Das Johanniswürmchen.
Es war Nacht, und der Himmel hing voller Sterne.
Der Hund schlief in seiner Hütte, die Katze auf dem Speicher und der Mensch in seinem Bette. Der Wind hatte sich zurückgezogen; wohin, wußte niemand. Wenn es sich in der Luft bewegte, so war es die Fledermaus, die lautlos auf ihren weichen Flügeln vorübertanzte. Raschelte es im Gebüsch, so war es die Maus oder der Igel, die zu nächtlicher Kurzweil unterwegs waren.
Aber die großen schwarzen Linden, die als schöne Allee bis zum Pförtchen standen, dufteten so süß und schwer, daß die Bienen in ihren Körben vor Sehnsucht nicht schlafen konnten.
Nur in einem einzigen Fenster im ganzen Hause war Licht.
Das Fenster stand offen, und auf dem Fensterbrett saß das hübscheste Mädchen der Welt und schaute in den dunkeln, stillen Garten hinaus.
Ganz ruhig saß sie, und rings um die Scheiben wanden sich grüne Ranken, so daß sie einem Porträt glich, um das jemand einen Kranz gehängt hat.
Da begann die Nachtigall zu singen:
„Gitte... gitte... gitte... gitte... git.“
Es war bloß ein Triller, als wollte sie probieren, wie ihre Stimme in der Stille klang.
„Nun... Nachtigall?“ sagte das junge Mädchen.
Die Nachtigall erwiderte nichts. Da schlug das Mädchen in die Hände und sang, daß es durch den Garten hallte:
„Nachtigall ... Nachtigall ...
deren Schlag das Herze heilt,
wenn es will vergehen.
Sag mir, wo mein Liebster weilt,
und wann wir uns wiedersehen.
Nachtigall ... Nachtigall ...
deren Sang das Herze heilt.
Sing ihn mir herbei
mit lieblicher Schalmei.“
Und die Nachtigall antwortete sofort:
„Gitte ... gitte ... gitte ... git ...
Da drüben hinter der grünen Wand
schläft mein Weibchen in Rosen fein.
Sie liegt auf fünf Eierchen wie gebannt,
und die Eierchen, die sind mein.
Gitte ... gitte ... gitte ... git ...
Wohl keiner den Schatz treuer hüten kann.
Ich aber will für sie singen.
Vielleicht wird der Tag uns dann
fünf hübsche Vögelchen bringen.“
„Ja, du hast dein Teil im Trocknen, liebe Nachtigall,“ sagte das junge Mädchen. „Du denkst nur an dich.“
Dann beugte sie sich so weit, wie sie konnte, aus dem Fenster, sah mit ihren blanken Augen zu den großen Linden auf und sang:
„Lindenblüte ... Lindenblüte ...
du starke und du süße,
dufte über Feld und Pfad
und bring dem Liebsten Grüße!
Sag ihm, hier sei gut zu gehn
Auf den dunkeln Gartenwegen.
Lindenblüte ... Lindenblüte ...
dufte dem Liebsten entgegen!“
Und kaum hatte sie ihr Liedchen zu Ende gesungen, als es in den Linden rauschte und sang:
„Still ... still ... still ...
Ihr müßt hübsch ruhig sein,
Nachtigall und Mägdelein!
Weckt mir nicht meine Blüten auf!
Wenn sie duften, wenn sie träumen,
über sich die hehren Sterne,
reifen all der Früchte Kerne ...
und der Himmel blickt darauf.“
„Wie schön!“ sagte das junge Mädchen. „Ich höre das gern. Aber was hilft es mir?“
Und die Nachtigall sang wieder, glücklich und lange, und die Linden dufteten süß und stark. Dem jungen Mädchen wurde schwer ums Herz.
Da fiel ihr Blick auf einen Rosenstrauch, der unter ihrem Fenster stand, und sie bemerkte ein Lichtlein, das auf einem der Blätter leuchtete. Vorsichtig umfaßte sie den Zweig und sah, daß das Licht von einem kleinen seltsamen Tier ausging, einem Wurm mit langen Haaren am ganzen Körper.
„Was bist du für eine?“ fragte sie.
„Ich bin das Johanniswürmchen,“ sagte das Tier. „Hast du meinen Schatz nicht gesehen?“
„Nein, das nicht. — Und du, hast du den meinen nicht gesehn?“
„Nein. Ich bin ja so unglücklich!“
Das Johanniswürmchen wand sich auf dem Blatte und leuchtete, daß einem die Augen davon weh taten.
„Herrgott, meine liebe Freundin,“ sagte das junge Mädchen. „Dir scheint es genau so zu gehn wie mir. Wenn du doch Flügel hättest und zu deinem Geliebten hinfliegen könntest!“
„Wer weiß, was das beste ist!“ erwiderte das Johanniswürmchen. „Dann würden wir vielleicht auseinander fliegen; — denn er hat Flügel, mußt du wissen. So sitze ich hier und leuchte, damit er mich finden kann.“
„Ach, leuchtest du deswegen!“ rief das Mädchen vergnügt. „Das ist ja dasselbe wie mit meinem Licht hinterm Fenster. Das steht auch da, damit mein Verlobter es von weitem sehen kann, wenn er kommt.“
„Mit Verlaub,“ fragte das Johanniswürmchen mit einem tiefen Seufzer. „Warum gehst du denn nicht zu deinem Bräutigam?“
„Gott behüte,“ sagte sie und bekam einen roten Kopf. „Das würde sich wenig für ein junges Mädchen schicken, mitten in der Nacht dem Verlobten nachzulaufen!“
„Soso,“ sagte das Würmchen, „ja, dann bist du eigentlich nicht besser dran als ich.“
„Erzähl’ mir ein bißchen von deinem Bräutigam,“ bat das Mädchen. „Ich habe Liebesgeschichten so gern. — Wie sieht er aus?“
„Ich habe ihn nie gesehn,“ war die Antwort.
„Du hast ihn nie gesehn!“ rief das Mädchen und schlug die Hände erschrocken zusammen.
„Nein, tatsächlich nicht. Und hast du den deinen denn gesehn?“
„Und ob!“ Das Mädchen lachte hell auf. „Das kannst du mir glauben. Er ist das schönste, herrlichste Wesen der Welt!“
„Ja, das ist mein Geliebter auch,“ entgegnete das Johanniswürmchen. „Wenn er mich nur wenigstens gesehen hätte!“
„Er hat dich auch noch nicht gesehn?“
„Nein, und darum leuchte, leuchte, leuchte ich, damit er mich ausfindig machen soll.“
„Das ist das Traurigste, was ich je gehört habe,“ sagte das junge Mädchen, und große Tränen rollten ihre Wangen hinab. „Arme, arme kleine Freundin!“
„Ach ja! Wenn wir nur nicht zu so vielen wären! Schau einmal in den Garten hinaus, dann wirst du sehn, wie es in allen Sträuchern leuchtet!“
„Ja,“ sagte sie, „nun seh’ ich es... fünf, sechs... sieben, acht, neun... aber da sind ja über zwanzig Johanniswürmchen!“
„Das ist das Traurige. Doch das ist das Los des Weibes. Auch du kannst doch nicht wissen, ob nicht andre ein Licht in ihr Fenster setzen und deinen Liebsten einfangen.“
„Du kennst meinen Liebsten nicht.“
„Ach, wenn ich nur meinen eignen kennte!“
Und das Johanniswürmchen wand sich und leuchtete, daß es beinahe entzweiging. Aber das junge Mädchen achtete gar nicht darauf. Sie lehnte den Kopf an den Fensterrahmen und schaute mit glücklichen Augen in den Garten hinaus.
„Mein Liebster denkt an niemand als an mich,“ sagte sie. „Kommt er nicht heute, so kommt er morgen. Dann gehn wir aus und machen Besuche... und ich nähe an meiner Aussteuer... Es dauert gar nicht mehr so lange, bis wir heiraten. Dann fahre ich im weißen Kleide und mit weißen Pferden vorm Wagen zur Kirche. Die Glocken läuten, die Orgel spielt, und der Pfarrer hält eine schöne Predigt. Und hernach fahren wir in unser Heim, in die reizendste kleine Wohnung, die du dir denken kannst.“
„Ja,“ erwiderte das Johanniswürmchen. „Bei uns geht es allerdings nicht so vornehm zu. Sobald mein Bräutigam kommt, heiraten wir, und dann ist der Klimbim vorbei.“
„Ist der Klimbim vorbei, wenn man heiratet?“
„Ja, allerdings,“ sagte das Würmchen. „Dann ziehe ich noch einen Tag umher, lege meine Eier und sterbe.“
„Ach, Herrgott!“ sagte das junge Mädchen und weinte bitterlich. „Es ist so entsetzlich, das zu hören, wenn man selbst so froh ist. Könnte ich doch nur etwas für dich tun, du armes, liebes Johanniswürmchen. Aber nun muß ich zu Bett. Sonst hab’ ich morgen früh rote Augen, und das kann mein Schatz nicht leiden.“
„Ach ja,“ seufzte das Johanniswürmchen.
Das Mädchen schloß das Fenster und ließ den Vorhang herunter.
Aber das Johanniswürmchen leuchtete und leuchtete, bis die Sonne aufging und so hell erstrahlte, daß alles andre Licht auf der Erde erlosch.
* *
*
Zwei Tage später ging das junge Mädchen am Abend mit ihrem Bräutigam im Garten spazieren.
Vor dem Rosenstrauch unter ihrem Fenster blieb sie stehen, bückte sich und nahm etwas auf.
Es war das Johanniswürmchen. Aber es lag tot in ihrer Hand mit seinen starrenden Haaren.
Sie erzählte nun ihrem Verlobten alles, was in jener Nacht vorgefallen war, als sie am Fenster saß und sich nach ihm sehnte. Und sie konnte nicht anders, sie weinte über das Schicksal des Johanniswürmchens.
„Das ist ganz richtig,“ sagte der Bräutigam. „So ist es dem Johanniswürmchen ergangen. Der Bräutigam ist schließlich gekommen, die beiden haben Hochzeit gehalten, und dann hat das Würmchen die Eier gelegt und ist gestorben. Das war ein karges Glück, nach dem man kein Verlangen zu haben braucht. Aber du und ich, wir haben etwas, wonach wir uns sehnen; denn wir werden viele, viele Jahre miteinander leben.“
Sie hielt immer noch das tote Tierchen in der Hand und betrachtete es. Sie dachte an die Nachtigall und die Lindenblüten, und ihr war, als stände ihr das Johanniswürmchen am nächsten von allen.
„Ich weiß nicht, wie das ist,“ sagte sie. „Aber mich dünkt, die Sehnsucht des Johanniswürmchens war genau so gut wie die meine.“
„Du bist ein liebes Mädchen,“ sagte er.
Das meint man ja immer von seiner Liebsten. Aber in diesem Falle stimmte es wirklich.