Das Ding in viererlei Gestalt.

Justizrats waren ausgezogen, und die Villa stand leer.

Eine Frau war dagewesen und hatte in allen Zimmern reingemacht. Man hatte auch den Hof gefegt, und dann war alles verschlossen worden, denn das Haus war nicht wieder vermietet.

Die Ratte fuhr umher — die Treppe zum Speicher hinauf, die Treppe zum Keller hinab — schnupperte überall und fand nichts.

„Diese boshaften Menschen..... diese unangenehmen Menschen,“ sagte sie. „Alles wie weggeblasen. Nicht einen Happen haben sie für eine hungrige alte Ratte übriggelassen.“

Und sie lief auf den Hof hinunter, kroch unter der Tür durch in den Holzschuppen und sah sich um.

„Nicht die Spur,“ schalt sie. „Ich werde wohl auch ausziehen müssen.“

Damit lief sie wieder hinaus.

Aber sie irrte sich, wenn sie meinte, es sei niemand im Holzschuppen.

Ganze vier waren da.

Zunächst einmal ein Stück Steinkohle, das war glänzend schwarz. Dann ein Stück Koks, das matt aussah und müde und aufgerieben. Ferner ein Buchenscheit, das im Finstern ganz weiß leuchtete. Und als Vierter im Bunde ein Stück armseligen Torfs.

Jeder von ihnen lag in seiner Ecke, und keiner schien den andern etwas anzugehn. Aber der Raum war so klein, daß sie bequem miteinander schwatzen konnten. Und da kein anderer zum Schwatzen da war, so nahmen sie vorlieb.

„Die idiotische Ratte!“ begann die Steinkohle. „Das einfältige Wesen! Sagt, es wär’ keiner hier, und dabei bin ich doch hier.“

„Und ich,“ sagte das Holzscheit. „Mich übersieht man wohl nicht.“

„Vergiß nur ja mich nicht,“ flüsterte das Stück Koks mit matter Stimme. „Ich kann nicht so schreien wie die Kohle und das Brennholz, denn ich hab’ viel durchgemacht, und das macht einen stiller. Aber darum bin ich doch nicht weniger wert.“

„Ja... ich bin ja auch noch hier,“ meinte der Torf bescheiden. „Mit Verlaub zu sagen.“

Die Steinkohle sah sich um.

„Natürlich seid ihr hier. Leugne ich das etwa? Aber wozu seid ihr denn eigentlich nütze? Darauf kommt’s eben an!“

„Tja — hm... ich bin ja nichts anderes als ein bißchen Brennmaterial,“ versicherte der Torf treuherzig. „Verzeiht, daß ich es sage, aber ich wurde ja gefragt.“

„Ich bin das gleiche,“ sagte das Stück Koks.

„Und ich auch,“ das Holzscheit. „Und auch die großsprecherische Steinkohle ist meines Wissens zu nichts anderm gut, als verbrannt zu werden.“

„Seht richtig,“ erklärte die Steinkohle. „Verbrannt zu werden, ist unser gemeinsames Los. Aber wenn unser Ende auch das gleiche ist, darum ist’s doch noch nicht gesagt, daß wir gleich viel taugen. Ich bin der Wärmste... ich habe so viel Hitze in mir, daß ich manchmal nahe daran bin, auseinandergesprengt zu werden.“

„Aber ich bin der Flottste und der Teuerste,“ sagte das Holzscheit. „Nur reiche Leute sind in der Lage, mit mir zu feuern.“

„Ich bin der Reinlichste,“ sagte das Stück Koks.

„Entschuldigt,“ warf der Torf ein, „ich bin bloß der Billigste.“

„Du himmlische Güte!“ spottete die Steinkohle, „ein jeder hat ja seine Vorzüge. Ich glaube jedoch, daß mir niemand widersprechen wird, wenn ich hervorhebe, daß ich aus der feinsten Familie bin. Ich stamme aus der allerältesten Zeit... es lebt niemand in der Welt, der so alt ist wie ich.“

„Doch... ich,“ widersprach der Koks.

„Was faselst du?“ fragte die Steinkohle.

„Ja.... ich bin nun auch nicht gerade aus dem heutigen Jahrgang,“ ließ sich der Torf vernehmen. „Aber es würde mir nie einfallen, davon zu reden.“

„Und ich bin jung und frisch,“ sagte das Buchenscheit. „Bin noch nicht einmal ganz und gar trocken geworden. Ich pfeif’ auf euer elendes Alter.“

Ein Weilchen lagen sie still da. Dann sagte der Torf:

„Verzeihung... aber wollen wir nicht jeder unsere Geschichte erzählen? Wir werden doch hier ein halbes und vielleicht ein ganzes Jahr zu liegen haben. Und Geschichten, die sind so schön.“

„Meinetwegen,“ sagte der Koks, „nur muß ich auf das bestimmteste verlangen, daß ich zuletzt drankomme. Denn erstens bin ich so schwach, daß ich mich erst ein wenig erholen muß. Und zweitens würde eure Ungeduld, an die Reihe zu kommen, mich ganz nervös machen. Drittens —“

„Das Drittens schenk’ ich dir,“ unterbrach ihn das Holzscheit. „Nun beginne ich. Meine Geschichte klingt frisch und frei... ich besinne mich noch auf alles, als wär’ es gestern gewesen.“

„Fang an!“ sagte die Steinkohle. „Nach dir kommt der Torf an die Reihe, und dann komme ich.“