Zehntes Kapitel: Der Löwe.
Eines Nachts — ein paar Tage nach der Versammlung der Tiere auf der Wiese — lag der Löwe wie gewöhnlich in seiner Höhle und starrte mit seinen gelben Augen vor sich hin. Seine Gemahlin schlief oder gab sich wenigstens den Anschein, als ob sie schliefe. Alle Augenblicke seufzte sie tief auf. Alles im Walde war still.
Der Löwe wußte recht gut, was die Seufzer seiner Gattin bedeuteten, und er wußte, wovon die Tiere im Walde gesprochen hatten. Nicht eine ihrer Klagen war ihm unbekannt; nicht eins der höhnischen Worte, die gegen ihn gefallen, war an seinem Ohre vorübergegangen. Nicht einen Augenblick war er über die Stimmung der Tiere gegen ihren König im Zweifel gewesen.
Er hatte auch nicht vergessen, wer am geringschätzigsten von ihm gesprochen hatte. Er würde schon wissen, sie zu treffen, wenn die Stunde käme, wo die Ordnung im Walde wiederhergestellt würde. Tag für Tag mußte er den Spott seiner Gemahlin über sich ergehen lassen, aber er achtete nicht mehr darauf. Die Zeit würde kommen, wo sie Abbitte tun und ihm wieder ihre Liebe und Bewunderung schenken würde. Und seine Kinder würden ihn wieder ehren, wie sie es früher getan. In der Geschichte des Waldes würde er fortleben als der König, während dessen Regierung das Reich großer Gefahr und schwerem Unglück ausgesetzt gewesen, und der schließlich doch als Sieger aus allen Kämpfen hervorgegangen war.
Der Löwe erhob sich und schritt langsam durch den Wald.
„Der König der Tiere geht auf die Jagd,“ sagte der Igel, der im Gebüsch umherschlich.
„Seht, wie mager er ist!“ rief die Fledermaus. „Das Fell schlottert ja um ihn.“
„Er hat seit vielen Nächten nicht gejagt,“ sagte die Eule. „Seine Augen leuchten vor Hunger.“
Aber der König des Waldes dachte gar nicht an Jagd. Wie im Schlafe ging er nach der Richtung, in der das Haus des Zweifüßlers lag. Ein Hirsch sprang über den Weg, doch er sah ihn nicht. Langsam wanderte er weiter, bis er den offenen Platz erreichte, wo auf der Anhöhe das Haus des Zweifüßlers lag.
Geradeswegs ging er darauf zu, sprang über die Umzäunung und legte sich in den Sträuchern, die vor der Türe standen, nieder. So lag er auf der Lauer. Niemand konnte ihn sehen; nur seine gelben Augen leuchteten aus dem Laube. Und mit einem Satze konnte er an der Türe sein.
Der Zweifüßler schlief unruhig in dieser Nacht. Er warf sich auf seinem Lager aus Fellen umher; und als er schließlich einschlief, begann Treu, so heftig zu hellen, daß er aufstehen mußte, um nach dem Rechten zu sehen. Er hatte die Öffnung, durch die Treu sonst ein- und auslief, durch eine Falltür verschlossen, weil das Gänschen neulich diesen Weg eingeschlagen hatte und so dem Räuber zum Opfer gefallen war.
„Was hast du denn, Treu?“ fragte der Zweifüßler.
Der Hund fuhr fort zu bellen und sprang an seinem Herrn in die Höhe. Dieser öffnete eine kleine Klappe und blickte lauschend hinaus. Aber es war nichts zu sehen. Dann befahl er dem Hunde, sich niederzulegen, während er selbst wieder sein Lager aufsuchte. Aber nun hörte er das Pferd im Stall ausschlagen; die Kuh brüllte, und das Federvieh krähte und schnatterte. Es war ein ohrenbetäubender Lärm. Er mußte wieder hinaus und fand alle seine Tiere zitternd, in furchtbarer Angst. Das Pferd war ganz in Schweiß; und Hühner, Enten und Gänse flogen unruhig umher. — „Was hat das zu bedeuten?“ fragte sich der Zweifüßler.
Er öffnete die Tür und trat in die Nacht hinaus, unbewaffnet und nackt, wie er von seinem Lager aufgestanden war. Da raschelte es in den Büschen vorm Hause, der Löwe sprang hervor; aber dem Zweifüßler gelang es, sich blitzschnell zurückzuziehen und die Tür zu verschließen und zu verrammeln.
Einen Augenblick stand er in großer Angst da und wußte nicht, was er tun sollte.
Durch ein kleines Guckloch in der Tür sah er, daß der Löwe draußen vor den Büschen lag, die gelben Augen, die vor Wut leuchteten, auf die Türe geheftet und zum Sprunge bereit. Der Zweifüßler begriff, daß der Zeitpunkt gekommen war, wo der so lange aufgeschobene Kampf sich entscheiden mußte.
Er dachte daran, seine Söhne zu wecken, zu der andern Tür hinauszuschleichen und den Löwen von hinten anzufallen. Aber die Söhne schliefen an verschiedenen Stellen im Hause, und im Osten graute bereits der Tag. Während er sie holte, konnte leicht einer von der Familie hinausgehen und dem König des Waldes zum Opfer fallen.
Aber wie er so stand und überlegte, verließ ihn seine Angst.
Er machte sich klar, daß er Manns genug sei, seinen Feind allein zu töten. Still nahm er die beiden besten seiner Speere, prüfte sorgfältig die Schneide, holte tief Atem und öffnete die Tür.
Aber der Löwe war nicht da.
Der Zweifüßler sah nach der einen und nach der andern Seite, ohne seinen Gegner entdecken zu können. Aber er war ja ein alter, erfahrener Jäger; darum zweifelte er nicht daran, daß der Löwe sich auf die Lauer gelegt habe. Ruhig stand er in der Tür, jede Muskel gespannt, bereit zu dem Kampfe, der kommen mußte.
In dem Gebüsch raschelte es leise, und zugleich sah der Zweifüßler die Augen des Tieres im Laube. Er wußte, daß keine Zeit zu verlieren war. Sprang der Löwe zuerst, so war es zu spät.
Da warf er denn den einen Speer und traf den Löwen ins Auge. Ein rasendes Gebrüll ertönte. Und nun durchbohrte der zweite Speer das Herz des Tieres.
Alle im Hause kamen auf die Beine und liefen herbei.
Da lag der tote Löwe, groß und prächtig anzusehen. Treu bellte ihn an und wollte ihn beißen, aber der Zweifüßler verscheuchte ihn:
„Er war doch der König des Waldes! — Nun aber soll es aller Welt verkündet werden, daß er tot ist, und daß das Reich von jetzt an mir gehört.“
Dann zogen sie ihm das Fell ab und hängten es auf eine hohe Stange, die sie mitten aufs Feld setzten, so daß sie weit und breit zu sehen war.
„Der Löwe ist getötet!“ schrie der Sperling von Tür zu Tür. „Der Zweifüßler hat den König des Waldes ermordet. Sein Fell hängt auf einer Stange vorm Hause... ich hab’ es selber gesehen.“
Die Tiere strömten von allen Seiten herbei, um sich selbst von dem Geschehenen zu überzeugen. Vom Rande des Waldes schauten sie ängstlich zum Hause des Zweifüßlers hinüber, und oben aus der Luft starrten die Vöglein entsetzt auf die Erde nieder.
„Nun ist alles aus!“ sagte der Hirsch.
Und so war es auch.
Im Lauf des Tages aber kam der Orang-Utan zum Zweifüßler, der vor seinem Hause saß, und redete ihn folgendermaßen an:
„Guten Tag, Vetter!“
Der Zweifüßler betrachtete den Ankömmling, ohne zu antworten.
„Du hast vielleicht gehört,“ fuhr der Orang-Utan fort, „daß ich dir allerlei Böses nachgesagt habe. Ich leugne es nicht, daß ich ein wenig unvorsichtig gewesen bin. Aber du weißt ja selber... wenn man so eine arme Familie sieht, hat man Angst vor dem Anhang. Man hat ja selber Kinder; und es ist heutzutage nicht leicht, durchzukommen. Außerdem hast du mir einmal einen Schlag mit deinem Stock gegeben. Das gleicht sich also wohl aus.“
„Was willst du von mir?“ fragte der Zweifüßler. „Ich habe weder Zeit noch Lust, dein Gewäsch mitanzuhören.“
„Nicht so hastig, Vetter,“ sagte der Orang-Utan, indem er sich neben ihn setzte. „Deine Erfolge erkenne ich durchaus an. Du hast Glück gehabt ... Herrgott, deine Tüchtigkeit will ich dir ja auch nicht abstreiten. Du hast deine Sache großartig gemacht. Die Geschichte mit dem Pferd war ganz ausgezeichnet. Und nun hast du auch noch den Löwen überlistet...“
„Was willst du eigentlich von mir, Unglückswurm?“ fragte der Zweifüßler ungeduldig.
„Ich will mich mit dir zusammentun, Vetter! Wenn wir beide uns verbünden, können wir die ganze Welt erobern.“
„Bist du toll? Was soll ich mit so einem lächerlichen, dummen Tier anfangen, wie du es bist? Du kannst mir ja gar nichts nützen! Fort mit dir, oder ich werd’ dir deine Jacke ausklopfen, daß du ewig daran denken sollst!“
Der Orang-Utan trat ein wenig zurück, räumte aber das Feld nicht.
„Du solltest es dir doch überlegen, Vetter!“ meinte er. „Wie tüchtig du auch sein magst — nützen kann ich dir trotzdem. Ich kann Vermittler sein zwischen dir und den Tieren. Ich kann so mancherlei, was du nicht kannst; und was ich nicht verstehe, lerne ich leicht. Von dem Apfelbaum aus, wo ich meinen Sitz hatte, habe ich dich und dein Treiben studiert, während du auf dem Felde warst; und manchen Trick hab’ ich dir schon abgelauscht. Du mußt wissen...“
Der Zweifüßler stand auf und packte den einen Arm des Orang-Utans.
„Kommt mal her, dann sollt ihr was sehen!“ rief er ins Haus hinein.
Und die ganze Familie kam herbei und starrte den Affen an.
„Dieser Bursche hier will mit mir ein Kompagniegeschäft gründen,“ sagte der Zweifüßler lachend. „Er meint, er habe mir schon die Kunst abgesehen. Kommt, wir wollen ihn in ein Bauer setzen; dann mag er uns mit seinen Kapriolen unterhalten, wenn es regnet.“
Alles Protestieren des Orang-Utan half nichts. Der Zweifüßler hielt ihn fest, und bald darauf hatten seine Söhne einen Käfig fertig, in den der Gefangene gesperrt wurde.
„Familie ist und bleibt Gesindel,“ murrte er, während er auf dem Boden des Käfigs saß und sich die Flöhe absuchte.