Das Gold.

1. Kapitel:
Das böse Land.

Weit, weit von hier liegt ein böses Land.

Es hat keinen fruchtbaren Boden, darin Getreide wachsen könnte und Gras und grüner Wald. In diesem Lande gibt es nur Steine, Steine und wiederum Steine. Hier und da zwischen dem Gestein ein bißchen armselige Erde und in der Erde verkrüppelte Weidenbüsche, dünne Halme, Moos und dergleichen.

Sonst aber nur Steine, soweit das Auge reicht. Mächtige Felsen, die zu den Wolken aufragen, und zwischen den Felsen tiefe, steile Klüfte und öde Täler, darin Bäche zwischen den Steinen dahinrinnen.

Nur drei Monate lang ist es dort Sommer.

Dann brennt die Sonne so stark, daß die Steine glühend werden. Armselige Blumen kommen aus der armseligen Erde hervor, und jämmerliche Insekten schwirren zwischen den Blumen umher. Aber gar bald wird es wieder Winter. Schnee stürzt herab, und Eis bedeckt die Bäche. Der Sturm rast, und von der Sonne sieht man fast nichts. Blumen und Insekten sind verschwunden.

Oben auf einem Felsgipfel hat der Adler sein Nest. Er fliegt weit umher, um Nahrung zu suchen; und manchesmal schreien seine Jungen wild vor Hunger, wenn er ihnen gar zu lange ausbleibt. Denn in dem bösen Lande ist nicht viel zu holen. In den Bächen schwimmen nur wenige Fische, und hin und wieder springt eilends ein Hase fort, wenn er sieht, daß kaum etwas Gras für ihn vorhanden ist, geschweige denn ein Kohlblatt. Zuweilen kommt ein Fuchs herbeigeschlichen, oder ein erschrockenes Mäuslein flieht von hinnen. Dann ist da der Bär, der den größten Teil des Winters in seiner Höhle verschläft. Und im Winter fliegen wilde weiße Seevögel schreiend übers Land hin, und reißende Wölfe kommen heulend herbei, mit heraushängender Zunge, und machen Jagd auf ein Renntier, das aus Leibeskräften läuft, bis es zu Boden stürzt.

Aber wenn es dort auch keine bunten Blumen und kein muntres Tierleben wie in den guten Ländern gab, so bargen die Felsen in sich doch seltsame Dinge.

Denn durch das Gestein gingen in die Kreuz und Quere so viele Metalladern wie nur in wenigen Ländern der Welt.

Da lag das schwere, graue Blei und das starke Eisen, das weiße Silber, das rote Kupfer und das schöne gelbe Gold. An manchen Stellen reichten die Adern bis an die Oberfläche und glitzerten in der Sonne, — falls sie schien.

„Das sollten die Menschen bloß wissen!“ sagte der Adler.

„Wer ist das: die Menschen?“ fragte das Gold, das neugierigste der Metalle, und kroch ganz aus dem Gestein hervor, um besser hören zu können. „Und was sollten sie wissen?“

„Die Menschen regieren die Welt,“ erwiderte der Adler. „Sie erlegen das stärkste Tier und sprengen den höchsten Berg, wenn es ihnen Spaß macht oder Vorteil bringt. Wie die Ameisen wimmeln sie über die ganze Erde hin; überall da sind sie zu finden, wo es ihnen gefällt. Und sind sie nicht zufrieden mit der Erde, wie sie ist, so arbeiten sie sie um.“

„Was sollten denn nun die Menschen wissen?“ fragte das Gold wieder.

„Zum Beispiel, daß du hier bist, mein Schatz!“ entgegnete der Adler. „Dann kämen sie gelaufen und nähmen dich fort.“

„Meinetwegen,“ sagte das Gold. „Ich habe ja gar nichts dagegen, ein bißchen in die Welt hinauszukommen. Wenn ich so daliege und funkle, so finde ich selber, daß ich schön bin, und daß sich viel aus mir machen ließe.“

„Ganz richtig! Die Menschen lieben dich über alles in der Welt. Du bist das Schönste, das sie kennen. Mit deiner Hilfe können sie bekommen, was sie wollen. Um dich zu gewinnen, arbeiten sie sich alt und grau und begehen die größten Verbrechen. Wer dich hat, ist reich und mächtig und wird geehrt. Wer dich nicht hat, ist nur ein Haderlump.“

„Ich habe Sehnsucht nach den Menschen,“ sagte das Gold. „Das sind offenbar Wesen, die etwas von den Dingen verstehen.“

„Und ich?“ fragte das Silber.

„Du hast auch deinen Wert,“ erwiderte der Adler. „Aber gegen das Gold kannst du nicht an. Ihm kommt keiner gleich, weder Kupfer, noch Eisen, noch Blei. Aber für euch alle haben die Menschen Verwendung; tausenderlei Dinge können sie aus euch herstellen. Wie gesagt, sie sollten nur wissen, daß ihr hier wäret!“

„Erzähl’ es ihnen,“ bat das Gold.

„Ja, sag’ es ihnen, sag’ es ihnen!“ riefen die andern.

„So töricht bin ich nicht,“ antwortete der Adler. „Wenn die Menschen nur wüßten, daß hier halb so viel Gold wäre, wie ich von meinem Horst aus schimmern sehe, so kämen sie zu Tausenden herbeigestürzt. Bevor eine Woche um wäre, würde es hier schwarz von Menschen sein. Das ganze Land würden sie umgraben und durchwühlen. Den Bären würden sie erlegen und mich desgleichen, wenn sie uns nur treffen könnten. Wir müßten in andere Gegenden entfliehen. Warum sollte ich all das Elend über uns bringen?“

„Das, was ein Elend für dich wäre, würde ein Glück für mich sein,“ sagte das Gold. „Und ein Glück wäre es wohl auch für die Menschen, da sie mich so hoch schätzen. Möchten sie doch nur kommen! Ich würde leuchten und glänzen, daß sie ihre Freude daran hätten.“

„Schon möglich,“ meinte der Adler. „Aber die Freude, die du ihnen bereiten könntest, wöge bei weitem nicht das Unglück auf, das du anstiften würdest.“

„Ich glaube dir nicht,“ sagte das Gold.

„Tu, was du willst!“ Der Adler schlug mit seinen breiten Flügeln. „Es spielt doch keine Rolle, denn hier sind keine Menschen, und es kommen auch keine hierher. Viele Meilen weit erstreckt sich das böse Land nach allen Seiten. Die Menschen würden vor Hunger und Durst umkommen, wenn sie hierher zögen. Aber es fällt ihnen ja auch nicht ein; denn sie wissen nichts von dem Schatze, der sich hier befindet.“

„Könnte man ihnen doch eine Botschaft senden!“ rief das Gold.

Der Adler antwortete nicht mehr, er war hoch in den Wolken entschwunden. —

Bald darauf stellten sich heftige Stürme und Regengüsse ein. Alle Bäche traten über ihre Ufer, alle Felsenspalten standen voll Wasser. Und als der Sturm sich legte, kam der Frost, härter als je. Das Wasser in den Spalten gefror bis auf den Grund; und an vielen Stellen wurden die Felsen gesprengt, so daß große Steine sich loslösten, ins Tal hinabrollten und zerschmettert wurden.

An einer Stelle kam auf dem Erdboden ein großer Klumpen Gold neben einen großen Klumpen Blei zu liegen. Als der Sommer anbrach, beschien die Sonne sie beide.

„Wenn doch ein Mensch kommen und mich finden möchte!“ sagte der Goldklumpen und glänzte mit der Sonne um die Wette.

„Auch ich will gefunden werden!“ rief der Bleiklumpen.

„Dich würde er nicht ansehen, wenn er hier wäre,“ sagte das Gold.

„Er sieht keinen von euch an, denn er kommt überhaupt nicht hierher,“ erklärte der Adler. „Ihr müßt euch damit begnügen, zu euerm eigenen Vergnügen zu glänzen.“

Da wurde es ganz schwarz vor den Augen des Jüngeren

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GRÖSSERES BILD]

2. Kapitel:
Die beiden Freunde.

Und doch kamen Menschen.

Eines Tages zogen zwei Menschen in das böse Land ein. Sie hatten große, wirre Bärte und eine Flinte über der Schulter, hohe Stiefel und alte, verschlissene Kleider. Man konnte sehen, daß sie von weit her kamen und eilig marschiert waren; und von Zeit zu Zeit drehten sie sich um, als fürchteten sie, daß jemand sie verfolgen werde.

Es waren zwei Freunde, die sich auf der Flucht befanden.

Der ältere von ihnen hatte ein Verbrechen begangen und darum im Gefängnis gesessen. Dort sollte er noch viele Jahre bleiben. Aber der jüngere liebte ihn und konnte es nicht ertragen, daß es dem andern so schlecht gehen sollte. Er begann daher, darüber nachzusinnen, wie er den Freund befreien könne; und schließlich fand er einen Ausweg. Mit seiner Hilfe brach der Gefangene aus, und im Dunkel der Nacht flohen sie beide, um ein Land zu suchen, wo niemand sie kannte, und wo sie in Frieden zusammen leben konnten.

„Jetzt sind wir außer Gefahr,“ sagte der Jüngere und blickte sich in dem bösen Lande um. „Hier sieht es aus, als hätte noch keines Menschen Fuß dieses Land je betreten; und sicherlich wohnt hier niemand. Unsers Bleibens ist hier nicht, denn hier ist nicht gut sein. Aber ausruhen wollen wir heut nacht und Kräfte sammeln und morgen weiterziehen.“

Sie ließen sich in dem Tale, in dem sie gerade waren, nieder und blickten vor sich hin. Der Jüngere sammelte Moos und machte davon ein Kopfkissen für seinen Bruder.

„Leg’ dich schlafen!“ sagte er.

„Du bist ja gleichfalls müde,“ erwiderte der andre.

„Schlafe du zuerst,“ sagte nun der Jüngere. „Ich will inzwischen wachen.“

Der Ältere dankte ihm und legte sich zum Schlafe nieder. Doch kaum hatte er seine müden Augen geschlossen, als der andere einen lauten Schrei ausstieß. Der Ältere fuhr empor und griff nach seiner Büchse, in dem Glauben, daß die Verfolger ihnen auf den Fersen seien. Aber der Jüngere zeigte nur sprachlos auf eine Stelle dicht in der Nähe.

Dort lag der Goldklumpen.

Er war ja ziemlich groß und hatte einen schönen Glanz! Aber in den Augen der beiden Männer wurde er doch noch hundertmal größer und bekam einen viel, viel stärkeren Glanz. Eine Weile saßen sie schweigend da und starrten den Klumpen an. Dann sprangen sie auf und setzten sich jeder auf eine Seite des Goldklumpens. Sie rührten ihn mit den Händen an und versuchten, ihn in die Höhe zu heben; sie brachten es kaum fertig. Um zu sehen, ob nicht vielleicht eine Sinnestäuschung, ein Traumbild sie narrte, schlossen sie die Augen und öffneten sie dann wieder. Alle Müdigkeit war von ihnen gewichen, und ihre Gesichter leuchteten mit dem Gold um die Wette.

„Jetzt sind wir reiche Leute!“ sagte schließlich der Ältere.

Der andere lachte vergnügt.

„Zuerst wollen wir mein Verbrechen mit Gold büßen,“ fuhr jener fort. „Sonst werd’ ich nicht wieder froh werden. Und es wird doch noch genug übrig bleiben.... ein ungeheures Kapital. Wenn wir es vernünftig anwenden, können wir noch mehr verdienen... Wir werden die reichsten Leute der Welt, bevor wir sterben.“

„Ja,“ sagte der andre.

„Glaubst du, daß es in der Welt einen größeren Goldklumpen gibt als diesen?“ fragte der Ältere.

„Nein,“ erwiderte der Freund.

So redeten sie weiter miteinander. Meistens sprach der Ältere... der Jüngere gab nur einsilbige Antworten; er konnte die Augen nicht von dem Goldklumpen abwenden. Es wurde Nacht, und die kalten Sterne blickten auf sie herab.

„Einer von uns muß wachen,“ sagte der Ältere. „Hier ist’s öde und leer, aber jetzt steht mehr als das Leben, jetzt steht unser Glück auf dem Spiel. Und man kann nie wissen, ob nicht jemand kommen und uns unsern Schatz rauben will.“

„Schlaf du,“ entgegnete der Jüngere.

Da legte sich der Ältere nieder und schlief bald ein.

In den andern Nächten auf ihrer Flucht hatte der Jüngere stets seinen Mantel über ihn ausgebreitet. Heute tat er das nicht. Er sah gar nicht nach ihm hin, dachte nicht an ihn, sondern starrte bloß auf den Goldklumpen, der im Sternenschimmer noch größer und seltsamer aussah.

„Seht ihr, was ich gesagt habe?“ rief der Adler.

„Ich leuchte,“ fiel der Goldklumpen ein.

„Nach mir sieht niemand,“ jammerte der Bleiklumpen verzagt.

Und als die Nacht vorschritt und die Sterne immer heller strahlten und das Gold leuchtete und leuchtete, da ereignete sich etwas Seltsames und Furchtbares zugleich.

Der jüngere der beiden Männer erlebte eine innere Umwandlung. Niemand kann erklären, wie es zuging; er selber am allerwenigsten. Bis zu seinem Tode blieb es ihm ein fürchterliches Rätsel. Aber wie er da so saß und auf den Goldklumpen starrte, und wie er dann den Kopf wandte und seinen schlafenden Freund betrachtete, da erfüllte sich das Geschick an ihm von Minute zu Minute und von Stunde zu Stunde.

Er hatte seinen Freund ehrlich geliebt; und weil er ihn liebte, hatte er ihm vergeben, daß er ein Verbrecher geworden war. Er selber hielt seinen Pfad rein. So leid es ihm tat, als er die Tat des Freundes erfuhr — seine Liebe hatte alles überwunden. Um des andern willen hatte er ja selbst ein Verbrechen begangen, indem er ihm zur Flucht verhalf. Und er hatte alles geopfert, um dem Freund zu folgen. Auf der Wanderung hatte er ihn gestützt, wenn er müde war, bei ihm gewacht, wenn er schlief, ihn mit seinem Mantel bedeckt, wenn ihn fror.

Aber als er jetzt da so saß und den Freund und den Goldklumpen betrachtete, da entwich das alles, Stück für Stück, seinem Gedächtnis. Er wußte nichts mehr von seiner Liebe. Der, der da schlafend neben ihm lag, kam ihm auf einmal wie ein Fremder vor.... wie ein Fremder, mit dem er das Gold teilen sollte.

Wäre dieser Fremde nicht gewesen, so hätte der ganze Klumpen ihm ganz allein gehört.

„Seht ihr’s?... Seht ihn an!“ rief der Adler. „Das Gold verwüstet seine Seele.“

„Ich glänze,“ sagte der Goldklumpen.

Und immer verwirrter wurden die Gedanken des Mannes, während das Gold leuchtete, wie es noch nie geleuchtet hatte.

Er starrte auf seinen schlafenden Freund; und ein Gefühl des Hasses beschlich ihn. Wenn er auf das Gold sah, erschien ihm die Welt groß, hell und reich. Und wenn er den Freund ansah, dann wurde das Leben schwer und bitter und elend.

„Wie hübsch ich bin!“ sagte das Gold. „Ich liebe es, wenn mein Glanz sich in seinen Augen widerspiegelt.“

„Du bist entsetzlich,“ sagte der Adler.

„An mich denkt niemand,“ murrte der Bleiklumpen.

Da wurde es ganz schwarz vor den Augen des Jüngern.

Er stöhnte leise, griff sich an den Kopf und zitterte. Dann sprang er auf, setzte sich aber sofort wieder. Er tastete mit den Händen auf der Erde herum und bekam den Bleiklumpen zu fassen; schaudernd ließ er ihn wieder los, ergriff ihn von neuem, hob ihn hoch empor und zerschmetterte den Kopf seines schlafenden Freundes damit.

„Seht.... seht!“ schrie der Adler.

Dann erhob sich der Mann, nahm den Goldklumpen auf die Arme und verließ das Tal auf dem Wege, den er gekommen war. Schweren Schrittes ging er dahin, hin und her schwankend wie im Rausche. Das Gold lud er auf die Schulter; und die Sterne schienen darauf, so daß es fortfuhr zu leuchten, während er es forttrug.

Neben dem Toten lag der Bleiklumpen.

„Nun spielst du mit!“ rief der Adler. „So sind die Menschen.“

Aber er bekam keine Antwort; so entsetzt waren alle über das Geschehene.

Die Nacht verrann, und im Osten dämmerte der Tag.

Der Bär fand sich ein und fraß von dem Leichnam, und der Adler desgleichen. Nachher kam auch der Rabe herbei und fand eine Herrenmahlzeit an dem, was die andern übriggelassen hatten.

Der Regen peitschte, und der Sturm schlug das Gestein los, und es zerschmetterte und begrub die Gebeine des Toten. Bald war jede Spur von ihm verwischt, und das Land war böse und öde wie zuvor. Zwischen den Steinen aber lag der Bleiklumpen mit einem großen roten Fleck auf der einen Seite.

3. Kapitel:
Die Goldgräber.

Einen Monat später kam ein Trupp Goldgräber in das böse Land. Es waren sieben Mann, die recht wunderlich aussahen. Sechs davon waren große, wilde Burschen mit mächtigen Bärten und einer Flinte auf der Schulter und mit Dolch und Pistole im Gürtel. Der siebente war ein kleiner armseliger Gesell; er war ihr Koch, Diener und Schuhputzer und stets bereit, alles zu tun, wenn er nur einen kleinen Anteil an dem Golde bekam.

Denn des Goldes wegen waren sie gekommen. Sie hatten den ungeheuren Goldklumpen gesehen, der in dem bösen Lande gefunden worden war; und jener Mann, der ihn mitgebracht hatte, verplapperte sich eines Tages in der Trunkenheit, so daß sie die Spur leicht finden konnten: Gleich am Tage ihrer Ankunft begannen sie mit der Arbeit. Sie schlugen ein Zelt auf und zündeten mehrere Feuer an; und dann zerstreuten sie sich im Tale; und ihre Hacken erklangen, während ihre Augen gierig zu Boden starrten.

„Hier!“ rief einer von ihnen.

Da liefen die andern hinzu; und sie sahen, daß da wirklich Gold war. Aber der, der es zuerst entdeckt hatte, wählte sich eine Stelle aus, die sein eigen war. Die andern suchten in einiger Entfernung, und alle fanden Gold.

Schwieg aber einer, während seine Hacke sich eifrig bewegte, so geschah das, weil er mehr gefunden hatte als die andern und Angst hatte, daß sie es ihm wegnehmen möchten.

„Seht ihr’s!.... Seht ihr’s!“ rief der Adler.

Und bald war noch mehr zu sehen. Denn Tag für Tag kamen neue Scharen.

Niemand konnte sagen, wie die Kunde von dem Golde verbreitet worden war; aber sie flog mit Blitzesschnelle über die Welt hin.

Aus allen Teilen der Erde kamen immer mehr und mehr Menschen in einem endlosen Aufzuge herbei. Alte und Junge, Männer und Frauen, Kranke und Gesunde, Reiche und Arme. Einige sprangen über Stock und Steine, und andre schleppten sich auf Krücken herbei. Manche kamen mit Pferd und Wagen, Vorräten und gedungener Mannschaft; andre hatten nichts als ihre Fäuste. Wie groß aber auch der Unterschied war — der Ausdruck ihrer Augen war der gleiche. In ihnen allen flackerte der Hunger nach dem Golde.

Sie hatten die Heimat verlassen und alles, was ihnen lieb war, und waren bereit, die größten Mühen und Gefahren zu überwinden, wenn sie nur Gold fanden. Der eine hatte eine Schuldenlast zurückgelassen und der andre ein einträgliches Geschäft. Der eine hatte alles verkauft, was er besaß, um sich das Reisegeld zu verschaffen; ein andrer hatte seinen Bruder bestohlen, um in das Goldland ziehen zu können.

Durch unwegsames Gebiet waren sie gezogen... durch dichte Wälder, Moore und Steppen, über Meer und Land. Viele blieben vor Erschöpfung und Entbehrung unterwegs liegen und kamen um, weil keine Hand sich regte, um ihnen zu helfen. Jeder der Gesunden fürchtete ja, er könne vielleicht eine Stunde zu spät kommen, und ein andrer könne den Goldklumpen finden, auf den man selber hoffte. So blieben die Kranken und Toten am Wege liegen; und keinem drückte Freundeshand die Augen zu.

Und als die Schar der Goldsucher das böse Land erreichte, da teilten sie es unter sich. Im Tale und auf den Felsen war bald ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen. Den langen Tag hindurch hackten und gruben und wühlten die Leute mit zusammengebissenen Zähnen und stieren Augen. Unter ihnen waren solche, die an die Arbeit in Feld und Wald gewöhnt waren; sie ermüdeten nicht. Aber auch solche, die nie mit den Händen gearbeitet hatten: Lehrer, Priester und Gelehrte; denen erging es nicht so gut. Sie brachen bei der Arbeit zusammen und mußten dann als die Diener der andern ihr Dasein fristen.

Einige — und das waren die Klügsten — ließen die Goldgräber sich abrackern, soviel sie Lust hatten, und eröffneten selber eine Wirtschaft, eine Spielbank oder einen Laden. Sie meinten, das Gold werde dann schließlich doch zu ihnen kommen, und das tat es auch. Wenn einer Gold fand, so glaubte er, auf sein Glück trinken zu müssen; und oft vertrank er den ganzen Gewinn. Hatte aber einer keinen Erfolg gehabt, so mußte auch er trinken und verbrachte alle Habe, die er aus der Heimat mitgenommen hatte, oder trank auf Borg, solange der Wirt ihm Kredit gab.

Machte jedoch einer einen großen Fund und begann er dann nicht zu schlemmen und zu schwelgen, so hatte er weder Ruh noch Rast, sondern war wie ein gehetztes Tier im Walde.

Denn er kannte ja die andern Goldgräber und wußte, daß nur wenige von ihnen davor zurückschrecken würden, zum Dieb oder Mörder zu werden, bloß um den Goldklumpen zu bekommen. Darum wagte der glückliche Finder nicht einzuschlafen und seinen Schatz einen Moment aus den Augen zu verlieren. Wie ein Verbrecher mußte er des Nachts mit seinem rechtmäßigen Eigentum fortschleichen, um die nächste Stadt zu erreichen und den Klumpen in der Bank gegen gute Goldstücke umzutauschen. Und hinter ihm her schlichen Leute mit Revolvern in der Tasche und mit Mordgedanken im Sinne.... um ihm in einsamer Gegend aufzulauern und ihm das Gold zu entreißen.

Kein Tag verging ohne Revolverschüsse und Todesgeschrei, kein Tag, ohne daß ein Dieb gehängt wurde.

„Seht ihr’s!.... Seht ihr’s!“ rief der Adler. „Es ist gekommen, wie ich prophezeit habe. Überall, wo das rote Gold schimmert, erwächst Unheil und Verbrechen. Wer nichts findet, wird schlecht und mißgünstig. Und wer etwas findet, wagt nicht froh zu sein, aus Furcht, das Gefundene wieder einzubüßen.“

„Ich glänze!.... Ich glänze!“ rief das Gold.

„Wann kommt die Reihe an uns?“ fragte das Eisen. „Wir liegen hier, gewaltig und groß, und niemand schenkt uns Beachtung.“

„Wer wird euch beachten, wenn ich hier bin!“ erwiderte das Gold.

Der Adler sagte nichts, denn eine Kugel pfiff an seinem Kopfe vorbei. Er lüftete die Flügel und schwebte in großen Kreisen hoch über Schußweite empor. Erst als es Abend wurde, wagte er es, zu seiner Felsenspitze zurückzukehren.

Dort saß er und sah melancholisch über das Tal hin.

Als der kurze Sommer vorüber war, wurde es nicht besser. Die, die Glück gehabt hatten, waren fortgezogen, und auch der Gastwirt packte sein Zelt auf den Wagen und fuhr von dannen, reicher als alle andern. Aber viele blieben zurück.

Sie konnten die Hoffnung nicht aufgeben.

Der eine hatte etwas gefunden und meinte, es müsse noch mehr folgen. Der andre hatte nichts gefunden und hoffte dennoch. Ein andrer hatte seinen glücklich eroberten Schatz verpraßt und dann sein Tun bitter bereut und sich gelobt, verständiger zu sein, wenn das Glück ihm noch einmal hold wäre.

So gruben und gruben sie in der gefrorenen Erde, bis der Schnee sie eines Tages überraschte.

Doch noch ließen sie den Mut nicht sinken. Große Feuer flammten allerorten im Tale auf. Aber sie reichten nicht aus, um die Unglücklichen zu erwärmen. Der Schneesturm brauste, — aber sie fanden den Weg nicht mehr, der sie aus dem bösen Lande hinausführte.

Rings starben sie wie Fliegen, und die Leichen blieben unbegraben, während die Überlebenden wie wilde Tiere um einen Bissen Brot oder einen Schluck Branntwein kämpften. Und die wilden Tiere selber kamen und fraßen die Leichen vor den Augen der Lebenden... Wölfe und Füchse, Geier und Bären. Die Sperlinge kamen, wie sie immer dahin kommen, wo Menschen sind, sahen sich aber bitter enttäuscht. Denn sie fanden keine freundlichen Gärten vor, in denen sie Obst hätten stehlen können... keine Getreidefelder... keine Hausfrau, die der Vöglein gedachte, wenn sie mit den Ihren warm und wohlgeborgen im Hause saß.

Und wieder wurde es Sommer, und neue Scharen trafen ein aus allen Teilen der Welt.

Dieselbe Geschichte begann von neuem, nur grauenhafter und schrecklicher war alles. Denn jetzt war nicht mehr so viel Gold vorhanden; und das, was da war, war so in die Felsen eingekeilt und so gut verborgen, daß es ungeheure Mühe kostete, es zutage zu fördern.

Die Folge davon war, daß die Goldgräber noch mehr Enttäuschungen und Kummer erlebten als im vorigen Jahre. Viele gaben sich selbst den Tod und verwünschten sterbend diejenigen, die ihnen das böse Land als einen so glücklichen Ort geschildert hatten, wo sie sich nur zu bücken brauchten, um reich zu werden.

Als der Winter kam, lag das Land voller Leichen. Ein Einsamer schleppte sich mühsam über die Berge fort und kehrte in die Heimat zurück, wo er erzählte, daß kein Gold mehr zu finden sei.

Der Adler aber saß hoch auf seiner Felsenspitze und überschaute das ganze.

4. Kapitel.
Der Jüngere.

„Wo bleiben die Menschen?“ fragte das Eisen, als der Sommer wiederkehrte und das Land öde und leer war wie früher, bevor das Gold entdeckt wurde. „Adler in hoher Luft.... siehst du sie?“

„Gewiß!“ erwiderte der Adler. „Die, deren Leichen nicht hier im Tale verfault sind, wohnen in Ländern, wo es sich besser sein läßt als hier. Die, die durch das gefundene Gold reich geworden sind, haben sich in den schönsten Gegenden der Erde niedergelassen. Die, die arm geworden sind, schlagen sich durch, so gut es geht. Weit, weit von hier hab’ ich neulich auf meinem Fluge ein Land gesehen, wo man auch Gold gefunden hat. Dahin geht jetzt der Strom.... dort herrscht jetzt jenes grauenhafte Treiben, das ihr bei uns kennengelernt habt.“

Das böse Land sah aus, als wäre es von einem Erdbeben verwüstet. Die Erde war aufgerissen, die Felsen waren zerschmettert, Werkzeug und menschliche Gebeine lagen überall zerstreut, die Hütten waren eingesunken. Es konnte keinen häßlicheren Anblick geben als diese Ruinen der Goldgräberstadt. Das Moos, das auf den Steinen wuchs, und das armselige Gras, das sich wieder hervorwagte, jetzt, wo kein Fuß es niedertrat, die spärlichen Blumen und die Schmetterlinge, die einen Tag lang umherflogen und dann starben — sie alle sprachen davon, eine wie böse Zeit es gewesen.

„Ja.... das Land ist nicht wiederzuerkennen!“ schalt der Adler.

Und das Blei, das Eisen, das Kupfer und das Silber, die rings wirr umherlagen, seufzten und gaben dem Adler recht. Bei der wilden Jagd nach dem Golde waren sie hervorgewühlt und ausgegraben worden. Sie sehnten sich nach jener Welt, in die das Gold gewandert war, und wußten ihrer Sehnsucht keinen Rat.

„Wann kommt unsre Zeit?“ fragte das Blei.

„Was weiß ich davon?“ erwiderte der Adler. „Aber sie kommt einmal. Die Vernunft siegt immer erst zuletzt.“

„Ich sehne mich so sehr!“ rief das Blei.

„Du hast doch jetzt einen Vorgeschmack von den Menschen bekommen,“ sagte der Adler. „Mit dir hat jener erste Mann seinen Freund erschlagen, um den großen Goldklumpen für sich allein zu haben.“

„Ich sehne mich,“ rief auch das Eisen.

„Und was du gesehen hast, erschreckt dich nicht?“ fragte der Adler.

„Nicht im geringsten. Ich bin nicht wie das Gold. Ich mache die Menschen nicht verrückt, sondern ich mache sie stark. Ich bin selber stark und gar nicht eitel auf meinen Glanz; ich möchte nur Nutzen stiften. Als die Menschen hier waren, habe ich ja selber gesehen, was ich für sie bedeute. Überall war ich... in dem Spaten, mit dem sie nach dem Golde gruben, in der Büchse, in dem Topf, in dem sie ihr Essen kochten, in dem Messer, mit dem sie ihr Brot schnitten... ja selbst in ihren Stiefelsohlen, mit denen sie auf dem Felsen umhertraten. Ich bin gut, ich stifte Nutzen, ich darf mich in die Welt hinaus wünschen.“

„Das darfst du,“ sagte der Adler, „und du kommst auch hinaus. Das Gold wird dich holen. Für Gold bauen sie Bergwerke, um dich aus dem Felsen zu gewinnen, für Gold legen sie Eisenbahnen an, um dich dorthin zu fahren, wo du gebraucht werden sollst. Für Gold gewinnen die Menschen Eisen wie alles andere in der Welt. Warte nur... deine Zeit wird schon kommen. Als sie hier waren, da waren sie blind vor Goldhunger. Wenn sie einmal wiederkommen und mit ruhigen Augen dreinsehen, dann werden sie begreifen, daß auch du Reichtum für sie bedeutest, obschon du nicht leicht zu erringen bist.“

Dann schwiegen sie beide, und alles war still im Lande, Tag auf Tag, wie früher. Der Adler flog seinen Weg oder saß auf seiner Felsenspitze, die Gebeine im Tale verfaulten, und die Metalle brüteten über ihren Zukunftsträumen. Ein kurzer Sommer folgte auf den langen Winter, und ein Jahr löste das andere ab.

„Da kommt wahrhaftig ein Mensch!“ rief eines Tages der Adler.

„Er kommt, um mich zu holen!“ schrie das Eisen vergnügt.

„Und mich! Und mich! Und mich!“ riefen das Silber, das Blei und das Kupfer.

„Er sieht nicht danach aus, als ob er irgend etwas holen wollte,“ meinte der Adler. „Es ist ein uralter Mann... nur mühsam kommt er vorwärts, Schritt für Schritt... und er stützt sich auf einen Stock... er kann ja kaum die Beine vorwärtsbewegen.“

Und so war es wirklich.

Haupt- und Barthaar des Mannes waren weiß. Seine Augen waren tief eingesunken, und der Blick schweifte unstet umher. Sein Mund war müde und betrübt, seine Beine zitterten.

„Mich dünkt, ich habe diesen Mann schon einmal gesehen!“ sagte der Adler.

Langsam schritt der Mann im Tale vorwärts; schwer stützte er sich auf seinen Stock. Es sah aus, als suchte er etwas; denn er sah sich zwischen den Felsen um, berührte mit seinem Stock die Steine, blieb stehen und dachte nach.

„Hier muß es gewesen sein,“ sagte er vor sich hin. „Ich kenne ja die Stelle so gut... wachend und träumend hab’ ich sie vor mir gesehen.“

Nun setzte er sich auf einen Felsblock und sank ganz in sich zusammen. Der Adler reckte den Hals vor, starrte und lauschte. Und auch der Bach lauschte und das Metall im Felsen.

„Sieh! Sieh! Da ist ja der Bleiklumpen! Er ist noch immer rot von seinem Blute!“ sagte der Mann.

Da erkannte ihn der Adler, und er rief: „Es ist der jüngere von jenen beiden, die als die ersten Menschen unser Land betraten.“

Und nun wußten auf einmal alle im Lande, daß dieser alte Mann derjenige war, der vor vielen Jahren seinen Freund erschlagen hatte, um den großen Goldklumpen allein für sich zu behalten.

Aber der Mann erhob sich und starrte den Bleiklumpen mit verzerrtem Gesicht an.

„Keine ruhige Stunde habe ich seit jener furchtbaren Nacht gehabt,“ murmelte er. „Wachend und träumend habe ich mein Opfer vor mir gesehen. Das Gold hat mich nicht froh gemacht... das Essen hat mir nicht gemundet... kein Mensch hat mich zu trösten vermocht. Weder Arbeit noch Genuß haben mich das Geschehene vergessen lassen.“

Mit zitternder Hand streckte er seinen Stock vor und berührte den Bleiklumpen.

„Mit dem da hab’ ich’s vollbracht. Ich muß von Sinnen gewesen sein... das grauenhafte Gold hat in der einen Nacht einen andern, entsetzlichen Menschen aus mir gemacht. Im Augenblick war geschehen, was nie wieder gutzumachen war.“

Nun warf der Mann seinen Stock fort und suchte in seinen Taschen. Er nahm ein paar Goldstücke hervor und warf sie auf die Erde. Es waren fünf Dukaten, und jetzt leuchteten sie zwischen den Steinen.

„Ich habe alles mit mir genommen, was von meinem Reichtum übriggeblieben ist. Das andre habe ich verpraßt und verschenkt. Diese Goldstücke hier werfe ich wieder in das böse Land, aus dem sie gekommen sind... Verfluchtes Gold! Verfluchtes Gold!“

Dann warf er sich vornüber gegen den Bleiklumpen und zerschmetterte sein Haupt. Das Echo seines Schreies aber hallte durch das öde Tal hin:

„Verfluchtes Gold!.... Verfluchtes Gold!“

„Habt ihr’s gesehen? Habt ihr’s gehört?“ rief der Adler.

5. Kapitel:
Der erste Dukaten.

Die Sonne schien wieder auf das böse Land.

Eisen, Blei und Kupfer brüteten träumend vor sich hin, das Silber leuchtete matt und betrübt. Auf der Felsenspitze saß der Adler und blickte in die Welt hinaus. Das Moos grünte, der Bach war blau, und die Blumen waren so schön, wie sie es in ihrer Armseligkeit nur sein konnten. Der Fuchs schlich im Tale umher, ohne Nahrung zu finden. Die Gebeine der Goldgräber waren zerfallen und durch herabgefallene Felsstücke zerschmettert worden. Und den letzten Toten — den Jüngeren, der so alt geworden war — hatte der Fuchs selber mit verspeisen helfen.

Mitten in dem Tale lagen die fünf Dukaten.

Sie waren mit Erde bedeckt gewesen, aber der Regen hatte sie wieder reingewaschen. Nun glänzten sie und warfen die Sonnenstrahlen zurück, so daß man es fast nicht ertragen konnte, sie anzusehen.

„Ja — nun seid ihr also wieder hier!“ rief der Adler. „Geprägt und gestempelt seid ihr, und doch hat das alles jetzt gar keinen Zweck mehr. Ihr seid wieder den andern Metallen gleich — liegt in der Erde und wartet und sehnt euch. Aber ihr sehnt euch mehr als die andern. Denn ihr habt euch draußen in der Welt umgesehen und habt Geschmack bekommen an Gutem und Bösem.“

„Wir wollen wieder in die Welt hinaus!... Wir wollen fort!.... Wir wollen nach Hause!“ schrien die fünf Dukaten wirr durcheinander.

„Pah!“ erwiderte der Adler. „Von hier holt euch niemand fort. Ihr seid fertig, Kinderchen! Mit euch ist’s aus!“

„Erzählt uns ein wenig von der Welt, in der ihr wart!“ sagte das Eisen.

„Erzählt uns von den Menschen!“ bat das Blei.

„Glaubt ihr nicht, daß sie auch uns holen kommen?“ fragte das Kupfer.

„Ach, warum haben sie nicht an mich gedacht?“ rief das Silber. — „Bin ich nicht auch schön?“

„Die Menschen sind böse... die Menschen sind gut... Schweigt still und laßt mich erzählen! Ich habe mehr erlebt als du.“

Die fünf Dukaten schrien durcheinander.

„Hört nicht auf sie!“ mahnte der Adler. „Sie können euch nichts erzählen, was ihr nicht schon von mir wißt. Ich fliege hoch über der Welt und sehe alles.... nichts entgeht meinem Blick.“

„Teufel auch!“ rief der erste Dukaten. „Was kannst du denn aus der Luft sehen? Du kannst ja den Menschen nie nahekommen... du hast Angst vor ihnen!“

„Bist du etwa in ihrer Tasche gewesen?“ fragte der zweite Dukaten. „Hast du ihr Herz klopfen hören?“

„Hast du ihre Augen um deinetwillen strahlen sehen?“ fiel der dritte Dukaten ein. „Hast du sie toll gemacht vor Glückseligkeit?“

„Bist du je schuld daran gewesen, daß sie bis zum Tode verzweifelt waren?“ fragte der vierte Dukaten. „Haben sie je deinetwegen schlaflose Nächte gehabt?“

„Bist du etwa bei ihnen in ihrem stillen Kämmerlein gewesen?“ rief der fünfte Dukaten. „Hat ihre Hand dich gestreichelt, hat ihr Mund dich geküßt? — Nichts weißt du von den Menschen!“

„Erzählt!“ bat das Eisen flehentlich. „Erzählt doch alle, was ihr wißt... einer nach dem andern. Wir können nie genug hören... Wir sehnen uns so... Fangt an!“

„Ich mag das nicht mit anhören,“ rief der Adler.

Er lüftete die Flügel, blieb aber dennoch sitzen.

Und nun ergriff der erste Dukaten das Wort und erzählte:

„Ich bin einmal bei einem Gastwirt gewesen —“

„Nein, nein!“ rief das Eisen dazwischen. „Du sollst hübsch ordentlich mit dem Anfang beginnen, wir wollen uns nicht das geringste entgehen lassen. Du bist doch wohl mal ein Klumpen gewesen, hast mit im Berge gelegen?“

„Allerdings,“ gab der Dukaten zur Antwort. „Das ist aber schon sehr, sehr lange her. Mir ist seitdem so fürchterlich viel passiert, daß meine Kindheit mir fast aus dem Gedächtnis entschwunden ist. Ja... wart einmal... jetzt entsinne ich mich. Ich lag im Klumpen an einer wilden, öden Stelle. Ungefähr wie hier sah es aus. Je mehr ich mich umschaue, desto mehr scheint mir meine Heimat diesem Tale hier zu gleichen. Auch dort saß ein Adler auf der Felsenspitze... und es gab dort gleichfalls Silber und Blei und Eisen und Kupfer; nur lag es nicht so offen, der Boden war nicht so aufgewühlt wie hier.“

„Früher war’s hier auch anders!“ sagte der Adler. „Aber erzähle nur weiter!“

„Jetzt erinnere ich mich... neben dem Goldklumpen, der mich enthielt, lag ein Bleiklumpen. Und dann kamen zwei Männer, die fanden mich... ein alter und ein junger. Und der junge erschlug mit dem Bleiklumpen den alten... und trug mich und den ganzen Goldklumpen, in dem ich war, fort. Jetzt weiß ich wieder alles ganz deutlich... er hatte große Angst und lief und versteckte sich vor jedem Laut in der Luft.“

„Wir haben ihn gesehen!“ sagte der Adler.

„Wir haben ihn gesehen!“ fielen auch die andern ein.

„Du bist hier aus dieser Gegend!“ erklärte der Adler. „Du warst in dem ersten Goldklumpen enthalten, der von hier weggetragen wurde.“

„Herrgott!“ rief der erste Dukaten. „Dann sag’ ich auch allen guten Tag! Seid mir nicht böse, weil ich euch nicht wiedererkannt habe. Aber ihr wißt ja: wenn man so lange draußen in der weiten Welt gelebt hat....“

„Dann wird man ein feiner, großer Herr,“ fiel der Adler ein. „Das kennen wir. Aber weißt du auch, daß der Mann, der dich hierher getragen und dich und deine vier Geschwister von sich geworfen hat, derselbe war, der damals seinen Freund erschlug und den Goldklumpen aus diesem Lande mit sich nahm?“

„Nein, wirklich!“ rief der Dukaten. „Die Sache wird ja immer merkwürdiger. Ich hab’ ihn gar nicht erkannt.... die Menschen gleichen sich alle, und ich bin in so vielen Händen gewesen.“

„Allerdings!“ bestätigte der Adler.

Doch das Eisen bat: „Erzähle! Erzähle!“ Und das Blei und das Kupfer und das Silber stimmten mit ein.

„In der Stadt brachte der Mann den Klumpen auf die Bank,“ fuhr nun der Dukaten in seiner Erzählung fort. „Da bekam er viel, viel Geld dafür ... es wurde auf dem Tische aufgezählt: Papiergeld, Gold und Silber. Die Leute sagten, ein so großer Klumpen sei überhaupt noch nie gefunden worden.“

„Sie hatten recht,“ unterbrach ihn der Adler. „Ich habe viel gesehen, aber noch nie einen solchen Klumpen Gold. Er hat allerdings gleich, als er gefunden wurde, ein Menschenleben gekostet!“

„Laß doch den Dukaten erzählen!“ rief das Eisen ungeduldig dazwischen.

„Dann kam der Klumpen in die Münze,“ fuhr der Dukaten fort. „Ein gehöriger Haufe Goldstücke wurde aus uns... lauter funkelnagelneue Dukaten mit dem Bilde des Königs. Wir wurden in Rollen zu zehn und zehn gelegt und sorgfältig eingepackt. Dann wurden wir zur Bank getragen ... das heißt ich wurde von dem Mann, der mich trug, gestohlen. Er nahm mich, weil ich zu oberst lag... ich glaube, er nahm ein Goldstück von jeder Rolle.“

„Seht ihr!“ sagte der Adler. „Es kommt, wie ich prophezeit habe. Aus dem Golde entsteht nichts als Unglück und Verbrechen.“

„Am Abend hat er mich im Wirtshaus verspielt,“ erzählte der Dukaten weiter. „Gerade als er mich verloren hatte, kam die Polizei und verhaftete ihn wegen seines Diebstahls. Der, der mich gewann, spielte mit einer falschen Karte. Als die andern den Betrug entdeckten, entstand eine große Schlägerei. Schließlich einigte man sich dahin, mich in Branntwein umzusetzen. So gelangte ich in die Schublade des Wirtes. Gegen Morgen kam wieder ein Dieb und stahl mich.“

„Grauenhaft!“ warf das Eisen ein.

„Hab’ ich es nicht prophezeit?“ rief der Adler. „Und ich bin überzeugt, das ist noch nicht alles.“

„Gewiß nicht,“ fuhr der Dukaten fort. „Denn drei Tage darauf wurde der Dieb ergriffen. Und niemand meldete sich als mein Eigentümer... Der Wirt hatte wohl selber so viel auf dem Gewissen, daß er nichts mit der Polizei zu tun haben, sondern lieber seinen Verlust schweigend ertragen wollte. So wurde ich konfisziert und kam zusammen mit vielen andern Kameraden in die Kasse eines Armenhauses.“

„Nun kommt Ordnung in die Dinge,“ sagte das Eisen.

„Wart es ab,“ meinte der Adler.

Und der Dukaten erzählte weiter: „Der Rechnungsführer des Armenhauses stahl mich wieder und steckte mich in seine eigne Tasche. Aber da blieb ich nicht lange, denn er war arm und hatte viele Kinder und viele Rechnungen zu bezahlen. Darum weiß ich nicht, was später aus ihm geworden ist.“

„Aber was ist denn aus dir geworden?“ fragte das Eisen.

„Ich ging von Hand zu Hand. Etwas besonders Merkwürdiges ist mir dann nicht mehr widerfahren, bis ich hierher gelangte und auf die Erde geworfen wurde. Aber daß ich wirklich wieder in das Land meiner Kindheit zurückgekommen bin, das ist ja beinah das Merkwürdigste von allem! Und damit endigt dann auch wohl meine Geschichte. Denn von hier wird mich wohl niemand holen.“

„Sei froh, daß du Frieden gefunden hast,“ meinte der Adler. „Du hast dich genug in der Welt herumgetrieben.“

„Findest du? Ich kann dir versichern, daß ich sehr gerne wieder hinaus möchte. Ich bin rund und will rollen. Es ist so amüsant, etwas zu erleben, von Hand zu Hand zu gehen. Und es kümmert mich ja nicht, was die Menschen mit mir machen.“

„Dein Gewissen ist zusammen mit deinen Kanten abgeschliffen worden,“ sagte der Adler.

„Unsinn!“ rief das Goldstück. „Davon verstehst du nichts, du alter Adler. Aber sei doch so gut und nimm mich in deinen Schnabel und trag’ mich in die Welt hinaus! Dann kannst du mich irgendwo fallen lassen, wo Menschen sind... am liebsten mitten in eine Stadt... auf den Markt... Dann bin ich wieder im Leben drin.“

Doch der Adler gab ihm zur Antwort: „Bleib du, wo du bist; und laß sehen, ob Regen, Schnee und Eis nicht dein Gepräge verschleißen können, damit du wieder gut und unschuldig wirst, wie du es früher warst.“

„Meine Sehnsucht können sie mir nicht verschleißen,“ sagte der Dukaten.

Und das Eisen und das Blei und das Silber und das Kupfer seufzten und empfanden, wie wahr das sei.

6. Kapitel:
Der zweite Dukaten.

„Der nächste Dukaten soll erzählen!“ sagte das Eisen.

„Wart’ bis morgen, dann bin ich tot,“ rief der Schmetterling, der zwischen den spärlichen Blumen umherflog. „Ich ertrag’ es nicht, noch mehr zu hören von diesen greulichen, garstigen Dingen.“

„Ihr solltet einfach gar nicht zuhören!“ sagte der Adler. „Ich habe euch ja schon erzählt, wie die Sache sich verhält... Was wollt ihr mit all den Einzelheiten? Die Menschen sind sich in der ganzen Welt gleich, darauf könnt ihr euch verlassen! Sind sie gut, so macht das Gold sie schlecht. Sind sie schlecht, so macht es sie nur noch schlechter. Ihr hättet euch damit begnügen können, was ich euch gesagt habe und was ihr selbst in der Nacht, als der erste Goldklumpen gefunden wurde, gesehen habt. Und froh solltet ihr sein, daß wir wieder unter uns sind, und solltet bitten, daß der Regen und der Sturm und der Winter das Unglück wieder gutmachen möchten, das die Menschen in der Zeit, als sie in unserem Tale hausten, angerichtet haben!“

„Wie du schwatzest!“ rief das Blei. „Bist du denn eigentlich so viel besser als die Menschen? Ich finde, du bist ein Räuber wie sie, wenn auch auf andre Art. Und was haben wir von den Menschen zu fürchten? Du hast allerdings allen Grund, Angst zu haben, trotz deines hohen Standorts und deiner breiten Flügel — aber wir? Laß uns in Ruhe und kümmre dich um deine Jagd und deine Fahrt durch die Luft!“

„Hat man je so etwas gehört?“ sagte der Adler. „So ein Klumpen toten Metalls will mitreden und den Adler zurechtweisen. Was ist das Blei, und was bin ich? Ich will nicht länger bei euch sein. Erzählt euch, soviel ihr Lust habt. Ich kann eure Geschichten auswendig und mag sie nicht mehr hören.“

Damit breitete er seine gewaltigen Schwingen aus und stieg empor. Aber als kurz darauf der zweite Dukaten zu erzählen anfing, saß er dennoch wieder auf seiner Felsenspitze und hörte mit den andern zu.

„Ich kann nicht so amüsant erzählen wie mein Gefährte,“ begann der zweite Dukaten. „Denn ich habe nicht so viel bunte Dinge erlebt, obwohl das meiste traurig genug ist. Eigentlich habe ich ein recht trübes Dasein geführt, denn ich habe fast die ganze Zeit über in einer Truhe gelegen.“

„Höchst sonderbar,“ warf das Eisen ein. „Ich dachte, Dukaten müßten rollen. Was für Freude kann es einem bereiten, sie daliegen zu haben, wenn man sie nicht in Gebrauch nimmt?“

„Dahinter steckt irgend etwas,“ sagte der Adler. „Glaubt mir, es wird alles an den Tag kommen.“

„Na, bist du wieder da, alter Adler?“ rief der Bleiklumpen und lachte. „Aber laß uns hören, was uns der Dukaten zu erzählen hat!“

„Ich bin weder gestohlen noch geraubt noch durch falsches Spiel gewonnen worden. Geradeswegs bin ich von Hand zu Hand gegangen in Handel und Wandel, bis ich bei einem landete, der mich behielt. Ich wurde einem Handwerker ausbezahlt als Lohn für seine Arbeit. Aber nur einen einzigen Tag lang lag ich in seiner Schublade. Dann nahm er mich heraus, betrachtete mich lange und seufzte tief. Seine Frau stand weinend daneben, und sieben Kinder mit hungrigen Mündern waren um sie herum. Aber es half nichts. Er mußte mich forttragen zu einem alten Wucherer, der ihm Geld geliehen hatte. Die Möbel des Mannes bildeten die Bürgschaft; und wenn er nicht zahlte, so nahm der Wucherer die Möbel. Es war der letzte Termin, — und doch konnte ich die Schuld noch nicht ganz decken. Und der Mann mußte den Wucherer anbetteln, ihm zur Bezahlung des kleinen Restes, der noch übrig blieb, Aufschub zu geben. Der wurde ihm gewährt, wogegen er blutige Zinsen versprach. Die Geschichte endigte damit, daß der unglückliche Mann nicht zahlen konnte, alles verlor, was er besaß, und sich aus Kummer darüber, daß er den Seinen kein Brot schaffen konnte, erhängte. Ich hörte es ihn zu dem Wucherer sagen, daß er’s tun wollte, als er das letztemal bei ihm war. Und am nächsten Tage las der Wucherer es in der Zeitung, ohne eine Miene zu verziehen.“

„Schrecklich!“ Der Adler sagte es. „Und das nennst du nicht ein ebenso grauenhaftes Schicksal wie das deines Kollegen?“

„Ach was — Schicksal! Ein Dukaten hat kein Schicksal. Ich war ja nur ganz kurze Zeit bei dem Handwerker. Möchte man über alles gleich heulen, so würde man sich aufreiben. Aber es ist allerdings mein einziges großes Erlebnis, da ich von da an viele Jahre hindurch in der Geldtruhe des Wucherers liegen blieb. Trotzdem hab’ ich ja mancherlei vom Leben gesehen.“

„Erzähle!“ sagte das Eisen.

„Erzähl’! Erzähl’!“ riefen auch das Blei und das Kupfer und das Silber.

„Ja... seht ihr... jeden Abend und im übrigen auch sonst oft am Tage schloß er die Truhe auf .... sobald er allein war, versteht ihr, und sicher war, daß niemand ihn belauern konnte. Dann nahm er uns alle heraus und breitete uns auf seinem Tische aus. Viele, viele Dukaten waren es, und Scheine und Papiere, die ebensoviel wert waren wie rotes Gold.“

„Was?“ unterbrach das Blei den Dukaten. „Kann Papier ebensoviel wert sein wie Gold?“

„Und ob!“ erklärte der Adler. „Das wollt’ ich meinen. Ein kleines viereckiges Stück Papier kann ebensoviel wert sein wie tausend Dukaten. Man geht einfach zur Bank damit, und die tausend Dukaten werden einem sofort ausbezahlt. Das haben sich die Menschen so ausgedacht, damit sie nicht immer so viele schwere Goldstücke mit sich herumzuschleppen brauchen. Und wie behutsam gehen sie mit den Scheinen um! Gott gnade dem, der sie nachzumachen versucht. Er wird streng bestraft.“

„Erzähle weiter, Dukaten!“ sagte das Eisen. „Kann denn niemand dem Adler den Mund verbieten? Er muß fortwährend seinen Senf dazu geben, obwohl niemand ihn nach seiner Meinung fragt.“

Und der Dukaten fuhr fort: „Es war ja ganz nett, so auf dem Tisch liegen und sich ein wenig umsehen zu können. In guter Gesellschaft waren wir ja; denn was der Adler von dem Papiergeld erzählt, das ist ganz richtig. Es lag in Bündeln zusammengebunden, und wir Dukaten lagen ordentlich abgezählt in Rollen. Aber denkt euch: immer wieder löste der Wucherer uns auf und zählte uns nach. Es war ganz unglaublich, wie oft er es tat. Er hatte nämlich Angst, es könne einer von uns abhanden gekommen oder gestohlen worden sein. Und dann machte es ihm auch Spaß, sich davon zu überzeugen, wie viele wir waren. Ihr hättet bloß sehen sollen, wie seine Augen vor Freude strahlten, wenn er uns ansah. Und seine Hände zitterten, wenn er uns anrührte; sein ganzer Körper bebte wie im Fieber.“

„Hat er nie einen von euch ausgegeben?“ fragte das Silber.

„Nie,“ erwiderte der Dukaten. „Es kamen nur immer neue hinzu; aber kein einziger von uns gelangte wieder in die Welt hinaus, wenn wir erst einmal in seiner Truhe gelandet waren. Mochte es draußen noch so kalt sein, nie hatte er ein Scheit Brennholz im Ofen. Seine Kleider waren zerlumpt und fettig, seine Stiefel durchlöchert, sein Hemd schmutzig. Haar und Bart blieben ungeschoren und ungekämmt. Er gönnte sich kaum mehr als trocknes Brot und Wasser. Im tollsten Schneesturm ging er in seinem verschlissenen Rock bis ans andre Ende der Stadt, um einen Schilling zu verdienen.“

„Welche Freude hatte er denn nun von all seinem Gold?“ fragte das Eisen.

„Ja, sag’ es mir, wenn du kannst,“ entgegnete der Dukaten. „Ich weiß es nicht. Aber noch nie hab’ ich einen froheren Menschen als den alten Geizhals und Wucherer gesehn. Ich habe viele Menschen gesehn, die verzweifelt und unglücklich waren vor Hunger, Krankheit, Liebeskummer oder aus andern Gründen. Aber dieser alte Mann wußte nichts von Hunger; er hatte niemanden lieb, und er hatte keine Wünsche und keine Sehnsucht. Wenn er nur über seinem Golde saß, dann war alles gut.“

„Geschah ihm nie etwas?“ sagte der Adler. „Er starb wohl schließlich, da du ja doch von ihm fortkamst?“

„Ich erinnere mich, als ob es heute wäre, an etwas, was er erlebte,“ antwortete der Dukaten. „Allen andern Menschen wäre es nahe gegangen, aber er machte sich nichts daraus. Er schloß sich einfach ein, nahm seine lieben Dukaten vor und war gleich wieder froh wie immer.“

„Erzähle!“ sagte das Eisen.

„Seine Tochter kam häufig zu ihm — einmal wöchentlich wohl.“

„Also er hatte eine Tochter!“ rief der Adler. „Dann muß er doch einmal Mensch gewesen sein.“

„Davon weiß ich nichts. Das war vor meiner Zeit. Aber, wie gesagt, die Tochter besuchte ihn; und dann zankten sie sich, daß es grauenhaft anzuhören war. Manchmal schrien sie beide, manchmal war nur der eine von ihnen heftig, während der andere stöhnte und jammerte.“

„Hast du das mitangesehen?“ fragte der Adler.

„Das hab’ ich schön bleiben lassen. Ich habe niemanden gesehn, denn niemand durfte mich ja sehn. Sobald das geringste Geräusch auf der Treppe ertönte, wurden wir verwahrt, der Deckel wurde zugeschlagen und der Schlüssel aus dem schloß gezogen. Aber ich hörte sie alle, hörte sie klagen und um Aufschub bitten; und ich hörte auch drohen und schelten; aber das half alles nichts. Und ich vernahm die dünne, scharfe Stimme meines Herrn — ich hörte ihr immer gleich an, was der, mit dem er sprach, zu erwarten hatte.“

„Ich denke, du wolltest von der Tochter erzählen,“ sagte das Eisen.

„Ganz recht. Sie hatte sich gegen den Willen ihres Vaters mit einem armen Manne verheiratet. Er war im Elend gestorben, und nun war sie Witwe und hatte einen kleinen Sohn zu ernähren. Sie selber war auch nicht gesund — ich hörte sie oft hohl und heftig husten. Arbeiten konnte sie nicht recht, und so kam sie also zum Vater. Aber da kam sie an den rechten. Wenn sie bettelte und bat, schalt er sie in den ärgsten Worten, weil sie einen solchen Bettlerprinzen geheiratet habe; nun müsse sie selber sehen, wie sie fertig werde. Sie könne jeden Sonnabend kommen und die Zimmer fegen und wischen, wenn sie Lust habe, und zwar für denselben Lohn wie die Frau, die jetzt die Arbeit besorge, obwohl sie’s ja eigentlich für die Hälfte tun müsse, da er ihr Vater sei und sie ihm ihr Leben verdanke. Aber von dem Jungen wolle er nichts wissen. Vergebens bat sie, ob er ihn denn nicht wenigstens sehen wolle; und einmal brachte sie ihr Söhnchen auch mit, aber da wurde ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen. Und sobald sie fort waren, schloß der Alte seine Truhe auf und nahm uns hervor. Seine Greisenaugen glänzten vor Gier; und niemand hätte ihm angesehen, was soeben geschehen war.“

„Ist das nicht grauenhaft?“ rief der Adler. „Hab’ ich es nicht gesagt? Überall, wo das Gold ist, entsteht Sünde und Verbrechen.“

„Weiter, weiter!“ rief das Eisen.

„Zuweilen war es auch anders,“ fuhr der Dukaten fort. „Dann war sie ganz verzweifelt und drohte und schalt so sehr, daß der Alte Angst bekam oder sich wenigstens den Anschein gab, als fürchte er sich. Dann wurde seine Stimme ganz wehleidig, er schwur einen heiligen Eid, daß er ein armer alter Mann sei, der kaum trocknes Brot zu essen habe, und forderte sie auf, für ihn zu sorgen, sie, die jung und stark sei. Mochte es sich nun aber so oder so abspielen, das Resultat war immer das gleiche, daß sie nämlich nichts bekam. Und wenn sie dann schließlich fortging, nachdem sie mit der Faust auf den Tisch geschlagen und ihn verflucht hatte, dann war er außer sich vor Freude darüber, daß er sie genarrt hatte. Er sprang im Zimmer umher, lachte wie toll und schlug sich auf die Schenkel; und wenn er uns dann aus der Truhe nahm und uns klirren und leuchten ließ, so wollte seine Lustigkeit gar kein Ende nehmen.“

„Was ist denn schließlich aus ihm geworden?“ fragte der Adler.

„Mit der Zeit wurde er älter und älter. Seine Tochter starb, und ihr Sohn wuchs zu einem bösen Jungen heran. Von Zeit zu Zeit fand er sich auch bei dem Großvater ein und sprang nicht schlecht mit ihm um. Aber er bekam nicht mehr von ihm heraus als die Mutter. Der alte Geizhals schwur, ihn enterben zu wollen; aber der junge Bursche erklärte, er werde einst doch noch in den Besitz des Geldes gelangen; und dann werde er schon dafür sorgen, daß es unter die Leute käme. Schließlich wagte der Alte es gar nicht mehr, ihn hereinzulassen, seitdem er eines Tages bemerkt hatte, wie der Bursche der großen Truhe einen verdächtigen Blick zuwarf. Er hatte wohl Angst, ermordet oder beraubt zu werden; und dem jungen Mann war eine solche Tat ja gewiß zuzutrauen. Der Wucherer hielt denn auch oft Selbstgespräche, er wolle ein Testament aufsetzen und all sein Geld einer Stiftung vermachen, damit nur der Enkel es nicht bekäme. Aber er konnte sich dennoch nicht entschließen und dachte auch immer, es eile wohl nicht; so gesund, wie er sei, könne er noch viele Jahre leben.“

„Starb er denn?“ fragte der Adler.

„Gewiß. Die Menschen sterben alle. Aber ihn überkam der Tod auf seltsame Art; er hätte sich kein glücklicheres Ende wünschen können. Denn als er gerade eines Abends in uns wühlte, uns gegen den Tisch klirren ließ, um sich an unserm guten Klange zu erfreuen, uns gegen das Licht hielt, damit wir ordentlich funkelten, uns zählte und in Häufchen aufstellte und vor Freude wie ein Kind lachte — gerade in dem Augenblick sank sein Kopf auf den Tisch, und er war sofort tot.“

„Grauenhaft!“ rief der Adler. „Er war ein schlechter Mensch!“

Die, die Glück gehabt hatten, waren fortgezogen....

[❏
GRÖSSERES BILD]

„Schon möglich,“ sagte der Dukaten. „Ich halte keine Moralpredigt. Ich weiß nur, daß ich und meine Kameraden ihm Freude bereitet haben. Hätte er seiner Tochter nur ein paar von uns gegeben, so hätte er auch sie froh gemacht. Also Kummer brachten wir nur denen, die uns nicht hatten.“

„Wie grauenhaft du sprichst!“ sagte der Adler. „Wieviel Unglück hat der alte Wucherer über andre Menschen gebracht, bloß um seine Goldstücke einzusammeln!“

„Erzähle weiter!“ rief das Eisen dem Dukaten zu.

„Bei seinem Tode,“ fuhr dieser fort, „war kein Testament vorhanden, darum erbte der Enkel die ganze Herrlichkeit. Er äußerte nicht den geringsten Kummer über den Tod des Großvaters; und das tat auch sonst niemand, denn alle haßten den alten Geizhals. Er wurde auf dem Armenkirchhof begraben. Das passe am besten zu seiner ganzen Lebensweise, meinte der Enkel, und dann könne er sich im Grabe wenigstens nicht über unnütze Geldausgaben ärgern. Und nun kamen wir wirklich unter die Leute. Es begann ein Leben in Saus und Braus, so daß man in der ganzen Stadt darüber sprach. Ich meinerseits wurde an einen Weinhändler ausgegeben, der mich auf die Bank brachte. Dann kam ich zu einem Schneider und ging nun von Hand zu Hand, ohne etwas Besonderes zu erleben. Jetzt bin ich hier. Und wie soll ich von hier wegkommen? Denn hier ist es noch weniger amüsant als in der Truhe des alten Wucherers. Ich will zu Menschen — Menschen — Menschen!“

„Der schlechte Umgang hat dich verdorben,“ sagte der Adler.

Aber das Blei, das Eisen, das Kupfer und das Silber seufzten und dachten ebenso wie der Dukaten.

7. Kapitel:
Der dritte Dukaten.

„Lieber Gott!“ sagte der Adler. „Wollt ihr wirklich noch mehr hören?“

„Ich kann nie genug hören!“ rief das Eisen. „Ich sehne mich nach der Welt und fürchte mich nicht vor ihr. Lieber möcht’ ich heute hinaus als morgen. Auch kann ich nicht einsehen, was ich mit all der Schlechtigkeit zu tun habe.“

„Du hast ja auch nichts damit zu tun,“ sagte der Dukaten, der seine Erzählung soeben beendigt hatte. „Aber du warst doch mit dabei.“

„Wo?“ fragte das Eisen.

„Du warst überall,“ erwiderte der Dukaten.

„Erzähle, ach, erzähle!“ bat das Eisen. „Du weißt gar nicht, wie ich mich sehne.“

„Du warst überall im Hause,“ sagte der Dukaten. „Die Menschen können gar kein Haus bauen ohne Eisen, Nägel, Schlösser, Riegel und Schlüssel. Das Messer, mit dem der alte Wucherer sein Brot schnitt, war aus Eisen. Und aus Eisen waren auch die Apparate, mit denen der Schneider des Geizhalses elende Kleider zugeschnitten und genäht hatte. Eisen war unter seinen Stiefeln und an der Spitze seines Stockes. Auch die Truhe, in der er uns aufbewahrte, war mit Eisen beschlagen... Überall, wo Menschen sind, ist das Eisen im Gebrauch.“

„Da seht ihr’s! Da seht ihr’s!“ rief das Eisen vergnügt. „Ich bin ebensoviel wert wie das Gold und tue nichts Böses.“

„Nicht?“ meinte der Adler. „Nun, dann laß dir sagen, daß auch die Pistole, mit der sie einander erschießen, und die Messer, womit sie einander totstechen, aus Eisen sind. Der Dietrich, mit dem der Dieb das Schloß aufbricht, ist gleichfalls aus Eisen.“

„Was kümmert das mich?“ rief das Eisen. „Mögen sie Gutes in Böses verkehren — bleibe ich nicht, der ich bin?“

„Was kümmert es uns?“ sagten die Dukaten.

„Die Menschen sind böse und gut. Was können wir dafür, was sie mit uns anfangen? Wir sind, wie wir sind, und sie nehmen uns alle. Das Gold ist am schönsten und kostbarsten, darum stiftet es am meisten Gutes und Böses. Das kann nicht anders sein. Der verdrossenste Adler der Welt kann nichts daran ändern.“

„Hörtest du nichts über mich?“ fragte das Blei.

„War ich denn gar nicht vorhanden?“ sagte das Kupfer.

„Und ich?“ fiel das Silber ein. „Ich glänze doch auch und bin fast ebenso schön wie das Gold.“

„Ihr wart alle da,“ erwiderte der Dukaten, „aber vom Eisen war am allermeisten vorhanden, und am angesehensten war das Gold.“

„Nun soll der nächste Dukaten uns etwas erzählen,“ schlug das Eisen vor. „Gott sei Dank, es sind noch drei übrig, da können wir uns noch auf drei ordentliche Geschichten gefaßt machen. Aber wir müssen uns sputen! Der Sommer geht zur Neige; und im Winter ist an Zuhörer nicht zu denken vor Sturm und Unwetter.“

„Ich will nichts davon wissen,“ sagte der Adler. Natürlich blieb er trotzdem und reckte den Hals, um besser hören zu können.

„Ich kann es nicht ertragen, noch mehr zu hören,“ sagte der Schmetterling, schloß seine Flügel und starb. Das hätte er allerdings auch sowieso getan, denn seine Zeit war um.

„Wie schrecklich!“ riefen die Blumen. „Gott sei Dank, daß wir bald verwelken und diese böse Welt verlassen werden!“

„Dummes Zeug!“ sagte das Eisen. „Mag verwelken, was verwelken will! Wir sind stark, und wir halten aus. Erzähle, Dukaten!“

„Was ich zu sagen habe, wird auch empfindsame Seelen nicht schrecken,“ begann nun der dritte Dukaten. „Denn das größte, was ich in meinem Leben erlebt habe, war so schön und rührend wie das schönste Gedicht.“

„Sollte man so was für möglich halten?“ unterbrach ihn der Adler. „Soweit ich die Welt durchsegelt habe, nie habe ich bemerkt, daß das Gold Gutes im Gefolge gehabt hätte.“

„Erzähle!“ sagte das Eisen zu dem Dukaten.

„Ja, wie die andern bin ich aus der Münze gekommen,“ fuhr der dritte Dukaten fort. „Wo ich früher, als ich noch Teil eines Goldklumpens war, gelegen habe, weiß ich nicht mehr, denn ich bin ungewöhnlich viel in der Welt umhergeworfen worden. Und wenn einem das passiert und man erlebt nichts Rechtes dabei, dann verliert man leicht das Gedächtnis. Jeden Tag sieht man neue Gesichter und bekommt einen neuen Herrn; und bevor man sich an ihn gewöhnt und Zeit gefunden hat, auf sein Leben und seine Gewohnheiten zu achten, ist man schon wieder weg und in der Tasche eines neuen. So ist es mir mehrere Jahre hindurch gegangen. Ich wanderte von Schublade zu Schublade und von Tasche zu Tasche. Gar nichts Merkwürdiges widerfuhr mir, bis das große Erlebnis meines Lebens kam.“

„Und das war?“ fragte das Eisen. „Handelte es sich um blutigen Mord?“

„Von all den Geschichten bist du schon ganz demoralisiert und denkst nur noch an Mord und Totschlag!“ salbaderte der Adler.

„In meiner Geschichte kommt kein Mord und auch sonst kein andres Verbrechen vor,“ sagte der dritte Dukaten. „Und die Tränen, die darin geweint werden, sind von anderer Art als die, die die Tochter des alten Wucherers weinte. Aber ihr könnt ja selber urteilen.“

Und alle hörten zu. Der Adler setzte sein mißtrauischstes Gesicht auf, und die Blumen hörten für eine Weile auf zu welken. Aber keiner war so interessiert wie das Eisen, das seine Neugier kaum bezähmen konnte.

„Auf meinem Wege aus einer Hand in die andere,“ erzählte der Dukaten, „war ich auch aufs Land gelangt, zu einem.... einem Pächter... ja, nun entsinn’ ich mich: der Geflügelhändler gab mich dem Pächter als Kaufgeld für mehrere fette Enten, die ganz grauenhaft schnatterten, als sie auf seinen Wagen geladen wurden. Der Pächter legte mich in seine Schublade, wo schon vierundzwanzig andre Dukaten lagen. Er zählte uns nach, und dann sagte er zu seiner Frau:

‚Nun sind die fünfundzwanzig beisammen. Da kann ich ja gleich in die Stadt fahren und dem alten Grafen meinen Zins entrichten. Morgen früh fahre ich zur Stadt.‘

Das tat er auch. Und in der Stadt ging er in ein vornehmes Haus zu einem vornehmen alten Herrn. Er verbeugte sich tief vor ihm, und der Herr gab ihm freundlich die Hand. Es war ein überaus schöner alter Mann mit weißem Haupt- und Barthaar; das Stehen fiel ihm schwer, darum saß er meist in seinem Lehnstuhl. Der Pächter zählte uns fünfundzwanzig Dukaten auf den Tisch, gab dem Herrn auf seine freundliche Frage Antwort, verbeugte sich wieder und verließ das Zimmer.

Sobald er draußen war, las der alte Herr weiter in dem Buche, das er vor sich liegen hatte; und erst als es Abend wurde, nahm er uns und legte uns in eine alte große Truhe, in der er sein Geld und seine Papiere aufbewahrte, und zwar in ein geheimes Fach. Während aber die andern gleich auf den Boden fielen, wurde ich in eine Spalte eingeklemmt, so daß ich fast ganz versteckt war. Und nun beginnt eigentlich erst meine Geschichte.“

„Du kamst wohl bald wieder heraus aus deinem Versteck?“ fragte das Eisen.

„Nein, eben nicht!“ war die Antwort. „Ich lag gut versteckt — ich glaube, ich habe nicht weniger als hundert Jahre so gelegen.“

„I du Barmherziger!“ rief das Blei. „Wie in aller Welt hast du denn dann überhaupt etwas erleben können? Wenn du hundert Jahre lang in einer Spalte eingeklemmt warst?“

„Wenigstens konntest du währenddessen nicht sündigen,“ meinte der Adler. „Ich fange an zu verstehen, daß deine Geschichte wirklich hübsch werden wird.“

„Ja, was ich hier erzähle, hab’ ich ja eigentlich erst hinterher erfahren,“ sagte der Dukaten. „Aber ich erzähle es so, wie es wirklich passiert ist. Denn weil ich da so versteckt lag, konnte ich ja weder hören noch sehen, falls nicht gerade Geld aus der Schublade genommen oder hineingelegt wurde, und das kam oft genug vor. Und dann merkte ich es natürlich auch, wenn die Truhe von einer Stelle zur andern bewegt wurde, ohne freilich zu wissen, was es zu bedeuten hatte. Ich verstand eigentlich erst alles an dem Abend.... Na, nun will ich aber das ganze erzählen, wie es sich zugetragen hat.“

„Erzähle!“ bat das Eisen.

„Der Graf, von dem ich schon erzählt habe, war sehr reich, sehr vornehm und hochbetagt. Seit langer Zeit nahm er nicht mehr teil am Leben, sondern saß in seinem Stuhl, las und erwartete ganz ruhig den Tod, denn er hatte ja längst seine Rechnung abgeschlossen. Und schließlich suchte ihn denn der Tod auch wirklich heim, und das Begräbnis war sehr groß. Alle Vornehmen im Lande nahmen daran teil, die Pferde waren mit schwarzem Tuch behangen und trugen silbernen Schmuck. Als das Begräbnis vorüber war, wurde das Testament in Gegenwart aller Erben geöffnet. Der Haupterbe der Güter und des großen Vermögens war der einzige Sohn des Verstorbenen, ein hochmütiger junger Herr, den niemand leiden mochte. Es nahmen denn auch alle alten Dienstboten sofort ihren Abschied, als der alte Herr in der Erde lag. Aber außerdem hatte der alte Graf allen denen, die seinem Herzen nahe gestanden hatten, Geschenke und Legate vermacht.“

„Was wurde aus der alten Truhe?“ fragte der Adler.

„Sieh mal an, wie genau du aufpaßt,“ sagte das Eisen spöttisch. „Du bist ebenso neugierig wie wir.“

„Die Truhe bekam eine junge Dame, die niemand von der Familie kannte,“ erzählte der Dukaten weiter. „Das heißt, der junge Graf kannte sie sehr gut. Sein Gesicht verfinsterte sich, als der Notar, der das Testament vorlas, ihren Namen nannte. Außerdem hatte ihr der alte Herr für jedes Jahr eine kleine Summe ausgesetzt. Der junge Graf hatte sie nämlich einmal betrogen. Er hatte ihr vorgeredet, er werde sie heiraten, und hatte sie aus dem Hause ihrer Eltern entführt, die brave, aber ganz einfache Leute weit unter seinem Stande waren. Dann hatte er sie verlassen. Der alte Graf aber hatte Wind von der Geschichte bekommen und seinen Sohn gezwungen, das Mädchen zu heiraten. Er hatte ihn auch dazu zwingen wollen, sie der Welt als Gräfin vorzustellen, doch das wollte sie nicht. Da er sie nicht mehr liebe, so sagte sie, und da er sie so schändlich betrogen habe, so wolle sie auch nicht Gräfin sein. Die Heirat wünschte sie nur um des kleinen Kindes willen, das sie erwartete. Und so wurde es auch. Gleich nach der Hochzeit trennten sie sich und sahen sich niemals wieder. Der alte Graf bot ihr Geld an, aber das wollte sie nicht nehmen. Sie werde schon für sich und ihr Kind sorgen, sagte sie. Oftmals schrieb er an sie oder ließ bei ihr fragen, ob sie etwas brauche. Einmal ließ er sich sogar, so krank und alt er war, zu ihrer Wohnung fahren. Aber sie war in eine andere Stadtgegend verzogen; und es glückte ihm nicht, sie wieder aufzuspüren. Nun bekam sie also die Truhe und etwas Geld, falls sie sie nur finden konnten.“

„Die Sache ist wirklich spannend!“ sagte das Blei. „Hat man sie gefunden? Schnell. Du siehst, wie ungeduldig wir sind.“

„Laß mich doch erst mal zu Atem kommen, es eilt doch gar nicht so. Wir werden ja wohl hundert Jahre hier liegen können, ehe ein Mensch kommt und uns findet.“

„Kann sein,“ sagte das Eisen. „Aber vielleicht kommt auch schon morgen ein Mensch hierher.“

„Allerdings hat man sie gefunden,“ erzählte nun der Dukaten weiter. „Die Polizei suchte in allen Winkeln der Stadt und entdeckte sie schließlich ganz draußen in einem Vorort. Dort lebte sie mit ihrem kleinen Knaben und ernährte ihn und sich durch Musikunterricht. Der Knabe war jetzt zwölf Jahre alt und sah wie ein richtiges Grafenkind aus. Aber er kannte seine Herkunft nicht. Sie meinte, es sei früh genug, wenn er es als erwachsener Mensch erführe, wer sein Vater sei. Nun, das Geld schlug sie wiederum ab, wie sie es schon immer getan hatte. Die alte Truhe aber nahm sie an, weil der alte Graf ja immer gut zu ihr gewesen war und getan hatte, was er konnte, um das Unrecht seines Sohnes wieder gutzumachen.“

„Und in der Truhe warst du?“ fragte das Eisen.

„Allerdings,“ erwiderte der Dukaten. „Aber das wußte niemand. Ich lag ja in meiner Spalte, wo ich die ganze Zeit über gelegen hatte. Alle die andern Dukaten, die vorher in derselben Schublade gewesen waren, waren jetzt fort, draußen in der Welt, ich aber saß gut fest. Es wurden Papiere in die Schublade hineingelegt, sie wurde auf- und zugemacht, und die Klappen wurden gleichfalls geöffnet und geschlossen; doch an mich dachte niemand, weil niemand etwas von mir wußte. Manchmal dachte ich selber, daß ich nie mehr ans Tageslicht kommen werde oder wenigstens erst, wenn die alte Truhe auseinanderfallen würde. Und das hatte noch gute Weile; denn sie war aus starkem Eichenholz gemacht.“

„Du langweiltest dich also?“ fragte das Silber.

„Gewissermaßen ja. Manchmal ärgerte es mich natürlich, wenn ich daran dachte, wie meine Kameraden in der Welt herumrollten. Aber das war immer nur ein vorübergehendes Gefühl. Denn es war so gemütlich bei den beiden Menschenkindern. Alle Abend saßen sie zusammen in der Stube; und da die Klappe der Truhe immer heruntergeschlagen war, so konnte ich jedes Wort hören, das sie sagten; und durch die Spalte, in der ich lag, konnte ich ja auch ein wenig sehen. Oft, wenn das Licht auf die Truhe fiel, kam es mir wunderlich vor, daß sie mich nie an meinem Glanze entdeckten. Aber das war nicht der Fall. Jahr auf Jahr verging, der Knabe wuchs heran, und alles verlief gut.“

„Ich finde deine Geschichte sehr einförmig,“ sagte der Adler gähnend.

„Alles in allem, bist du der schlimmste von uns,“ entgegnete ihm das Silber. „Du kannst nie Spannung und Unglück genug kriegen.“

„Herrgott!“ rief das Eisen. „Laß doch den alten Adler sein, wie er will, und laß den Dukaten erzählen!“

„Jetzt kommt es,“ sagte der Dukaten. „Die Mutter des Jungen wurde nämlich krank. Sie hatte wohl zu viel gearbeitet, denke ich. Ich habe sie ja so oft husten hören, besonders des Abends, wenn sie im Bett lag. Denn die Truhe, in der ich mich befand, stand in derselben Stube, wo sie auf einem kleinen alten Sofa schlief. Sie hatten natürlich nicht die Mittel, um eine große Wohnung zu mieten. Es überraschte mich daher gar nicht, als sie eines schönen Tages auf dem Sofa liegen blieb, weil sie nicht die Kraft hatte aufzustehen. Für sie selbst aber war es eine unglückliche Überraschung und ebenso für ihren Sohn, der damals sechzehn Jahre alt war und sich noch nicht zu viele Gedanken über das Leben machte. So sind ja nun mal die Kinder.“

„Ach Gott ja!“ seufzte der Adler. „Es ist wahr! Wer von seinen Kindern Dankbarkeit erwartet, sieht sich arg enttäuscht.“

„Erzähle! Erzähle!“ rief das Eisen.

„Na,“ fuhr der Dukaten fort. „Die Verzweiflung war natürlich groß. Denn Geld hatten sie ja nicht im Hause; und als der Arzt kam, machte er ein sehr bedenkliches Gesicht und sagte, sie könne sich auf den Tod gefaßt machen; ein andrer Ausgang sei nicht zu erwarten. Es war ein schlimmer Anblick für mich, wie es ihr immer schlechter und schlechter erging. Denn ich hatte sie allmählich liebgewonnen. Oft wünschte ich, daß ich die Macht besäße, mich loszumachen und hinauszurollen und ihnen zu sagen: Hier bin ich, ich kann euch für eine kleine Weile helfen. Aber wie hätte ich das anfangen sollen? Ich mußte alles aus meinem unfreiwilligen Versteck mitansehen.“

„Nun weiß ich schon den Rest der Geschichte,“ sagte der Adler. „Eines Tages kamst du los und rolltest hervor; und dann wurde Wein gekauft, und die Frau erholte sich, und die Geschichte endigte in Herrlichkeit und Freude.“

„Nicht so ganz,“ erwiderte der Dukaten. „Die Frau starb vielmehr. Das ließ sich leider nicht verhindern. Und nun stand ihr Junge ganz allein in der Welt. Aber das ärgste war, daß sie ganz plötzlich bei einem heftigen Hustenanfall verschied, noch bevor sie ihrem Sohn etwas von seiner vornehmen Geburt erzählt hatte.“

„Waren denn keine Papiere vorhanden?“ fragte der Adler.

„Nun kommt es ja,“ sagte der Dukaten. „Gewiß waren Papiere da. Sie lagen in der alten Truhe, aber in einem geheimen Fach, von dem niemand außer der Verstorbenen und dem alten Grafen, der ja doch auch tot war, etwas wußte.... Es lag ja ganz dicht bei der Stelle, wo ich eingeklemmt war. Da lag ihr Trauschein und der Taufschein des Jungen mit seinem vollen Namen und dem Grafentitel und allem. Wenn sie früher das Fach öffnete und die Papiere herausnahm, so dachte ich gar oft in meinem Sinn, sie solle sie doch lieber an einen andern Ort legen, wo die Leute sie finden könnten. Denn man konnte ja nie wissen, was geschehen würde. Und sie hat wohl etwas ähnliches gedacht, denn sie schüttelte den Kopf und legte die Papiere wieder hinein, wobei sie vor sich hinmurmelte:

‚Nein nein nein! Wenn nicht sein Vater in sich geht und ihn aus freien Stücken aufsucht, dann ist es besser, daß sie einander nie treffen. Mein Junge wird schon durchkommen, wenn ich nur aushalte und für ihn sorgen kann, bis er für sich selbst zu sorgen vermag. Geld stiftet Gutes und Böses, dem Vater meines Jungen hat es Böses gebracht. Wäre er nicht als reicher Mann geboren worden, so wäre er vielleicht ein guter, tüchtiger Mensch geworden. Nun will ich dem Schicksal seinen Lauf lassen!‘

Vielleicht war das vernünftig von ihr gedacht, darüber möchte ich mich nicht weiter auslassen. Aber ich bin überzeugt, daß sie sich zuletzt eines andern besonnen hatte. Denn als sie sterben sollte und nicht mehr sprechen konnte, hob sie den Arm und wies auf die alte Truhe hin. Da ging ihr Sohn, der in ihrer letzten Stunde allein bei ihr war, zu der Truhe hin, nahm die Klappe herunter und zog die Schubladen heraus. Er reichte ihr verschiedene Gegenstände, die darin lagen; aber sie schüttelte den Kopf; denn das war es ja nicht, was sie haben wollte. Sprechen konnte sie nicht mehr. Und dann starb sie. — Es war hart für einen ehrlichen Dukaten wie ich, ganz in der Nähe sitzen zu müssen und doch nichts tun zu können. —

Aber nun hört weiter! Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Die Frau bekam ein sehr ärmliches Begräbnis; denn es war ja kein Geld vorhanden außer dem Erlös aus dem Verkauf der Einrichtung, und der war sehr gering, außerdem waren auch noch Schulden aus der Zeit der Krankheit da. Der Arzt, der der einzige war, der die beiden etwas näher kannte, rief den jungen Mann zu sich und sagte ihm, fünfundzwanzig Goldstücke seien sein ganzer Besitz, wenn das Begräbnis und die Schulden bezahlt seien. Und so viel war nur deshalb übrig geblieben, weil der Arzt die alte Truhe für fünfzig Dukaten gekauft hatte, obwohl das alte Möbel bei weitem nicht so viel wert war, und er eigentlich gar keine Verwendung dafür hatte. Mit diesem Bescheide ging der junge Mann in die Welt hinaus. Der Doktor fragte ihn, ob er denn gar nichts von seiner Familie und seinen Vorfahren wisse, aber er konnte nur den Kopf schütteln. So mußte er eben versuchen, sich sein Leben zu zimmern.“

„Wohin kamst du denn nun?“ fragte das Eisen.

„Ich blieb, wo ich war. Ich saß immer noch eingeklemmt in dem Geheimfach, in dem die wichtigen Papiere lagen. Die Truhe wurde jetzt in dem Arbeitszimmer des Doktors aufgestellt und mit seinen Papieren gefüllt. Da stand sie ein, zwei, fünf Jahre lang; und ich saß fest, und die wichtigen Papiere waren schon ganz vergilbt.“

„Kommt denn nun nicht endlich die Hauptsache?“ rief der Adler.

„Gewiß, gewiß! Eines Abends wollte der Doktor etwas in der Truhe suchen. Er konnte es nicht finden und wurde sehr ärgerlich darüber; denn er war ein alter Hitzkopf, obwohl er ein gutes Herz hatte. Schließlich nahm er alles, was in der Truhe war, in Bausch und Bogen heraus und legte es auf Tische und Stühle rings in der Stube. Er zog alle Schubladen heraus, öffnete alle Klappen, leerte alle Fächer, und konnte trotzdem nicht finden, was er suchte.

‚Bin ich verrückt geworden? Oder blind? Oder was ist los?‘ rief er und gab im Eifer der Truhe einen tüchtigen Stoß. Hierbei aber geschah nichts mehr und nichts weniger, als daß ich mich aus der Ritze, in der ich so viele Jahre lang gesteckt hatte, loslöste. Ich fiel auf den Boden des Geheimfaches, und zwar fiel ich ein ziemliches Stück, denn das Fach war hoch. Bei dem Klange stutzte der Doktor und starrte die Truhe an.“

„Bei Gott! Das ist eine spannende Geschichte!“ sagte der Adler. „Spute dich, und erzähle weiter!“

Und das Silber, das Kupfer und das Eisen stimmten mit ein, und auch die vier andern Dukaten spitzten die Ohren nicht schlecht.

„Er fing nun an, in allen Schubladen und Fächern nachzusuchen,“ erzählte der Dukaten weiter, „fand aber natürlich nichts. Dann versetzte er der Truhe wieder einen ordentlichen Stoß, und da klirrte ich ja wieder in meinem Versteck, so daß er es deutlich hören konnte. Er fand auch ungefähr die Stelle heraus, wo ich saß, und drückte und zog und versuchte auf alle mögliche Weise, Eingang zu dem geheimen Fache zu finden; denn daß ein solches Fach vorhanden sein müsse, verstand er ja nun. Aber er fand nichts. Er stieß immer wieder an die Truhe, und jedesmal rollte und klirrte ich, so gut ich konnte; denn, offen gestanden, hatte ich nichts dagegen, wieder einmal in die Welt hinauszukommen und in Umlauf gesetzt zu werden. Und einmal fiel ich, als ich herumgerollt war, oben auf die geheimen Papiere... Ich hatte gleich daran gedacht, denn es mußte ja von nicht geringer Bedeutung sein, wenn sie an den Tag kämen; und wenn ich zu ihrer Entdeckung beitragen konnte, so hatte ich wenigstens alles getan, was man mit Fug und Recht von einem Dukaten verlangen konnte.

Auch der Doktor hatte den sonderbar gedämpften Laut gehört, womit ich das letztemal fiel; und da er kein dummer Kerl war, kam er auf einmal auf den Gedanken, daß Papiere vorhanden sein müßten. Er versuchte von neuem, ob er nicht eine Feder finden könnte; aber es gelang ihm nicht. Da setzte er sich auf einen Stuhl und dachte nach, wobei er die Truhe unausgesetzt betrachtete.

Da ging ihr Sohn, der in ihrer letzten Stunde allein bei ihr war, zur Truhe hin,
nahm die Klappe herunter und zog die Schubladen heraus

[❏
GRÖSSERES BILD]

Es fiel ihm ein, wer sie vor ihm besessen hatte; und er kam auf den Gedanken, daß in dem Geheimfach vielleicht Dokumente lägen, die für den jungen Mann, den Sohn der ehemaligen Besitzerin, von Wichtigkeit sein konnten. Und der Doktor vergegenwärtigte sich den jungen Mann, der schon damals sein Interesse wachgerufen hatte. Stolz hatte der Jüngling des Doktors Anerbieten, eine Dienerstelle bei ihm anzunehmen, abgeschlagen; und der Doktor hatte schon damals daran gedacht, ob nicht vielleicht ein Geheimnis über der Geburt des Jünglings schwebe.

Unser Doktor fackelte nicht lange, sondern holte Hammer und Brecheisen. Und ohne sich daran zu kehren, daß er die Truhe, die er einst für fünfzig Goldstücke erstanden hatte, zerstörte, schlug er sie so weit in Stücke, bis das Geheimfach zutage kam. Da lag ich nun, und da lagen ja nun auch die Papiere.“

„Höchst interessant!“ rief der Adler. „Ich habe wirklich schon lange nichts so Spannendes gehört.“

„Nahm er dich denn nun und gab er dich wieder in die Welt hinaus?“ fragte das Eisen.

Mich beachtete er zunächst überhaupt nicht,“ antwortete der Dukaten. „Er nahm vielmehr die Papiere, setzte sich an den Tisch und las sie durch; und dann las er sie zum zweiten und dritten Male. Ich lag inzwischen da und glänzte und freute mich, glücklich meinem Versteck entronnen zu sein. Ich hatte auch gar keine Angst, übersehen zu werden; denn das passiert einem Dukaten nie. Und ich kann auch nicht sagen, daß ich mich gelangweilt hätte. Denn der Doktor las laut aus den Papieren vor, hielt laute Selbstgespräche und machte überhaupt kein Geheimnis aus den Dingen, die er da so auf einmal entdeckt hatte. Es waren ja auch durchaus keine unwichtigen Papiere, die er in Händen hatte. Da war der Trauschein, ein Beweis dafür, daß die verstorbene Musiklehrerin eine wirkliche Gräfin war, gesetzlich getraut mit einem der reichsten Adligen des Landes. Und da war auch der Taufschein, durch den offenbar wurde, daß ihr Sohn — jener junge Mann, der das Anerbieten des Doktors, Diener bei ihm zu sein, so stolz zurückgewiesen hatte — daß dieser junge Mann der rechtmäßige Erbe dieses Adligen war. Der alte Armenarzt lachte hell auf bei dem Gedanken, daß er beinahe einen wirklichen Grafen zum Diener bekommen hätte.

Aber es kam noch etwas ganz andres dazu, wodurch das Interesse des Doktors noch viel mehr gesteigert wurde. Es war ihm so, als hätte er gerade heute in der Zeitung etwas von jenem Grafen, also dem Vater des jungen Mannes, gelesen. Er sprang auf, um die Zeitung zu suchen. Wie eine Fliege in einer Flasche, so schwirrte er im Zimmer umher, konnte aber die Zeitungsnummer nicht finden. Da lief er, wie er ging und stand, auf die Straße hinunter und kaufte die Nummer der Zeitung. Atemlos kehrte er auf sein Zimmer zurück, faltete die Zeitung auseinander — und richtig: der Graf, der einst mit der armen Musiklehrerin vermählt gewesen war, war soeben, plötzlich und unerwartet, in Paris gestorben. Unverheiratet, so stand in der Zeitung. Und da stand auch, daß der Titel und die großen Besitzungen auf eine Nebenlinie übergingen.

Der Doktor sprang auf, lief im Zimmer umher und rieb sich vergnügt die Hände. Der Nebenlinie werden wir was pusten! dachte er. Hier ist ein rechtmäßiger Erbe. Der wird eines schönen Tages hervortreten und seine Ansprüche erheben. Aber auf einmal fiel ihm ein, daß er ja in Wirklichkeit gar nicht wußte, wo dieser Erbe steckte.

Als er so nachsinnend in der Stube herumlief, bemerkte er mich. ‚Bei dir kann ich mich für die Entdeckung bedanken,‘ rief er. ‚Dich werd’ ich aufbewahren und dem Erben geben, sobald wir ihn finden. Er soll dich in Ehren halten, weil er dir seinen Rang und sein Vermögen schuldet.‘ — Damit steckte er mich in seine Westentasche und fing von neuem an, darüber nachzudenken, was er tun sollte, um den jungen Grafen zu finden.“

„Hat er ihn gefunden... und hat der junge Graf dich in Ehren gehalten?“

Die Fragen regneten von allen Seiten auf den Dukaten nieder, der dann nach einer Weile fortfuhr:

„Es kam doch ein bißchen anders. Ich lag also in der Westentasche des Doktors und wartete auf die Ehre, die mir widerfahren sollte. Am nächsten Tage aber gab er mich aus Versehen einem seiner Patienten, einem armen Schreinergesellen.“

„Aach,“ rief der Adler. „Dann hören wir ja nicht das Ende der Geschichte.“

„Doch, das kriegt ihr trotzdem zu hören,“ sagte der Dukaten. „Der Schreinergeselle gab mich natürlich gleich aus, und so ging ich lange von Hand zu Hand, wie in alten Tagen, und wie es nun mal das Schicksal eines Dukaten ist. Ich erlebte nichts Besonderes bis zu dem Tage, wo der Mann, der mich gerade vor kurzem verdient hatte, am Tische saß und mit mir spielte, während seine Frau ihm etwas Merkwürdiges aus der Zeitung vorlas. Und was las sie vor? Die Geschichte des jungen Grafensohnes, die zugleich meine eigene Geschichte war. Wie die Papiere von dem alten Doktor gefunden worden waren, und wie er jahrelang die ganze Welt durchsucht hatte, bis er schließlich den Erben fand. Ausdrücklich stand dabei, daß die Entdeckung des Geheimfaches und der Papiere dadurch erfolgt sei, daß in der Truhe ein Dukaten klirrend aus einer Ritze hinabgefallen sei; dadurch sei der Doktor aufmerksam geworden, und er habe die Truhe zerschlagen. Und es stand auch da, daß man den jungen Grafen in einem fremden Lande als fleißigen, ordentlichen Mann gefunden habe, der sein Glück vollauf verdiente. Das erste, was er tat, war die Errichtung eines Grabdenkmals für seine Mutter. — Was die beiden Leutchen wohl gesagt hätten, wenn sie gewußt hätten, daß der Dukaten, der die Hauptrolle in dieser Geschichte spielte, vor ihnen auf dem Tische lag!“

„Das war eine großartige Geschichte!“ rief das Blei, und alle andern stimmten mit ein. Nur der Adler konnte sich nicht enthalten zu sagen:

„Gewiß, die Geschichte ist schön — jedenfalls schöner als die der andern Dukaten. Aber Gerechtigkeit ist selten in der Welt; sonst hättest du jetzt an der Uhrkette eines Grafen hängen müssen.“

„Man tröstet sich mit seinem guten Gewissen,“ erwiderte der Dukaten.

8. Kapitel:
Menschen.

So ungeduldig sie auch alle darauf waren, zu hören, was die beiden letzten Dukaten zu berichten hatten, mußten sie doch lange warten.

Denn jetzt war der Winter in das öde Land eingezogen.

Es kamen Stürme und Schnee und Eis, und zwar diesmal ärger als je zuvor. Fuchs und Bär fror es in ihrem Winterversteck, die Vorräte der Maus gingen zur Neige, und auch der Adler litt unter der Kälte. Der Frost ging so tief in die Erde hinab, daß die Wurzeln der Gräser erfroren; und die Samen, die dalagen und auf den nächsten Sommer warteten, nahmen Schaden an ihren Keimen. Eisen, Blei, Silber und Kupfer lagen tief versteckt unter fußhohem Schnee... Die fünf Dukaten waren ganz verschwunden. Man hätte glauben sollen, daß sie nie wieder zum Vorschein kommen würden. Denn wenn der Sturm wütete, lösten sich oft große Felsblöcke, die auf das Tal herabstürzten, so daß mehr unter ihnen begraben werden konnte als fünf kleine Goldstücke. Aber eine Geschichte mag so lang sein, wie sie will, sie nimmt schließlich doch ein Ende. Und der Winter mag noch so streng sein, es folgt doch ein Sommer darauf.

Die Sonne kam wieder hervor, der Schnee schmolz, die Bäche tauten auf; und die Keime, die der Frost in der armseligen Erde verschont hatte, schossen auf und grünten, so gut sie konnten. Die Metalle kamen wieder zum Vorschein, rostig und mit Kies und Sand bedeckt. Und auch die fünf Dukaten lagen wieder da; und man konnte ihnen nicht ansehen, was über ihre Köpfe dahingegangen war. Ihr Glanz war unvermindert.

„Gold bleibt Gold!“ sagte der Adler. „Alles Echte hat Bestand. Darum ist das Gold das vornehmste von allen Metallen, weil es nie rostet und sich nicht abnutzt.“

„Das tue ich auch nicht,“ sagte das Silber.

„Du bist ja an den Kanten ganz angelaufen. Schlecht bist du nicht, aber vor dem Golde mußt du zurückstehen.“

„Ich bin der stärkste von uns allen,“ sagte das Eisen.

„Du Ärmster!“ rief der Adler. „Du bist schwächer als alle andern. Keinen beißt der Rost so wie dich. Im Handumdrehen bist du weg.“

„Warum zanken wir uns?“ warf das Blei ein. „Wie im vorigen Jahre liegen wir hier immer noch nutzlos da, während sich draußen die Welt schön und reich entfaltet. Laßt uns hören, was die Dukaten uns zu erzählen haben. Zwei sind noch übrig, die uns nichts berichtet haben. Schaut uns an, wie mitgenommen und mit Grünspan überzogen wir sind. Und dann schaut die Dukaten an, die draußen in der Welt gewesen sind, die der Adler schlecht nennt. Sie glänzen aufs schönste.“

„Ja ja, erzählt!“ rief das Eisen.

„Meine Geschichte will ich euch gern berichten,“ sagte der vierte Dukaten. „Obwohl ich mein Geschick mit vielen andern gemein habe.“

„Ist die Geschichte schön?“ fragte ein kleines, kümmerliches Stiefmütterchen, das sich gerade geöffnet hatte. „Sonst fürchte ich mich. Wißt ihr: als ich im vorigen Jahr als winziger Samen im Kopfe meiner Mutter lag, da habe ich den zweiten Dukaten so etwas Greuliches erzählen hören. Das habe ich nie verwinden können. Darum sind meine Stengel so dünn und meine Blätter so klein.“

„Ja, die Geschichten der Dukaten eignen sich nicht für Kinder,“ sagte der Adler.

„Verschont uns doch um des Himmels willen mit dem dummen Geschwätz!“ rief das Eisen ungeduldig. „Wir wollen die Dukaten erzählen hören. Wenn hier einer diese Geschichten aus der Welt und dem Leben nicht vertragen kann, so mag er gefälligst weggehen. Wir sind doch Männer, sollt’ ich meinen.“

„Ich rechne mich allerdings zu den Damen,“ erwiderte das Stiefmütterchen. „Aber ich werde den Herren Metallen nicht zur Last fallen.“

„Danke, sehr freundlich!“ sagte das Eisen spöttisch. „Dann kann der Dukaten also beginnen.“

„Wenn ich nur wüßte, was ich erzählen soll!“ sagte der Dukaten.

„Wir sind hier im Tale nicht verwöhnt,“ meinte das Eisen. „Hier geschieht nie etwas Besonderes. Erzähl’ nur darauf los!“

„Auch ich,“ begann der vierte Dukaten, „habe natürlich viele Besitzer gehabt. Es ist nun mal unser Los, von Hand zu Hand zu gehen, wie schon meine verehrten Kollegen ganz richtig bemerkten. Wir können keinen Widerstand leisten; und wir können natürlich nicht im geringsten die Verantwortung übernehmen für das, was unsre Besitzer mit uns beginnen. Heute können wir in der Tasche eines ehrlichen Mannes liegen, und morgen in der eines Diebes. Das einemal kauft man Branntwein für uns, das andremal Rosen. Man fügt sich in sein Schicksal, ohne darum schlechter zu sein. Der Dukaten verliert seinen Wert nie, durch wessen Hände er auch gehen mag. Aber wenn sich das auch so verhält, so müßt ihr darum nicht glauben, daß ich ohne Gefühl bin. Auch ein Dukaten hat ein Herz wie andere Leute, und nicht alle unsre Herren sind uns gleich lieb. Von dem einen trennen wir uns betrübt, von dem andern mit Freuden. Die einen vergessen wir nie, die andern beachten wir kaum.“

„Das wäre also die Einleitung,“ rief das Silber. „Nun laß uns die Geschichte hören!“

„Unter allen meinen Besitzern,“ begann der vierte Dukaten, „war mir der liebste —“. Weiter aber sollte er nicht kommen in seiner Geschichte, denn der Adler unterbrach ihn von seiner Zinne mit dem Rufe:

„Da kommen Menschen!“

Ein Beben ging durch das öde Land.

Was für Menschen waren das, die da kamen? Und was wollten sie... Würde es gehen wie das letztemal, wo sie alles aufwühlten und niedertraten und dann wieder fortzogen und das Land öder und trauriger zurückließen, als es je gewesen? Oder kamen sie, um hier zu bleiben und im Lande zu wohnen und bessere Zeiten zu schaffen? Die Menschen könnten ja alles, pflegte der Adler zu sagen.

Jedenfalls war es vorbei mit dem Geschichtenerzählen der Dukaten. Weder die Schicksale des vierten noch des fünften Dukaten kamen je zu Ohren der andern Metalle und des Adlers und des Stiefmütterchens. Sie hatten ja nun alle andere Dinge im Kopfe.

„Die Menschen kommen natürlich, um die fünf Dukaten zu holen,“ sagte der Adler höhnisch. „Sie laufen bis ans Ende der Welt, um ein Stück Gold zu bekommen.“

Aber diesmal irrte sich der Adler.

Die Menschen, die jetzt kamen, sahen ganz anders aus wie der ungeordnete Haufe der Goldgräber, die vor Jahren im Lande gehaust hatten. Sie waren kräftig und arbeitstüchtig und kamen in geordnetem Trupp. An ihrer Spitze stand ein junger Ingenieur, der mit ruhiger Stimme Befehle erteilte, und dem die Leute ohne Murren gehorchten. Er sah sich im Tale um, beklopfte die Steine, steckte seinen Spaten hier und da hinab, prüfte die Metalle in einem kleinen Tiegel, den er mitgebracht hatte. Mit dem Resultat seiner Untersuchungen schien er außerordentlich zufrieden zu sein. Nachdem die Leute Zelte aufgeschlagen und sich mit den mitgebrachten Gegenständen so gut wie möglich eingerichtet hatten, rief er den ganzen Trupp zusammen und sagte:

„Wir sind hier an sehr, sehr reiche Eisenminen gekommen. Früher ist hier Gold gewesen, aber das ist weg. Jetzt ist hier noch Silber, Kupfer und Blei. Doch am reichlichsten ist Eisen vorhanden, und zwar so gutes Eisen wie an wenigen Stellen in der Welt. Der Mann, der dieses Land gekauft und uns hierher gesandt hat, wird steinreich. Und auch wir können ein schönes Stück Geld mit unserer Arbeit verdienen. Wir wollen gutes Muts sein und gleichmäßigen Fleiß anwenden, dann sollt ihr sehen, welch ungeheure Menge Eisen wir gewinnen werden.“

Die Leute riefen Hurra! und gingen an die Arbeit. Nach kurzer Zeit aber stieß einer von ihnen einen lauten Schrei aus:

„Gold! Gold! Gold!“

Alle zuckten zusammen, auch der junge Ingenieur, der soeben so ruhig und vernünftig gesprochen hatte, und alle liefen herzu. Aber der Adler schlug mit den Flügeln und rief höhnisch:

„Seht ihr... es kommt, wie ich gesagt habe! Jetzt sind sie wieder ganz aus dem Häuschen.“

Das Gold, das der Mann gefunden hatte, war nichts anderes als die fünf Dukaten. Der junge Ingenieur hielt sie in der Hand und betrachtete sie:

„Es sind nur fünf. Wahrscheinlich hat sie einer der Goldgräber früher hier verloren. Wer weiß: vielleicht ist er hier gestorben oder verunglückt. Das Gold regiert die Welt, im guten wie im bösen. Wir können es nicht entbehren. Das Gold setzt unser Minenwerk in Gang. Aber glücklich der, der sein Gold durch ehrliche, redliche Arbeit erwirbt... Glücklicher ist er als der, der es auf der Erde findet. Diese fünf Dukaten sollen den Grundstock zu einer Krankenkasse für diejenigen von uns bilden, die bei der Arbeit zu Schaden kommen.“

Hiermit waren alle einverstanden, und nun wurde der Minenbetrieb in Gang gesetzt. Die Hacken erklangen, und es trafen Maschinen ein, die vom Morgen bis zum Abend stampften und arbeiteten. Ein ganzes Dorf mit hohen Schornsteinen wurde gebaut; Eisenbahnen wurden angelegt, und niemand konnte das böse Land wiedererkennen.

„Nun geht es,“ rief das Eisen. „Hurra! Nun kommen wir in die Welt hinaus!... nun sind wir ebenso gut wie das Gold!“

„Das werdet ihr nie,“ sagte der Adler. „Mit einem kleinen Stück Gold kann man einen Berg Eisen bezahlen. Die Männer, die euch aus der Erde gewinnen, werden jeden Sonnabend von dem Ingenieur mit Goldgeld bezahlt. Aber jetzt will ich fortfliegen, denn hier wird es mir zu lebhaft.“

Damit flog er auf seinen breiten Schwingen in ödere Gegenden.