SPANIEN. PORTUGAL. DER SÜDEN AMERIKAS.

In SPANIEN und PORTUGAL machte die Buchdruckerei in dieser Periode keine grossen Fortschritte. Die bis Ende des xv. Jahrhunderts gedruckten Bücher zeigen keine anderen Schriften, als die in Frankreich verwendeten halbgothischen, und bis in die Mitte des xvi. Jahrhunderts behalten die spanischen Bücher immer noch das Aussehen derjenigen des xv. Jahrhunderts.

Complutinische
Polyglotte.

Eine Berühmtheit der spanischen Buchdruckergeschichte weist die Stadt ALCALA DE HENARES (Complutum) auf. Der Kardinal und Premierminister Ferdinand des Katholischen, Franz Ximenes de Cisneros, hatte 1499 die dortige Universität begründet und einen ausgewählten Kreis von Gelehrten, namentlich Linguisten, dahin versammelt. Man brauchte Bücher für die Studierenden und berief Wilhelm de Brocario aus Pampelona, der als tüchtigster Buchdrucker Spaniens galt. Er druckte erst eine Anzahl von Klassikern und dann auf Befehl des Kardinals die berühmte Complutinsche Polyglott-Bibel in 6 Bänden in Folio (1514-1517), eins der prachtvollsten Druckerzeugnisse damaliger Zeit. Den Kostenaufwand, welchen die Ausarbeitung und Herstellung des Werkes verursachten, schätzt man auf über 50000 Goldkronen. Nach der Vollendung beanstandete der Papst Leo x. die allgemeine Verbreitung, welche erst am 22. März 1520 zugestanden wurde. Die Übergabe des Werkes in den Verkehr fand erst 1522 statt. Brocario druckte bis 1522; sein Sohn, Johann, noch lange nach ihm. Berühmt war auch Michel de Eguia. Alfonse de Fonseca, der Nachfolger Ximenes' bei Karl v., trat ganz in die Spuren seines Vorgängers und unterstützte die Kunst.

Madrid.

Als MADRID 1560 Residenz geworden, zogen die Könige auch Buchdrucker nach dort, und ernannten königliche Hofbuchdrucker, auch wurde, in Nachahmung der Pariser Anstalt, eine königl. Buchdruckerei errichtet. Die Kunst kam jedoch nicht recht in Flor; wollte man ein Buch recht schön gedruckt haben, so suchte man vorzugsweise Plantin in Antwerpen, oder dessen Nachfolger Moretus, auf. Unter den Madrider Buchdruckern müssen wir Johann de la Cuesta nennen, dem die Ehre vorbehalten blieb, die erste Ausgabe von Miguel de Cervantes' unsterblichem Werke: El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha, zu drucken.

Einen bedeutenden Namen hatte Antonio Bortazar in Valencia. Der König Philipp v. wurde auf ihn aufmerksam gemacht; bevor jedoch die Organisationspläne zur Ausführung kommen konnten, starb Bortazar. In SEVILLA zeichnete sich Johann Kromberger, ein Deutscher, aus. Der berühmteste Name der spanischen Druckkunst, Joachim Ibarra, gehört der nächsten Periode an.

Süd-Amerika.


Begreiflicherweise waren die Spanier die ersten, welche die Buchdruckerkunst in MITTEL- und SÜD-AMERIKA einführten und zwar volle hundert Jahre bevor Nordamerika eine Presse hatte. Dort, wie hier, waren die, in dieser Periode gedruckten Schriften hauptsächlich religiösen Inhalts. In MEXICO erschienen jedoch auch einige geschichtliche Werke und viele sprachliche Bücher für den Gebrauch der Eingeborenen, in den mancherlei Idiomen derselben abgefasst[8]. Was die Zahl, den Umfang und die Ausstattung der Bücher betrifft, ging der Süden Amerikas bis gegen das Ende des xvii. Jahrh. bedeutend dem Norden voran.

Über die Zeit der Einführung und die Person des Einführenden herrschten sehr abweichende Ansichten; jetzt steht es wenigstens unwiderleglich fest, dass Bücher 1540 in Mexico gedruckt wurden, und dass die Einführung der Kunst also noch vor diesem Jahre, wahrscheinlich um 1537, auf Betrieb des Vicekönigs Antonio de Mendoza geschah.

Lange galt die Annahme, dass das Vocabulario en lingva Castellana y Mexicana (1571) des Franziskaners Alonso de Molina das erste Werk und Antonio de Spinosa der erste Drucker gewesen. Die Druckerlaubnis wurde 1569 erteilt und so ist auch das Vorwort datiert. Der erste Teil dieses bedeutenden Werkes besteht aus 122, das zweite aus 162 numerierten Blättern in Folio, dasselbe also im ganzen aus 568 Seiten[9].

Später ward Johan Krombergers Druck: Doctrina Christiana, in dem Jahre 1544 mit gothischer Schrift ausgeführt, aufgefunden, die man nun für das älteste Buch Mexicos hielt, bis auch diese Annahme, und zwar durch sechs eigene Drucke Krombergers älteren Datums, widerlegt wurde. Sein erstes Buch, Manual de adultos, von welchem jedoch nur die letzten Blätter erhalten wurden, stammt nämlich schon aus dem J. 1540; das zweite: Relacion del espantable terremoto etc. de Guatemala, erschien 1541[10].

Nach den angesehenen Geschichtsforschern D. Padella, Alonzo Fernandez und Gonzales Danila hat Juan de Estrada in dem Novizenhause zu Mexico noch vor 1740 eine Übersetzung aus dem Lateinischen des Joh. Climachus: Escala esperitual para llegar al cielo geliefert und Juan Pablos sie gedruckt. Nur nennt Danila den Verfasser Juan de la Magdalena, was sich leicht als Klostername des Paters Juan de Estrada erklärt.

Es dürfte jedoch nicht gar zu schwer sein, diese widersprechenden Nachrichten mit einander in Einklang zu bringen. Da der Vizekönig Antonio de Mendoza 1535 nach Mexico kam und dem (oben erwähnten) Kromberger in „Sevilla“ den Auftrag gegeben hatte, eine Druckerei in Mexico anzulegen, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass Kromberger den Juan Pablos nach dorthin gesandt hat, so dass dieser mit einem gewissen Recht als der erste Drucker der neuen Welt bezeichnet werden, und Kromberger doch die erste Druckfirma dort gewesen sein konnte. Pablos kann also für Kromberger die erwähnte Escala esperitual um 1537 gedruckt haben. Kromberger starb vor 1541, doch hat man später aus dem Geschäft in Sevilla Bücher mit seiner Firma. Und so wird es wohl auch in Mexico gewesen sein, bis wahrscheinlich Pablos das Geschäft erwarb, denn 1550 kommt auf der Doctrina Christiana seine Firma vor und dann später öfters.

Südamerika.

Icazbalceta führt 93 in Mexico und 7 in PERU gedruckte Werke aus der Zeit von 1540-1600 auf. Zeitungen hatten Mexico und LIMA mutmasslich schon von Ende des xvii. Jahrh. Die Jahrgänge 1728-1730 der Mexico-Gazette sind noch vorhanden. Ein litterarisches Journal Gazetta de literatura erschien 1750.

Auf ST. DOMINGO war in der Stadt gleichen Namens eine spanische Presse zu Beginn des xvii. Jahrh. thätig. Es durfte jedoch nichts ohne besondere Erlaubnis der Kolonialregierung gedruckt, und von jedem Werk mussten derselben zwanzig Exemplare abgegeben werden. In PORT AU PRINCE hatten die Franzosen 1750 eine königliche Druckerei etabliert.

SURINAM erhielt von den Holländern vor 1775 eine Offizin. In dem portugiesischen Amerika scheint die Presse in den Händen der Regierung geblieben zu sein und diese erst gegen Ende des Jahrhunderts in Thätigkeit gewesen zu sein. In CORDOVA bestand bereits im xvii. Jahrh. eine geheime Jesuitenpresse.

[1] A. A. Renouard, Annales de l'imprimerie des Alde. Paris 1834. Dritte Auflage. — Ambr. Firmin Didot, Alde Manutius et l'hellenisme à Venise. Paris 1875.

[2] A. M. Bandini, de Florentina Juntarum typgr. 2 Bde. Lucca 1791.

[3] E. Carmoly, Annalen der hebr. Typogr. von Riva di Trento. Frankf. a. M.

[4] J. C. Amaduti, Catalogus libr., qui ex typ. S. Congr. etc. variis linguis prodierunt. 7. Aufl. Rom 1773.

[5] F. Federici, Annali d. Tipogr. Volpi-Cominiana. Padua 1809. — Catalogus Stamperia Cominiana. Padua. — G. Volpi, La libreria dei Volpi e la Stamperia Cominiana. Padua 1756. — V. Fineschi, Notizie storiche sopra la stamperia de Ripoli. Florenz 1781.

[6] Vecellius nennt Krieger, „Christophe Guerra, mio amico et excellentissimo intagliatore di legno“.

[7] Ambr. Firmin Didot gab von dem Werke eine gelungenere Reproduktion, welche zugleich Veranlassung zu der öfters erwähnten Schrift Essai typographique gab.

[8] Joach. Garcia Icazbalceta, Apuntes para un catálogo de Escritores en lenguas indigenos de Amerika. Mexico 1866.

[9] Dieses bedeutende Werk ist auf Veranlassung des Herrn Dr. Jul. Platzmann in Leipzig zugleich mit einer Anzahl anderer der ältesten grammatikalischen Schriften Mexicos mit grossem Aufwand in ganz genauen Reproduktionen herausgegeben. Letztere sind vortrefflich in der W. Drugulin'schen Offizin in Leipzig ausgeführt. Von Dr. Platzmann erschien auch ein „Verzeichnis einer Auswahl amerikanischer Grammatiken etc.“, welche von ihm mit grosser Sorgfalt gesammelt wurden.

[10] Ein Exemplar wurde in Leipzig 1869 in der Versteigerung Andrade (Bibliothek des unglücklichen Kaisers Maximilian von Mexico, von dem British Museum für 2250 Mark angekauft.)

X. KAPITEL. [[←]]

FRANKREICH.

Die Lage des Buchdruckers. Der Staat und die Presse. Die Xylographie, die livres d'heures. Anton Verard. Geofroy Tory. Jodocus Badius. Conrad Néobar. Berühmte Druckerfamilien. Die Stephane: Heinrich i., Robert i., Heinrich ii., Ende der Familie. Die Gründung der königlichen Buchdruckerei. Ant. Vitré. Savary de Brèves. Lyon: Seb. Gryphius, Jean de Tournes, Steph. Dolet. Die Schriftgiesserei. Die Buchbinderkunst.

Unterstützung
und Bevormun-
dung der Kunst.

WENN auch die Unterstützung der Universität der Einführung der Buchdruckerkunst in Frankreich grossen Vorschub geleistet und ihr anfänglich auch materielle Vorteile gewährt hatte, so zeigten sich doch andererseits bald die Nachteile durch stete Bevormundung und die Kunst nahm, trotz einer Reihe von ausgezeichneten Druckerfamilien, unter welchen, wie in Italien, wieder Eine alle anderen überragt, nicht die freie Entwickelung, wie dort[1].

Vorteile der
Buchdrucker.

Nicht allein Bücher, sondern selbst das Material, als Schriften und Farbe, waren abgabenfrei. Aber man wollte als Ersatz für diese Begünstigungen, dass die Bücher auch äusserlich mit Sorgfalt behandelt würden; man verlangte, dass sie sowohl mit guter Schrift als auch auf gutem Papier gedruckt werden sollten, worüber Inspektoren zu wachen hatten. Buchdrucker, Korrektoren oder Autoren wurden für die Fehler verantwortlich gemacht und mussten nötigenfalls Cartons drucken lassen. Wollten sie sich gegen Versehen Anderer schützen, so mussten sie die, von ihnen korrigierten Bogen kontrasignieren und deponieren. Die Bücher, die nicht im Besitz der vorgeschriebenen Eigenschaften waren, wurden vernichtet und die Unachtsamen bestraft.

Auch auf mässige Preise hatten die Inspektoren zu halten, die anfänglich zwar von den Druckereien aus eigenem Antrieb innegehalten wurden, später aber nicht. Nicht weniger wurde der Zustand des Materials überwacht. Das Abspenstigmachen eines Korrektors seitens der Konkurrenten unterlag einer Strafe. Mit den auf Subskription ausgegebenen Werken nahm man es sehr streng. Jeder Prospektus musste von einem Probebogen begleitet sein, welcher ganz genau Format, Papier und Schrift, sowie Umfang und Preis des Werkes angab. Bei Übertretungen musste den Subskribenten der doppelte Betrag dessen, was sie schon gezahlt hatten, vergütet werden, abgesehen von der sonstigen gerichtlichen Brüche.

Das Zunftwesen.

Um als Buchdrucker oder Buchhändler aufgenommen zu werden war es notwendig, vier Jahre gelernt und drei Jahre gedient zu haben, Zeugnisse seiner Fähigkeiten im Lateinischen und Griechischen, seiner Moralität und seiner Rechtgläubigkeit beizubringen, ausserdem bei einem Examen zwei Drittel der Stimmen der acht Examinatoren für sich zu haben. Die Meister waren berechtigt, den guten Arbeitern höher als nach der Taxe zu zahlen, ohne dass diejenigen, welche diese Vergünstigung wegen mangelhafter Arbeit nicht genossen, sich beschweren konnten. Sowohl Lehrlinge als Gehülfen und Korrektoren wohnten in den Häusern der Meister.

Der Pergament- und der Papierhandel unterlag ebenfalls der Kontrolle, und der Universität waren in Bezug auf Ankauf Vorrechte eingeräumt. Später bestimmte ein Reglement für die Papierfabrikation, dass alles Papier geleimt sein müsse, und setzte strenge Strafen auf das Untermengen der Masse mit Kalk oder anderen ätzenden Stoffen.

Fesseln verschie-
dener Art.

Aber solche Schutzmassregeln konnten selbstverständlich unter den zerrütteten politischen und finanziellen Verhältnissen, und in Ermangelung der Freiheit der geschäftlichen Bewegung und der Presse, ebensowenig in Frankreich wie anderswo ein Zurückgehen der Kunst verhindern. Fesseln der verschiedensten Art wurden der Presse angelegt und das Schwert des Damokles hing fortwährend über den Häuptern der Buchdrucker und Buchhändler.

Franz i., der Typographie persönlich wohlgesinnt, bestätigte alle vorhandenen Privilegien und stand, als die Sorbonne 1521 ein fulminantes Verdammungsurteil über die Lutherische Lehre ausgesprochen hatte und dadurch Gefahren über manche Buchdrucker und Buchhändler heraufbeschworen wurden, zuerst auf deren Seite, liess sich jedoch später verleiten, den strengsten Massregeln zuzustimmen. Zugleich wurde die Zahl der Buchdruckereien in Paris auf nur 12 festgesetzt. Die Thätigkeit der 12 auserwählten nahm dafür einen um so grösseren Umfang an, so dass sogar Mangel an Arbeitern eintrat, was bereits damals von den Gehülfen benutzt wurde, um einen wohlorganisierten Strike mit gegenseitigen Unterstützungskassen in Scene zu setzen, welchem erst 1539 durch polizeiliche Massregeln ein Ende gemacht wurde.

Heinrich ii. erliess ein Verbot, theologische Schriften ohne Autorisation der theologischen Fakultät zu drucken, auch musste der Name des Autors und des Druckers auf jedes Werk gedruckt werden. Karl ix. verwehrte 1563 unter Androhung der strengsten Strafe, überhaupt etwas ohne Erlaubnis zu drucken; alle Bücher mussten von seinem Geheimrate geprüft werden. Ludwig xiii. erteilte 1616 dem Grosssiegelbewahrer die Vollmacht, die Zensur jeder tauglichen Person zu übertragen. Zur Handhabung der inneren Polizei ward ein Syndikat, bestehend aus fünf Mitgliedern (les gardes de la librairie), 1618 errichtet.

Ludwig xiv. und
die Presse.

Der Geschmack an der nationalen Litteratur, welcher schon zu Ende der Regierung Ludwigs xiii. namentlich durch die Gründung der Akademie und durch die Werke Corneilles Nahrung gefunden hatte, gewann allgemeine Verbreitung in der Glanzperiode der Litteratur und der Kunst während der Regierung Ludwigs xiv. und äusserte seine Wirkung auch auf die Buchdruckerei, der der König, sowie sein Minister Colbert, sehr zugethan war, was sie jedoch nicht verhinderte, die beschränkenden Massregeln fortzusetzen. Die Zahl der Pariser Buchdruckereien wurde auf 36 festgesetzt. Zugleich wurde bestimmt, dass jede Druckerei wenigstens vier Pressen und acht Sorten Antiqua- und Cursiv-Schriften haben müsse.

Die Aufhebung des Edikts von Nantes (1683) hatte zur Folge, dass die französischen Papiermacher nach England gingen, wo die Papierfabrikation noch keine hohe Stufe einnahm. Als Ludwig xiv. die Fortschritte der englischen Papierfabrikation bemerkte, wendete er grosse Summen auf, um die Arbeiter zur Rückkehr zu bewegen, was ihm auch gelang; jedoch, die Fabrikation, die einmal dort Fuss gefasst hatte, entwickelte sich trotzdem auf das glänzendste.

Im Jahre 1723 wurde von Ludwig xv. ein Dekret erlassen, durch welches die Pressverhältnisse geordnet wurden und das bis zum Beginn der Revolution Bestand hatte.


Die
Xylographie.

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit auch in Frankreich zuerst der Xylographie zu, so finden wir, dass die Verhältnisse hier nicht ganz so wie in Deutschland lagen. Dort war sie nicht, wie es hier der Fall war, eine Lieblingsmanier der Künstler, um selbständige Kunstwerke oder Kunstblätter herzustellen, sondern diente fast nur dem Illustrationszweck, namentlich nur der Ornamentierung der Bücher. Die Aufgabe, zu zeigen, was in letzterer Beziehung geleistet werden konnte, fiel besonders den Andachtsbüchern zu. Die sehr beliebten illustrierten Chroniken und Ritterromane enthielten fast nur rohe Umrisse, bestimmt von den Künstlern ausgemalt zu werden, die öfters, wenn die Vorwürfe ihnen nicht gefielen, die Stellen mit ganz anderen Kompositionen ausfüllten und die vorhandenen Illustrationen ganz übermalten.

Die
livres d'heures.

Die Andachtsbücher (livres d'heures) wurden anfänglich fast nur auf Pergament gedruckt, damit die Miniaturisten, von welchen Paris eine Anzahl der gepriesensten besass, grössere Kompositionen und Initialen, für welche Platz gelassen worden war, hineinmalen konnten. Die bunten Figuren, nach byzantinischer Art auf Goldgrund gemalt, boten einen prächtigen Anblick dar. Später versuchte man durch Holzschnitte die Kunst der Miniaturisten, so weit dies ohne Farbe möglich war, zu ersetzen und hatte es um 1486 soweit gebracht, solche Bücher, dem Geschmack des Publikums angemessen, durch Hülfe allein der Druckerpresse herstellen zu können.

Die
Livres d'heures.

Ein Teil der bekanntesten Herausgeber der Livres d'heures, als: Pigouchet, Simon Vostre, Giles Hardoyn, Marnef, Michel le Noir u. a., nahmen die gothischen Schriften und den strengeren deutschen Stil an, und manche Illustrationen verraten unverkennbar den Einfluss Dürers, namentlich aus der Zeit seines Aufenthaltes in Venedig, so dass öfters Dürersche Figuren, von italienischer Architektur oder Ornamenten umgeben, vorkommen. Andere Herausgeber als: Guyot, Marchand, Gourmont, Simon de Colines, Janot, Anabat, vor allen Geofroy Tory standen ganz unter dem Einfluss des italienischen Geschmackes und adoptierten folglich als Druckschrift die Antiqua.

Die schöne Ausführung dieser Bücher und ihr, im Vergleich zu den Manuskriptenpreisen sehr wohlfeiler Ankaufspreis hatten einen bedeutenden Absatz zur Folge. Man wandte sich von allen Seiten mit Aufträgen nach Paris, wodurch die Buchdruckereien einen grossen Aufschwung nahmen. Mit der zunehmenden Menge und Billigkeit liess aber auch die Vortrefflichkeit der Ausführung nach. Die Feinheit der Vignetten scheint auf Metallhochschnitt hinzuweisen, was durch den Buchdrucker Jean Dupré, 1488, bestätigt wird, der von Vignetten, imprimées en cuyvre, spricht. Wie hoch diese Bücher jetzt von den Sammlern geschätzt werden, geht daraus hervor, dass die Preise seit dem Beginn des Jahrhunderts bis auf das fünfzigfache gegen damals gestiegen sind.

In wie weit die obengenannten und andere, deren Namen in Verbindung mit den illustrierten Büchern gebracht werden, Drucker, Herausgeber oder ausübende Künstler waren, ist nicht immer genau festzustellen.

Anton Verard.

Anton Verard, geboren zu Paris gegen d. J. 1450, gestorben 1512, anfänglich Kalligraph und Miniaturist, hatte jedenfalls selbst eine Buchdruckerei, obwohl es auch Bücher giebt, die bei Anderen für seine Rechnung gedruckt wurden. Er widmete sich ganz besonders der Herausgabe von Chroniken und Rittergeschichten. Ihm verdankt man die ersten Ausgaben von Froissart und Monstrelet. Er wurde von der kunstsinnigen Königin Anna von Bretagne sehr begünstigt und in verschiedenen seiner Verlagswerke sieht man ein Bild, auf welchem er knieend der Königin ein Exemplar überreicht. Die Zahl der von ihm herausgegebenen Werke ist eine sehr grosse. Ist auch der künstlerische und litterarische Wert dieser Bücher kein bedeutender, so trugen sie doch mächtig bei, den Sinn für ritterliche Ehre und Ritterpflichten zu nähren, bis das Erscheinen des Don Quixote dem Enthusiasmus einen mächtigen Dämpfer aufsetzte. Von da ab haben diese Romane nur für den Bibliophilen Wert.

Geofroy Tory.

Unter den Herausgebern illustrierter Bücher, überhaupt unter den Reformatoren der Kunst und der Schriftsprache in Frankreich, nimmt Geofroy Tory einen ganz hervorragenden Platz ein[2]. Geboren in Bourges um das Jahr 1480, widmete er sich mit Erfolg den Studien, begann zugleich um 1505 das Zeichnen und die Holzschneiderei. Eine zeitlang trieb er diese und die Philosophie friedlich nebeneinander, er war jedoch kein Mann der Halbheit, gab deshalb seinen Lehrstuhl auf und widmete sich ganz der Kunst.

Champ-fleury.

Ein Werk des Italieners Sigismund Fanti über die Verhältnisse der Buchstaben (Venedig 1514) gab Tory die Anregung zu seinen späteren Arbeiten, auch waren ihm die Werke Dürers, in welchen dieser sich mit Schrift beschäftigt, bekannt. Er liess sich in die Zunft der Buchhändler aufnehmen, zu welcher er als Illuminator und Holzschneider gehörte, und bereitete für ein Andachtsbuch eine Serie von Einfassungen in antikem Stile vor. Während seiner Arbeiten, die jedoch fast zwei Jahre durch den Schmerz über den Tod seiner geliebten Tochter, Agnes, unterbrochen wurden, reifte bei ihm die Idee zu einem linguistisch-typographischen Werke, das 1529 unter dem Titel erschien: „Champ-fleury, au quel est contenu L'art et science la deue et vraye Proportion des lettres Attiques, qu'on dit autrement Lettres antiques et vulgairement Lettres Romaines, proportionees selon le Corps et Visage humain“.

Das Werk zerfällt in drei Abteilungen. Die erste enthält die Anweisung zu dem rechten Gebrauch der Sprache; die zweite behandelt die Entstehung der Kapitalschrift und die Belehrung, wie die Kapitalbuchstaben in Übereinstimmung mit dem Körper und dem Gesicht eines wohlgebildeten Menschen stehen. Geistreiche Illustrationen in Holzschnitt dienen zur Versinnlichung der Theorie, die zwar kaum für etwas anderes als ein Paradoxon erklärt werden kann, jedoch in der sinnreichsten Weise durchgeführt ist. Der dritte Teil wendet sich der Praxis zu, und giebt genaue Zeichnungen der Buchstaben und begleitet sie mit Untersuchungen über die Aussprache. Den Schluss machen 13 Alphabete, vier Gattungen französischer Schriften: Cadeaulx, Forme, Bâtard, Tourneure, mehrere orientalische Schriften, grosse Kapitalbuchstaben (Imperiales, Bullatiques), Phantasiebuchstaben (Utopiques) mit Arabesken, verzierte Initialen u. s. w.

Einfluss Torys.

Das Werk, welches 1529 erschien, veranlasste eine wahre Revolution in der französischen Typographie und Orthographie. In der Technik wurde es eine Hauptveranlassung zur vollständigen Beseitigung der gothischen Type und zu einem neuen Schnitt der Antiqua. Robert Stephanus fand sich veranlasst, alle seine Schriften zu verwerfen und andere einzuführen, die sich nun in ihrer neuen Gestalt beinahe bis zum Anfang des xix. Jahrhunderts unverändert erhielten. Noch wichtiger waren die Veränderungen in philologischer Hinsicht, da von nun an die Accente, Apostrophe und Cedillen, so wie eine verbesserte Orthographie eingeführt wurden.

Tory wird Hof-
buchdrucker.


Dies konnte von dem, die Wissenschaften und die Typographie so sehr liebenden König Franz i. nicht unbemerkt und unbelohnt bleiben. Er ernannte Tory, 1530, zum königlichen Hofbuchdrucker, ein Titel, mit dem reelle Einnahmen verbunden waren, auch wurde ihm zuliebe eine 25. Stelle als Universitätsbuchhändler geschaffen, da die festgesetzte Zahl 24 bereits voll war. Torys Todestag ist nicht genau bekannt, er muss aber vor dem Jahre 1534 liegen, da seine Witwe, Perette le Hulin, um diese Zeit das Geschäft fortführte. Im Jahre 1535 gingen die verschiedenen Offizinen auf Olivier Mallard über; nur die Holzschneiderei behielt die Witwe. Mallard, der das Zeichen Torys, die zerbrochene Vase mit der Umschrift non plus, wahrscheinlich eine Anspielung auf seine durch den Tod seiner Tochter vernichtete Lebenskraft, fortführte, starb 1542. Das Material kam in die Hände Thielemann Kervers. Der berühmte Schriftgiesser Claude Garamond, ein Schüler Torys, war wieder ein Lehrer der nicht weniger berühmten Wilh. le Bé und Jacques Sanleque.

Denys Janot.
St. Groulleau.

Die eigentliche illustrierte Litteratur, in der der Schriftsteller, wenn nötig, sich der Illustration unterordnet, wurde von Denys Janot (1530-1545), noch mehr von seinem Nachfolger Stephan Groulleau (1547-1565) in System gebracht. Als Schriftsteller unterstützte sie Gilles Corrozet mit seiner geschmackvollen Feder und als Künstler Jean Cousin mit seinem grossen Zeichnertalent. Es ist schwer die Stellung der einzelnen Teile dieses vierblätterigen Kleeblattes genau festzustellen. Die Begierde des Publikums nach ihren Produktionen war eine so grosse, dass es nicht immer möglich war, sie zu befriedigen. Man musste deshalb, in Ermangelung der schönen Renaissance-Vignetten, öfters zu Zeichnungen älteren Datums greifen und so findet man, sogar in einem und demselben Buch, oft neues und geschmackvolles neben altem und stillosem.

Janots letztes Werk, l'Amour de Psyché et de Cupidon, erst durch seine Witwe, aus der berühmten Buchdruckerfamilie de Marnef stammend, herausgegeben, ist zugleich sein schönstes. Die Witwe heiratete 1547 Stephan Groulleau, der viele der zierlichsten illustrierten Ausgaben lieferte. Gilles Corrozet, geb. 1510, starb 1568. Jean Cousin, ebenfalls 1510 geboren, 1590 gestorben, war Zeichner, Goldschmied, Bildhauer und Geometer.

Andere Künstler.

Von Zeichnern und Holzschneidern sind noch zu nennen: Mercure Jollet, Pierre Wojiriot, nach seinem Geburtsort de Bouzey genannt, ein Schüler Cousins und vielseitiger Künstler. Die Prinzessin Marie von Medici (geb. 1573, gest. 1642) war nicht allein eine grosse Gönnerin der Kunst, sondern soll auch die Xylographie in tüchtiger Weise geübt haben.

Jean Papillon (geb. 1660, gest. 1710) war der Stammvater einer Holzschneider-Familie, die eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, ohne eigentlich grosse Ansprüche darauf machen zu können. Am bekanntesten ist Jean Papillon durch seinen: traité historique et pratique de la gravure sur bois (2 Bde. Paris 1766) geworden, ein Werk, das zwar ohne Kritik geschrieben ist, jedoch eine Menge von Nachrichten über zeitgenössische Künstler enthält, die man sonst nicht haben würde.

Von den Papillons ab sank der Holzschnitt vollständig und nur der Kupferstich wurde zur Bücher-Illustration benutzt, nicht allein durch Beigabe besonderer Blätter, sondern auch indem man Vignetten in den Text eindruckte[3].

Jodocus Badius.


Unter den zugleich gelehrten und tüchtigen Buchdruckern ist zu nennen Jodocus Badius[4] (1498-1535), nach seiner Vaterstadt Asch bei Brüssel auch Ascensius genannt. In Lyon hatte er bei Trechsel als Korrektor fungiert und dessen Tochter geheiratet. Er druckte über 400 Werke, die sich durch Schönheit und Korrektheit empfehlen, und versah viele Klassiker-Ausgaben mit seinen Anmerkungen. Er war zu gleicher Zeit Buchhändler, Buchdrucker, Schriftschneider und Schriftgiesser. Seine drei Töchter verheirateten sich mit drei der berühmtesten Typographen, Michael Vascosan, Joh. Roigny und Robert Etienne. Der Sohn, Conrad Badius, ebenfalls ein tüchtiger Gelehrter und Buchdrucker, ging, als Calvinist verfolgt, 1549 nach Genf, wo er litterarisch und typographisch fortwirkte. Sein Schwager Vascosan, dessen Bücher in Druck und Papier gleich schön und grösstenteils mit Antiqua gedruckt sind, wurde 1566 königlicher Typograph und lieferte, ungerechnet neue Auflagen, 297 Werke.

Die Familien
Morel u. Wechel.

Der Schwiegersohn Vascosans, Friedrich I. Morel (1571-1583), ist Stammvater einer gelehrten und berühmten Druckerfamilie, von welcher der Sohn des Genannten, Friedrich ii. Morel, das bedeutendste Glied war. Seine Kommentare zu den Psalmen sind noch heute hoch geschätzt.

Eine andere berühmte Familie war die Wechelsche, begründet 1522 von Christian Wechel aus Basel. Derselbe druckte öfters den Flavius Vegesius, von dem mehr als 50 Ausgaben existieren, und gab die Werke Dürers in lateinischer Sprache heraus. Maittaire verzeichnet 335 von ihm verlegte Werke, durch welche er vorzugsweise die Medizin, die Anatomie und die Chirurgie förderte. Er beschäftigte die berühmtesten Korrektoren seiner Zeit, Friedr. Sylburge und Joh. Obsopäus. In religiöse Streitigkeiten verwickelt, zog er es vor nach Frankfurt a. M. zu gehen, wo er 1554 starb. Sein Sohn Andreas (1535-1573) war ebenfalls ein ausgezeichneter Drucker. Wie der Vater, nur noch im höheren Masse, war er der Religion wegen Verfolgungen ausgesetzt. In der Bartholomäusnacht entging er zwar der Todesgefahr, aber sein Eigentum wurde konfisziert. Er zog, 1573, mit seiner Familie nach Frankfurt (vergl. S. 131).

Die Familie Ste-
phanus.

Das Geschlecht, welches neben den Aldi zu den höchsten typographischen Ehren gelangte und durch das ganze sechzehnte und einen Teil des siebzehnten Jahrhunderts eine grossartige litterarisch-typographische Thätigkeit entwickelte, war die Familie Etienne[5] oder nach damaliger Sitte Stephanus, die mit dem Heinrich Stephanus als Stammvater begann.

Heinr. i. Stepha-
nus.

Sein Geburtsjahr kennen wir nicht, wissen auch nichts von seiner Jugendgeschichte und in welcher Weise er die Fähigkeiten erwarb, die ihm einen hervorragenden Platz unter den tüchtigsten und gelehrtesten Buchdruckern sicherten. Eine kurze Zeit (1502 bis 1504) arbeitete er zusammen mit einem gelehrten deutschen Buchdrucker Wolfgang Hopyl, dessen Ausgaben bis 1489 zurück- und bis 1522 heraufgehen.

Die Ausgaben Heinrich i. Stephanus' erreichen, so weit bekannt, die Zahl von gegen 130, wovon einige in Gemeinschaft mit andern Buchdruckern oder für fremde Rechnung, 107 aber für eigene Rechnung ausgeführt wurden. Die meisten waren in Folio und mit grosser Sorgfalt gedruckt. Der Inhalt ist beinahe ausschliesslich theologisch und philosophisch, denn die klassische Litteratur war noch immer Domaine der Italiener und hatte sich noch nicht nach Frankreich den Weg gebahnt.

Heinrich, welcher 1520 im August oder September starb, hatte drei Söhne, Franz, Robert und Carl, welche alle Buchdrucker oder Buchhändler wurden. Die Witwe Heinrichs verheiratete sich das Jahr nach dessen Tod mit Simon de Colines (Colinäus), der mutmasslich schon Teilhaber des Geschäfts gewesen war und nun Besitzer der Buchdruckerei wurde, deren Schriftenvorrat er vermehrte, namentlich durch eine, grösstenteils von ihm selbst geschnittene Cursiv. Er machte sich durch seine schöne Klassikerausgabe berühmt.

Robert Stepha-
nus i.

Robert, der zweite Sohn, war 1503 geboren. Über seine Jugend wissen wir nichts, wahrscheinlich ist er im väterlichen Hause geblieben, wo er auch nach der Verheiratung seiner Mutter mit Colines arbeitete. Robert heiratete Perette, die Tochter von Jod. Badius, die eine gelehrte Bildung hatte und das Lateinische fliessend sprach. Überhaupt war durch den steten Verkehr der Gelehrten in Roberts gastfreiem Hause, das öfters durch die Besuche Franz i. und Margarethas von Navarra geehrt wurde, das Lateinische die tägliche Umgangssprache geworden, die selbst den Dienstboten geläufig war. Perette ward die Mutter von acht Kindern und starb gegen 1550, worauf Robert Margaretha Duchemin heiratete.

Seine Wirksam-
keit.

Roberts Wirksamkeit richtete sich auf die Herausgabe der so sehr notwendigen Elementarbücher für das Studium der alten Sprachen und auf korrekte Ausgaben der Klassiker; die Angabe, dass er seine Korrekturbogen öffentlich aushing, gehört jedoch in das Gebiet der Dichtung. Vor allem beschäftigte ihn die Herausgabe der heiligen Schriften, lateinisch, griechisch und hebräisch. Schon die, 1523 in Sedez gedruckte, sorgfältig revidierte lateinische Ausgabe des Neuen Testaments erregte das Missvergnügen der Sorbonne gegen den jugendlichen Herausgeber auf Grund der Emendationen, welche er notwendig fand, und gab das Signal zu den Verfolgungen, unter welchen er sein lebenlang zu leiden hatte. Jede neue Ausgabe der Bibel brachte ihm zwar neue Ehren, aber auch neue Sorgen und Anfeindungen, gegen welche ihn die Gunst Franz i. nur wenig zu schützen vermochte.

Thesaurus linguæ
latinæ.

Die Zahl seiner Drucke beträgt über 600. Sein Hauptwerk, welches allein als Ehrendenkmal für ihn genügend gewesen sein würde, ist der Thesaurus linguæ latinæ (1532). Die vergeblichen Versuche, ein altes Vocabularium des Calepin zeitgemäss zu korrigieren, gaben dazu die Veranlassung. Alle Gelehrten, die Robert anging, ein neues Lexikon zu liefern, schreckten vor der Arbeit zurück, an die nunmehr Robert selbst unter Beihülfe eines bescheidenen Gelehrten Joh. Thierry mit einem solchen Eifer ging, dass das grosse Werk nach zweijähriger Arbeit vollendet war. 1536 erschien eine zweite, verbesserte Auflage, eine dritte 1543 und später noch weitere Ausgaben.

Conr. Néobar.

Bei Gelegenheit des Druckes seiner hebräischen Bibel (1539-1546) wurde Robert am 24. Juni 1539 vom König Franz i. zum königlichen Drucker für die lateinischen und hebräischen Schriften ernannt, wozu noch im J. 1545 die Erhebung zu demselben Posten für das Griechische kam, welchen zuerst Conrad Néobar inne gehabt hatte. Es war der Aufmerksamkeit Franz i. nicht entgangen, dass die griechischen Drucke Frankreichs trotz der Anstrengungen des gelehrten François Tissard im Verein mit dem tüchtigen Praktiker Gilles de Gourmont, die zuerst 1507 ein griechisches Buch in Frankreich gedruckt hatten, weit den italienischen nachstanden. Dem wollte der König abhelfen und glaubte in Conrad Néobar (1538-1540) den rechten Mann gefunden zu haben. Durch Patent vom 17. Januar 1538 wurde er zum königlichen Drucker für das Griechische ernannt mit einem Jahresgehalt von 100 Goldthalern nebst den Vorteilen der Universitäts-Angehörigen, auch sollten alle von ihm zuerst gedruckten Werke auf 5 Jahre Schutz geniessen. Die Schriften sollte Claude Garamond schneiden. Dies erlebte Néobar nicht, der schon nach zwei Jahren starb, in der kurzen Zeit sich aber bereits einen berühmten Namen erworben hatte.

Rob. Stephanus,
kgl. Typograph.

Stephanus übernahm nun die weitere Leitung. Die Zeichnungen zu der Schrift rühren von dem berühmten Kalligraphen Angelus Vergecius (Auge Vergece) her, zumteil auch von dessen damals erst fünfzehnjährigen Schüler Heinrich, dem Sohne Roberts. Diese Schriften sind kaum durch irgend eine spätere Produktion übertroffen und wurden bis in die neueste Zeit in der kaiserlichen Druckerei in Paris verwendet. Auch der berühmte Schriftschneider und Schriftgiesser Wilhelm le Bé wurde von Robert, namentlich für die hebräische Bibel, beschäftigt. Dafür, dass die hebräischen Schriften ebenfalls für königliche Rechnung geschnitten wären, liegen keinerlei Beweise vor.

Robert geht
nach Genf.

Der fortwährenden Verfolgungen durch die Sorbonne müde, ging Robert 1550 oder 1551 nach Genf, um dort in der Ruhe, die er in Frankreich nicht hatte finden können, mit den Reformatoren Calvin, Theodor Beza u. a. zusammenzuleben, ihre Werke zu drucken und die Bibelausgaben ungestört fortzusetzen. Es scheint, als habe Robert mit Standhaftigkeit und Kraft die mit der Übersiedelung verbundenen Verluste und das Ungemach aller Art ausgehalten. Seine Wirksamkeit in Genf war gleich eine bedeutende, das Pariser Geschäft wurde jedoch nicht geschlossen und 1556 beginnt sein Sohn Robert ii. dort seine Ausgaben.

Die griechischen
Schriften.

Dass die Genfer Robert unentgeltlich als Mitbürger aufnahmen, konnte ihm seinen Verfolgern gegenüber, gegen die er eine bittere Rechtfertigungsschrift veröffentlichte, als eine Genugthuung gelten. Es ist ihm vielfach zum Vorwurf gemacht, dass er die berühmten königlichen griechischen Schriften mit nach Genf nahm. Sein Biograph Renouard hat mit schlagenden Gründen ihn gegen den Verdacht, als habe er damit etwas unrechtmässiges gethan, verteidigt. Im Jahre 1621 wurden die Schriften, welche für 1500 Goldthaler dem Rate von Genf von Roberts Enkel, Paul, verpfändet waren, von der französischen Regierung für 3000 Livres gekauft und von Paul nach Paris gebracht. Bei den Verhandlungen deutet nichts darauf hin, als sei Paul nicht rechtmässiger Besitzer der Matern gewesen. Seit 1774 befinden sie sich in der Staatsdruckerei in Paris.

Seinem lateinischen Wörterbuch wollte Robert ein griechisches folgen lassen. Mit den Vorarbeiten beschäftigte er sich lebhaft, wurde aber dabei vom Tode überrascht. Den Zustand dieser Vorarbeiten kennen wir nicht, doch müssen dieselben nach der Aussage des Vollenders, seines Sohnes Heinrich, weit vorgeschritten gewesen sein.

Franz i.

Robert starb am 7. Sept. 1559, 56 Jahre alt. Von seinen acht Kindern werden Heinrich ii., geb. 1528; Robert ii., geb. 1530, und Franz ii. Gegenstand weiterer Besprechung sein. Von Roberts i. Bruder Franz i. ist wenig zu sagen; man kennt das Datum seiner Geburt nicht, weiss auch nicht, ob er verheiratet war. Wahrscheinlich war er nur Buchhändler; ein Buch von ihm später als aus dem J. 1548 kennt man nicht, schliesst deshalb auf seinen frühen Tod um diese Zeit, der vielleicht auch nur Schuld gewesen sein wird, dass er keine grössere Berühmtheit erlangte; denn seine kurze Wirksamkeit zeugt von grosser Tüchtigkeit.

Karl.

Der jüngste Bruder Roberts i., Karl (geb. 1504 od. 1505), war ein tüchtiger Arzt, geschickter Buchdrucker und ausgezeichneter Gelehrter. Der Wegzug Roberts von Paris war der Grund, dass Karl wider seinen Willen das Geschäft übernehmen musste; er setzte aber dabei seinen ärztlichen Beruf fort. Die Druckerei übte er nur bis zum Jahre 1561, produzierte aber in der kurzen Zeit eine Reihe von guten Ausgaben, die einen ehrenvollen Rang unter den Erzeugnissen der Familie einnehmen. Er starb 1564 im Gefängnis, worin er sich, einige behaupten wegen religiöser Ansichten, andere wegen Schulden, befand; Thatsache ist, dass er vieles verloren hatte und dass man seit 1561 geschäftlich nichts weiter von ihm hörte.

Robert ii.

Nach dem Tode Roberts i. fiel das Geschäft dem Sohne Heinrich ii. zu und Robert ii. wurde enterbt; doch scheint dies keineswegs ein Akt der Rache gegen Robert gewesen zu sein, der dem katholischen Glauben treu geblieben war, sondern eine aus Klugheit getroffene Massregel; denn wir sehen Robert ii. seine Wirksamkeit auf Grundlage des früheren Pariser Geschäfts beginnen und in freundschaftlichem und geschäftlichem Verkehr mit seinem Bruder bleiben. Er starb 1571. Seine Witwe heiratete Mamert Patisson, einen tüchtigen Buchdrucker.

Heinrich ii.

Heinrich ii., dessen Ruhm denjenigen der übrigen Mitglieder der Familie noch überragte, war 1528 geboren, in demselben Jahre, in welchem die berühmte lateinische Folio-Bibel seines Vaters erschien. Er wurde von dem Lehrer des Dauphin, Pierre Danis, auf das sorgfältigste im Griechischen unterrichtet; auch schrieb er das Griechische ebenso kalligraphisch schön wie sein Lehrmeister Angelus Vergecius und trieb eifrig Mathematik, selbst Astrologie. Von 1546 ab liess ihn der Vater an den litterarischen Arbeiten teilnehmen, die er mit der Redaktion des Dionysius von Halikarnass begann. Nach dreijährigen Reisen in Italien, wo er die Bibliotheken durchsuchte und Italienisch wie ein Eingeborener sprechen und schreiben lernte, kam er 1549 nach Paris zurück, reiste aber schon 1550 nach England und 1551 nach Flandern, wo er das Spanische studierte. Wahrscheinlich folgte er dem Vater nach Genf, kehrte aber bald nach Paris zurück und ging dann wieder nach Rom.

Seine typographische Laufbahn begann Heinrich erst 1557. Zwar nennt er sich Typographus Parisiensis, welches aber nicht ausdrücken soll, dass seine Offizin in Paris war; die Bezeichnung sollte ihm nur ein grösseres Gewicht in den Augen des Publikums verschaffen. Wahrscheinlich auf Grund seiner Reisen und der Kosten des Etablissements kam Heinrich bald in Verlegenheit, wurde aber durch ein Mitglied der berühmten Familie Fugger, Hulderich, unterstützt und erhielt von ihm eine jährliche Rente. Er nannte sich deshalb auch zehn Jahre lang Fuggerorum Typographus. Dies hörte aber, zugleich mit der Freundschaft, 1568 auf.

Thesaurus linguæ
græcæ.

Mit grosser Energie ging Heinrich an die Fortsetzung der Wirksamkeit des Vaters, in einer Weise, die seine körperlichen Kräfte überstieg. Wenn auch die typographische Ausstattung ein wenig hinter der der Pariser Ausgaben zurückbleibt, so kann ihnen dies doch den inneren Wert nicht rauben. 1572 erschien das Werk, welches seinen Arbeiten die Krone aufsetzte, der Thesaurus linguæ græcæ, aber er hatte damit seine pekuniären Kräfte erschöpft. Den grössten Schaden that ihm Johann Scapula durch einen Auszug. Obwohl Scapula an der Korrektur von Stephanus' Werk und an der Redaktion teilgenommen hatte, entblödete er sich nicht zu erklären, dass er nur zufällig den Thesaurus gesehen habe und dass seine Arbeit ganz dem eigenen Geiste entsprungen sei. Eine editio posterior, die Heinrich einige Jahre nachher veranstaltete, ist nur durch Umdruck einzelner Blätter eine neue Ausgabe.

Von jetzt ab fängt Heinrich ein nomadisierendes Leben an, das erst mit seinem Tode aufhören sollte. Er folgte darin zumteil seinen Neigungen, beabsichtigte aber auch seine grossen Lagervorräte an den Mann zu bringen. Namentlich Deutschland und seine Büchermessen besuchte er regelmässig, kam auch nach Wien und selbst nach Ungarn; war ebenso öfters in Paris, wo er vom König Heinrich iii. gut aufgenommen wurde.

Heinrich ii. stirbt
in Lyon.

1597 wollte Heinrich von Genf aus wieder Frankreich besuchen. Er verblieb eine zeitlang in Montpellier, wo seine Tochter Florence an den gelehrten Isaak Casaubon verheiratet war, dem er seine Mitwirkung bei dessen litterarischen Arbeiten anbot. Diese scheint abgelehnt worden zu sein und Heinrich setzte nun seine Reise weiter fort, kam krank nach Lyon und liess sich in das Spital bringen, wo er in den ersten Tagen des März 1598, gegen 90 Jahre alt, starb. Heinrichs finanzielle Lage war zwar nie glänzend gewesen, doch haben wir nicht nötig anzunehmen, dass ihn die Armut in das Spital führte. Seine Verlegenheiten gingen nicht so weit, dass seine Existenz gefährdet war, und der Verkauf seiner Werke deckte nicht allein seine Schulden, sondern liess auch noch etwas für die Witwe übrig und erhielt die Druckerei seinem Sohne Paul.

Paul.

Paul war zwar ein tüchtig gebildeter Mann, besass jedoch nicht die geschäftliche Energie des Vaters, betrieb das Geschäft in wenig hervorragender Weise und verkaufte dasselbe 1627 an die Gebr. Chouet. Ein Sohn Pauls, Antonius, entwickelte Tüchtigkeit und Thätigkeit in Paris, war jedoch nicht vom Glück begünstigt und starb 1674 schwach und erblindet, 84 Jahr alt, im Hôtel-Dieu.

Franz ii.

Der jüngste Bruder Heinrichs ii., Franz ii., kam schon jung mit seinem Vater nach Genf, wurde dort in der protestantischen Konfession erzogen und wissenschaftlich ausgebildet. Im Jahre 1562 hatte er in Genf eine Druckerei, die bis zum Jahre 1582 fortbetrieben wurde, jedoch keine besondere Thätigkeit entwickelte. Später zog er nach der Normandie.

Das grossartige Wirken der 1713 gegründeten Didot'schen Buchdruckerei gehört der folgenden Periode an.


Die kgl. Buch-
druckerei.

Es ist mehrfach angenommen worden, König Franz i. habe die königl. Buchdruckerei gestiftet; dem ist nicht so, und das Verhältnis der „Königlichen Buchdrucker“ zu ihm ist schon oben klargelegt. Er förderte die Kunst durch Unterstützung einzelner hervorragender Drucker in dieser oder jener Richtung, wo es über die Kräfte des einzelnen gegangen wäre, die notwendigen Opfer zu bringen. Das Verdienst, die königliche Buchdruckerei gegründet zu haben, gehört Ludwig xiii. und dem Kardinal Richelieu[6].

Im Jahre 1631 hatte der zuletzt Genannte den Druck der liturgischen und heiligen Schriften in verschiedenen, auch orientalischen Sprachen, einem Consortium von Pariser Buchdruckern übergeben, unter der Bedingung, dass eine Anzahl von Exemplaren zu Missionszwecken der Regierung gratis zur Disposition gestellt würde. Der Verein veröffentlichte auch mehrere solche Bücher in arabischer Sprache, die Muselmänner wollten sie aber nicht annehmen, und Selim i. erneute das strenge Verbot Bajazet ii. (vgl. S. 76). Der Verein entsprach überhaupt nicht den Absichten des Kardinals und hatte selbstverständlich zunächst seinen eigenen Vorteil vor Augen. Richelieu fasste nun 1640 den Entschluss, eine Staatsanstalt, Die königliche Buchdruckerei, zu errichten.

Die königliche
Buchdruckerei.

Eine Grundlage war schon in den griechischen Schriften Franz i. vorhanden gewesen, welche durch die Erwerbung der orientalischen Schriften Savary de Brèves' bedeutend vermehrt worden war. Der Genannte war 1589 als französischer Gesandter nach Konstantinopel gegangen, lebte dort eine lange Reihe von Jahren und hatte grosses Interesse für orientalische Litteratur gefasst, eine bedeutende Manuskripten-Sammlung angelegt und arabische, persische und syrische Typen schneiden lassen, im ganzen über 1600 Stempel. Von Konstantinopel zurückgekehrt, liess er mit seinen Typen 1613 in Rom, 1615 in Paris drucken, wo mehrere Werke ex typographia Savariana erschienen.

Savary de Brèves starb bereits 1627. Von mehreren Seiten erstrebte man die Erwerbung der Typen, es gelang jedoch 1632 dem Buchdrucker Antonius Vitré, diese und die Manuskripte im geheimen Auftrag des Königs, der früher vergeblich 27000 Livres geboten hatte, für die höchst mässige Summe von 4300 Livres anzukaufen.

Zwischen Vitré einerseits und den Erben de Brèves' und der Regierung andererseits entstanden sehr langdauernde unerquickliche Differenzen; schliesslich kamen die Typen nach dem Tode Vitrés 1691 definitiv in den Besitz der königlichen Druckerei, welche sie den Pariser Buchdruckern zur Disposition stellte. Die Typen waren bereits von Vitré zum Druck der Polyglott-Bibel des Präsidenten le Jay benutzt. Diese Bibel in hebräischer, samaritanischer, chaldäischer, griechischer, syrischer, lateinischer und arabischer Sprache ist eins der merkwürdigsten Druckerzeugnisse des xvii. Jahrhunderts. Jay opferte mehr als 100000 Thaler für dieses Werk und ruinierte sich vollständig. Es lag, wie man berichtet, ganz in seiner Hand, diesen Schlag abzuwenden, wenn er sich dazu verstanden hätte, dem Kardinal Richelieu die alleinige Ehre als Urheber einzuräumen; er wollte jedoch diese sich nicht nehmen lassen.

Die königliche Buchdruckerei ward auf das beste im Louvre eingerichtet und Sebastian Cramoisy zum Direktor ernannt. Richelieu hatte namentlich Missionszwecke vor Augen und man begann daher mit dem Drucke von Andachtsbüchern, die gratis verteilt werden sollten. Die Wirksamkeit nahm aber bald eine typographisch grossartigere Richtung an und man lieferte in dem ersten Jahrzehnt an 100 Werke, die mit dem grössten Luxus und aller Sorgfalt ausgeführt, teilweise mit Stichen und Vignetten der besten Künstler, selbst eines Nic. Poussin, geschmückt waren.

Die königliche
Buchdruckerei.

Im Jahre 1692 bestimmte Ludwig xiv., der sich nicht weniger als sein Vorgänger für die kgl. Druckerei interessierte, dass ein grosses Werk: Description et perfection des arts et des metiers, von welchem der erste Band die Buchdruckerei, die Schriftgiesserei und die Buchbinderkunst umfassen sollte, herauszugeben sei. Dieser Band, der einzige, welcher überhaupt erschien, entsprach jedoch gerechten Erwartungen nicht. Wichtiger war die Bestimmung des Königs, dass eine besondere französische Schrift gezeichnet und geschnitten werden sollte, welche nur in der königl. Druckerei Verwendung finden dürfe. Zwar waren die, s. Z. von Claude Garamond geschnittene, vortrefflich, man fand jedoch den Duktus etwas veraltet. Eine Kommission von Akademikern wurde ernannt, die sich mit dem Schriftschneider Philipp Grandjean in Verbindung setzte, in welcher ihm erst sein Schüler Jean Alexandre 1723, dann dessen Schwiegersohn Louis Luce folgten. Die neue prachtvolle Schriftengarnitur, welche 1745 vollendet wurde, leidet an einer kleinen Geschmacklosigkeit. Die Schrift sollte, wie erwähnt, nur für die kgl. Druckerei sein; man musste deshalb für sie etwas eigentümliches erfinden. Dies bestand in einigen Strichelchen, welche einer Anzahl Buchstaben angehängt wurden. Diese Geschmacklosigkeit hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Die erste Verwendung fand diese Schrift 1702 in einem Prachtwerke Médailles sur les principaux événements du règne de Louis le Grand[7].

Die königliche
Buchdruckerei.

Aus den erwähnten Jahreszahlen ist bereits ersichtlich, dass Ludwig xiv. nicht die Vollendung der von ihm angeregten Verbesserungen erlebte. Für die Anstalt blieb dies ohne weitere Folgen, denn der Regent sowohl als der junge König Ludwig xv. waren der Druckkunst wohlgesinnt. Der letztere hatte sogar in den Tuilerien für seinen persönlichen Gebrauch eine kleine Buchdruckerei, aus der ein Werkchen: Cours des principaux fleuves et rivières de l'Europe composé et imprimé par Louis XV, roy de France et de Navarra. Paris 1718, stammt.

Die griechischen Typen des Néobar und Stephanus wurden restauriert, hebräische geschnitten und die Anfertigung chinesischer Typen unter der Aufsicht des Herrn de Fourmont angeordnet, womit der Anfang schon 1742 gemacht wurde, während die Vollendung des im ganzen missglückten Unternehmens sich jedoch weit über die Grenze unserer Periode hinauszog.

Wie Ludwig xiv. die Vollendung des sorgfältig Angebahnten nicht erlebte, so auch nicht der verdienstvolle Direktor Sebastian Cramoisy. Er starb i. J. 1669; sein Nachfolger und Enkel Marbre-Cramoisy, ein eben so tüchtiger Mann wie der Grossvater, 1687. Diesem folgte der bekannte Lyoner Buchdrucker Jean Anisson, der 1709 sein Amt zugunsten seines Schwagers und Associés, Claude Rigaud, niederlegte; nach ihm traten wieder die Anissons ein.

Die grossartigen Werke alle aufzuzählen, die aus der königlichen Anstalt hervorgegangen sind, ist nicht möglich, erwähnt seien nur die Biblia sacra in 8 Folio-Bänden; die Concilia generalia etc., 37 Bde.; Scriptores historiæ Byzantinæ, 29 Bde.; Gallia christiana, 13 Bde., alle in Folio; Buffon, histoire naturelle, 33 Bände in Quarto.

Als ein Zeichen des Ansehens, worin die Buchdruckerkunst stand, kann es gelten, dass die Sitzungen der von Richelieu gegründeten französischen Akademie bei ihrem Buchdrucker und Buchhändler, Jean Camusat, stattfanden, der öfters als Repräsentant der Akademie verwendet wurde. Bei seinem Tode 1639 veranstaltete dieselbe eine Leichenfeier, ausserdem ehrte man sein Andenken, indem man seiner Witwe die Funktionen als Buchdrucker der Akademie liess, gegen den Willen Richelieus, welcher diesen Posten Cramoisy zugedacht hatte.

Doch, wie erwähnt, das wahre belebende Prinzip, die allgemeine gesunde freiheitliche Bewegung, fehlte und konnte nicht durch persönliche Vorliebe der regierenden Häupter ersetzt werden; der Verfall der Buchdruckerei in Frankreich wurde zwar lange aufgehalten, konnte jedoch nicht abgewendet werden, als die Revolution und dann die Reaktion über Frankreich hereinbrachen.


Lyon.

In Frankreich spielte ausserhalb Paris nur Lyon[8] eine wichtige Rolle in der typographischen Geschichte Frankreichs, namentlich durch die Produktion einer grossen Anzahl illustrierter Werke. Es entstand eine besondere Holzschneiderschule, deren berühmtestes Mitglied Salomon Bernard war. Auch Werke deutscher Künstler erschienen in Lyon, vor allen anderen zu nennen Holbeins „Totentanz“ und dessen Illustrationen zu dem Alten Testament. Von der Bedeutung des dortigen Druckgewerbes kann man sich daraus eine Vorstellung machen, dass bei dem Einzug Heinrichs ii. in Lyon, 1548, nicht weniger als 413 Drucker, prachtvoll kostümiert, ihn im festlichen Aufzug empfingen.

Jean Grandjon.

Ausser durch seine illustrierten Werke zeichnete Lyon sich durch schöne Schriften aus. Jean Grandjon lieferte 1558 eine Cursivschrift, die berühmt geworden ist. Er suchte die Feinheit der Federzüge nachzumachen in ähnlicher Weise wie es in der Theuerdanktype der Fall war. Auch das Binden der Bücher erreichte, namentlich durch das Interesse, welches Joh. Grollier daran nahm, hier eine grosse Vollkommenheit (vergl. S. 215).

Seb. Gryphius.

Zu den bedeutendsten Buchdruckern Lyons zählte Sebastian Gryphius (1528-1566). Er war zu Reutlingen geboren und einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, der eine grosse Anzahl nützlicher Bücher in lateinischer, griechischer und hebräischer, dagegen nur wenige in französischer Sprache herausgegeben hat. Sein Sohn Anton, ebenfalls ein sehr unterrichteter Mann, aber im Geschäft unpraktisch, starb arm.

Jean de Tournes.

Ein Schüler von S. Gryphius war Jean de Tournes (geb. 1504, gest. 1564). Er stattete seine Bücher reichlich mit künstlerischem Schmuck aus. Besonders hervorzuheben sind: Delectus amicorum; Ovid; mehrere Ausgaben der Bibel und des Neuen Testaments. Er starb an der Presse arbeitend. Der Sohn Jean de Tournes war noch gelehrter als der Vater, kam ihm aber als Buchdrucker nicht gleich. Der Reformation ergeben, wurde er eingekerkert, sein Haus geplündert, seine Bücher verbrannt und seine Papiere verwüstet. Zwar kam er mit dem Leben davon, als aber Heinrich iii. Todesstrafe über die Bekenner der neuen Lehre aussprach, zog er nach Genf und gründete dort eine Buchhandlung und Buchdruckerei, die bald in Flor kamen.

Steph. Dolet.

Das Leben des unglücklichen Stephan Dolet[9] (1508/09-1546) gehört mehr der Litteratur-, als der typographischen Geschichte an. Dolet stammte aus einer angesehenen Familie in Orleans, genoss einer ausgezeichneten Erziehung, und zählte unter die gelehrtesten Männer damaliger Zeit. Sein stürmischer Charakter und die Kühnheit seiner religiösen Ansichten stürzten ihn in Ungelegenheiten aller Art. Von Toulouse verbannt, flüchtete er nach Lyon und wurde Korrektor in Gryphius' Offizin, wo er wahrscheinlich die Kunst lernte. Bereits 1536-1538 druckte Gryphius das bedeutendste Werk Dolets: Commentarii linguæ latinæ. Nachdem er in einem Streit den Maler Henri Guillot getötet hatte, war er gezwungen, Lyon zu verlassen, erhielt jedoch durch die Protektion der Königin Margaretha von Valois und vieler mächtigen Freunde die Erlaubnis, nach Lyon zurückzukehren, wo er 1537 eine Druckerei errichtete, aus der viele geschätzte Werke hervorgingen. Seine scharfe Feder schaffte ihm überall Feinde, mit seiner Kollegenschaft überwarf er sich, indem er in Lohnstreitigkeiten sich auf die Seite der Gehülfen stellte. Mehrmals eingekerkert, flüchtig geworden, dann wieder zurückgekommen, wurde er angeklagt, Schriften zugunsten der Reformation gedruckt zu haben, und am 3. Aug. 1546 in Paris lebendig verbrannt.

Verschiedene
Drucker zu Lyon.

Ein ebenso gewandter Buchdrucker als Buchhändler war Guillaume de Roville aus Tours. An Geschmack wetteiferte er mit de Tournes, und seine Druckwerke enthalten viele schöne Illustrationen. Er erwarb sich grosses Ansehen und grosse Reichtümer. Die Gebrüder Jean und François Frellon (1520-1570) sind namentlich als Drucker Holbeinscher Illustrationen bekannt. Ausser den genannten hat Lyon auch im xvii. Jahrh. noch manche tüchtige Buchdrucker aufzuweisen, unter diesen die Mitglieder der Familie Anisson, deren bekanntestes, Jean Anisson, in Verein mit seinem Bruder Jacques druckte, bis er zum Direktor der königlichen Druckerei im Louvre ernannt wurde. Anissons Druckerei war die letzte von künstlerischer Bedeutung in Lyon, sie fabrizierte jedoch später auch nur gewöhnliche Ware.

Rouen.

Von den Provinzstädten ist noch Rouen zu erwähnen, wo namentlich ein grosses Druckgeschäft mit Missalen stattfand, welche nach England ausgeführt wurden, und Sedan, wo eine, noch heute geschätzte, Sammlung von Klassikern mit einer sehr kleinen Schrift, Sedanoise, von Jean Jannon, gedruckt wurde.


Schriftgiesserei.

Aus dem, was oben über die Schriften der kgl. Druckerei, der Stephane und anderer in Paris und Lyon gesagt wurde, geht bereits hervor, dass Frankreich in der STEMPELSCHNEIDEREI und SCHRIFTGIESSEREI den Vorrang behauptete.

Die älteste der Privatschriftgiessereien ist die von Guillaume le Bé. Mit den von ihm selbst geschnittenen Schriften vereinigte er 1561 einen grossen Teil der Stempel des verstorbenen Garamond. Die le Bé folgten sich in vier Generationen. 1730 kam das Geschäft in die Hände von Fournier l'ainé.

Die Anfänge der zweiten Giesserei durch Jacques Sansleque, Schüler des le Bé, reichen bis auf das Jahr 1596. Auch dieses Geschäft erbte durch vier Generationen auf Jacques, Louis und Louis Eustache Sansleque.

Typogr. Punkt.

1736 begann Fournier le jeune, Bruder des Besitzers des le Béschen Geschäfts, eine Schriftgiesserei eigentümlicher Art, indem er selbst alle Schriften derselben zeichnete, schnitt, abschlug und justierte, wozu er etwa 30 Jahre gebrauchte. Er schrieb das bereits erwähnte Manuel typographique (2 Bde. Paris 1764), dessen zweiter Band, fast nur systematische Schriftproben enthaltend, uns ein ziemlich klares Bild von dem damaligen Stande des Typenwesens giebt. In dem ersten Band entwickelt Fournier sein, 1737 aufgestelltes, System des typographischen Punkts, welches, später von Didot fortentwickelt, die Einheit in der französischen Schriftgiesserei zuwege brachte[10]. Zwar bestand ein Reglement v. 28. Febr. 1723 sowohl in Betreff der Schrifthöhe als der Progression der Schriftkegel. Dieses wurde hinsichtlich der Höhe (10½ geom. Linien) nicht beachtet, so dass letztere bis auf 10% differierte, und für die Kegel fehlte eine „Normal-Einheit“, von welcher man auszugehen verpflichtet war, so dass das Reglement gar keinen Nutzen erzielte.

In der STEREOTYPIE hatte der Buchdrucker Valeire bereits zu Anfang des xviii. Jahrh. Versuche gemacht und einen Kalender von Messingplatten gedruckt. Die Typen wurden in Thon eingepresst; da die Tiefe jedoch nicht gleichmässig war, konnten die Platten es auch nicht werden.


Die Buchbinder-
kunst.


Eine hohe Stufe erreichte die Buchbinderkunst. Als Förderer derselben steht obenan der erwähnte Jean Grollier, Vicomte d'Aguisy (1479-1565), Schatzmeister unter mehreren französischen Königen. Er hatte in Italien schöne Einbände lieben gelernt, ahmte sie nach und veredelte sie. Er liess die Bücher in seinem Hause binden und legte selbst Hand mit an. Die Bände Grolliers mit der Devise: J. Grolliero et amicis gelten noch heute als Edelsteine der Buchbinderkunst und werden mit den höchsten Preisen bezahlt. Mit Grollier übernimmt Frankreich die Führung in der Buchbinderei und behauptet sie. Ausgezeichnet in seinen Bänden war der Zeitgenosse Grolliers, Geoffr. Tory. Als würdiger Förderer gegen Ende des xvi. Jahrh. erwies sich Ch. A. de Thou, Direktor der königlichen Sammlungen. Während Grolliers und Torys Bände phantastische arabische Ornamente zeigten, sind die Fonds der meist in Maroquin ausgeführten Bände de Thous hauptsächlich mit an die Natur sich anschliessenden Verzierungen: Lorbeer-, Öl- und Eichenzweige gefüllt, während die Ornamente in die Zwischenräume der Ranken verwiesen sind. Die Bände de Thous sind ausserordentlich gesucht und mit bis zu 15000 Fr. bezahlt. Ebenfalls geschätzt und selten sind die bei weitem einfacheren gleichzeitigen Bände des Königs Franz i. Sie sind meist in schwarzes Leder oder Sammet gebunden, nur mit der königlichen Chiffre und einem Salamander in Gold geschmückt.

Bibliothek der
Diana v. Poitiers.

Prächtig und sehr geschmackvoll sind die Bände des Königs Heinrich ii., namentlich diejenigen, welche er für seine Geliebte, die geistreiche Diana von Poitiers, herstellen liess. Das für sie mit Aufwand aller künstlerischen Ausschmückung eingerichtete Schloss Anet enthielt eine Sammlung von gegen 800 in Ziegen- oder Schafleder gebundenen Bänden. Sie sind reich mit Symbolen der Liebe ornamentiert, z. B. den verschlungenen Anfangsbuchstaben H und D, zu welchem letzteren noch galanterweise das Zeichen der jungfräulichen Göttin Diana, die Mondsichel, gefügt wurde.

le Gascon.

Unter den späteren Meistern ist le Gascon, der Buchbinder der Königin Anna von Österreich, berühmt geworden. Er war durchaus originell, verzichtete auf die Wirkung verschiedener Farben und wendete nur einfache Goldpressung auf dem einfarbigen Untergrund an; die leeren Stellen zwischen den Linien wurden mit Punkten oder kleinen Ornamenten ausgefüllt. Seine Hauptepoche fällt in die Zeit von 1640-1655.

Als Ersatz für die Vielfarbigkeit suchte man dem Leder durch künstliche Texturen und neue Färbungen Abwechselung zu geben; so erhielt der rote Maroquin den Charakter der schuppigen Schlangenhaut, in welcher Weise die Bücher des Ministers Colbert gebunden wurden, man ahmte Marmor, Granit, Stoffe nach, verliess die Pflanzenornamente und die Arabesken, imitierte durch Punkte Spitzenmuster oder überspannte die Decken wie mit goldenen Spinnengeweben.

du Seuil, Pade-
loup, Derome.

Zu Anfang des xvii. Jahrh. wirken du Seuil, Padeloup und Derome. Die Goldpressung wird übermässig angewendet. In der Ornamentierung herrscht Zerfahrenheit. Um 1750 tritt noch eine anmutige Art der Goldpressung auf: Vögel, die sich in Ranken wiegen oder um diese herumflattern. Der Üppigkeit der Zeit gemäss werden die Deckel mit Atlas oder Sammet überzogen und mit Gold-, Silber- und anderen Stickereien geschmückt, sogar die Gobelins werden der Buchbinderei dienstbar. Man verfällt aber nach und nach in Geschmacklosigkeit und geht in dieser so weit, beide Deckelseiten und den Rücken mit einem fortlaufenden Bild zu überziehen. An Stelle des reichen Vorsatzes tritt farbiges marmoriertes, gefedertes oder verschiedene Stoffe nachahmendes Luxuspapier. Schon zu Anfang des xviii. Jahrhunderts macht sich der Papierüberzug als Ersatz für das Leder bemerkbar und die Periode des Halbfranzbandes beginnt.

[1] P. Dupont, Histoire de l'imprimerie. 2 Bde. Paris 1854. — A. Tarbouniech, Les livres d'heures. Paris 1865. — J. Renouvier, Des gravures en bois dans les livres d'A. Vérard. Paris 1859. — J. Renouvier, Simon Vostre. Paris 1862. — G. A. Crapelet, Des progrès de l'impr. en France etc. Paris 1836. — A. Bernard, Ant. Vérard. Paris 1860. — A. Bernard, Ant. Vitré. Paris 1857. — A. Vérard, Renseignements sur le prix des miniatures et des imprimés sur velin au XV siècle. Angoulême 1859.

[2] Auguste Bernard, Geofroy Tory, Peintre, graveur etc. 2. Ed. Paris 1869. Es ist ein Verdienst des deutschen Buchhändlers Edwin Tross, auf die allgemeine Anerkennung der grossen Bedeutung Torys eingewirkt zu haben.

[3] H. Cohen, Les livres à vignettes du XVIII Siècle. Paris 1873.

[4] E. Hoyois, Notice sur Jose Bade. Mons o. J.

[5] F. J. Almeloven, De vitis Stephanorum dissertatio. Amsterdam 1633. — A. A. Renouard, Annales de l'imprimerie des Estienne. Paris 1837. — Aug. Bernard, Les Estienne et les types grecs de François I. Paris 1856.

[6] Aug. Bernard, Histoire de l'imprimerie Royale du Louvre. Paris 1867. — F. A. Duprat, Histoire de l'impr. Royale de France. Paris 1851.

[7] Bei der grossen Bedeutung, welche diese Schrift in der Geschichte der Typographie einnimmt, sei es gestattet noch einige Einzelheiten zu erwähnen. Sie besteht aus 21 Graden mit den dazu gehörenden Cursivschriften und den grossen Initialen (lettres de deux points). Der St. Augustin-(Mittel-)Kegel, mit dem das oben erwähnte Werk Description etc. gesetzt wurde, war der erste Grad, der als Prototyp für alle die anderen Grade diente. Der Punkt der kgl. Druckerei bildet den 6. Teil einer Linie des pied du roi; 2½ Punkte gleichen einem Millimeter. Die besonderen Kennzeichen sind, dass an einigen der gemeinen Buchstaben, namentlich den hinauf- oder heruntersteigenden, oben resp. unten, quer über den Grundstrich durchgehende horizontale Strichelchen statt der damals üblichen einseitigen, etwas schrägen Striche angebracht sind, und dass das l einen kleinen Ansatz an der Mitte der linken Seite des Striches bekam, welcher dem Buchstaben das Aussehen giebt, als hätte die Mater an dieser Stelle einen kleinen Fehler gehabt.

[8] Manuel du bibliophile et de l'archéologue Lyonnais. Paris 1857.

[9] Jos. Boulmier, E. Dolet. Paris 1857.

[10] Fournier stellt als Ausgang für sein System ein Typometer auf von 2 Zoll oder 12 Linien, gleich 12 Cicero. Jede Linie teilt er in 6 typographische Punkte. Die kleinste Schrift ist Parisienne = 5 Punkte, dann steigen Nonpareille, Mignonne, Petit-Text, Gaillarde, Petit-Romain, Philosophie, Cicero je um 1 Punkt; darauf Saint-Augustin, Gros-Texte, Gros-Romain, Petit-Paragon, Gros-Paragon, Palestine je um 2 Punkte, die dann folgenden grösseren Schriften wachsen in stärkeren Steigungs-Verhältnissen.

XI. KAPITEL. [[←]]

DIE NIEDERLANDE.

Die Illustration. Christoph Plantin, seine Nachkommen, das Plantinsche Museum. Die Familie Blaeu. Die Elzeviere: Ludwig i., Matthias und Bonaventura, Isaack, Bonaventura und Abraham i. Johann und Daniel. Ludwig und Daniel, das Ende des Hauses. Die Nachahmer der Elzeviere. Die Familie Enschedé und die Schriftgiesserei.

DAUERTE es auch lange, ehe die Buchdruckerkunst in dem jetzigen Belgien und Holland recht heimisch wurde, so trieb sie, einmal dorthin verpflanzt, um so tiefere Wurzel; die Blütezeit derselben währte viel länger als in Deutschland, der Verfall war dort nie so gross als hier.

Die typographi-
schen Eigentüm-
lichkeiten.

Dieselben Eigenschaften, welche die niederländische Malerkunst auszeichnen, die grosse Sauberkeit der Ausführung und die über alle Einzelheiten sich erstreckende minutiöse Sorgfalt, kennzeichnen auch die dortige Typographie. Gleich den malenden Künstlern des Landes verfolgten die Buchdrucker und Verleger im allgemeinen eine realistische Tendenz. Sie veranstalteten eine Menge für das Leben und die Wissenschaft nützlicher Werke, huldigten jedoch selten der idealen Richtung, welche vorzugsweise in Deutschland, jedoch auch in Frankreich und Italien, durch Zusammenwirken des Griffels der Künstler mit der Feder des Schriftstellers die uns bekannt gewordene Reihe prächtiger Erzeugnisse des Buchgewerbes hervorgebracht hat.

Die Illustration.

Dennoch blieben die Niederländer nicht ohne Verdienste um die vervielfältigenden Künste, doch machen sich diese hauptsächlich in dem Kupferstich und der Radierung, weniger in der mit dem Buchgewerbe enger verbundenen Xylographie, geltend.

Deutschlands Albrecht Dürer stellen sie ihren Lucas van Leyden (Dammetz, geboren 1494, gestorben 1533) entgegen. Er lieferte etwa 200 Stiche; für den Holzschnitt ist seine Thätigkeit eine unbedeutende. Im Clair-obscur-Druck zeichnen sich aus: Hubert Goltz (geb. 1524, gest. 1583), dessen Icones imperatorum Romanorum in Kupferstich mit aufgedruckten Holzschnittplatten ausgeführt sind; Abraham Bloemaert (geb. 1567, gest. 1647); und Heinr. Goltzius. Dieser nähert sich in mancher Hinsicht Luc. van Leyden. Schon 1523 erschien bei Dodo in Amsterdam eine Passion in 62 Blättern von einem ungenannten Künstler (Joh. Walter von Assen?), welcher ein Jahrhundert vor Rembrandt in der bekannten Manier dieses Künstlers zeichnete. Rembrandt selbst (geb. 1606, gest. 1665) hat sich im Holzschnitt versucht und Joh. Livens (geb. 1607, gest. 1663), sowie Dirk van Bray (gest. 1680) ahmten mit Glück seinen Stil im Holzschnitt nach, während Rubens' Zeichnungen einen tüchtigen Dolmetsch in dem Holzschneider und Zeichner Christoph Jegher fanden, einem geborenen Deutschen, der 1620-1660 in Antwerpen wirkte.

Eine Notiz von K. v. Heinecken hat zu vielen Debatten über einen mystischen frühesten Xylographen der Niederlande „Phillery“ Anlass gegeben. Allem Anschein nach schrumpft derselbe zu einem erst in den zwanziger Jahren des xvi. Jahrh. lebenden Holzschneider „Willem“ zusammen und beruht der Name Phillery wohl nur auf undeutlichen Schriftzügen.


Als Träger der Buchdruckerei erblicken wir in den Niederlanden wie in Italien und Frankreich mehrere berühmte Familien, vornehmlich die der Plantin, der Blaeu und der Elzeviere.

Blühende Lage
Antwerpens.

Das blühende und mächtige Brügge hatte auf Grund seiner Haltung gegen den Kaiser Maximilian i. seine Privilegien verloren, die auf ANTWERPEN übertragen wurden. Hierdurch hatte die letztere Stadt seit dem Beginn des xvi. Jahrhunderts einen grossen Aufschwung als Depot zwischen Nord und Süd genommen. Auch die Buchdruckerei behauptete dort eine angesehene Stellung, und es erschienen viele wertvolle und gut ausgestattete Werke. Unter Karl v. erreichte die Stadt ihre höchste Blüte, ward jedoch zugleich ein Angelpunkt für die reformatorische Bewegung in den Niederlanden, welche, nachdem Karl v. am 25. Okt. 1555 die Regierung zugunsten seines Sohnes Philipp ii. niedergelegt hatte, so schwere Zeiten über das Land heraufbeschwören, jedoch auch ihre Freiheit begründen sollte.

Christ. Plantin.

Inmitten der politischen und religiösen Gährung liessen sich, um das Jahr 1550 herum, Plantin und seine Frau Johanne Rivière in Antwerpen nieder. Christoph Plantin[1], in Mont-Louis bei Tours in Frankreich geboren, hatte bei Robert Macé in Caen gelernt und eröffnete nach vielen Reisen einen kleinen Buchladen mit Buchbinderei, während seine Frau mit Leinen-Waren handelte. Der Gerichtsschreiber Graphäus gab Plantin seine Bücher zu binden und machte ihm kleine Vorschüsse. 1550 wurde er als Buchdrucker in die St. Lucas-Gilde aufgenommen, aber erst 1555 hatte er in dem von ihm angekauften Hause auf dem Freitagsmarkt eine vollständig eingerichtete Offizin.

Sorgsamkeit
Plantins.

Eifersüchtig auf den Ruhm derselben, sorgte er für die schönsten Schriften und den besten Druck. Wennauch die Verwendung silberner Typen in das Reich der Fabel gehört, so steht es doch fest, dass er in seiner Giesserei mit dem Guss solcher experimentiert hat. Plantin gehörte auch nicht zu den Druckern, die, nach dem Ausspruch des Erasmus, „lieber 6000 Fehler, wie Ameisen, in ihren Werken herumkribbeln sehen, als einen tüchtigen Korrektor bezahlen“; im Gegenteil, er hatte sich die Worte Heinrich Stephanus', dass „die Korrektur das für die Druckerei ist, was die Seele für den Leib“, zu eigen gemacht. Überhaupt verstand er, wennauch nicht in Besitz tiefer Kenntnisse, als vorzüglicher Praktiker, dabei zäh ausdauernd in der Durchführung seiner Pläne, die Talente Anderer zu benutzen.

Sein Korrektor
Corn. van Kiel.

Der erste seiner Korrektoren war der berühmte Cornelius van Kiel, oder Kilianus (geb. um 1528, gest. 15. April 1607), der während seines fünfzigjährigen Wirkens in dem Plantinschen Hause sehr zu dem Ruhme desselben beitrug. Über alle Beschreibung anspruchslos, dachte van Kiel nie daran, sich selbst geltend zu machen, zufrieden wenn nur das Haus, an das er seine Existenz geknüpft hatte, gedieh.

Th. Pullmann.


Eine zweite Stütze hatte Plantin in dem gelehrten Theodor Pullmann (geb. um 1510), von Profession ein Walkmüller, jedoch von seiner Jugend ab den Wissenschaften mit Leidenschaft ergeben. Leider führte diese ihn in seinem Emendieren der Klassiker zu weit, und oft füllte er die Lacunen in kühnster Weise aus. Auch mit dem berühmten Justus Lipsius stand Plantin in engem geschäftlichen Verkehr.

Franz Raphelin-
gius.

Einen Hauptmitarbeiter im Geschäft fand Plantin in Franz Raphelingius. Derselbe hatte in Paris eifrigst griechisch und lateinisch getrieben und seine Studien in Cambridge vollendet. Plantin nahm ihn nicht allein als Korrektor auf, sondern gab ihm auch seine älteste Tochter Margaretha zur Ehe. Als Plantin, 1582, das belagerte Antwerpen verliess und das Geschäft in Leyden eröffnete, leitete Rapheling die Stammoffizin und trieb zugleich den Buchhandel. Nach der Rückkehr Plantins nach Antwerpen übernahm dagegen Rapheling das Geschäft in Leyden und wurde an dortiger Universität Professor der hebräischen Sprache. Er war ein Mann von bedeutenden Kenntnissen und ein unermüdlicher Mitarbeiter an dem grossen Bibelwerke Plantins.

Eine geschäftlich noch kräftigere Stütze fand Plantin in Johannes Moretus (Jean Moerentorff), geboren in Antwerpen am 22. Mai 1543. Anfänglich Arbeiter bei Plantin, gefiel er, wenn er auch dessen Ideale von einem Buchdrucker nicht vollständig entsprach, doch durch seine praktische Tüchtigkeit diesem noch mehr als der gelehrte Rapheling und er gab ihm seine zweite Tochter Martina zur Frau. Die dritte Tochter ward mit Gilles Beys, ebenfalls einem tüchtigen Buchdrucker, verbunden, welcher der Filiale des Geschäfts in Paris vorstand.

Biblia
polyglotta.

Das Werk, welches den Namen Plantin in der Buchdruckerwelt unsterblich gemacht hat, und in seinem Leben eben so eine Epoche bildet, wie der Thesaurus græcæ linguæ in dem Dasein des Heinr. Stephanus, ist die „Biblia sacra hebraice, chaldaice, græce et latine. Philippi II. reg. cathol. pietate et studio ad sacro sanctæ ecclesiæ usum Christoph Plantinus excud. Antwerpiæ“.

Die erste Idee eines polyglotten Bibelwerkes[2] stammt von Aldus Manutius, wie aus der in der National-Bibliothek zu Paris vorhandenen Probe hervorgeht (S. 179). Diese dreispaltige Seite enthält den hebräischen, griechischen und lateinischen Text und gab wahrscheinlich Veranlassung zu der in den Jahren 1514-1517 in Alcala in Spanien gedruckten Polyglotte des Kardinal Ximenes (S. 189), die bereits eine grosse Seltenheit geworden, sodass öfters der Gedanke entstanden war, eine neue Polyglottbibel zu drucken. Diesen Plan hatte auch der Kurfürst August von Sachsen gefasst, gab ihn aber zugunsten des Plantinschen Vorhabens auf. Auch Philipp ii. beabsichtigte ein ähnliches Werk ausführen zu lassen. Als Plantin ihm die Probebogen seines Unternehmens überreichen liess, ging er bereitwillig auf dessen Idee ein, bewilligte die Zahlung der für Druck und Papier allein auf 24000 Gulden veranschlagten Kosten, gewährte ausserdem einen Vorschuss von 6000 Dukaten und bestellte seinen Kaplan Arias Montanus als Überwacher der litterarischen Herstellung. Letzterer kam am 18. Mai 1568 nach Antwerpen und empfing vom König ausser seinem Gehalt noch einen Zuschuss von 300 Kronen jährlich; für die Textrevision wurde eine Anzahl tüchtiger Gelehrter gewonnen. Den Auftrag zur Anfertigung der Schriften erhielt der berühmte Schriftgiesser Wilhelm le Bé in Paris.

Druck der Poly-
glotte.

Der Druck begann im Jahre 1568 und dauerte bei fortwährender Beschäftigung von 40 Arbeitern bis zum Jahre 1572. Anfänglich war das Werk auf vier Bände berechnet; auf Plantins Vorschlag wurde jedoch noch das Neue Testament in der syrischen Sprache, welches bereits in Wien gedruckt war, mit einverleibt, so dass das Werk mit Inbegriff der drei Bände „Appendix“ aus acht Bänden besteht. Ausser 12 Pergament-Abdrücken wurden 1200 Exemplare gedruckt; 10 auf Imperial-Velin zu 40 Gulden das Ries; 30 Exemplare auf etwas geringeres; 200 auf Royal-Velin aus Lyon und 960 Exemplare auf Royal-Papier aus Troyes. Im Verhältnis zu den Kosten waren die Verkaufspreise mässig gestellt. Der Preis betrug für eins der 200 Exemplare auf Royal-Velin 40 Kronen, für ein gewöhnliches 35 Kronen[3].

Schwierigkeiten.

Ein mühsames Werk war vollbracht; Plantin selbst sagt: „Jetzt, wo die Bibel vollendet ist, stehe ich mit Überraschung und Erstaunen vor der Arbeit, welche ich nicht nochmals machen möchte, selbst wenn man mir 12000 Kronen dazu schenkte, und obwohl sie jetzt, wo die Schriften und die Einrichtung vorhanden sind, vielleicht um 6000 Kronen billiger zu stehen kommen würde“. Nimmt man seine Aussprüche buchstäblich, so war ihm nicht allein kein angemessener Vorteil, sondern sogar ein direkter Nachteil aus der Arbeit erwachsen; jedoch, Plantin war ein schlauer Geschäftsmann, der sich nicht gern tief in die Karten blicken liess.

Ohne Verdriesslichkeiten sollte es nicht abgehen. Der König wünschte die Approbation des Papstes Pius v. Dieser verweigerte sie jedoch entschieden und Plantin erhielt Ordre, vorläufig kein Exemplar auszugeben. Montanus musste im Auftrag des Königs nach Rom gehen, um womöglich die Angelegenheit zu ordnen. Er kam gerade an, als Gregor ix. den Stuhl des verstorbenen Pius v. eingenommen hatte und fand den neuen Papst günstiger für die Sache gestimmt. Die Approbation wurde 1572 erteilt. Hiermit waren jedoch die Anfechtungen nicht vorbei. Einer der erbittertsten Feinde des Unternehmens, der Professor León de Castro in Salamanca, denunzierte Plantin und Montanus der Inquisition. Montanus reichte seine Rechtfertigung ein, erhielt aber erst nach vier Jahren, 1580, insoweit Recht, dass das Buch dem Schicksal entging, auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt zu werden.

Plantin, Proto-
typographus
.

Durch Patent vom 10. Juni 1570 wurde Plantin zum Prototypographus der Niederlande ernannt. Es handelte sich dabei nicht um einen blossen Ehrentitel. Er hatte die Rolle der Meister und Lehrlinge, sowie der autorisierten Korrektoren, Holzschneider und Kupferstecher zu führen, eine Liste über alle Werke, deren erster und letzter Bogen ihm behändigt werden mussten, anzufertigen, und sollte ausserdem die Bücherpreise bestimmen. Alle Änderungen in den Arbeiterverhältnissen waren ihm anzuzeigen. Die Mühen und Verdriesslichkeiten bei diesem Amte waren jedoch so gross, dass Plantin i. J. 1576 seine Entlassung nachsuchte. Einmal war er sehr nahe daran, die Gunst des Königs zu verscherzen, indem auf Veranlassung des Wiedertäufers Niclaes aus Münster, mit dem er in inniger Verbindung stand, mehrere ketzerische Schriften, angeblich freilich ohne Wissen des zufällig abwesenden Besitzers, in seiner Offizin gedruckt wurden. Über seine religiöse Überzeugung herrschte bereits lange einiger Zweifel, er verstand es jedoch so gut, sich wenigstens äusserlich als guter Katholik zu geben, dass er allen drohenden Gefahren entging.

Umfang von
Plantins Thä-
tigkeit.

Plantins Druckerthätigkeit blieb eine sehr grosse. Ruelens und Backers Annalen zählen von ihm 1031 Druckwerke auf, obwohl viele Bibelausgaben und Missalen nicht mit angeführt sind. Mit dem Missale Romanum von 1522 fängt eine Reihe von prachtvollen liturgischen Werken an, durch welche die Plantinsche Druckerei sich langezeit auszeichnete.

Schönheit seiner
Typen.

Die Typen des Plantin halten den Vergleich mit denen seiner Zeitgenossen, Aldus Manutius und Heinr. Stephanus, vollkommen aus. Seine Cursiv ist besonders elegant und nicht so schreibschrift-ähnlich, wie die Aldinische. Die Antiqua ist etwas derb und breit, jedoch für das Auge gefällig, leicht lesbar und den Schriften des Stephanus vollständig ebenbürtig. Die griechischen Schriften sind schöner als die des Aldus. Zu loben ist ferner die Genauigkeit des Gusses, einschliesslich des Durchschusses und der Quadrate. Die ganze Disposition der Titel, der Schriftkolumnen und der Vignetten zeigt Geschmack und Verständnis.

Plantins Druck-
zeichen.

Das erste, 1555 angenommene Druckerzeichen Plantins war ein Baumstamm, um welchen sich ein Weinstock schlingt, mit zwischen den Zweigen herabhängenden Trauben. Ein Weinbauer ist beschäftigt die schlechten Zweige abzuschneiden. Als Umschrift liest man Excerce imperium et ramos compesce fluentes[4]. Als Zeichen bedient er sich von 1558 ab des Zirkels, von einer Hand aus den Wolken geführt, mit der Inschrift: „Labore et constantia“. Zwei allegorische, schildhaltende Figuren versinnlichen des weiteren den Gedanken, worauf der Zirkel schon hinweist: der feste Teil desselben deutet auf die Beständigkeit in dem einmal Vorgenommenen; der bewegliche auf die rastlose Arbeit.

Plantins Tod.

Plantin starb am 1. Juli 1589, 75 Jahre alt. Sein letztes Werk war der i. Band der: Annales ecclestiastici Cæsaris Baroni Sorani.

Die Nachfolger
Plantins.

Nach seinem Tode übernahm Rapheling das Leydener Geschäft. Beys behielt die Pariser Filiale und Moretus die Antwerpener Offizin, deren Leitung er schon seit zwei Jahren besorgt hatte.

Johannes Moretus besass keine tiefergehenden Kenntnisse, verstand es aber die Verbindungen mit den vielen Gelehrten aufrecht zu erhalten. Als im Jahre 1592 die Vulgata in Rom gedruckt wurde, erhielt er durch päpstliches Breve vom 11. März 1597 für zehn Jahre das Alleinrecht, jenseit der Alpen das Werk zu drucken und zu verbreiten, unter der Verpflichtung, die grösste Sorgfalt auf Korrektur und Druck zu verwenden und durchaus keine Änderungen vornehmen zu lassen.

Balthazar Mo-
retus.

Unter der Leitung von dem Sohne des Johannes, dem gelehrten Balthazar Moretus, nahm die Plantinsche Druckerei noch durch lange Zeit eine hochangesehene Stellung ein. Gegen die Mitte des xvii. Jahrhunderts jedoch schwand die Bedeutung mehr und mehr, und mit dem Beginn des xviii. Jahrh. war der geschäftliche Glanz des Hauses erloschen. Äusserlich wurde jedoch alles mit grosser Pietät in dem alten Stand gelassen und das Haus mit allen seinen reichen Sammlungen, welche es, von dem grossen Publikum ungekannt und selbst für Auserwählte nur schwer zugänglich, umfasste, sorgfältig erhalten. Da wurden seitens der Verwaltung der Stadt Antwerpen Verhandlungen über die Erwerbung dieser typographischen Schatzkammer angeknüpft. Nachdem der Graf von Flandern die Initiative ergriffen hatte, zeigte sich die Staatsregierung geneigt, einen wesentlichen Anteil der Kosten auf sich zu nehmen, der aber später sehr zusammenschrumpfte. Schliesslich wurde i. J. 1875 ein Vertrag abgeschlossen, nach welchem das Haus und die Sammlungen für 1200000 Franken, von welchen der Staat die 200000, die Stadt die 1000000, zahlte, in den Besitz der letzteren überging. Hiermit ist ein wahres graphisches Museum für alle Zukunft erhalten, welches mit jedem Jahr, das uns ferner von der früheren Geschäftsweise rückt, an Wert gewinnt. Es ist geboten, demselben in einer Geschichte der Buchdruckerkunst einige Seiten zu widmen.

Das „Hôtel
Plantin“.


Das HÔTEL PLANTIN, auf dem Freitagsmarkt gelegen, nimmt die eine Seite desselben ganz ein. Die Façade wurde durch Joh. Moretus restauriert, das alte Merkzeichen jedoch erhalten. Hat man die Thorschwelle überschritten, befindet man sich in einem Vestibule mit vier Eingangsthüren, zwei rechts, zwei links, während eine gut erhaltene Glasthüre das Vestibule von dem Hofe abschliesst. Eine besondere Zierde des ersteren ist das Medaillonporträt des Balthazar Moretus, darüber ein Adler, in der linken Klaue einen, zu dem Wappen der Moretus gehörenden, Stern haltend.

Der Hof.

Der Hof bildet ein grosses Viereck, von dessen vier Seiten drei ihr ursprüngliches Aussehen ganz behielten. Das Hauptgebäude besteht aus einem Erdgeschoss und zwei Etagen; der rechte Flügel aus zwei Etagen und einem Bogengang, der sich auch unter die Hälfte des Hintergebäudes erstreckt, das ganz von den Zweigen und Blättern eines dreihundertjährigen Weinstocks, zwischen welchen die mit Blei eingefassten Fensterscheiben sichtbar werden, überdeckt ist. Der linke Flügel, aus neuerer Zeit stammend, besteht aus Einer Etage. Büsten von Plantin, Johannes, Balthazar und Joh. Jak. Moretus, Just. Lipsius u. a. zieren die Façaden. Der ganze Hof übt in seiner Abgeschlossenheit einen besonderen Reiz aus, es ist, als könne von aussen keine Störung hier hineindringen. Nichts Verunstaltendes, nichts Zerfallenes, wennauch die Zeit dem Gemäuer ihr Gepräge aufgedrückt hat; man fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt.

Der Setzersaal.

In der Werkstätte findet sich der Apparat für 20-25 Setzer vor. Die Setzkästen sind noch gefüllt, die Tenakel stehen noch darauf befestigt. Die Kästen sind nicht so hoch angebracht, wie bei uns, man arbeitete sitzend, und die Sessel stehen noch in den Gassen; an den Wänden hängen die Kolumnenschnuren. Es ist, als wäre die Arbeit nur von der üblichen Mittagspause unterbrochen und als müsste sie baldigst wieder begonnen werden.

Im Hintergrunde des Zimmers liegen auf verschiedenen Tischen: Linien in allen Grössen, Schiffe mit noch nicht umbrochenem Satz, Durchschuss u. dgl. Die hintere Wand ist von Aufsätzen mit Regletten und Keilen eingenommen. Zwei zum Druck fertige Formen lehnen an der Wand. Auch ein Stoss Papier steht noch da. An der linken Langseite sind sieben hölzerne Pressen aufgestellt.

Das Zimmer der
Korrektoren.

Durch zwei kleine Räume, von denen der eine das Arbeitszimmer des Just. Lipsius war, der andere die Revisionsbogen von verschiedenen Werken in bester Ordnung enthält, kommt man in das Zimmer der Korrektoren, ein längliches Viereck und einer der grössten Räume des Hauses. Alles steht noch auf seinem alten Platze, alles spricht von den grossen Arbeitern, deren Namen mit dem Ruhme des Hauses Plantin verbunden sind, und die hier viele Jahre in rastloser Wirksamkeit zugebracht haben. Zur Rechten steht eine enorme Truhe, gefüllt mit Briefen, Korrekturbogen, Manuskripten, weiter das Pult der Korrektoren, ein Meisterstück der Holzschnitzerei. Eine Seite desselben lehnt an der Mauer. An zwei Seiten sind Sitze mit hohen Rücklehnen und reichen Bildschnitzereien auf einem Podium angebracht, so dass man eine Stufe hinaufsteigen muss. Unter dem Pult befinden sich viele Fächer. Zwei mächtige Repositorien enthalten eine grosse Anzahl von Kästen, jeder derselben trägt den Namen einer der Städte, mit welchen Plantin Verbindungen unterhielt, und umschliesst die Aushängebogen der in Arbeit befindlichen Werke aus dieser Stadt und die darauf bezügliche Korrespondenz. Der übrige Wandraum ist mit Wandschränken und Regalen ausgefüllt, welche Pakete mit Vorratsschriften und Defekten zu den in Gebrauch befindlichen Schriftsorten enthalten; durch alles geht der Geist der genauesten Ordnung.

Bücherstube.


In dem obern Stock ist die Bücherstube für das Trocknen, das Abpressen und Komplettieren der Bücher. Hier steht auch ein Schatz von hohem Wert, ein Schrank, dessen Kästen eine bedeutende Anzahl, mit grösster Akkuratesse geordneter Geschäfts- und Familienbriefe bergen. Die Schriftgiesserei nimmt zwei Räume ein; der eine für das eigentliche Giessen bestimmt, der andere für das Schleifen, Fertigmachen und Verpacken. Auch das Firniskochen wurde hier besorgt. Ferner zeigt man eine Bronziermaschine. In diesen Räumen steht ebenfalls alles da, als ob die Arbeit eben aufgehört hätte. Das Handwerkszeug hängt an den Wänden, die Giessöfen enthalten Reste von flüssig gewesenem Metall. Probepakete, Stempel, Instrumente liegen umher. Auch einige silberne Buchstaben finden sich vor, jedenfalls Resultate von unpraktisch befundenen Versuchen, Typen aus diesem Metall zu formen.

Die Bibliothek.

Die grosse Bibliothek (es giebt auch eine kleine) ist ein längliches Viereck, dessen Wände, soweit sie nicht durch die Fenster unterbrochen werden, mit Regalen bedeckt sind. Durch die ganze Länge des Zimmers zieht sich ein Doppelpult, unten mit Fächern versehen. Hier lagern Bücher, Zeichnungen, Stiche nach Rubens, Teniers, van Dyck, Jordaens u. a., fast alle in den ersten Abdrücken vor der Schrift. Ein Album umfasst mehr als vierhundert Handzeichnungen der grossen Meister, darunter elf Rubens. Dreiunddreissig Familienporträts vollenden den Schmuck des Raumes.

Selbstverständlich bilden die Plantinschen Drucke einen wichtigen Bestandteil der Bibliothek, sie sind jedoch nicht ganz vollzählig. Die Zahl der Manuskripte kann man auf 200 anschlagen. Von Inkunabeln sind gegen 60 vorhanden. Die Zahl der sonstigen Bücher wird auf 9000 geschätzt, darunter eine auserlesene Sammlung von Missalen, Breviarien u. dgl.

Eine typographische Kuriosität ist ein Band, welchen Johann Moretus 1576 Plantin gewidmet hat, der eine Sammlung der Titel von allen bei Plantin bis zum Jahre 1576 gedruckten Büchern enthält, gewiss ein interessantes Musterbuch für Typographen. Von noch grösserem Interesse dürfte das Studium des Journals des Hauses und der Hauptbücher aus drei Jahrhunderten, 1566 bis 1865, sein. Mit letzterem Jahre hörte die Thätigkeit des Hauses auf, die bereits früher auf ein Minimum reduziert war.

Die Schriftstücke
und andere Sel-
tenheiten.

Ferner sind noch aufbewahrt: die Messabsatz-, die Arbeits- und die Buchbinderbücher, Kataloge der verschiedensten Art, sowie die Korrespondenz-Brouillons, geeignet Licht über manches zu werfen, was jetzt dunkel ist. Die Zahl der Holzstöcke beträgt mindestens 15000; die der Kupferstiche 7 bis 8000. Von den kostbaren Porträts aus den Meisterhänden Rubens', van Dycks und anderer, den prachtvollen Meubeln, den seltenen Porzellanstücken und von vielen anderen Kostbarkeiten wollen wir hier nicht reden. Abgesehen von diesen, bietet das Plantinsche Museum in typographischer Hinsicht ein so ungemeines Interesse, dass die typographische Welt sich zu der Opferwilligkeit der Bürgerschaft der Stadt Antwerpen Glück zu wünschen hat, welche diese Schätze der Zukunft erhielt.

Die Familie
Blaeu.

Eine zweite bedeutende Druckerfamilie war die der Blaeu in Amsterdam. Wilhelm Blaeu[5], geboren zu Alkmar im Jahre 1571, legte sich auf Astronomie und war ein Schüler und Freund des berühmten dänischen Astronomen Tycho de Brahe (S. 155). Blaeus Hauptthätigkeit war der Herausgabe astronomischer und Karten-Werke gewidmet. Selbst ein tüchtiger Mechaniker, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Vervollkommnung der Druckpressen, deren neun, von verbesserter Konstruktion und nach den neun Musen benannt, in seiner Offizin aufgestellt waren. Die Verbesserungen bezogen sich namentlich auf den elastischen Zug. Blaeu starb am 21. Okt. 1638 und sein Sohn Johann (geb. 1596) setzte die Druckerei fort, zuerst in Verbindung mit seinem Bruder Cornelius, von 1641 ab allein. Im Jahre 1663 lieferte er einen prachtvoll ausgeführten Atlas in zwölf Grossfoliobänden, dem mehrere ebenso grossartige Werke folgten. Seine Offizin galt für die bedeutendste und schönste Europas, sie beschäftigte regelmässig über 40 Arbeiter namentlich mit dem Druck grosser Werke, mit Karten und Illustrationen, für deren Herstellung er einen besonderen Ruf hatte. Am 22. Febr. 1672 brannte die Offizin gänzlich ab. Die strenggläubigen Protestanten erklärten dies für ein Strafgericht des Himmels, weil Blaeu viele Breviarien und Missalen für die Papisten druckte. Er starb am 28. Dezember 1673 und wurde von seinen Söhnen Peter und Johann gefolgt.


Der Stammvater
der Elzeviere.

Es bleibt noch die berühmteste der holländischen Buchdruckerfamilien, die, wenn von den Leitsternen der Typographie die Rede ist, gewöhnlich mit den Geschlechtern des Aldus und des Stephanus zusammen genannt wird.

Ludwig Elzevier, der Stammvater des berühmten Geschlechts, ist zu Löwen in Brabant um das Jahr 1540 geboren. Aus den Arbeitsbüchern des Plantin geht hervor, dass ein Buchdrucker Johann aus Löwen mit dem Beinamen Helsevier bei ihm von 1565-1588 arbeitete. Ob dies Ludwigs Vater war, ist nicht ermittelt, doch ist es nicht unwahrscheinlich, da Ludwig sich schon in jüngern Jahren in Antwerpen aufhielt und ihm dort zwei Kinder Matthias (1564) und Ludwig (1566) geboren wurden. Die Mutter derselben hiess Mayke (Marie) Duverdyn. Die Hypothese in Bezug auf Ludwig Elzeviers Vater gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, dass Ludwig, der die Buchbinderei übte, von Plantin beschäftigt wurde, der, selbst früher Buchbinder, sich der Buchdruckerei und dem Verlagshandel mit so grossem Erfolge gewidmet hatte[6].

Lage der Prote-
stanten.

Antwerpen war, wie schon erwähnt wurde, der Herd der reformatorischen Bewegung in den Niederlanden geworden, von welcher auch Elzevier ergriffen wurde. Die scharfen Edikte des Kaisers Karl v., welche Todesstrafe für den Anschluss an eine sektiererische Verbindung feststellten, waren noch in Kraft, wenn sie auch unter der milden Regierung der Statthalterin Margaretha von Parma nicht so gefährlich waren. Die Lage änderte sich jedoch, als König Philipp ii. den Herzog von Alba (1567) mit dem Auftrag sandte, durch Feuer und Schwert jede Spur der Ketzerei zu vertilgen. Tausende von Familien verliessen den heimatlichen Herd; auch die Ludwig Elzeviers gehörte zu diesen und zog nach Wesel, wo zahlreiche Emigranten sich zusammengefunden hatten und von wo eine thätige Propaganda ausging. Viele Bücher und kleinere Schriften reformatorisch-agitatorischen Inhalts in vlämischer Sprache wurden dort gedruckt und von dort aus verbreitet, so dass Elzevier als Buchbinder auf Beschäftigung rechnen konnte.

Wie man über seinen Aufenthalt in Antwerpen hauptsächlich aus den Geburtsscheinen seiner Kinder Positives weiss, so auch über seine Existenz in Wesel und später in Douai. In Wesel wurde sein dritter Sohn, Aegidius; in Douai Justus und Arnold geboren. Nach seinem Vaterland ist er jedenfalls erst nach der Übernahme der Regentschaft durch Louis de Requesens i. J. 1574 zurückgekehrt, und mag wohl nur, weil in Antwerpen schon verdächtig, Douai vorgezogen haben, das seit 1462 eine wallonische Universität besass, die Philipp ii. als Gegengewicht zu den Universitäten in Genf und Paris mit ihrer freieren religiösen Bewegung errichtet hatte, so dass ein Buchbinder auch hier auf Erwerb rechnen durfte. Der Friede zu Gent, 1576, schien den religiösen Wirren ein Ende machen zu wollen; als sich jedoch die wallonischen Provinzen 1579 wieder unter das Joch Spaniens begaben, zogen die Protestanten, unter diesen Elzevier, wieder aus, letzterer nach Leyden, damals, nächst Amsterdam, die volkreichste Stadt Hollands, wo der Handel blühte und die von Wilhelm von Oranien begründete Universität einen raschen Aufschwung nahm.

Ludwig Elzevier
in Leyden.

Elzevier fand, als er 1580 mit seinen fünf Söhnen und einer Tochter Marie nach Leyden kam, eine Stütze bei den vielen emigrierten Landsleuten. Im übrigen kann er nicht ganz ohne Mittel gewesen sein, denn er erwarb bald zwei Häuser, von denen das eine auf der „Rapenburg“, in der Nähe der Universität gelegen war. Dass er für letztere beschäftigt war, beweisen viele Rechnungen. Die günstige Lage im Zentrum der Gelehrsamkeit veranlasste ihn den Buchhandel anzufangen, der bald einen ziemlichen Umfang genommen haben muss, wie man aus einem unerfreulichen Zusammenstoss mit Plantin erfährt. Elzevier war diesem für gelieferte Bücher 1270 Gulden schuldig und musste 1583 vor Gericht erklären, dass Plantin berechtigt sei, sich an seine beiden Häuser zu halten, wenn Zahlung in den übereingekommenen Terminen nicht erfolgen würde.

Elzevier wird
Pedell.

Elzevier hatte Gelegenheit gehabt, verschiedene bibliopolische Erwerbungen für die Universität in einer für diese vorteilhaften Weise zu machen, was auch Anerkennung fand, so dass er am 30. September 1586 zum Pedell mit 72 Gulden Gehalt ernannt wurde. Noch mehr sollte ihm aber die Gunst der Universität in indirekter Weise zustatten kommen. Elzevier konnte die oben erwähnten Verbindlichkeiten gegen Plantin nicht erfüllen und er musste seine Häuser diesem überweisen. In dieser Not richtete er das Gesuch an den akademischen Senat, auf dem Grund und Boden der Universität einen Laden errichten zu dürfen, weil es sehr zum Nachteil der Professoren und Studierenden gereichen würde, wenn er seinen Laden weit weg von der Universität verlegen müsste. Das Gesuch Elzeviers wurde zugestanden; bis 1595 besass er den Laden ganz umsonst, von da ab musste er 75 fl. Miete bezahlen. Dieser Laden war die Wiege des Glanzes der Elzeviere, jedoch hatte Ludwig noch lange mit Sorgen zu kämpfen. Erst das Jahr 1594, in welchem er Bürger von Leyden wurde, scheint den Wendepunkt zum Günstigen gebildet zu haben.

Ludwigs Kinder.

Seinen ältesten Sohn Matthias nahm er um 1590 als Teilnehmer auf, später den zweitjüngsten Bonaventura; der zweite Ludwig ging als Buchhändler nach dem Haag, der vierte Justus nach Utrecht. Der dritte Aegidius erscheint nur vorübergehend in dem Haager Geschäft, seine übrigen zwei Söhne, Arnold und Adrian, gehören so wenig wie seine zwei Töchter der Geschichte der Buchdruckerkunst an.

Sein Verlag und
seine Reisen.

Von seinen Verlagswerken erschien das erste 1592; nach 1594 folgten sie in ununterbrochener Reihe. 1595 wendete er zum ersten male das Insigne an: den Adler auf einer Säule, in den Klauen das Bündel mit sieben Pfeilen haltend und mit der Umschrift: Concordia res parvæ crescunt, wie bekannt die Devise der holländischen Republik. Um diese Zeit fängt auch sein regelmässiger Besuch der Frankfurter Messen an. Ludwig begriff sehr wohl, dass die Erzeugnisse des Geistes nicht auf den heimischen Markt sich beschränken konnten und suchte den ausländischen Markt auf. Er selbst war viel gereist und liess auch seinen Sohn Bonaventura noch jung auf Reisen gehen. Seit 1601 besuchte er regelmässig zweimal jährlich die Frankfurter Messe, wo er ein besonderes Depot hatte, ohne sich durch die damals mit solchen Reisen verbundenen vielen Mühseligkeiten und Gefahren abhalten zu lassen. Als die Buchmesse sich mehr und mehr nach Leipzig zog, folgte Elzevier dem Strom doch nicht, sondern fuhr fort, Frankfurt zu besuchen, wo er fast das Monopol für Versorgung Deutschlands mit ausländischer Litteratur hatte. Mit Paris unterhielt er ebenfalls regelmässige Verbindungen, obwohl der Verkehr dort mancherlei Beschränkungen unterworfen war.

Der Umfang seiner Geschäfte und das Zutrauen der Autoren zu ihm stiegen fortwährend. Nicht wenige der letzteren übergaben ihm ihre Werke in vielen Exemplaren zum Debit. Wenn deshalb sein Name öfters in Verbindung mit dem eines anderen Verlegers auf einem Titel vorkommt, so ist daraus nicht zu schliessen, dass es sich um eine Association handelte, sondern, dass ein Verleger ihm den Debit eines Werkes für das Ausland übertragen hatte.

Geschäftliche
Manipulation.

Bei seiner grossen Thätigkeit im Vertrieb war er nicht immer gar zu wählerisch in den Mitteln. Er kaufte öfters liegengebliebene Auflagen und versah sie, unter Benutzung seiner Firma, mit neuen Titeln; manchmal wurden einige Seiten neu angedruckt oder zwei Bände in einen verbunden, und dann solche als neue Ausgaben versandt. Kurz, es wurden verschiedene, auch noch heute im Buchhandel übliche Mittel angewendet, die man nicht gerade als Unrecht bezeichnet, die aber doch auch nicht zu den ganz soliden zählen. Dass sein persönlicher Charakter ein ehrenwerter war, dafür sprechen das grosse Zutrauen und die Auszeichnung, welche ihm von den Gelehrten, seinen Geschäftsfreunden und seinen Mitbürgern entgegengetragen wurden.

So war der Name Elzevier, noch ohne Hinzutreten des Elements, welches seinen eigentümlichen Ruhm begründen sollte, der Typographie, ein sehr gut renommierter geworden. Ludwig selbst sollte eine Buchdruckerei nicht besitzen, wohl aber erleben, dass sein Enkel Isaack, zweiter Sohn des Matthias, eine solche (1616) erwarb. Noch konnte man nicht auf den künftigen typographischen Ruhm schliessen, und die Werke, die Ludwig in den verschiedenen Offizinen ausführen liess, zeichneten sich in Nichts vor hundert anderen aus, wenn man auch später, als der Nimbus das Haus umgab, oft versucht hat, einen besonderen Wert herauszufinden, wo keiner vorhanden war.

Ende Ludwigs.

Ludwig näherte sich dem Ende seiner Laufbahn, auf die er mit Befriedigung zurückschauen konnte. Der unbekannte Handwerker war ein durch Europa angesehener Mann geworden. Vier Söhne hatten den Beruf des Vaters ergriffen; ein Enkel übte die Buchdruckerei; sie konnten sich in ihrer Wirksamkeit gegenseitig stützen und ergänzen. Sein neues Vaterland war in seiner Freiheit anerkannt, es war ihm beschieden, auch seinen religiösen Überzeugungen sich ruhig hingeben zu können.

Doch sollten seine letzten Tage noch in peinlicher Weise eine Störung erleiden. Ludwig hatte erlangt, dass sein Sohn Matthias 1607 ihm als Vicepedell adjungiert wurde. Am 11. Nov. 1616 wurde ein Teil der Universitätsgebäude vom Feuer zerstört und die Untersuchungsrichter gaben der Nachlässigkeit der Pedelle allein die Schuld. Matthias wurde seines Amtes enthoben; über Ludwig wurde der Beschluss noch nicht gefasst. Die Möglichkeit ist wohl nicht ausgeschlossen, dass dies Ereignis heftig auf ihn eingewirkt hat; Thatsache ist es, dass er gleich zu Anfang des Februar 1617 starb und am 4. Febr. neben seiner Frau, die ihm schon vor drei Jahren im Tode vorangegangen war, begraben wurde. Übrigens wurde Matthias in demselben Jahre wieder in sein Amt eingesetzt, das er bis zu seinem Tode behielt. 1636 war ihm das Recht zugestanden, sich durch seinen Schwiegersohn, Peter Caron, vertreten zu lassen.


Ludwigs Söhne.

Nach dem Tode des Vaters übernahmen der älteste Sohn Matthias und der vorletzte Bonaventura das Leydener Geschäft, jedoch bereits am 3. Septbr. 1622 übertrug der erstere seinen Anteil auf seinen ältesten Sohn Abraham.

Der zweite Sohn Ludwigs, Ludwig ii., wahrscheinlich 1566 geboren, ging 1590 als Buchhändler nach dem Haag. Seinen Laden hatte er in einem grossen Saal des Palais der Generalstaaten, vorzugsweise de Zaal genannt, an dessen Wänden Buchhändlerstände ringsum eingerichtet waren. Mit einer kurzen Unterbrechung in den Jahren 1598-99 stand er an der Spitze des Haager Etablissements, welches keine grosse Bedeutung hatte, und nur eine ganz geringe Verlagsthätigkeit entwickelte. Ludwig ii. starb wahrscheinlich 1621. Das Geschäft erwarb Bonaventura und übergab es wieder in demselben Jahre an Jacob Elzevier, den dritten Sohn des Matthias. Jacob zog sich 1636 zurück, ging in Staatsdienst über und siedelte sich schliesslich in Gensingen im Kurpfälzischen an. Das Haager Geschäft blieb als Filiale bei dem Leydener. Von dem dritten Bruder Aegidius weiss man nur, dass er in der Abwesenheit Ludwigs eine kurze Zeit das Haager Geschäft besorgte. Er starb als Kaufmann in Leyden 1651.

Der vierte Bruder Justus (geb. 1575) erhielt in Utrecht das Bürgerrecht als Buchhändler. Von seinen vier Kindern war das älteste, Ludwig iii., der später so berühmte Gründer des Amsterdamer Hauses. Sein Todesjahr ist nicht bekannt. Ein Enkel von ihm, Peter, trieb kurze Zeit den Buchhandel in Utrecht und verschwand 1675 von der geschäftlichen Bühne. Der fünfte Sohn wurde Landschaftsmaler, der siebente, Adrian, trat in die Dienste der Ostindischen Compagnie und wurde 1609 von den Wilden auf den Bandainseln ermordet.

Bevor wir an die weitere Geschichte des Stammhauses in Leyden unter Bonaventuras und Abrahams Leitung gehen, müssen wir der Thätigkeit des zweiten Sohnes des Matthias, des Buchdruckers Isaack, gedenken, die fast ihr Ende erreicht hatte, als die zuerstgenannten die ihre begannen.

Isaack, Ludwigs
Enkel.

Isaack war am 11. Mai 1596 in Leyden geboren. Am 14. Febr. 1616 verheiratete er sich mit Jaquemine Symons van Swieten, einer Waise, und wurde wahrscheinlich durch ihr Vermögen in die Lage versetzt, eine Druckerei erwerben zu können, denn seine grossen für den Grossvater ausgeführten Druckwerke datieren aus dem Jahre 1617. Isaack fuhr fort vorzugsweise für Matthias und Bonaventura, später für Bonaventura und Abraham zu drucken. Es finden sich auch Druckwerke vor, die keine andere Firma als die Isaacks tragen, doch lässt sich daraus nicht schliessen, dass er als Verleger und Konkurrent seiner Verwandten aufgetreten wäre, sondern nur, dass solche Werke im Selbstverlage der Autoren erschienen sind.

Isaack,
Universitäts-
Buchdrucker.

Am 9. Febr. 1620 erhielt Isaack die Stellung als akademischer Buchdrucker, in der die Familie bis zu ihrem Ende 1712 blieb. Gleich bei der Begründung der Universität Leyden war der Beschluss gefasst, einen gelehrten, namhaften und erfahrenen Mann zum akademischen Buchhändler und Buchdrucker zu ernennen. Die Wahl fiel auf Wilhelm Sylvius, der in Antwerpen mit dem Titel königl. Buchdrucker etabliert war (1579), Sylvius starb bereits 1580. Sein Nachfolger war der berühmte Christoph Plantin (1584), der Antwerpen verlassen hatte, jedoch bald wieder nach dort zurückkehrte. Seine Offizin und sein Amt gingen auf seinen gelehrten Schwiegersohn, Franz von Rapheling, über; das Amt erbte nach dessen Tode (20. Juli 1597) der Sohn Christoph, der ihn jedoch nicht vier Jahre überlebte. Der Senat erwählte nun (1602) Johann Paedts (Patius) zu seinem Nachfolger. Er starb 1620 und das Amt wurde auf Isaack Elzevier übertragen. Als Universitätsbuchdrucker war er verpflichtet, eine und eine halbe Presse für den Druck der kleinen Universitäts-Schriften zur Disposition zu halten. Er hatte für gute Korrektur und dafür zu haften, dass keine willkürlichen Änderungen gemacht wurden; die Besorgung der Bücher zur Frankfurter Messe übernahm er zu festgesetzten Bedingungen. Jährlich erhielt er eine Entschädigung von 50 Gulden.

Die Druckerei.

Das Universitätsgebäude lag, und liegt noch, in einer breiten, von einem Kanal, dessen Ufer mit grossen Bäumen bepflanzt waren, durchzogenen Strasse, der „Rapenburg“. Das Gebäude war früher ein Nonnenkloster gewesen, die Seitenfront kehrte es nach der Strasse, daneben lief eine Mauer, in welcher sich der Eingang zu dem Universitätshof und dem botanischen Garten befand. Das angrenzende Haus hatte Matthias, Isaacks Vater, am 26. Aug. 1608 gekauft. Als Isaack nun Universitätsbuchdrucker geworden war, teilte er dem Senat mit, dass er bereit sei, das Haus seines Vaters zu beziehen, wenn man ihm gestatten wollte, längs seinem Hause in dem unbenutzten Winkel des Universitätshofes, der dem Ganzen keineswegs zur Zierde gereichte, ein Atelier anzubauen. Es würde dies eine sehr grosse Annehmlichkeit für die Professoren und die Studierenden sein. Man fand den Vorschlag annehmbar und gestattete Isaack ein Gebäude von 14 Fuss Tiefe, bestehend in einem Parterre mit einem hohen Dach, zu errichten. Der Eingang für seine Arbeiter sollte jedoch durch sein Haus sein, und das Hofthor nur für die Besucher der Universität dienen. Auch hinsichtlich der Anbringung der Fenster wurden ihm verschiedene Beschränkungen auferlegt. In diesem bescheidenen Lokal, das jetzt verschwunden ist, blieb die Druckerei bis zu ihrem Aufhören.

Isaack erwirbt die
Offizin Erpenius.

Die Massregel der Universität, Isaack zu ihrem Buchdrucker zu ernennen, war gewiss eine glückliche, denn durch die Ausführung schwieriger Arbeiten, unter welchen namentlich das Theatrum geographiæ veteris in Folio, für Rechnung des Buchhändlers J. Hondius, besondere Erwähnung verdient, hatte er sich bereits einen guten Namen erworben, und sich auch in anderer Weise, durch den Ankauf der Buchdruckerei des berühmten Orientalisten Erpenius (Th. van Erpe), klüglich vorbereitet. Nicht damit zufrieden, die orientalischen Sprachen zu lehren und Werke herauszugeben, hatte Erpenius eine Druckerei in seinem Hause eingerichtet, die er selbst überwachte. Nach seinem plötzlichen Tod an der Pest am 13. Nov. 1624 legte die Universität grosses Gewicht darauf, seine Druckerei für Leyden zu erhalten. Mit dem seinem Geschlechte eigenen Geschäfts-Instinkt war Isaack den Wünschen der Universität bereits zuvorgekommen, und hatte alle Stempel, Matrizen und Schriften des Erpenius erworben.

Druckerzeichen.

Als Druckerzeichen nahm Isaack eine Ulme an, die von einem Rebstock voll Trauben umschlungen wird, daneben steht ein Einsiedler; die Devise lautet: non solus. Der Baum mit dem Rebstock deutet dasselbe an, was das Bund mit den Pfeilen ausdrücken will. Dies Druckerzeichen wurde bis 1712 benutzt. Ein anderes, von Isaack verwendetes: ein Palmbaum mit der Umschrift Assurgo pressa, war ursprünglich das Insigne des Erpenius. Im übrigen bedienten sich Isaack sowohl als auch Bonaventura und Abraham mitunter der Marke des Vaters.

Isaack giebt das
Geschäft auf.

Trotz des günstigen Fortgangs des Geschäfts fasste jedoch Isaack den Entschluss, dasselbe aufzugeben, angeblich aus Besorgnis um die Folgen des langwierigen Krieges in Deutschland. Durch Vertrag vom 24. Dez. 1625 übergab er die Offizin mit 5 Pressen und 1 Kupferdruckpresse, 10 000 Kilo Schriften, Stempeln, Matern etc. seinem Bruder Bonaventura und seinem Neffen Abraham für die Summe von 9000 Gulden, und 2000 Gulden für das Lokal. Im Februar 1626 legte er auch sein Amt nieder und verliess in den letzten Tagen des Jahres Leyden, trat in den Marinedienst und hatte 1632 Kapitänsrang. 1648 finden wir ihn in Delft in Association mit seinen zwei jüngsten Söhnen, um eine Brauerei zu betreiben. Er starb in Köln am 8. Okt. 1651.


Bonaventura und
Abraham.

Wir kehren nun zu dem Stammgeschäft zurück. Bonaventura, wahrscheinlich so nach dem berühmten Gelehrten Bonaventura Vulcanus (de Smidt) aus Brügge genannt, war 1583 in Leyden geboren. Sein Vater liess ihn zeitig Geschäftsreisen machen. Abraham, in Leyden am 14. April 1592 geboren, war an Stelle seines Vaters eingetreten. Er hatte in Leyden studiert und sich bei seinem Bruder Isaack mit der Typographie vertraut gemacht. Am 21. Mai 1621 heiratete er Katharina van Waesberghe, Tochter des Admiralitätsbuchdruckers in Rotterdam, und kam dadurch in eine unabhängige Stellung, sodass er sich als Buchhändler etablieren konnte. Ein Glück für Bonaventura war es, nachdem 1625 die Druckerei Isaacks ihm noch zugefallen war, einen Mitarbeiter gefunden zu haben, der sich namentlich der Buchdruckerei widmete.

In demselben Jahre heiratete Bonaventura Sahra van Keulen, Tochter des berühmten Gelehrten Daniel Colonius, für ihn ein doppelter Vorteil, indem er nicht nur in eine sehr angesehene Familie eintrat, sondern auch in nähere Verbindung mit einer grossen Anzahl der bedeutendsten Gelehrten trat, die sich nun vorzugsweise der Pressen der Elzeviere bedienten.

Dass unter den obwaltenden Verhältnissen die Stellung als Universitätsbuchdrucker den Elzeviers nicht entgehen konnte, ist fast selbstverständlich. Man gewährte ihnen das Recht, die alte Lokalität innezubehalten, und bewilligte ihnen ein jährliches Gehalt von 100 fl., das auf 200 und später auf 300 fl. erhöht wurde.

Der Glanz des
Hauses.

Die nun folgenden 26 Jahre waren die des grössten Glanzes des Hauses. Das Streben der Associés war von Beginn ab darauf gerichtet, sich von dem Alltäglichen zu emanzipieren und ihren Erzeugnissen mehr und mehr den Stempel der Vollkommenheit aufzudrücken. Schon ihre ersten Druckwerke übertrafen die Isaacks, und jedes Jahr zeigt einen Fortschritt, sei es in der Schrift, in der Ornamentierung, oder in dem Druck. Schritt für Schritt kann man diese Elzeviere auf ihrem Wege zur Vollendung verfolgen, bis sie, nach zehn Jahren, Meisterwerke wie ihren Cäsar, Terenz und Plinius v. J. 1635 hervorzubringen imstande waren. Ihnen verdankt man die Initiative zu allen den Unternehmungen, welche den Namen Elzevier zu einem unsterblichen in der Geschichte der Buchdruckerkunst und des Buchhandels gemacht haben. Im Jahre 1625 begannen sie die Sammlung der kleinen „Republiken“, für welche sie ein Privilegium vom 15. Mai 1626 erhielten. 1629 weihten sie die Reihe der lateinischen Klassiker in dem berühmten Duodez durch den Horaz und den Ovid ein; 1641 die Kollektion der renommiertesten Schriften einer neueren Zeit mit dem Cid; die Sammlung französischer Klassiker mit Régnier 1642. Daneben folgten aber auch Bücher in grösserem Formate, darunter verschiedene orientalische Werke.

Die kleinen Aus-
gaben.

Ihren Hauptruhm bilden jedoch die Duodezausgaben der Klassiker zu billigen Preisen. Zwar waren solche kleinere Ausgaben nicht ohne Vorbild, wir erinnern nur an die „Aldinen“, im allgemeinen war man jedoch bei den grossen Formaten geblieben, bis mit den Elzevieren die Ausnahme Regel wurde. Die Bändchen, von den berühmtesten Kritikern und Kommentatoren der Zeit besorgt, nahmen im Sturm das Publikum für sich ein. Das Oktavformat blieb nur für die Ausgaben mit vielen Noten und Varianten. Durch den billigen Preis von 1 fl. als Mittelpreis für einen Band von etwa 500 Seiten steigerte sich der Absatz enorm. Die Durchschnittsgrösse der Auflagen ist nicht bekannt, sie muss aber eine bedeutende gewesen sein.

Übrigens fehlte es nicht an Stimmen, die diese handlichen Bändchen als eine Herabwürdigung der Gelehrsamkeit bezeichneten und als eine rein kaufmännische Manipulation verdammten. Trotzdem suchten die Gelehrten eine Ehre darin, dass ihre Werke den Kollektionen einverleibt wurden. Ja, selbst Autoren, deren Schriften von den Elzevieren nachgedruckt waren, schrieben ihnen verbindliche Briefe auf Grund der auf den Nachdruck verwendeten Sorgfalt. Das Format wurde in ganz Holland und Belgien standard und auch von mehren Pariser Buchhändlern angenommen. Bald bemächtigte auch die Sammelwut sich der kleinen Bändchen. Noch vor Ablauf des Jahrhunderts wurde von Liebhabern berichtet, die sich das Allernotwendigste versagten, um eine komplette Elzeviersammlung zu besitzen.

Papier und Kor-
rektur.

Mit der Beschaffung des Papiers scheinen die Elzeviere manchmal Not gehabt zu haben. Öfters wenden sie französisches an, das jedoch schon in Frankreich auf Grund der dortigen Abgaben sehr teuer zu stehen kam, wie viel mehr also im Auslande. Während des Krieges mit Frankreich war die Einfuhr von Papier ganz verboten und die Elzeviere bezogen grosse Massen aus Deutschland, klagen jedoch öfters, dass dieses oder jenes Werk nicht recht gefördert werden könne, weil das in Frankfurt bestellte Papier nicht angekommen sei.

In Betreff der Korrektheit der Elzevier-Ausgaben sind von einander abweichende Stimmen laut geworden. Viele loben dieselbe sehr, viele tadeln derb die Inkorrektheit. Der Grund ist nicht schwer zu finden. Die Elzeviere waren nicht, wie die Aldi, Stephane, oder wie Badius, Morel, Oporin begeisterte Gelehrte, die im Interesse der Wissenschaft Typographen geworden waren und einen Hauptteil der litterarischen Arbeit auf sich nahmen; sie waren praktisch-tüchtige Geschäftsleute, welche die Typographie hochhielten, aber nicht in der Lage waren, durch ihre persönlichen Kenntnisse zur Förderung der Wissenschaft beizutragen. Man darf sich nicht von ihrem Titel „akademischer Buchdrucker“ oder von den gutgeschriebenen lateinischen Anreden in ihren Verlagswerken irreleiten lassen; letztere sind Arbeiten ihrer litterarischen Freunde, namentlich des Dan. Heinsius. Sie gaben sich alle Mühe, für gute Korrektoren zu sorgen, diese waren aber selten; oft mussten sie sich deshalb in Betreff der Korrektur auf die Verfasser selbst verlassen, die bekanntlich selten diese Arbeit in befriedigender Weise üben. So giebt es neben sehr gut korrigierten Ausgaben der Elzeviere auch fehlerreiche. Im allgemeinen sind ihre lateinischen Klassiker sorgsam korrigiert, der Virgil von 1676 gilt sogar als ein nicht leicht zu erreichendes Muster, auch ihre französischen und italienischen Ausgaben, obwohl Nachdrucke, waren öfters weit korrekter als die Originale. Viele bekannte Namen fanden sich unter ihren Korrektoren nicht vor, berühmte gar nicht.

Das ausländische
Geschäft.

Als eine Eigentümlichkeit der Elzevierischen Geschäftsorganisation wurde schon der ausgedehnte ausländische Vertrieb erwähnt, der bereits von Ludwig begonnen und sowohl (seit 1630) von dem Leydener als später von dem Amsterdamer Haus in System gebracht wurde.

Die meisten Glieder der Familie begannen ihre Thätigkeit mit dieser Branche. Selbst nach seiner Association mit Matthias und Abraham setzte Bonaventura seine Reisen fort; doch nötigten ihn später die steigenden Geschäfte, diesen Teil der Arbeit dem Neffen, Ludwig, zu überlassen, bis dieser sich 1638 in Amsterdam etablierte. Er wurde von Johann, dem ältesten Sohn Abrahams, dieser wieder von Daniel, Bonaventuras Sohn, abgelöst.

Als letzterer später dem Geschäft Ludwigs in Amsterdam beitrat, setzte er seine Reisen für dieses fort.

Über die Depots in Frankfurt, Italien und Paris wurde schon oben gesprochen. Eine grosse Bedeutung hatte die Verbindung mit den skandinavischen Ländern. Kopenhagen, der Hauptsitz der Litteratur im Norden, war gewohnt, sich in Frankfurt zu versorgen. Als jedoch der Verkehr im 30jährigen Krieg immer schwieriger wurde, hielten die Holländer mit ihrem merkantilen Genie es für angebracht, die litterarische Versorgung des Nordens zu übernehmen. Der erste, der den Versuch machte, war der Buchhändler Johann Jansson aus Amsterdam und der Erfolg war ein so glänzender, dass die dänischen Buchhändler bittre Beschwerden über die Eindringlinge führten. Eine Merkwürdigkeit war, dass der Buchhandel dort in den Kirchen betrieben wurde, was erst aufhörte, als Christian iv. die prachtvolle Börse baute, in deren erstem Stock eine Menge Detail-Läden, namentlich für den Buchhandel, sich befanden. Hier mieteten Jansson und die Elzeviere Lokale. Ihr Handel muss ein sehr bedeutender gewesen sein, denn sie liessen besondere Kataloge drucken, von welchen einer auf uns gekommen ist: Catalogus omnium librorum, qui hoc tempore in officina Elzeviriana prostant. Hafniæ 1642. Man sieht, es handelt sich um eine vollständige Filiale. Wer sie dirigierte, ist nicht bekannt; die Elzeviere selbst besuchten jedoch oft Kopenhagen. Nicht weniger gut als dort waren sie in Schweden angeschrieben, und die für die Wissenschaften eingenommene Königin Christine machte ihnen vorteilhafte Anerbietungen, um sie zu bestimmen, ein Haus dort zu gründen. Sie lehnten es ab, dagegen kamen die Verhandlungen mit Joh. Jansson zustande, der 1647 das Privilegium, eine Druckerei anzulegen, erhielt (vgl. S. 157).

Eigenschaften der
Associés.


Zu dem Glanze des Leydener Hauses trug jeder der Associés bei. Bonaventura leitete mit grossem Geschick den bibliopolischen und kaufmännischen Teil des Geschäfts, wozu ihn eine sorgfältige Vorbereitung geeignet machte. Mit ihm verhandelten gewöhnlich die Gelehrten und die Kunden. Abraham besorgte mit gleicher Sorgfalt und grosser Hingebung das typographische Departement. Eine gute Hülfe hatten sie in Ludwig ii., bis dieser selbst sich etablierte. Eine ganz wesentliche Stütze für das buchhändlerische Geschäft war der berühmte Gelehrte Daniel Heinsius, der so eigentlich die Seele der litterarischen Produktion war. Heinsius war 1580 in Genf geboren. In Leyden war er der bevorzugte Schüler von Jos. Scaliger und später von dessen Nachfolger. Er war ein Universalgenie, in allen Fächern des Wissens zuhause, zugleich ein Dichter von gutem Geschmack. Ganz natürlich, dass ein solcher Mann einen Verleger im Guten sowohl wie im Bösen vollständig beherrschen konnte. In beiderlei Hinsicht übte er auf die Elzeviere, speziell auf Bonaventura, einen grossen Einfluss. Ihm verdanken sie den Besitz einer Reihe der besten Verlagswerke, bei deren Herausgabe er ihnen zuhilfe kam, indem er die Einleitungen und Dedikationen, mit welchen die Verleger ihre Werke begleiteten, schrieb. Er war jedoch eine streitsüchtige, egoistische Natur und hielt die Elzeviere von denjenigen Gelehrten ab, die bei ihm nicht in Gunst standen.

Tod Abrahams
u. Bonaventuras.

Bonaventura selbst zeigt sich auch nicht durchweg als liebenswürdiger Charakter, namentlich scheint er von einem mitunter hässlichen Geiz beherrscht gewesen zu sein. Nichtsdestoweniger suchte man gern eine Verbindung mit den Elzevieren und rühmte ihre Genauigkeit, Pünktlichkeit und ihren Eifer, sowie ihr warmes Interesse für ihren Beruf, dem sie einen förmlichen Kultus erwiesen. Liebenswürdiger als Bonaventura dürfte Abraham gewesen sein, Wenigstens spricht für seine Beliebtheit, dass die Universität nach seinem Tode, am 14. Aug. 1652, ihm zu Ehren eine goldene Medaille prägen liess, eine Auszeichnung, mit der sie sehr sparsam war. Dagegen geschah nichts zu Ehren Bonaventuras, als dieser einen Monat später, am 17. Septbr. 1652, verschied.

Die Auszeichnung Abrahams fällt um so mehr auf, als schon 1649 Differenzen mit der Universität auf Grund der von den Elzevieren angesetzten Preise entstanden waren. Es kam sogar in Frage, ihnen die Emolumente zu entziehen, während sie ihrerseits auf Erhöhung derselben antrugen. Bei dem Tode Abrahams und Bonaventuras war noch nichts entschieden, doch muss ein Ausgleich stattgefunden haben, denn man bewilligte den Nachfolgern die bisherigen Emolumente, und so blieb es bis zum Erlöschen des Hauses 1712.


Johann und
Daniel.

Bonaventura vermachte seinem ältesten Sohne Daniel sein Haus auf der Rapenburg und seinen Anteil an allem, was er in Verbindung mit Abraham besessen hatte. Ein Gleiches that Abraham in Betreff seines Sohnes Johann.

Johann, der älteste Sohn Abrahams aus seiner Ehe mit Katharine van Waesberge, war das einzige von dessen Kindern, welches der väterlichen Laufbahn folgte. Er war zu Leyden im Febr. 1622 geboren; 1638 wurde er, 16 Jahre alt, nach Paris gesandt, wohl weniger um sich in der Typographie, als im Französischen zu vervollkommnen und um neue Verbindungen anzuknüpfen oder die alten zu pflegen. Schon 1643 ist er wieder dort, zum Vertrieb von Büchern; 1641 ging er nach Dänemark; 1644 wieder nach Paris. 1647 heiratete er Eva van Alphen aus Leyden; 1649 etablierte er sich im Hause des Grossvaters Bonaventura.

Daniel, der älteste Sohn Bonaventuras und der Sarah van Keulen, war im Aug. 1626 in Leyden geboren. Aus seiner Jugendzeit wissen wir nur, dass er 1645 nach Paris ging, um seine Ausbildung zu vollenden. Dort blieb er gegen drittehalb Jahre, um dann in Leyden zu studieren, dabei nahm er jedoch an den Geschäften teil.

Trennung
Daniels von
Johann.

Es war eine schwere Last, welche auf den Schultern der jungen Männer ruhte. Sie begannen jedoch guten Mutes ihr Werk. Ihre Ausgaben der Nachfolge Christi und des Psalters von 1653 gehören zu den besten Erzeugnissen der Elzeviere. Aber die Aussichten für die Zukunft waren weniger freundlich, als bisher. Gleichzeitig mit den Vätern war eine grosse Zahl der gelehrten Freunde und Ratgeber von der Bühne abgetreten; die Universität befand sich in einer Krisis; die Zeiten waren vorbei, wo die Arbeiten ihrer Professoren die gelehrte Welt in Bewegung setzten, sie genügten nicht mehr, um einer Druckerei eine Fülle von Arbeit und Ehre zu bringen. Dabei war das Verhältnis der jungen Männer zu der Universität ein nicht ganz ungestörtes. Es fehlte ihnen noch an der nötigen Erfahrung und Autorität, um glücklich über alle Klippen wegzukommen, Eigenschaften, die dagegen der Amsterdamer Ludwig in hohem Grad besass. Diejenigen berühmten Gelehrten, die durch Heinsius den Leydener Elzevieren entfremdet worden waren, näherten sich Ludwig; selbst Leydener Gelehrte suchten die Verbindung mit ihm. Diese Umstände, dazu Johanns schwankender Charakter werden wohl mitgewirkt haben, um Daniel zu bestimmen aus dem Geschäft zu treten und sich mit seinem Vetter Ludwig in Amsterdam zu verbinden. Ein weiterer Grund mag wohl auch seine Heirat mit Anna Bierninck, Enkelin von seinem Onkel Justus und Nichte und Mündel Ludwigs, gewesen sein. Er trennte sich nach zwei und einem halben Jahre von Johann.


Wir werden nun Ludwigs und Daniels Schicksale in Amsterdam verfolgen, um dann zu dem Leydener Geschäft und dessen traurigem Ende zurückzukehren.

Ludwig iii. und
das Amsterdamer
Haus.

Der Gründer des Amsterdamer Geschäfts, Ludwig iii., ältester der vier Söhne des Justus, war 1604 in Utrecht geboren. Früh vaterlos, wurde er, um zu studieren, nach Leyden gesandt, wo er bei seinem Onkel Matthias wohnte und Gelegenheit fand, sich mit Buchhandel und Typographie bekannt zu machen. Durch seine vielen Reisen kreuz und quer durch Europa hatte er sich vortrefflich für ein eigenes Etablissement vorbereitet. Er war 33 Jahr alt geworden; Aussichten auf eine selbständige Stellung in dem Leydener Geschäft waren nicht vorhanden; Konkurrenz wollte er demselben nicht machen. Er wählte deshalb Amsterdam zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Wennauch vorzugsweise Handelsstadt, war Amsterdam doch durch seine gelehrten Gesellschaften bekannt, und besass eine Art von Universität in seinem neu errichteten Athenäum, welches schon berühmte Lehrer zu den Seinigen zählte. Die Leydener Verwandten hatten nichts gegen das Etablissement einzuwenden, sie hofften sogar Vorteile durch energische Verbreitung ihrer Artikel seitens Ludwigs zu erreichen und druckten auch anfänglich mehrere Werke für ihn.

Aufblühen des
Hauses.

Jedoch Ludwig war der Mann, um ganz auf eigenen Füssen zu stehen. Kaum etabliert, suchte er die Verbindung mit dem berühmten Hugo Grotius, der als schwedischer Gesandter in Paris lebte. Ohne Freigeist zu sein, hatte Ludwig auf seinen Reisen doch in religiösen Angelegenheiten einen freieren Blick erworben, als seine Leydener Verwandten, die eine grosse Strenggläubigkeit entweder wirklich besassen, oder durch die Verbindung mit der Universität zu zeigen gehalten waren. Er war so recht geeignet, als Verleger die unabhängigen Geister um sich zu versammeln. Er zählte sogar zur katholischen Kirche übergetretene zu seinen litterarischen Freunden, ohne dass dies ihn verhinderte, Schriften zu verlegen, welche die Katholiken wenig schonten. Seit 1642 druckte er alle Werke des Cartesius, was auf die volle Unabhängigkeit seines Charakters deutet, denn man weiss, welche heftigen Angriffe der Autor seitens der holländischen Theologen auszustehen hatte, sodass es in Leyden sogar verpönt war, den Namen Cartesius zu nennen. Auch die Werke der Schüler und Anhänger desselben gab Ludwig heraus, ebenso die Schriften der französischen Jansenisten.

Jedenfalls lag es gleich von Beginn ab in Ludwigs Absicht, eine Druckerei anzulegen. Im Jahre 1640 besass er eine solche, wennauch nach einem beschränkten Massstabe, denn seine Mittel waren nicht bedeutend. Er liess sowohl bei seinen Verwandten, wie bei anderen Kollegen, namentlich bei Fr. Hackius in Leyden drucken, der von allen Buchdruckern den Elzevieren am nächsten stand, um so mehr als ein Sohn des Hauses Hackius, Cornelius, mit Margaretha Elzevier, Schwester von dem in Utrecht als Buchhändler etablierten Peter und Nichte Ludwigs, verheiratet war.

Es dauerte nicht lange, so stand das Amsterdamer Geschäft dem Leydener gleich. Von 1640-45 kamen 219 Verlagsartikel heraus. Die Geschäfte wuchsen so rasch, dass es Ludwig nicht immer möglich war, die nötige Ordnung und Pünktlichkeit zu zeigen; er sah sich deshalb nach Hülfe um. So wurde die Association mit Daniel am 1. Mai 1655 abgeschlossen. Bei dieser Gelegenheit gingen eine Menge Verlagsartikel des Leydener Geschäfts auf Daniel über und von dieser Zeit an begannen auch die Amsterdamer Pressen, die berühmten Duodeze zu reproduzieren, auf welche das Leydener Geschäft bis jetzt faktisch das Monopol gehabt hatte. Die Zahl der von Ludwig und Daniel, während eines neunjährigen Zusammenwirkens, herausgegebenen Werke beträgt gegen 150; auch der Anfang ihres Hauptwerkes, der grossen Bibel von Desmarest, stammt aus dieser Zeit.

Druckerzeichen.

Als Zeichen bedienten sie sich der Minerva mit der Aegide, dem Ölzweig und der Eule und mit der Devise Ne extra oleos. Der Gedanke der Devise ist dem Wettrennen der Alten entlehnt, bei welchem das Ziel durch eine Reihe von Ölbäumen bezeichnet war. Die Warnung: „nicht über die Ölbäume hinaus“, heisst also soviel als: „Halte dich innerhalb der richtigen Grenzen, und schiesse nicht über das Ziel hinaus“.

Geschäftslokal.

Das Geschäftslokal war „opt Water in den Olm-boom“. Diese Bezeichnung „Auf dem Wasser“ hatte ein Hauptquai in Amsterdam, wo vorzugsweise die Lokale der Buchhändler und Buchdrucker sich befanden. Die Elzeviere bewohnten dort nach und nach verschiedene Häuser; wenn sie nichtsdestoweniger als „in der Ulme“ wohnhaft fort firmierten, so ist dies durch die Sitte erklärlich, die Häuser nicht nur nach den, von dem Besitzer über den Thorweg in Stein gehauenen Emblemen, sondern auch nach den beweglichen Schildern der gewerbetreibenden Bewohner zu bezeichnen.

Ludwigs Tod.

Im Jahre 1664 zog sich Ludwig zurück, und lebte auf seinem schönen Landsitz, welchen er halbwegs zwischen Amsterdam und Utrecht besass. Sein Name findet sich fernerhin nur auf der Bibel Desmarests, welche 1669 in 2 Bdn. in Folio vollendet wurde. Sie war bei dem Ausscheiden Ludwigs Gegenstand eines besonderen Übereinkommens unter den Associés geblieben. Ludwig starb 1670 in Leyden, infolge eines Beinbruchs.

In allen Angelegenheiten der Familie war Ludwig stets als das Oberhaupt betrachtet worden, und er hatte gesucht, ihr Interesse, wo er konnte, wahrzunehmen. Seine Rechtschaffenheit und Einsicht wurden überall anerkannt. In seinem Testament zeigt er sich als einen durchaus noblen Mann, sowohl gegen Andere, als auch gegen seinen Associé. Es sollten alle Rechnungen mit ihm ohne irgend eine Revision geordnet werden. Es war ihm freigestellt, die Artikel zu den Druck- und Papierkosten ohne Zinsen und sonstige Lasten zu übernehmen, und die daraus entstehende Schuld erst in langen Terminen unter 4% Verzinsung zu zahlen.


Daniels weitere
Wirksamkeit.

Die Weiterführung des ausgedehnten und vielseitigen Geschäfts war für Daniel mit seinen alleinigen Kräften eine schwere Aufgabe, wozu die grösste Energie notwendig war. Hierzu kamen noch ungünstige Zeitverhältnisse. Kurz nach der Übernahme brach der Krieg mit England aus, der zwei Jahre (1665-67) mit wechselndem Kriegsglück, aber unter fortwährender Hemmung der Geschäfte, dauerte. Daniel nahm deshalb Jakob Zetter in sein Geschäft, der den buchhändlerischen Teil sehr gut leitete. 1669 fesselte er den jungen Heinr. Wetstein, der bestimmt war, selbst einen bedeutenden Platz in der niederländischen Typographie einzunehmen, an sich. Wetstein war 1649 in Basel geboren, wo sein Vater Professor der griechischen Litteratur war. Er hatte eine vortreffliche wissenschaftliche Erziehung genossen, aber sein Trieb zur Typographie war ein unwiderstehlicher. Am besten glaubte er seinen Zweck in Holland zu erreichen, trat daher mit seinem 20. Jahre bei Daniel in die Lehre und blieb 7 Jahre bei ihm. 1676 verheiratete sich Wetstein und etablierte sich dann als Buchhändler. Er war mit Zetter zusammen dem Hause Elzevier von grossem Nutzen. Daniels Buchhandlung hatte vorher nur aus Verlags- oder Kommissionsartikeln bestanden; jetzt fügte Wetstein ein vollständiges Sortiment neuer und alter Bücher hinzu. 1674 gab Daniel, durch Wetstein unterstützt, seinen grossen Lagerkatalog, über 20000 Werke enthaltend, heraus.

In den Jahren 1667-1672 wurden über 100 neue Werke gedruckt, daneben die grosse Bibel fortgesetzt. Daniel sammelte, als letzter der bedeutenden Elzeviere, die ganze Ehre des Namens auf sich und wurde als einer der Buchdrucker majorum gentium betrachtet. Als im Jahre 1672 ein grosser Brand einen bedeutenden Teil des Blaeuschen Geschäfts vernichtete und Blaeu in Verlegenheiten kam, kaufte Daniel eine Anzahl von dessen Verlagsartikeln. Auch von Hackius machte er bedeutende Erwerbungen.

Trotz der schweren Zeiten hat man sich also Daniel nicht als mutlos geworden zu denken, und noch in den Jahren 1675-1680 verliessen 90 Verlagswerke, unter welchen sich einige seiner bedeutendsten Leistungen befinden, seine Pressen.

Daniels Tod.

Da überraschte ihn der Tod mitten unter den Vorbereitungen zu einer Menge neuer grossartiger Unternehmungen. Am 13. Oktbr. 1680 unterlag er dem wiederholten Anfall eines heftigen Fiebers, wie solche in Amsterdam nicht selten auftreten.

Die Elzevier-
schriften.

Die Verhältnisse waren schwer zu beherrschen. Zwar beabsichtigte die Witwe das Geschäft fortzusetzen, sah aber bald die Notwendigkeit einer Beschränkung ein. Zuerst kam die Reihe an die Schriftgiesserei, bei welcher Gelegenheit ein Licht über die Entstehung der Elzevier-Schriften geworfen wird. Es gelang dem Herrn Alfons Willems, im Plantinschen Museum in Antwerpen ein Schreiben von der Witwe Daniels an die Witwe des Balthazar Moretus aufzufinden, in welchem erstere den Plantins ihre Schriftgiesserei anbietet, mit 27 Sorten von Stempeln und 50 Sorten Matern „gemaekt wesende bij Christoffel van Dyck, de beste meester van sijnen en onsen tijdt, en bij gevolge de beroemste gieterije, die ooyt ist geweesi“. Beigefügt ist eine Schriftprobe, ein einzelnes Blatt in Plakatformat, mit der Überschrift: „Proeven van Letteren die gesneden ziin door Wylen Christoffel van Dyck, soo als de selve verkoft sullen werden ten huyse van de Weduwe Wylen Daniel Elsevier, op't Water by the Papenbrugh, in den Olmboom, op Woensdagh, den 5 Martii 1681“.

Zwar ist nur die Rede von den Typen der Amsterdamer, aber es ist nicht anzunehmen, dass diese nur Plagiate der Leydener gewesen. Es würde die Witwe Daniels kaum gewagt haben von van Dyck als von dem ersten Schriftschneider seiner Zeit zu sprechen, wenn er nur ein Plagiator gewesen[7]. Früher hat man die Schriften der Elzeviere dem Claude Garamond oder den Sanleques zugeschrieben. Garamond war jedoch bereits 1561 gestorben, auch zeigen seine Schriften einen abweichenden Charakter. Eher stimmen die Elzevier-Schriften mit denen Sanleques überein, der ein Zeit- und Religionsgenosse der Elzeviere war, so dass die Vermutung, die Schriften stammten von diesem, mehr Wahrscheinlichkeit hatte.

Schicksale der
Elzevier-
schriften.

Das Plantinsche Haus nahm das Anerbieten der Witwe Elzevier nicht an, und die Schriftgiesserei ging nunmehr durch Kauf an Jean Bos im Hause Joseph Athias über. Letzterer war ein spanischer Jude, der ein bedeutendes typographisches Etablissement in Amsterdam besass. Er war namentlich bekannt als Drucker einer Anzahl von Bibeln in fremden Sprachen, ganz besonders ist seine hebräische Bibel berühmt, für welche ebenfalls Christoff van Dyck die Schriften geschnitten hatte, die noch jetzt unter die schönsten hebräischen Schriften zählen. Als Belohnung für diese Arbeit erhielt Athias von den Staaten von Holland und Westfriesland eine goldene Medaille an goldener Kette zu tragen, eine Auszeichnung, die noch keinem Israeliten zuteil geworden war. Vielleicht hat Athias seine Dankbarkeit gegen van Dyck, durch Ankauf des ganzen Komplexes seiner Schriften, zeigen wollen. Sein Etablissement ging in die Hände von J. J. Schepper über, später an den Schriftgiesser Johann Roman, der die oben erwähnten Proben genau mit allen Fehlern als Proben seiner Giesserei druckte. Diese kam 1767 an die Brüder Ploos van Amstel in Amsterdam und an Johann Enschedé in Haarlem, die den Fond teilten; später ging das Ganze auf Enschedé über. Dieser, ein warmer Bewunderer der Leistungen des Schriftschneiders Fleischmann, legte übrigens, wie es scheint, kein grosses Gewicht auf die Schriften von van Dyck.

Auflösung des
Amsterdamer
Geschäfts.

Die Verhältnisse bei dem Tode der Witwe Daniels im Mai 1681 machten alle Gedanken an eine wennauch beschränktere Fortführung des Geschäfts zunichte. Die Erbschaft konnte von den Beauftragten der neun Kinder Daniels nur cum beneficio inventarii angetreten werden. Die Liquidation fiel jedoch über alle Erwartung günstig aus und erzielte nach heutigem Geldwerte eine Summe von etwa einer viertel Million Mark. Die Amsterdamer Verleger hatten sich längst auf diesen Augenblick gerüstet und kauften mit Begierde die berühmten Verlagsartikel.

So verblieb nur die Erinnerung an das angesehene Elzeviersche Haus in Amsterdam. Doch nicht allein der Glanz desselben wurde mit Daniel zu Grabe getragen, auch der hohe Ruhm der niederländischen Typographie im allgemeinen war dahin. Fast gleichzeitig mit Daniel schieden fast alle die grossen holländischen Buchdrucker, welche die letzte Hälfte des xvii. Jahrhunderts mit ihrem Ruhm erfüllt hatten. Zwar erstanden aufs neue tüchtige Männer, welche die typographische Fahne hochhielten, aber die Kette war gebrochen, und es gelang nicht, die Glieder wieder zu einem Ganzen zu vereinigen.


Ende d. Leydener
Hauses.

Wir haben nun noch den letzten Blick, der keine Freude gewährt, dem Leydener Hause zuzuwenden.

Daniels Austritt war ein schwerer Schlag, indes verlor Johann den Mut nicht. Da er keinen Associé hatte, suchte er helfende Kräfte zu gewinnen, und es scheint ihm dies durch das Engagement Karl Gerstekorns gelungen zu sein. Wenn unter den schwierigen Verhältnissen Johann den Senat um Erlaubnis ersuchte, die Offizin baulich erweitern zu dürfen, so ist dies, wenn es damit überhaupt Ernst war, nur in der Weise zu erklären, dass er sich auf die Druckerei allein hat beschränken und diese mit aller Kraft hat betreiben wollen. Wenigstens mässigt er seine Verlagsthätigkeit sehr und sucht sein Lager durch Auktionen zu erleichtern. Es gehören immerhin einige seiner Leistungen dieser Zeit, als: de Brebeuf, Pharsalus und P. le Moyne, Gallerie des femmes fortes, zu den besten seiner Pressen.

Johann starb, ohne einen Plan für die Zukunft des Geschäfts gelegt zu haben, am 8. Juni 1661, erst 39 Jahre alt. Seine Witwe entschloss sich, die Geschäfte fortzuführen, und erhielt auch die Bestätigung des Verhältnisses zur Universität. Durch Auktionen in den Jahren 1659, 1660 und 1661 entledigte sie sich des Leydener Lagers und der Haager Vorräte. Mit Ausnahme der Fortführung der grossen holländischen Bibel, die schon während Daniels Zeit angefangen und bei der er beteiligt geblieben war, scheint sie eigenes Verlegen ganz unterlassen zu haben. So ging das Geschäft nach und nach zurück. 1681 übergab sie es dem zweiten Sohne Abraham ii., und starb 1695.

Abraham, am 5. April 1653 geboren, hatte in Leyden studiert und 1679 den Doktorgrad erworben. 1695 wurde er Schöffe zu Leyden. Unter seiner Misswirtschaft verfiel die Druckerei vollständig. Als nach seinem am 30. Juli 1712 erfolgten Tode das Geschäft verkauft wurde, war der Erlös noch nicht 2000 Fl. — Sic transit gloria mundi.


Die Nachahmer
der Elzeviere.

Es konnte nicht anders sein, als dass der grosse Erfolg der Elzevierschen Duodezausgaben auch andere Buchdrucker innerhalb und ausserhalb der Grenzen der Niederlande zur Nachahmung anstachelte. Es dauerte nicht volle zehn Jahre nach den ersten Ausgaben seitens der Elzeviere, bis eine Überschwemmung mit Nachahmungen derselben eintrat, die oft die Vignetten und anderes Beiwerk so genau wiedergaben, dass die Entscheidung, ob ein Buch wirklich den Elzevieren gehörte oder nicht, manchmal eine sehr schwierige war.

Nach der Druckerei der Elzeviere war in Leyden die bedeutendste die von Franz Hackius, die viel für die erstgenannte druckte, und eine sehr leistungsfähige Offizin war. Um die Mitte des xvii. Jahrhunderts gab es in Leyden überhaupt 9 Druckereien mit 23 Pressen, darunter keine mit mehr als vier. In Amsterdam waren die Druckereien nicht so zahlreich, aber sehr tüchtig. Von den Blaeu hörten wir bereits. Johann Jansson, der nicht dieser Familie angehörte, druckte von 1618-1664 und war besonders als Nachdrucker bekannt. Fand ein Werk eines ausländischen oder auch eines holländischen Kollegen Beifall, so war Jansson schnell mit einem Nachdruck bei der Hand. Er hatte, wie schon erwähnt, eine Filiale in Kopenhagen und errichtete eine Druckerei in Stockholm. Nachdem Johann van Waesberge eine Tochter Janssons geheiratet hatte, fügte letzterer den Namen des Schwiegersohns dem seinigen bei. Nach Janssons Tod associierte sich Waesberge erst mit seinem Schwager Elisäus Weyerstraten (1664-1667), später mit dessen Witwe. Von 1669 ab bis zu seinem Tode 1681 druckte er allein[8].

Zu den talentvollsten Nachahmern der Elzeviere gehören auch die Brüsseler Buchdrucker François Foppens (gest. 1684) und Eugène Henry Frix (gest. um 1715).

Ein sehr geschätzter Buchdrucker, Buchhändler, Kartenstecher und Geograph war P. van der Aa (gest. 1730). Sein grösstes Werk, eine Weltgalerie, umfasst 66 Bände. Die berühmte Familie Wetstein wurde schon früher erwähnt.

Die Schrift-
giesserei.

Nach dem Erlöschen der Familie der Elzeviere ist die der Enschedé die bekannteste, namentlich ist ihre Geschichte mit der der Schriftgiesserei in Holland auf das engste verknüpft.

Es wurde schon früher erwähnt, dass Paffroed in Deventer[9] für damalige Zeit sehr schöne nationale Schriften geliefert hatte. Von da an jedoch machte in den Niederlanden der Schnitt der gothischen Schrift nur sehr langsam Fortschritte. Dürers litterarische Arbeiten waren durch seine Reise in den Niederlanden populär und von Joh. Jansson in Amsterdam sowohl lateinisch als auch (1606) deutsch mit Frakturschrift gedruckt worden. Die Fraktur fand bei den Schriftgiessern Aufnahme und Dirk Voskens z. B. lieferte sie in 14 Graden mit den entsprechenden Schwabacher Schriften. Wahrscheinlich geschah dies mit auf Antrieb Philipps von Zesen, der sich um die Mitte des xvii. Jahrhunderts in Amsterdam aufhielt und eine Anzahl eigener und übersetzter Werke dort und in Leyden herausgab. Auch verschiedene der grossen illustrierten Reisebeschreibungen wurden mit deutscher Schrift gedruckt. Es dauerte jedoch nicht lange, so wurde sie ganz durch die Antiqua und die Schreibschriften nach französischem Duktus verdrängt.

Die Antiqua erreichte jedoch im allgemeinen nicht die Schönheit der Vorbilder. Sie ist in der Regel sehr schmal geschnitten und eng zugerichtet, hauptsächlich auf Betrieb der holländischen Nachdrucker, die viel Ware für das Geld bieten mussten. Ament Tavernier in Antwerpen führte 1558 die, dem Granjon in Lyon nachgebildete Schreibschrift Civilité ein, deren sich Wilh. Sylvius zuerst bediente. Auch Plantin druckte ein Buch mit dieser Schrift, die bis in das xviii. Jahrhundert benutzt wurde. Die Ronde wurde ebenfalls als Werkschrift verwendet; daneben hielt sich die Coulé, von J. F. Rossart und J. M. Fleischmann geschnitten.

Isaak Enschedé.

Der Stammvater der Enschedés Isaak ward 1681 in Haarlem geboren und gehörte einer in Gröningen angesessenen Buchdruckerfamilie an. Um 1703 eröffnete er eine Buchdruckerei in Haarlem und druckte 1727 im Verein mit seinem Sohne Johannes eine Bibel in Folio nach dem neuen Verfahren von van der Mey und Müller.

Ob dies Verfahren wirklich dasselbe gewesen ist, welches wir jetzt als Stereotypie bezeichnen, blieb langezeit zweifelhaft. J. van der Mey stellte zu Anfang des xviii. Jahrh. mit Unterstützung des deutschen Predigers Johann Müller in Leyden (gest. 1710), der von vielen für den eigentlichen Erfinder gehalten wird, mehrere „stereotypierte“ Werke. Die ersten Versuche haben sich wohl auf zusammengelötete Schrift beschränkt, später scheint es jedoch, als habe man eine wirkliche Stereotypie erfunden, denn unter den zu dem Caxton-Jubiläum in London 1877 ausgestellt gewesenen Gegenständen befanden sich auch vier auf Holz genagelte Platten Meys und Müllers[10]. Die Firma S. & E. Luchtmanns in Leyden, für deren ersten Inhaber Samuel Luchtmanns mehrere solche stereotypierte Werke hergestellt waren, drückt sich in einem Schreiben vom 24. Juni 1801 an A. Renouard in Paris ebensowenig wie der Baron van Weestreenen van Tiellandt in seinem, im Auftrag der niederländischen Regierung abgefassten Bericht recht klar über das Technische aus[11]. Eine Bibel in 4° und eine in Folio; ein Neues Testament englisch und eins griechisch in 18°; ein syrisches Wörterbuch wurden stereotypiert, dann ward es wieder still von der Erfindung.

Johannes En-
schedé.

Isaak Enschedés Sohn Johannes fing schon als Knabe an, Schriften in Holz zu schneiden, und erwarb sich durch fortgesetzte praktische Arbeiten einen sichern Blick, der ihn zu einer Autorität in der Beurteilung xylographischer und typographischer Erstlingsdrucke machte. Sein langes Leben (er starb 1781) teilte er zwischen Wissenschaft und Praxis. Er vermehrte die schon von seinem Vater gegründete ausgezeichnete Bibliothek mit den grössten typographischen Seltenheiten. Das Ideal seines Strebens war, ein Hauptwerk über die Erfindung der Buchdruckerkunst zu schreiben, wobei seine Sammlungen ihm als Unterlage dienen sollten. Leider kam er aber damit nicht einmal so weit, wie Breitkopf mit seiner ähnlichen Arbeit, und wir haben von ihm nur eine Skizze über die Schriftgiesserei in den Niederlanden. Er entdeckte Fragmente eines Donat und eines Horariums, welches letztere von den Holländern als das erste Druckwerk Kosters mit beweglichen Typen angesehen wird. Sein Sohn Dr. Johannes Enschedé war noch mehr Gelehrter als Buchdrucker; er stand in freundschaftlichem Verkehr mit den berühmten Philologen Valckenaer und Ruhnken und vermehrte die seltene typographische Büchersammlung.

Durch die Vereinigung der wissenschaftlichen Bildung mit den praktischen Kenntnissen haben die Chefs ihrer, noch heute fortblühenden Buchdruckerei und Schriftgiesserei das eigentümliche Doppelgepräge eines Geschäfts und einer historischen Sammlung aufgedrückt. Sie stehen in dieser Hinsicht einzig in ihrer Art da, indem es hier gelungen ist, beinahe alle Originalschriften aus der Blütezeit der Buchdruckerei in Holland zu sammeln. Es bleibt unter diesen Umständen um so mehr zu bedauern, dass die prachtvolle Bibliothek im Jahre 1867 durch Versteigerung zerstreut wurde. Sie würde in Verbindung mit den seltenen Schätzen der Giesserei und der Druckerei eine würdige Vervollständigung des Plantinschen Museums abgegeben haben.

Schriftgiesserei
der Enschedés.

Johannes Enschedé wurde 1743 Schriftgiesser, indem er die bekannte Giesserei von Hendrik Floris Wetstein kaufte. Die Stempel für diese Giesserei hatte zumteil der berühmte Stempelschneider Johann Michael Fleischmann geschnitten, der im November 1701 geboren war und am 11. Mai 1768 in Amsterdam starb. Fleischmann fuhr fort, für Enschedés Geschäft zu schneiden, das ausserdem durch die wertvollen Arbeiten Johann Franz Rossarts, geb. zu Namur 1714, gest. zu Brüssel am 26. Mai 1777, vermehrt wurde. Während das Geschäft in dieser Weise durch die besten Künstler der Zeit bereichert wurde, erhielt es seinen historischen Wert durch Erwerbung einer bedeutenden Anzahl älterer Schriftgiessereien ersten und zweiten Ranges. So wurde die Giesserei der Blaeu annektiert, welche am 21. April 1677 in die Hände des Schriftschneiders Dirk Voskens übergegangen war. Das Geschäft Voskens wurde von dem Sohne Bartholomäus übernommen, später unter der Firma Witwe Voskens & Sohn, nachher als Clerk & Voskens fortgeführt und 1780 von Enschedé erworben. Wie die Erwerbung der Elzevierschen Schriftgiesserei durch Enschedé geschah, ist bereits (S. 247) erzählt.

Specimen der
Enschedés.

Leider gab es eine Zeit, wo man nicht, wie heute, diese Schätze genügend würdigte, und zu Anfang unseres Jahrhunderts wanderte eine grosse Masse von Stempeln unter das alte Eisen und die wertvollen Matern in die Schmelztiegel, so dass von vielen Schriften nur ein Minimal-Quantum übrig geblieben ist, allenfalls gross genug, um damit einige kleine Wiederabdrücke für den Liebhaber herstellen zu können. Um so mehr muss man den Enschedés dankbar sein, dass sie Abdrücke dieser Schätze, nachdem sie schon mehrere ähnliche Proben gedruckt hatten, in einem „Specimen de caractères typographiques anciens, qui se trouvent dans la collection typographique de Joh. Enschedé et fils, imprimeurs à Harlem“ vereinigten[12], denn diese Probe enthält nur solche Schriften, von welchen die Stempel und Matern nicht mehr existieren, sie führt uns somit die ältere Geschichte der Schriftgiesserei in Holland vor Augen und wir müssen deshalb bei ihr verweilen. Den Anfang machen die grossen Kapitalbuchstaben, überschrieben chalcographia sive typi aenei et matrices plumbeæ. Diese Schriften rühren aus der Zeit Albrecht Dürers her und tragen die Spuren seines Einflusses: die Stempel waren aus Kupfer, die Matrizen aus Blei, wie in der ersten Zeit der Buchdruckerkunst. Auf 12 Grade Antiqua-Versal, 8 Grade Cursiv, 12 Grade schattierte und verzierte Antiqua und 3 Grade schattierte Cursiv folgen die Antiqua- und Cursiv-Buchschriften in breiterem und schmälerem Schnitt, von der groben Canon bis abwärts zur Non plus ultra.

Darauf folgen die berühmten holländisch-gothischen Schriften (Flamand), ebenfalls von der groben Canon bis Non plus ultra, in einer Reinheit des Schnittes und einer Schärfe des Gusses, als wären sie heute aus den Händen des Schriftschneiders und des Giessers gekommen.

Was von den gothischen Schriften gilt, lässt sich auch auf die Fleischmannschen Musiknoten anwenden, welche Veranlassung zu einer heftigen Polemik mit Breitkopf gaben. Höchst interessant ist eine Reihe von zwanzig Schreibschriften (Coulé), unter ihnen die von Fleischmann, „den grootsten en konstigsten Letter-Stempelschnyder, die 'er ooit in de Wæreld geweest is, en mogelyk komen zal“, welche er 1768 vollendete. Dann folgt die merkwürdige, sehr sauber und korrekt ausgeführte Civilité, die ihren Namen von einem im 15. Jahrhundert in Paris erschienenen Büchlein: „La civilité puérile et honnête“ hat. Nach diesen schönen, im besten Stil ausgeführten Schriften bildet allerdings die Ecriture Allemande keinen besonders günstigen Schluss, so wenig wie eine sehr magere, abscheulich geschnittene Cicero Allemande, die einzige Frakturschrift in der Probe, einen schönen Übergang zu zwei alten gothischen Schriften, die zwischen 1470-1480 geschnitten sind.

[1] C. Ruelens et A. de Backer, Annales Plantiniennes. Paris 1866. — M. Rooses, Plantijn an de Plantijnsche Drukerey. Brüssel 1877. — Léon. Degeorge, La maison Plantin à Anvers. 2. Aufl. Brüssel 1878.

[2] G. Outhuis, Geschiedkundig Verslag der voornamste uitgaven van de Biblia polyglotta. Franecker 1822.

[3] Eine ganz ausführliche bibliographische Beschreibung der Polyglotte befindet sich in C. Ruelens et A. de Bacher, Annales S. 128 u. f.

[4] Abgebildet auf der Schlussseite von Ruelens, Annales.

[5] P. J. H. Baudet, Leven en Werken van W. J. Bläu. Utrecht 1871.

[6] Ch. Pieters, Annales de l'impr. elzevirienne. 2. Ausg. Gent 1858. — A. de Reume, Recherches historiques. Brüssel 1847. — Minzloff, Les Elzevir etc. de St. Pétersbourg. 1862. — Ch. Fr. Walther, Les Elzevir etc. de St. Petersbourg. 1864. Ein Hauptwerk ist: Alphonse Willems, Les Elzevir. Histoire et annales typographiques. Brüssel 1880.

[7] Über die Schriften van Dycks vergleiche auch „Specimen de J. Enschedé & fils“. Haarlem 1867.

[8] A. M. Ledeboer, Het geslagt van Waesberghe. 2. Ausg. Haag 1869.

[9] Seite 68. Durch ein Versehen ist dort die Silbe „roed“ aus dem Namen „Paffroed“ ausgefallen.

[10] Caxton Celebration 1877. Preleminary issue. Class M. Sect. II. (Seite 395) 4652: Original casts of various pages made in the years 1700-1726 in the printing office of Messrs Luchtmans & Co. by the process invented by Rev. Muller, of Leiden. Lent by Messrs G. J. Brill. Zu wünschen wäre es gewesen, dass die Platten nicht aufgenagelt worden. Die Rückseiten derselben könnten möglicherweise noch einige nähere Aufschlüsse gegeben haben.

[11] Rapport sur les recherches, relatives à l'invention et à l'usage le plus ancien de l'imprimerie stéréotype etc. Haag 1813.

[12] Eine Anzahl dieser Schriften ging in den Besitz von Karl Tauchnitz in Leipzig über und befindet sich jetzt in der dortigen Offizin W. Drugulin.

XII. KAPITEL. [[←]]

ENGLAND. NORDAMERIKA.

Das allmähliche Wachstum der englischen Presse. Wynkyn de Worde, Richard Pynson, Reynold Wolfe, John Day, Th. Vautrollier, Th. Roycrofft, Sam. Palmer, Sam. Richardson. Oxford, Cambridge. Die schottische und die irische Presse. Die Stereotypie und Will. Ged. Das Zeitungswesen. Die Schriftgiesserei.

NORDAMERIKA. Kleine Anfänge der Presse. John Glover, James Franklin, Benjamin Franklin. Die deutschen Einwanderer und ihre Presse. Christoph Sauer und seine Nachkommen.

Kämpfe der eng-
lischen Presse.

DIE englische Presse, welche später einer Freiheit geniessen und eine Macht erlangen sollte, um welche der Kontinent das Inselland beneiden musste, hatte in ihrem Beginn schwere Kämpfe zu bestehen. Bevormundung mancherlei Art und Privilegien spielen eine grosse Rolle in der englischen Buchdrucker-Geschichte. So lange der erste Buchdrucker Caxton noch ohne Rivalen dastand, waren keine Privilegien notwendig, als aber die Zahl der Buchdrucker wuchs, entstand auch der Wunsch eines Schutzes. Schon 1504 wird William Fawkes als regius impressor genannt, d. h. als berechtigt alle Regierungsarbeiten herauszugeben. Das erste ausschliessliche Privilegium für den Druck eines Buches wurde an Richard Pynson 1518 erteilt, später mit solchen sehr freigebig umgegangen. In diesen Privilegien finden sich auch die ersten Spuren der Anerkennung eines geistigen Eigentumsrechtes, wennauch mehr in dem materiellen Interesse des Verlegers als dem des Autors. Die Privilegien gewährten nicht allein Schutz, sie waren auch eine Art von Empfehlung.

Der Druck „vieler ketzerischer und aufrührerischer“ Bücher war unter der Regierung der Königin Maria Veranlassung, dass die Buchdrucker, die, wie in Deutschland, zugleich Buchführer waren, 1556 in der Genossenschaft Stationers' company vereinigt wurden. Eigentlich handelte es sich nicht um ein neues Institut, denn schon 1403 bestand eine Vereinigung von Abschreibern, Rubrikatoren, Briefmalern, Papiermachern und Manuskriptenhändlern. Die Vorsteher waren für die einzelnen Mitglieder verantwortlich und nur solche durften Bücher drucken. Einige Jahre nachher wurde verfügt, dass jeder, der ein Buch druckte, es in das Register des Vereins eintragen lassen müsse, was ihn gegen den Nachdruck seitens anderer Mitglieder schützte.

Privilegien, Ver-
bote und Strafen.

Daneben blieben aber königliche Privilegien fortbestehen, die vielfach an Personen ausserhalb des Vereins erteilt und dann für grosse Summen an Mitglieder zur Ausnutzung verpachtet wurden. 1559 verordnete die Königin Elisabeth sogar, dass kein Buch ohne besondere Erlaubnis von ihr oder den von ihr dazu bevollmächtigten Personen erscheinen durfte. Dies wurde jedoch nicht allgemein befolgt, weshalb 1566 Konfiskation, Konzessionsentziehung, Gefängnisstrafen und Bürgschaftsscheine, kurz der ganze Apparat der Presspolizei-Massregeln eingeführt wurde, welchen man in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts in Deutschland so gut zu kopieren verstand. Da aber die Beschwerden immer noch nicht aufhörten, wurde bestimmt, dass mit Ausnahme der Universitätspressen in Oxford und Cambridge nur in London gedruckt werden dürfte. Unter Karl i. wurden auf Antrieb des Erzbischofs Laud 1637 sehr scharfe Verordnungen gegen den Buchhandel und die Presse erlassen und die Zahl der Londoner Buchdrucker auf 20 beschränkt, die der Schriftgiessereien auf 4. Dieselben durften nur je zwei Lehrlinge halten und waren solidarisch verpflichtet, alle Gehülfen zu beschäftigen, denn kein Gehülfe durfte feiern. Nur zu dem Abbrechen der Buchstaben war es gestattet, nicht gelernte Arbeiter zu nehmen.

Die Chapel.

In den Druckereien bildete das Personal eine sogenannte Kapelle und der älteste Gehülfe war der Vater der Kapelle. Eine Hauptaufgabe derselben war, durch Strafbestimmungen der Kasse vielen Stoff zuzuführen, so war es z. B. strafbar, seinen Winkelhaken fallen, oder drei oder mehr Buchstaben auf der Erde liegen zu lassen u. dgl. m. Die Strafen wechselten von 1-12 Pence; wer widerspenstig war, wurde über den Korrigiertisch gelegt und bekam zehn Pfund und einen Beutel dazu, d. i. elf Schläge auf einen gewissen Teil des Körpers. Jeder Neueintretende musste sein Bienvenue zahlen. Ein sehr beliebtes Spiel war das Raffeln mit Gevierten. Der, welcher die meisten Signaturen nach oben warf, war der Gewinner. Jedes Jahr wurden neue Papierfenster eingesetzt, da musste der Prinzipal eine Stoppelgans mit den nötigen Flüssigkeiten zum besten geben, bei welcher Gelegenheit man zugleich die mit der Druckerei Verkehrenden, mit Ausnahme der Korrektoren, brandschatzte. Die Setzer nannte man nach den Satzschiffen (galleys) Galeerensklaven.

Die Republik.

Die Versuche, während der Republik die Bücher dem freien Verkehr zu übergeben, blieben fruchtlos. 1643 erliess das Parlament eine Akte zur Unterdrückung der Missbräuche und Unordnungen. Dem Nachdruck trat man zwar entgegen, sogar der Buchbinder wurde durch das Binden von Nachdrucken strafbar, dagegen beschränkte man die Presse durch neue Edikte weiter und das Erscheinen der Bücher ward von einem vorherigen Erlaubnisschein (license) abhängig gemacht, was Milton zu seiner berühmten Rede für die Pressfreiheit Veranlassung gab.

Wiedereinfüh-
rung des König-
tums.

Die Wiedereinführung des Königtums hatte auch keine grössere Freiheit im Gefolge und es kam noch 1663 die Anordnung dazu, drei Exemplare jedes gedruckten Werkes an die Bibliotheken abzuliefern. Erst 1694 wurden die letzten Restriktivmassregeln gegen die Presse aufgehoben und von dieser Zeit ab kann man England als im Besitz einer freien Presse betrachten.

Mit dem ersten Viertel des xviii. Jahrhunderts hatte London 75 Buchdruckereien, die Provinzen deren 28. In London erschienen an Zeitungen 3 täglich, 10 dreimal die Woche, 5 einmal wöchentlich. Der Zeitungsstempel wurde 1712 eingeführt.

Das geistige
Eigentumsrecht.

Mit der Anerkennung des geistigen Eigentums war es auch schlecht genug bestellt, und das Verlagsrecht wurde eigentlich als ein dem König gehörendes betrachtet. Erst 1709 wurde das Autorrecht auf vierzehn Jahre garantiert und, wenn der Autor beim Ablauf dieser Frist am Leben war, auf noch weitere vierzehn Jahre.


Berühmte Buch-
drucker.

Unter den Ausübern der Buchdruckerkunst in England befanden sich zwar manche tüchtige Männer und die Kunst machte auch nach ihrer Einführung durch Caxton rasche Fortschritte; aber von solchen hervorragenden Familien, wie wir sie in Italien, Frankreich und Holland kennen gelernt haben, deren Mitglieder gleich bedeutend als Gelehrte und Kunstjünger waren, hören wir ebensowenig wie von solchen zeichnenden Künstlern ersten Ranges, wie die, welche eine Reihe von xylographisch-typographischen Kunstwerken in Deutschland schufen. Die Vorzüge der Engländer als Buchdrucker treten erst in der spätern Periode der Kunst, wo die Mechanik eine hervorragende Stelle einnimmt und die Buchdruckerei sich mehr dem Fabrikbetrieb nähert, in helles Licht.

Unter den mit Caxton nach England gekommenen Buchdruckern zeichnen sich namentlich Wynkyn de Worde und Richard Pynson aus.

Wynkyn de
Worde.

Wynkyn de Worde war in Lothringen geboren und ward Mitarbeiter und Nachfolger Caxtons, den er als Drucker bedeutend übertrifft. Er vollendete in dem Caxtonschen Lokal mehrere, von diesem unvollendet hinterlassene Werke, unter welchen die Canterbury tales. Später, wahrscheinlich 1499, bezog er die „Goldene Sonne“ in St. Bride, wo er eine grosse Anzahl, über 400, sehr sorgsam ausgestatteter Werke aus allen Fächern, namentlich jedoch grammatikalischen Inhalts, ausführte. Seine Typen sind ganz verschieden von den bis dahin verwendeten und zeichnen sich durch Schönheit des Gusses und vorzügliche Zurichtung aus. Wahrscheinlich war Wynkyn de Worde selbst Schriftgiesser, wenigstens deutet der Umstand, dass seine Schriften sich in den Werken anderer Druckereien häufig vorfinden, darauf hin. Selbst, wenn es nicht der Fall wäre, verdient Wynkyn de Worde als einer der bedeutendsten Typographen seiner Zeit geschätzt zu werden. Ob er oder Pynson die Antiqua zuerst in England verwendete, lässt sich nicht bestimmt entscheiden. Eins seiner schönsten Bücher ist der Polychronikon in Folio, aus d. J. 1495. Er starb hochbetagt 1534, wennauch eine Ausgabe von „Esop“ aus dem Jahre 1535 noch seinen Namen trägt. In seinem Druckerzeichen verband er das Monogramm Caxtons mit dem eigenen Namen. Mit seinem früheren Kollegen bei Caxton, jetzigem Rival, Pynson, verblieb er in dem besten Vernehmen.

Richard Pynson.

Richard Pynson stammt wahrscheinlich aus der Normandie. Er stand sehr in Gunst bei Hofe und wurde von Heinrich viii. zum Hofbuchdrucker ernannt. Mehr als 200 Werke gingen aus seinen Pressen hervor, sie waren hauptsächlich mit einer, mutmasslich aus Frankreich bezogenen Art semigothischer Schrift gedruckt, und reicher illustriert, als die Druckwerke seiner Vorgänger und Zeitgenossen. Er starb um das Jahr 1529.

Julian Notary.

Julian Notary druckte 1498 zusammen mit Jean Barbier, einem Franzosen und einem der vorzüglichsten Typographen damaliger Zeit. Man kennt aus ihren Pressen 23 Druckwerke.

Richard Grafton.


Ein Mann von hervorragender Bedeutung ist Richard Grafton, der wahrscheinlich während der letzten Lebensjahre Heinrichs viii. geboren ward und bis in die Regierungszeit der Königin Elisabeth lebte. Grafton war nicht allein ein bedeutender Geschäftsmann, sondern auch ein tüchtiger Autor und angesehener Bürger, der mit den Notabilitäten der Wissenschaft und des Adels in regem Verkehr stand. Sein Name ist besonders eng mit der Geschichte der Verbreitung der heiligen Schrift in England verknüpft, welcher hier, wie beinahe überall, viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt wurden, deren Ueberwindung oft mit wesentlicher Gefahr für Gut und Leben verbunden war. „Wir müssen die Buchdruckerkunst ausrotten oder sie wird uns ausrotten“, hatte ein bekannter englischer Geistlicher geäussert, und sein Ausspruch hatte lebhaften Anklang gefunden. Unter solchen Verhältnissen konnte es William Tyndale, ein Engländer, der nach Antwerpen gegangen war, nur im Auslande wagen, zuerst das Neue Testament und dann einen Teil des Alten zu übersetzen und zum Druck zu geben. Die Übersetzung, bei der ihn John Fryth und Joseph Roye unterstützten, ist ein Ergebnis der Energie und des Ernstes, welche die Reformatoren beseelten, und blieb eine Grundlage für alle späteren englischen Bibelbearbeitungen. Das Neue Testament wurde 1526 bei Quentell in Köln, das Alte von Hanns Lufft gedruckt. Der gegen diese Übersetzung in England begonnene Vernichtungskrieg wurde so gründlich durchgeführt, dass von 3000 Exemplaren nur eins, zudem ein defektes, auf uns gekommen ist. Tyndale beabsichtigte nun eine zweite Ausgabe des Neuen Testaments bei Martin Kayser in Antwerpen zu drucken. Aber auch auf fremdem Boden ereilte die Rache den Urheber. Kaiser Karl v. liess sich bestimmen, Tyndales Gefangennehmung und Auslieferung anzuordnen; nach achtzehnmonatlicher Einkerkerung wurde er gehängt und sein Leichnam verbrannt. Fryth kam 1533 in Smithfield auf den Scheiterhaufen, Roye erlitt dasselbe Schicksal in Portugal. Die Holländer druckten die Tyndalesche Übersetzung in grossen Massen nach.

Myles Coverda-
les Bibel.

Zwar änderte Heinrich viii., wenn nicht seine Gesinnung, so doch seine Haltung, nachdem Erzbischof Cranmer die Lösung des Bandes, welches ihn an Katharina von Aragonien fesselte, ermöglicht hatte; nichtsdestoweniger wagte man es aber doch noch nicht, eine Bibelübersetzung in England zu drucken. In dem Jahre 1535 erschien die von Myles Coverdale revidierte und vervollständigte Übersetzung Tyndales, jedoch in der Schweiz (ohne Angabe des Druckers Christoph Froschauer in Zürich), da man sich nicht der Verfolgungen enthoben glaubte, soweit die Macht Kaiser Karls v. reichte. Die nach derselben bearbeitete Matthews-Bibel erschien 1517 ebenfalls im Auslande, wahrscheinlich in Deutschland. 1538 bis 1539 liess Grafton in Verbindung mit Edward Whitchurch eine Bibel in Paris drucken, die aber in 2500 Exemplaren nebst den Pressen von der Regierung Franz i. mit Beschlag belegt wurde. Whitchurch, früher ein angesehener Kaufmann und Abgesandter Heinrichs viii. in Deutschland, heiratete später nach der Hinrichtung des Bischofs Cranmer (1656) dessen Witwe.

Cranmersche
Bibel.

Das Hauptbibelwerk, welches Grafton selbst druckte, bleibt aber die 1539-1541 erschienene Prachtausgabe, bekannt als die Cranmer- oder die Grosse Bibel. Die Type dieser Bibel, von der man sieben oder acht Ausgaben hat, ist eine schöne gothische; das Titelblatt wird Holbein zugeschrieben. Der Erzbischof Cranmer und Thomas Cromwell, Lord Essex, interessierten sich besonders dafür. Grafton musste es indes erleben, dass seine beiden Gönner durch Henkershand umkamen. Grafton druckte auch das erste autorisierte Gebetbuch nach dem protestantischen Ritus. Eines seiner schönsten Werke ist Edw. Halles Chronicle.

In ernste Verwickelungen kam Grafton, als er in seiner Eigenschaft als königlicher Buchdrucker nach Eduards vi. Tode die Proklamation Jane Grays als Königin druckte. Ihr Königtum dauerte bekanntlich nur 9 Tage und nach der Einsetzung der Königin Maria wurde Grafton gefänglich eingezogen, kam jedoch mit sechswöchentlichem Gefängnis, Einbusse von ihm noch zuständigen 300 £ und Verlust seines Amtes als Hofbuchdrucker davon. Er starb um 1572.

John Bydells
Bibel.

Von englischen Bibeln damaliger Zeit sind ausser den genannten zu erwähnen die John Bydells, eigentlich nur eine verbesserte Ausgabe der Matthewschen, und die „Bischofsbibel“ aus 1568, auch „Leda-Bibel“ genannt, weil die Briefe an die Hebräer als Kopfvignette eine Darstellung der Verbindung Jupiters mit der Leda zur Schau tragen.

Die autorisierte
Bibel.

Im Jahre 1604 wurden grosse Anstrengungen gemacht, um eine neue tüchtige Bibelübersetzung zu bewerkstelligen. Ein Edikt Jakobs i. stellte die Ernennung einer Kommission von 54 gelehrten Männern fest, welche, in 6 Sektionen geteilt, die Übersetzung besorgen und sich gegenseitig in der Arbeit kontrollieren sollten. Das Werk wurde 1611 durch George Baker fertiggestellt.

George Backer
u. George Lucas.

Teuer sollte diesem und George Lucas ein Druckfehler, die Weglassung des Wortes „nicht“ aus dem vii. Gebot, in einer von ihnen 1632 gedruckten Bibel zu stehen kommen. Die Auflage wurde konfisciert und die Drucker zu einer Busse von 3000 £ verurteilt. Dieses Geld wurde nach Bestimmung des Königs Karl i. grossenteils zum Ankauf von griechischen Matern und Typen verwendet, welche den königl. Buchdruckern zur Benutzung überlassen werden sollten, die dagegen jährlich wenigstens ein griechisches Buch auf ihre Kosten zu drucken hatten.

John Field.

Durch seine schlecht gedruckten Bibeln zeichnete John Field sich aus (um 1650). Es wurde ihm sogar nachgesagt, er habe sich von den Independenten bestechen lassen, eine Stelle nach ihren Ansichten zu fälschen. In einer seiner Bibelausgaben sind 3600 Fehler nachgewiesen, man sagt sogar, die Zahl sei eine noch viel höhere.

Thomas Roy-
crofft.

Eine in der englischen Bibeldruckgeschichte epochemachende Erscheinung ist die von Thomas Roycrofft (geb. 1718) gedruckte Waltonsche Polyglottbibel in sechs Foliobänden, in welchen neun Sprachen repräsentiert sind. Der erste Band erschien 1654, der letzte 1657; es war das erste Werk, welches in England auf Subskription erschien. Das Exemplar wurde zu 10 Pfund Sterl. geliefert und man sammelte bereits in zwei Monaten 900 Subskribenten. Sowohl Cromwell als Karl ii. unterstützten das Unternehmen und Cromwell gewährte Steuerfreiheit für das Papier. Als nach Cromwells Tode König Karl ii. an die Regierung gekommen war, liess Walton einige Dedikationsblätter, auf welchen er sich dankend gegen Cromwell ausgesprochen hatte, durch andere, dem König schmeichelhafte ersetzen, weshalb man von zwei Ausgaben, der republikanischen und der loyalen, spricht.

Als ein Appendix ist ein anderes grossartiges, durch Roycrofft gedrucktes Werk, das Lexicon Heptaglotton des Dr. E. Castell, 2 Bände in Folio 1669, zu betrachten. Der Verfasser setzte leider dabei nicht allein sein Vermögen von 12000 Pfund Sterl. zu, sondern stürzte sich auch noch in Schulden. Siebzehn Jahre hatte er täglich 16-18 Stunden daran gearbeitet und er musste ausserdem noch vierzehn Hülfsarbeiter, die sämtlich während des Druckes starben, in seinem Hause unterhalten. An diese beiden Unternehmungen schliessen sich die 1660 in 9 Foliobänden erschienenen: Critici sacri gedruckt von Cornelius Bee als verwandtes drittes.

Reynold Wolfe.

Sehr in Gunst am Hofe Heinrichs viii. stand der Deutsche oder Schweizer Reynold Wolfe (gest. 1574). Er war der erste Buchdrucker, der ein Patent erhielt, um lateinisch, griechisch und hebräisch zu drucken, und wurde überhaupt durch die vorteilhaftesten Privilegien begünstigt. Er druckte fast alle Schriften des Erzbischofs Cranmer.

John Day.

Als ein sehr tüchtiger Mann zeigte sich John Day. Er war in Suffolk geboren und hatte ein Geschäft von grosser Ausdehnung, das er während der Jahre 1544-1583 betrieb; doch setzte er seine Wirksamkeit, wie Grafton und Whitchurch die ihrige, während der Regierung der Königin Marie aus und gab sich in dieser Zeit mit Verbesserungen und Erfindungen ab. Seine schönen Schriften verschafften ihm den Namen des englischen Plantin und er brachte die Antiqua- und Cursivtype zu einer solchen Vollkommenheit, dass von nun ab die gothische Schrift (Black letters) so gut wie verschwand; auch die griechische Schrift vervollkommnete er und liess angelsächsische Typen schneiden. Von seinen Druckwerken nennen wir Cosmographical glasse (1559), mit seiner schönen Cursiv gedruckt und reich illustriert. Besonders geschätzt ist sein Queen Elizabeth's Prayerbook, eins der wenigen englischen Bücher, die in der Ausführung sich mit den französischen livres d'heures messen können. Als sein Hauptwerk gilt Fox's book of martyrs mit sehr guten Illustrationen. Day starb, reich an Jahren und Ehren, 1583. Er war zweimal verheiratet und hatte mit jeder seiner Frauen 13 Kinder.

Mit Ruhm verdient noch Thomas Vautrollier (1574-1588) aus Paris oder Rouen genannt zu werden, vorzüglich wegen seiner Ausgaben der Werke des 1600 in Rom verbrannten Giordano Bruno. Um Verfolgungen deshalb zu entgehen, zog er eine zeitlang nach Edinburgh, wo er vieles dazu beitrug, die dortige Buchdruckerkunst auf eine höhere Stufe zu bringen. Man kennt von ihm 78 Werke.

Thomas Guy.

Mit Dank zu erwähnen, wennauch nicht auf Grund seiner typographischen Leistungen, die sehr primitiver Natur waren, ist Thomas Guy (gest. 1724). Mit der Universität Oxford schloss er einen Vertrag ab, nach welchem er den Druck der heiligen Schriften in die Hand nahm. Hierdurch und durch Spekulationen, die jedoch zu den nicht allzu gut angeschriebenen gehörten, verdiente er ein kolossales Vermögen, von dem er aber für sich keinen Gebrauch machte, indem er im Gegenteil ärmlich und unverheiratet lebte. Mit einem Aufwand von einer viertel Million Pfund liess er das nach ihm genannte Hospital in London erbauen und machte ausserdem zu wohlthätigen und gemeinnützigen Zwecken grosse Schenkungen.

Sam. Palmer.

Bekannt durch die nach ihm benannte History of printing war Samuel Palmer (gest. 1732). Dieses Werk rührt jedoch nicht von Palmer selbst her; der eigentliche Verfasser hiess Palmanazar, und der zweite, praktische Teil, der noch folgen sollte, musste aufgegeben werden, weil seitens der Kollegen und der Schriftgiesser sich ein wahrer Sturm der Entrüstung gegen die durch ein solches Lehrbuch vermeintlich entstehende Schädigung des Gewerbes und Entwürdigung der Kunst erhob.

John Barber.

Im Jahre 1741 starb John Barber, der erste Buchdrucker Londons, der die Würde eines Lord Mayors bekleidete. Er stand in naher Berührung mit bedeutenden Männern seiner Zeit wie Lord Bolingbroke, Swift, Pope und anderen.

S. Richardson.

Bekannt als Schriftsteller, Buchhändler und Buchdrucker ist Samuel Richardson, der berühmte Verfasser der Romane „Pamela“, „Clarissa Harlowe“, „Grandison“ und anderer Werke. Er war 1689 als Sohn eines respektablen Tischlers geboren. Obwohl er nur eine ganz gewöhnliche Erziehung genossen hatte, gab er bald Beweise seines ausserordentlichen Talentes. In seinem fünfzehnten Lebensjahre entschied er sich aus Neigung für den Buchdruckerberuf. Nach sieben schweren Lehrjahren arbeitete er sechs Jahre als Gesell und Korrektor, worauf er selbst ein Geschäft anfing, in welchem er sich durch seine Pünktlichkeit und Ordnungsliebe bald Vertrauen erwarb. Er druckte unter anderen die ersten 26 Foliobände des Journals des Unterhauses. Richardson starb nach längeren Leiden, 72 Jahre alt, am 4. Juli 1761, nachdem ihm sechs Söhne im Tode vorausgegangen waren.

Oxford.



In OXFORD wurde die Buchdruckerei 1478 durch Theodor Rood aus Köln und Thomas Hunt eingeführt. Von 1486 bis 1585 ist eine vollständige Lücke in der Druckgeschichte Oxfords mit Ausnahme der Jahre 1517-1519. Nach der Begründung des Sheldonian theatre im Jahre 1669 wurden hier durch 50 Jahre viele vortreffliche Werke gedruckt und erst 1759 verschwindet die Bezeichnung e theatro Sheldoniano. Die später so berühmte sogenannte Clarendon Press trat 1713 in Wirksamkeit. Der Sohn Lord Clarendons hatte das Manuskript seines Vaters zu der Geschichte der englischen Revolution der Universität geschenkt und mit dem Erlös aus den gedruckten Exemplaren wurde die Druckerei, aus welcher eine grosse Anzahl wertvoller Werke hervorgegangen ist, gegründet. Um die Beschaffung von orientalischen und anderen Typen machte sich namentlich der Bischof Fell verdient. Im Jahre 1672 wurden 4000 £ zum Ankauf von Typen in Holland, Frankreich und England bestimmt, da derzeit keine Schriftgiesserei in England im Gange war. Eine solche erhielt Oxford 1677. Die Universitätsbuchdruckereien in Oxford und Cambridge erwarben auch das Alleinrecht auf den Druck der heiligen Schriften und der englischen liturgischen Bücher. In CAMBRIDGE wurde die erste Presse um 1520 durch Joh. Siberch, einen Freund des Erasmus, errichtet. In YORK druckte Hewe Goes aus Antwerpen, 1509 bis 1516, in welchem letzteren Jahre er nach London übersiedelte.

Schottland.

Nach SCHOTTLAND kam die Kunst 1507 durch Walter Chepman, der Kaufmann war und sich mit einem Praktiker Andreas Myllar verband. Nach Chepman ruhte die Pressthätigkeit Schottlands fast 30 Jahre lang. Erst im Jahre 1576 wurde die heilige Schrift von Thomas Bassandyne gedruckt; selbst in diesem Jahre besass Schottland weder griechische noch hebräische Schriften. Während der Bürgerkriege suchte jede Partei, welche die Macht hatte, hier wie in England die Presse auf jede mögliche Weise zu knechten. 1648 wurde sogar unter Androhung der Todesstrafe verboten, ohne Erlaubnis des Committee of Estates etwas zu drucken. 1661 erschien die erste Zeitung: Mercurius Caledonicus.

1671 erhielt Andreas Andersen, in Vertretung auch anderer Buchdruckereien Edinburghs, soweit gehende Privilegien, dass kein Buch ohne Andersens Erlaubnisschein gedruckt werden konnte. Später trat jedoch eine Beschränkung des Privilegs auf Parlamentsakte und heilige Schriften, so wie auf 41 Jahre ein. Andersen selbst druckte das Neue Testament so fehlervoll, dass es verboten wurde. Mit James Watson, der sich 1695 in Edinburgh etablierte, lag er in fortwährendem Hader, da Watson, Andersens Privilegium zum Trotz, druckte was er Lust hatte, bis ihm die Königin Anna durch ein Patent 1711 das Recht zum Drucken erteilte. Er veröffentlichte nun eine Reihe tüchtiger und sehr gut ausgestatteter Werke, von welchen ein Neues Testament aus d. J. 1715 von „unvergleichlicher Schönheit“ war.

Die Stereotypie.

Eine besondere Wichtigkeit hat Schottland als die vermeintliche Wiege der Stereotypie. Bei der weiteren Verbreitung der Buchdruckerkunst konnte es nicht fehlen, dass der Wunsch rege ward, teuere Satzwerke aufheben zu können, um nach Bedürfnis Exemplare zu drucken, ohne dass es nötig war, entweder grosse Kapitalien in Papier und Druck zu stecken, oder auch sich neue Satzkosten zu bereiten. Man konnte sich nicht verhehlen, dass die alten Bilderdrucker mit ihren Platten in dieser Beziehung einen Vorsprung gehabt hatten. Der Gedanke lag zwar nahe, die Schriftformen aufzuheben, aber erstens war das Verfahren bei umfangreicheren Arbeiten kostspielig, und ausserdem unsicher, da in dem beweglichen Satz leicht Fehler vorkommen konnten. Letzterer Umstand liess sich allenfalls beseitigen, indem man die Fussseiten der Buchstaben zusammenlötete, dadurch ging die Schrift aber für jeden anderen Zweck verloren. Wir haben bereits die Versuche van der Meys und Joh. Müllers kennen gelernt.

William Ged.

Die Priorität der Erfindung der Stereotypie, in dem Sinne wie wir jetzt von dieser sprechen, wird fast allgemein dem Schottländer William Ged zugeschrieben. Dieser, ein Goldschmied in Edinburgh, kam gegen das Jahr 1725 auf den Gedanken der Stereotypie. Mittellos, verband er sich mit einem wohlhabenden Mann, der jedoch misstrauisch gegen die Sache wurde und die nötigen Mittel herzugeben sich weigerte. Ged ging nun 1729 nach London und einigte sich mit einem gewissen Fenner und den Schriftgiessern James. Nach ihrem Verfahren wurde der Satz mit einer Gipsmasse übergossen und die Matrize in Schriftzeug abgegossen. Ged erhielt von der Universität Cambridge das Privilegium zum Druck einer Bibel und mehrerer Gebetbücher. Die Platten wurden jedoch auf Grund der grossen Masse von Fehlern, die durch Chicane entstanden sein sollen, unterdrückt. Ruiniert kam Ged wieder nach Edinburgh zurück. Doch gelang es ihm noch, im Verein mit einem dortigen Buchdrucker eine Ausgabe des Sallust (1739, 150 Seiten in 12°, mit Petit gesetzt) herzustellen, die sich jedoch keineswegs auszeichnete. Ged starb 1749. Das Prinzip, mag nun die erste Ausführung Ged, Valeire, van der Mey oder Müller gehören, sollte sich erst später nach den Verbesserungen durch Lord Stanhope für die Praxis vollständig bewähren.

Andr. und Rob.
Foulis.

Bedeutende Buchdrucker waren Andreas Foulis († 1774) und Robert Foulis († 1776) in Glasgow, letzterer druckte mehrere vorzügliche Ausgaben von Klassikern, bekannt ist namentlich die 1744 erschienene fehlerfreie Ausgabe des Horaz. Die erste Schriftgiesserei Schottlands errichtete Alex. Wilson und Bain 1742 in St. Andrews. Bei ihrer zunehmenden Geschäftsverbindung mit Irland und Amerika zogen sie nach Gamalachie, einem Dorfe bei Glasgow.

Irland.

In IRLAND wurde erst 1551 durch Humfrey Powell gedruckt und es dauerte lange, ehe die Kunst hier einigermassen heimisch wurde. Irische Typen wurden 1571 eingeführt und mit solchen ein Katechismus durch Joh. Kerney gedruckt. Noch bis zum Beginn des xviii. Jahrh. wurden beinahe alle bedeutenden Werke ausser Landes hergestellt. Später entstand in dem irländischen Nachdruck dem englischen Buchhandel ein böser Feind.


Zeitungswesen.

Das in England jetzt in einer so grossartigen Weise entwickelte Zeitungswesen hatte in seinen schwachen Anfängen manchen schweren Kampf zu bestehen[1].

Zur Zeit des Auslaufens der spanischen Armada (1588) fühlte die Königin Elisabeth das Bedürfnis, durch Mitteilungen über den genauen Stand der Sachen dahin zu wirken, dass die Besorgnisse betreffs der wirklichen Gefahren nicht durch unnötige Furcht vor nicht vorhandenen vermehrt würden. Sie ordnete deshalb das Erscheinen von The english Mercurie published by Autoritie an. Es erschienen hiervon 54 Nummern. An Nachfolgern, unter den Titeln Mercurius, Gazette, Diurnal etc., fehlte es nicht. Darunter waren Certain news of the present week, wahrscheinlich das erste politische Wochenblatt, Imperial and spanish news, das zweite.

Der Tatler und
der Spectator.


Von den periodischen Erscheinungen, die auch auf Belehrung und Unterhaltung des Publikums berechnet waren, hatten namentlich der von 1709 ab dreimal wöchentlich erscheinende Tatler (der Plauderer) herausgegeben von Rich. Steele, als Pseudonym Isaac Bickerstaff, und J. Addisons, 1711 begonnener, Spectator (Zuschauer) einen bedeutenden Leserkreis und grossen Einfluss. Ein Schlag für diese Blätter und die ganze periodische Presse war der 1712 eingeführte Stempel von einem halben Penny für Blätter von einem halben Bogen, von einem Penny für jeden Bogen. Hierdurch wurde der Preis von manchem Blatt verdoppelt, wodurch die Abnehmerzahl sich verminderte, was wieder zu weiteren Preiserhöhungen nötigte. Der Spectator war das einzige Blatt, das, ohne an Verbreitung einzubüssen, den Preis hatte verdoppeln können. 1731 begann das bis auf den heutigen Tag beliebte: The gentlemans Magazine. Von allen konkurrierenden Blättern hatte nur das London Magazine, von einem Consortium Londoner Buchhändler kräftigst begonnen, eine grosse Verbreitung (10000 Expl.) und einen längeren Bestand.

Beliebte Werke.

Der Prototyp aller Konversations- und Fachlexika war das 1719 erscheinende Dictionary of arts and science. Unter den Werken, die dem Buchhandel und den Buchdruckereien grossen Verdienst bereiteten, ist Dan. Defoes († 1731) Robinson Crusoe, das, abgesehen von den vielen Nachahmungen, in der ursprünglichen Gestalt, 41 Auflagen erlebte. Bunyans: The pilgrim's progress wurde fortwährend neu gedruckt. Shakespeare war noch nicht populär; die erste gesammelte Ausgabe seiner Bühnenstücke erschien, von zwei Schauspielern herausgegeben, 1623, in fol. Bis 1664 gab es von seinen Werken nur zwei Ausgaben, zusammen in kaum mehr als 1000 Exemplaren gedruckt. 1676 erschien General Catalogue of books 1666-1676, von Rob. Clavel, nach Fächern zusammengestellt und bis 1700 fortgesetzt.


Schriftgiesserei.

Dass die englische Buchdruckerei nicht ohne eine entsprechende Entwickelung der Schriftgiesserei zur Blüte hatte gelangen können, ist selbstverständlich. Die Zahl der Schriftgiessereien, die, wie erwähnt, anfänglich auf vier beschränkt war, ist bis heute eine verhältnismässig kleine geblieben. Von Bedeutung war Thomas James. Im Jahre 1710 kaufte er Matrizen in Holland und gründete nach seiner Rückkehr eine Giesserei. In Verbindung mit Ged hatte er auch in der Stereotypie experimentiert, was ihm direkt und indirekt Schaden brachte, denn seine Kunden, die Buchdrucker, betrachteten das Verfahren mit scheelen Augen als ein ihnen nachteiliges. Nach dem Tode von Thomas James (1736) vereinigte der Sohn John mehrere ältere Giessereien mit der seinigen und gelangte dadurch in Besitz einer grösseren Anzahl von Matrizen von der Zeit Wynkyn de Wordes bis auf die seine. Später erwarb Rowe Mores (geb. 1730) das Geschäft. Er ist bekannt als Verfasser eines Werkes über Schriftgiesserei und starb 1778 in unglücklicher Lage.

Will. Caslon.

Der bedeutendste der englischen Schriftgiesser war William Caslon, der England erst von dem Kontinent unabhängig machte. Er war in Cradley, Shropshire, geboren, arbeitete für Büchsenmacher als Graveur und bewies als solcher durch Ornamente seine Geschicklichkeit. Gelegentlich fertigte er auch für Buchbinder Stempel. Einige derselben kamen dem Buchdrucker John Watt zu Gesicht. Die Sauberkeit und Genauigkeit derselben liessen ihn folgern, dass Caslon wohl imstande sein würde, den Mängeln der englischen Schriftgiesserei abzuhelfen, und er verhiess ihm seine Unterstützung und Empfehlung, wenn er eine Schriftgiesserei errichten wollte. Seine Freunde liehen ihm 500 £ und er fing nun mit Eifer sein Werk an. Für die Bibelgesellschaft bekam er den Auftrag eine arabische Schrift zu schneiden. Als Unterschrift seiner Firma hatte er sich einiger von ihm geschnittener Antiqua-Buchstaben bedient, von welchen Sam. Palmer so entzückt war, dass er ihm auftrug, die ganze Schrift zu schneiden. Später wurde dies dem Palmer leid, da er gute Gründe hatte, es nicht mit den anderen Schriftgiessereien zu verderben, die durch Caslons überlegene Konkurrenz Schaden leiden mussten. Er suchte deshalb Caslon von seinem Vorhaben wieder abzubringen, was ihm jedoch nicht gelang. Caslon wendete sich an den Buchdrucker William Bowyer den älteren, mit dessen Hülfe nun seine prachtvolle Antiqua-Garnitur, die an Klarheit, Leserlichkeit und Gleichmässigkeit nicht viele ihresgleichen hat, vollendet wurde. In der Zeit von 1720-1780 wurden fast alle Werke von Bedeutung mit den Caslonschen Schriften gedruckt, die den Vergleich mit den Meisterwerken der früheren Periode der Kunst vollständig vertrugen und von späteren nicht übertroffen wurden. Er starb am 23. Januar 1766, 74 Jahre alt.