Libelle und Seerose.
Unter grünen Büschen und Bäumen lief der Bach dahin.
An den Ufern stand hohes, schlankes Schilf und flüsterte mit dem Winde. Mitten auf dem Wasser schwamm die Seerose mit ihrer weißen Blüte und ihren breiten grünen Blättern.
Gewöhnlich war’s ganz still auf dem Bache. Aber hin und wieder kam der Wind angefahren, dann sauste und brauste es im Röhricht, und die Seerose tauchte zuweilen ganz in den Wellen unter, und die Blätter richteten sich auf und standen aufrecht, so daß die dicken Stengel, die von unten, vom Grunde her kamen, Mühe hatten, sie noch länger zu halten.
„Ei, was für eine schöne kleine Seerose!“ rief Ellen...
Am Stengel der Seerose kroch die Libellenlarve den ganzen Tag lang auf und nieder.
„Herrgott, es muß doch langweilig sein, eine Seerose zu sein,“ sagte sie und sah zur Blüte auf.
„Du schwatzest mal wieder ins Blaue hinein,“ war die Antwort der Seerose. „Das ist gerade das herrlichste Dasein von der Welt.“
„Versteh’ es, wer es kann,“ sagte die Larve. „Ich würde mich keinen Augenblick besinnen, mich loszureißen und in der Luft herumzuschwirren wie die großen, schönen Libellen.“
„Pah!“ sagte die Seerose. „Das wäre ein nettes Vergnügen. Ach nein, still auf dem Wasser liegen und träumen, Sonnenschein einsaugen und sich von Zeit zu Zeit von den Wogen schaukeln lassen... das ist denn doch etwas anderes.“
Die Larve schwieg ein Weilchen und dachte nach. Dann rief sie aus:
„Ich sehne mich nun mal nach etwas Höherem. Wenn es nach mir ginge, möchte ich eine Libelle werden. Auf großen steifen Flügeln würde ich am Bache hinfliegen, würde deine weiße Blüte küssen, einen Augenblick auf deinen Blättern ausruhen und dann weiterfliegen.“
„Du willst zu hoch hinaus,“ erwiderte die Seerose; „und das ist dumm. Der Sperling in der Hand ist mehr wert als die Taube auf dem Dache. Und ich möchte mir doch auch die Frage erlauben, wie du es anfangen willst, eine Libelle zu werden. Du siehst mir nicht danach aus, als wärest du dazu geschaffen. Jedenfalls müßtest du dich denn doch ein bißchen schöner auswachsen; so grau und häßlich, wie du jetzt bist.“
„Ja, das ist gerade das Unglück,“ antwortete die Larve verzagt. „Ich weiß ja selbst nicht, wie es zugehen soll; aber ich habe nun mal die Hoffnung, daß es doch geschieht. Darum krabble ich hier umher und verzehre alle die Tierchen, die mir in den Weg kommen.“
„Aha, du glaubst, mit dem Fressen bringst du es weiter!“ sagte die Seerose lachend. „Das ist wirklich eine famose Methode, es im Leben zu etwas zu bringen.“
„Ja, ich glaube wirklich, daß es die richtige für mich ist!“ rief die Libellenlarve eifrig. „Den lieben langen Tag esse ich, bis ich dick und fett bin, und dann, denke ich, wird eines schönen Tages all mein Fett zu Flügeln mit Gold und all den anderen schönen Dingen, die zu einer richtigen Libelle gehören.“
Die Seerose schüttelte den klugen weißen Kopf.
„Laß doch die törichten Gedanken,“ sagte sie, „und sei zufrieden und glücklich mit dem Lose, das dir beschieden ist! Du kannst dich in Ruhe und Frieden hier unten zwischen meinen Blättern tummeln und kannst an meinem Stengel auf und ab kriechen, soviel du willst. Du hast dein reichliches Auskommen und keine Sorgen — was verlangst du noch mehr?“
„Du bist von niederem Range,“ antwortete die Larve, „und darum hast du keinen Sinn für das Höhere. Ich aber will eine Libelle werden!“
Und sie kroch hinunter bis auf den Grund, um immer mehr Insekten zu fangen und sich noch feister und fetter zu fressen.
Aber die Seerose lag ruhig auf dem Wasser und dachte nach über den Lauf der Welt:
„Ich kann diese Tiere nicht verstehen. Vom Morgen bis zum Abend tummeln sie sich umher, jagen und fressen einander und können nicht in Frieden leben. Wir Blumen sind doch vernünftiger. Ruhig und friedlich wachsen wir, die eine neben der anderen, trinken Sonnenschein und Regen und nehmen alles hin, wie es kommt. Und ich bin die Glücklichste von allen; denn während die anderen Blumen auf dem festen Lande bei großer Dürre verwelken, schwimme ich unangefochten hier auf dem Wasser. Die Blumen haben es am besten; aber das können die dummen Tiere wohl nicht verstehen.“
Als die Sonne am Abend unterging, saß die Libellenlarve stumm und steif auf dem Stengel; die Beine hatte sie dicht angezogen. Sie hatte so viele Tierchen gefressen und war so dick, daß ihr zumute war, als ob sie platzen sollte. Und doch war sie nicht vergnügt. Sie dachte darüber nach, was die Seerose gesagt hatte, und die ganze Nacht ließen die unruhigen Gedanken sie nicht schlafen. Vor lauter Nachdenken tat ihr der Kopf weh, denn das war ungewohnte Arbeit. Auch im Rücken und Magen hatte sie Schmerzen. Ihr war, als werde sie in Stücke zerrissen und sollte sterben.
Als der Morgen graute, konnte sie es nicht länger aushalten.
„Ich weiß gar nicht, wie mir ist,“ stöhnte sie verzweifelt. „Das zwickt und zwackt mich; und ich weiß nicht, was mit mir werden soll. Vielleicht hat die Seerose recht, und ich bleibe ewig, ewig eine arme, kümmerliche Larve. Aber ist der Gedanke nicht furchtbar hart? Ich möchte doch so gern eine Libelle werden und im Sonnenschein umherfliegen. Au, mein Rücken, mein Rücken! Ich glaube, das ist der Tod.“
Sie hatte das Gefühl, daß ihr Rücken platzte, und schrie vor Schmerzen laut auf. In diesem Augenblick ging ein Brausen durch das Schilf am Ufer des Baches.
„Das ist der Morgenwind,“ dachte die Larve. „Die Sonne möchte ich wenigstens noch einmal sehen, ehe ich sterbe.“
Und mit großer Mühe kroch sie auf eines der Seerosenblätter, streckte die Beine aus und machte sich auf den Tod gefaßt.
Aber als die Sonne rot und rund im Osten aufging, da platzte der Rücken der Larve auf einmal. In ihrem Innern kribbelte und krabbelte es, und ihr war so eng und bange zumut — o, sie litt unsägliche Qualen.
Überwältigt schloß sie die Augen, aber im Innern, da drängte und arbeitete es weiter. Endlich merkte sie auf einmal, daß sie frei war, und als sie die Augen aufmachte, schwebte sie auf steifen, glänzenden Flügeln durch die Luft als anmutige Libelle.
Doch unten auf dem Seerosenblatt lag ihre häßliche, graue Larvenhülle.
„Hurra!“ rief die neugebackene Libelle. „Nun ist mein schönster Traum doch in Erfüllung gegangen!“
Und im Fluge durchschwirrte sie die Luft, als ginge die Fahrt bis ans Ende der Welt.
„Die Närrin hat doch ihren Willen bekommen!“ dachte die Seerose. „Nun wollen wir sehen, ob sie zufriedener geworden ist.“
*
Zwei Tage darauf kam die Libelle angeflogen und setzte sich auf die Seerosenblüte.
„I, guten Tag!“ rief die Seerose. „Sieht man dich endlich einmal? Ich dachte wirklich, du wärest zu vornehm geworden, deine alten Freunde zu begrüßen.“
„Guten Tag,“ sagte die Libelle. „Wohin soll ich die Eier legen?“
„Ach, die wirst du schon unterbringen!“ antwortete die Blüte. „Setz’ dich ein Weilchen zu mir und erzähle mir, ob du jetzt zufriedener bist als damals, als du als häßliche kleine Larve an meinem Stengel auf und nieder krochst!“
„Wohin soll ich die Eier legen? Wohin soll ich die Eier legen?“ rief die Libelle und flog surrend hin und her, legte ein Ei hierhin und eines dahin und ließ sich endlich müde und matt auf ein Blatt nieder.
„Nun?“ fragte die Seerose.
„Ach, damals hatte ich es besser, viel besser!“ seufzte die Libelle. „Im Sonnenschein ist es ja zwar herrlich; und ein Vergnügen ist es, so über dem Wasser dahinzufliegen; aber habe ich denn je Zeit, mich daran zu erfreuen? Ich bin so furchtbar beschäftigt, mußt du wissen. Früher hatte ich an nichts zu denken. Jetzt aber muß ich den ganzen Tag lang umherfliegen, um die dummen Eier unterzubringen. Keinen Augenblick bin ich frei, und kaum habe ich Zeit zum Essen.“
„Hab’ ich’s dir nicht vorhergesagt?“ rief die Seerose triumphierend. „Hab’ ich dir nicht prophezeit, daß du aus dem Regen in die Traufe kommen würdest?“
„Leb’ wohl,“ antwortete die Libelle mit einem Seufzer, „ich habe keine Zeit, deine spöttischen Bemerkungen anzuhören. Ich muß heute noch mehr Eier legen.“
Doch als sie gerade fortfliegen wollte, da kam der Star.
„So eine schöne kleine Libelle!“ sagte er; „das ist ein prächtiger Leckerbissen für meine Kleinen!“
Und wupps! packte er die Libelle mit dem Schnabel und flog mit ihr fort.
„Da haben wir die Geschichte!“ rief die Seerose, und ihre Blätter zitterten vor Entsetzen. „Diese Tiere, o diese Tiere! Das sind lächerliche Geschöpfe. Da lobe ich mir doch wirklich mein stilles, friedliches Dasein. Ich tue keinem etwas zuleide, und keiner tut mir etwas. Wie bin ich doch so glück...“
Ehe sie aussprechen konnte, glitt ein Boot dicht an ihr vorüber.
„Ei, was für eine schöne kleine Seerose!“ rief Ellen, die im Boote saß, „die muß ich haben.“
Sie beugte sich über den Rand des Bootes und riß die Blüte mit einem Ruck los. Als sie nach Hause gekommen war, setzte sie sie in ein Glas Wasser, und da stand sie drei Tage lang zwischen anderen Blumen.
„Das verstehe ich nicht!“ sagte die Seerose am vierten Morgen. „Es ist mir ja um kein Haar besser ergangen als der armen Libelle.“
„Nun sind die Blumen verwelkt,“ sagte Ellen und warf sie zum Fenster hinaus.
Da lag die Seerose mit ihren feinen, weißen Blättern an der schmutzigen Erde.