Elftes Kapitel: Viele Jahre später.

Viele, viele Jahre, Jahrhunderte und Jahrtausende waren vergangen.

Und es war nicht mehr im Walde, in den warmen Ländern, wo die Sonne stärker scheint, der Regen dichter fällt, und alle Tiere und Pflanzen besser gedeihen, weil der Winter ihnen nichts anhaben kann.

Es war in einem großen Dorfe in Jütland.

Und da es gerade Markt war, so war das Dorf voll Menschen und Vieh. Überall waren Buden aufgeschlagen, in denen Holzschuhe, Blechgeschirr, Kuchen, Spielzeug und allerlei Kram feilgeboten wurde. Da waren Zelte, in denen Bier und andere Getränke zu haben waren, und unter anderen auch ein großes Tanzzelt. Ferner waren da: Theatrum mundi, zwei Karussells, eine Bude, in der die dickste Dame der Welt gezeigt wurde, und eine andere, wo man für fünfundzwanzig Pfennige einen winzigen Zwerg zu sehen bekam. Und außerdem gab es eine Bude mit weißen Mäusen sowie ein Flohtheater. Und viele Leierkästen, die ihre Melodien in wirrem Durcheinander ertönen ließen, so daß man kein Wort verstehen konnte, betrunkene Bauern und Jungen, die allerlei Narrenspossen trieben.

Aber mitten auf dem Marktplatz war das Allermerkwürdigste in einem großen Zelte verwahrt. Auch das konnte man für fünfundzwanzig Pfennige zu sehen bekommen; und wollte man wissen, was es war, so brauchte man nur dem Manne zuzuhören, der vor der Bude stand und mit heiserer Stimme rief:

„Bitte sehr, meine Herrschaften! Nur fünfundzwanzig Pfennige für Erwachsene, und für Kinder die Hälfte. Hier sehen Sie etwas, was hier am Platze noch nie gezeigt, im übrigen aber vorgeführt worden ist vor den Königen und hohen Herrschaften der ganzen Welt. Es ist selbst ein König, den ich die Ehre habe Ihnen zu zeigen — der König der Tiere, meine Herrschaften, der fürchterliche Löwe. Er lebt im Innern von Afrika und ist so stark, daß er mit einem Schlage seiner Vorderpfote einen Ochsen zu töten vermag. Er verzehrt täglich zwei Lämmer zum Frühstück. Wenn er aus dem Käfig entkäme, so würde er Sie alle binnen weniger als zehn Minuten ins Jenseits befördern. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben, meine Herrschaften. Der Löwe ist in einem Käfig hinter dicken Eisenstangen eingesperrt. Dieses blutdürstige Raubtier ist hier zu sehen — fünfundzwanzig Pfennige für Erwachsene, und für Kinder die Hälfte! Bitte schön, meine Herrschaften! Eilen Sie, eh’ es zu spät ist. Nie in Ihrem Leben werden Sie etwas Ähnliches zu einem so billigen Preise zu sehen bekommen.“

So rief der Mann in einem fort. Vor dem Zelte hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die gaffend dastand. Viele gingen auch in das Zelt hinein. Und wenn sie wieder herauskamen, erzählten sie den Umstehenden von dem, was sie gesehen. Und immer mehr gingen hinein — den ganzen Tag lang.

Im Hintergrunde des Zeltes stand der Löwenkäfig.

Er war niedrig und schmutzig. Auf dem Boden lag ein wenig unsauberes Stroh neben ein paar Fleischknochen. Die dem Publikum zugekehrte Wand bestand aus dicken, rostigen Eisenstangen. In einer Ecke ganz hinten lag der Löwe, den Kopf auf den Vorderpfoten. Schläfrig starrten seine gelben Augen auf die Leute. In seiner wirren Mähne war Stroh; und er war so mager, daß es grauenhaft anzusehen war. Von Zeit zu Zeit hustete er hohl und garstig.

Vor dem Käfig stand der Ausrufer mit einem langen Stock in der Hand und erzählte und erklärte. Die Marktbesucher betrachteten mit großen Augen das gewaltige Tier, das da so ruhig vor ihnen lag. So krank und matt er war — sie sahen doch, daß es wirklich der Löwe war, der König der Tiere. Und es lief ihnen kalt den Rücken hinab bei dem Gedanken, daß der gefangene Löwe ausbrechen könnte. Als er sich aber ganz und gar nicht rührte, sagte schließlich einer:

„Ich glaube, er ist tot.“

Da steckte der Mann, der die Erklärungen gab, seinen langen Stock durch die Gitterstäbe und stieß den Löwen in die Seite. Der drehte langsam den Kopf nach ihm um und sah den Mann an, ohne sich im übrigen zu rühren. Der Mann stieß ihn aber wieder und wieder an, bis er schließlich aufsprang und ein so lautes Gebrüll ausstieß, daß das ganze Zelt bebte und die Leute erschrocken auseinanderstoben.

„Seinen frühern Herrn hat er aufgefressen,“ erzählte der Mann. „Ich habe ihn von der Witwe gekauft. Er ist furchtbar wild und ungebärdig. Wissen Sie... er träumt von seiner Heimat, wo er in den wilden Wäldern gejagt hat, und wo er von allen Tieren geehrt und gefürchtet wurde. — Aber jetzt müssen Sie hinausgehen, damit auch andere diesen merkwürdigen Anblick haben können, der den Leuten hier am Orte noch nie geboten worden ist. Bitte schön, meine Herrschaften! Nur fünfundzwanzig Pfennige! Der König des Waldes, der gewaltige Löwe!“

So ging es weiter bis zum späten Abend. Erst als der Marktplatz sich zu leeren begann, und niemand mehr auf sein Ausrufen achtete, schloß der Mann die Zelttüre und zählte das Geld, das der Tag ihm eingebracht hatte.

„Es ist ein schlechter Tag gewesen,“ sagte er und sah ärgerlich auf den Löwen. „Du hast im Grunde dein Abendessen durchaus nicht verdient.“

Mit diesen Worten warf er dem Löwen ein kleines, halbverfaultes Stück Fleisch hin. Dann verließ er das Zelt, schloß die Tür sorgfältig ab und ging in die Gastwirtschaft, wo er wohnte. Dort zechte er bis zum hellen Morgen.

Der Löwe aber rührte das verfaulte Fleisch nicht an. Den Kopf auf den Vorderpfoten, lag er da und schaute auf die Tranlampe, die in dem Zelte hing und einen ganz schwachen Lichtschimmer verbreitete. Da hörte er plötzlich einen Laut, hob den Kopf und blickte sich um.

„Soll ich nun nicht einmal in der Nacht Ruhe haben?“ rief er.

„Ich bin es bloß,“ erwiderte eine leise, pfeifende Stimme. „Ich bin aus Versehen hier mit eingeschlossen worden. Ich will hinaus! Ich will hinaus! Meine Herrin stirbt vor Angst um mich.“

Es war ein ganz kleiner Hund mit einem Schellenhalsband und einer gestickten Decke über dem Rücken. Er trippelte und trippelte, pfiff, heulte und kratzte an der Tür, aber niemand hörte ihn. Auf dem Marktplatz draußen war alles still.

„Herrgott!“ rief der Löwe. „Du bist ja der Hund! So viel kann ich sehen. Was für ein Gespenst haben die Menschen aus dir gemacht!“

„Ich will hinaus! Ich will hinaus!“ pfiff der Hund.

Der Löwe hatte den Kopf wieder auf die Vorderpfoten gelegt und betrachtete den Hund.

„Was pfeifst du denn so?“ sagte er. „Es tut dir ja niemand etwas zuleide. Ich könnte dich doch nicht auffressen, selbst wenn ich Lust hätte. Die Eisenstangen sind stark, mußt du wissen. Anfangs hab’ ich daran gerüttelt, aber jetzt tu ich’s nicht mehr. Im Käfig muß ich von Ort zu Ort reisen und mich für Geld sehen lassen, muß mich in den Hohn und die Neckereien der Leute finden, muß ihnen auf Kommando etwas vorbrüllen, damit sie erschaudern, während sie wissen, daß sie in Sicherheit vor meinen Zähnen sind.“

„Laß mich hinaus!“ bat der Hund.

„Ich kann nicht,“ erwiderte der Löwe. „Aber ich bin doch nicht so erbärmlich wie du. Ich bin wenigstens gegen meinen Willen hier — bin in einer Falle gefangen worden. Doch du bist freiwillig in den Dienst des Zweifüßlers gegangen und hast deine Kameraden verraten.“

„Ich weiß nicht, worauf du anspielst,“ sagte der Hund. „Ich weiß von keinem Zweifüßler. Ich diene bei den Menschen. Meine Herrin ist eine vornehme Baronin, und sie stirbt vor Angst, wenn sie mich nicht bald wiederbekommt.“

„Gewiß! Menschen nennt es sich — das verfluchte Geschlecht des Zweifüßlers. Die ganze Erde hat es unterjocht. Es gibt fast keine Stelle mehr, wo ein ehrlicher Löwe seine königliche Jagd ausüben könnte. Ich kenne die ganze Geschichte... sie hat sich in meiner Familie vom Vater auf den Sohn vererbt. Da draußen in der Wüste, wohin wir von den Menschen vertrieben worden sind, hab’ ich alles an dem letzten Abend, bevor ich gefangen genommen wurde, mitangehört. Wie der Zweifüßler und seine Frau nackt und ohne Waffen in den Wald kamen. Wie mein Stammvater sie beschützte. Und wie sie dann nach und nach alle Tiere überlisteten. Nur du gingst freiwillig in ihren Dienst. Die andern wurden eingefangen und gezähmt, und ihre Sinne stumpften in der Gefangenschaft ab, bis sie nicht mehr wie freie Tiere leben konnten, sondern sich in der Sklaverei wohlbefanden. Schließlich tötete der Zweifüßler meinen Stammvater mit seinem Speer. ... Ja ja, ich kenne die schändliche Geschichte von A bis Z.“

„Ich nicht,“ erklärte der Hund. „Ich mache mir auch durchaus nichts daraus, sie kennen zu lernen. Ich weiß nur, daß ich zu Hause bei meiner Herrin einen warmen kleinen Korb habe, und daß ich herrliches Essen und Küsse und Liebkosungen bekomme. Ich will hinaus! Ich will nach Hause!“

Der Löwe antwortete ihm nicht; er hing nur seinen Gedanken nach:

„Wenn ich hier so in meinem Käfig liege, wo ich bald sterben werde vor Sehnsucht und Husten, dann ist es mir wenigstens ein Trost zu sehen, wie elende Geschöpfe die Nachkommen des Zweifüßlers sind. Er war doch aufrecht und schön anzusehen — er war ein Tier! Aber diese Wesen... man kann kaum ein Stückchen von ihrem Körper sehen, so wickeln sie sich in Tücher ein. Der Zweifüßler sprang im Walde umher und kletterte auf die Bäume, er hatte wenigstens den Mut zu kämpfen... Aber die Angst der Menschen ist belustigend, wenn ich aufstehe und zu den Eisenstangen hingehe, oder wenn ich brülle. Sie zittern wie Espenlaub, obwohl sie wissen, daß ich ein elender Gefangener bin.“

„Ich will hinaus! Ich will nach Hause!“ winselte der Hund.

Der Löwe erhob sich und näherte sich dem Gitter. Er schlug mit dem Schwanze gegen seine mageren Flanken und öffnete seinen Rachen, indem die Zähne fürchterlich leuchteten. Das Hündchen aber zitterte unter seinem Blick vor Angst.

„Und du?“ rief der Löwe. „Hahaha! Lieber ein gefangener Löwe im Käfig als der arme Schoßhund einer alten Jungfer mit Schellen und Deckchen.“

Und dann stieß er ein so lautes Gebrüll aus, daß im Dorfe alle Leute aus ihren Betten auffuhren. Hierauf legte er sich im Hintergrunde des Käfigs nieder, drehte sich auf die Seite um und schlief ein.

Der kleine Hund aber winselte so lange, bis jemand kam und ihn ins Freie ließ.