umfasst 881 Blätter oder 1762 zweispaltige Seiten, zumeist in Lagen von 5 Bogen gefalzt, und ist in der Regel in drei Bände gebunden. Zum Zweck der kalligraphischen Ergänzung sind die Räume für die grossen Initialen freigelassen. Die neue Kunst wollte eine genaue Reproduktion der Manuskripte geben. Deshalb wurden auch die Drucklettern den geschriebenen Buchstaben mit den vielen Abbreviaturen nachgebildet. Was in Druck nicht nachgeahmt werden konnte, wurde hineingezeichnet. Eine beabsichtigte Täuschung hierin erblicken zu wollen dürfte kaum zutreffend sein; man wagte es einfach nicht von dem herrschenden Geschmack abzugehen. Ähnliches findet man noch heute bei den für den Orient bestimmten Druckschriften, deren Schwierigkeit hauptsächlich darin liegt, dass alle Abwechselungen der Handschrift genau nachgebildet werden müssen. Das Druckjahr der 36zeiligen Bibel ist nicht zu entdecken gewesen. Ein rubriziertes Exemplar in Paris trägt das Datum 1461. Dies würde allerdings sehr gegen die Priorität dieser Ausgabe sprechen, wenn es nicht auch sonst vorkäme, dass Exemplare eines Buches erst später rubriziert wurden. Im Jahre 1460 hatte man schon Blätter dieser Bibel als Makulatur benutzt. Die ersten Bogen zeigen in technischer Beziehung noch Unsicherheit, der Druck ist sehr stark, das Register steht nicht gut, und auch andere Mängel sind sichtbar, der spätere Teil ist besser gearbeitet[2].
Die 42zeilige
Bibel.
Sollte die 36zeilige Bibel die erste und somit die zuerst aufgefundene 42zeilige Bibel dem Alter nach die zweite gewesen sein, so bleibt sie nichtsdestoweniger ein höchst ehrwürdiges und bedeutendes Druckmonument. Es ist ein zweibändiger Foliant von 324 und 317, im ganzen also von 641 Blättern von zweispaltigen Zeilen. Die 66 Lagen bestehen meist aus je fünf Bogen (Quinternionen). Gedruckte Seitenzahlen, Signaturen, Kustoden und Initialen fehlen. Ein rubriziertes Exemplar ist mit dem Datum 24. Aug. 1456 bezeichnet. Man hat Exemplare sowohl auf Pergament wie auf Papier. Die auf Pergament gedruckten Exemplare, von denen man sechs kennt (davon je eins in Leipzig und Berlin), sind mit brillant ausgemalten Initialen mit Goldverzierungen geschmückt; die auf Papier gedruckten, von welchen neun erhalten wurden (darunter in Frankfurt a. M., Leipzig, München, Wien), haben wechselnd rote und blaue Initialen.
Peter Schöffer.
Einen tüchtigen Mitarbeiter fanden Gutenberg und Fust in Peter Schöffer. Im Prinzip hatte Gutenberg die Erfindung allein vollbracht, aber in der technischen Ausführung der Einzelnheiten mag vieles noch gefehlt haben. Die Stempel und Formen (Matrizen) waren noch unvollkommen. Die Schärfe der Typen verlor sich schnell auf Grund der Weichheit des Metalls für die Schrift und die Matern; auch die Zeichnung und der Schnitt der Stempel (Patrizen) liessen zu wünschen übrig. Hier scheint nun Peter Schöffer zum Vorteil der Kunst energisch eingegriffen zu haben.
Schöffer[3] war in Gernsheim zwischen 1420 und 1430 geboren. Näheres über seine Familie und seine Jugend ist nicht bekannt, nur dass er sich zuerst der Jurisprudenz widmete und sich längere Zeit in Paris aufhielt, wo er sich einen Ruf als tüchtiger Illuminator und Rubrikator erwarb. Nach Mainz scheint er in dem Jahre 1450 oder 1451 gekommen zu sein, wahrscheinlich um in den erwähnten Eigenschaften in der Gutenbergschen Offizin zu wirken. Hier hat er nun mutmasslich weitergehende Talente entwickelt, ohne dass es sich jedoch genau feststellen lässt, wie weit seine Thätigkeit sich erstreckte. Jedenfalls hat er die Form der Buchstaben verbessert, ein grösseres Ebenmass derselben sowie auch eine bessere Legierung des Schriftmetalls veranlasst, und einen schöneren Schnitt der Stempel in härterem Metall (Stahl) eingeführt, wodurch man in den Stand gesetzt wurde, dieselben in kupferne Matrizen einzutreiben. Kurz: hat auch Schöffer die Schriftgiesserei nicht erfunden, so bleibt ihm doch das grosse Verdienst, sie in die Bahn gelenkt zu haben, die sie bis jetzt nicht verlassen hat. Auch die Verbesserung der Schwärze durch Zusatz von Firnis soll sein Werk gewesen sein.
Dass die Verdienste Schöffers nicht klein sein konnten, lässt sich schon daraus schliessen, dass der angesehene und wohlhabende Fust kein Bedenken trug, dem armen Schreiber seine Tochter Christine zur Ehefrau zu geben. Diese Tüchtigkeit und dieses Zutrauen, welches Fust in Schöffer setzte, sollten leider Gutenberg verderblich werden, denn sie gaben Fust die Zuversicht, feindlich gegen ihn aufzutreten. Für Schöffers Beteiligung bei diesen Schritten liegt kein Beweis vor; zweideutig jedoch hat er sich wenigstens insofern gezeigt, als er später auf Kosten Gutenbergs sich die Ehre der Erfindung anzueignen versuchte.
Fust klagt gegen
Gutenberg.
Mag nun sein, dass die Auslagen zu gross und die Auflagen zu klein, oder, dass Gutenberg in der praktischen Geschäftsführung nicht der rechte Mann gewesen, die neue Kunst hatte trotz aller technischen Fortschritte keinen finanziellen Erfolg gehabt. Es kam soweit, dass Fust Klage gegen Gutenberg erhob. Er forderte:
| Erstes eingeschossenes Kapital: | 800 | Goldgulden |
| Zinsen darauf: | 250 | " |
| Zweites Kapital: | 800 | " |
| Zinsen darauf: | 140 | " |
| Zins vom Zins: | 36 | " |
| zusammen | 2026 | Goldgulden. |
Gutenberg machte dagegen geltend, 1) dass Zinsen von den 800 Gulden zwar in dem Dokument festgestellt seien, dass aber Fust versprochen habe, solche nicht zu erheben; 2) dass die ersten 800 Gulden nicht voll eingezahlt gewesen; 3) dass er in Betreff der zweiten 800 Gulden zwar die Verantwortung, nicht aber Zinsen zu tragen habe; 4) dass die zugesagten 300 Gulden jährliches Betriebskapital nicht entrichtet worden seien. Hiergegen wird Fust der Eid auferlegt, welchen er leistet, und Gutenberg, der nicht persönlich erschienen war, wird am 6. Nov. 1455 zur Zahlung verurteilt. Auf Fusts Verlangen stellte der Kleriker und Notar Ulrich Helmasperger eine Urkunde über die Verhandlung auf, welche ein wichtiges Dokument in der Erfindungsgeschichte bildet.
Trennung Guten-
bergs und Fusts.
Der Vertrag zwischen Gutenberg und Fust hatte somit seine Endschaft erreicht; wie sich jedoch die schliessliche Auseinandersetzung gestaltet hat, ist nicht bekannt. Aus später erschienenen Druckwerken geht hervor, dass die Typen der noch nicht vollendeten 42zeiligen Bibel auf Fust übergegangen sind, dass Gutenberg dagegen die Typen der 36zeiligen behielt. Denn nach dem Tode Fusts druckte sein Nachfolger Peter Schöffer mit der zuerst erwähnten Schrift einen Donat, während gegen Ende des Jahres 1456 mit den zuletzt genannten Typen ein Kalender auf das Jahr 1457 fertiggestellt wurde.
Gutenbergs
weitere Wirk-
samkeit.
Gutenbergs Mut war durch den ihm beigebrachten Schlag nicht erschüttert, und es scheint ihm nicht einmal schwer geworden zu sein, wieder in Besitz von Betriebsmitteln zu kommen. Zwar wurde auch diesmal eine Verpfändung notwendig, aber sein Gläubiger Conrad Humery, „der Stadt Mainz Pfaff und Jurist“, war ein verständiger, Gutenberg wohlgesinnter Mann. Gutenberg fertigte ganz neue Typen an und druckte mit diesen zuerst zwei kleine undatierte Schriften: Matthäus de Cracovia, tractatus racionis et consciencie, 22 Blatt in Quarto, und Thomas de Aquino, Summa de articulis fidei, 12 Blatt in Quarto. Dann aber brachte er im Jahre 1460 mit der neuen Schrift ein Riesenwerk zustande, einen Folianten von 373 zweispaltig und eng gedruckten Blättern (ohne Signatur, Kustoden und Seitenzahlen). Diese bedeutende Leistung war die berühmte erste Ausgabe des Joannis de Janua: Summa quae vocatur Catholicon. Den Anfang bildete eine lateinische Grammatik in vier Abteilungen (64 Blatt), dann folgt als fünfter Teil ein lateinisches Lexikon. Am Ende des Buchstaben I (Blatt 189 rechte Seite) steht gedruckt das Wort sequitur und darunter geschrieben in alio folio; die Rückseite des Blattes ist weiss gelassen und somit konnte das Werk in zwei Bände gebunden werden.
Gutenbergs ein-
zige Ansprache.
Zum Schluss des Werkes ergreift der Erfinder selbst, jedoch ohne seinen Namen zu nennen, zum ersten, zugleich zum letzten male das Wort. Die Schlussschrift (Kolophon) ist lateinisch und lautet übersetzt[4]:
„Unter dem Beistande des Allerhöchsten, auf dessen Wink die Zungen der Kinder beredt werden und der oft den Kleinen offenbart, was er den Weisen verbirgt, ist dieses vortreffliche Buch Catholicon im Jahre der Menschwerdung des Herrn mcccclx in der guten, der ruhmwürdigen deutschen Nation angehörigen Stadt Mainz, welche die Gnade Gottes mit so hehrem Geisteslichte und freiem Gnadengeschenke den anderen Völkern der Erde vorzuziehen und zu verherrlichen gewürdigt hat, gedruckt und zustande gebracht worden, und zwar nicht mittels des Rohres, des Griffels oder der Feder, sondern durch das bewundernswerte Zusammenpassen, Verhältnis und Ebenmass der Patronen und Formen[5].“
So spricht sich der Erfinder selbst über die Erfindung aus. Es ist kaum anzunehmen, dass er sich nur aus Bescheidenheit oder aus falschem Stolz nicht genannt haben sollte, oder gar aus Verdruss, weil seine Leistungen durch die Schöffers überflügelt waren. Wir müssen leider eher glauben, dass derjenige, der für andere die Goldminen entdeckt hatte, nicht in der Lage war, seinen Namen nennen zu dürfen, mögen nun die Gründe in einem noch nicht geregelten Verhältnis zu Fust oder in seiner neuen Stellung zu Humery oder sonst wo gelegen haben.
Gutenberg in
Eltville.
Aus dem Jahre 1461 haben wir noch einen Ablassbrief, mit den Typen des Catholicons gedruckt. Dann kam das für Mainz und die junge Kunst so verhängnisvolle Jahr 1462. Der Erzbischof von Mainz, Diether, Graf zu Isenburg, war von Kaiser und Papst abgesetzt. Die Domherren wählten den Grafen Adolf von Nassau; die Bürger aber nahmen Partei für Diether. In der Nacht vom 27. zum 28. Oktober 1462 erstürmte Adolf die Stadt. Hunderte von Bürgern fielen, andere wurden ausgeplündert und vertrieben und ihre Häuser verwüstet. Dies Schicksal traf auch die Offizin Fust und Schöffers. Mainz war in wenigen Tagen entvölkert und seiner Privilegien beraubt. Handel und Gewerbe lagen auf lange darnieder und von einer weiteren Ausdehnung der Buchdruckereien in Mainz konnte vorläufig keine Rede sein. Obwohl die Offizin Gutenbergs verschont geblieben war, da der Besitzer zum Grafen hielt, so musste er doch mit seiner Druckerei auswandern. Er führte dieselbe nach Eltville, der Residenz Adolfs, über.
Gutenberg tritt
in Hofdienst.
Am 15. Januar 1465 wurde er zum Hofdienstmann des Grafen auf Lebenszeit ernannt. Als solcher hatte er jährlich die Hofkleidung eines Edlen, für sein Haus zwanzig Malter Korn und zwei Fuder Wein steuerfrei. Wachdienst, Einschätzung u. s. w. ward ihm auf immer erlassen. Da die Hofdienstmänner für ihre Person freien Tisch am Hoflager und für ihre Pferde Futter erhielten, so dürfen wir uns Gutenberg wenigstens nicht als von materiellen Sorgen zu seinem Lebensende gequält vorstellen. Seine Offizin hatte er pachtweise seinen Verwandten Heinrich und Nikolaus Bechtermünze überlassen.
Gutenbergs
Tod.
Gutenberg starb in der Zeit zwischen dem 24. Nov. 1467 und dem 24. Febr. 1468 und wurde aller Wahrscheinlichkeit nach in der Dominikanerkirche[6] zu Mainz begraben. Diese ging in der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1793 bei der Beschiessung von Mainz durch die Franzosen in Flammen auf und auch die an derselben Stelle errichtete Fruchthalle brannte (1875) nieder.
Fortführung des
Geschäfts durch
Bechtermünze.
Am 24. Febr. 1468 bescheinigt Humery, dass der Graf ihm den Vorrat der zu Gutenbergs Nachlass gehörenden Formen, Buchstaben und Werkzeuge verabfolgt habe. Gleichzeitig verpflichtet sich Humery, den betreffenden Apparat nur in der Stadt Mainz zu benutzen. Sollte er jedoch denselben verkaufen und ein Mainzer Bürger soviel dafür geben wollen, wie ein Fremder, dann gebühre dem Mainzer der Vorzug. Aus dieser Fürsorge Adolfs muss man schliessen, dass er Gutenberg sehr zugethan und dass dessen Aufnahme an seinem Hofe eine Belohnung gewesen, entweder für die Verdienste Gutenbergs im allgemeinen oder um ihn selbst insbesondere.
Die Offizin ging in den vollständigen Besitz des Nikolaus Bechtermünze über, dessen Bruder Heinrich bereits 1467 verstorben war. Nikolaus setzte das Geschäft bis 1477 in Verbindung mit einem anderen Patrizier Wigand Spiess von Ortenberg fort. Gegen das neu aufgeblühte Geschäft Fust und Schöffers aufzukommen mag wohl schwer gewesen sein. Die ersten Drucke der neuen Offizin waren mit den Typen des Catholicons ausgeführt.
Weitere Schick-
sale der Offizin
Gutenbergs.
Nach dem Tode des Nikolaus überliessen seine Erben das sämtliche Material der Brüderschaft des gemeinsamen Lebens zu Marienthal in der Nähe von Eltville. Von diesen kam es 1508 an Fr. Hewmann aus Nürnberg, Buchdrucker im Kirschgarten zu Mainz. Beim genauen Durchgehen eines Buches aus dessen Offizin soll die älteste Type Gutenbergs aus den Ablassbriefen von 1454 und 1455 und der 36zeiligen Bibel wieder erkannt worden sein, während die Nachfolger Gutenbergs bis dahin von dessen Typen nur die des Catholicons benutzt hatten[7].
Gutenbergs
Andenken.
Hiermit nehmen wir Abschied von Gutenberg und dessen Offizin. Das erste äussere Andenken an ihn wurde 1504 von Ivo Wittig gestiftet und bestand in einem Denkstein im Hofe „Zum Gutenberg“. Seitdem hatte Mainz seinen grossen Bürger ganz vergessen und die typographischen Schätze von Mainz waren in ausgedehntester Weise verschleudert. Die Stadt musste die Demütigung erleben, dass der französische Präfekt Jeanbon-St.-André 1804 den ersten Vorschlag machte, Gutenberg ein Denkmal zu setzen, zu dem ganz Europa beitragen sollte, und dass Napoleon im Sept. 1804 in Mainz dekretierte, dass ein grosser Gutenbergplatz geschaffen werden sollte. Es blieb allerdings beim Dekret. Erst die mit vielem Pomp, 1821, in Haarlem begangene vierte Säkularfeier der, von den Holländern für sich in Anspruch genommenen Erfindung der Buchdruckerkunst war imstande Gutenbergs Vaterstadt aufzurütteln. Die Kasinogesellschaft liess ihrem neu eingeweihten Hause den ursprünglichen Namen „Zum Gutenberg“ wiedergeben und eine goldene Inschrift über das Eingangsthor setzen. Am 24. Oktb. 1824 folgte ein Denkstein im Garten. Im Hofe selbst stiftete der Kunstverein ein Standbild in Sandstein, den „Ritter“ Gutenberg, eine Satzform haltend, darstellend.
Die Denkmäler
Gutenbergs.
Im Jahre 1831 erging ein Aufruf „an die gebildete Welt“ zur Errichtung eines erhabenen Monuments zur Säkular-Feier der Buchdruckerkunst 1836![8] Es wurde eine Aufforderung an die Künstler der Plastik erlassen, Entwürfe einzusenden, „um dann das beste aus jedem zu benutzen“. Thorwaldsen erklärte 1832 die Ausführung eines, für den Erzguss berechneten Modells ohne Entgelt übernehmen zu wollen, jedoch ohne Konkurrenz. Der Vorschlag wurde angenommen und Crozatier in Paris mit dem Guss betraut. Die feierliche Einweihung fand am 17. Aug. 1837 statt[9].
Seit dem 24. Juni 1840 besitzt auch Strassburg auf dem Gutenbergsplatz ein Standbild des Erfinders, von David modelliert und von Soyez & Ingé in Paris gegossen. Ein drittes schönes Denkmal von Herrn von der Launitz in Frankfurt a. M. zeigt Gutenberg, Fust und Schöffer in einer Einigkeit, wie sie bei ihren Lebzeiten so sehr erwünscht gewesen wäre, die jedoch auf dem Denkmal fast wie eine Satire aussieht.
„Alles zusammengenommen“, so sagt Dr. van der Linde, „existiert noch kein der Erfindung der Typographie entsprechendes Monument. Gleichwie das nächste Jahrhundert bei seiner Säkularfeier den schlüpfrigen Boden der Sage zu verlassen und sich auf den Felsen der Geschichte zu stellen, das heisst, das erste halbe Jahrtausend der Typographie
1450-1950
zu feiern hat, so errichte auch das neu entstandene Deutsche Reich entweder in seiner politischen Hauptstadt Berlin oder in seiner typographischen Hauptstadt Leipzig ein grossartiges, alle Kleinkrämerei beschämendes Gutenberg-Monument.“
[1] „Mazarinsche“, weil das erste Exemplar in der Bibliothek des Kardinal Mazarin entdeckt wurde; „Schellhornsche“, weil der Superintendent Schellhorn besonders bemüht war, derselben ihr Recht als ein Werk Gutenbergs zu wahren.
[2] Exemplare besitzen Leipzig, Jena, Stuttgart, Wolfenbüttel.
[3] H. Künzel, Peter Schöffer von Gernsheim, der Miterfinder der Buchdruckerkunst. Darmstadt o. J.
[4] Nach J. Wetters Uebersetzung. Krit. Gesch. S. 319.
[5] Patrizen. — Matrizen.
[6] Dr. K. G. Bockenheimer, Gutenbergs Grabstätte. Mainz 1876.
[7] Henri Helbig, Une découverte pour l'histoire de l'imprimerie. Bruxelles 1855.
[8] Diese Jahreszahl war eine Marotte von dem um das Andenken und die Ehrenrettung Gutenbergs so verdienten A. C. A. Schaab, die er selbst als solche anerkannte, aber trotzdem aufrecht hielt.
[9] Ausführlicheres über die Denkmal-Angelegenheit, die Inaugurationsfeier und die vierhundertjährige Feier der Erfindung 1840 ist in Meyers „Journal der Buchdruckerkunst“, Jahrgang 1836 und 1840, enthalten.
III. KAPITEL. [[←]]
DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IN DEUTSCHLAND.
Schnelle Verbreitung der Kunst. Die Nachfolger Gutenbergs in Mainz. Peter Schöffer und seine Nachkommen. Ulm. Beromünster. Basel. Bamberg, Albrecht Pfister. Augsburg. Nürnberg. Wien. Der Norden: Köln, Münster, Magdeburg, Leipzig.
Art der Verbrei-
tung der Kunst.
ES ist eins der Hauptwunder der überhaupt wunderbaren Geschichte der Buchdruckerkunst, dass sie sich in einer verhältnismässig so kurzen Zeit von 1455-1475 beinahe über das ganze zivilisierte Europa verbreitete. Zwar liegt es auf der Hand, dass eine so wichtige Erfindung, nachdem sie einmal in den ersten Erzeugnissen der Presse ans Licht getreten war, auch von Anderen erfasst werden und, durch kein Gesetz geschützt, sofort Nachahmung finden würde. Vergleichen wir jedoch ihr schnelles Vordringen mit dem Gang der grossen Erfindungen der neueren Zeit, z. B. der Gasbeleuchtung oder der Eisenbahnen, so wird man finden, dass letztere, obwohl durch viele mitwirkende Umstände unterstützt, sich nicht so schnell Bahn gebrochen haben wie die Buchdruckerkunst.
Und wie geschah dieses Wunder?
Zu einer Zeit, wo das Reisen ein so beschwerliches und gefahrvolles Unternehmen war, wie wir es uns jetzt nicht mehr recht vorstellen können, bahnten ausdauernde deutsche Arbeiter, die unermüdlichen Pioniere der Erfindung, sich ihren Weg über die weiten Gefilde Deutschlands und Frankreichs, ja überschritten die Alpen und die Pyrenäen, um die Fahne der neuen Kunst in fremden Ländern aufzupflanzen. Es war, als ob Gutenberg ihnen einen unwiderstehlichen Talisman vermacht hätte, durch welchen Deutschland bestimmt wurde, die Wiege der Reformation zu werden und den Weg für jegliche Art des Fortschrittes im Vaterlande sowohl wie in fremden Ländern zu ebnen.
War auch die Absicht, den Lebensunterhalt zu verdienen, die erste Triebfeder der Jünger Gutenbergs gewesen, so ist doch die Unermüdlichkeit, mit der sie, das Geheimnis der neuen Kunst mit sich führend, nach den fernsten Teilen Europas drangen, der höchsten Bewunderung wert. Ein gewisser berechtigter Künstlerstolz und ein achtungswerter Ehrgeiz erwarben ihnen Zuneigung und Vertrauen, wo sie erschienen. Mit Energie verfolgten sie ihr Ziel ohne Rücksicht auf Hindernisse und Gefahren, als furchtlose Apostel und prädestinierte Verbreiter eines neuen Glaubens, von dem sie durchdrungen und begeistert waren[1].
Folgen wir nun diesen begeisterten Jüngern auf ihren Wegen in Deutschland und in den fremden Ländern bis zum Schluss des Jahrhunderts, nachdem wir erst Kenntnis von dem Fortschreiten der Druckerei von Fust und Schöffer genommen.
Fust und
Schöffers Offizin
in Mainz.
Im Besitz des neuen Gutenbergschen Materials und der genügenden Geldmittel, mit der technischen Tüchtigkeit verbunden, gelang es bald Fust und Schöffer, den Erfinder der Kunst zu überflügeln und nach der kurzen Zeit von noch nicht zwei Jahren eine grossartige Leistung der Typographie zu vollenden: das Psalterium von 1457. Dieses Druckwerk ist das erste, welches mit der Angabe des Druckers, des Druckortes, der Jahreszahl und des Datums (14. Aug. 1457) zugleich mit farbigen Initialen versehen ist, während Seitenzahl, Signatur und Kustoden immer noch fehlen. Man kennt 6 Exemplare, von denen drei 175, die anderen nur 143 resp. 136 Blätter zählen. Als unvollständig können letztere jedoch nicht bezeichnet werden, da alle den Schlusssatz enthalten. Die Auslassungen geschahen wahrscheinlich aus Sparsamkeitsrücksichten, um nicht zu viel Pergament zu verbrauchen[2].
Das Psalterium
von 1457.
Dreihundertundsechs grosse Initialen, in rot und blau gedruckt, schmücken das kostbare, der starken Benutzung wegen nur auf Pergament gedruckte Buch. Eine Hauptzierde ist das, den Text anfangende Initial B. Der eigentliche Körper des Buchstabens bildet ein Viereck von 9 cm Höhe und Breite, rechnet man jedoch die Ausläufer mit zur Höhe, so beträgt diese 31 cm. Die Ornamentierung trägt einen maurischen Charakter und ist wahrscheinlich einem spanischen Manuskripte nachgebildet. Über die Herstellung dieser farbigen Initialen sind die Kenner nicht einig. Die vollendete Genauigkeit des Passens schliesst, bei den damaligen technischen Hülfsmitteln, den Gedanken an einen Doppeldruck aus. Einige halten dafür, dass die Holzschnitte in einzelne Teile nach den Farben zerlegt, diese einzeln eingefärbt, und dann, in einander gefügt, mit Einem Druck hergestellt sind, ganz in der Art des, zu Anfang unseres Jahrhunderts entstandenen Congrevedruckes. Andere behaupten, die Holzschnitte seien blind in den Bogen gepresst und nachher ausgemalt und wollen überhaupt an vielen Stellen des Textes eine Übermalung weniger gut gedruckter Sätze und Buchstaben entdeckt haben. Wie dem auch sei, so ist die Ausführung der Doppelfärbung eine technisch vollendete. Ohne Mängel ist das Werk dennoch nicht, namentlich ist der Ausschluss ein unregelmässiger und haben die Zeilen verschiedene Länge; auch Druckfehler, selbst so auffälliger Natur wie spalmorum statt psalmorum in der ersten Zeile des Schlusswortes, kommen vor. Merkwürdig ist es überhaupt, dass gerade die Schlussworte der alten Drucke nicht selten Fehler aufzuweisen haben; namentlich in Bezug auf Jahreszahlen, was mitunter zu den sonderbarsten Schlussfolgerungen für die Geschichte der Buchdruckerkunst Anlass gegeben hat.
Zugegeben, dass die ganze blendende Pracht der Erscheinung die, an unseren nüchternen Buchdruck gewöhnten Beschauer befangen gemacht und sie veranlasst hat, die Mängel zu übersehen und alles für unübertrefflich zu halten, so kann man doch das Psalterium nur als ein Wunderwerk ansehen, wenn man bedenkt, dass es nur wenige Jahre nach der Erfindung erschien. Über diesen so schnellen Aufschwung muss man staunen und bekennen, dass die vier Jahrhunderte, die seit der Zeit vergangen sind, zwar in der technischen Tüchtigkeit und Korrektheit des Materials grosse Fortschritte gemacht haben, in der eigentlichen Kunst jedoch verhältnismässig wenige; ja wir möchten bezweifeln, dass ein Meisterwerk von heute nach 400 Jahren ein so jugendliches Gepräge besitzen wird, wie das Psalterium heute zur Schau trägt. Fasst man ausserdem ins Auge, dass dies Werk kaum 21 Monate nach der Trennung Fust und Schöffers von Gutenberg ausgegeben werden konnte, so liegt der Gedanke nahe, dass die Anfänge schon aus der Zeit der Verbindung stammen, worauf auch die von der sonstigen Schöfferschen abweichende Schrift und die Ausstattungsart hinweisen.
Bereits im Jahre 1459 erschien eine zweite Auflage in etwas vergrössertem Format, von der man zwölf Exemplare kennt. Eine dritte folgte 1490; eine vierte 1502; die fünfte, aus dem Jahre 1516, stammt aus der Offizin des jüngeren Schöffer.
Weitere Druck-
werke Fusts und
Schöffers.
Am 6. Oktober 1459 vollendeten Fust und Schöffer Durandi, Rationale divinorum officiorum, welches mit neuen Typen Schöffers gesetzt wurde. Am 25. Juni 1460 erschienen: Constitutiones Clementi V. Im Frühjahr 1462 druckten Fust und Schöffer die erste politische Flugschrift in Brief- (Plakat-)Form, das Manifest Diethers von Isenburg gegen Adolf von Nassau, welches verhängnisvoll für ihre Druckerei werden sollte.
Die 48zeilige
Bibel.
Das vierte der grossen Mainzer Druckmonumente (vorausgesetzt, dass die 36zeilige Bibel das erste gewesen), war die, fünf Jahre nach dem Psalterium erschienene „Biblia sacra latina“ („Die 48zeilige“ genannt). Dies Werk bildet zwei Foliobände von je 242 und 239 zweispaltigen Blättern zu 48 Zeilen. Die Exemplare sind teils auf Pergament, teils auf Papier gedruckt; in die ersteren sind die Initialen hineingemalt, in den letzteren fehlen sie gewöhnlich. Gegen siebenzig Exemplare dieses Druckwerkes, welches sowohl durch seine typographische Schönheit, wie auch als erste vollständig datierte Bibel einen Hauptrang einnimmt, sind erhalten.
So wenig wie Gutenberg früher den Mut verlor, so wenig war es mit Fust und Schöffer der Fall, als ihre Offizin in der Nacht vom 27.-28. Okt. bei der Eroberung von Mainz durch den Grafen Adolf 1462 verwüstet wurde und in Flammen aufging.
Fust † um 1466.
Schon 1465 ward die Herausgabe von „Cicero de officiis“ unternommen, worin zum erstenmale griechische Schriften, jedoch in Holz geschnitten, verwendet wurden. Im Sommer 1466 war Fust, um den Verkauf der Verlagswerke zu betreiben, nach Paris gereist. In dem folgenden Jahre war er nicht mehr am Leben; wahrscheinlich ist er in Paris, wo damals die Pest hauste, gestorben.
Schöffer setzte nun das Geschäft allein fort. Unter seinen Druckwerken ist noch die am 24. Mai 1468 erschienene herrliche Ausgabe von: „Justiniani Institutiones cum glossa“ zu nennen, in deren Schlussschrift er sich selbst auf Kosten Gutenbergs etwas gar zu grosssprecherisch hervorhebt.
Schwabacher
Schrift.
Ob Schöffer auch das Verdienst gehabt hat, die erste rein deutsche Schrift, die „Schwabacher“, zu erfinden, lässt sich nicht bestimmt ermitteln. Sie kommt zum erstenmale 1486 in Mainz zum Vorschein in dem Werke Bernhard von Breydenbachs „Heylige reyssen gen Jerusalem“, das bei Erhard Rewich gedruckt wurde. Da Schöffer im J. 1492 die Chronik der Sachsen mit dieser Schrift druckte und man von Rewich aus Utrecht, der als Maler die Reisen Breydenbachs mitmachte und auf dessen Buche als der Drucker genannt wird, in letzterer Eigenschaft sonst nichts kennt, so dürfte die Annahme, dass Rewich nur der Herausgeber und Peter Schöffer der Drucker und Erfinder der Schrift sei, manches für sich haben. Andernfalls müsste man annehmen, was ja nicht als einziger Fall dastehen würde, dass Breydenbach als reicher Mann für dieses Werk eine eigene Druckerei von Schöffer hätte einrichten lassen. Woher der Name „Schwabacher“ stammt, ist ebenfalls nicht ermittelt. Die Anwendung der Schrift als Werkschrift hält sich bis in die Mitte des xvi. Jahrhunderts und man verwandte sie ebensowohl zu lateinischen wie zu deutschen Texten. Später unterlag sie mancherlei Änderungen, die sie der Fraktur näherführten. Als Auszeichnungsschrift findet die Schwabacher noch bis gegen die Mitte unseres Jahrhunderts Verwendung. Dann kam sie in Vergessenheit, um in neuester Zeit wieder als Buchschrift aufzuleben.
Schöffer in Paris.
Bald hätte noch ein neuer schwerer Verlust das Schöffersche Geschäft getroffen. Das Bücherlager, welches Fust nach Paris gebracht hatte, wurde, nachdem Schöffers dortiger Faktor Hermann von Stathoen ebenfalls 1475 gestorben war, als herrenloses Gut vom Fiskus in Besitz genommen. Zur Wiedererlangung seines Eigentums reiste Schöffer selbst nach Paris, erreichte auch glücklich sein Ziel und ernannte Conrad Henlif[3] zu seinem Faktor. Schöffer kann eigentlich als der erste Sortiments-Buchhändler betrachtet werden, da er nicht allein mit seinen eigenen Druckwerken Handel trieb, sondern auch die Erzeugnisse anderer Drucker verkaufte.
Schöffers Tod.
Von 1493 erlahmt seine Thätigkeit. Das letzte Buch mit seinem Namen ist die schon erwähnte vierte Auflage des Psalterium (21. Dez. 1502). Das erste Buch mit dem Namen seines Sohnes ist vom 27. März 1503 datiert. Sonach fällt der Todestag Schöffers, den man nicht genau kennt, in diese Zwischenzeit. Am 9. Juni 1836 wurde das ihm von seiner Vaterstadt Gernsheim errichtete Denkmal enthüllt.
Strassburg.
Joh. Mentelin.
Heinr. Eggesteyn.
Kehren wir auf unserer Wanderung[4] nach STRASSBURG[5] zurück, so begegnen wir als den ersten Buchdruckern dort Johann Mentelin und Heinrich Eggesteyn. Von beiden existieren Bibeln schon aus dem Jahre 1466; jedoch ohne Nennung des Druckers und des Datums. Die ersten datierten Drucke aus Strassburg gehören Eggesteyn an (1471) das: Decretum Gratiani. 2 Bde. fol. und die: Constitutiones Clementi V., ebenfalls in fol., in welchen der Drucker sagt, er habe schon unzählige Bände gedruckt. Dass auch Mentelin um diese Zeit eine grössere Thätigkeit entwickelt hatte, geht schon daraus hervor, dass er 1471 einen — den ersten überhaupt existierenden — Verlagskatalog auf einem Oktavblatt von 19 Zeilen herausgab[6] und dass Kaiser Friedrich iii. ihn schon 1468 auf Grund seiner Verdienste in den Adelstand erhob. Eggesteyns Wirksamkeit endigt schon 1472; Mentelin starb 1478 und sein Begräbnis fand unter grossen Ehren im Dome statt[7].
Die ersten Strassburger Drucke sind weit unvollkommener als die Mainzer, und weisen eine ganz abweichende Type auf. Es war deshalb nicht so unnatürlich, dass man auf eine selbständige und ältere Erfindung in Strassburg, der „Wiege der Kunst“, — jedoch wie Schaab richtig bemerkt „eine Wiege ohne Kind“ —, schliessen wollte.
Die Schweiz.
Beromünster.
Das benachbarte Basel, das später einen bedeutenden Platz in der Geschichte der Typographie behauptet, nahm die Kunst bald auf. Allgemein wird jedoch nicht Basel, sondern der Flecken BEROMÜNSTER im Canton Luzern, eine Stunde von Sempach, wo am 9. Juli 1386 Arnold Winkelried durch seine heldenmütige Aufopferung „der Freiheit eine Gasse brach“, als erster Druckort der Schweiz betrachtet. In dem dortigen berühmten Chorherrenstift des Erzengels Michael lebte ein, durch seine Gelehrsamkeit hervorragender Mann Elias Eliae (Helias Helie)[8] aus dem berühmten Geschlecht derer von Laufen. Derselbe soll die Buchdruckerkunst durch Ulr. Gering, der später als erster Buchdrucker in Paris wirkte, nach der Schweiz gebracht haben und dort als erstes Buch den Mamotrectus des Joh. Marchesini, ein beliebtes, für höhere Schulen bestimmtes Wörterbuch der schwersten Ausdrücke der Bibel, gedruckt haben. Hiergegen wird jedoch Zweifel erhoben, und der Mamotrectus soll, inklusive der Jahreszahl 1470, nur ein Nachdruck einer Mainzer Ausgabe aus diesem Jahre sein und frühestens 1474 gedruckt, dagegen das 1472 erschienene: Roderici, Speculum vitæ humanæ das erste Buch aus Beromünsters Presse sein. Um diese Zeit kam auch die Kunst nach BASEL[9] durch Bartholdus de Basilea (eigentlich aus Hanau). Das erste Buch mit Jahreszahl ist Magister Konrads Repertorium vocabularum von 1473. Michael Wenssler und Fr. Biel druckten die Briefe Gasparinis von Bergamo ohne Jahreszahl. Eine handschriftliche Notiz in einem Exemplar in der Baseler Stadtbibliothek bezeichnet es als im Jahre 1472 gekauft. Bernhard Richel druckte bis 1482. Bekannt sind seine vier Ausgaben der Vulgata. Aus seiner Offizin stammt auch die erste Ausgabe des „Sachsenspiegels“, des von Eyke von Reppgowe zwischen 1215-1230 verfassten deutschen Rechtsbuches.
Bekannt ist ebenfalls Johannes Bergmann von Olpe (1494-1499), namentlich durch die mit 114 merkwürdigen Holzschnitten geschmückte Ausgabe von Sebastian Brants „Narrenschiff“. Die erste Auflage dieses oft gedruckten und nachgedruckten Buches erschien 1494.
Joh. Ammerbach.
Der berühmteste unter den ältern Buchdruckern Basels war Johannes Ammerbach aus Reutlingen (geb. 1434). Seine Liebe zu den Wissenschaften führte ihn nach Paris, wo er sich dem Rektor Joh. v. Stein anschloss. Dies mag wohl den Anstoss gegeben haben, dass Ammerbach sich der Buchdruckerei widmete. Als Magister artium kehrte er nach Deutschland zurück, arbeitete eine zeitlang als Korrektor bei Anton Koberger. Zwischen 1475 und 1480 eröffnete er seine Offizin in Basel und liess sich namentlich sorgfältige Ausgaben der hauptsächlichsten Kirchenväter angelegen sein. Er war der erste Baseler Buchdrucker, der sich der Antiqua bediente. Unterstützt wurde er in seinen Unternehmungen von seinen gelehrten Freunden Aug. Dodo, Conr. Pellicanus, Beat. Rhenanus und Joh. v. Stein, der von Paris nach Basel gezogen war.
Den Grund, weshalb die Druckkunst in Basel so schnell Wurzel fasste, muss man namentlich in seiner 1460 gegründeten, frisch aufblühenden Universität suchen. Mitgewirkt hat vielleicht auch der Umstand, dass die Papierfabrikation dort in grossem Flor stand. Bereits 1440 besass Hans Halbysen dort eine Papiermühle. Einen besonderen Aufschwung erhielt die Fabrikation durch die Brüder Antonius und Michael, die Gallicianen, welche um 1470 aus Spanien eingewandert waren.
Ulm und seine
Kunstschule.
ULM[10] war, nächst Augsburg, in der ersten Hälfte des xv. Jahrhunderts die wichtigste Stadt Schwabens und zählte über 50000 Einwohner. Es war nicht allein durch seinen Handel reich, sondern zeichnete sich auch durch die Pflege der Poesie und der bildenden Künste aus. Baukunst, Holzbildnerei, Malerei, Formenschneiderei blühten dort und die Häupter der Schwäbischen Schule Martin Schön, Bartholomäus Zeitblom und Martin Schaffner hatten einen grossen Ruf. Neben Anfertigung von Heiligenbildern war das Kartenmachen sehr in Schwung und grosse Massen dieser Erzeugnisse gingen nach Italien. Es war deshalb natürlich, dass die Buchdruckerei dort schnell Fuss fasste. Nächst Augsburg hat Ulm die meisten Wiegendrucke aufzuweisen, nämlich 136, unter denen 86 datierte. Ludwig Hohenwang aus Elchingen war einer der ersten Ausüber der Kunst. Er war selbst Zeichner, Formenschneider, Schriftsteller und Drucker, der mit Holztafeldruck anfing. Vier Ausgaben der ars moriendi sollen aus seinen Pressen hervorgegangen sein. Seine keineswegs vorzügliche Type ähnelt der römischen und seine Bücher zeichnen sich unvorteilhaft durch die Masse der Abbreviaturen aus, mitunter über 300 auf einer 32zeiligen Seite. Wahrscheinlich spielte Schriftmangel dabei eine Rolle, denn man findet, wie öfters in alten Drucken, kleine Buchstaben für grosse, oder einander ähnliche Buchstaben als Ersatz für einander verwendet, z. B. ein K für ein R.
Joh. Zainer.
Scheint es demnach nach neueren Untersuchungen, als müsse Johannes Zainer dem Genannten den Ehrenplatz als „erster“ Buchdrucker einräumen, so ist letzterem wenigstens der Ruhm als Ulms bedeutendsten Druckers und als eines der hervorragendsten in Deutschland gesichert. Durch einen langen Zeitraum, von dem Anfange der siebenziger Jahre des xv. bis zur Mitte der zwanziger Jahre des xvi. Jahrh., lieferte er umfangreiche Druckwerke. Zwar hat man von ihm kein datiertes Werk älter als 1473 aufzuweisen, da er jedoch um diese Zeit mit einer Anzahl, zumteil Vorbereitungen aus langer Hand erfordernder Werke auftritt, so muss er jedenfalls früher als 1473 zu wirken angefangen haben, und die handschriftliche Notiz des Käufers eines von ihm gedruckten Buches: „Albertus Magnus, de adherendo deo“, dass es 1470 gekauft sei, dürfte auf Wahrheit beruhen. Wahrscheinlich gebührt ihm, nicht Günther Zainer in Augsburg, der Ruhm, die Antiqua zuerst in Deutschland eingeführt zu haben. Ob er ein Bruder des Augsburger Zainer gewesen ist, weiss man zwar nicht, beide stammen jedoch aus Reutlingen. Überhaupt kennt man von seinem Privatleben wenig mehr, als dass es eine Kette von Sorgen war.
Leonh. Holl.
Leonhard Holl, Ulms dritter Buchdrucker, besass eine Spielkartenfabrik. Seine Waren gingen bis nach Konstantinopel. Er war der erste, der ein Werk mit in Holz geschnittenen Landkarten, worin zumteil Typen eingesetzt werden konnten, druckte. Es war dies: Claudii Ptolomäi Alexandrini Cosmographia mit 32 Karten von Johann Schnitzer von Armsheim ausgeführt. Pekuniären Erfolg hatte Holl davon nicht; erst musste er das Werk versetzen, später verkaufen. Es kam darauf in die Hände eines Venetianers Justus de Albano, der durch seinen Faktor Johannes Reger eine neue Ausgabe druckte.
Augsburg.
AUGSBURGS[11] erster Buchdrucker Günther Zainer (1468-1475) ist wahrscheinlich ein Schüler Fusts oder Schöffers gewesen. Bei ihm erschien um 1470 die erste Ausgabe von Thomas a Kempis' „Vier Bücher von der Nachfolge Christi“, ein Buch, welches nächst der Bibel am häufigsten aufgelegt worden ist. Eine grosse Anzahl deutscher Bücher druckte Johann Bämler (1472-1492). Anton Sorg (1475-1498) gab das erste Wappenbuch heraus, enthaltend die Wappen aller bei dem Konzil von Constanz anwesenden Herren. Einen hochberühmten Namen erwarb sich der Augsburger Erhard Ratdolt, ein fahrender Buchdrucker, dessen Namen mit der venetianischen Buchdruckergeschichte rühmlichst verknüpft ist. Am meisten glänzt Hans Schönsperger der Ältere (1481-1523). Über diesen sowie über Ratdolt wird später ausführlicher zu sprechen sein.
Nürnberg.
Der Vater der Typographie NÜRNBERGS[12] ist Johann Sensenschmid (1473-1478), ein durch Gelehrsamkeit und Korrektheit seiner Druckwerke bekannter Buchdrucker, der 1478 nach Bamberg zog. Auch der berühmte Astronom Joh. Regiomontanus (Joh. Müller aus Königsberg) errichtete in Nürnberg eine Druckerei und druckte deutsche und lateinische Kalender. Des grössten Namens als Buchdrucker und Buchhändler erfreute sich aber Antonius Koberger[13] (1473-1513). Er arbeitete mit 24 Pressen und beschäftigte über 100 Gesellen. Man kennt 220 aus seinen Pressen hervorgegangene Werke, beinahe alle in Folio-Format von bedeutendem Umfange, von grosser Korrektheit und Eleganz. Allein 19 Bibeln druckte er, darunter eine in deutscher Sprache mit gothischen Typen und mit denselben Holzschnitten ausgestattet, die bereits in Köln zu der niederdeutschen Bibel von 1480 verwendet waren.
Der Schatzbe-
halter.
Die Ausführung befriedigte jedoch Koberger nicht und gab ihm Veranlassung, Schritte zu thun, um künftig auf heimischem Boden stehen zu können. Wie rasch dies gelang, zeigt der 1491 erschienene „Schatzbehalter des Reichtums des ewigen Heils“. Die Holzschnitte sind zwar ungleich, je nach Fertigkeit der Holzschneider, aber die Zeichnungen, die unzweifelhaft Michel Wohlgemut angehören, sind durchweg mit Geschmack und künstlerischem Sinn ausgeführt, zugleich unter Innehaltung der Grenzen, welche die noch nicht vollendete Technik des Holzschnittes verlangte.
Schedels
Chronik.
Das 1493 sowohl in einer deutschen, wie in einer lateinischen Ausgabe erschienene „Buch der Chroniken und Geschichten“ des Doktor Hartmann Schedel ist als illustriertes Werk eins der merkwürdigsten Presserzeugnisse des xv. Jahrhunderts. Da ein Übereinkommen mit Wohlgemut und Wilh. Pleydenwurf über die Lieferung der mehr als 2000 in dem Buch enthaltenen Illustrationen (von den zweimal und öfter vorkommenden abgesehen) erst 1491 getroffen wurde, so sieht man, dass über bedeutende sowohl xylographische wie typographische Kräfte verfügt wurde. Zum Schluss des Werkes werden die angesehenen Nürnberger Bürger Sebald Schreyer und Sebastian Kammermaister als um die Förderung des Werkes verdient erwähnt, ohne dass jedoch über die Art und Weise etwas verlautet, vielleicht haben sie als reiche Kunstkenner die Kosten der Illustrationen getragen.
Bei dem Druck der „Reformation der Stadt Nürnberg“ (1475) wendete Koberger eine verschönerte halbgothische Schrift an, welche der nachherigen Fraktur sehr nahe stand und die später auch bei dem grossen Druckwerke „Leben der Heiligen“ (1488) benutzt wurde.
Kobergers grosse
Thätigkeit.
Die Wirksamkeit Kobergers als Verleger war eine so grosse — sein Katalog zählt allein 33 Bibeln auf —, dass die Kräfte der eigenen bedeutenden Offizin zur Herstellung aller Werke nicht zulangten und öfters andere Offizinen in Anspruch genommen werden mussten, namentlich die von Johannes Ammerbach in Basel. Aus Kobergers Briefwechsel[14] mit diesem zeigt sichs, wie umsichtig er für alles besorgt war, und mit Recht allgemein den Ruf eines ungemein fleissigen, ordnungsliebenden und pünktlichen Mannes genoss.
Selbst bei dieser grossen Verlagsthätigkeit ruhte Koberger nicht. Er trieb zugleich einen ausgedehnten Sortimentshandel, hatte an mehreren Orten Filialen und Agenten, ja es scheint sogar, als habe er sich auch mit anderen als buchhändlerischen Geschäften befasst. Diese seine Thätigkeit brachte ihm Ansehen und goldene Früchte. Auch im häuslichen Leben war er gesegnet und hatte von seinen zwei Frauen mehr als zwanzig Kinder, von denen einige ebenfalls eine bedeutende geschäftliche Wirksamkeit entfalteten. Er starb im J. 1513.
Bamberg.
Albr. Pfister.
In BAMBERG[15] wirkte Albrecht Pfister (geb. um 1420; gest. um 1470), von vielen für einen selbständigen Erfinder der Buchdruckerkunst und den Drucker der 36zeiligen Bibel gehalten. Als Beweis wird die Identität der Typen dieses Werkes mit denen des Bonerschen „Fabelbuches“ (1461), der „vier Historien“ (1462), sowie des „Belial“, welche Pfisters Namen tragen, angeführt. Dagegen spricht entschieden die typographisch sehr niedrig stehende Ausführung sämtlicher Druckwerke Pfisters. Wer die 36zeilige Bibel gedruckt hat, wird schwerlich als Künstler so tief sinken. Die Typen kann Pfister ja recht wohl von Gutenberg erworben haben.
Das Bonersche Fabelbuch (1461) enthält 88 sehr geringe Holzschnitte und wurde früher für das erste deutsche illustrierte Buch[16] gehalten. Die Priorität muss jedoch den: „Sieben Freuden Mariä“ und der „Leidensgeschichte Jesu“ (1450-1460) eingeräumt werden, die in künstlerischer Beziehung über dem Fabelbuch stehen. Ob letztere beiden Erzeugnisse der Pfisterschen Presse angehören, lässt sich nicht ermitteln. Unter diesen bleiben noch zu erwähnen: eine „Armenbibel“ deutsch (wahrscheinlich 1462), sowie dasselbe Werk lateinisch. Es enthält 17 Blätter in Folio mit 170 Holzschnitten. Mutmasslich hat Pfister keinen bleibenden Aufenthalt in Bamberg gehabt, denn in neunzehn Jahren, bis 1481, ist kein aus Bamberger Pressen hervorgegangenes Werk bekannt.
Johann Sensen-
schmid.
Der von Nürnberg nach Bamberg übergesiedelte Johann Sensenschmid (1482-1490) lieferte ein prachtvolles Missale ordinis S. Benedicti und später im Verein mit Heinrich Petzensteiner (bis 1491) das Missale ecclesiæ Ratisponensis, welches so grossen Beifall fand, dass der Drucker desselben mit vielen ähnlichen Aufträgen beehrt wurde.
Wien.
In WIEN[17] stand die 1365 begründete Universität in voller Blüte und der Kaiser Friedrich iii. war der Buchdruckerkunst wohl gewogen. Er hatte, wie erwähnt, Joh. Mentel in den Adelstand erhoben und die Kunst durch ihre und ihrer Verwandten Aufnahme in seinen und des Reiches Schutz und durch Verleihung eines Wappens[18] geehrt. Zu verwundern bleibt es umsomehr, dass erst 1482 in Wien gedruckt wurde. Allerdings waren die Zeiten nicht gerade die günstigsten. Im Jahre 1481 führte Matthias Corvinus von Ungarn zum drittenmale seine Heere nach Österreich; 1482 brach die Pest in Wien aus; 1485 zog Matth. Corvinus siegreich dort ein und behauptete seine Herrschaft bis 1490.
Aus dem Jahre 1482 stammen die ersten unbedeutenden Druckerzeugnisse Wiens ohne Namen und Datum. Bis zum Jahre 1492 zeigt sich keine weitere Spur vom Druck und erst von da ab kann man eigentlich von einer Buchdruckerkunst in Wien reden.
J. Winterburger.
In dem zuletzt genannten Jahre druckte Joh. Winterburger, aus Winterburg bei Kreuznach, A. Flacci: Persij Satire. Weder dieser Druck, noch die 1492 gedruckte Leichenrede Bernh. Pergers auf den Kaiser Friedrich iii. trägt die Firma Winterburgers und nur die Typen gestatten den Schluss, dass sie von ihm ausgeführt wurden. Da seine Druckerei damals eine sehr gut eingerichtete war, so ist es nicht unmöglich, dass sie schon 1482 bestand und dass die Drucksachen aus jener Zeit von ihm stammen, doch sind keine Beweise dafür vorhanden, und die lange Pause wäre nicht ganz leicht zu erklären. Erst 1493 kommt sein Name vor, zum erstenmale auf dem Ceremoniell zu dem „begencknus Kaiserlicher Maistat“, Friedrich iii. Kaiser Maximilian begünstigte Winterburger sehr und verlieh ihm die Führung des kaiserlichen Adlers[19]. Er verdiente aber auch jede Aufmunterung, denn er druckte kostbare Werke und förderte die Arbeiten nicht allein der Wiener Gelehrten. Er starb im hohen Alter (1519), in demselben Jahre wie sein Gönner, der Kaiser.
Köln.
Ulrich Zell.
In den West- und Nordmarken des Deutschen Reiches ist es ganz besonders KÖLN, das in den ersten Zeiten der Kunst die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Seine Lage machte es zum Mittelpunkte der Verbreitung des Buchdrucks im Norden Deutschlands und überhaupt Europas, und von dort gehen auch viele der typographischen Verbesserungen aus, z. B. die Anwendung der Signaturen, der Pagination, des eigentlichen Buchtitels und der Kolumnentitel, der kleinern Schriften und Formate. Viele der Buchdrucker, die mit Ruhm anderswo arbeiteten, erhielten ihre typographische Bildung in Köln. Schon im frühesten Mittelalter war es ein Sitz der Wissenschaft und der Kunst, und seine 1388 gegründete Universität bildete einen Hauptsitz der Theologie und der Philosophie. Ulrich Zell, ein berühmter Schönschreiber, Illuminator, Rubrikator und Schüler der Mainzer Offizin, war der erste Drucker Kölns. Seine frühesten Werke sind Chrysostomus: Super psalmo quinquagesimo und die Bulla retractionum Pii II., datiert Rom 16. März 1463. Von seinen vielen Meisterwerken verdient die lateinische Bibel in zwei Grossfolio-Bänden (wahrscheinlich aus dem Jahre 1470), besonders erwähnt zu werden. Die erste niederdeutsche Bibel, eins der berühmtesten und wertvollsten Erzeugnisse der Kölner Presse, gehört ohne Zweifel dem Nikolaus Götz (1474-1478). Sein Geschäftsnachfolger war Heinrich Quentell (1479-1500), der berühmteste Typograph Kölns und Stammvater einer hochangesehenen typographischen Familie.
Heinr. Quentell.
Solange die geistreichen Kombinationen Maddens nicht durch unwiderlegliche Thatsachen unterstützt werden, kann die von ihm angenommene grosse Druckanstalt und typographische Ausbildungsschule der fratres vitæ communis in Köln nicht der Geschichte eingereiht werden[20].
Münster.
Auf die erwähnte energische und werkthätige Korporation dürfte die erste Presse MÜNSTERS[21] zurückzuführen sein. Die Brüderhäuser in Köln und Rostock standen mit denen zu Münster in naher Beziehung und die ersten Pressen hier empfingen ihre Hauptnahrung von dem Humanismus. Der Name des ersten Druckers ist Johannes Limburgus, Aquensis (von Aachen), und der erste Druck: Kodri Kerkmeister, Comedia (1485). Mit dem nächsten Jahre verschwindet aber die Presse Münsters und taucht erst zu Anfang des xvi. Jahrh. wieder auf. Bei der dort herrschenden Gelehrsamkeit und Geistesthätigkeit bleibt nur die Vermutung übrig, dass die mit Münster eng verknüpften Städte Köln und Deventer, namentlich die letztere, dort Filiale errichtet haben; nur so lässt sich die grosse Druckthätigkeit Deventers erklären.
Die grösste Bedeutung als Drucker in Münster hat der bekannte Humanist Theodorik Tzwyvel. Von seinen vielen Druckwerken sind jedoch verhältnismässig nur wenige übrig geblieben und die Wiedertäufer, die seine Druckerei plünderten, haben gründlichst für die Zerstörung gesorgt.
Lübeck und
Hamburg.
In LÜBECK[22], welches eine tüchtige Pflanzschule für den Norden wurde, erschien 1498 die erste niederdeutsche Ausgabe des „Reineke de Voss“, von der das einzige bekannte Exemplar in Wolfenbüttel aufbewahrt wird. In HAMBURG[23] druckten 1491 die Brüder Hans und Thomas Borchardus. Aus dem xv. Jahrh. ist nur ein einziger Hamburger Druck bekannt: Laudes beate Marie virginis. Das Buch ist zwar sauber ausgeführt doch in seiner ganzen Ausstattung sehr einfach ja fast dürftig gehalten. Überhaupt scheinen die ersten dortigen Drucker auf keiner hohen Stufe gestanden und nicht mit besonderem Glück gearbeitet zu haben.
Magdeburg.
Ein überaus reges geistiges Leben entfaltete die reiche Stadt MAGDEBURG[24], wohin die neue Kunst durch Albert Ravenstein und Joachim Westfal, zwei Brüder des gemeinsamen Lebens, gebracht wurde. Sie lieferten 1483 und 1484 mehrere kleinere Schriften, dann aber auch ein grösseres, auf Laien berechnetes niederdeutsches Evangelienbuch in Folio. Westfal, der aus Stendal stammte, zog 1486 oder 1487 mit der Offizin nach dort; von Ravenstein hört man nichts weiter.
Eine staunenswerte Thätigkeit entfaltete Moritz Brandis, der von dem damals im Erzstift regierenden kunstsinnigen Erzbischof, Ernst, Prinz von Sachsen, aus Leipzig berufen wurde. Seine Offizin war mit zwölf Typengattungen und mit mindestens 9 Suiten von Initialen ausgestattet. Sein Meisterdruck ist die erste Ausgabe eines Missale in Folio; die zweite Stelle gebührt dem Halberstädter Breviarium in 8° von 1495.
Die Xylographie
in Magdeburg.
Besondere Beachtung verdient die Magdeburger Xylographie. Schon die ersten Drucke von dort zeigen Holzschnitte. Moritz Brandis lieferte 1492 einen Folianten mit vierzig, 1494 einen anderen mit elf Holzschnitten. Die meisten der, während eines Zeitraumes von siebzehn Jahren erschienenen Holzschnitte zeigen eine solche künstlerische Verwandtschaft, dass man auf die Abstammung von einem und demselben Künstler oder von einer und derselben Kunstanstalt schliessen muss. Dies wird noch bestätigt durch einen, im Kloster Zinna, dem einzigen Ort der Mark Brandenburg, ausser Stendal, der im xv. Jahrhundert eine Presse hatte, gedruckten „Marienpsalter“, ein für damalige Zeit seltenes Prachtwerk, das auf 116 Blatt in Quart nicht weniger als 189 vortreffliche Holzschnitte enthält[25].
Leipzig.
Andr. Friesner.
LEIPZIG[26], das später eine so wichtige Rolle in der Geschichte der Typographie spielen sollte, erhielt eine Druckerei erst zu einer Zeit, als manche andere Städte schon Bedeutendes geleistet hatten; ja es war nicht einmal die erste Stadt Sachsens, die die Kunst in ihren Mauern aufnahm, denn es giebt bereits Bücher aus dem Jahre 1473 mit dem Druckorte MERRSBORG[27]. Trotzdem ist die Einführungsgeschichte in Nebel gehüllt. Thatsache ist nur, dass Andreas Friesner, Sohn eines Ratsherrn in Wunsiedel, ein gelehrter Mann, der mit Sensenschmid in Nürnberg zusammen gewirkt hatte und 1479 nach Leipzig als Professor der Theologie berufen wurde, eine Buchdruckerei mit sich brachte. Ob er jedoch selbst gedruckt hat, oder ob er vielleicht seine Offizin einem der, als die frühesten bekannten, Buchdrucker Leipzigs übergeben hat, lässt sich nicht ermitteln. Im Jahre 1482 bekleidete Friesner die Stelle eines Rektors der Universität Leipzig. Er starb in Rom im Jahre 1504 und vermachte seine Presse dem Leipziger Predigerkonvent[28].
Erster datierter
Druck.
Ein datierter Druck ist erst aus dem Jahre 1481 bekannt, er trägt jedoch keine Druckerfirma. Es ist ein sehr sauber auf gutes Papier gedrucktes Bändchen in klein Quart, so frisch aussehend, als wäre es erst vor einem Jahrzehnt aus der Presse gekommen. Es führt den Titel: Johāis viterbiēsis: Glosa sup. Apocalipsim und das Impressum: Lipczk MCCCC LXXXI in pfesto michahelis. Der Schnitt der, namentlich durch ihre absonderlich geformten Initialen sich auszeichnenden halbgothischen Type ist derselbe, mit welchem das erste mit Namen des Druckers versehene Buch Leipzigs gedruckt wurde: Albici tractatulus de regimine hominis, welches von Marcus Brandis (1487) herrührt. Nicht weniger gut ist ein Benedictionale des Marcus Brandis aus dem Jahre 1487. Die Notensysteme sind rot eingedruckt, aber behufs handschriftlicher Einzeichnung der Noten leer gelassen. Für mit Marcus Brandis identisch wurde früher Moritz Brandis (1488-1498) gehalten, der, wie erwähnt, später nach Magdeburg zog.
K. Kachelofen.
Konrad Kachelofen, der langezeit für Leipzigs ersten Buchdrucker angesehen wurde, entwickelte eine grosse Thätigkeit von 1489 ab, in welchem Jahre er Joh. Widmanns von Eger: „Behende vnd hübsche Rechenung auf allen Kaufmannschaft“ druckte, ein Lehrbuch der elementaren Mathematik, in welchem auch einfache Holzschnitte vorkommen. Eine ausgezeichnete Leistung ist das im Jahre 1495 gedruckte Meissner Missale. 1495 zog Kachelofen, der in Leipzig herrschenden Pest wegen, nach Freiberg; die Leipziger Stadtbibliothek besitzt jedoch einen „Leipzig 1513“ datierten Druck von ihm.
Vor dem Schluss des xv. Jahrhunderts konnte Leipzig über 150 datierte Drucke aufweisen, abgesehen von den vielen undatierten.
[1] Worte eines Engländers H. Noel Humphreys, in seiner History of the art of printing.
[2] Es befindet sich je eins der Exemplare in Darmstadt, Dresden (nicht vollständig) und Wien (sehr schön und vollständig).
[3] J. Wetter, Conrad Henlif oder Henekies. Mainz 1851.
[4] Wir schlagen den geographischen Weg ein, ohne uns streng an die chronologische Folge der Einführung der Kunst zu halten.
[5] L. de Laborde, Débuts de l'impr. à Strassbourg. — J. D. Schöpflin, Vindiciae typographicae. Strassburg 1760.
[6] Die Bibliothek des Börsen-Vereins in Leipzig besitzt hiervon ein Exemplar.
[7] Nach Madden ist Mentelin aus der Offizin der „Brüder des gemeinsamen Lebens“ im Kloster am Weidenbach in Köln 1463 nach Strassburg gekommen. Alle Drucke mit den absonderlichen R, die man von vielen Seiten Mentelin zuschreibt, will Madden nach Köln verlegen.
[8] J. L. Äbi, Die Buchdruckerei in Beromünster. Einsiedeln 1870.
[9] D. A. Fechter, Beiträge zur ältesten Gesch. d. B. in Basel. Basel 1863 (B. Taschenbuch). — J. Stockmeyer und B. Reber, Beiträge zur Baseler Buchdruckergeschichte. (Herausg. von der Hist. Gesellsch.) Basel 1840. — Streuber, Neuere Beiträge zur Baseler Buchdruckergeschichte. Basel 1846.
[10] Dr. K. D. Hassler, Die Buchdrucker-Geschichte Ulms. Ulm 1840. — G. W. Zapf, Älteste Buchdruckergeschichte Schwabens. Ulm 1791.
[11] G. C. Mezger, Augsburgs älteste Druckdenkmale. Augsburg 1840. — G. W. Zapf, Augsburgs Buchdruckergeschichte. 2 Teile. Augsburg 1786.
[12] G. W. Panzer, Älteste Buchdruckergeschichte Nürnbergs. Nürnberg 1789. — J. Baader, Beiträge z. Kunstgesch. Nürnbergs. 2 Hefte. Nördlingen 1860-62.
[13] G. E. Waldau, Leben A. Kobergers. Dresden 1786. — Dr. O. Hase, Die Koburger. Leipzig 1869.
[14] Als Vorläufer einer zweiten Auflage seines Buches über die Koberger, zugleich als Weihgeschenk zu dem 25jährigen Jubiläum des, um die Geschichte des Buchhandels hochverdienten Dr. Albr. Kirchhoff, liess Dr. Hase (einer der Chefs der Firma Breitkopf & Härtel) ein: Brieffbuch der Koberger zw Nurmbergk, Leipzig 1881 (in 25 Expl.) erscheinen, das namentlich Briefe des Ant. Koberger an Joh. Ammerbach in Basel enthält. Diese Briefe erstrecken sich über die Jahre 1493-1509, werden aber von 1504 ab immer sparsamer und kürzer, der letzte und einzige Brief aus 1509, „dem Erbern weisen meyster Hanssen Froben zw bassell meinem Sundern gunstigen guten Freund“ geschrieben, schliesst, das Obengesagte von der Fürsorge Kobergers bestätigend: „Lieber meyster Hans jch bitt euch wollet gute Fass machen lassen Die starck vnd Dick von holcz sind wan es ist So grawsam wetter bey vnss von regen vnd von schne Das gleichen kein man gedenkt Jch hab euch gancz eyllet geschrieben Die furlewt seyn wegfertig“.
[15] Placidius Sprenger, Älteste Buchdruckergeschichte von Bamberg. Nürnberg 1800. — H. I. Jæck, Jubelschrift 1840. Erlangen 1840. Vergl. auch Kap. II, S. 29.
[16] Es ist hiervon nur ein Exemplar, in Wolfenbüttel befindlich, bekannt.
[17] M. Denis, Wiens Buchdr.-Gesch. bis 1560. Wien 1782. — Die österr. Buchdrucker-Zeitung 1873, Nr. 9 u. flg. enthalten sehr detaillierte „Beiträge zur Geschichte der Buchdruckerei in Wien“ bis auf die neueste Zeit.
[18] Das Buchdruckerwappen ist ein schwarzer Adler auf goldenem Schild, in der rechten Klaue einen Winkelhaken, in der linken ein Tenakel haltend; den Helmschmuck bildet ein Greif in halbem Körper, zwei Druckerballen an einander drückend. Merkwürdigerweise herrscht Zweifel, ob der ursprüngliche Adler der zweiköpfige Reichsadler gewesen oder ein einköpfiger. E. Bekkers Eintreten für den ersteren (in seiner Broschüre „Das Buchdruckerwappen“. Darmstadt 1837) stützt sich auf nur schwache Argumente. Von den von ihm angezogenen Quellen liegt keine weiter zurück als im Jahre 1730. Ein Frankfurter Messkatalog, also eine offiziöse Erscheinung, aus d. J. 1662 trägt auf dem Titel den einköpfigen Adler, ob es mit älteren der Fall ist, ist uns unbekannt. Auch Ernestis „Wohleingerichtete Buchdruckerei“, 1721, bildet den Adler einköpfig ab. Der Greif soll erst später durch Kaiser Ferdinand i. dem Wappen hinzugefügt worden sein.
[19] Auch hierin dürfte ein Beweis gegen den zweiköpfigen Adler im Buchdruckerwappen liegen; denn, dürfte jeder Buchdrucker diesen führen, so lag ja darin keine Bevorzugung Winterburgers.
[20] Vergl. die eingangs erwähnten: Madden, Lettres d'un bibliographe, zugleich IV. Kap. S. 68.
[21] J. B. Nordhoff, Denkwürdigkeiten aus dem Münsterschen Humanismus. Münster 1874.
[22] J. H. v. Seelen, Nachricht über die Bchdkst. Lübeck 1740. — Deecke, Einige Nachrichten etc. Lübeck 1834.
[23] J. M. Lappenberg, Gesch. d. Bchdkst. in Hamburg. 1840.
[24] L. Götze, Ältere Gesch. d. Bchdkst. in Magdeburg. Magdeburg 1872. Hierzu ein Supplement.
[25] Ein gut erhaltenes Exemplar besitzt die Stadtbibliothek in Thorn.
[26] J. H. Leich, De orig. typogr. Lipsiensis 1740. — J. J. Müller, Incunabula typogr. Lips. Leipzig 1720.
[27] Die Behauptung, dass dies nicht Merseburg sei, sondern Mörsburg am Bodensee, hat sich längst als unbegründet erwiesen.
[28] Dr. G. Wustmann in seiner Schrift: „Die Anfänge des Leipziger Bücherwesens“, 1879, hält dafür, dass die Kunst schon vor Friesner geübt wurde.
IV. KAPITEL. [[←]]
DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IM AUSLANDE.
Italien: Subiaco und Rom. Venedig. Foligno. Mailand. Florenz. Spanien und Portugal. Frankreich: Paris. Lyon. Die Niederlande: Die Histoires. Colard Mansion. England: William Caxton. Skandinavien: Dänemark. Schweden. Die slawischen Länder. Ungarn. Die Türkei.
Die Verdienste
der Italiener.
VOR allen fremden Ländern gebührt ITALIEN der hohe Ruhm, die Buchdruckerkunst zuerst aufgenommen, sie wesentlich verbessert, vervollkommnet und in edelster Weise verwendet zu haben, und mit diesem Ruhm, den man den Italienern in vollstem Masse zollen muss, könnten sie wohl zufrieden sein. Wenn sie jedoch noch im Jahre 1868 soweit gingen, ihrem Landsmann Pamphilo Castaldi als dem Erfinder der Buchdruckerkunst in seinem Geburtsorte Feltre ein Denkmal zu errichten, so verfielen sie aus missverstandenem Patriotismus in einen Irrtum, zu dessen Entschuldigung sich noch bei weitem weniger sagen lässt, als für die Ansprüche der Holländer.
Wie für die klassischen und bildenden Künste war Italien auch für die Poesie das gelobte Land und hatte bereits seinen Dante, Boccaccio und Petrarca hervorgebracht. Es waren namentlich die Höfe der Mediceer in Florenz und der Herzöge von Este in Ferrara, welche die Mittelpunkte der Kultur bildeten, an welchen die genannten grossen Sterne und noch manche zweiten Ranges glänzten. Die nach der Eroberung von Konstantinopel (1453) nach Italien geflüchteten Gelehrten nährten noch mehr den Sinn für die klassische Litteratur und fanden Unterstützung bei den aufgeklärten Fürsten, welche Pflanzschulen für die Wissenschaften und Bibliotheken gründeten und die Werke der griechischen Klassiker übersetzen liessen.
So war in Italien wie in keinem andern Lande der Boden für die neue Kunst geebnet. Bereits im Jahre 1480 hatten vierzig Städte Buchdruckereien, zumteil hervorragender Art, die namentlich mit der Herausgabe der Klassiker beschäftigt waren, während in dem Mutterlande der Typographie noch immer Gebetbücher und trockene Kompendien die hauptsächlichsten Druck-Erzeugnisse bildeten.
Conrad Sweyn-
heim und
Arnold Pannartz.
Conrad Sweynheim und Arnold Pannartz, wahrscheinlich zwei der überall hin verstreuten Schüler Gutenbergs, gründeten die erste Druckerei Italiens in dem Kloster SUBIACO. Das Städtchen Subiaco mit dem berühmten Stammkloster der Benediktiner liegt in unwirtlichster Berggegend 14 Stunden von Rom. Entfernt von der Stadt auf den höchsten nackten Felsen ragt das nur mit grossen Schwierigkeiten zu ersteigende Kloster. Der Kommandaturabt desselben, der Kardinal Johannes a Turrecremata, ein eifriger Bewunderer der Buchdruckerkunst, veranlasste durch einige Mönche deutscher Nation die Einberufung Conrads aus Schweinheim, bei Mainz, und Arnold Pannartz' aus Prag. Sie kamen 1464 an. Zuerst entstand ein Donatus, dann des Lactantius De divinis institutionibus (1465), des heiligen Augustinus De civitate dei (1467), und wahrscheinlich auch 1465 Ciceros De oratore[1].
Die römische
Schrift.
Der Lactantius war das erste Buch, welches in römischer Schrift gedruckt wurde. Die Kalligraphie hatte in Italien bereits zu den Zeiten der Römischen Kaiser eine hohe Stufe erreicht. Durch den Wechsel der herrschenden Völker in Italien änderte sich auch die Schrift vielfach. Als die Gothen im v. Jahrh. sich zu Herren Italiens machten, fingen die römischen Kapital-Buchstaben schon an, eine veränderte Gestalt anzunehmen; die eigentliche kleinere runde Kurrentschrift kam jedoch erst im viii. Jahrhundert auf. Nichts natürlicher, als dass Sweynheim und Pannartz sich dem nationalen und gefälligen Schriftsystem zuwendeten und für ihr Werk die römische Schrift annahmen, der sich die jetzige Antiqua fast ganz anschliesst. Ein in Paris befindliches Manuskript, welches 1459 in Italien geschrieben wurde, des heiligen Augustinus De civitate dei, zeigt ganz die Schrift, wie sie in dem Lactantius verwendet wurde. In dem ersten Bogen des Werkes ist, um die griechischen Zitate hineinzuschreiben, Raum gelassen; in den späteren Bogen wurden zum erstenmal griechische Typen verwendet, denn die Zitate in Schöffers Princeps-Ausgabe von Ciceros De officiis waren Holzschnitte.
Es zeigten sich jedoch bald die Schwierigkeiten einer so abgelegenen, schwer zugänglichen Lage und Sweynheim und Pannartz folgten daher gern der Einladung der beiden Brüder Pietro und Francesco Marquis von Massimi, nach ROM zu kommen; in deren Palast sie 1467 installiert wurden, zunächst um Ciceros Briefe zu drucken. In dieser Ausgabe findet man zum erstenmale die reine Antiqua, wie sie schon in den Manuskripten des viii. u. ix. Jahrh. vorkommt.
Pannartz und
Sweynheims
Unglück.
In den fünf folgenden Jahren entwickelten Sweynheim und Pannartz eine grosse, jedoch weit über ihre Kräfte gehende Thätigkeit, die sie dem geschäftlichen Ruin entgegenführte. Aus ihren Pressen gingen hauptsächlich Ausgaben der Klassiker hervor, unter anderen ein Livius (1469), von welchem ein Exemplar, 1815, mit nahe an 20000 Mk. bezahlt wurde. Rom war zwar ein Sitz der Gelehrsamkeit, lag aber ausserhalb des grossen Verkehrskreises. In dem Verhältnis, wie sich das Bücherlager von Sweynheim und Pannartz füllte, leerte sich ihre Kasse, und als sie den 5. Band der Bibelerklärungen des Nikolas de Lyra gedruckt hatten, waren sie ganz ohne Mittel. Der Herausgeber des Werkes, ihr Freund der Bischof Andr. Bussi, empfahl sie zwar dringend der Unterstützung des Papstes Sixtus iv. Das Gesuch, welches für die Buchdruckergeschichte deshalb ein besonderes Interesse hat, weil man daraus erfährt, dass die gewöhnliche Auflage eines Buches 275 Exemplare gewesen, von den populären Werken 550, hat jedoch entweder gar keinen oder keinen genügenden Erfolg gehabt und die Vereinigung ward aufgelöst. Sweynheim scheint sich nach der Trennung hauptsächlich mit Schriftschneiderei beschäftigt zu haben und machte auch die ersten Versuche, Landkarten für die Buchdruckerpresse in Kupfer hoch geschnitten herzustellen, um damit die Geographie des Ptolomäus zu drucken, erlebte aber nicht die Vollendung dieses ausgezeichneten Unternehmens, dessen letzte Platten von Arnold Bucking angefertigt wurden. Von Sweynheim hört man nach 1473 nichts mehr. Pannartz druckte bis 1476, um welche Zeit beide Teilnehmer gestorben zu sein scheinen.
Noch vor der Übersiedelung der Genannten nach Rom war Ulrich Han (Gallus) durch den Kardinal Torquemada nach dort berufen worden. Han druckte mit gothischer Schrift das erste Buch mit Holzschnitten in Italien, Torquemadas Meditationes (1467).
Venedig.
Nach VENEDIG kam die Buchdruckerei erst 1469, überflügelte jedoch in dem mächtigen Stapelplatz des Handels, wo zugleich Wissenschaft und Kunst blühten, bald die aller anderen Städte Italiens. Auch hier traten Deutsche als die ersten Buchdrucker auf. Johann von Speyer (Johannes de Spira) druckte 1469 als erstes, zugleich als Musterwerk, Ciceros Briefe. Sehr geschätzt ist auch sein Plinius, von dem ein Exemplar 1781 in Paris für ungefähr 4500 Mk. verkauft wurde. Seine Type nähert sich der Antiqua; in der Interpunktion wendet er Punktum, Kolon und Fragezeichen an. In einer Ausgabe des Tacitus, die jedoch möglicherweise von seinem Nachfolger herrührt, kommen arabische Zahlen als Pagination vor. Seine Verdienste wurden von dem Dogen, Pasquale Malipiero, so hoch geschätzt, dass man ihm das Privilegium als alleinigem Drucker auf venetianischem Territorium erteilte. Von diesem Privilegium, das glücklicherweise für die Verbreitung der Kunst nur ein persönliches war, sollte er jedoch keinen Nutzen ziehen, indem er 1470 starb. Sein Bruder Johann Wendelin von Speyer setzte das Geschäft fort und druckte viele elegante Klassikerausgaben; auch die erste italienische Bibel. Er verband sich mit Johann von Köln (1471-1487), der sich wieder später mit Nikolaus Jenson vereinigte.
Nik. Jenson.
Nach dem Erscheinen der Gutenbergschen Bibel war die Kunst in Paris nicht unbeachtet geblieben. Auf direkte Veranlassung des Königs Karl VII. erging am 3. Okt. 1458 eine Ordre an die königlichen Münzmeister, einen erfahrenen Mann nach Mainz zu senden, der die neue Kunst erlernen sollte. Die Wahl fiel auf Nikolaus Jenson, einen geschickten Graveur, dem es auch wirklich gelang, die Kunst sich zu eigen zu machen. Er kehrte jedoch nicht nach Paris zurück, sondern ging nach Venedig, wo er als einer der berühmtesten Buchdrucker von 1470-1481 wirkte. Er erkannte sofort die grosse Verwendbarkeit der Römischen Schrift, dabei jedoch auch die Mängel der vorhandenen Muster. Letztern half er ab, gab der Schrift noch mehr Rundung und brachte die schöne „lateinische Schrift“ zustande, die schnell zur allgemeinen Geltung kam und noch in solcher steht und stehen bleiben wird. Jensons Schrift wurde erst die venetianische genannt; in den italienischen Schriftproben heisst sie lettera antiqua tonda. Die Italiener behielten den Namen Antico. Deutschland und das nördliche Europa benannten sie Antiqua, Frankreich und Holland Romain (auch droit) Romeyn, England Roman.
Um dem Geschmack der Zeit Rechnung zu tragen, schnitt Jenson jedoch auch gothische Schriften, die sich ebenfalls durch ihre Schönheit auszeichnen. Auch eine griechische Schrift, jedoch ohne Versalien, rührt von ihm her. Seine Werke sind alle typographische Meisterstücke. Er starb reich und angesehen im Sept. 1481; selbst der Papst ehrte ihn und verlieh ihm den Titel eines Pfalzgrafen.
Erhard Ratdolt.
Unter den deutschen Buchdruckern in Venedig gehört in die erste Reihe Erhard Ratdolt (1476-1486), der bereits oben unter den Augsburger Buchdruckern genannt wurde; sein „Euklid“ (1482) in gothischer Schrift und reich ornamentiert, gilt als ein Meisterwerk ersten Ranges und verschaffte ihm nach vielen Seiten den ehrenvollsten Ruf. Dieses Werk ist das erste mit mathematischen Figuren ausgestattete. In den Prachtexemplaren davon kommt auch zum erstenmale Golddruck vor. Seinen Kunstsinn zeigte Ratdolt besonders durch Anwendung schön verzierter Initialen, die unter dem Namen litteræ florentes bekannt sind, und durch seine sehr fein in Holzschnitt ausgeführten Randverzierungen. Er war zugleich der erste, der Titelblätter in modernem Sinn allgemein aufnahm. Auch musikalische Werke mit beweglichen Typen führte er aus. Im Jahre 1486 folgte er dem Rufe des Bischofs Johann von Werdenberg und kehrte nach Augsburg zurück, wo er nur bis 1516 wirkte, wenigstens finden sich nach dieser Zeit keine Spuren einer geschäftlichen Thätigkeit.
Christoph Val-
darfer.
Noch ist Christoph Valdarfer, der später nach Mailand übersiedelte, zu nennen. In Venedig druckte er noch das Decamerone des Boccaccio, von welchem ein Exemplar im Jahre 1812 nach dem Tode des Herzogs von Roxburgh für 2260 £ Sterl. (über 45000 Mk.) verkauft wurde, die höchste Summe, die je für ein Buch gezahlt wurde.
Aldus Pius
Manutius.
Am Schluss des Jahrhunderts (1494) ging noch ein typographischer Stern erster Grösse in Venedig auf: Aldus Pius Manutius, dessen Glanz die nächste Periode erfüllt. Zu dieser Zeit waren gegen 150 Druckereien auf einmal in Venedig in Betrieb. Über 3000 Werke hatten bis dahin hier das Licht erblickt. Nimmt man die Auflage eines Werkes durchschnittlich auf nur 300 Exemplare an, und jedes Werk durchschnittlich zu zwei Bänden, so macht dies gegen zwei Millionen Bände.
Joh. Numeister.
Das Städtchen FOLIGNO im Kirchenstaate ist durch Zufall zu einer typographischen Rolle gekommen. Johann Numeister, ein Schüler Gutenbergs, suchte sein Glück in Italien und kam auf seiner Reise nach Rom durch Foligno. Ein angesehener Bürger dort, Emilianus de Orfinis, veranlasste ihn (1470), seine Presse in Foligno aufzuschlagen. Im Jahre 1472 erschien seine Prachtausgabe von Dantes Divina commedia. Numeister verwendete anfänglich die römische Schrift, später eine gothische, der Gutenbergschen Bibelschrift ähnliche.
Mailand.
MAILAND und FLORENZ bekamen die ersten Pressen durch Eingeborene. Über die Einführung in Mailand ist viel gestritten worden; es scheint jedoch unzweifelhaft, dass sie durch Philippus de Lavagna (1469) geschah. In Florenz lebte ein Goldschmied, Bernardo Cennini, der mit an Ghibertis berühmten Thüren gearbeitet hatte. Es schmerzte ihn, dass Italien gänzlich von Deutschland in der Buchdruckerkunst abhängig sein sollte. Er studierte deshalb genau die Drucke und Manuskripte und ging nun selbst daran, Stempel, Schriften, Pressen u. s. w. herzustellen, was ihm zwar gelang, jedoch unter solchen Opfern, dass er bald wieder zu drucken aufhören musste. Es scheint, als habe er die griechischen Schriften für den Homer geliefert, womit Demetrius Chalcondylas, ein von Candia ausgewanderter Grieche, im J. 1488 hervortrat[2]. Es dauerte aber nicht lange, dass kunsterfahrene Deutsche nach Florenz kamen, darunter Nikolas von Breslau, der 1477 Bellinis Monte Sancto di Dio druckte, das erste Werk mit Illustrationen in Metallplatten, da Sweynheims Ptolomäus noch nicht erschienen war. Noch bedeutender ist seine Ausgabe von Dante. Die Wirksamkeit der berühmten Familie Giunta gehört der folgenden Periode an.
Genua und an-
dere Städte.
Nach GENUA kam als erster Drucker Matthias Moravus („aus Olmütz“, 1474), die Schreiber petitionierten jedoch gegen die Konkurrenz und Moravus ging nach Neapel. In SONCINO druckte Abraham Colorito 1488 eine schöne hebräische Bibel mit reichen Ornamenten und Einfassungen. Die erste Offizin Siciliens wurde in MONTREALE bei Palermo 1472 angelegt. In FANO druckte 1514 Gregor Gregorio das erste arabische Buch.
Fünf Jahre nach der Ankunft Sweynheims und Pannartz' in Subiaco war die Kunst überall in Italien und zwar fast nur durch Deutsche eingeführt.
Spanien.
SPANIEN[3]. Obwohl die Gelehrsamkeit und die Wissenschaften in Spanien hoch in Ehren gehalten wurden, so fand die Einführung der Buchdruckerkunst doch verhältnismässig spät statt. Sie geschah dort, wie fast überall, durch Deutsche, die Lehrlinge unter den Eingeborenen ausbildeten, bis diese nach und nach die Plätze der Lehrmeister einnahmen.
Valencia.
Trotz aller inneren Kriege und der Strenge der geistlichen Zensur muss die Buchdruckerkunst doch manche Aufmunterung seitens hochgestellter und wissenschaftlich gebildeter Männer gefunden haben. Früher wurde allgemein die Historia Hispanica des Roderic Sanctius de Arevalo, Erzbischofs von Valencia, als das erste in Spanien gedruckte Werk betrachtet; es stammt jedoch aus den Pressen von Ulrich Han in Rom. Nachdem im J. 1470 VALENCIA eine Universität erhalten hatte, liess die Druckkunst nicht lange auf sich warten. Das älteste dort gedruckte Buch ist mutmasslich die, 1474 erschienene Sammlung von 36 Gedichten zur Ehre der heiligen Jungfrau; 1475 folgten ein Sallust und ein Dictionarium linguæ latinæ in fol.; sämtlich ohne Nennung des Druckers.
Lamb. Palmert.
Der erste datierte Druck ist eine Biblia sacra in fol. von Lambert Palmert (Palomar), einem Deutschen, begonnen im Febr. 1477, beendigt im März 1478. Von diesem Werk sind nur die vier letzten Blätter in einem Exemplar in den Archiven des Domes zu Valencia entdeckt worden. Wahrscheinlich ist die Auflage nach geistlicher Ordre auf das gründlichste vernichtet. Als Protektor oder Mitarbeiter Palmerts wurde der ausgezeichnete Astronom Alfons Fernandes von Cordova genannt. Palmert druckte bis 1494, um welche Zeit sich nicht wenige deutsche Drucker in Valencia etablierten.
Saragossa.
Aus SARAGOSSA findet sich ein, 1475 von Matthias Flander, wahrscheinlich einem fahrenden Buchdrucker, geliefertes Buch: Guidonis de Monte-Rocherii, manipulus curatorum vor. Der erste, fest in Saragossa etablierte deutsche Buchdrucker war Paulus Huros aus Constanz (1485-1499).
Sevilla.
In SEVILLA traten die ersten einheimischen Buchdrucker: Anton Martinez, Bartholomäus Segur und Alphons del Puerto zusammenwirkend auf zum Druck eines Sacramentale. 1480 fällt schon der Name Martinez weg; 1482 ist Alphons del Puerto allein zurück. Später folgen mehrere Deutsche, als: Paul von Köln, und Joh. Pegnizer aus Nürnberg. Das Tribunal der Inquisition hatte i. J. 1500 eine eigene Druckerei, aus welcher die Ordonnanzen des Grossinquisitors Didacus Deca hervorgingen.
Barcelona.
Aus BARCELONA ist mutmasslich: Th. von Aquino, commentar. in libros ethicor. Aristotelis von Petrus Brunus et Nicolaus Spindeler (1478) das erste Buch. SALAMANCA zeigt trotz seiner berühmten Universität erst zu Ende des xv. Jahrh. Drucke auf.
Unter Basel wurde bereits mitgeteilt, dass Friedr. Biel nach BURGOS ging und dort 1485-1517 druckte. Er war ein sehr tüchtiger und erfahrener Mann.
In dem Kloster auf dem Berge MONSERRAT druckte ein Deutscher Joh. Luschmer in den Jahren 1499-1500, und ging dann nach Deutschland zurück. Madrids Buchdruckergeschichte gehört der folgenden Periode an.
Portugal.
PORTUGAL verdankt den Juden die Einführung, den Deutschen die Fortbildung der Druckerkunst. Die portugiesischen Juden wurden seit jeher von ihren Stammesgenossen als eine Art Aristokratie betrachtet und hatten zu Ende des xv. Jahrhunderts durch ihre Bildung und Wohlhabenheit eine grosse Bedeutung erlangt.
Der Jude Mestre (Magister) Abraham d'Ortas druckte 1484 zu LEIRIA den Almanach. perpetuus ecclesiasticus astronomi Zacubi, den ältesten Druck Portugals. Ob der Sephar Orach Chaim (1485) in Leiria oder in Ixar in Spanien gedruckt wurde, ist wohl nicht ganz zu entscheiden. 1489 druckten die Rabbis Eliezer und Samuel Zorba in Lissabon des Rabbi Mosis Nachmanidis hebräischen Kommentar zum Pentateuch und das Sepher Thephilod (1495). Eliezers Sohn Zacchäus setzte das Geschäft fort.
Valentin
aus Mähren.
Um für den Druck christlicher Werke nicht auf Juden angewiesen zu sein, liess die Königin Eleonora, Gemahlin Johanns ii., die Buchdrucker Valentin aus Mähren (Valentin de Moravia oder Valentin Fernandes Allemão) und Nikolaus aus Sachsen nach LISSABON kommen. Valentin wirkte von 1495-1513 und wird servidor e empremidor de sua Alteza genannt. Er nahm durch seine Bildung eine angesehene Stellung ein, ward Sekretär für die lateinische Korrespondenz des Königs, Dom Manuel, und verfasste nach den Berichten des Seefahrers Diego Gomes zwei Schriften über dessen Reisen. Als 1496 das Edikt erschien, nach welchem es jedem Nichtchristen unter Todesstrafe verboten wurde, im Lande sich aufzuhalten, mehrte sich die Arbeit seiner Pressen, auch gaben die umgestalteten Justizverhältnisse, der rasch steigende Handelsverkehr und die Kolonialverwaltung, sowie die rege Missionsthätigkeit für die Kolonien viel zu thun. Eine seiner ersten Arbeiten war die, im Verein mit Nikolaus von Sachsen gedruckte Vita Christi des Karthäusermönches Ludolfo de Sachsonia (1495), welche auf direkte Veranlassung der königlichen Familie unternommen wurde. Nur ein einziges vollständiges Exemplar in der Lissaboner Bibliothek existiert. Unter den vielen Werken Valentins befindet sich eine, von ihm selbst besorgte Übersetzung der Reisen des Marco Polo. Nach 1506 verringert sich seine Thätigkeit und sein Name verschwindet 1513, ohne dass es bekannt ist, ob Tod, Geschäftsaufgabe oder Rückreise Veranlassung gewesen.
Hermann von
Kempen
in Setuval.
Im Jahre 1509 hatte sich Hermann von Kempen (Armão de Campos, Alemã) in Setuval niedergelassen. Später zog er nach Lissabon mit dem Titel empremidor und bombardeyro d'El Rei. Die Bombardiere bildeten eine aus hundert Mann bestehende Leibgarde des Königs, die viele Vorteile, als Freiheit von Steuern, vom Kriegsdienst, von Einquartierung, ausserdem einen nicht geringen Sold hatte. Da hauptsächlich Metallarbeiter, die selbst ihre Munition anfertigen konnten, wozu sie das Rohmaterial erhielten, in diese Garde gewählt wurden, so ist Hermanns Beruf als Schriftgiesser wahrscheinlich bei seiner Aufnahme bestimmend gewesen. Sein Hauptwerk ist das von Garcia de Resende herausgegebene Cancioneiro Geral, ein berühmtes Liederbuch, das die Poesien von 275 höfischen Dichtern enthält. Der Druck ist sauber und geschmackvoll in gothischer Schrift. Von diesem Buch sind nur ganz wenige unverstümmelte Exemplare übrig geblieben. Der König, Dom Fernando, übersandte das in seinem Besitz befindliche dem Stuttgarter Verein der Bücherfreunde behufs einer von Dr. v. Kausler 1846-1849 veranstalteten Ausgabe, welche dieses wichtige Werk der portugiesischen Nation erhalten hat.
Andere deutsche
Buchdrucker.
Als Valentins Wirksamkeit zu stocken begann, berief der König, Dom Manuel, Jakob Kromberger aus Sevilla nach Lissabon (1508) und verlieh ihm, wie allen fremden Buchdruckern, die sich in Portugal niederlassen wollten, den Titel Ritter des königlichen Hauses. Sie mussten jedoch den Besitz von 2000 Dublonen in Gold nachweisen und Altchristen (christãos velhos) sein.
Ob Johann Gerling, der 1494 in BRAGA druckte, auch auf königliche Veranlassung berufen wurde, oder ob er ein fahrender Buchdrucker war, lässt sich nicht bestimmen. Das von ihm gedruckte Brevier von Braga, seine einzige Leistung, ist deshalb besonders wichtig, weil es die Gebete und Hymnen nach dem Ritus der Mosaraber, einer Christengemeinde, die unter der Maurenherrschaft fast ohne jede Verbindung mit Rom fortbestanden hatte, enthält. Schliesslich siedelte noch im xvi. Jahrhundert Joãs Blavio de Colonia Agrippina (1554) als Hofbuchdrucker nach Lissabon über und druckte (bis 1556) 36 Werke.
Die älteren portugiesischen Drucke gehören zu den grössten bibliographischen Seltenheiten. Unter 739 Inkunabeln der Lissaboner Bibliothek sind nur 4 portugiesische. Die Bibliothek zu Oporto zählt 109 Inkunabeln, davon bloss 2 portugiesische.
Paris
Dass FRANKREICH[4], wo die Universität PARIS eine so grosse Anziehungskraft auf die ganze wissenschaftliche Welt ausübte, mit der Einführung der Buchdruckerkunst zurückblieb, muss hauptsächlich den ungünstigen politischen Verhältnissen nach dem Tode Karls vii. und der Thronbesteigung seines grausamen Sohnes Ludwigs xi. zugeschrieben werden, obwohl dieser, nach seiner Art, ein Freund der Wissenschaft war. So begünstigte er unter anderen auch Jean Fouchet von Tours, den bedeutendsten Illuminator damaliger Zeit, dessen Miniaturen in Josephus' „Jüdischen Altertümern“ in ihrer Art unerreicht sind. Dass der König an Schöffer einen Ersatz von 2425 Thaler für sein, von dem Gerichte mit Beschlag belegtes Bücherlager gewährte, zeugt auch von Interesse für die Kunst.
Ulrich Gering.
Der Anblick der gedruckten Bücher, die gebotene Möglichkeit, z. B. eine gedruckte Bibel für 50 Kronen kaufen zu können, veranlasste Wilhelm Fichet, Doktor an der berühmten theologischen Fakultät, der sogenannten Sorbonne, den Rektor der Universität Johann Heinlein, nach seinem Geburtsort Stein bei Constanz Johann von Stein genannt, zu bewegen, für die Einführung der Kunst Schritte zu thun. Stein berief demzufolge seinen Landsmann Ulrich Gering aus Constanz nach Paris. Gering, der die Kunst in Mainz gelernt hatte, brachte Martin Crantz von Basel und Michel Friburger von Colmar mit sich und errichtete die erste Buchdruckerei Frankreichs in den Gebäuden der Sorbonne. Das erste Buch, welches dort gedruckt wurde, waren die Briefe von Gasparino di Bergamo (1470), denen später ein rhetorisches Werk Fichets und mehrere Klassikerausgaben mit Kommentaren von Stein folgten. Für diese Werke bediente sich Gering, vielleicht unter dem Einflusse seiner Gönner von der Sorbonne, einer, der römischen Type Jensons ähnlichen Schrift. Als er aber später die Räume der Sorbonne verliess und seine Offizin nach der rue St. Jacques verlegte, nahm er die allgemein beliebte gothische Type an, die man Allemand, oder auch, nach den gebrochenen Ecken, lettres de forme nannte. Die kleinere Schrift, mit der man Schulbücher druckte, wurde nach der: Summa St. Thomæ, einem solchen Buche, lettres de somme genannt. Die grössern Anfangsbuchstaben hiessen lettres cadeaux, die runden Anfangsbuchstaben der Kapitel lettres tourneurs. Die gothische Schrift wurde auch von Peter Kaiser (Caesaris) und Johann Stoll, ebenfalls zwei Deutschen, die sich kaum drei Jahre nach Gering in Paris etabliert hatten, angewendet. Später bildete sich eine halbgothische Schrift aus, bis Jod. Badius 1501 die römische Type wieder einführte, die nun endgültig die herrschende blieb.
Gerings Wirken.
Durch das Beispiel mit Schöffers Faktor klug geworden, hatte Gering schon 1474 um Naturalisation nachgesucht, die ihm auch gewährt wurde. Crantz und Friburger gingen 1478 wieder nach Deutschland zurück und Gering nahm später Berthold Remboldt zum Teilnehmer, dessen Virgil so sorgfältig korrigirt war, dass er als fehlerfrei gilt. Ein Meisterwerk ist sein Corpus juris canonici, in fünf Spalten, mit verschiedenen Schriften, rot und schwarz, gedruckt. Gering erwarb sich ein bedeutendes Vermögen und vermachte dasselbe bei seinem Tode (1510) grösstenteils der Sorbonne.
Das erste „französisch“ in Frankreich gedruckte Buch Les grandes chroniques de la France stammt nicht aus Gerings Presse, sondern wurde 1476 von Pasquier Bonhomme gedruckt. Einmal aufgenommen, verbreiteten sich die Buchdruckereien rasch, es sind deren bis zum Jahre 1500 in Paris 66 bekannt.
Lyon.
In LYON führte Bartholomäus Buyer die Kunst (1473) ein. Das erste Werk war das „Compendium“ des Kardinal Lothar. Der eigentliche Drucker war jedoch nicht Buyer, sondern Wilh. Leroy, trotz des französischen Namens wahrscheinlich ein Deutscher (König). Mit dem Jahre 1477 verschwindet dieser Name und kommt erst 1488 wieder zum Vorschein. Einen bedeutenden Platz nimmt Joh. Trechsel ein, der, selbst ein gelehrter Mann, mit einer grossen Zahl von Gelehrten auf dem besten Fusse stand. Seine Tochter Thalie, die eine gelehrte Erziehung, wie es mit den Töchtern der Buchdrucker damaliger Zeit öfters der Fall war, genossen hatte, war mit dem berühmten Buchdrucker Joh. Badius verheiratet, der zusammen mit Joh. Lascaris als Korrektor für Trechsel gewirkt hatte.
Grosse Bedeu-
tung Lyons.
Die Druckkunst nahm in Lyon einen sehr schnellen Aufschwung und die Stadt hatte zu Ende des xv. Jahrhunderts schon 50 Buchdruckereien, aus denen gegen 400 Werke hervorgegangen waren. Viele hunderte von Setzern, Druckern und Giessern fanden dort Beschäftigung. Die Mehrzahl der Drucker waren deutschen Ursprungs. Die Papiermühlen produzierten grosse Quantitäten des vortrefflichsten Papiers. Der Buchhandel in der freien Messstadt Lyon war ein sehr bedeutender, welches damals dem Buchhandel das war, was ihm Leipzig heute ist, und mit Ausnahme von Venedig lieferte keine Stadt dem Buchhandel eine grössere Zahl von Büchern. Von dem Nachdruck hielt sie sich nicht frei, namentlich hatte Aldus unter diesem zu leiden.
Nach BORDEAUX brachte Michel Svirler aus Ulm 1486 die Druckerkunst.
Dierik Martens.
In den NIEDERLANDEN druckte wahrscheinlich Dierik Martens[5] 1473 zu AALST in Ostflandern das erste Buch, jedoch noch lange erhielt sich die Anfertigung der Manuskripte neben dem Druck von Büchern, die sich mit ihren rohen, ungeschlachten Holzschnitten nicht mit den prachtvollen Miniaturen messen konnten. Ein Zentralpunkt der Manuskriptmanufaktur war die reiche Handelsstadt BRÜGGE. Kunstlosere Manuskripte wurden zu sehr billigen Preisen hergestellt, während die kostbar ausgestatteten einen hohen Wert behielten. Jacques Raponde erhielt z. B. 500 Goldkronen für La legende dorée, ystorié de belles ystories. Ein Werk mit Miniaturen illustrieren, die sich auf den historischen Inhalt bezogen, nannte man historier, die Bilder selbst hiessen histoires. Eine grosse Stütze fanden die Illuminatoren in dem kunstsinnigen Burgundischen Hofe, namentlich war der mächtige Herzog Philipp der Gute ein grosser Liebhaber, der überall seine Agenten hatte, um seltene Bücher zu erwerben; auch unterstützte er die Umarbeitung älterer Werke in das neuere Französisch. Fraglich ist es sogar, ob er nicht die neue Kunst zuerst in Belgien einführte. Raoul le Fèvre hatte eine Bearbeitung der Iliade: Histoires de Troyes, geschrieben und 1464 dem Herzog ein prachtvolles Exemplar überreicht. Es fand so vielen Beifall, dass die Schreiber und die Illuminatoren nicht genug Exemplare schaffen konnten, und es ist nicht unmöglich, dass das Werk unmittelbar am Hofe des Herzogs gedruckt wurde. Karl der Kühne, der Sohn und Nachfolger Philipps, war zwar auch ein Freund schön ausgestatteter Manuskripte, aber seine kriegerischen Unternehmungen machten es ihm unmöglich, den Künsten des Friedens dieselbe Unterstützung zu gewähren, wie es sein Vater gethan.
Colard Mansion.
In Brügge war ein hervorragendes Mitglied der Künstlergilde, Colard Mansion[6], der Gründer der ersten Presse (1476). Er war als Illuminator, Autor und Drucker thätig und bediente sich in seinen Drucken einer eigentümlichen, nach französischen Handschriften gebildeten, semigothischen Type. Die holländischen Schriften damaliger Zeit waren im ganzen sehr roh. Nur Richard Paff in Deventer zeichnet sich durch eine schöne nationale Schrift (Duits) aus, die den Leistungen des berühmten Schriftschneiders Fleischmann im xviii. Jahrhundert wenig nachsteht.
Die Brüder des
gemeins. Lebens.
In DEVENTER entstand auch die Vereinigung der Brüder des gemeinsamen Lebens, welche um die Verbreitung des Sinnes für Bücherwesen und Buchdruckerkunst wesentliche Verdienste sich erworben hat. Zu den Städten, die durch ihre Beteiligung bei dem Bunde der Hansa eine Bedeutung erlangt hatten und wo ein frisches Leben blühte, gehörten die drei Hauptorte Oberyssels: Deventer, Zwolle und Kampen. Namentlich genoss Deventer ein gutes Ansehen.
Hier lebte Gerhard Groote (Gerhardus magnus)[7], geboren 1340 aus einer dortigen Patrizier-Familie. Gerhard bildete sich erst in Paris, dann in Köln aus, trieb scholastische Philosophie, Gottesgelahrtheit und Magie und lehrte in uneigennützigster Weise unter einem ansehnlichen Zulauf. Da fasste er plötzlich den Entschluss der Welt abzuschwören, ohne jedoch in einen geistlichen Orden zu treten, denn er wollte „keine Seele eines Menschen auf seine Verantwortlichkeit nehmen“. Öffentlich verbrannte er seine kostbaren magischen Bücher und nahm ein einfaches Diakonat an, welches ihn berechtigte öffentlich zu lehren.
Gerh. Groote.
Seine Hauptaufgabe ward es nun, den, das Volk verdummenden Einfluss der Bettelmönche zu untergraben. Seine Predigten in Deventer und an anderen Orten waren so stark besucht, dass die Kirchen die Menge nicht fassen konnten und er im Freien reden musste. Selbstverständlich war die Wut der Bettelmönche gegen ihn eine grosse, und es gelang ihnen auch, ein Verbot gegen das Predigen Grootes zu erwirken. Dieser unterwarf sich demütig, um durch Übersetzen und Unterweisung der reiferen Jugend zu wirken. Er lehrte seine Schüler Bücher abzuschreiben und damit etwas Geld zu ihrem Unterhalte zu verdienen. Bei der steigenden Arbeit hatte er in Floris Radewynzoon (Florentinus Radewini) eine vortreffliche Stütze. Was dieser mit den Schülern verdiente gab er an Groote ab. „Was hindert uns“ — rief Florentinus einmal aus —, „dass wir und diese Brüder vom guten Willen (fratres bonæ voluntatis) die Früchte unserer Arbeit zusammenlegen und uns als Brüder zu einem frommen gemeinsamen Leben (fratres vitæ communis) verbinden?“
Hiermit war der Gedanke einer freiwilligen Vereinigung ohne klösterliches Gelübde ausgesprochen, um zugunsten der Bildung und der Wissenschaft die Zeit zu verwenden und das Erworbene in eine gemeinschaftliche Kasse niederzulegen, aus welcher die Bedürfnisse aller bestritten wurden. Auch eine gleichmässige Kleidung bezeichnete die Brüder als solche.
Groote selbst sollte die eigentliche Ausbildung der Gesellschaft der Brüder nicht erleben; er starb, indem er liebevoll andere pflegte, an der Pest am 20. Aug. 1384. Die Stiftung in Deventer hob sich mehr und mehr. Florentinus fand in dem gebildeten Gerhard von Zütphen eine wesentliche Hülfe. Andere Städte folgten dem Beispiel Deventers, so Delft und Münster. Der Neid veranlasste Verfolgungen; die Brüder wurden bei dem Papste Martin v. als der Todsünde schuldig, als Mörder und als falsche Propheten denunziert, jedoch freigesprochen, und eine Bulle Eugens iv. aus dem Jahre 1431 bedrohte denjenigen, der dem Wirken der Brüder etwas in den Weg legte, mit dem Banne.
Nach der Erfindung der Buchdruckerkunst nahmen die Brüder, statt des Abschreibens, das Drucken in die Hand und erwarben sich namentlich in Holland, in Westfalen und in den Nordwestmarken Deutschlands grosse Verdienste um die Anlegung von Druckereien. In Deventer, wo die Schule zum Schluss des ersten Drittels des XVI. Jahrhunderts ihre höchste Blüte erreichte, war dies zwar nicht der Fall, vielleicht weil Paffs Druckerei einen ausgezeichneten Rang einnahm, dagegen in Gouda, Brüssel, Löwen, an welchem letzteren Ort die Druckerei jedoch nicht reussierte, sodass die Brüder sich wieder dem Abschreiben zuwendeten[8].
Haarlem.
HAARLEM erhielt 1483 seinen ersten Buchdrucker Jakob Bellaert. Nach einem langen Zeitraume, in welchem Haarlem keine Buchdruckerei hatte, associiert sich 1561 Jan van Zuren mit Dirk Volckharts Coornhert zur Errichtung einer solchen. In einem Empfehlungsschreiben an den Rat zu Haarlem vindiziert letzterer der Stadt die Ehre der Erfindung und auch sein Socius erzählt hiervon, jedoch ohne den Namen des Erfinders zu nennen. Zu diesen gesellt sich ein Florentiner Luigi Guicciardini, der sich 1550 in Antwerpen aufhielt und eine Beschreibung der Niederlande herausgab, in der viele Erzählungen von Meermännern und Meerweibern, die in Haarlem gelebt haben, enthalten sind. Auch dieser berichtet, dass die Buchdruckerkunst in Haarlem erfunden sei, lässt jedoch die Wahrheit dahingestellt.
Koster-Legende.
Diese Nachrichten wurden nun oft nachgeschrieben und jeder neue Abdruck als ein neuer Beweis für Haarlem ausgebeutet. Indes wären diese Mythen wahrscheinlich längst vergessen, wäre nicht Hadrianus Junius (Adrian de Jonghe), Doktor und Rektor zu Haarlem, aufs neue als Vertreter der Erfindungsrechte Haarlems aufgetreten und zwar unter genauer Angabe des Namens, Zunamens, der Wohnung des Erfinders und der Jahreszahl der Erfindung. In seinem, auf Veranlassung der Deputation der Stände von Holland geschriebenen Werke: Batavia, das von grossartigen Fabeln wimmelt, erzählt er, dass Laurenz, Johanns Sohn, mit dem Beinamen Koster (Küster), beim Spazierengehen in einem Wäldchen bei Haarlem Buchstaben aus Baumrinde als Spielzeug für seine Enkel geschnitzt habe. Ein zufälliger Abdruck eines solchen Buchstabens veranlasste ihn, der ein Mann von grossem Verstand war, mit seinem Schwiegersohne Thomas Peter weitergehende Entwürfe zu machen und schliesslich die Buchdruckerkunst in optima forma zu erfinden und zu betreiben.
Das Geschäft erweiterte sich und warf reichlichen Gewinn ab. Unter seinen Gehülfen befand sich jedoch ein ungetreuer Diener, „Johannes, wahrscheinlich Faust“. Dieser steckte am Christabend, während der Meister und seine Familie in der Kirche war, die Offizin in den Sack, und fort war er, als man nach den Feiertagen die Druckerei wieder eröffnete. Hadrianus Junius erinnert sich ganz genau, dass ein alter ehrwürdiger Mann mit langen weissen Haaren, Namens Nikolaus Gelius, erzählt habe, wie „er“ sich wieder erinnere, in „seiner“ Jugend von einem gewissen Buchbinder, Cornelius, damals ein Mann von 80 Jahren, die Geschichte gehört zu haben, und dass letzterer, wenn er von dem Räuber erzählte, jedesmal bitterlich geweint habe.
Das ist die Koster-Legende, die so viele Federn in Bewegung gesetzt, so viele Bitterkeit hervorgerufen und Kosters Manen zwei öffentliche Denkmäler eingebracht hat. Die Holländer haben, wie aus dem nächsten Abschnitt hervorgehen wird, so viele wahrhaft grosse Verdienste um die Buchdruckerkunst, die von der ganzen gebildeten Welt freudig anerkannt werden, dass sie ohne Nachteil ihren Koster-Missgriff zugeben können[9].
Nachdem über die Einführung der Kunst in ENGLAND vieles hin und her gestritten worden, kann es jetzt als feststehend betrachtet werden, dass sie im Jahre 1477 durch Caxton stattfand.
William Caxton.
William Caxton[10] wurde in der Grafschaft Kent geboren. Da er im Jahre 1438 bei einem der angesehensten Kaufleute der City, Robert Large, in die Lehre kam und eine solche Lehre gewöhnlich sieben Jahre dauerte und mit dem 24. Jahre endigte, so ist, wenn wir diese Zahlen für Caxton gelten lassen, sein Geburtsjahr etwa 1421.
Caxton am Bur-
gundischen Hof.
Nach der Vermählung des Herzogs von Burgund, Karl des Kühnen, mit der Schwester Edwards iv. von England, Margaretha, war es das eifrigste Bemühen der englischen Regierung, die zum Nachteil beider Länder erloschenen Handelstraktate wiederherzustellen. Caxton, der in Brügge lebte, wo die Engländer eine „Nation“ bildeten und eine angesehene Stellung als Geschäftsmann und Gouverneur (etwa Konsul) einnahm, war einer der drei Abgeordneten, die zum Zweck der Unterhandlung nach dem Burgundischen Hoflager gesandt wurden, wo er bald eine persona grata wurde, die namentlich bei der Herzogin so hoch in Gunst stand, dass sie ihn bewog, in ihren Dienst zu treten. In diesem fand Caxton Musse genug, mit litterarischen Arbeiten, denen er stets zugethan gewesen, sich zu beschäftigen. Im Jahre 1469 begann er die Übersetzung des schon erwähnten Buches Raoul le Fèvres: Histoires de Troyes und auch die englische Übersetzung fand, wie das Original, so grossen Beifall, dass Caxton den Entschluss fasste, es durch den Druck vervielfältigen zu lassen. So erschien in den Jahren 1473 bis 1474 im Druck das erste englisch geschriebene Buch: The recuyell of the historyes of Troy, 351 Folio-Seiten. Früher hielt man allgemein dafür, dass dies Buch den Pressen Ulrich Zells in Köln entstamme, doch sprechen viele äussere und innere Zeichen dafür, dass es ein Werk Colard Mansions in Brügge sei. Während des Druckes seiner Übersetzung scheint nun Caxton sich mit der Technik der Buchdruckerkunst vertraut gemacht zu haben und der Entschluss bei ihm gereift zu sein, seinem Vaterlande die Kunst zuzuführen. Nach einer Abwesenheit von 35 Jahren kehrte er nach LONDON zurück, den kostbaren Schatz einer Druckerei-Einrichtung mit sich führend.
Caxtons Thätig-
keit in London.
Das erste Buch von Caxton, welches von ihm mit einem vollständigen Impressum versehen wurde, ist: The dictes and sayings of the philosophers, das im November 1477 erschien. Seine Offizin war in Westminster gelegen, jedoch nicht in der Abtei selbst. 15 Jahre wirkte er noch als Drucker, zugleich als Übersetzer und Bearbeiter eines grossen Teils der von ihm gedruckten Schriften, deren Zahl 94 beträgt inkl. 7 Drucke, die er bereits in Brügge hat ausführen lassen, und 3, die erst nach seinem Tode erschienen. Da unter diesen nicht weniger als 33 Unica sind, zumteil nicht einmal im vollständigen Zustande, so ist anzunehmen, dass die Zahl der Erzeugnisse seiner Pressen eine noch wesentlich grössere gewesen ist. Die umfangreichsten sind: Chaucers Canterbury tales in zwei Auflagen von je 742 und 622 Seiten; Polychronicon, 890 Seiten; The noble history of King Arthur, 862 Seiten; und The golden Legend, 892 Seiten. Letzteres mit vielen Illustrationen versehene Buch, von dem kein vollständiges Exemplar erhalten wurde, muss als Caxtons Hauptwerk betrachtet werden. Die Technik sowohl als die Korrektur seiner Bücher waren höchst mangelhaft und die Holzschnitte sehr untergeordneter Natur, wie überhaupt damals von Kunst und Künstlern in England nicht zu reden war.
Aus dem gesagten geht hervor, dass Caxton nicht einer der begeisterten Jünger Gutenbergs war, wie sie in anderen Ländern in nicht geringer Zahl getroffen wurden, welche die Kunst ihrer selbst wegen liebten. Er war ein praktischer Engländer und Geschäftsmann, der nicht den Wissenschaften Opfer brachte oder seine Ehre in korrekten, geschmackvollen Ausgaben der Klassiker suchte, sondern Bücher druckte, von welchen er einen tüchtigen Absatz und raschen Gewinn hoffen durfte. Kann aus den wenigen Exemplaren, die von seinen vielen Büchern auf die Gegenwart gekommen sind, auf die Aufnutzung geschlossen werden, so hätte er nicht falsch gerechnet. Im ganzen existieren 5-600 Exemplare seiner Druckwerke, die sich fast ausnahmslos in englischen Händen befinden und grösstentheils mit den höchsten Preisen erworben wurden. Für ein nicht vollständiges Exemplar von: The historyes of Troy wurde in der Versteigerung des Herzogs von Roxburgh 1060 £ Sterl. 10 s. über (21000 Mark) gezahlt.
Caxtons Tod.
Caxton starb, geehrt und geachtet, gegen Ende des Jahres 1491. Wenn die Engländer ihn und seine Werke, obwohl sie typographisch auf einer niedrigen Stufe stehen, so hoch halten und im Jahre 1877 sein vierhundertjähriges Jubiläum so glänzend begingen, so zeigten sie damit eine, sie selbst ehrende Dankbarkeit gegen einen Mann, der ihnen die Wohlthaten der Presse, die in keinem anderen Lande sich grösser als in England erwiesen, teilhaft werden liess.
Es erübrigt, einen Blick auf SKANDINAVIEN zu werfen.
„Der gothische Sprachstamm ist eine Lyra, deren Saiten zwischen den österreichischen Alpen und den skandinavischen Bergen gespannt sind, und es lässt sich nicht in Abrede stellen, dass Vieles, dessen Wert nicht hoch genug geschätzt werden kann, von Deutschland kam. Von dort erhielt der Norden die Buchdruckerkunst, von dort die Reformation.“
Die Runen.
Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen im Norden waren in Stein gemeisselte oder in Holz geschnittene Runen. Noch wichtiger für das spätere Kulturleben waren die Sagen und Lieder, die von Mund zu Mund, von Generation zu Generation sich verpflanzten. Selbst nach Einführung des Christentums hatte das neue Alphabet einen harten Kampf mit den Runen zu bestehen und noch im Jahre 1547 kamen Fälle der Benutzung solcher vor.
Dänemark.
Nach DÄNEMARK[11] brachten deutsche Mönche die ersten Bücher. Die Bildung unter der dänischen Geistlichkeit war nicht gross, obwohl die Universität Paris stark von Dänen besucht wurde. Stationarii und librarii hatte Dänemark nicht aufzuweisen. Das erste Buch: eine lateinische Beschreibung der Belagerung von Rhodos, wurde in ODENSE auf der Insel Fühnen im Jahre 1482 von einem fahrenden deutschen Buchdrucker, Johann Snell, gedruckt.
G. van Gehmen.
Im Jahre 1485 druckte Steph. Arendes in Schleswig: Missale Slesvicense. Die Hauptstadt des Reiches, KOPENHAGEN, erhielt erst 1490 eine Offizin durch Godfred van Gehmen van Os, der früher in Gouda in Holland gewirkt haben soll. Nur 19 Bücher können mit Sicherheit als aus seinen Pressen hervorgegangen bezeichnet werden. Das bekannteste darunter ist: Dansk Rimkrönike, welche in den Jahren 1495-1508 viermal aufgelegt wurde und das einzige in dänischer Sprache gedruckte Buch aus dem xv. Jahrhundert ist. Gehmens Type ist eine sehr hübsche und sein Druck ein guter. In RIPEN in Jütland druckte 1504 Matthäus Brand aus Lübeck, der später nach Kopenhagen zog. Ihm folgte Povel Räff, früher Rektor der Universität, der erste Däne, der die Buchdruckerei betrieb.
Schweden.
In SCHWEDEN druckte (1483) der aus Dänemark gekommene Johann Snell das erste Buch: Dialogus creaturum moralizatus. Auf Snell folgte Johann Fabri mit dem Breviarium Strengnense 1494, während Fabris Witwe 1496 das Breviarium Upsalense vollendete. Von da ab tritt eine Unterbrechung von über 50 Jahren ein, in welcher man von der Kunst in Schweden keine Spuren findet.
Auch Ungarn und die Slawischen Länder[12] eigneten sich bald die neue Erfindung an.
Ungarn.
UNGARN stand zur Zeit der Erfindung unter dem Scepter des aufgeklärten und sich für die Wissenschaften sehr interessierenden Königs Matthias Corvinus. Derselbe hatte mit grossen Kosten unter Mitwirkung des bekannten Joh. Regiomontanus seine berühmte Bibliothek einrichten lassen. Wenn auch die Angabe der Bändezahl auf 50000 jedenfalls eine äusserst übertriebene ist, so war sie doch für damalige Zeit eine höchst bedeutende. Berühmt waren auch die vorzüglichen Einbände, die noch heute als grosse Schätze bei den Sammlern gelten.
Der Kanzler Ladislas Gerab berief einen, damals in Italien weilenden deutschen Buchdrucker Andreas Hess nach OFEN, wo er auf Kosten des Königs die Chronica Hungarorum (1473) druckte. Der Typencharakter dieses gut ausgeführten Werkes ist der der Antiqua. Da man von Hess nur noch ein sehr mittelmässiges Buch ohne Datum: Magni Basilii de legendis poetis libellus kennt, so wird man versucht, diesen Druck für einen früheren als die Chronica zu halten.
Unter den Nachfolgern des Matthias schwand die geistige Blüte. Auch die berühmte Bibliothek ging nach und nach zurück und litt durch Vernachlässigung, Diebstahl u. s. w. grosse Verluste, so dass sie bereits sehr von ihrem Glanze heruntergekommen war, bevor die Eroberung Ofens durch den Sultan Soliman den Prächtigen ihr den vollständigen Ruin brachte, indem vieles verwüstet, der Rest nach Konstantinopel geführt wurde, von wo aus später einiges, namentlich als Geschenke der Sultane, nach Wien und Pest zurückkam.
Böhmen.
Auch BÖHMEN und POLEN standen zur Zeit der Erfindung der Kunst auf einer hohen Stufe der Kultur. Prag liess sich in der Aufnahme der Kunst von PILSEN überflügeln, von wo aus schon aus dem Jahre 1475 ein Neues Testament in böhmischer Sprache stammt. Zwar trägt ein Buch, Guido de Colonnas trojanischer Krieg, die Jahreszahl 1468, doch bezieht sich diese wohl nur auf die Zeit der Abfassung des Manuskripts. Die Schriften in diesem Werk sind eben so schön, wie die Ausführung eine liederliche ist. PRAG folgte im Jahre 1478 mit: Statuum utraquestorum articuli. 1488 erschien die erste Bibel in der Landessprache; die zweite, mit Holzschnitten illustriert, wurde 1489 in der kleinen Bergstadt KUTTENBERG durch den gelehrten Martin von Tissnova gedruckt, der später Dekan der philosophischen Fakultät in Prag wurde. An diese Stadt knüpft sich eine der lächerlichsten Gutenberg-Legenden, nach welcher Johann Faust das Licht der Welt in Kuttenberg erblickte, eine Legende, die noch im J. 1840 Verteidiger aus missverstandenem Patriotismus fand. Dieser Faust soll in Prag studiert, in Mainz aber seiner Vaterstadt zu Ehren sich Johann Kuttenberger genannt haben.
Polen.
In KRAKAU, dem Sitz der Wissenschaften und der Kunst in Polen, druckte zuerst Swaybold Frank 1491; er lieferte auch russische Werke. In RUSSLAND soll 1493 in TSCHERNIGOW gedruckt worden sein und zwar Werke in illyrischer Sprache mit cyrillischen Schriften. Diese Schrift, deren sich die Süd- und Ostslawen schon im ix. Jahrh. bedienten, war von dem Bischof Cyrillus und seinem Bruder Methodus erfunden.
Türkei.
Selbst die TÜRKEI, wo die Ausübung der Buchdruckerei durch den Sultan Bajazet ii. 1483 unter Todesstrafe verboten war, hat Drucke aus dem xv. Jahrh. aufzuweisen, die von Juden ausgeführt wurden. Eine hebräische Geschichte des Josephus Ben Gorion trägt das Impressum Konstantinopel 1490.
[1] Nach Charles Fumagalli: Dei primi libri a stampa in Italia. Lugano 1875 soll Cicero vor dem Lactantius von Sweynheim und Pannartz gedruckt sein. — Ed. Frommann: Aufsätze zur Gesch. d. Buchhandels. 2. Heft. Jena 1881.
[2] F. Fantozzi, Notizie di B. Cennini. Florenz 1839.
[3] Francesco Mendez, Tipografia española. 2. Ed. Madrid 1861-66. — J. F. Nee de la Rochelle, Recherches historiques et critiques sur l'établiss. de l'art typographique en Espagne et en Portugal. Paris 1830. — Vincent Salva, Catalogue of Spanish and Portuguese books. 2 vols. London 1826-1829. — Deutsche Buchdrucker des xv. u. xvi. Jahrh. in Portugal (Augsb. Allgem. Zeit. 1878, Nr. 49).
[4] P. Lacroix, E. Fournier et F. Seré, Hist. de l'impr. et des arts et professions, qui se rattachent à la typogr. Avec fig. Paris 1852.
[5] J. de Gand, Recherches sur la vie etc. de Thierry Martens. Aalst 1845. — A. F. van Iseghem, Biogr. de Th. Martens. 2. Ed. Aalst 1856. — J. W. Holtrop, Th. Martens. Haag 1867.
[6] de Praet, Notice sur C. Mansion. Paris 1829. — C. Mansion et les imprimeurs Brugeois du XV siècle. Brügge 1848.
[7] G. H. M. Delprat, Verhandeling over de Broederschap van G. Groote etc. Utrecht 1830. In deutscher Bearbeitung von Dr. G. Mohnike. Leipzig 1840.
[8] Dass die „Brüder des gemeinsamen Lebens“, nach ihren hohen Kopfbedeckungen auch „Kogelherren“ genannt, die früher Gutenbergische Druckerei nach Bechtermünzes Tod erwarben, lasen wir schon S. 35.
[9] G. Meermann, Origines typr. 2 Bde. Haag 1765. Ausserdem eine grosse Anzahl mehr oder weniger wertvoller Parteischriften, deren Aufzählung nur für wenige Leser Interesse haben dürfte.
[10] W. Blades, The biogr. and typogr. of W. Caxton, 2., einfachere Ausg. London 1877. — W. Blades, How to tell a Caxton. London 1870. — Caxton Celebration 1877. London 1877. — F. C. Price, Facsimiles illustrating the labours of W. Caxton. London 1877. — Fast alle Hauptwerke Caxtons sind entweder in typographischen oder in photographischen Reproduktionen erschienen.
[11] C. Nyrop, Bidrag til den danske Boghandels Historie, 2 Bde. Kopenhagen 1870. — G. F. Ursin, Bogtrykkerkunstens Opfindelse og Udvikling. Kopenhagen 1840. — J. H. Schröder, Incunabula artis typ. in Svecia. Upsala 1842.
[12] Ludw. Fischer, König Matthias Corvinus und seine Bibliothek. Wien 1878. — Joh. Németh, Mem. Typographiarum inclyti regni Hungariæ et magn. principatus Transsilvaniæ. Pest 1818. — Jos. Dobrowsky, Über die Einführung und Verbreitung der B. in Böhmen. Prag 1782. (Abhdl. einer Privatgesellsch. V. Bd.) — G. S. Bandtkie, De primis Cracoviæ etc. incunabulis dissert. brevis. Krakau 1812. In polnischer Sprache lieferte Bandtkie mehrere wertvolle Werke über die Typographie Polens.
V. KAPITEL. [[←]]
DIE TECHNIK DER BUCHDRUCKERKUNST UND DIE LITTERARISCHE PRODUKTION.
Die Technik. Schriftgiesserei. Satz. Druck. Korrektur. Die Pressen. Die Farbe. Die Ausschmückung der Bücher. Das Pergament und das Papier. Die Buchbinderkunst. Die Litterarische Produktion. Der Buchhandel. Die Zensur.
Schriftgiesserei.
DIE SCHRIFTGIESSEREI[1], die wichtigste aller der zum Druckgewerbe gehörenden Beschäftigungen, ist zugleich diejenige, deren Anfange uns am unbekanntesten geblieben. Dies ist jedoch sehr erklärlich, denn gerade in diesem Teil der Thätigkeit lagen der Schwerpunkt und das eigentliche Geheimnis der Typographie. Eine Zeichnung von Jost Amann[2] aus dem Jahre 1568 zeigt uns einen Giesser, vor einem niedrigen Ofen sitzend, in welchen die Giesspfanne eingelassen ist. Werkzeuge liegen umher. Neben dem Giesser steht die Mulde mit fertigen Typen, an welchen der Anguss noch haftet. Auf einem Wandbrett sind Siebe, Tiegel und Giessinstrumente gereiht. Die Siebe dienten ohne Zweifel dazu, den Sand fein zu sieben, in welchem sowohl die Metallstangen als auch die grossen Buchstaben geformt wurden. Die äussere Gestalt des Giessinstruments weicht etwas von der des jetzigen ab und nähert sich der eines Stereoskop-Apparates. Eine Feder zum Halten der Mater ist nicht zu erblicken, dagegen bemerkt man ein Loch an der Seite des Instruments, durch welches jedenfalls die Mater gesteckt wurde, so dass sie festlag, solange der Guss des Buchstabens dauerte. Die erwähnte Abbildung ist jedoch über hundert Jahre jünger als die Erfindung; was sich in der Zwischenzeit geändert hatte, ist nicht bekannt. Dass die Giessinstrumente aus Messing gefertigt wurden, scheint aus der öfteren Erwähnung der Typen: „als in Messing gegossen“ hervorzugehen, denn dass man damit „Messingtypen“ gemeint haben sollte, ist undenkbar.
Die Stempel.
Aus welchem Stoff die Stempel in der allerersten Zeit gewesen, lässt sich nicht sagen, wahrscheinlich versuchte man es erst mit Holz und ging dann zu einem leicht zu bearbeitenden Metall über. Unter solchen Umständen konnte von einem „Einschlagen“ des Stempels in das Mater-Metall natürlich keine Rede sein; man wird also annehmen müssen, dass die Herstellung der Matern anfänglich mittels „Eindrückens“ in eine halberstarrte Masse geschah. Jedoch konnten solche Stempel und Matern nicht auf die Dauer befriedigen und man musste zum Stahl für die Stempel, zum Kupfer für die Matern greifen. Dass der Handel mit Schrift und Matern sehr schnell in Aufnahme kam, geht daraus hervor, dass dieselben Schriften an den verschiedensten Orten vorkommen.
Mangel an
Schriftsystem.
Ein korrektes „Kegelsystem“ ist im xv. Jahrh. noch nicht bemerkbar. Die Dimensionen der Typen hingen von den Eigentümlichkeiten des gerade vorliegenden Manuskripts ab. Der Buchdrucker von damals hatte noch nicht den Wert regelmässig sich abstufender Schriftgrade kennen gelernt und ahnte noch nicht, welche Unannehmlichkeiten er durch die Willkür in der Schriftgrösse auf sich und seine Nachkommen laden würde. Bei der Kostspieligkeit der Giessinstrumente ist nicht anzunehmen, dass man für jede einzelne Schrift ein besonderes Instrument hätte haben sollen, wahrscheinlicher ist es, dass die Instrumente eingerichtet waren um sowohl auf Kegelhöhe als auf Buchstabenweite gestellt zu werden.
Beschaffenheit
der alten Typen.
Auffällig genug ist es, dass auch nicht eine der Millionen Typen aus der ersten Zeit der Druckkunst auf uns gekommen ist, ja dass wir, mit einer unfreiwilligen Ausnahme, nicht einmal eine getreue Abbildung einer solchen besitzen. Einem Drucker, der 1476 in der Offizin des Konrad Winter in Köln arbeitete, müssen wir auf Grund seiner Unachtsamkeit sehr verpflichtet sein. Indem er nämlich eine, vielleicht zu locker geschlossene Schriftform einschwärzte, hat er mit dem Farbeballen einen schwachen Buchstaben herausgezogen und dies nicht beim Einfahren der Form bemerkt. Die liegengebliebene Type ist nun durch den Tiegel so fest in die Schrift hineingedrückt und auf den Bogen so genau abgedruckt worden, dass wir eine ganz genaue Seitenansicht derselben besitzen. Die Buchstabenhöhe stimmt ganz genau mit der alten französischen von 10½ geom. Linie oder 24 mm neuen Masses überein. An der sichtbaren (rechten) Seitenfläche der Type befindet sich eine runde Vertiefung von etwa 3 mm im Durchmesser. Da die Type keine Signatur hat, so diente augenscheinlich diese Vertiefung dem Setzer als Richtschnur beim Aneinanderreihen der Buchstaben. Der Fuss ist nicht ausgekehlt, man sieht daraus, dass die ersten Typen keinen Gusszapfen gehabt haben und dass die Höhe durch Absägen reguliert wurde.
Über die üblichen Schrift-Quantitäten ist es fast unmöglich etwas zu ermitteln. Die rasche Förderung vieler der älteren umfangreichen Druckwerke, trotz der Erschwerung durch das Einreihen der Bogen in Lagen, lässt vermuten, dass die Typenvorräte manchmal beträchtlich gewesen sind.
Der Setzer.
Die Beschäftigung des SETZERS, des DRUCKERS und des Giessers war, wie jetzt, im allgemeinen eine getrennte. Die Zahl der Setzer war grösser, als die der Drucker. Erstere waren nicht selten Männer von Bildung und Verständnis für ihr Fach. Diejenigen, die sich für das Geschäft so ausbilden wollten, dass sie später selbst Meister werden konnten, mussten eine angemessene Entschädigung zahlen. Wie jetzt, rekrutierten sich auch die Prinzipale von damals hauptsächlich aus der Klasse der Setzer. Hatte ein solcher vom Drucken und Giessen so viel gelernt, dass er die Arbeit Anderer überwachen konnte, so war es nicht gar zu schwierig eine Buchdruckerei zu gründen. Mit den erkauften Matern und einem Giessinstrument zog der Meister nach irgend einer Stadt. Die einfachen Utensilien konnten überall angefertigt werden, das Metall für die Schrift und das Papier waren in den grösseren Städten zu haben.
Der Buchdrucker fing nun zu giessen an, schlug seine Presse auf, mischte seine Farbe und konnte dann die Arbeit beginnen. Fing solche an zu fehlen, so lud er seine Druckerei auf einen Wagen und zog nach einem andern Ort, wo man eines Buchdruckers benötigt war, um dort seine Thätigkeit zu beginnen.
Der Setzkasten.
Die „Setzkästen“ ruhten zu zweien, einer hüben, einer drüben, auf einem Pult, das wie ein grosses doppeltes Notenpult konstruiert war. Die Zahl der Fächer hat auf Grund der vielen Ligaturen eine sehr grosse sein müssen. Durch letztere wurde die Kunst des Setzens damals eher schwieriger, als heute. Bei der grossen Ähnlichkeit mancher Ligaturen unter einander war das korrekte Ablegen sehr erschwert und Fehler kamen deshalb auch leichter beim Setzen vor. Ob die Fächer der Setzkästen, wie es nach den Abbildungen den Anschein hat, gleichgross gewesen sind, lässt sich nicht feststellen. Unwahrscheinlich ist es nicht, denn die, heute im Satz oft vorkommenden, und deshalb grössere Fächer verlangenden Buchstaben wurden auf Grund der vielen Ligaturen damals nicht für sich allein so massenhaft verwendet.
In der Regel wird der Setzer oder die Setzerin sitzend und säuberlichst angeputzt abgebildet, während die Drucker mit der Toilette es nicht gar zu ängstlich genommen zu haben scheinen und oft in einem, dem adamitischen sich sehr nähernden Kostüm dargestellt werden.
Winkelhaken.
Der „Winkelhaken“ war aus Holz, sehr einfach und für wenige Zeilen und nur für ein Format berechnet. Dass der Setzer öfters mit dem Winkelhaken in der rechten Hand abgebildet wird, berechtigt nicht zu dem Schluss, dass viele unter ihnen „links“ gewesen sind. Es beruht dies allein auf Unachtsamkeit und auf Übersehen des Umstandes, dass die Zeichnung im Schnitt umgekehrt zu stehen kommt. Ganz im Anfang hatte man mutmasslich nicht einmal einen Winkelhaken, sondern reihte die Zeilen gleich in einem flachen Kasten auf, der zugleich als Rahmen diente. Setzlinien benutzte man nicht, sondern stellte eine Zeile unmittelbar auf die andere, wodurch natürlich das Ausschliessen erschwert wurde, da die Schrift sich nicht so leicht auf der doch immer etwas rauhen Fläche der Typen hin- und herschieben liess. Der Kasten mit den fertigen Kolumnen liess sich leicht in die Presse stellen. War der Schluss auch nicht ein besonders fester, so war man bei Benutzung der Ballen und der leichten Farbe nicht so sehr der Gefahr ausgesetzt, dass die Buchstaben herausgezogen wurden, wie es jetzt bei den Walzen mit starkem Zug und der schweren Farbe der Fall ist. Dagegen stiegen öfters die Ausschlussstücke und verunstalteten den Druckbogen. Stege und Regletten scheint man nicht gehabt zu haben.
Das Tenakel und
das Manuskript.
Dass das „Tenakel“ frühzeitig gekannt war, geht ebenfalls aus den Abbildungen hervor, doch darf man annehmen, dass anfänglich dem Setzer in der Regel nach dem Manuskript diktiert wurde, und dass der Vorlesende so eingeübt war, dass er gleichzeitig mehreren Setzern aus verschiedenen Manuskripten diktieren konnte. Abweichungen im Satz in einem und demselben Werk können kaum anders erklärt werden, als dass der Satz gleichzeitig von mehreren Setzern nach Diktat gesetzt wurde. Für die Annahme des Diktierens des Manuskripts glaubt man eine Bestätigung darin zu finden, dass man auf anderen Abbildungen den Vorleser mit dem Manuskript in der Hand sieht, während die, um ihn herum arbeitenden Setzer kein Tenakel mit Manuskript auf ihren Setzpulten vor sich haben. Doch kann die für den Vorleser gehaltene Person auch der Besitzer oder Besteller sein und das Fehlen des Tenakels dem Zeichner zuzuschreiben sein.
Unregelmässig-
keit im Setzen.
An einem geschmackvollen Arrangement des Satzes, einer angenehmen Abwechselung der Schriften oder einer wohlthuenden Durchsichtigkeit durch weitere Trennungen der Zeilen und Absätze fehlt es im allgemeinen sehr und die durch die übermässig gedrängten und stark geschwärzten Typen hervorgebrachte Unklarheit wird noch durch Versündigungen gegen die ersten orthographischen Regeln vermehrt. Eigennamen sind bald mit Versalien, bald mit gemeinen Buchstaben, je nach Laune des Setzers oder nach dem Schriftenvorrat, gesetzt. Die allein üblichen Interpunktionszeichen Komma, Kolon, Punktum finden in der willkürlichsten Weise Verwendung. Krumme, ungleich ausgeschlossene Zeilen, mangelhaftes Umbrechen kommen ganz allgemein vor. Versetzungen von Zeilen und Seiten, sogar Weglassungen von ganzen Seiten im Druck gehören nicht zu den Seltenheiten, Wörter werden in der wunderbarsten Weise geteilt. Am schlimmsten von allem ist die grenzenlose Willkür im Abkürzen. Der Setzer dehnt oder drängt die Wörter, bis sie in das Längenmass der Zeile passen oder hackt nach Belieben ein Glied von ihnen ab, wenn sie durchaus nicht passen wollen. Oft wird zwar ein alter Druck auf Grund der Regelmässigkeit des Ausschlusses gelobt, sieht man jedoch näher hin, so findet man, dass die Regelmässigkeit gewöhnlich nur durch Eigenmächtigkeit erreicht wurde. Mag man auch manche gerechte Klagen über das Verfahren heutiger Kunstjünger führen, eins steht doch fest, dass die Kunst, die Typen derart zu arrangieren, dass der Sinn des Autors klarer ans Licht tritt, eine Errungenschaft der modernen Setzerei ist.
Die Korrektur.
Das bei der KORREKTUR befolgte System ist nicht vollständig klar. Es kommen in verschiedenen Exemplaren desselben Buches sonderbare Fehler vor, die darauf hindeuten, dass die Setzer selbst die Korrekturen, und zwar manchmal recht schlecht, lasen. Als Gegensatz muss erwähnt werden, dass schon Gutenbergs Bibel, wenn sie auch nicht fehlerfrei wurde, doch sehr sorgfältig korrigiert ist. Auch wissen wir, dass oft ausgezeichnete Gelehrte die Korrektur besorgten; sie waren in solchen Fällen nicht sowohl Korrektoren als Redaktoren des Textes. Im allgemeinen ist es jedoch ein Irrtum, wenn angenommen wird, dass die ältern Druckwerke sich durch ihre Korrektheit vor den heutigen Erscheinungen auszeichnen.
Die Presse.
Auffällig genug ist es, dass die ersten Drucker ihre PRESSEN so wenig erwähnen. Es scheint fast, als ob man die Presse als eine alte Erfindung keiner besonderen Aufmerksamkeit wert hielt. Mit Unrecht; denn ist auch das Prinzip der Presse ein altes, so war doch der Mechanismus der Druckerpresse neu. Die Vorzüge fallen leicht in die Augen, wenn man sie mit der Schraubenpresse vergleicht, welche letztere jedenfalls als Vorbild für die Druckerpresse gedient hat. Die Bibel Gutenbergs muss unbedingt auf einer Presse hergestellt worden sein, deren Druck rasch gesteigert und rasch gemindert werden konnte und die mit einem beweglichen Fundament, einem Deckel und einem Rähmchen versehen gewesen ist[3]. Die erste Abbildung einer Presse stammt von Jod. Badius in Paris. Auf dieser Abbildung, wie auch auf allen anderen, steht die Bank mit den zu bedruckenden und mit den bedruckten Papierhaufen jenseit des Fundaments und des Karrens. Der Drucker zieht den Bengel unter grosser Kraftanstrengung mit beiden Händen an, den rechten Fuss stemmt er gegen den schrägen Tritt an. Und doch war der Tiegel nur so gross wie die Hälfte der Schriftform; es gehörte demnach ein zweimaliges Anziehen des Bengels dazu, um eine Form zu drucken. Der erste Zug erfolgte, wenn der Karren zur Hälfte, der andere, wenn er ganz eingefahren war.
Da die Pressen nur aus Holz und von gewöhnlichen Tischlern konstruiert waren, so blieb vieles zu wünschen übrig. Selten mögen wohl Tiegel und Fundament eine vollkommen gleichmässige Oberfläche gebildet haben. Die unten abgesägten Typen hatten nicht ganz genaue Höhe, und das Papier nicht gleiche Stärke, was die Ungleichheiten vermehrte.
Um alle diese Unebenheiten auszugleichen war eine weiche Lage zwischen Tiegel und dem Druckbogen notwendig, damit die Schrift tief genug in das Papier eingedrückt wurde. Unter solchen erschwerenden Verhältnissen verdienen die damaligen Leistungen des Druckers oft um so grössere Anerkennung.
Um das Register zu erzielen, bediente man sich anfänglich vierer Punkturen in den Ecken. Die Plätze für den Rotdruck waren in dem ersten Schwarzdruck mit niedrigen Quadraten ausgefüllt. Nachdem der Schwarzdruck vollzogen war, wurden die rot zu druckenden Buchstaben hineingestellt und durch Unterlagen etwas über die Schrifthöhe erhöht und dann, nachdem die betreffenden Stellen in einem zweiten Rähmchen ausgeschnitten waren, gedruckt.
Die Farbe.
Die FARBE der alten Drucke ist von sehr ungleicher Güte. In den Drucken von Nic. Jenson in Venedig ist sie intensiv schwarz, sammetweich und glänzend. Die Gutenbergsche Bibel ist mit kräftiger tiefschwarzer aber glanzloser Farbe gedruckt. In dem Psalter von Fust und Schöffer ist die Farbe bald glanzvoll, bald matt. In anderen Drucken ist die Farbe wieder bräunlich oder schmierig, wieder in anderen ohne Konsistenz und abwaschbar. Nicht selten ist die Schwärze in einem und demselben Werke bald sehr dick, bald sehr sparsam aufgetragen. Hierbei hat jedenfalls die grosse Verschiedenheit des Papiers wesentlich Schuld, sowie die Unregelmässigkeit im Feuchten. Das Pergament ist öfters zu stark poliert, öfters nicht ganz frei von Kalk oder Fett. Die allgemein aufgestellte Behauptung, die ältere Farbe sei tiefer und glanzvoller als unsere, ist nicht ganz korrekt. Sie scheint allerdings tiefer, weil man sie auf Grund der grossen Typen und des starken Auftrags massenhafter sieht; hätte man eine neue zarte Antiqua mit derselben zu drucken gehabt, so würde sie wohl auch weniger schwarz erschienen sein. Die Einschwärzung der Form geschah mittels Ballen, wie sie noch vor etwa 50 Jahren im Gebrauch waren.
Wie die Farbe zusammengesetzt wurde, ist nicht gesagt. Hier giebt das aufgefundene Ausgabebuch der Ripoli-Presse von 1481, welches die verbrauchten Materialien aller Art nach ihrer Quantität und ihren Preisen angiebt, einigen Anhalt. Vom Russschwarz ist keine Rede, wohl aber von Pech. Den ersten Platz nimmt Leinöl ein; Schellack und dünner Firnis dienten dazu, der Farbe Glanz zu geben, ausserdem sind erwähnt Cochenille und Harz.
Ausschmückung
der Bücher.
Die „Illuminatoren“ und „Rubrikatoren“ verschwinden nach der Erfindung der Buchdruckerkunst noch nicht von der Bühne. Die Initialen werden zumteil nur in Umrissen, zumteil gar nicht eingedruckt und dann von den Illuminatoren mehr oder weniger kunstvoll ausgemalt und vergoldet; auch in dem Texte werden die Majuskeln, manchmal auch die Interpunktionstrennungen mit roten Farbenstrichen hervorgehoben. Da diese Arbeiten zeitraubend, demzufolge kostspielig waren, so verschob man sie öfters; man findet deshalb viele Inkunabeln, in denen nur der Raum für die Initialen gelassen ist, ohne dass diese später ausgeführt wurden.
Die eigentliche
Illustration.
Die eigentliche ILLUSTRATION wurde von den ersten Buchdruckern vernachlässigt, wahrscheinlich um nicht den Manuskript-Charakter der Bücher zu stören. Die nachfolgenden waren jedoch weniger ängstlich. Abgesehen von dem Mangel an künstlerischem Wert nahm man es mit dem Sinn und der Wahrheit ziemlich leicht. Oft kommen in einem und demselben Werk sogar damals lebende Persönlichkeiten in ganz verschiedenen Auffassungen vor, oft dienen dieselben Holzstöcke als Konterfeis von einem halben Dutzend historischer Personen von Adam ab bis auf die damalige Zeit. Städte wurden ebenfalls ganz nach der Phantasie abgebildet und derselbe Schnitt, selbst in einem und demselben Werke, bald als Jerusalem, bald als London oder irgend eine andere Stadt vorgeführt. Ob eine Einfassung im Einklang mit dem Texte stand oder nicht, war ganz gleich. So kann man um die Seiten von Gebetbüchern Einfassungen sehen, in welchen Affen ihr tolles Spiel treiben oder gar anstössige Scenen aus der griechischen Mythologie vorgeführt werden. Mit den Holzschnitt-Illustrationen wurde schon frühzeitig Handel getrieben und dieselben zu Ausgaben in verschiedenen Sprachen benutzt.
Obwohl das Baumwollen-Papier[4] anderthalbhundert Jahre vor der Erfindung der Buchdruckerkunst in Europa bekannt war, so wurde für die ersten Druckwerke doch auch von dem PERGAMENT, wenn auch daneben von dem Papier, Gebrauch gemacht. Teils wollte man dem Gedruckten möglichst den Charakter des Manuskriptes wahren, teils waren die liturgischen Bücher einer so starken Abnutzung ausgesetzt, dass das solidere, wennauch teurere Material vorgezogen wurde.
Die Bearbeitung der Tierfelle als Stoff zum Beschreiben stammt aus dem grauen Altertum. Schon Herodot berichtet, dass man auf präparierte Hammel- und Ziegenfelle geschrieben habe. Später spricht Josephus in seinen jüdischen Altertümern von einem prachtvollen, auf Ziegenfell ausgeführten Manuskript aus dem Jahre 277 v. Chr. Will man Plinius glauben, so rührt die Erfindung des eigentlichen Pergaments (Charta pergamena) aus der Stadt Pergamum in Kleinasien, her, als der ägyptische König Ptolomäus Epiphanes aus Eifersucht über die Bestrebungen des pergamenischen Königs Eumenes ii. (andere sagen Attalus ii.), eine mit der alexandrinischen wetteifernde Bibliothek zu schaffen, die Ausfuhr des Papyrus verbot. Später wurde das beste Pergament, von den Römern gewöhnlich membrana genannt, in Rom verfertigt.
Das Material für die Anfertigung des Pergaments, soweit es zum Schreiben oder Bedrucken verwendet wird, sind Lamms-, Schafs-, Ziegen- und namentlich Kalbsfelle. Das aus letzteren hergestellte Fabrikat heisst vellum (Velin), die Kälber dürfen, wenn das Velin gut werden soll, nicht älter als sechs Wochen geworden sein; die feinste Sorte liefern die Felle der ungeborenen Kälber (velots).
Die Zubereitung des Pergaments[5] ist eine mühsame und zeitraubende. Die Felle werden in eine Kalkgrube gethan, von der Wolle, den Haaren, den Fleisch- und Fettteilen sorgsamst gereinigt, abwechselnd in Wasser und wieder in Kalk gelegt, auf Rahmen gespannt, geschabt, mit Kreide und Farbe ein- und mit Bimsstein abgerieben.
In Frankreich, wo die Fabrikation lebhaft betrieben wurde, gehörten die Pergamentmacher unter die Jurisdiktion der Universität. Alles nach Paris eingeführte Pergament musste nach der Halle der Mathuriner gebracht werden, um dort von den Universitätsbehörden geprüft und gestempelt zu werden (rectorier). Zu ihren Rechten zählte die Universität auch den Verkauf auf den zwei grossen Messen zu St. Denis und St. Ladre.
Die nach Europa durch die Araber gebrachte Verfertigung des BAUMWOLLEN-PAPIERS fasste mit jenen zuerst in Spanien Wurzel, hauptsächlich in Xative, Valencia und Toledo. Anfänglich wurde zur Fabrikation nur rohe Baumwolle benutzt, dann baumwollene Lumpen, später baumwollene und leinene gemischt, schliesslich im xiv. Jahrh. leinwandene allein. Als mit der arabischen Herrschaft in Spanien auch die dortige Papierfabrikation sank, wendete letztere sich namentlich nach Italien. Um Mailand, Venedig, Florenz, Bologna, Parma, in Padua, Treviso, namentlich in Fabriano entstanden Papiermühlen, die nicht allein Italien, sondern bis in das xv. Jahrh. hinein fast ausschliesslich den Süden Deutschlands versorgten, ja ihr Fabrikat bis nach Sachsen sandten, während West- und Niederdeutschland ihren Bedarf aus Frankreich und Burgund bezogen, welche Länder auch nach England ihren Absatz hatten. Von den Papiermärkten waren namentlich die in Brügge, Antwerpen und Köln bedeutend.
Aus dem gesagten geht schon hervor, dass die Fabrikation, wennauch in Deutschland nicht unbekannt, hier doch nicht genügend fortgeschritten war, um den heimischen Bedarf zu decken, noch weniger, um an eine Ausfuhr zu denken.
Die Bezugsquellen der Papiere lassen sich namentlich aus den „Wasserzeichen“, Marken der Fabriken, erkennen, welche zugleich, wenn nicht untrügliche, so doch beachtenswerte Beiträge zur Beurteilung des Entstehens älterer Druckwerke liefern, untrüglich deshalb nicht, weil einerseits einige dieser Zeichen, z. B. der Ochsenkopf oder das Monogramm P fast überall verbreitet waren, andererseits, weil oft Papiere aus verschiedenen Ländern oder Orten stammend und mit verschiedenen Zeichen versehen in einem und demselben Werke verwendet wurden. Das Entstehen des Ochsenkopfes und des P ist nicht genügend erklärt. Ganz unwahrscheinlich ist es nicht, dass man den Ochsenkopf wählte, weil St. Lucas, dessen Symbol bekanntlich ein Ochs ist, der Hauptpatron der Malergilden von Italien bis nach den Niederlanden war, und zu diesen Gilden gehörten auch die Papiermacher. Das P dürfte auf „Papier“ hindeuten. Es wird dies dadurch um so wahrscheinlicher, als dieses Zeichen dem italienischen Papier (Carta) fehlt. Doch das alles ist Mutmassung.
Einige Wasserzeichen als Schiff, Anker, Weintraube, Kardinalshut, Bischofsmütze, gekreuzte Schlüssel, sowie die Wappen von einzelnen Ländern, Städten und Familien deuten zwar mitunter etwas näher auf einen Abstammungsort des Papiers, sie sind jedoch auch nicht immer zuverlässige Kennzeichen, da z. B. Löwen, Lilien, Kronen in so vielen Wappen vorkommen.
Die deutschen Wasserzeichen sind in Bezug auf Bestimmung des Alters und des Entstehungsortes der Bücher deshalb weniger wichtig, weil die deutschen Papiere erst zu einer Zeit recht zur Geltung kamen, zu der die Druckorte, Jahreszahlen und Verleger fast allgemein auf den Büchern genau angegeben stehen.
Die älteste deutsche Papierfabrik scheint die von U. Stromer in Nürnberg gewesen zu sein, für welche im J. 1390 Arbeiter aus Italien berufen wurden. Trotzdem wurden aber doch die ersten Nürnberger Drucke auf italienischem Papier gedruckt. Basels Bedeutung für die Papierfabrikation wurde bereits S. 44 erwähnt.
In Augsburg ward 1468, in Kempten 1477 die erste Mühle angelegt. Ein Hauptplatz der Fabrikation war um die Mitte des xv. Jahrhunderts die ehemalige Reichsstadt Ravensburg in Schwaben, wo grosse Massen von Papier, jedoch keins, das mit den vorzüglicheren Sorten des Auslandes den Vergleich aushielt, geliefert wurde[6].
Das älteste Druckpapier war stark geleimt, kräftig aber hart, und verschieden in der Stärke, so dass gewissenhafte Druckereien das Papier nach Stärke, wie auch nach Färbung, sortierten. Die rauhe Oberfläche war dem Druck nicht günstig und das Satinieren und Glätten war unbekannt. Man machte bald die Erfahrung, dass das ungeleimte Papier nicht allein billiger, sondern auch zur Aufnahme der fetten Druckfarbe zweckdienlicher sei, als das geleimte.
Neue und alte
Drucke vergli-
chen.
Aus dem gesagten geht hervor, dass wir jetzt vollkommenere Werkzeuge und besseres Material haben. Es wird schneller, billiger und mit grösserer Akkuratesse und Eleganz, mit mehr Rücksicht auf die Bequemlichkeit des Lesers und mit weit mehr Abwechselung für das Auge gedruckt, so dass die alten Drucke im allgemeinen doch nicht den Vergleich mit den neuen aushalten. Vieles, was bei den alten Drucken uns fesselt, ohne dass wir uns stets genaue Rechenschaft von dem Grund ablegen können, beruht sicherlich auf dem Umstand, dass sich in der ersten Zeit Schriftgiesser, Buchdrucker, Verleger in einer Person vereinigten. Hierdurch entstand eine einheitliche Durchführung; man möchte fast sagen, es macht sich eine ausgeprägte Persönlichkeit in dem Werke geltend, so dass man schon beim Aufschlagen eines Buches sofort weiss, mit wem man zu thun hat, und sich wie zuhause fühlt.
Sind nun auch die technischen Verbesserungen grossartig, so ist die Arbeit des Typographen in ihrem Wesen dieselbe geblieben. Die Druckweise Gutenbergs ist nicht veraltet und weder durch die Lithographie, noch durch die Photographie, noch durch irgend ein anderes Verfahren der Neuzeit in Schatten gesetzt; ihr gehört immer noch die Führung der graphischen Künste, und sie wird ihr wohl auch für die Zukunft bleiben.
Die Anfänge der
Buchbinder-
kunst.
In engster Verbindung mit der Buchdruckerkunst stand die BUCHBINDERKUNST[7], und es konnte von einer solchen eigentlich erst nach der Entstehung des gedruckten Buches die Rede sein. Die ältesten handschriftlichen Denkmale sind nicht in Bogen-, sondern in Rollenform, indem man ein Blatt an das andere der Länge nach klebte und das Papier nur einseitig beschrieb, sie konnten also auch nicht gebunden werden, sondern mussten als Rolle (volumen) behandelt werden. Nach der Erfindung des Pergaments trat ein anderes Verfahren ein, man faltete die Pergamentblätter, beschrieb sie auf beiden Seiten und bildete Lagen, gewöhnlich aus vier Doppelblättern bestehend. Diese wurden auf schmale Streifen Pergament geheftet und mit einem Stück Pergament umgeben, von welchem das obere Blatt öfters breiter geschnitten war, als die anderen Blätter, so dass es wie die Klappe einer Brieftasche die eingelegten Blätter schützte.
Die Diptychen.
Von eigentlichen festen Einbänden gaben die römischen Diptychen, d. h. zwei mit Wachs überzogene, an der einen Langenseite verbundene Holztafeln, die ersten Proben. Waren in dieser Weise, statt zwei, drei oder mehr Platten verbunden, so hatte man Triptychen oder Polyptychen. Die Deckelseiten wurden öfters mit Schnitzwerk, Bildnissen von Konsuln oder Kaisern, in der christlichen Zeit von Heiligen geschmückt, wobei es mitunter einem Kaiser passierte zu einem Heiligen zu avancieren. Für die schweren Ritualbücher auf Pergament wurden ähnliche feste Einbände beibehalten, und die Deckel in Holz oder Elfenbein künstlich geschnitzt oder in durchbrochenem Metall gearbeitet, oft unter Ausschmückung mit Perlen und Edelsteinen. Auch Sammet- und Seidenüberzüge mit reichen Goldstickereien kamen zur Anwendung. Während des xi. Jahrhunderts machte sich der deutsche Kunstfleiss und Geschmack, namentlich am Niederrhein, geltend. Es entstanden eine grosse Anzahl Arbeiten in Metall mit farbenprächtigem Schmelz überzogen, eine Technik, die im xii. Jahrh. besonders in Limoges in Frankreich zur Geltung kam.
Solche wertvolle Bände sind in ziemlich grosser Zahl erhalten. Die Werkstätten befanden sich in den Klöstern; die Verfertiger waren Mönche oder Laienbrüder und arbeiteten mit den Abschreibern und Illuminatoren Hand in Hand.
Lederbereitung.
Durch die Kreuzzüge lernte man die kunstreiche Lederbearbeitung des Orients kennen. Das Gerben der Tierfelle ward schon in alter Zeit von den Chinesen und Ägyptern in hoher Vollendung geübt. Durch die Araber wurde diese Technik nach Spanien und Sicilien gebracht. Der Corduan, der Saffian, das Chagrinleder und die Juchten gaben ein vortreffliches Material für Bucheinbände ab.
Der Corduan (so nach der Stadt Cordova, von den Franzosen Maroquin, von den Engländern Morocco genannt) ist ein narbiges Ziegenleder, von dem sich der Saffian nur durch seine Glätte unterscheidet. Der Chagrin (persisch Sagre) ist wie mit runden Körnchen übersät, was durch Hineintreten von Samenkörnern hervorgebracht wird. Juchten ist meist Rinds- oder Pferdeleder, welches mit Laugen, Beizen und Farbstoffen behandelt und durch Birkenöl geschmeidig gemacht wird.
Durch Verzierungen wurden die Lederflächen belebt, in der ältesten Zeit sind diese gewöhnlich in das Leder eingeschnitten und die vertieften Stellen mit Farbe ausgemalt. Der Grund wird öfters punktiert oder mit kleinen eingetriebenen Verzierungen in Kreisform ausgefüllt. Das feuchte Leder wurde auch mit dem Modellier-Eisen plastisch bearbeitet und reiche Figurenbilder hergestellt. Manchmal kam die Schrotmanier zur Anwendung. Von den mit Stanzen und Rollen eingepressten Ornamenten wurde ein sehr freigebiger Gebrauch gemacht. Die Ecken waren gewöhnlich mit, meist durchbrochenen, Metallbeschlägen versehen. Spangen (Klausuren, Schleissen), teils von Leder, teils von Metall, hielten die Deckel zusammen. Die grossen Folianten waren ungemein schwer, ruhten gewöhnlich auf Schrägpulten und waren oft in den Bibliotheken an Ketten gelegt.
Die Einbände des
König Matthias
Corvinus.
Den Übergang zur Renaissancezeit bilden die Arbeiten, welche der ungarische König Matthias Corvinus in seiner ausgezeichneten Bibliothek zu Ofen gesammelt hatte. Sämtliche Bücher dieser Bibliothek, für welche jährlich 33000 Dukaten verwendet wurden, wurden in Sammet oder Leder gebunden, mit goldenen oder silbernen Spangen und mit dem Wappen des Königs geschmückt. Dreissig Schreiber und Maler, darunter bedeutende Künstler, waren regelmässig für die Bibliothek beschäftigt.
Segensreicher
Einfluss der Buch-
druckerkunst.
DIE LITTERARISCHE PRODUKTION[8]. Es ist nicht die Aufgabe eines Handbuches der Geschichte der Buchdruckerkunst, die Werke alle aufzuzählen, welche den Pressen ihr Dasein verdanken, noch weniger eine Kritik zu üben, aber es dürfte doch geboten sein, in aller Kürze zu überblicken, in welcher Weise die Presse und der Buchhandel sich bei der Verbreitung der Erzeugnisse des Geistes in der ersten Zeit — der Periode der Wiegendrucke (Inkunabeln) — beteiligten[9].
Musste auch die Presse in ihren Anfängen vielfach der mystischen Schwärmerei, der pedantischen Scholastik und spitzfindigen Dialektik sowie dem Aberglauben und der Charlatanerie dienen, so dauerte es doch nicht lange, bis ihr segensreicher Einfluss sich auf das ganze wissenschaftliche und Kulturleben geltend machte. In allen Fächern entbrannte ein Wettkampf der Gelehrten und Kunstverständigen, um durch die Presse ihre Kenntnisse, Erfahrungen und Entdeckungen weiter zu verbreiten, Irrtümer aufzuklären und die Fesseln des Wahnes zu sprengen.
Verbreitung der
heil. Schriften.
Als die segensreichste Wirkung der Erfindung der Buchdruckerkunst ist die rasche Durchführung der Reformation zu bezeichnen. Die Presse bemächtigte sich sofort der heiligen Schriften, und wie schon oben berichtet wurde waren nicht weniger als drei Ausgaben der lateinischen Bibel die Hauptwerke des Erfinders und seiner Geschäfts-Nachfolger. Zu diesen kamen die weiteren Bibel-Ausgaben des Mentelin und des Eggesteyn in Strassburg, des Günther Zainer und des Ant. Sorg in Augsburg, des Bernh. Richel in Basel, des Ulrich Zell und des Nik. Götz in Köln, des Sweynheim und Pannartz in Rom, des Sensenschmid und der Koberger in Nürnberg. In Paris erschien die Bibel 1476, in Venedig 1475, in Neapel 1476; deutsche Bibeln wurden verbreitet in Strassburg 1466, in Augsburg 1469, in Nürnberg 1471; Ausgaben in französischer, italienischer, spanischer und holländischer Sprache gab es in den siebenziger Jahren; plattdeutsche in Köln 1480, in Lübeck 1494; englische, dänische, schwedische und polnische Bibeln folgten zu Anfang des xvi. Jahrhunderts. Wie es die lateinisch gedruckte Bibel war, welche Luther das Licht anzündete, so war es wieder die deutsch gedruckte Bibel in Luthers unübertroffener Übersetzung, die im Verein mit seinen eigenen Schriften und denen Philipp Melanchthons, Ullrich Zwinglis, Joh. Calvins, John Knox' und anderer Reformatoren, unter das Volk ein helles, nicht mehr zu verlöschendes Licht verbreiten.
Die Kirchenväter
und Scholastiker.
Neben der Bibel wurden namentlich die Kirchenväter in korrekten und schönen Ausgaben gedruckt, als: Lactantius, Augustinus, Eusebius, Nemesius, Clemens von Alexandrien u. a. War der Nutzen dieser und ähnlicher Werke für die Wissenschaft auch kein durchweg unzweifelhafter, so wurde durch sie doch manche nützliche Kenntnis verbreitet. Selbst die Häupter der Scholastik Thomas von Aquino, Michael Scotus, Albertus Magnus blieben nicht ohne fruchtbringende Anregungen, nicht zu vergessen Roger Baco.
Die klassische
Litteratur.
Gross waren die Fortschritte auf dem Gebiete der klassischen Litteratur und der Philologie. Italien, dessen Boden am besten vorgeebnet war, ging voran; es folgten in ruhmwürdiger Weise namentlich Frankreich und die Niederlande. Zuerst kamen die römischen Klassiker an die Reihe, dann die griechischen in lateinischer Übersetzung, schliesslich die Ausgaben in der griechischen Ursprache. Die ersten Förderungsmittel der Linguistik waren die Donate, denen dann viele andere Grammatiken folgten.
Die Zahl der Klassiker-Ausgaben und der Kommentare war eine bedeutende. Den Anfang machte Cicero de officiis (1465 bei Fust und Schöffer); bis zum Jahre 1500 erschienen verschiedene Werke Ciceros zusammen in über 100 Ausgaben. Den Vorrang in dem Klassikerdruck behauptete Venedig, dann folgten Rom, Florenz, Mailand, Neapel, Bologna, Paris, Köln, Augsburg, Nürnberg, Ulm. Die römischen Dichter erschienen fast alle in den ersten 25 Jahren der Kunst, die griechischen in den letzten Dezennien des xv. und in den ersten des xvi. Jahrhunderts. Der Lieblingsdichter war Virgil (1469 bei Sweynheim), von welchem im Jahre 1500 schon siebenzig Ausgaben existierten.
Philosophen und
Naturforscher.
Unter den Philosophen und Naturforschern stand Aristoteles begreiflicherweise obenan. Seine Werke erschienen, jedoch sehr entstellt, in lateinischer Übersetzung nach syrischen oder arabischen Bearbeitungen; eine vollständige lateinische Ausgabe nach dem Originale erblickte erst 1473 das Licht durch Andreas de Asola in Venedig; die erste Original-Ausgabe brachte Aldus Manutius (1495-1498) in 5 Bänden; Plato fand erst später Anerkennung.
Auch die Historiker, Geographen und Mathematiker der Alten wurden verbreitet. Bemerkenswert sind namentlich die Ausgaben des Ptolomäus mit 27 grossen in Kupfer gestochenen Karten von Arnold Buckink e Germania und des Euklid in der prachtvollen Ausstattung durch Ratdolt (1482).
Die Reise-
beschreibung.
Dass die Typographie sich auch der neuen Erd- und Reisebeschreibung zuwendete, war schon durch die einflussreichen Ereignisse der Kreuzzüge und der grossen Entdeckungen gegeben. Die Kreuzzüge hatten nicht nur die Streiter für die Kirche massenhaft in Bewegung gesetzt, sondern auch manche friedliche und wissbegierige Reiselustige, Minstrels und auch Abenteurer aller Art wurden nach dem Orient gelockt. Dadurch entstanden nicht nur jene romantischen Legenden von dem heiligen Lande, von den Heldenthaten und Abenteuern der Ritter, sondern auch Beschreibungen von Reisen und Erlebnissen auf letzteren. Öfters gingen auch Gesandtschaften an die Herrscher Asiens. Berühmt geworden vor allen Reisenden in Asien ist der Venetianer Marco Polo. Eine italienische Ausgabe seiner Reisen ist erst aus dem Jahre 1496 bekannt; ob eine frühere existierte, weiss man nicht, eine deutsche, nach einer lateinischen Ausgabe veranstaltete Übertragung war schon 1477 vorhanden. Die Reise Bernh. Breydenbachs fand grossen Anklang.
Die Entdecker.
Eine noch grössere Bedeutung für die geographische Litteratur als die Kreuzzüge hatten die grossen Entdeckungen von Christoph Columbus, Amerigo Vespuzzi, Fernando Cortez in Amerika, sowie von Vasco de Gama, Albuquerque in Afrika und Indien. Berichte über diese Entdeckungen lieferten teils die Entdecker selbst, teils Andere. Bedeutend für die Kosmographie und die Kartographie war Martin Behaim aus Nürnberg (1436-1507).
Die Chroniken.
Weniger anziehend waren die Erscheinungen auf dem Gebiete der Geschichte. Die Annalen und Chroniken waren meist trockene kritiklose Aufzählungen von Daten, oder mehr oder weniger dichterisch ausgeschmückte Erzählungen von den Heldenthaten der Ritter. Durch ihre reiche Illustrierung epochemachend war die Schedelsche Chronik.
Die juristische
Litteratur.
Unter den Werken der Jurisprudenz waren namentlich die Institutiones juris Justiniani, zuerst von Schöffer 1468 gedruckt, welche in zahlreichen Ausgaben verbreitet wurden.
Die Naturwissen-
schaften und die
Heilkunde.
Die Werke auf dem Gebiete der gesamten Naturwissenschaften und der Heilkunde blieben zumeist ohne grossen Wert. Den Anfang machte auch hier der Druck der Schriften der alten römischen, griechischen und arabischen Ärzte, namentlich des sogenannten Fürsten der Ärzte, Avicenna, von dessen Schriften bereits vor 1500 mehr als 25 Ausgaben im Druck erschienen waren. Bedeutende wissenschaftliche Ausbeute geben sie nicht. Leerer Dogmatismus, Alchemismus und Astrologismus hemmten die freie Forschung. Die grossen geographischen Entdeckungen sollten jedoch auch nicht ohne wohlthätigen Einfluss auf die Naturwissenschaft und ihre Litteratur bleiben, man lernte neue Pflanzen, neue Heilmittel und leider auch neue Krankheiten kennen. Es entstanden hierdurch die zahlreichen mit Illustrationen geschmückten Kräuterbücher und Gärten der Gesundheit.
Die Poesie.
Italien hatte, wie oben schon erwähnt wurde, noch vor der Erfindung der Buchdruckerkunst seine grossen Dichter: Dante Alighieri, Boccaccio und Petrarca hervorgebracht. Dantes Divina commedia wurde zum erstenmale 1472 in Foligno gedruckt; seine gesammelten Gedichte 1500. Boccaccios Decamerone erschien schon 1470 und dann in sehr vielen Ausgaben, unter welchen die berühmte Valdarfersche (1471). Die erste Gesamtausgabe des Boccaccio datiert aus dem Jahre 1490. Petrarcas Sonetti e trionfi wurden 1471 durch den Druck veröffentlicht.
An die Meisterwerke der Poesie Italiens reichen die dichterischen Erzeugnisse der anderen Länder nicht heran. Mit wenigen Ausnahmen bewegen sich diese in der breiten, epischen Romantik des Rittertums, in den Heldenliedern, in den lyrisch-elegischen Gesängen der Troubadours und Minnesänger, in den, teils scherzhaften, teils ernsten Volksliedern oder in langweiligen didaktischen Gedichten. Unter den humoristischen und satirischen Schriften macht namentlich Sebastian Brants Narrenschiff mit seinen Illustrationen Epoche.
Trennung der
Buchdruckerei
vom Buchhandel.
Der BUCHHANDEL. Mit den steigenden Bedürfnissen der Lesewelt und der Verbreitung der Pressen selbst nach kleineren Städten musste die Vereinigung des Schriftgiessers, Buchdruckers, Verlegers und Händlers in einer Person von selbst fallen und die einzelnen Geschäftszweige lösten sich nach und nach vom Stamme ab. Zuerst musste der Buchdrucker-Verleger bei der Schwierigkeit des Betriebs Persönlichkeiten suchen, die seine Fabrikate an das Publikum verhandelten. So nahmen schon Peter Schöffer den Conrad Henliff; Joh. Mentel den Adolf Rusch als Bevollmächtigte und Teilnehmer an, welche weite Reisen machten, um die Bücher an den Mann zu bringen, wozu sie sich auch der Kaufleute bedienten, die Bücher zugleich mit anderen Waren führten. Neben dem kaufmännisch organisierten Vertrieb fand auch das Kolportieren, das Webern, statt. Schon im xv. Jahrhundert fanden sich bedeutende Buchhändler. Niederlagen wurden an den Knotenpunkten des Verkehrs errichtet, und gegen Ende des Jahrhunderts war der Buchhandel in Venedig, Lyon, Frankfurt am Main schon von grosser Bedeutung. Auch Köln war, wenn als Verlagsplatz auch unter dem drückenden Einfluss der geistlichen Bevormundung stehend, ein wichtiger Ort namentlich für die Vermittelung des Absatzes nach den reichen Niederlanden, wo die Buchhändler der angesehenen St. Lucas-Gilde angehörten, und nach England, wo indes der Buchhandel sich nur langsam entwickelte, da es keine Bücher in Tausch anzubieten hatte. Um bedeutende Werke erscheinen lassen zu können, wurde öfters zur Association unter Buchdruckern und Buchhändlern geschritten. Man teilte dann gewöhnlich die Auflagen.
Die Zensur.
Als die Bedeutung der neuen Kunst den geistlichen und weltlichen Behörden klar geworden war, fand sich, als unwillkommener Gast, baldigst die Zensur ein, schon in den sechziger Jahren in Köln, später in Mainz. Die Formel in Köln lautete: admissum ac approbatum ab alma universitate Coloniensi. Ob jedoch vom Beginn ab die Einholung der Approbation ein Zwang war, oder ob diese mehr als eine Empfehlung nachgesucht wurde, ist nicht ganz klar. Gegen das Ende des xv. Jahrh. findet man jedoch in allen deutschen Erzdiözesen eine wirkliche geistliche Zensur eingeführt.
[1] Unter den eingangs erwähnten Werken enthalten namentlich die von W. Blades und Th. de Vinne Beachtenswertes über die ältere Technik.
[2] Eigentliche Beschreibung aller Stände auf Erden etc. Frankfurt a. M. 1568. Mit Stichen von Amann und Versen von Hans Sachssen.
[3] Der Verlagsbuchhändler und Redacteur H. Klemm in Dresden, der mit grossen Kosten in einer verhältnismässig sehr kurzen Zeit eine bedeutende Anzahl typographischer Seltenheiten sammelte, hat auch die in einem Keller des früheren Hofes „Zum Jungen“ in Mainz aufgefundenen Bruchstücke einer Schraubenpresse erworben, von welchen einerseits (vergl. K. Klein, Über Gutenberg und das im ersten Druckhause aufgefundene Fragment der ersten Druckerpresse. Mit 2 Abbd. Mainz 1851) angenommen wird, dass sie der „ersten“, noch aus Strassburg stammenden Presse Gutenbergs angehörten, was andererseits angezweifelt wird, und zwar namentlich auf Grund der Inschrift J. MCDXLI G., die in den erhaltenen Oberbalken eingeschnitten ist, indem man sowohl an der Jahreszahl und der ungewohnten Art diese zu schreiben (CD statt CCCC) als auch an den römischen Buchstaben J. G. Anstoss nimmt. Herr Klemm hat die Presse nach seinen Annahmen vervollständigen lassen. Wie nahe er, namentlich in Betreff des, aus vier Stücken sinnreich konstruierten Rahmens, der sich leicht für verschiedene Formate einrichten lässt, der Wirklichkeit gekommen, ist ja nicht zu entscheiden. Nach H. Klemms Konjektur ist mit den „vier Stücken“, um deren Auseinandernahme (vergl. S. 25) man bei Dritzehns Tod so sehr besorgt war, ein solcher Rahmen gemeint.
[4] De la Lande, Art de faire le Papier. 2. Ed. Paris 1820. — De la Lande, Art de faire le parchemin. Paris 1762. (Beide Werke auch deutsch.) — G. Peignot, Essai sur l'hist. du parchemin et du velin. Paris 1812. — J. D. F. Sotzmann, Über ältere Papierfabrikation. Leipzig 1846 (Serapeum). — Über Papierzeichen vergl. die in der Einführung erwähnten Werke von Sotheby und Weigel sowie Ames, Typogr. Antiquities, ferner: G. Fischer, Versuch die Papierzeichen als Kennzeichen etc. anzuwenden. Nürnberg 1804; La Serna Santander, Les livres impr. dans le XV Siècle. Brüssel 1803 (Suppl. zu der Beschreibung der Bibliothek des Verfassers). Über Papierzeichen in Italien: Esame sui principii della etc. typogr. Lucca 1797.
[5] Mit dem tierischen Pergament ist nicht zu verwechseln das Pergamentpapier (vegetabilische Pergament), das in der neueren Zeit eine ziemlich grosse Verwendung findet.
[6] D. E. Beyschlag, Beiträge zur Kunstgesch. von Nördlingen. Heft IV u. V. Nördlingen 1798-1801.
[7] Rich. Steche, Zur Geschichte des Bucheinbandes. (Archiv z. G. d. Buchh. I.) Leipzig 1878. — G. Peignot, Essai etc. sur la reliure des livres. Dijon 1834. — J. Cundall, On bookbinding ancient and modern. London 1880. — Monuments inédits ou peu connus, faisant partie du Cabinet du G. Libri. London 1864. — M. Michel, La relieure française depuis l'invention de l'impr. Paris 1880.
[8] Von den vielen bibliographischen Werken, welche die früheren Erzeugnisse der Presse verzeichnen und zumteil näher beschreiben, nennen wir nur einige wenige der hervorragendsten und vollständigsten, da kaum anzunehmen ist, dass viele der dem Buchdruckfach angehörenden Leser dieses Handbuches in solchen Werken Belehrung suchen werden, und andere, dem Litteraten- und Buchhändlerberufe sich widmende, die betreffende Litteratur kennen:
Mich. Maittaire, Annales typographici ab artis inventæ origine ad Annum MD. (Die bis zum Jahr 1500 erschienenen Werke bezeichnet man im engeren Sinn als Wiegendrucke, Inkunabeln.) Tom. I des ganzen Werkes. Haag 1719, vervollständigt durch die Ed. nova (als Tom. IV). Amsterdam 1733. — Georg Wolfg. Panzer, Ann. typ. ab etc. ad annum MDCXXXVI. 11 Bände. Nürnberg 1793-1803. — Ludw. Hain, Repertorium Bibliogr. ab etc. usque ad annum MD. Stuttgart 1826-1838. — J. Ch. Brunet, Manuel du libraire et de l'amateur de Livres. 5. Aufl. 6 vols. Paris 1860 u. flg. — J. G. Th. Grässe, Trésor de livres rares et précieux. Dresden 1859 u. flg. Des näheren verweisen wir auf Dr. Julius Petzholdt, Bibliotheca Bibliographica, Kritisches Verzeichnis der das Gesamtgebiet der Bibliographie betreffenden Litteratur des In- und Auslandes. 938 S. gr. 8. Der Umfang beweist schon den enormen Reichtum dieser Litteratur.
[9] Ch. F. Harless, Die Litteratur der ersten hundert Jahre nach der Erfindung der Typographie. Leipzig 1840. — A. Kirchhoff, Die Handschriftenhändler des Mittelalters. 2. Ausg. Leipzig 1853. — A. Kirchhoff, Beiträge zur Gesch. des deutschen Buchh. 2 Bde. Leipzig 1851-1853; weitere Beiträge 1855. — Dr. F. Sachse, Die Anfänge der Büchercensur in Deutschland. Leipzig 1869.
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ZWEITES BUCH.
GLANZPERIODE UND VERFALL
DER
BUCHDRUCKERKUNST
1500—1750.
EINFÜHRUNG IN DAS ZWEITE BUCH. [[←]]
WIR haben in dem vorstehenden gesehen, wie überraschend schnell die Verbreitung der Buchdruckerkunst durch alle Länder Europas sich vollzog, auch die Verhältnisse und Gründe kennen gelernt, welche zu diesen ausserordentlichen Erfolgen beitrugen. Wir treten jetzt an die zweite, die schönste, Periode der Typographie heran, in welcher sie ihren Weltgang vollendete und in Europa zur hohen Blüte gelangte.
Gelehrte von Ansehen wenden sich, teils direkt als praktische Ausüber, teils indirekt als fördernde Herausgeber, Redaktoren und Korrektoren, der Buchdruckerei zu, als dem vollendetsten Mittel, Aufklärung überallhin zu verbreiten. Sie schaffen durch dieselbe zahlreiche Ausgaben der Klassiker und andere Werke, deren äussere Ausstattung mit dem inneren Wert harmoniert. Eine Anzahl von Familien, die man als den Adel der Buchdrucker bezeichnen kann, erwirbt durch treffliche Arbeiten Ruhm und bewahrt diesen durch lange Reihen von Jahren. Gebildete Herrscher, in Deutschland voran der Kaiser Maximilian i. und die sächsischen Fürsten, in Frankreich Franz i. und fast alle seine Nachfolger, verschmähen es nicht der Typographie und den mit ihr verwandten Gewerben ihre persönliche Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Buchdruckerkunst ist in den Dienst der Wissenschaft getreten, sie ist ihr aber mehr eine sorgsame Genossin denn eine rastlos für alles schaffende Magd.
Die schönsten Früchte der ersten Hälfte des xvi. Jahrhunderts reifen jedoch erst durch die enge Vereinigung der Xylographie mit der Typographie. Bedeutende Künstler, die zum Teil nur durch die Holzschnitte ihren Ruf haben, welche, wenn nicht von ihnen selbst, so doch unter ihrer Leitung ausgeführt wurden, widmen sich mit Vorliebe der Illustration. So entstehen sowohl viele, heute noch mustergiltige ganze Werke, als zahllose Einzelblätter.
Diese Hinneigung zum Holzschnitt war nicht dem Zufall oder nur der Bequemlichkeit, für ihn zu zeichnen, zuzuschreiben, sondern sie lag in den Verhältnissen tiefer begründet. Es konnte nicht anders sein, als dass die Maler der Reformationszeit, welche Zeugen der Segnungen der Erfindung Gutenbergs waren, die populärste Kunst, die Xylographie, deren Erzeugnisse so leicht und so weit durch die Druckerpresse verbreitet werden konnten, freudig begrüssen und begierig eine Gelegenheit ergreifen würden, durch welche auch sie berufen waren, an dem grossen Werke der Reformation thätig mitzuwirken.
So wurde das Zeitalter der Reformation, wie die Gegenwart, zugleich ein Zeitalter der Illustration und die glückliche Verbindung von Bild und Wort hat denn auch gar viel zur schnellen Verbreitung der Bildung durch alle Schichten beigetragen. Die Geschichte der illustrierenden Künste, speziell der Xylographie, ist deshalb nicht von der Geschichte der Typographie dieser Periode zu trennen.
Bei den in der Gegenwart mächtig sich kundgebenden ernsten Bestrebungen, die zur Zeit der Renaissance bestandene innige Verbindung der Kunst mit dem Gewerbe wieder herzustellen, musste sich notwendigerweise auch die Aufmerksamkeit aller strebenden Jünger Gutenbergs den goldenen Tagen der Druckkunst zuwenden.
Ehrt man auch die vorangegangenen Anfänge der druckenden Künste als die ältesten ehrwürdigen Denkmale, verfolgt man auch mit lebhafter Teilnahme die allmählichen Fortschritte der Kunst bis zum Beginn des xvi. Jahrhunderts, so kann doch nur ein einseitiges Schwärmen für die Vergangenheit in diesen Leistungen — mit wenigen Ausnahmen — nachahmungswürdige Vorbilder erblicken.
Anders verhält es sich jedoch mit den Werken derjenigen Periode, vor welcher wir jetzt stehen. Hier haben wir es nicht mehr mit nur historisch interessantem oder relativ gutem zu thun, sondern mit Erzeugnissen der besten Schriftschneider, Buchdrucker und Holzschneider und mit meisterlichen Schöpfungen noch heute nicht übertroffener Künstler. Die Werke der Renaissancezeit bilden einen Born, aus dem man immer und immer schöpfen kann, ohne dass ein Versiegen bemerkbar wäre.
Deshalb kann auch ein Zurückgreifen der Schriftschneider auf die besten Schriften des späteren Mittelalters oder ein Hervorholen der, lange Zeit in den Kunstsammlungen und Bibliotheken für das grosse Publikum begraben gewesenen Ornament- oder sonstigen Illustrations-Schätze nicht als ein Rückschritt zu etwas „veraltetem“ bezeichnet werden. Nach den Ausschreitungen über die Grenzen des Schönen, des Zweckmässigen und der wirklichen Fortschritte hinaus, an welche die neuere Zeit ebenso reich ist wie an wirklichen Verbesserungen, trat das Bedürfnis ein, die ruhigen, einfachen und doch kräftigen Formen der Glanzperiode wieder aufzusuchen, und was die Illustration betrifft, so kehren Künstler ersten Ranges mit Befriedigung zu der edlen einfachen Weise eines Dürer oder Holbein zurück.
Damit sei aber nicht behauptet, dass in dieser Richtung nicht das rechte Mass vielfach überschritten werde und dass nicht sklavische Nachahmungssucht auf Irrwege geführt habe, aber im grossen und ganzen bleibt es doch wahr, dass der denkende Schriftgiesser, der illustrierende Künstler und der Typograph in der Renaissancezeit die reichste Anregung und schönste Ermunterung für ein gedeihliches Schaffen auf ihren Gebieten suchen können und finden werden.
Darum bedarf es auch nicht der Entschuldigung, wenn wir bei dieser bevorzugten Zeit und den hervorragenden Persönlichkeiten derselben mit Vorliebe etwas länger verweilen; mussten doch gar zu bald fast in allen Ländern die Folgen der kirchlichen und politischen Spaltungen sich kund geben und der helle Glanz dem mehr oder weniger tiefen Dunkel des Verfalls weichen.
Leider sollte dieser Rückfall auf das empfindlichste das Heimatland der Erfindung treffen. Der Bauernkrieg, die langen inneren religiösen Kämpfe, vor allem der unselige dreissigjährige Krieg und die verwüstenden Züge der Franzosen schlugen der geistigen Entwickelung Deutschlands und seinem nationalen Wohlstande tiefe Wunden, die nur langsam vernarben konnten. Erst zu Ende der vorliegenden Periode zeigten sich der aufgehende Stern des preussischen Staates und die Anfänge der neueren nationalen Litteratur als Vorboten des Fortschrittes auf dem Gebiete der politischen und geistigen Machtstellung Deutschlands.
Je höher der Gipfel war, den Kunst und Bildung in Italien erreicht hatten, um so tiefer war der Fall, der auch hier eintrat. Zu gleicher Zeit seufzte Spanien unter dem Joche der Jesuiten und den Greueln der, den physischen und geistigen Tod verbreitenden Inquisition.
Frankreich musste unter politischen und Religionskämpfen bluten, erreichte jedoch trotzdem in dieser Periode unter der glanzvollen Regierung Ludwigs xiv. sein höchstes äusseres Ansehen und seinen litterarischen Zenith. Infolgedessen sinkt die Typographie hier auch nicht so schnell und erst zu einer Zeit, wo wir bereits von einem beginnenden Wiederaufblühen in anderen Ländern, namentlich in England, zu berichten haben.
Hier war eine Regierungsumwälzung der anderen gefolgt und die Presse hatte in schweren Fesseln gelegen, bis gegen den Schluss der Periode die Freiheit für immer einen festen Boden gewann, auf dem dann auch die Buchdruckerkunst sich eben so mächtig wie schnell entfaltete.
Im skandinavischen Norden wüteten die verwandten Stämme gegen einander und Schweden verzehrte ausserdem seine Kräfte in dem dreissigjährigen Krieg und in den Kämpfen mit Russland. Die Türken überschwemmten Ungarn und Österreich. Schwere und weitverbreitete Seuchen glichen in ihren Folgen den Kriegen.
Somit war ein grosser Teil des zweiten und des dritten Jahrhunderts der Buchdruckerkunst eine, dieser sehr ungünstige Zeit, in der sie nothwendigerweise leiden musste, und erst das vierte Jahrhundert sollte sie zum neuen Glanz wieder erstehen sehen.
Werke, welche ein Gesamtbild dieser interessanten Periode der typographischen und xylographischen Thätigkeit geben, oder auch nur die Geschichte der einzelnen Hauptländer in ihrer Totalität schildern, besitzen wir nicht. Dagegen giebt es eine stattliche Reihe erschöpfender Schilderungen der Wirksamkeit hervorragender Familien oder einzelner Persönlichkeiten, welche den Kern dieser Zeit bilden. Was die Meister der Typographie betrifft, so befindet sich das Ausland in einer besseren Lage als Deutschland, welches nicht einmal ein biographisch-kritisches Werk über die Familie Breitkopf aufzuweisen hat. Es sind namentlich die Franzosen, die sich durch solche Arbeiten Verdienste erworben haben.
Dahingegen bietet Deutschland vorzügliche Werke über seine grossen Künstler, die auch für die Illustration thätig gewesen sind. Solche Quellen des In- und Auslandes werden an den betreffenden Stellen angeführt, hier sei nur der bereits eingangs erwähnten allgemeinen Schilderungen Jackson, Chattos und Firmin Didots gedacht, sowie des, von Dr. Rob. Dohme herausgegebenen Kollektiv-Werkes: „Kunst und Künstler des Mittelalters und der Neuzeit“. 5 Bde. (Leipzig 1875-1881), das kritische Würdigungen und biographische Skizzen fast aller der Kleinmeister, die für die Illustration so Bedeutendes geschaffen haben, enthält.
Einen grossen Vorteil bieten die Kunstverfahren der Neuzeit: Photographie, Lichtdruck, Photolithographie und Zink-Hochätzung, durch die Möglichkeit, mittels derselben eine Anzahl von Werken aus der Renaissancezeit, die auf Grund ihrer Seltenheit und ihrer hohen Preise nur einem kleinen Kreis zugänglich waren, in getreuen Nachbildungen allgemein zu verbreiten; denn Werke, die wie R. Weigels wertvolles „Holzschnitte berühmter Meister“ (Leipzig 1857), vorzügliche Nachbildungen in Xylographie bringen, sind nur bei grosser Opferwilligkeit des Verlegers möglich.
Unter den Kollektivwerken, welche durch die oben erwähnten Verfahren eine reiche Auswahl des für den Typographen zu Studium und Nacheiferung Geeigneten bringen, sind namentlich die von G. Hirth in München und Leipzig herausgegebenen: „Der Formenschatz der Renaissance 1500-1600“ und „Die Bücherornamentik der Renaissance“ erwähnenswert.
Die Schriften der deutschen Fachgenossen aus älterer Zeit geben in Bezug weder auf äussere noch innere Verhältnisse der Buchdruckereien eine nennenswerte Ausbeute. Zu erwähnen sind:
J. H. G. Ernesti, „Die wol-eingerichtete Buchdruckerey“, (Nürnberg 1721). Mit vielen deutschen, lateinischen und orientalischen Schriften.
Chr. Fr. Gessner, „Die so nöthig als nützliche Buchdruckerkunst und Schriftgiesserey“. 4 Teile. (Leipzig 1740-1745). Ein reichhaltiges, fleissig zusammengetragenes Buch mit vielen Illustrationen technischer und geschichtlicher Natur.
Ch. G. Täubel, „Theoretisch praktisches Wörterbuch der Buchdruckerkunst und Schriftgiesserei“ (Wien 1805).
Höher stehen folgende Werke des Auslandes.
M. D. Fertel, La science pratique de l'imprimerie. Avec des fig. 2 Bde. (St. Omer 1723).
P. S. Fournier, Le Jeune, Manuel typographique. 2 Bände (Paris 1764). Das auf vier Bände berechnete Werk wurde durch den Tod des Verfassers unterbrochen.
Joseph Moxon, Mechanick Exercises; or the doctrine of Handy-works, applied to the art of printing (London 1677-1696). Das Buch ist sehr selten und Schreiber dieses nicht zurhand gewesen.
John Johnson, Typographia or the Printers Instructor. 2 Bde. (London 1824), und Thomas Curson Hansard, Typographia (London 1825), erschienen fast gleichzeitig und beide Verfasser waren tüchtige Typographen.
C. H. Timperley, Encyclopaedia of literary and typographical anecdote (London 1842) ist als eine vorsorglich gefüllte Vorratskammer zu betrachten. Die unzähligen Artikel sind nach den Jahreszahlen, aus allen Ländern untereinander, gereiht.
Ein sehr schätzbares Werk aus allerneuester Zeit ist:
E. C. Bigmore and C. W. H. Wyman, A Bibliography of printing with notes and illustrations. I. Band. A-L (London 1880). Das Buch enthält nicht nur eine reiche, wir möchten fast sagen überreiche, typographische Bibliographie aller Länder von der ältesten Zeit bis auf heute, sondern auch eine Menge von schätzbaren historischen Notizen und Illustrationen. Die Fortsetzung des Werkes erscheint vorerst in der von C. Wyman herausgegebenen vortrefflichen Fachzeitschrift: Printing times and Lithographer.
Die bereits in dem i. Buch erwähnten Spezialgeschichten einzelner Druckorte werden in dem ii. Buch nicht wiederholt.
VI. KAPITEL. [[←]]
DIE ILLUSTRIERENDE KUNST IN DEUTSCHLAND.
Die deutschen Malerschulen. Der Kupferstich und der Holzschnitt. Michel Wolgemut. Albrecht Dürer, seine Zeitgenossen und Nachfolger: Hans Burgkmair, Hans Schaeuffelein, die „Kleinmeister“. Hans Holbein d. j. Lucas Cranach d. ä. Die Schweizer und Elsasser Künstler. Über die „eigenhändigen“ Holzschnitte der Zeichner.
Die Maler-
schulen.
UNTER wenig günstigen Verhältnissen hatte die Malerkunst in Deutschland sich gestaltet. Das rauhe Klima gestattete keine Entwickelung der Wandmalerei mit ihren grossen Verhältnissen und die alles beherrschende gothische Baukunst benutzte die zeichnenden Künste fast nur zum Zweck der Ornamentierung. Erst um die Mitte des xiv. Jahrhunderts entstanden eigentliche Malerschulen, die jedoch in ihrer ganzen Weise noch die Spuren der früheren Unterordnung der Malerkunst unter die Architektur tragen.
Köln.
Unter diesen war die rheinische, nach dem Hauptorte KÖLN gewöhnlich die Kölnische Malerschule genannt, die bedeutendste. Sie zeichnete sich durch ideales Streben im Dienste der Kirche aus. Ihr eigentümlich waren demgemäss die schlanken, duftigen Gestalten mit heiligem Gesichtsausdruck in weichen Farben auf Goldgrund gemalt. Rundere, gedrungenere Formen entstanden erst beim Schärferwerden der fortschreitenden Naturbeobachtung und der Vervollkommnung der Technik. Wie früher die Menschen der Künstler mehr Heilige waren, so wurden jetzt die Heiligen mehr gewöhnliche Menschen.
Prag.
Im Osten war PRAG ein Hauptsitz der Kunst geworden, welche hier unter dem Einfluss des Kaiserhauses, besonders Karls iv., eine, zunächst die weltliche Macht verherrlichende Richtung nahm.
Brügge.
Wie Köln und Prag der geistlichen und staatlichen Gewalt huldigten, so entwickelte sich in Brügge, wie in Nürnberg, wo Handel und Verkehr blühten und ein mächtiges Bürgertum herrschte, die Kunst mehr in der realistischen und begrenzteren Richtung des Bürgertums. BRÜGGE wurde die Pflanzstätte der niederländischen Kunst, die ihre besondere Grösse im kleinsten Genre entwickelte und sich unter der Führung Huberts van Eyck durch eine, bis dahin unbekannte Naturtreue auszeichnete.
Nürnberg.
Unterstützt durch die Energie seiner Bürger und begünstigt durch seine, allerdings reizlose, Zentrallage war NÜRNBERG nicht allein ein Stapelplatz für die Produkte und Fabrikate Deutschlands geworden, sondern auch ein Knotenpunkt des Zwischenhandels des Nordens und des Westens mit dem Süden und dem Osten. Die Selbstregierung ruhte nach liberalen Grundsätzen in den Händen eines aufgeklärten und reichen Patriziertums, welches die Rechte der, in kleineren Verhältnissen Lebenden zu schonen verstand. Der rege Verkehr hatte den Gesichtskreis nicht allein in staatlichen und kirchlichen Verhältnissen erweitert, sondern auch den Sinn für Wissenschaft und Kunst verallgemeinert, und der Reichtum gab die Mittel, sie zu fördern.
Die Malerschule in Nürnberg nahm zwar unter solchen Umständen, wie in Brügge, einen bürgerlichen Charakter an, jedoch mit einer weit vornehmeren, gemütreicheren und religiöseren Richtung.
Kupferstich und
Holzschnitt.
Unter Einwirkung der Buchdruckerkunst und der Reformation mussten die neuen Kunstverfahren des Kupferstechers und des Holzschneiders einen besonders günstigen Boden in Deutschland finden. Ohne Unterstützung des sinnebestrickenden Farbenreizes und ohne andere Effektmittel, als die mehr oder weniger geschwellten Linien und die weiteren oder engeren Strichlagen, war der Künstler gehalten, eine um so grössere Aufmerksamkeit der Idee, der Komposition und der korrekten Formengebung zuzuwenden. Bald erreichten diese Künste, indem sie sich den Bestrebungen der sich neu gestaltenden Zeit dienstbar machten, trotz des räumlich kleinen Umfanges die Bedeutung einer monumentalen Kunst, die am fröhlichsten dort gedeihen musste, wo die erwähnten Bestrebungen sich am kräftigsten äusserten, demgemäss also auch in dem geistig-bewegten Nürnberg.
Die Formen-
schneider.
Der erste Formenschneider, der als solcher im Bürgerbuche genannt wird und zwar in den Jahren 1449-1492, ist Hans Formenschneider. Bei dem langen Zeitraum ist es anzunehmen, dass man es mit zwei Persönlichkeiten, vielleicht mit Vater und Sohn, zu thun hat. Auch andere werden genannt, von denen jedoch keine Arbeiten bekannt sind. Ein sehr unternehmender Mann war um diese Zeit Hans Sporer d. j. Seine Hauptwerke sind: „Der Endtkrist“ 2. Ausg. 1472; „Die Kunst zu sterben“ 1473; „Die Armenbibel“ 1475, in denen der Ausdruck der Figuren zum Teil noch etwas entschieden Fratzenhaftes und Gespenstisches hat. Auch Georg Glockendon d. ä. arbeitete schon um 1480 und schnitt u. a. eine „Marie“ mit fünf weiblichen Heiligen und eine „Himmelfahrt Christi“. Von Wolfgang Hamer hat man eine „Heilige Familie“[1].
Michel Wolge-
mut.
Der eigentliche Begründer der Nürnberger so berühmten Holzschneiderschule und wahrscheinlich der Einführer des Kupferstiches in Nürnberg ist Michel Wolgemut (geboren 1434). Seine künstlerische Ausbildung erhielt er am Rhein. Nach Nürnberg zurückgekehrt, heiratete er die Witwe des Hans Pleydenwurf, eines achtbaren Künstlers. Einen seiner Stiefsöhne, Wilhelm Pleydenwurf, bildete er als Künstler aus und errichtete, namentlich um die Ansprüche Kobergers für seine grossen Unternehmungen befriedigen zu können, mit ihm zusammen ein Holzschneide-Atelier. Dasselbe nahm eine grosse Ausdehnung an und es entstanden in sehr kurzer Zeit die bereits früher erwähnten Werke: „Der Schatzbehalter“ und Schedels „Buch der Chroniken“[2]. Pleydenwurf starb bereits kurz nach Vollendung derselben (1495); Wolgemut, der auch eine bedeutende Thätigkeit als Kupferstecher entwickelte, am 30. Nov. 1519. Abgesehen von seinen eigenen künstlerischen Verdiensten behält Wolgemut eine grosse Bedeutung als Lehrer Albrecht Dürers, der stets mit grosser Hochachtung von ihm sprach.
Albrecht Dürer.
Albrecht Dürer[3], mit dem der Holzschnitt einen hohen Standpunkt erreichte, war am 21. Mai 1471 als dritter Sohn des gleichnamigen Vaters in Nürnberg geboren. Dürer d. ä. war als Goldschmiedegesell 1455 nach Nürnberg gekommen, wo sein Meister Hieronymus Holper ihm seine Tochter zur Frau gab, die ihm achtzehn Kinder gebar. Albrecht wurde von seinem Vater in dem Goldschmiedehandwerk unterwiesen, jedoch auf seinen dringenden Wunsch, Künstler zu werden, mit seinem fünfzehnten Jahre bei Michel Wolgemut in die Lehre gebracht, und er nahm somit vielleicht schon an den Unternehmungen Kobergers thätigen Anteil.
Jugendjahre.
Von seinen Lehrjahren und Wanderungen ist wenig bekannt. Zu Pfingsten 1494 kehrte er von letzteren nach Nürnberg zurück mit den äusseren Vorzügen des Körpers sowohl als mit den inneren des Charakters und der Tüchtigkeit ausgestattet. Er heiratete Jungfrau Agnes Frey, die hübsch und nicht unbemittelt war. Es ist behauptet worden, dass die Ehe nicht glücklich gewesen, doch liegen keine Beweise dafür vor, wenn es auch den Anschein hat, als sei die Agnes mehr eine tüchtige Hausfrau, als eine mit der Künstlernatur Dürers sympathisch gestimmte Seele gewesen. Er bezog ein Haus am oberen Ende der Zisselgasse, welches er gekauft hatte, um dort sein Atelier einzurichten. Das Haus, innerlich und äusserlich leidlich unverändert erhalten, ist in den Besitz des Dürer-Vereins übergegangen.
Die Offenbarung
St. Johannis.
Dürer, der noch nicht seinen Weltruf hatte, musste des Verdienstes wegen manche Arbeiten übernehmen, an denen er sich sonst kaum versucht haben würde. Aber schon frühzeitig beschäftigte er sich mit einem Gegenstande, woran er seine ganze Kraft bethätigen und sich selbst genügen wollte. Im Jahre 1498 erschien sein Bildercyklus von 15 xylographischen Darstellungen in Folio zur „Offenbarung St. Johannis“. Der Text ist zweispaltig auf die Rückseite der Bilder gedruckt, jedoch nicht immer so, dass Text und Bild korrespondieren. Das Werk erschien sowohl in einer deutschen als in einer lateinischen Ausgabe und in mehreren Auflagen. Komplette Exemplare sind selten. Hiermit war der, bis dahin bekannte Kreis der Leistungen weit überschritten und die Thätigkeit des Geistes zeigte sich selbst der aussergewöhnlichen Fertigkeit der Hand so weit überlegen, dass die Ausübung der Kunst nicht mehr als Handwerk gelten konnte.
Dürers bahnbrechende Richtung für den Holzschnitt lag in seiner Manier für diesen zu zeichnen. Bis dahin bestand der Holzschnitt hauptsächlich nur in derben Umrissen auf das Kolorieren berechnet. Zwar hatte Wolgemut eine künstlerische Richtung mit Glück eingeschlagen, aber erst Dürer erreichte die Vollendung. Durch Abwechselung von Licht und Schatten erzielte er eine grössere malerische Wirkung, als durch Kolorit möglich war. Dazu gehörten jedoch Formenschneider, die auf seine Intentionen eingingen. Solche konnte aber Dürer ausbilden, denn niemand verstand es besser, als er, seinen künstlerischen Willen fest und bestimmt mit der Feder anzugeben. Es blieb für den Formenschneider nichts anderes übrig, als Strich für Strich der Zeichnung zu folgen. Dürer wusste ganz genau, was er der Technik des Holzschneiders zumuten konnte. Es war dies zwar weitergehenderes als sonst üblich, jedoch nicht mehr, als was mit dem einfachen Material geleistet werden konnte. Wie sicher er dies zu berechnen wusste, zeigt am besten der Vergleich seiner Holzschnitt-Technik mit seiner Kupferstich-Technik, für die keine solche hemmenden Schranken existierten.
Verschiedene
Arbeiten.
Aus den ersten Jahren des xvi. Jahrh. stammen eine grosse Zahl von Zeichnungen, Stichen und Holzschnitten von seiner Hand. Sein überströmender Geist legte in seinen Zeichnungen zum Teil die Gedanken nieder, die er später zu abgeschlossenen Werken ausarbeitete.
Italien. Reise.
Nach zehnjähriger und aufreibender Arbeit machte er eine Reise nach Italien. Aus den mitgenommenen kleinen Kunstwerken und den Vorräten seiner Stiche und Drucke hoffte er Vorteile zu erzielen, die indes nicht so reichlich ausfielen, wie die Ehrenbezeigungen, die ihm erwiesen wurden. Bei seiner Rückkehr malte er eine grosse Altartafel für den Kaufherrn Jakob Heller in Frankfurt, welche allgemeine Bewunderung erregte, aber doch so wenig lohnte, dass Dürer wieder zur Feder und zum Stichel griff. Zu den bedeutendsten seiner Leistungen gehören die drei „Passionen“ und das „Leben der Maria“ in Holzschnitt und Kupferstich. Sie haben durch Jahrhunderte ihren unvergänglichen Wert behauptet und sind wieder und wieder nachgebildet, nachdem die Originale nicht mehr für den Bedarf ausreichten.
Die Passionen.
Eine der Passionen in Folio und eine in Oktav sind in Holzschnitt ausgeführt, die dritte, auch in Oktav, ist in Kupfer gestochen. Die beiden ersteren erschienen 1511 in Buchform. Die „grosse Passion“ ist 12 Blätter stark mit ebenso vielen Darstellungen; die „kleine Passion“ 38 Blätter mit 37 Darstellungen, beide mit lateinischen Versen von Chelodonius, einem Benediktinermönch und Freund Dürers. Die dritte „Passion“ in Kupferstich von 16 Blättern ward erst 1513 vollendet; sie ist ohne Text und scheint nie in Buchform ausgegeben worden zu sein. Die, ihrem Stoff nach umfangreichste „kleine Passion“ fängt mit dem Sündenfall an und endigt mit dem jüngsten Gericht; die Bezeichnung Passion ist demnach nicht ganz korrekt.
Unser Frauen
Leben.
In keinem Werke aber prägt sich der eigentümliche Geist Dürers und überhaupt der deutschen Kunst voller und klarer aus, als in der Reihe von zwanzig, „Unser Frauen Leben“ behandelnden Holzschnitten. Auch was die Ausführung betrifft, gehört dieser Cyklus zu dem vorzüglichsten, was die Holzschneidekunst je geliefert hat.
Einzelblätter.
Neben diesen Hauptwerken schenkte uns Dürer in diesem Zeitpunkt seines reichen Schaffens eine grosse Anzahl von Einzelblättern, die den genannten an Originalität der Erfindung und in der Ausführung nicht nachstehen. Daneben musste er auch Zeit und Lust finden, Blätter für Kinder und zum Schmücken von Schachteln; Zeichnungen von Wappen der Patrizier zum Einkleben in ihre Bücher; Nachbildungen naturhistorischer Gegenstände, u. dgl. m. zu liefern.
Die Arbeiten für
Maximilian I.
Eine besondere Klasse von Arbeiten, die zu den, für den Typographen interessantesten gehören, sind die Werke, die er für den Kaiser Maximilian ausführte, der zwar ein poetisches Gemüt und einen regen Sinn für die schönen Künste besass, diese jedoch hauptsächlich nur durch deren Ausbeutung zu seiner persönlichen Verherrlichung bethätigte.
Hans Burgkmair.
Der Kaiser hatte den Gedanken gefasst, die ganze Glanzfülle seiner ruhmreichen Abstammung, seine weite Herrschaft, Leben und Thaten durch eine „Ehrenpforte“, einen „Triumphzug“ nebst einem „Triumphwagen“ darstellen zu lassen. Den hauptsächlichsten Teil der Arbeit wollte er Dürer übertragen, aber auch andere Künstler sollten bei den Werken beschäftigt sein. Unter diesen ragte besonders Hans Burgkmair, geboren zu Augsburg 1473, gestorben ebendaselbst 1529, hervor, der, durch seinen Aufenthalt in Venedig von der dortigen Kunst beeinflusst, einer der Hauptvertreter der Renaissance in Deutschland wurde. Berühmt ist er hauptsächlich durch seine Holzzeichnungen zu den erwähnten und anderen durch Maximilian i. hervorgerufenen Werken. Er lieferte 30 Platten zur Ehrenpforte, 66 zu dem Triumphzug. Von ihm stammen grösstenteils die 245 Zeichnungen zu dem „Weisskunig“, auch eine Verherrlichung des Kaisers, des weiteren arbeitete er mit an den 124 Blatt: „Heilige des österreichischen Kaiserhauses“. Berühmt ist auch sein „Turnierbuch“ mit 52 Illustrationen.
Die Ehrenpforte.
Den Auftrag zur „Ehrenpforte“ erhielt Dürer mutmasslich schon im J. 1512. Der gelehrte Johannes Stabius war mit der litterarischen Leitung und der Abfassung der vielen Inschriften betraut. Dürer ergriff die Sache mit grossem Eifer und vollendete seine Arbeit schon 1515, obwohl die Aussichten auf die entsprechende Entschädigung nicht gross waren, da der Rat von Nürnberg das Ansinnen des Kaisers, der nicht gern aus eigener Tasche zahlte, „Dürer Steuerfreiheit zu gewähren“, ablehnte oder vielmehr Dürer veranlasste, selbst den Antrag zurückzunehmen. Ebenso weigerte sich der Rat, ein, vom Kaiser auf Grund verschiedener Arbeiten Dürer zugestandenes Jahresgehalt von 100 Gulden zugunsten des Künstlers von den an Maximilian zu zahlenden Abgaben in Abzug zu bringen.
Die „Ehrenpforte“ ist das grossartigste, was jemals in Holzschnitt geschaffen worden ist. Sie besteht aus 92 Holzstöcken, die zusammengestellt eine Ausdehnung von nahe an 3 Meter 50 ctm. Höhe und 3 Meter Breite einnehmen. Mit einer Sicherheit ohne gleichen zeichnete Dürer die Blätter mit Feder und Pinsel. Mit gleicher Genauigkeit schnitt sie Hieronymus Andreä. Das Werk ist nicht ein Triumphbogen im antiken Stil, sondern ein hoher giebelgekrönter Renaissancebau, durch runde Türme flankiert und mit drei Thoren versehen. Der Reichtum an historischen Darstellungen, Allegorien, Portraitfiguren und ornamentalem Schmuck ist geradezu überwältigend.
Der Triumphzug.
Der „Triumphzug“ bildet in seiner Entfaltung ein Tableau von 54 Metern Länge bei 37 ctm. Höhe und besteht aus 135 Stöcken, war jedoch auf eine noch grössere Zahl berechnet. Von den Stöcken lieferte Burgkmair 66, Dürer zeichnete 24 Blatt. Dieses grossartige xylographische Werk bietet, abgesehen von dem Kunstgenuss, einen höchst interessanten Stoff für das Studium der Kostüme, Waffen, Geräte und Sitten damaliger Zeit. Das eingehende Programm verfasste des Kaisers Sekretär Marx Treytz-Saurwein.
Der Triumph-
wagen.
Der „Triumphwagen“, sozusagen der Mittel- und Schwerpunkt der gesamten Unternehmungen, ist ein Werk Dürers. Die Zeichnungen entstanden 1514-1515, die Holzschnitte waren 1522 fertig. Der Rat Pirckheimer hatte die Idee ausgearbeitet, die sich lediglich auf schale Lobrednerei gründet. Der Kaiser fährt auf einem von 12 Pferden gezogenen Triumphwagen, umgeben von allegorischen Figuren, die alle seine Tugenden repräsentieren. Die aus 8 Holzstöcken bestehende Komposition hat eine Länge von 2 Meter 32 ctm. bei einer Höhe von 47 ctm.
Als Kaiser Maximilian am 12. Jan. 1519 starb, gerieten seine Kunstunternehmungen ins Stocken. Dass der Kaiser nicht gern zahlte, wurde schon erwähnt. Dürer und Andere hatten ihr Honorar noch nicht erhalten. Um sich bezahlt zu machen, gab Dürer den „Triumphwagen“ auf seine Rechnung heraus. Die erste Ausgabe erschien 1522 mit deutschem, die zweite 1523 mit lateinischem Text; nachgedruckt wurde das Werk in Venedig 1589. Auch von dem „Triumphzug“ verkaufte man einzelne Blätter. König Ferdinand, dem daran lag, dass das Werk des Kaisers nicht in Privathände zersplittert würde, erwarb durch Vermittelung des Rates zu Nürnberg die noch unbezahlten Stöcke, die nach Wien kamen. Im Jahre 1759 machte man den Versuch, das ganze Werk herauszugeben. 1799 wurde eine neue Ausgabe veranstaltet und die noch fehlenden Stöcke durch Radierungen ersetzt.
Maximilians
Gebetbuch.
Zu seinem eigenen Gebrauch hatte Maximilian ein Gebetbuch zusammenstellen lassen, das er von Joh. Schönsperger in Augsburg in kostbarem Pergamentdruck ausführen liess. Die Initialen wurden nach einem, dem Congrevedruck ähnlichen Verfahren mehrfarbig eingedruckt. Man kennt bloss drei Exemplare dieses Werkes, eins in der k. k. Bibliothek zu Wien, das andere in der Münchner Bibliothek, das dritte in dem British Museum. Zu 45 Blättern zeichnete Dürer mit farbiger Tinte Einfassungen, die einen wahren Schatz von Ornamenten und Allegorien, Ernst und Scherz, Profanem und Heiligem in bunter Reihe enthalten. Dürer scheint die Absicht gehabt zu haben, sie durch seine Schüler fortsetzen zu lassen. Es existieren auch acht Blatt von anderer Hand gezeichnet, die fälschlich Lucas Cranach zugeschrieben wurden; eher dürften sie Hans Springinklee gehören[4].
Reise nach den
Niederlanden.
Im Jahre 1520 unternahm Dürer in Gesellschaft seiner Frau eine Reise an den Rhein und nach den Niederlanden, auf welcher er dort mit grossen Ehren empfangen wurde und mit vielen berühmten Persönlichkeiten in Berührung kam. Sein Hauptzweck war, den Kaiser Karl v., dessen Einzug in Antwerpen und Krönung in Aachen er beiwohnte, zur Zahlung der, ihm vom Kaiser Maximilian ausgesetzten Rente zu veranlassen, was ihm auch, nach verschiedenen vergeblichen Bemühungen an den Kaiser hinanzukommen, schliesslich in Köln gelang.
Litterarische Ar-
beiten.
Eine Hauptthätigkeit Dürers in den letzten Jahren seines Lebens war die Ausarbeitung und Herausgabe seiner litterarischen Arbeiten, für welche er sich durch sein ganzes Leben vorbereitet hatte. Sein erstes Werk erschien 1525 unter dem Titel: „Underweysung der Messung, mit dem Zirkel und Richtscheyte, in Linien ebnen wnd gantzen Corporen“. Für Buchdrucker hat das Werk ein besonderes Interesse, weil es die Verhältnisse der Buchstaben zum erstenmal in Deutschland nach geometrischen Grundsätzen feststellt. Es erlebte mehrere Auflagen, sowie eine Übersetzung in das Lateinische von Joh. Camerarius. Sein zweites Werk ist eine „Befestigungslehre“; sein Hauptwerk (1525) führt den Titel: „Hierine sind begriffen vier Bücher von mennschlicher Proportion“, und erlebte viele Ausgaben in vielen Sprachen.
Dürers Tod.
Seine letzte Zeit verlebte Dürer geschätzt von allen bedeutenden Männern in einfachen, jedoch keineswegs ärmlichen Verhältnissen. In den Niederlanden hatte er sich ein Fieber geholt, das er nicht wieder los werden konnte, trotz dessen er aber noch übermässig arbeitete. Er starb am 6. April 1528. Seit 1840 schmückt sein Standbild aus Erz den nach ihm benannten Platz in Nürnberg und die dortigen Künstler begehen zu seinem Geburtstage jährlich an seinem Grabe eine einfache Feier.
Die Zeitgenossen und Nachfolger Dürers zeigen, mit Ausnahme des durchaus selbständigen Hans Holbein, einen unverkennbaren Einfluss des grossen Meisters. Wenige unter ihnen, denen man im allgemeinen auf Grund der räumlichen Kleinheit ihrer meisten Arbeiten den Namen „Kleinmeister“ beigelegt hat, standen jedoch als Schüler in einer näheren Verbindung mit Dürer. Nur von zweien wissen wir mit Bestimmtheit, dass sie Dürers „Lehrjungen“ gewesen: Hans von Kulmbach und Hans Springinklee, und gerade über diese sind die sonstigen Nachrichten dürftig.
Hans von Kulm-
bach.
Hans Fuss, nach seiner Vaterstadt Hans von Kulmbach, trat, nachdem er die Malerei bei Jacopo dei Barberi (Jakob Walch) gelernt, 1510 bei Dürer in weitere Lehre. Ob er viel für graphische Kunst gezeichnet hat, ist nicht bekannt. Ein Blatt für den Triumphzug ist noch vorhanden mit den hineingezeichneten Korrekturen Dürers.
Hans Springin-
klee.
Hans Springinklee, geboren zu Nördlingen 1470, entwickelte für die graphischen Fächer eine grosse Thätigkeit. Er zeichnete 60, durch seelenvolle Innigkeit sich auszeichnende Bilder zu dem Hortulus animæ, der zuerst 1516 und dann in mehreren schnell auf einander folgenden Auflagen bei Koberger erschien. Er arbeitete auch mit an den Illustrationen zu dem Weisskunig und an verschiedenen Unternehmungen Dürers, dessen Art er sich innig anschloss. Auch grössere Einzelblätter hat man von ihm.
Erhard Schön.
Erhard Schön war ein Mitarbeiter Springinklees bei dem Hortulus animæ (ob auch bei Dürers Werken ist nicht bekannt), lieferte auch die zwölf Apostel und 24 Blatt Heilige. Er war Verfasser eines Lehrbuches: „Unterweysung der Proportion und Stellung der Bossen (Modellfiguren)“ mit einer Anzahl gut gezeichneter Köpfe und Körper in verschiedenen Lagen mit Konstruktionsnetzen; geschätzt sind von Sammlern seine Spielkarten. Er starb zu Nürnberg 1550.
Pencz und die
Beham.
Georg Pencz, Hans Sebald Beham und Barthel Beham sind Namen, die nicht allein durch die Gemeinsamkeit der Kunstübung, sondern auch durch die gemeinsamen Schicksale unzertrennlich geworden sind.
Alle drei lernten in Nürnberg und erhielten in jungen Jahren die Meisterschaft (ob in der Werkstatt Dürers ist nicht bekannt), jedenfalls gehörten sie alle zu seinen begabtesten Nachfolgern. In jugendlicher Schwärmerei wurden sie erklärte Anhänger des Thomas Münzer, der anfangs der zwanziger Jahre nach Nürnberg kam. In einen Prozess wegen Verbreitung deistischer und sozialistischer Ansichten verwickelt, mussten die drei Maler ihrer Vaterstadt den Rücken kehren.
Georg Pencz.
Pencz wurde nach einem Jahr begnadigt und später sogar Ratsmaler. Er war ein vorzüglicher Kupferstecher in einer neuen Manier, die sich nicht mit den einfachen Strichlagen Dürers begnügte, sondern nach italienischen Vorbildern malerische Wirkung durch Licht und Schatten und durch Abstufung der Töne zu erreichen suchte. Er liebte es, zusammenhängende Folgen von Blättern zu liefern, z. B. die Geschichte Abrahams, Josephs; 25 Blatt aus dem Leben Jesu. Vorzugsweise wandte er sich Folgen aus dem klassischen Altertum zu, als z. B.: „berühmte Liebespaare“, „Beispiele der Standhaftigkeit“, „unglückliche Frauen“. Man besitzt von ihm 126 Blätter: Er starb 1550, hinterliess aber, trotz fleissigen Arbeitens, die Seinen in grosser Dürftigkeit.
Hans Sebald
Beham.
Mehr Glück hatten die Behams, namentlich der jüngere, Barthel. Der ältere Hans Sebald Beham (geb. zu Nürnberg 1500) steht vielleicht von allen Kleinmeistern als Zeichner Dürer am nächsten, und übertrifft ihn als Kupferstecher. Er befindet sich schon vollständig auf dem Boden der Renaissance. Nach verschiedenen Schicksalen fand er in Frankfurt 1534 eine bleibende Stätte und ein reiches Feld seiner Thätigkeit. Für viele Werke Chr. Egenolffs lieferte er Illustrationen; für die Weltchronik (die in neun Auflagen erschien) 80 Holzschnitte; 26 Holzschnitte zu der Offenbarung St. Johannis; eine ähnliche Zahl zu dem Neuen Testament; ferner zu einem Handbuch der Fecht- und Ringerkunst und einem Buch vom gesunden Lebensregiment u. s. w. Als er 1550 starb, hinterliess er 270 Kupferstiche und an 500 Holzschnitte. Seinen Grundsätzen, für die er in der Jugend büssen musste, blieb er bis an sein Ende treu.
Die Herausgabe eines „Büchlein von den Proportionen des Ross“ brachte ihn in Konflikt mit der Witwe Dürers, welche hierin eine widerrechtliche Aneignung eines Manuskripts Dürers erblickte und ein Verbot des Buches Behams erwirkte, bis Dürers Werk, das übrigens von ganz anderen Gesichtspunkten ausgeht, erschienen sei.
Es wird behauptet, er habe gegen Ende seines Lebens eine Weinschenke errichtet und einem liederlichen Leben sich ergeben, dagegen scheint jedoch die grosse Zahl von Arbeiten, die gerade aus seinen letzten Lebensjahren stammen, zu sprechen.
Barthel Beham.
Barthel Beham ging nach München und trat 1527 in den Dienst des Herzogs Wilhelm von Bayern, der ihn auf seine Kosten nach Italien sandte, wo er plötzlich im besten Mannesalter und auf der Höhe seiner Kunst starb. Von seinen Kupferstichen sind 85 auf die heutige Zeit gekommen. Ganz vorzügliches leistete er in Ornamentvorlagen für das Kunsthandwerk, wie in Vignetten für Bücher. In derselben Richtung zeichnete sich Ludwig Krug in Nürnberg aus.
Hans
Schaeuffelein.
Hans Leonhard Schaeuffelein (geb. um 1476) lehnt sich sehr an Dürer an. Er wendete sich mit Vorliebe dem Holzschnitt zu, dessen Technik ganz der Richtung seines Geistes entsprach. Wahrscheinlich lernte er zuerst bei Wolgemut und arbeitete später bei Dürer, bis dieser 1505, vor seiner Abreise nach Italien, seine Werkstatt auflöste. Im Jahre 1507 lieferte er bereits eine Holzschnittfolge von 65 Blatt für das Speculum passionis des Dr. Pinder. Von ihm rühren 118 Zeichnungen für die Holzschnitte zu dem Theuerdank (1512) her, die von dem vorzüglichen Holzschneider Jost de Negker geschnitten wurden. Bei Schönsperger erschien ferner von ihm „Der Heiligen Leben“ mit 130 kleinen Holzschnitten und, im Verein mit Hans Burgkmair und Georg Brew, „Das Leiden Christi“.
Schaeuffelein heiratete die Nürnberger Patriziertochter Afra Tucher und wandte sich 1515 nach Nördlingen, der Heimat seines Vaters. Aus der Zeit seines dortigen Aufenthaltes sind zu nennen: seine Holzschnittzeichnungen zu Ciceros Buch „Von den Pflichten“; zu den Historien des Boccaccio; zu einem Buche mit dialektischen Vorschriften; zu dem „goldenen Esel“ des Apulejus und zu mehreren religiösen Werken. Am bedeutendsten sind einige, dem täglichen Leben entnommene Darstellungen, Bilder aus dem Soldatenleben und namentlich 20 Blätter mit Hochzeitstänzern. Ein Abendmahl zeichnet sich durch seine ungewöhnliche Grösse, 1 Meter 2 ctm. Breite bei 71 ctm. Höhe, aus. Schaeuffelein besass wenig Genie und konnte sich nicht von dem noch nicht fertigen Standpunkt der Form emanzipieren, auf welchem Dürer damals, als er nach Italien reiste, stand. Schaeuffelein starb 1549.
Albr. Altdorfer.
Albrecht Altdorfer, wahrscheinlich in Amberg um 1480 geboren, tritt weit selbständiger und origineller auf als Schaeuffelein, wenn er ihn auch nicht in der Technik übertrifft. Er zersplitterte seine Kräfte nach verschiedenen Richtungen hin. 1505 siedelte er nach Regensburg über und wurde 1526 dort Ratsbaumeister. Er ist als Vater der modernen Landschaftsmalerei zu betrachten und brachte es auch in der Ätzmanier zur Virtuosität. Die Zahl seiner Kupferstiche beläuft sich auf etwa 80, die der Holzschnitte auf 70, die der Radierungen auf 30. Er starb im Jahre 1538.
Michael Osten-
dorfer.
Michael Ostendorfer, ein Zeitgenosse Altdorfers (1490-1559), leistete als Zeichner mehr denn dieser und würde sicherlich bedeutendere Werke geliefert haben, wenn nicht die Not ihn gezwungen hätte, die Kunst allein als Erwerbsmittel zu betrachten und allerlei, seinen Fähigkeiten nicht angemessene Arbeiten zu unternehmen. In der ersten Periode seiner Thätigkeit sind seine besten Arbeiten der Verherrlichung der Jungfrau Maria gewidmet, besonders ein Holzschnitt von ungewöhnlicher Grösse: „Die Kirche der schönen Maria zu Regensburg“. Als diese Stadt 1542 das Augsburger Bekenntnis annahm, widmete Ostendorfer seine Kunst mit Eifer der Reformation. Seine bedeutendste Komposition ist ein umfangreicher Holzschnitt „Die Kreuzabnahme“ (1548).
Aus der grossen Zahl von Zeichnern für Formenschnitt von der Mitte des xvi. Jahrhunderts ab sind nur wenige nennenswert, unter diesen besonders: Virgilius Solis, Jost Amann, Peter Flötner und Melchior Lorch.
Virgil Solis.
Virgil Solis, geboren 1514 zu Nürnberg, hat für die Typographie eine besondere Bedeutung, weil er eine grosse Zahl der schönsten Zierstöcke für Bücherornamentierung erfand. Von ihm sind 600 Kupferstiche bekannt und die Zahl seiner Holzschnitte ist ebenfalls gross, als: 100 biblische Figuren zum Alten Testament; 116 zum Neuen; 67 zur Geschichte der Bibel; 178 zu Ovids Metamorphosen; 194 zu Äsops Fabeln. Er starb um 1562.
Jost Amann.
Jost Amann[5] war einer der talentvollsten Holzzeichner seiner Zeit und näherte sich mehr als Virgil Solis den alten Meistern. Seine Figuren haben jedoch etwas theatralisches. Er war im J. 1539 in Zürich geboren, zog 1560 nach Nürnberg und arbeitete vieles für dortige, besonders jedoch für Frankfurter Buchhändler, namentlich für Sig. Feyerabend. Wir haben von ihm Bibelillustrationen; Icones Livianæ, Bilder aus der altrömischen Geschichte; Zeichnungen zu Reineke Fuchs; das Stamm- und Wappenbuch; Kostümwerke von Bedeutung. Bekannt ist das 1564 erschienene: „Hans Sachse, eigentliche Beschreybung aller Stände auf Erden — aller Künste und Handwerken“. Wir finden darin auch den Schriftgiesser, Drucker, Briefmaler, Formenschneider, Buchbinder. Bei etwas grösserer Aufmerksamkeit auf die Details seitens Amanns würden diese Abbildungen von grösserem Werte für die ältere Geschichte der Buchdruckerkunst sein. Der Text in Versen bietet keine besonderen Anhaltepunkte. Amann starb 1591.
Peter Flötner.
Peter Flötner aus Nürnberg, gestorben um 1546, war in erster Reihe Bildhauer, doch auch als Zeichner besonders für den Formenschnitt thätig. Unter den erhaltenen etwa 60 Holzschnitten zeichnen sich besonders eine Reihe von Landsknechtsbildern vorteilhaft aus. Von Wert für die Ornamentik ist noch heute seine Sammlung von 24 Vorlegeblättern für Goldschmiede und sonstige Metallarbeiter.
Melchior Lorch.
Melchior Lorch aus Flensburg, geb. 1527, lieferte schon in seinem 18. Jahre tüchtige Stiche. Zu Dürer muss er in persönlichen Beziehungen gestanden haben, da er dessen Portrait 1550 in Kupfer stach, ebenso 1548 das Bildnis Luthers. Lorch machte grosse Reisen und besuchte zweimal, indem er kaiserliche Gesandtschaften begleitete, Konstantinopel. Die reiche Ausbeute, die er aus dem Orient mitbrachte, erschien 1570 in einem Buch, verlegt zu Hamburg. Später trat Lorch in den Dienst des Königs Friedrich ii. von Dänemark. Eine, auf zwei Platten geschnittene figurenreiche Darstellung der Sintflut ist die grösste der von ihm erhaltenen Kompositionen. Er starb zu Rom 1585.
Jakob Binck.
H. Ladenspelder.
Geschickte Kupferstecher waren Jakob Binck und Hans Ladenspelder. Der erstere, zu Anfang des xvi. Jahrh. geboren, siedelte 1531 nach Kopenhagen über, wo er Hofmaler wurde, wir haben ungefähr 150 Stiche von ihm. Von Ladenspelder (1511-1554) sind etwa 50 Stiche auf uns gekommen; er neigt sich mehr den Italienern zu.
H. Aldegrever.
Heinrich Aldegrever ist der letzte der Künstler, die mehr oder weniger unter den sich widerstrebenden Einflüssen der Gothik und der Renaissance stehen. Er wurde 1502 entweder in Paderborn oder in Soest geboren. Der Reformation sehr zugethan, stach er die Portraits Luthers und Melanchthons und griff die Pfaffenwirtschaft in mehreren Stichen an. Gegen 300 als echt anerkannte Stichblätter sind von ihm vorhanden. In grösseren Bilderfolgen behandelte er biblische Geschichten, z. B. die Adams und Evas, des barmherzigen Samariters, des keuschen Joseph. Seine ornamentalen Arbeiten gelten noch heute als nachahmenswerte Vorlagen, namentlich diejenigen Blätter, in welchen er sich an das einfache Pflanzenornament hält[6].
Luc. Cranach.
Eine Sonderstellung behauptet Lucas Cranach[7], so genannt nach seiner Vaterstadt Kronach in Oberfranken, wo er 1472 geboren wurde. Im Jahre 1504 trat er in die Dienste des Kurfürsten Friedrich des Weisen, bei dem, so wie auch bei den Kurfürsten Johann dem Beständigen und Johann Friedrich dem Grossmütigen er in grosser Gunst stand und zu denen er treu hielt. Nach Wittenberg übergesiedelt, kaufte er 1520 dort eine Apotheke, trieb auch Buch- und Papierhandel, beteiligte sich bei einer Buchdruckerei und lieferte, unterstützt von zahlreichen Gehülfen, eine Unzahl von Bildern, die zwar geschätzt wurden, aber doch keinen Vergleich mit denen Dürers und Holbeins vertragen. Durch Zeichenfeder wie durch Pinsel kann er als ein tüchtiger Mitarbeiter an dem Reformationswerk gelten, nicht nur, dass er die Bildnisse der Reformatoren allgemein verbreitete, sondern er trug auch durch seine satirischen Bilder dazu bei, einerseits das Papsttum blosszustellen, andererseits die Religiosität zu fördern. Unter seinen Mitbürgern war er sehr angesehen und er bekleidete das Amt eines Bürgermeisters. Mit dem Kurfürsten Johann Friedrich ging er nach Weimar, wo er im Oktober 1553 starb.
Von beglaubigten Kupferstichen Cranachs giebt es kaum ein Dutzend; von Holzschnitten jedoch über 500, teils Einzel-Blätter, teils Suiten. Unter letzteren erwähnen wir: „Die Leiden Christi“ 14 Blatt; die 1509 als Passio Jesu Christi erschienen, und später vielfach benutzt wurden; „Christus und die Apostel“, 14 Blatt; „Die Marter der Apostel“, 12 Blatt; „Passional Christi und Antichristi“, 26 Blatt, wovon 13 je eine Scene aus dem Leben Christi, diesen gegenüber 13 je eine aus dem Leben eines Papstes vorstellen; „Das Papsttum“, 10 Blatt, dann „Das Wittenberger Heiligtumsbuch“, 119 Blatt, mit Abbildungen und Beschreibungen kostbarer Gefässe etc.
Hans Baldung.
In Strassburg lebte Hans Baldung, genannt Grün, wenige Jahre nach Dürer (1475) in Schwäb. Gmünd geboren. 1509 liess er sich in Strassburg nieder. Als Maler ist er namentlich durch sein Altarbild in dem Freiburger Münster bekannt (1510-1526). Nach seiner Rückkehr nach Strassburg widmete er sich besonders dem Holzschnitt und lieferte auch schöne Blätter in Clair-obscur-Manier. Grossartig sind seine Apostel-Figuren aus den Jahren 1518-19. Man kennt etwa 150 Blätter von seiner Hand. Ein wahres Kleinod für die deutsche Kunstgeschichte ist sein Skizzenbuch, welches in Karlsruhe aufbewahrt wird. Er starb im Jahre 1545.
Urse Graf.
Tobias Stimmer.
Ein besonderer Glücksstern ruhte über Basel. Hier wirkte zuerst Urse Graf (geb. 1470, gest. 1530), von dessen Zeichnungen manche nicht hinter denen Dürers und Burgkmairs stehen (Leben Christi in 24 Bl.); dann Tobias Stimmer (geb. zu Schaffhausen 1534), dessen „Newe künstliche Figuren biblischer Historien“ (1576) Rubens als eine Schatzkammer der Kunst bezeichnete. Stimmer starb um das Jahr 1590.
Basels grösster Stolz ist jedoch Hans Holbein der jüngere dessen Vater Hans, ein Maler von Verdienst, aus Augsburg stammend, um das Jahr 1495, in welchem der Sohn geboren wurde, nach Basel zog.
Hans Holbein d. j.
Die erste bedeutendere Holzschnitt-Arbeit Holbeins ist „Mucius Scävola und Porsenna“. Das Werk des englischen Kanzlers Thomas Morus, ‚Utopiaʻ, welches bei Joh. Froben in Basel erschien, war Veranlassung für Holbein, mit Erasmus in Berührung zu kommen, der ihn dem Kanzler empfahl, durch dessen Vermittelung er als Hofmaler Heinrichs viii. in das Schloss Whitehall zog, wo er seine unvergleichlichen Bildnisse malte und zeichnete und 1543 starb. Basel besuchte er in den Jahren 1529 und 1539[8].
Holbein lieferte, abgesehen von seinen Alphabeten, über 300 Zeichnungen für den Holzschnitt, darunter Randverzierungen, Titelblätter, Buchdruckerzeichen u. dgl. Seine drei in der Geschichte der Holzschneidekunst unübertroffen dastehenden Werke sind: „Das lateinische Totentanzalphabet“, „Der Totentanz“ und „Die Bilder zur Bibel“.
Das Totentanz-
Alphabet.
„Das Totentanzalphabet.“ Auf Blättern von nur 24 Millimeter in Quadrat hat es Holbein verstanden in Verbindung mit Initialen Gruppen zu komponieren, von welchen jede eine Scene darstellt, wie der Tod den Menschen in jedem Alter und in jeder Lebensstellung erfasst. Die Zartheit des Stiches, die Reinheit der Linien veranlassten Kenner, hierin eher Hochschnitte in Kupfer als Holzschnitte zu suchen. Die 24 Vignetten, auf ein Blatt gedruckt, sind nur in ganz wenigen Exemplaren vorhanden; auf zwei davon wird Hans Lützelburger als der Formschneider angegeben. Was aus den Originalen geworden, weiss niemand, kopiert sind sie vielmals. Loedel in Göttingen hat sie vortrefflich nach dem schönen Exemplar in Dresden gestochen.
Der Totentanz.
„Der Totentanz.“ Noch berühmter ist der Totentanz, der in dreizehn Ausgaben existiert. Früher hielt man dafür, dass die erste gedruckte Ausgabe von den Originalstöcken, welche eine Höhe von nur 6 ctm. 5 mm. und eine Breite von 5 ctm. haben, in Lyon erschienen sei, neuere Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass wenigstens die zwei ersten Ausgaben aus Basel stammen und dass wahrscheinlich erst die vierte aus der Offizin der Gebr. Trechsel in Lyon herrührte. Dass die Schnitte in Basel hergestellt wurden, dürfte ebenfalls zweifellos sein; in Lyon waren damals keine, dieser Aufgabe gewachsenen Holzschneider. Man schreibt sie dem, mit dem Namen Holbein so eng verknüpften Formenschneider Hans Lützelburger, genannt Franck, zu. Die iv. bis xi. Ausgabe wurde in Lyon; die xii. in Basel; die xiii. wieder in Lyon gedruckt. Die viii. Ausgabe und die folgenden haben statt 41 Blätter deren 53. In dem Hin- und Herwandern der Holzschnitte liegt nichts befremdendes; ein solches fand öfters statt.
Die Engländer haben behauptet, dass die Originale für die Holzschnitte des Totentanzes Gemälde im Schlosse Whitehall, welches 1697 in Flammen aufging, gewesen seien. Die mit der Feder ausgeführten, und durch leichtes Aufsetzen von braunen Tinten gehobenen Originalzeichnungen befinden sich jetzt, nach verschiedenen Schicksalen, in dem kaiserlichen Kabinet in St. Petersburg. Das Werk ist vielfach kopiert, in Holzschnitt hat man 48, in Kupferstich 43 Ausgaben. Die von dem bekannten englischen Kupferstecher Hollar in London 1647 gelieferten Stiche sind nach den, damals in Besitz des Lord Arundel befindlichen Originalen gemacht.
Holbein erzielt in diesem Werke, dessen Gedankentiefe, Kraft und Naivetät man nicht genug bewundern kann, mit den einfachsten Mitteln die grösste Wirkung. Er schafft keine Schwierigkeit für den Holzschneider, die Schatten deutet er nur schwach an.
Icones veteris
testamenti.
Die Icones Veteris Testamenti halten sich in demselben einfachen Stil. Der Ausdruck ist kräftig und naiv; eine Eigentümlichkeit sind die etwas kurzen Figuren. Die erste Ausgabe erschien 1538 bei Trechsel in Lyon. Sie enthält 92 Blätter. Schon 1539 folgte die zweite. Die dritte Ausgabe druckten die Gebr. Frellon, welche überhaupt fünf Ausgaben lieferten, nachdem sie die Druckerei von Trechsel erworben hatten.
Wer die Platten geschnitten hat, ist unbekannt geblieben; dass Hans Lützelburger allein eine so bedeutende Arbeit hätte ausführen können, ist nicht anzunehmen. Angesehene Kenner haben vermutet, dass die Schnitte in Paris besorgt sind.
Im Jahre 1830 haben zwei geschickte englische Holzschneider, John und Mary Blyfield, sowohl diese Zeichnungen, als auch den Totentanz so getreu nachgebildet, dass sie kaum von den Originalen zu unterscheiden sind. In demselben Jahre, wo das Original Holbeins in Lyon erschien, liess Pierre Regnault in Paris eine, jedoch schwache Nachahmung erscheinen.
Höchste Stufe
d. Holzschnittes.
Mit den Arbeiten Holbeins hatte die Holzschneidekunst ihren Höhepunkt erreicht. Trotz aller Fortschritte in der Technik, die heute spielend alle Schwierigkeiten überwindet, giebt es nichts, was den, mit so einfachen Mitteln und bei so kleinen Dimensionen erreichten Effekt dieser Kunstwerke übertrifft. Die Vortrefflichkeit der Ausführung hat Sachkundige veranlasst, in dem Holzschneider den Künstler selbst erkennen zu wollen. Überhaupt ist die Frage öfters aufgeworfen: „Waren in der ersten Periode des Holzschnittes Zeichner und Holzschneider dieselbe Person?“, eine Frage, die unterschiedliche Beantwortung gefunden hat.
Ueber die eigen-
händigen Holz-
schnitte.
Es mag wohl unzweifelhaft sein, dass die Künstler damaliger Zeit, wo Kunst und Gewerbe einander weit näher standen, als heutzutage, die Technik des Holzschnittes innegehabt und öfters selbst die Xylographie geübt, namentlich die Teile eines Bildes geschnitten haben, die besondere Sorgfalt erforderten. Ebenso unzweifelhaft ist es aber wohl auch, dass dies eine Ausnahme war, und dass die Zeichner sich in der Regel des Formenschneiders bedienten, um die langwierige Arbeit des Schnittes auszuführen.
Es bleibt so gut für diese Periode, wie für unsere Zeit anzunehmen, dass zwei Künstler bei der Arbeit zusammenwirkten: der eigentlich Erfindende, der die Komposition entwarf und aufs Holz zeichnete (riss) — eine Arbeit, die aber in manchen Fällen auch von einem zweiten Künstler besorgt wurde —, und der Holzschneider, der selbst und durch seine Gehülfen den Schnitt ausführte.
Das Monogramm Holbeins oder Dürers auf einem Holzschnitt beweist ebensowenig, dass er den Schnitt ausgeführt hat, als heutzutage das Horace Vernets oder Adolph Menzels uns glauben lässt, dass diese in Holz geschnitten haben. Dass der Holzschneider nicht seinen Namen beigefügt hat, liegt einfach darin, dass er damals noch nicht den Anspruch machte, als selbständiger Künstler zu gelten. Die Aufgabe des Holzschneiders war nur, die Zeichnung auf das genaueste wiederzugeben; je sklavischer er hierin arbeitete, je weniger er Anspruch auf Selbständigkeit machte, ein um so besserer Holzschneider war er. Abgesehen von den eigenen Äusserungen Dürers, woraus hervorgeht, dass er sich wenigstens hauptsächlich nur mit der Zeichnung beschäftigt hat, beweist die grosse Zahl von Holzschnitten von ihm, sowie die Verschiedenheit in der Ausführung, dass sie nicht Arbeiten eines einzigen Mannes sein können; und so wird es wohl auch mit den Arbeiten mancher anderer Künstler der Fall sein.
Die Drucker-
zeichen.
Über eine besondere Art der Illustration, welche sowohl in Deutschland, wie in anderen Ländern allgemein üblich wurde, die „Druckerzeichen“[9] mögen hier einige Worte Platz finden.
Schon in der frühesten Periode machten die Buchdrucker Gebrauch von Wappenschildern, Sinnbildern und Wahlsprüchen, die so zu sagen die Stelle eines Fabrikzeichens einnahmen und sowohl ein Ursprungs-Zeugnis als auch ein Eigentumszeichen bildeten. Bereits Fust und Schöffer bedienten sich eines solchen; dass jedoch der zweite Zweck des Druckerzeichens nicht immer erfüllt wurde, beweisen schon die Klagen des Aldus, dass die Nachdrucker in Lyon nicht allein seine Bücher nachdruckten, sondern auch sein Zeichen, den weltberühmten Anker von einem Delphin umschlungen, nachmachten, so dass jedermann glauben müsse, er sende solche fehlerhafte Drucke in die Welt.
Mit dem zunehmenden Geschmack an Verzierungen wurde immer mehr Phantasie und Geschick auf Erfindung und Ausführung der Druckerzeichen verwendet. Die Familie der Elzevire wählte den vieltragenden Ölbaum, welchen die griechische Mythe als das segensreiche Geschenk der weisen Göttin Minerva an die Menschheit bezeichnete. Die Stephane nahmen ebenfalls einen Baum, welchem der fromme und gelehrte Heinrich Stephanus eine Apostelfigur beigab, die mit einem Fingerzeig auf die herabgefallenen gebrochenen Zweige und auf den Ausspruch des Apostel Paulus: Noli altum sapere, sed time (Strebe nicht zu hoch, sondern sei besorgt) warnend hinweist.
Die Drucker-
zeichen.
Plantin kennzeichnete den Geist, der seine Arbeiten leitete, durch eine Hand und einen Zirkel mit dem Motto Labore et constantia (durch Arbeit und Beständigkeit). Froben führte einen, von Schlangen umwundenen Stab, auf welchem eine Taube sitzt, was Erasmus zu dem Ausspruch veranlasste, dass der gelehrte Drucker in Wahrheit die Schlangenklugheit mit der Taubeneinfalt vereinige. Die Familie Marnef wählte den Pelikan, wie er sich die Brust zerfleischt, um seine Jungen zu nähren.
Künstlerisch ist das Zeichen des Oporin: der auf dem schwimmenden Delphin sich wiegende Arion, der von den Winden getragen zu werden scheint, ebenfalls bemerkenswert der Saturn des Colinäus, sowie das schöne Sinnbild der Gioleti mit dem grossen, keck in die Sonne schauenden Adler und dem Motto semper eadem. Voller Kraft und Grazie ist auch der Greif der Familie Gryphius und der prächtige Pegasus, auf dem die Wechel ihrem Ruhme entgegeneilten. Würdig obigen beigesellt zu werden ist das merkwürdige Symbol des Hieron. Scott: eine weibliche Figur auf einer Erdkugel, welche dem leisesten Druck der Zügel zu gehorchen scheint, die sie in ihrer Hand hält. Prosaischer war die Herleitung des Druckerzeichens von dem Zeichen des Wohnhauses wo gedruckt wurde.
Manchmal hatten die Insignia eine bedeutende Grösse. Riesenhaft ist der wilde Löwe des Mylius von Strassburg, ebenso wie die drei reissenden Bestien Brylingers, während Couteaus kolossaler Löwe friedlich auf einem Schild von Blumen ruht.
Besonders beliebt waren die rebus-ähnlichen Wortspiele. Das Wappen Baumanns in Breslau zeigt ein unfertiges Haus mit dem Baumeister davor. Apiarius (Bienenzüchter) in Ingolstadt sendet einen Bären baumaufwärts trotz des diesen umgebenden Bienenschwarmes. Froschauer in Zürich mag für seinen schlechten Rebus einige Entschuldigung in dem Humor finden, mit welchem sein Junge den riesenhaften Frosch reitet oder letzterer auf den Baum klettert. Für Granjon lag das Wortspiel fertig in der grossen Binse (grand jonc). Das Schiff (Galliote) des Galliot du Pré fährt unter vollen Segeln dahin. Der wuchtige Elephant Regnaults gewinnt sehr in den Händen seiner Witwe durch den pikanten Zusatz, dass sie das Elephantentum fortsetzen werde: Sicut Elephas sto!
Die Drucker-
zeichen.
Namentlich die englischen Buchdrucker gefielen sich in den, oftmals bis an die Grenze des Erlaubten getriebenen Wortspielen. William Middleton stellte sein W. M. mitten auf eine Tonne. William Griffith sendet uns einen Greif mit einer Bartnelke (Sweet William) in dem Schnabel. Thomas Woodcock (Holzhahn) setzte einen Hahn auf einen Scheiterhaufen mit der Umschrift Cantabo Jehovae, quia beneficit (ich will dem gnadenreichen Gott lobsingen). Thomas Pavier führte als Zeichen einen arbeitenden Pflastersetzer (pavier) mit dem Motto: Thou shalt labour, till thou return to dust (du sollst arbeiten, bis du wieder zu Staube wirst). Reynard Wolf lässt seine Namensvettern, Fuchs und Wolf, Schildhalterdienste bei ihm verrichten. Das Zeichen John Days (Tag) zeigt eine von der aufgehenden Sonne beleuchtete Landschaft; im Vordergrunde ein Schlafender, den ein Engel weckt, mit dem Ausspruch: Arise! for it is Day (Steh auf, denn der Tag ist da).
Gewisse einfache und sehr leicht verständliche Embleme scheinen als ein Gemeingut der Drucker aller Länder gegolten zu haben, so gebrauchten Oeglin, Notary, Martens, Thanner und Weissemburger die Erdkugel; die Druckerpresse wurde benutzt von Ascensius, Vascosan, Roigny, Schilders, de Preux, Hanns Lufft u. s. w., Kreuz, Stern und Anker wurden in allen erdenklichen Zusammenstellungen verwendet, die Zeit zeigt sich in allerlei Gestalten, die Schlange windet sich durch eine Menge von Druckerzeichen, ja selbst in der Benutzung der Kohlköpfe findet Rivalität statt. Die oft vorkommende Axt, welche einen Holzblock spaltet, erhielt eine schreckliche Vorbedeutung in dem Zeichen des grausam hingeopferten Etienne Dolets.
Als nach und nach die Buchdrucker aufhörten, zugleich die tonangebenden Verleger zu sein, und Lohndrucker der Buchhändler wurden, mussten sie den Verlegern den Platz räumen und bescheiden in den Hintergrund treten. Die Verleger nahmen nun ihrerseits vielfach Embleme an, in der Regel jedoch allgemeiner Natur, z. B. eine brennende Lampe, ein aufgeschlagenes Buch, eine Presse im Strahlenkranze, einen Greif oder einen Schild mit den Anfangsbuchstaben der Firma u. s. w.
[1] R. von Rettberg, Nürnbergs Kunstleben. Stuttgart 1854.
[2] Vergl. S. 47.
[3] A. v. Eye, Leben und Wirken Dürers. 2. Ausg. Nördlingen 1869. — M. Thausing, Dürer, Geschichte seines Lebens und seiner Kunst. Leipzig 1876.
[4] Diese Randzeichnungen sind von N. Strixner 1808 in Lithographie vorzüglich nachgebildet und später auch anderweit reproduziert.
[5] C. Becker, Jost Amann, Zeichner etc. Mit Zusätzen von R. Weigel. Leipzig 1854. Vergl. auch S. 77.
[6] Sie sind in vortrefflichen Lichtdrucken reproduziert.
[7] Chr. Schuchardt, Lucas Cranach des älteren Leben und Werke. 2 Bde. Leipzig 1851. — Jos. Heller, Lucas Cranachs Leben und Werke. Nürnberg 1854.
[8] Alfr. Woltmann, Hans Holbein und seine Zeit. 2. Aufl. Leipzig 1876. — Ambr. Firmin Didot, Essai sur l'histoire de la gravure sur bois. Paris 1853.
[9] Frid. Roth-Scholtz, Insignia bibliopolarum et typographorum. Nürnberg 1728. — C. L. Silvestre, Marques typographiques. Paris 1853. Reiffenberg, Marques et devises. Brüssel 1874. — J. Ph. Berjeau, Early Dutch German and English Printers Marks. London 1866. — Jessie E. Ringwalt in dem Amerikanischen Printers Circular. 1873.
VII. KAPITEL. [[←]]
DIE TYPOGRAPHIE IN DEUTSCHLAND UND IN DEN SKANDINAVISCHEN LÄNDERN.
Nürnberg: Der Theuerdank. Die deutschen Schriften. Augsburg: Hans Schönsperger d. ä. Frankfurt am Main: Chr. Egenolff, Sigism. Feyerabend, die Merians. Mainz: Die Nachfolger Schöffers. Tübingen: Der slawische Druck. Cotta. Strassburg: Illustrierter Druck. Basel: Joh. Froben, die Familie Petri, Joh. Oporinus. Zürich: Chr. Froschauer. St. Gallen: Leon. Straub. Wien: Johan Sigriener, Hans Kohl, Joh. v. Gehlen. Leipzig: Melch. Lotter, Valentin Bapst. Gute und schwere Zeiten. Wittenberg. Der Norden. Berlin.
DIE SKANDINAVISCHEN LÄNDER. Dänemark, Norwegen und Island, Schweden und Finnland.
DER Ruhm, die Arbeiten der in dem vorigen Kapitel erwähnten Künstler durch den Druck verbreitet zu haben, gehört vor allen Nürnberg, dann Augsburg, Frankfurt am Main, Strassburg, Basel; doch auch manche Druckstädte des Auslandes, besonders Lyon, trugen dazu bei, den Ruhm deutscher Künstler im Ausland weiter zu verbreiten.
Nürnberg.
Dass NÜRNBERGS Pressen den grössten Anteil an den von Maximilian I. veranlassten Werken haben mussten, geht als natürliche Folge aus dem oben mitgeteilten hervor. Typographisch das interessanteste Druckerzeugnis bleibt: „Die Geheuerlichkeiten und eins teils der geschichten des löblichen streytparen und hochberühmten Helds und Ritters Tewrdanckhs“. Der Text ist eine recht schale Poesie des Probstes Melchior Pfinzing zu St. Sebald in Nürnberg, und, wie alle durch Maximilian hervorgerufenen Werke, auf dessen alleinige Verherrlichung abgesehen. Das Buch schildert allegorisch alle die Abenteuer, die er zu bestehen hatte, bis er in den Besitz der Herzogin Maria von Burgund gelangte, und ist hauptsächlich nur seiner artistisch-typographischen Ausstattung wegen berühmt geworden.
Aus der Korrespondenz des Kaisers mit seinem Sekretär Peutinger geht hervor, wie lebhaft er sich für diese Arbeit interessierte. Er war eifersüchtig, wenn er glaubte, ein Künstler stelle seine Aufträge gegen die anderer zurück, und besuchte öfters das Holzschneide-Atelier des Hieronymus Resch, um sich von dem Vorwärtsschreiten des Werkes zu überzeugen. Aber das Bezahlen war, wie schon erwähnt wurde, nicht seine starke Seite. Die Zeichnungen lieferten Schaeuffelein und andere angesehene Künstler.[1]
Theuerdank-
Type.
Die „Theuerdanktype“ ist eine ganz eigentümliche und kann als ein Wendepunkt in der deutschen Schriftschneiderei betrachtet werden, indem von nun an die gothische Schrift verlassen und die jetzt gebräuchliche Fraktur ausgebildet wurde. Die Zeichnung zu der Schrift besorgte der Hofsekretär des Kaisers Maximilian, Vincenz Röckner, und soll er dazu ein, von dem bekannten Schriftzeichner Joh. Neudörffer hinterlassenes Manuskript benutzt haben. Wer die Stempel schnitt, lässt sich nicht bestimmt nachweisen, wahrscheinlich war es Hieronymus Andrae, nach damaliger Sitte Hieronymus „Formenschneider“ genannt. Es ist um so eher anzunehmen, dass Andrae die Schrift schnitt, als er sie später in verschiedenen Grössen ausführte und sie zugleich in der von ihm eingerichteten Buchdruckerei benutzte, in welcher auch die Bücher Dürers gedruckt wurden.
Man hat lange darüber gestritten, ob nicht der Theuerdank von Holztafeln gedruckt sei, jedoch einen unscheinbaren, aber sicheren Gegenbeweis gefunden, indem in der ersten Ausgabe von 1517, unter dem vierundachtzigsten Bilde, in der Unterschrift ein umgekehrtes i vorkommt, ein Beleg, dass auch ein Satzfehler von Wert sein kann. Die verschiedenen Formen der Versalbuchstaben, sowie die in Holz geschnittenen angesetzten Züge und vielen Zieraten konnten freilich leicht zu der Annahme führen, dass auch die eigentümliche Schrift Holzschnitt sei. Diese Annahme konnte noch durch die Menge der verschiedenartigsten Ligaturen bestätigt werden; mit solchen war man jedoch damals äusserst freigebig. Die Theuerdankstype, ohne die Zieraten, behielt bis in das xvii. Jahrhundert ihre Geltung, sowohl in Deutschland, wie in Holland, und alle andere deutsche Schriften bildeten sich nach derselben.
Die Koberger.
Antonius Kobergers Wirksamkeit lernten wir schon früher kennen. Die Bedeutung des Geschäftes hörte mit seinem Tode (1513) nicht auf. Der Sohn Ant. Koberger war damals minderjährig. Der eigentliche Chef des Hauses scheint Johannes Koberger, entweder ein Sohn des älteren Antonius aus erster Ehe oder ein Neffe desselben, gewesen zu sein; das Verhältnis ist jedoch nicht ganz klar. Johannes war ein Mann von grosser Thatkraft und das Geschäft befand sich 1532 in einem blühenden Zustand; seit dieser Zeit hört man jedoch von demselben nichts mehr. Antonius starb im J. 1540; Johannes 1543.
Durch die grosse Korrektheit seiner Ausgaben zeichnete sich Johann Petreijus aus. Das bis in die neueste Zeit bestehende Endtersche Geschäft wurde 1604 gegründet. Aus diesem stammt auch das erste deutsche typographische Handbuch (1721).
Schriftgiesserei
in Nürnberg.
Eine grosse Bedeutung hat Nürnberg für die Schriftgiesserei. Unter den Schreibmeistern (Modisten), welche die deutsche, besonders die Kanzlei- und die Fraktur-Schrift, zu Ehren brachten, war Paul Fischer bedeutend. Sein Schüler Johann Neudörffer d. ä. war der erste, der die deutsche Schrift in die später allgemeine Form brachte. In den Jahren 1538, 1544 und 1549 gab er seine Anweisungen heraus. Neudörffer starb 1581. Einen guten Ruf erwarb sich Pancratius Lobinger, dessen Schriften noch um die Mitte des xviii. Jahrhunderts beliebt waren[2].
Augsburg.
Hans Schöns-
perger d. ä.
AUGSBURG zählte den Drucker des Theuerdanks zu seinen Bürgern. Es war Hans Schönsperger der ältere, der von 1481 bis 1523 eine Reihe ausgezeichneter Druckwerke lieferte. Er stellte jedoch die erste Auflage nicht in Augsburg her, sondern wurde nach Nürnberg berufen, um das Werk dort unter den Augen des Verfassers auszuführen. Die zweite Auflage schreibt sich jedoch aus Augsburg. Von Schönspergers sonstigen Druckwerken war das Regimen sanitatis das erste, das „Neue Testament“ das letzte. Von seinem gerühmten Verfahren, Gold- und Silberdruck auszuführen, wissen wir nichts näheres.
Andere Augs-
burger Drucker.
Von bedeutenden Augsburger Druckern sind noch zu nennen: Erhard Oeglin (Ocellus), der zuerst in Deutschland hebräische, und Hans Müller, welcher zuerst griechische Bücher lieferte. Hans Froschauer brachte ein Werk mit musikalischen Noten, die jedoch nicht Typen, sondern Holzschnitte sind: Lilium musicae planae. Auch Privatpersonen übten die Kunst, z. B. der gelehrte Arzt Sigmund Grimm und der reiche Kaufmann Marx Würsing; ja man lernt selbst eine Art Aktien-Buchdruckerei kennen, die, nach ihrem Signet sogenannte: Ad insigne Pinus, mit welcher eine Schriftgiesserei verbunden war. Aus dieser Offizin ging eine Reihe von guten Ausgaben der römischen und griechischen Klassiker hervor. Als Schriftgiesser war Johann Rainmann berühmt, man hat sogar behauptet, dass Aldus Manutius seine ersten Typen von ihm bezogen habe.
Für den Buchhandel behielt Augsburg lange seine Bedeutung. Hier erschien auch 1564 der erste Messkatalog.
Frankfurt a. M.
FRANKFURT A. M., die bedeutende Handels- und Kulturstadt, bekam, wenn man von einem zweifelhaften Hanns Petersheim absieht, erst 1531 eine Buchdruckerei durch Christian Egenolff[3] aus Hadamar im Westerwalde (geb. am 26. Juli 1502). Er war ein feingebildeter Mann, der in lebhafter Korrespondenz mit Melanchthon und anderen Gelehrten stand. Seine Drucke (1531 bis 1555), namentlich die lateinischen Ausgaben und seine deutsche Bibel, sind sehr sorgfältig ausgeführt. Auch seine Schriftgiesserei war berühmt, und er lieferte Schriften für einen grossen Teil der deutschen Offizinen, wie überhaupt die Schriftgiesserei und die Stempelschneiderei damals und bis auf den heutigen Tag in Frankfurt blühten. Von seinem Schwiegersohne Sabon stammt der, dessen Namen tragende Schriftkegel.
Sigism. Feyer-
abend.
Als berühmter Buchdrucker, Holzschneider und Buchhändler glänzt Sigismund Feyerabend (geb. um 1527; gest. um 1590). Er entwickelte eine grossartige Thätigkeit, besonders in der Herausgabe illustrierter Werke, wobei er namentlich von den Künstlern Virgil Solis und Jost Amann unterstützt wurde. Manche seiner grossen Verlagsunternehmungen setzte er in Gemeinschaft mit Simon Hütter, Johann Feyerabend, Weigand Hahn und Georg Rabe ins Werk. Die Holzschnitte fertigte er zum Teil selbst. Als Korrektor und litterarischer Berater stand ihm Franz Modius zur Seite, wofür dieser einen Jahresgehalt von 200 Kronenthalern bezog. Feyerabend und seine gleichnamigen Verwandten druckten wenigstens sieben Ausgaben der Bibel und fünf der biblischen Bilder in Folio, neun Ausgaben der Bibel in kleinerem Format; eine Passion; Cäsar, Livius, Josephus, Plutarch, alle in Folio; Werke über Krieg, Sport, Ackerbau; Chroniken; Kochbücher, sämtlich mit zahlreichen Holzschnitten.
Die Merian.
Eine grosse Einwirkung auf die Frankfurter Bücherproduktion übten die Merian, Vater und Sohn. Matthias Merian der Vater (geb. 1593 zu Basel, gest. 1651 zu Schwalbach), genoss schon im 20. Jahr den Ruf eines tüchtigen Kupferstechers. Er wirkte einige Zeit in Frankfurt bei seinem Schwiegervater, dem Kupferstecher und Buchhändler Theod. de Bry, und ging dann nach Basel, wo er zuerst einzelne Stadtpläne herausgab. Auf den Wunsch de Brys kehrte er 1623 nach Frankfurt zurück, wo er sich als Künstler und Buchhändler den besten Ruf erwarb und eine ganz enorme Thätigkeit entwickelte. Sein Sohn Matthias Merian d. j. (geb. 1621 zu Basel, gest. 1687) war fast noch berühmter als sein Vater und setzte die Unternehmungen desselben fort, wobei sein Schwager Thomas Götz und sein Bruder Kaspar ihn unterstützten[4].
And. Wechel.
Einen ausserordentlichen Ruf erwarb sich Andreas Wechel, Sohn des berühmten Pariser Buchdruckers Christ. Wechel. Wie der Vater zeichnete sich auch der Sohn durch die Sorgfalt für die Korrektheit seiner Druckwerke aus. Die Druckerei wurde nach Wechels Tod unter Beibehaltung der Firma von Wechels Schwiegersöhnen Claude Morny und Jean Aubry im gleichen Geiste fortgesetzt.
Joh. Andreae.
Die von Johann Andreae 1667 gegründete Buchdruckerei und Schriftgiesserei nimmt bis auf die neueste Zeit eine höchst ehrenvolle Stelle ein.
Weder Mainz, noch Köln, die in der ersten Zeit eine so hervorragende Rolle spielten, behaupteten in dieser späteren Periode ihren früheren Rang.
Mainz.
In MAINZ ging, wie bereits erwähnt, die neue Gutenbergische Buchdruckerei 1508 auf Friedrich Hewmann aus Nürnberg über. Schöffer hatte zwei Söhne, Johann und Peter. Peter Schöffer der jüngere[5] druckte von 1513-1520 nur vier kleinere Schriften, sodass fast anzunehmen ist, er habe in Mainz keine Druckerei selbst besessen und die wenigen Schriften in der Offizin seines Bruders gedruckt. Seine Verhältnisse scheinen nicht gut gewesen zu sein. 1518 soll er nach Worms gezogen sein, wahrscheinlich ist es jedoch erst im Jahre 1528 gewesen. Dort druckte er bis 1529, dann in Strassburg, schliesslich von 1541-1542 in Venedig. Sein Todesjahr ist nicht bekannt, mutmaasslich liegt es nicht weit von 1542 ab. Sein Sohn Ivo blieb bei dem Onkel Johann in Mainz.
Johann Schöffer, der ältere Sohn Peters, ward einer der angesehensten Bürger von Mainz und hat während seines Wirkens (1502-1531) eine Menge tüchtiger Werke gedruckt, unter anderen eine Übersetzung des Livius mit Holzschnitten. In der Dedikation zu diesem Werk giebt er unumwunden Gutenberg die Ehre der Erfindung, während er bei anderen Gelegenheiten diese seinem Grossvater Fust zu vindizieren versucht hatte. In den Jahren 1519-1523 erschienen bei ihm mehrere Werke von Ulrich von Hutten und Erasmus. Er starb 1531 und hinterliess vier Töchter. In der Leitung des Geschäfts folgte ihm sein Neffe Ivo, der im Jahre 1552 kinderlos starb, gerade ein Jahrhundert, nachdem sein Grossvater mit Hand an das grosse Werk gelegt hatte. Die Druckerei ging in den Besitz von Balthasar Lips über, und wurde aus dem Hofe „Zum Humbrecht“ verlegt.
Johann Schöffer ii, der Sohn des obengenannten, etablierte sich später in Herzogenbusch, wo seine Nachkommen das Geschäft bis 1796 fortführten, zu welcher Zeit die Familie mit einem Jakob Schöffer ausstarb.
Tübingen.
Einen guten Namen hat sich TÜBINGEN, seit 1477 Universitätstadt, erworben. Eingeführt wurde die Kunst durch Johannes Ottmar 1498. Eine interessante Episode bildet um die Mitte des xvi. Jahrh. der slawische Bücherdruck in Tübingen und Urach[6]. Der Primus Truber, 1531 Domherr in Laibach, war der Lehre Luthers ergeben. Um drohenden Verfolgungen zu entgehen, griff er zur Flucht und erhielt eine Predigerstelle in Rotenburg a. d. Tauber, später in Kempten. Sein sehnlichster Wunsch war, seinen wendischen Landsleuten die Bibel in ihrer Sprache schaffen zu können. Nach vielen Schwierigkeiten brachte er einen Katechismus zustande, stiess aber auf Zensurhindernisse in Neuenburg und Schwäb. Hall und musste den Druck (1550) heimlich in Tübingen veranstalten. Auf Veranlassung des Bischofs Paulus Vergerius, welcher, der Religion wegen geflüchtet, sich in Graubündten aufhielt, übersetzte er das Evangelium Matthäi. Den Druck übernahm die Morhardsche Buchdruckerei in Tübingen auf Kosten des Herzogs Christoph von Württemberg. Später wurde jedoch eine Presse nach Reutlingen verlegt. Das erste Evangelium in wendischer Sprache erschien 1555; im Herbst 1557 war der ganze erste Teil des Neuen Testaments vollendet, 1560 der zweite.
Ein Hauptförderer des slawischen Drucks war Hans Ungnad, Freiherr von Sonnegg. Er schickte den Priester Stephan Consul, der schon Truber behülflich gewesen war, im Jahre 1560 nach Nürnberg, um bei dem Stempelschneider Joh. Hartwach und bei dem Schriftgiesser Simon Auer glagolitische Schriften (vgl. S. 76) nach seiner Anweisung fertigen zu lassen. Später liess er die beiden Genannten nach Urach, wo Truber Pastor geworden war, kommen (1561), um unter dessen und des nach Urach berufenen Anton Dolmatas Aufsicht cyrillische Schriften zu schneiden, überhaupt eine Druckerei einzurichten, die unter Steph. Consuls Leitung stehen sollte. Auch andere Gelehrte aus Serbien und Bosnien wurden berufen. Waren Typen für die slawischen Sprachen nicht in genügender Menge vorhanden, so wurde auch in italienischer Sprache gedruckt. Nach Ungnads Tod (1564) geriet die Druckerei ins Stocken, die Typen wanderten, nach der Schlacht bei Nördlingen von den Kaiserlichen gefunden, als Geschenk Kaiser Ferdinands iii. nach Rom in die Druckerei der Propaganda. Tübingen brachte auch 1522 den ersten hebräischen Druck, die durch Reuchlin herausgegebenen Buss-Psalmen.
Familie Cotta.
Hier stand auch die geschäftliche Wiege des weltberühmten Cottaschen Etablissements. Die Familie Cotta war eine der ältesten und reichsten Adelsfamilien der Lombardei und behauptet, ihre Ahnen bis in die römische Konsularzeit verfolgen zu können. Durch ihre Parteinahme gegen Franz Sforza ging sie ihrer Güter verlustig und wanderte nach Deutschland aus. Bonaventura Cotta, der Stammvater des im Buchhandel und Buchdruck berühmten Zweiges der Familie, liess sich in Sachsen nieder. Durch die Verhältnisse darauf angewiesen lernte Joh. Georg Cotta den Buchhandel bei Zimmermann in Wittenberg, ging 1640 nach Tübingen und erwarb durch Heirat das frühere Brunnsche Geschäft. Der Glanz des Hauses gehört der nächsten Periode.
Heidelberg.
Nach HEIDELBERG, das durch seine Bibliothek in Ruf stand, war der berühmte Hieronymus Commelinus (1587-1597) gekommen. Seine Ausgaben griechischer und römischer Schriftsteller, unter welchen Athanasius und Chrysostomus besonders geschätzt werden, sind so angesehen wie die Drucke der Stephane und der Aldi. Die Offizin wurde nach Commelinus' Tod von Judas Bonnutius fortgesetzt. In Heidelberg druckte auch Ernst Vögelin, der Leipzig auf Grund seiner krypto-calvinistischen Schriften hatte verlassen müssen. Das Vorzüglichste in Bezug auf typographische Ausstattung dürften wohl die römischen Geschichtschreiber von Haurisius sein.
Strassburg.
STRASSBURG zeichnet sich in zweifacher Beziehung aus, erstens durch eine grosse Zahl von bedeutenden illustrierten Werken, dann durch die lebhafte Beteiligung der Humanisten bei seiner litterarischen Produktion. Die Stadt hatte seit 1459 ihre Universität und das benachbarte Schlettstadt war der Sitz einer gelehrten Schule, wo der Humanismus besondere Pflege fand. Namentlich waren es Jakob Wimpfeling, Johann Geiler von Kaisersberg und vor allen Sebastian Brant, welche zum Schluss des xv. und zum Beginn des xvi. Jahrhunderts einen grossen Einfluss übten.
Joh. Grüninger.
Was die bildende Kunst betrifft, so besass Strassburg schon im xv. Jahrh. nicht allein den bedeutendsten Kupferstecher Martin Schongauer, sondern war auch im Holzschnitt sehr produktiv. Kein deutsches Buch damaliger Zeit hatte einen so durchgreifenden Erfolg gehabt wie Seb. Brants zuerst in Basel (vergl. S. 44) erschienenes „Narrenschiff“, zu welchem er, nach Behauptung Einiger, selbst Zeichnungen, sogar Holzschnitte geliefert haben soll. Wenn dies auch nicht der Fall gewesen wäre, so beweist wenigstens dieses Werk und die Beteiligung Brants bei verschiedenen der bedeutenden Unternehmungen des Johann Reinhard, genannt Grüninger (1483-1528), welch grosses Gewicht dieser merkwürdige Mann und Schriftsteller auf die Verbindung von Text und Illustration legte.
Die Hauptwerke Grüningers sind der „Horaz“ in 4°, aus d. J. 1489; der „Terenz“ in Folio, von 1496; besonders aber der „Virgil“ in Folio, von 1492, mit über 200 „sorgfältig ausgeführten, durch Seb. Brant beigefügten Figuren und Bildern“, von welchen etwa 40 die Grösse von zweidrittel, 170 von einer halben Folioseite haben. Einen sonderbaren Eindruck machen die Helden und Götter in dem Kostüm des xvi. Jahrh. Eine in Lyon gedruckte Ausgabe bringt, ohne Wissen Seb. Brants, ausser den Holzschnitten der Strassburger eine Anzahl von weniger zarter Natur, die er in der letzteren unterdrückt hatte. Es ist dieses Buch nächst dem Theuerdank eins der interessantesten illustrierten Werke des xvi. Jahrh. Kunstkenner haben behauptet, die Schnitte seien Metallhochschnitte, sie sind aber die Beweise dafür schuldig geblieben.
Ein merkwürdiges Buch ist die von Grüninger gedruckte Logica memorativa, ein Lehrbuch der Logik des Thomas Murner in Krakau in Form von Spielkarten. Die erste Auflage war in Krakau erschienen; der Verfasser erlitt als Zauberer den Flammentod. Auch zwei grosse illustrierte Ritterromane erschienen bei Grüninger, die wahrhaftige Historie von Hug Schapler, einem Fleischersohn, der die Krone Frankreichs errang (als Hugo Capet) und die Geschichte einer französischen Königstochter, die nach vielem Unglück Königin von England wurde. 1503 erschien bei ihm: Hortulus animæ mit 57 Holzschnitten von Hans Springinklee und Erhard Schön.
Joh. Knoblauch.
Johann Knoblauch brachte 1508 eine „Passion“ mit 25 Blatt von Urse Graff, ferner Geiler von Kaisersbergs „Granatapfel“, von Hans Baldung illustriert.
Bedeutende
Drucker.
Ausser den Genannten druckten noch Joh. Scott, Wendelin Richel, Reichart Beck, Bernh. Jobin u. a. viele illustrierte Ausgaben. Besonders nennenswert sind Jobins: Icones illustrium virorum, recensente Nic. Reusnero, 1587, mit Zeichnungen von Tob. Stimmer. Zu HAGENAU waren Heinr. Grau und Theodor Anselm unternehmende Verleger, die mit auswärtigen Künstlern von Rang, z. B. mit Hans Schaeuffelein, in Verbindung standen. Ein Elsasser Formenschneider, Jakob von Strassburg, gab 1503 in Venedig den „Triumphzug Cäsars“ in 12 Folioblättern heraus.
Peter Pilgrim.
Das Auftreten der Renaissance in Strassburg beginnt mit Joh. Wächtlin, genannt Pilgrim oder der Meister mit den gekreuzten Pilgerstäben, der Maler und Formenschneider zugleich gewesen sein soll. Er zeichnete sich namentlich durch den xylographischen Farbendruck aus. Mit dem „Clair-obscur-Druck“ sollte durch zwei oder drei Holzstöcke mit verschiedenen Farben die Wirkung der damals sehr beliebten Federzeichnungen auf farbigem Papier mit weiss aufgesetzten Lichtern erreicht werden. Der Ursprung gehört jedenfalls Deutschland, in der Weiterbildung war jedoch bald Italien voran.
Basel.
Nur wenige Städte haben auf eine so glanzvolle Druck-Periode zurückzublicken, wie BASEL auf seine in der ersten Hälfte des xvi. Jahrh. Selten haben Wissenschaft, Kunst und Technik brüderlicher zusammen gewirkt, als dort. Namentlich ist es das Dreigestirn Froben, Petri und Oporinus, welches einen hellen Glanz verbreitet.
Joh. Froben.
Johannes Froben (geb. um 1460, gest. im Okt. 1527) stammt aus Hammelburg in Franken. Er bezog die Universität zu Basel und bekam durch die Bekanntschaft mit Ammerbach, in dessen Offizin er als Korrektor arbeitete, Lust zur Buchdruckerei. Im Jahre 1491 fing er seine Thätigkeit mit dem Druck einer Bibel in höchst zierlicher Schrift an. Seine Hauptwirksamkeit beginnt aber erst von der Zeit, als Erasmus 1514 nach Basel zog und seine Wohnung im Frobenschen Hause aufschlug, wo er mit wenigen Unterbrechungen bis zu seinem Tode weilte. Erst mit vier, dann mit sieben Pressen druckte er über dreihundert, meist sehr bedeutende Werke, darunter die erste griechische Ausgabe des Neuen Testaments.
Das Verhältnis zu Erasmus erweckte grossen Neid unter Frobens Kollegen; aber nicht nur mit dem Neide, sondern auch mit dem Nachdruck und anderen geschäftlichen Sorgen hatte er zu kämpfen. Neben den Vorteilen, welche die Verbindung mit Erasmus ihm brachte, musste er den Nachteil mit in den Kauf nehmen, dass Luthers Schriften, die vorzugsweise nachgefragt wurden, und alle anderen Schriften in den Hintergrund drängten, von seiner Druckthätigkeit ausgeschlossen blieben, während sein Kollege, Adam Petri, der Luther-(Nach-)drucker Basels wurde.
Frobens Schick-
sale.
Trotz aller Thätigkeit erwarb Froben kein Vermögen. Eine nicht gut geregelte Wirtschaft und die Ausgaben, die er auf seine Druckwerke, namentlich auf eine sorgfältige Korrektur derselben, verwendete, waren zu gross. Als Korrektoren, oder „Kastigatoren“ wirkten für ihn, ausser Erasmus, namentlich sein Schwiegervater Wolfgang Lachner, dann Marc. Heiland, Wolfg. Musculus und Joh. Oecolampadius. Zu den Titeln liess er sich meist Zeichnungen von Hans Holbein d. j. und Urse Graff liefern. Froben verlor sein Leben infolge eines Falles von einer Leiter. Die Vollendung seines Lieblingswerkes, der schönen Ausgabe des Augustinus, welche er im Verein mit Ammerbach und Petri angefangen hatte, sollte er nicht erleben, aber sein treuer Freund Erasmus that alles, damit die Ausgabe im Interesse der Kinder Frobens rasch gefördert wurde. Der Sohn Hieronymus Froben (geb. 1501, gest. 1563) hielt das Verhältnis zu Erasmus aufrecht, der in Frobens Hause „Zur Luft“ im Jahre 1536, siebenzig Jahre alt, starb. Hieronymus druckte später im Verein mit seinem Schwager Nikolaus Episcopius d. ä. (Bischoff) und seinen Söhnen Ambrosius und Aurelius Froben eine Reihe von bedeutenden Werken[7].
Familie Petri.
Johannes Petri, zu Langendorf an der Saale 1441 geboren, ward 1488 Bürger von Basel. Er druckte nur wenige Bücher allein, die meisten gemeinschaftlich mit Ammerbach und Froben. Er brachte seinen sechsjährigen Neffen Adam Petri (geb. 1482, gest. um 1525), der nach Johannes' Tod (1511) das Geschäft übernahm, mit nach Basel. Die Reformatoren, namentlich Luther, wurden gute Beute für seine Pressen. Blitzschnell folgten seine Nachdrucke den Originalen auf dem Fusse. Luthers Neues Testament erschien im Sept. 1522; im Dez. war schon der Nachdruck Petris da. Er machte bessere Geschäfte als sein Freund Froben und scheint trotz seiner reformatorischen Druckthätigkeit gut katholisch gesinnt gewesen zu sein, wenigstens stand er in dem besten Verkehr mit den Kartäusern. Für die künstlerische Ausschmückung seiner Druckwerke arbeitete namentlich Hans Schaeuffelein. Der Sohn Heinrich Petri (geb. 1508, gest. 1579) studierte erst die Medizin, übernahm jedoch später die Druckerei und führte sie mit Eifer fort. Vom Kaiser Karl v. wurde er in den Ritterstand erhoben.
Die Druckthätigkeit seiner Nachfolger war seit 1620 nur eine geringe, doch bestand die Firma noch 1660. Durch verschiedene Hände kam die Offizin schliesslich in die Thurneisens und Schweighausers.
Joh. Oporinus.
Zu grossem Ansehen gelangte auch Johannes Oporinus[8] (Herbster). Unter ärmlichen Verhältnissen am 25. Jan. 1507 zu Basel geboren, wurde er in einem Kontubernium armer Schüler in Strassburg, woher sein Vater stammte, erzogen. Später bekleidete er eine Lehrerstelle an der Klosterschule St. Urban im Kanton Luzern, gab jedoch, von der neuen Lehre angezogen, jene auf, fand 1526 bei Froben Beschäftigung als Korrektor und gewann die Freundschaft des Erasmus. Später folgte er dem berühmten Theophrastus Paracelsus als Famulus nach Strassburg, wo er unter dessen Leitung die Medizin studierte, kehrte jedoch nach zwei Jahren nach Basel zurück und wirkte als Professor erst im Lateinischen, dann im Griechischen. Im Jahre 1539 kaufte er mit drei Anderen, darunter seinem Schwager Rob. Winter, die Offizin des Andreas Brabander. Die Teilnehmer wirtschafteten jedoch nicht gut und Oporin versuchte es nun mit Winter, später, unter schweren Sorgen, allein.
Oporin wetteiferte in Beziehung auf Schönheit der Ausgaben, Sorgfalt der Korrekturen und inneren Wert der Verlagswerke mit Froben. Selbst sehr wissenschaftlich gebildet, stand er mit vielen Gelehrten in innigem Verkehr und zeigte in allen Verhältnissen einen eisernen Fleiss und eine unermüdliche Ausdauer. Er beschäftigte über fünfzig Arbeiter und druckte mehr als siebenhundert und fünfzig grössere und kleinere Werke, darunter viele von ihm selbst emendierte oder übersetzte Klassiker.
Die Anatomie
des Vesalius.
Bis jetzt hatte man den Holzschnitt hauptsächlich nur als künstlerischen Schmuck der Bücher verwendet, jetzt sollte man durch die berühmte Ausgabe von Vesalius' Anatomie verstehen lernen, welchen Wert der Holzschnitt für den wissenschaftlichen Zweck und das leichtere Verständnis eines Werkes hat. Der berühmte Arzt und Anatom Andreas Vesalius hatte in Venedig von Johann de Calcar, einem Schüler Tizians, zahlreiche Holzschnitte anfertigen lassen, durch die mit grossem Talent die Anatomie des Menschen erläutert wurde. Diese sandte Vesalius seinem Freunde Oporin (1543), um damit sein Werk: De humani corporis fabrica zu illustrieren. Das grosse Portrait Vesalius' an der Spitze des Buches konnte für ein Meisterwerk Tizians gehalten werden. In seiner Sorgfalt um den guten Druck ging Vesalius so weit, dass er den Faktor der berühmten Bombergschen Druckerei in Venedig mitfolgen liess, dass er die Ausführung überwache. Um so mehr mussten ihn die schlechten Ausgaben der Nachdrucker empören.
Im Jahre 1566 zog sich Oporin von dem Geschäft zurück und starb am 6. Juli 1568. Er war viermal verheiratet, ohne jedoch besonderes häusliches Glück zu geniessen.
Unter die verdienten Buchdrucker Basels gehören ferner Michael Isengrin, welcher eine zweite, die erste des Aldus Manutius an Schönheit übertreffende, vollständige Ausgabe des Aristoteles druckte, dann auch Josias Münsch (1550), Konrad von Mecheln (1685) und Emanuel Thurneisen.
Zürich.
Chr. Froschauer.
Mit Stolz blickt ZÜRICH auf Christoph Froschauer[9] (oder Froschower), dem es zu einem grossen Teil die Blüte seines litterarischen Lebens verdankt. Im xv. Jahrhundert zeigt sich in Zürich noch keine Spur der Buchdruckerkunst. Der erste bekannte Druck ist ein, am 6. Januar 1504 von dem Rate erlassenes Mandat, ohne Namen des Druckers. Wahrscheinlich war dieser Hans am Wasen, der 1508 einen Kalender mit guten Vignetten druckte. Von Wasen hörte man weiter nichts.
Erst 1519 erhielt Christoph Froschauer aus Neuburg bei Oetting in Bayern das Bürgerrecht. Sein Geburtsjahr kennt man nicht; es fällt jedoch wahrscheinlich in das zweitletzte Jahrzehnt des xv. Jahrh. Ob Christoph ein Verwandter des Augsburger Druckers, Johann Froschauer, war, ist nicht bekannt.
Froschauers
Thätigkeit.
Froschauer war ein wissenschaftlich gebildeter, sehr thätiger und zugleich glücklich spekulierender Mann. Er schloss sich sofort Zwingli an und blieb diesem und der Reformation ein innig ergebener, wenn auch nicht zelotischer Freund. Seinem Beruf gab er sich mit grosser Liebe und mit heiligem Ernst hin. Das ihm entgegengetragene Vertrauen und den erworbenen Wohlstand verwendete er in der edelsten Weise.
Seine ersten datierten Drucke fallen in das Jahr 1521. Es waren zwei von dem gelehrten Leo Jud ins Deutsche übersetzte Schriften des Erasmus: „Ein klag des Frydens“ und „Ein nützliche wndervisung eines Christenlichen Fürsten wol zw regieren“. Von Zwingli erschienen bei ihm gegen 80 Schriften, oft in mehreren Ausgaben, einige davon druckte Hans Hager (1520-1526). Von da ab hörte man vom letzteren nichts mehr, und Froschauer war der alleinige Drucker bis 1554, als sich Andreas Gessner, ein naher Verwandter des bekannten Conrad Gessner, etablierte. Zahlreiche Schriften von Leo Jud, Rod. Gualther (Walther), C. Pellikan, Peter Martyr, Ludwig Lavater und namentlich von Heinrich Bullinger, ausserdem eine grosse Anzahl Ausgaben der Klassiker wurden von Froschauer verlegt.
Der Bibeldruck.
Seine wichtigste Thätigkeit war jedoch sein Bibeldruck. In den Jahren 1524-1529 stellte er die erste vollständige Schweizerausgabe der Bibel in Folio fertig, und von da ab verging selten ein Jahr, in welchem nicht entweder die ganze Bibel oder wenigstens Teile derselben in deutscher, lateinischer, selbst in englischer Sprache erschienen. Zu der ersten deutschen Ausgabe wurde mit Ausnahme der poetischen und prophetischen Bücher, welche von Schweizer Gelehrten übersetzt wurden, die lutherische Übertragung benutzt. Später führten Einheimische das ganze Werk aus. Im Jahre 1535 wurde die berühmte englische Bibel, von Moses Coverdale übersetzt und mit Holzschnitten von Hans Sebald Beham illustriert, gedruckt. In den Jahren 1524-1564 erschienen nicht weniger als 27 Ausgaben der vollständigen Bibel und viele Abdrücke des Neuen Testaments. Anfänglich benutzte Froschauer die Antiquaschrift, später veranlasste er den Schnitt einer an die Schwabacher sich anlehnenden Schrift, liess Vignetten und Initialen anfertigen und verwandte überhaupt die grösste Sorgfalt auf die Ausstattung. Die lateinischen Ausgaben der Bibel waren von den Gelehrten sehr geschätzt.
Die Froschau.
Mit der Erweiterung des Geschäfts musste er auch nach einer grösseren Lokalität suchen und fand eine solche in einem ehemaligen Barfüsserkloster. Als diese Räumlichkeit jedoch i. J. 1551 eine andere Bestimmung erhielt, kaufte er ein früheres Dominikaner-Frauenkloster, welchem er den Namen: „Die Froschau“ gab, den es noch heute trägt. Auf dem Brunnenhäuschen dort befindet sich noch sein Insignium. Er modelte dasselbe in verschiedener Weise um, immer blieb jedoch der Frosch ein Hauptbestandteil. In der ältesten Ausführung wird dieser von einem behelmten Knaben geritten, der in der Linken den Zaun, in der Rechten eine Fahne, mit der Inschrift CR. FR., hält.
Die Frankfurter Messe besuchte Froschauer eine lange Reihe von Jahren zweimal jährlich und machte mit seinem Verlage vorteilhafte Geschäfte. Mit Gelehrten des In- und Auslandes stand er auf dem freundschaftlichsten Fusse und zeigte sich ihnen gefällig, wo er nur konnte; so räumte er beispielsweise ein ihm gehörendes Haus flüchtigen englischen Gelehrten vollständig ein, die sich mehrere Jahre hindurch in Zürich aufhielten.
Froschauers
Nachfolger.
In seinem Geschäft wurde er getreulich von seinem Bruder Eusebius und von dessen Söhnen Eusebius und Christoph unterstützt. Kinderlos verheiratet, hinterliess er dem Neffen Christoph Froschauer das ganze Geschäft zu sehr billigen Bedingungen. Er starb hochbejahrt am 1. April 1564. Der Neffe blieb unverheiratet. Nach dessen Tode, 2. Febr. 1585, wurde das Geschäft noch bis 1590 fortgeführt und dann aufgelöst. Die Druckerei ging auf Johann Wolf über, der jedoch noch bis 1595 einzelnen Werken die Bezeichnung typis Froschovianis beifügte. Das Verzeichnis des Froschauerschen Verlags zeigt 1564 bereits 601 Nummern, von da bis 1595 noch 264. Im J. 1626 kam die Druckerei in den Besitz der Familie Bodmer, 1723 an Heidegger & Rahn und wurde 1765 mit der Orellschen Buchdruckerei, die jetzt noch blüht, vereinigt.
St. Gallen.
Leonh. Straub.
ST. GALLEN erhielt erst 1578 eine Buchdruckerei durch Leonhard Straub, der eine sorgfältige Erziehung genossen und in den besten Offizinen gearbeitet hatte. Ein von ihm gedruckter Wandkalender hat eine zu merkwürdige Geschichte, um sie hier mit Stillschweigen zu übergehen. Auf dem Kalender waren die Wappen der 13 Kantone, darunter das Appenzeller, ein Bär, abgebildet. In Appenzell bemerkte man indes, dass es eine Bärin, nicht ein „männlicher Bär“ sei! Grosse Aufregung entstand; man verlangte Rüstung zu einer Fehde gegen St. Gallen. Der dortige Rat erbat sich drei Tage Bedenkzeit, die aber nicht gewährt wurde. In dieser kritischen Lage übernahm der Abt von St. Gallen die Vermittelung. Der Bär hatte jedenfalls nur den Vorwand abgegeben, der arme Straub musste jedoch Abbitte leisten und eidlich erklären, er habe nur aus Einfalt gehandelt. Straub lebte in ewigem Hader mit der Zensur; schliesslich musste er die Stadt verlassen, und starb 57 Jahre alt 1607 in Konstanz. Sein Geschäft blühte noch im Besitz seiner Söhne und Enkel über hundert Jahre fort[10].
Wien.
In WIEN eröffnete Hieronymus Victor aus Liebenthal im Fürstenthum Jauer seine Offizin im Jahre 1510. Die Kunst hatte er wahrscheinlich in der Hallerschen Druckerei in Krakau erlernt. Er vereinigte sich mit Joh. Singriener aus Oetting in Bayern, trennte sich jedoch 1514 wieder von ihm, worauf letzterer seine eigene Druckerei eröffnete. Joh. Singrieners Wirksamkeit durch 33 Jahre war eine bedeutende und eine grosse Zahl gut ausgestatteter Werke ging aus seiner Offizin hervor, unter welchen das 1517 erschienene Tripartium opus juris consuetudinarij incluti regis Hungarie, über 70 Bogen stark, einen bedeutenden Platz einnimmt. Die vielen in dem Werk vorkommenden Druckfehler entschuldigt der Drucker damit, dass er das Werk in 40 Tagen (!) habe liefern müssen, eine Leistung, die selbst heute für eine grosse Druckerei eine bedeutende gewesen sein würde. Singriener war nicht nur ein tüchtiger Buchdrucker, sondern auch ein wissenschaftlich gebildeter, von den Gelehrten und Geistlichen gern gesehener Mann. Unter seinen vielen Drucken sind besonders schön ausgeführt: Pomponius Mela in Fol.; Bandinus auf Pergament; Cicero, Pro lege Manilia. Seine Söhne Matthäus und Johannes setzten das Geschäft fort, bis es mit dem Tode des letzteren erlischt.
Hans Kohl.
Hans Kohl (Johannes Carbo) gehörte zu den fahrenden Buchdruckern und arbeitete in Wien von 1549 bis 1551. Er war gut mit deutschen, hebräischen und griechischen Lettern versehen und druckte zuerst in Verbindung mit Aegidius Adler (Aquila), aus den Niederlanden gebürtig. Im J. 1550 arbeitete letzterer allein und übertraf seinen früheren Compagnon durch die Menge und Schönheit seiner Ausgaben. Er starb bereits am 17. Aug. 1552.
Michael Zimmer-
mann.
Die Offizin wurde von Michael Zimmermann (Cymbermannus) übernommen, dem bedeutendsten Buchdrucker Wiens aus dieser Zeit. Er druckte Werke in italienischer, spanischer, arabischer, hebräischer und syrischer Sprache, zu denen er die Schriften von Kaspar Kraft aus Ellwangen bezogen hatte. Seine Ausgaben schmückte er mit rotem Druck, sowie mit illuminierten Figuren und Landkarten.
Raf. Hofhalter.
Ein Pole, Rafael Hofhalter (Skrzetuski), der sein Vaterland auf Grund religiöser Misshelligkeiten verlassen hatte, kam nach vielen Wanderungen nach Wien, wo er mit Kaspar Kraft, 1556, ein Privilegium für eine Buchdruckerei „mit schönen, zierlichen, auf die neue französische Art geschnittenen Buchstaben“ erhielt. Er lieferte sehr hübsche Ausgaben. Eine interessante Erscheinung ist das bei ihm (1561) erschienene „Thurnier Buch“ mit einem kunstreich geschnittenen Titel und Wappen in Holzschnitt, sowie mit sieben grossen und kostbaren Kupferstichen, von Hanns Lautensack gestochen. Im Jahre 1562 wanderte Hofhalter, ebenfalls wohl aus religiösen Gründen, nach Ungarn aus; 1565 druckte er in Debreczin calvinistische Schriften. Sein Sohn Rudolph betrieb die Buchdruckerei in Grosswardein und folgte später dem Ruf des Fürsten Johann nach Weissenburg in Siebenbürgen.
Die Jesuiten-
druckerei.
Ferdinand i. hatte 1551 die Jesuiten nach Wien berufen. Der Rektor Johann Victoria, ein geborener Spanier, kam auf den Gedanken, zum besten der Religion und armer Studenten durch milde Beiträge eine Druckerei anzulegen, die schon 1559 eröffnet wurde. Ein Hauptartikel war der, auf Befehl des Kaisers von dem bekannten Pater Canisius aus Nymwegen verfasste Katechismus, der in viele Sprachen übersetzt wurde und noch jetzt in österreichischen Volksschulen im Gebrauch ist. Die Druckerei hörte 1565, kurz nach dem Tode des kaiserlichen Beschützers der Jesuiten, auf, und wurde 1577 als „Zeug“ an den Generalvikar von Gran, Nikolaus Telegdi, verkauft, der damit eine Druckerei zu Tyrnau gründete.
Buchdruck im
xvi. u. xvii. Jahrh.
Die Buchdruckerkunst in Wien hatte, namentlich durch Fremde gepflegt, im xvi. Jahrh. im ganzen genommen auf einer hohen Stufe gestanden. Dasselbe war mit der Xylographie der Fall. Unter den Verlegern, die eine besonders gute Einwirkung auf die Wiener Buchdruckerei dieser Periode übten, ist die Familie Atlantsee zu erwähnen, die unter den Buchhändlern damaliger Zeit einen bedeutenden Namen hatte, namentlich was Lukas Atlantsee betrifft.
Joh. von Gehlen.
Im xvii. Jahrh. dagegen ging es zu Wien, wie überall, mit der Kunst zurück. Die Folgen des dreissigjährigen Krieges und der Türkenkriege blieben nicht aus; die Bedeutung der Wiener Buchdruckereien sank fast auf ein Nichts und die meisten Verlagswerke wurden in Nürnberg, Augsburg und Ulm gedruckt. Der bedeutendste Wiener Drucker ist Johann von Gehlen. Er stammte aus einem alten westfälischen Geschlecht und war zu Antwerpen am 17. Mai 1645 geboren, widmete sich den Studien und erlernte dann den Buchhandel und die Buchdruckerei. Durch Geschicklichkeit und Fleiss erwarb er sich bald ein Vermögen, sodass er 1672 die Buchdruckerei seiner Schwägerin, der Witwe des Buchdruckers J. B. Haquet, kaufen konnte. Er war in Besitz bedeutender linguistischer Kenntnisse und erwarb sich die Freundschaft der Gelehrten. Vom Kaiser Leopold i. erhielt er im Jahre 1678 das Privilegium eines k. k. italienischen Hofbuchdruckers und wurde ermächtigt, eine italienische und lateinische Zeitung herauszugeben. Während der Belagerung von Wien durch die Türken liess er die Druckerei ruhen und stellte sich in die Reihe der Verteidiger. Nach aufgehobener Belagerung versuchte er eine deutsche Zeitung zu gründen, welche in unbestimmter Zeitfolge herausgegeben wurde. Die Regierung, welche das nützliche einer regelmässigen Zeitung einsah, sicherte einer solchen bedeutende Vorteile zu, infolgedessen Gehlen die erste regelmässige Zeitung unter dem Titel „Posttäglicher Mercurius“ 1703 zweimal wöchentlich herausgab. Am 8. Aug. d. J. begann er eine zweite politische Zeitung „Das Wiener Diarium“, ebenfalls posttäglich. Dasselbe wurde später Organ der Regierung und es entstand daraus die k. k. privilegierte Wiener Zeitung.
Gehlen starb am 13. Mai 1724, 72 Jahre alt. Sein Sohn Joh. Peter Gehlen wurde in den Adelstand erhoben.
Breslau.
BRESLAU hatte in seiner „Stadtbuchdruckerei“ ein sehr angesehenes Geschäft, das noch nach 350 Jahren blüht. Der Begründer Andreas Winkler war ein gelehrter Mann, der in Krakau studiert hatte und die Kunst in echt wissenschaftlichem Sinne (1538-1555) übte. Auf ihn folgten Crispinus Scharffenberg, dessen Sohn Johann, dann Georg Baumann und dessen gleichnamiger Sohn; die späteren Nachfolger gehören der nächsten Periode an.
Das nördliche
Deutschland.
Es wurde schon früher erwähnt, dass ein solches Zusammenwirken der zeichnenden Kunst, der Xylographie und der Buchdruckerei, welches im Süden Deutschlands eine gar stattliche Reihe herrlicher Drucke zuwege brachte, in dem Norden Deutschlands nicht angetroffen wird, wo die Presse sich hauptsächlich nur als treue Dienerin der Wissenschaft und der Reformation zeigte. Es gilt dies ganz besonders von LEIPZIG[11], welches dieser Aufgabe bis auf den heutigen Tag treu geblieben ist. Kunstbegeisterte Fürsten und Künstler ersten Ranges besass Leipzig nicht; Schule und Universität waren die Mäcene seiner Buchdruckereien. Leipzigs Klassiker-Ausgaben zeichnen sich durchweg durch ihre Sauberkeit und Genauigkeit aus und viele derselben stehen noch heute neben den Aldinen und Juntinen in Ansehen. Gelehrte Männer verschmähten es nicht, die Korrekturen zu übernehmen, und Leipzig hat es verstanden, sich den Ruhm der Sorgsamkeit für die Textreinheit seiner Presserzeugnisse zu wahren.
Mart. Landsberg.
Als Mann von Geschmack ist Martin Landsberg aus Würzburg (1499-1516) zu erwähnen. Er gehörte zu den gelehrten Buchdruckern, interessierte sich sehr für die Herausgabe wissenschaftlicher Werke und machte sich namentlich durch seine Klassiker-Ausgaben bemerkbar. 1519 siedelte er nach Halle über. Wolfgang Stöckel (Molitor), aus München, ward in Erfurt, wo er eine zeitlang eine Buchdruckerei hatte, Bakkalaureus. 1495 kam er nach Leipzig. Er druckte hauptsächlich Klassiker: Ovid, Priscian, Seneca, Aristoteles, später theologische Schriften, von welchen die, bis zum Jahre 1520 gedruckten, Partei für Luther nehmen, zumteil von diesem verfasst waren. Von da ab wurde er ein heftiger Gegner der Reformation und druckte schon im Jahre 1520 eine Streitschrift des Franziskaner Alveld, eines der erbittertsten Gegner Luthers; wahrscheinlich ist er auch der Drucker der Schriften Emsers gegen jenen. Herzog Georg der Bärtige rief ihn 1524 als Hofbuchdrucker nach Dresden. Valentin Schumann (1525-1535) brachte vorzügliche Klassiker-Ausgaben, darunter das erste griechische Buch Leipzigs. Jakob Thanner (Abiegnus) lieferte sehr gute Schulausgaben.
Melch. Lotter.
Unter den Buchdruckern, bei welchen die Reformation eine bereite Hülfe fand, ist Melchior Lotter obenan zu nennen. Er stammte aus Aue im sächsischen Voigtlande, heiratete die Tochter Kachelofens, Dorothea, und erhielt am 16. Juni 1498 das Leipziger Bürgerrecht. Ungefähr in dem Jahre 1500 wurde er der Geschäftsnachfolger seines Schwiegervaters. Die zweite Ausgabe des Meissner Missale hatten Kachelofen und Lotter gemeinsam gedruckt, von nun an ging eine grosse Anzahl Missalen, Breviarien und dergl., die das Bisthum Meissen herausgab, aus Lotters Pressen hervor. Dieser selbst siedelte, vor der Pest aus Leipzig fliehend, für eine zeitlang nach Meissen über. Seine eigene Verlagsthätigkeit auf dem Gebiete der Philosophie und der Philologie war eine ausserordentliche. Ein treuer wissenschaftlicher Mitarbeiter war ihm Hermann Tulich, der später Professor in Wittenberg wurde. Seit 1518 hatte Lotter wiederholt für Luther Druckaufträge bekommen und letzterer bewog ihn, eine Druckerei in Wittenberg anzulegen, aus der jedoch Lotter kein Segen erwachsen sollte. Er selbst übersiedelte jedoch nicht nach Wittenberg, sondern sandte seine beiden Söhne Melchior und Michael. Zum grossen Teil sind die zahlreichen Schriften, welche Luther im Anfang der zwanziger Jahre in die Welt sandte, aus Lotters Pressen hervorgegangen. Selbst das Monumentalwerk des Reformators, die Bibelübersetzung, wurde von diesem unternommen und schon am 21. Sept 1522 war der Druck des Neuen Testaments vollendet. Während des Drucks des Alten Testaments tritt jedoch ein Erkalten des freundschaftlichen Verhältnisses Luthers zu ihm ein und Hans Lufft erscheint nun als der bevorzugte Bibeldrucker, wenngleich die Verbindung zwischen Luther und Lotter nicht ganz aufhörte. Der Grund, weshalb der letztere von dem ersteren fallengelassen wurde, und weshalb auch der Kurfürst Friedrich ihm ungnädig wurde, ist nicht bekannt. Lotters Thätigkeit, die jedoch sehr erlahmte, lässt sich noch bis Ende der dreissiger Jahre verfolgen. Er soll im Jahre 1542 gestorben sein.
Valentin Bapst.
Ein Buchdrucker ersten Ranges ist Valentin Bapst (1541 bis 1589). Seine Erzeugnisse werden von Kennern als den besten ebenbürtig erklärt. Ein reich illustriertes Werkchen sind die „Geistlyche Lieder mit einer neven Vorrede D. M. Luth.“. Interessant dürfte es manchem sein, aus dem Vorwort zu erfahren, wie ein so ernster Mann wie Luther über die Bücher-Illustration denkt:
„Wer nicht singen vnn sagen wil, das ist ein Zeichen, das ers nicht glaubet, vnn nicht ins new fröliche Testament, Sondern vnter das alte, faule, vnlustige Testament gehöret. Darumb thun die Drucker sehr vol dran, das sie gute Lieder fleissig drucken vnd mit allerley zierde, den Leuten angeneme machen, da mit sie zu solcher Frewde des Glaubens gereitzet werden, vnnd gerne singen. Wie denn dieser Druck Valentin Bapsts sehr lustig zugericht ist, Gott gebe, das damit dem Römischen Bapst, der nichts denn heulen, trawren vnd leid in aller welt hat angericht, durch seine verdampte, vntregliche vnd leidige Gesetze, grosser abbruch vnd schaden geschehe, Amen“.
Ernst Vögelin
u. a.
Berühmt waren die Klassiker-Ausgaben von Ernst Vögelin (1559 bis 1578), dem Schwiegersohn V. Bapsts, sowohl hinsichtlich der technischen Ausführung als der Korrektheit, so dass sie den Aldinen gleich geachtet werden. Vögelin, selbst ein studierter Mann, wurde in Religionsstreitigkeiten verwickelt, flüchtete, und starb in Heidelberg 1590. Grossen Ruf erwarben sich Abraham Lamberg (1587 bis 1629), Henning Gross (1575 bis 1621), Gregorius Ritzsch (1624 bis 1643) und dessen Sohn Timotheus Ritzsch (1638 bis 1678), der bedeutende theologische und juristische Schriften verlegte.
Steigende
Bedeutung
Leipzigs.
Infolge der Reformation war der Schwerpunkt der Kultur immer mehr nach dem Norden verlegt. Hier wehte eine frischere Luft, während der Süden weit mehr dem Einfluss der katholischen Kaiser, den Einflüsterungen des Klerus und den Plackereien der kaiserlichen Bücherkommissionen und Zensoren preisgegeben war. Auch die städtischen Behörden in Frankfurt a. M. hatten nicht den Wert eines vollständig unbehelligten buchhändlerischen Verkehrs genügend erkannt.
Nichts war deshalb natürlicher, als dass der Norden sich von den Büchermessen Frankfurts zu emanzipieren und in der berühmten Messstadt des Nordens — wo die Regierung jetzt liberaleren Ansichten huldigte, die Zensur in humanerer Weise üben liess und die Bücher von der Accise befreit hatte — einen selbständigen Büchermarkt zu gründen wünschte. Zur Michaelis-Messe 1594 erschien der erste Leipziger Messkatalog, herausgegeben von dem Buchhändler und Buchdrucker Henning Gross, zu dem sich in den Jahren 1598-1619 ein zweiter Katalog von Abraham Lamberg gesellte, der 1620 mit dem von Gross vereinigt wurde. Zwar konnte Leipzig als Verlagsplatz im Jahre 1595 nur 68 Artikel gegen 117 in Frankfurt aufweisen, aber schon 1600 war das Verhältnis ein besseres, nämlich 125 gegen 148, und 1632 trug Leipzig seinen glänzendsten Sieg davon mit 221 Werken gegen 68 aus Frankfurt. Die Messkataloge von 1565-1640 verzeichnen 8216 in Leipzig erschienene Werke, davon kommen 243, als die stärkste Zahl einer Jahresproduktion, auf das Jahr 1613.
Rückschlag.
Aber der Rückschlag der ungünstigen Zeiten sowohl für den Buchhandel als für die Buchdruckerei konnte nicht ausbleiben und Leipzig litt mit ganz Sachsen vorzugsweise unter den Drangsalen des dreissigjährigen Krieges. Mangelhafte Schriften, nachlässige Korrektur, schlechtes Papier kennzeichnen die Mehrzahl der Bücher aus damaliger Zeit. Nicht besser war es mit der Xylographie bestellt. Hiergegen halfen natürlich weder Beschränkungen der Buchdruckereien auf Leipzig, Wittenberg und Dresden, noch kurfürstl. konzessionierte Buchdruckereiordnungen, Taxen zur Regulierung der Papier- und Bücherpreise und Visitationsabschiede an die Universitäten, worin Rektor und Dekane ermahnt werden, für guten Druck und sorgfältige Korrektur zu sorgen.
Neuer Auf-
schwung.
Selbst nach dem endlich eingetretenen Frieden dauerte es lange, ehe sich die Buchdruckerei von ihrem tiefen Verfall erholen konnte. Trotzdem hat Leipzig, selbst aus der trübsten Periode, Druckwerke und Drucker aufzuweisen, die jeder Zeit Ehre gemacht haben würden, und hörte nie auf, namhafte Werke aus allen Gebieten der Wissenschaften an das Tageslicht zu fördern. Ein wesentlicher und andauernder Aufschwung tritt jedoch erst gegen Ende des xvii. Jahrhunderts ein. Die Zahl der angesehenen Verlagshandlungen wuchs, unter denen die von M. G. Weidmann, J. F. Gleditsch, Joh. Fritsch, Joh. Fr. Zedler, Joh. S. Heinsius zu nennen sind.
Der Messkatalog[12], dieser Gradmesser des Buchhandels, wies eine Steigerung auf. Leipzig, das Frankfurt im Jahre 1604 zum erstenmale überholt hatte und von da ab bald vorangeht bald zurückbleibt, behält nun, mit Ausnahme des Jahres 1680, die Führung und weist im Jahre 1689 310 Werke gegen Frankfurts 90 auf; 1699 319 gegen 109 und im Jubeljahre 1740 253 gegen 74. Die Zahl der Presserzeugnisse Leipzigs von 1641 bis 1740 betrug 19711, wozu das Jahr 1698 mit 401 Artikeln das stärkste Kontingent stellte.
Bernh. Christ.
Breitkopf.
Mit den Buchhändlern mussten die Buchdrucker Schritt halten. Unter letzteren zeichneten sich aus: Heinr. Christ. Takke durch orientalische Schriften, ganz besonders aber Bernh. Christoph Breitkopf[13]. Er war am 2. März 1695 in Klausthal geboren. 1718 kam er nach Leipzig, heiratete 1719 die Witwe des Buchdruckers Joh. Kasp. Müller, und übernahm die Buchdruckerei, die damals sehr in Verfall geraten war. Breitkopfs Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit liessen ihn jedoch Gönner finden, die ihn in den Stand setzten, sich herauszuarbeiten und den „Goldenen Bären“ zu bauen, der das Geschäft 135 Jahre lang beherbergen sollte und Veranlassung zu dem Druckerzeichen dem „Bären“ gab. Der „Silberne Bär“ ward dem goldenen gegenüber 1765-67 erbaut. Die Offizin, im Jahre 1722 die dreizehnte in der Rangordnung, war 1742 schon die dritte und der Besitzer zur Zeit des Jubelfestes 1740 angesehener Oberältester der Innung, welche damals 17 Prinzipale mit 137 Gehülfen zählte. Auf dem Boden des tüchtigen Druckerhandwerks erwuchs bald ein ansehnlicher Bücherverlag, der 1723 mit einer hebräischen Handbibel begann. Die Messkataloge von 1725 bis 1761 weisen 656 Verlagswerke Breitkopfs auf. Den wesentlichen Charakter erhielt der Verlag jedoch durch die engen Beziehungen Breitkopfs zu J. Chr. Gottsched und dessen Frau Luise, geb. Kulmus. Gottsched blieb bis zu seinem Ende Breitkopfs Freund und Hausgenosse im Goldenen Bären. Seine Druckerei übergab Breitkopf 1745 seinem Sohn; im Verlage wirkte er noch bis 1762 und starb hochbetagt und geehrt am 26. März 1777. Er erlebte es noch, wie Gottsched ihm 1736 prophezeit hatte, dass, obwohl er als der erste Buchdrucker Deutschlands gegolten hatte, sein Sohn ihn noch überstrahlte. Die Geschichte darf aber nicht vergessen, dass dies dem Sohne vielleicht nur dadurch möglich geworden ist, dass der Vater ihm die Druckerei in einem Zustande hinterliess, der ihm gestattete, sich ohne Schranken seinen, mitunter sehr kostspieligen Versuchen und Erfindungen hinzugeben.
Wittenberg.
Ein schlagendes Beispiel, wie das Buchdruckergewerbe mit dem geistigen Leben fällt und steigt, giebt WITTENBERG[14], wo Luthers Wirksamkeit die Kunst zu einer schnellen Blüte trieb. Melchior Lotter d. jüng. (1519-1523) begann die Reihe der Reformationsdrucker. Ihm folgte Georg Rhawe (1520-1548), welcher sowohl Schriften von Luther als von Melanchthon druckte. Sein Hortulus animæ mit Cranachs Zeichnungen ist ebenso geschätzt wie Gabr. Schnellboltzs Sammlung von Portraits in einer so vorzüglichen Ausführung, dass man die Zeichnungen Lucas Cranach zuschreibt. Der bekannteste unter Wittenbergs Buchdruckern ist Hans Lufft, „der Bibeldrucker“ (1525-1584). Er druckte 1534 die Luthersche Bibelübersetzung, die 1541, 1545 und 1546 in neuen Auflagen wiederholt wurde. Da auch die meisten andern Schriften Luthers aus seinen Pressen hervorgingen, so gewann sein Geschäft eine grosse Ausdehnung. Für den Bibeldruck allein arbeiteten fortwährend drei bis vier Pressen, und man behauptet, dass gegen 100000 Exemplare der Bibel aus seiner Offizin hervorgegangen sind. Die Pressen von Hans Weyss, Peter Seitz und Johann Kraft wurden ebenfalls durch die Reformation im Gang erhalten.
Hamburg.
Auch in HAMBURG eröffnete die Reformation der Presse ein weiteres Feld, jedoch hatte sie hier mit einer besonderen Schwierigkeit zu kämpfen. Während die hochdeutsche Schriftsprache durch die Reformation fast überall Boden gewann, blieb sie hier dem Volke ein mehr oder weniger fremdes Idiom. Die Verleger Hamburgs konnten für Werke in niederdeutscher Sprache nur auf ein kleines, mehr lokales, Publikum rechnen, anderseits die für das Volk bestimmten Schriften nicht hochdeutsch drucken. Hierin trat erst zu Anfang des xvii. Jahrhunderts eine Änderung ein.
Rostock.
In ROSTOCK bestand schon 1476 eine angesehene Buchdruckerei der „Brüder des gemeinsamen Lebens“. Die Reformation bereitete ihr den Untergang (1534) und zwar zum grossen Verdruss der Gelehrten. Noch im Jahre 1564 klagt der Professor Chyträus, dass es in Rostock nur einen Buchhändler mit einer Druckerpresse und einem Lehrling gebe, sodass viele gelehrte Ausländer nicht einmal wüssten, dass in Rostock eine hohe Schule vorhanden sei.
Berlin.
BERLIN[15] war im Jahre 1500 zwar die Residenz der Kurfürsten in den Marken, aber eine unbedeutende Stadt, die nicht einmal eine Buchdruckerei besass, während Stendal und Kloster Zinna bei Jüterbogk deren vor dem Schluss des xv. Jahrhunderts hatten (vergl. S. 53), und Frankfurt a. d. O. wenigstens 1502 eine solche, wenn auch nur in einem kleinen Massstabe, durch Martin Tretter erhielt.
Joh. Weiss.
Erst um das Jahr 1540, zu einer Zeit, wo der Süden Deutschlands bereits über seinen typographischen Glanzpunkt hinaus war, erfolgte die Einführung der Kunst in Berlin und zwar auf besonderen Betrieb des Kurfürsten Joachim ii., welcher 1539 Johann Weiss, der schon seit 1525 als ein anerkannt tüchtiger Buchdrucker in Wittenberg gewirkt hatte, nach Berlin berief. Das erste dort gedruckte Buch, die Kirchenordnung im Kurfürstenthum der Marken, erschien 1540.
Bis 1544 lieferte Weiss etwa 20 Druckwerke, von da ab hört man weiter nichts von ihm, und da auch die in Frankfurt a. d. O. bestehende einzige Buchdruckerei von Joh. Hanaw eingegangen war, so hatte die Mark Brandenburg 1544 keine Buchdruckerei.
Frankfurt a. d. O. erhielt endlich, nachdem Nikolaus Wolrab dort auf kurze Zeit (1547-1549) aufgetreten und dann wieder verschwunden war, in Joh. Eichhorn aus Nürnberg einen tüchtigen Buchdrucker mit einem alleinigen Privilegium für die Mark ausgerüstet (1567). In Berlin findet sich aber fast 30 Jahre lang keine Spur einer Buchdruckerei, bis 1574 Leonhard Thurneysser zum Thurn als solcher erscheint.
Leonh. Thurn-
eysser.
Dieser Leonhard Thurneysser war kein gewöhnlicher, aber ein unsteter Mensch. Geboren zu Basel 1530, war er nach einander Goldschmied, Naturhistoriker, Chemiker, Bergmann, Arzt, in allen Eigenschaften tüchtig; bald arm, bald reich. Nach langen Reisen in Europa und Asien kam er 1568 zurück und erwarb sich Ruf als Arzt durch seine Wunderkuren, die er auch mit Glück an der Gemahlin des Kurfürsten Johann Georg in Frankfurt a. d. O., wo er sich wegen des Druckes seiner Werke aufhielt, übte. Der Kurfürst nahm ihn in seine Dienste und gab ihm in Berlin ein Lokal in dem Grauen Kloster, um dort zunächst für seine eigenen Werke eine Druckerei einzurichten, aber auch, um für den Kurfürsten zu drucken. Die Offizin stattete Thurneysser auf das beste nicht nur mit deutschen, sondern auch mit allerlei orientalischen Schriften aus. Später kam eine Schriftgiesserei und Holzschneiderei dazu. Seine Bücher sind sehr sorgfältig gedruckt. Bedeutend und weit verbreitet war sein Verlag von Kalendern, die zu der Zeit überhaupt fast nur von Ärzten herausgegeben wurden.
In Thurneyssers damals glänzenden Verhältnissen trat aber ein allmählicher Rückgang ein. Unruhig wie er war, siedelte er 1579 nach Basel über und ging dort eine unglücklich ausfallende Ehe ein, die durch einen Prozess ihm grossen pekuniären Verlust brachte. Nach Berlin zurückgekehrt, verliess er 1584 heimlich die Stadt und verschwand von der Bühne. Die Druckerei hatte er schon 1577 für 1100 Thaler an seinen tüchtigen Gehülfen Michael Hentzke verkauft, der bereits 1580 starb. Dessen Witwe heiratete Nik. Voltz, einen tüchtigen Buchdrucker, der jedoch aus Mangel an Mitteln gezwungen war, einen Teilhaber zu nehmen, den er in dem Rektor des Gymnasiums zum Grauen Kloster, Wilh. Hilden, fand. Sie druckten jeder unter seinem Namen, bis Voltz 1586 wieder in den alleinigen Besitz des Geschäftes kam, mit welchem er 1593 nach Frankfurt a. d. O. zog. Hier fand er 1619 sein Ende, jedoch ohne bessere Erfolge seiner Thätigkeit erreicht zu haben.
Christoph
Runge.
Von 1593 bis 1599 tritt nun wieder eine Pause in der Druckthätigkeit Berlins ein. In diesem Jahr berief der Kurfürst Joachim Friedrich iii. Christoph Runge, Buchdrucker zu Neudamm, nach Berlin, wo er bis 1607 druckte. Sein Sohn Georg, später sein Enkel Christoph, setzten das Geschäft fort. Letzterer entwickelte mit seiner gut ausgestatteten Offizin eine bedeutende Thätigkeit. Bei ihm wurde 1615 die erste Zeitung Berlins gedruckt. Sein sorgenvolles Leben schloss im Jahre 1681[16].
Die Hofbuch-
drucker.
Im Jahre 1660 wurde der erste Hofbuchdrucker ernannt, Georg Schultze, der eine gut eingerichtete Buchdruckerei aus Guben mit nach Berlin brachte, wo ihm im Schlosse ein Lokal eingeräumt wurde. Er starb 1685. Seine Nachfolger im Amte brachten es nicht weit, und von 1721 ab, in welchem Jahre der damalige Inhaber kassiert wurde, hört man nichts weiteres von der Schlossdruckerei.
Dieserart waren die bescheidenen Anfänge der Buchdruckerkunst in der jetzigen Kaiserresidenz, Millionenstadt und dem Hauptsitz deutscher Wissenschaft und Kunst.