Neuntes Kapitel: Die alten Tiere halten Rat.

Mit jedem Tage, der verstrich, jammerten die alten Tiere stärker.

„Man weiß nicht mehr, was man darf, und was man nicht darf,“ sagte der Maulwurf. „Gestern wühlte mein Vetter die Erde auf, wie meine Familie es getan hat, solange sie existiert. Da wurde er auf einmal an die Oberfläche gezogen und von einem von den Söhnen des Zweifüßlers erschlagen, weil der Maulwurfshügel in eins seiner Beete kam.“

„Seine Tochter hat meine Frau erschlagen, weil sie ihr so garstig vorkam,“ sagte ein junger Spinnenherr. „Meine Frau war allerdings nicht eben lieb zu mir. Sie wollte mich gleich nach der Hochzeit fressen; diesem Geschick bin ich mit knapper Not entgangen. Aber sonst war sie das bravste Frauenzimmer unter der Sonne und tat keiner Seele etwas zuleide. Ausgenommen natürlich die Fliegen.“

„Meine Frau hat er genommen und in seinen Garten gepflanzt,“ sagte die Hopfenranke.

„Und mich wirft er hinaus, sobald ich einen grünen Trieb sehen lasse,“ jammerte der Geisfuß.

„Uns sperrt er in Körbe ein,“ klagte die Biene.

„Uns jagt er mit Klappen und Tüchern,“ berichtete die Mücke.

„Uns schließt er ein, um uns fett zu machen dann zu essen,“ erzählte das Schwein.

„Für uns stellt er Fallen auf, wenn wir uns einen kleinen Happen nehmen wollen,“ sagte die Maus.

Und der Hirsch erklärte: „Er ist unser aller Herr. Wir haben niemanden, bei dem wir Klage führen könnten. Wir haben keinen König. Der Löwe ist nicht mehr der Herrscher des Waldes. Er schlägt uns mit seiner Tatze nieder, wenn er hungrig ist, aber er verteidigt uns nicht.“

Während die Tiere nun Rat hielten, was zu tun sei, kam die Löwin langsam gegangen und stellte sich mitten in ihren Kreis. Erschrocken fuhren die Tiere auf, aber die Löwin legte sich ruhig nieder und sagte:

„Ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Ich tu’ euch nichts. Ich habe in den letzten acht Tagen vor Kummer kaum gegessen. Mich drückt die gleiche Sorge wie euch. Und für mich ist’s schlimmer, weil mein Gemahl uns alle gegen diese Fremden hätte verteidigen müssen und es nicht tut. Zu allem übrigen kommt für meine Person noch die Schande.“

„Der Löwe soll uns helfen! Der Löwe soll uns befreien!“ riefen alle Tiere durcheinander.

„Der Löwe rührt sich nicht,“ erwiderte sie traurig. „Er liegt zu Hause und starrt und starrt vor sich hin. Aber nun sollt ihr hören, was ich euch zu sagen habe.“

Da scharten sich alle um die Löwin und lauschten.

„Wir alle sind in Gefahr,“ begann sie, „wir alle ohne Ausnahme. Ich habe gesammelt, was ich vom Zweifüßler gehört und gesehen. Und ich kenne seinen Charakter und seine Pläne, als hätte er sie mir anvertraut. Die ganze Erde will er sich unterwerfen. Er und seine Kinder wollen über uns herrschen — im Guten wie im Bösen.“

„So ist es!“ riefen die Tiere.

„Ja, so ist es!“ wiederholte die Löwin. „Niemand darf sich für sicher halten. Das stärkste Tier und der größte Baum — hat er sie heute nicht gefällt, so kommt die Reihe morgen an sie. Der niedrigste Wurm und das erbärmlichste Kraut — ihr wißt nicht, wann er euch braucht, oder wann ihr ihm lästig werdet. Dann hat eure Stunde geschlagen.“

„Ja, ja!“ riefen sie.

Die starke Eiche nickte mit ihren knorrigen Ästen, der Hirsch senkte betrübt sein Geweih, der Regenwurm flüsterte im Erdreich sein „Ja!“ und die Bienen zitterten vor Angst.

„So ist es!“ sagte die Löwin. „Für ihn sind wir entweder nützlich oder schädlich — sonst nichts. Findet er eine Blume hübsch, so nimmt er sie in seine Hut; mag seine Nase ihren Geruch nicht ausstehen, so zertritt er sie. Spendet ein Baum ihm im Schlafe Schatten, so läßt er ihn wachsen. Steht der Baum ihm aber im Wege, oder kann er das Holz gebrauchen, so fällt er ihn. Verspricht ein Tier ihm Nutzen, so fängt er es ein und macht es zu seinem Sklaven. Er bekleidet sich mit seinem Fell, er ißt sein Fleisch und läßt es arbeiten. Er hört nicht auf, wenn er satt ist, wie wir andern. Gierig, wie er ist, fängt er Tiere ein und sammelt Früchte für eine lange Zeit, damit er nie Not zu leiden braucht.“

„Das ist wahr! Das ist wahr!“ riefen die Tiere im Chor.

„Wartet nur!“ fuhr die Löwin fort. „Ich bin noch nicht zu Ende... Er ist kein redlicher Jäger wie wir. Er erringt sich seine Beute nicht, auf seinen Beinen laufend... sondern er reitet zur Jagd auf dem Rücken des Pferdes, das er gezwungen hat, ihn zu tragen. Er packt seine Beute nicht mit seinen Krallen, tötet sie nicht mit seinen Zähnen... Er hat eine seltsame Waffe, die durch die Luft fliegt und dem, den sie trifft, den Tod bringt.“

„Wir kennen sie,“ sagte der Hirsch.

„Sie ist an meinem Auge vorübergesaust,“ ergänzte der Wolf.

„Sie hat meinen Flügel getroffen,“ berichtete der Adler.

Und die Löwin setzte ihre Anklage fort:

„Er trinkt nicht das Blut, ißt nicht das Fleisch wie wir. Sondern er brät es am Feuer... es brennt immer Feuer in seiner Hütte. Er hat der Natur Gewalt angetan... Wir haben das Feuer nur gekannt, wenn der Blitz einschlug und einen alten Baum in Flammen setzte... Er schlägt Steine gegeneinander, und es entstehen Funken... er reibt zwei Stücke morsches Holz aneinander, und eine Lohe schlägt heraus.“

Und alle riefen:

„Ja, es ist wahr! Er hat sich das Feuer unterworfen.“

Die Löwin aber war unermüdlich:

„Er pflückt nicht die Früchte des Waldes an den Stellen, wo sie reif werden. Sondern er pflanzt die Pflanzen, die er verwenden kann, und rodet die anderen aus. Läßt man ihn schalten und walten, wie er will, so wird er die ganze Erde umgestalten. Es werden keine andern Kräuter darauf wachsen als die, die er gebrauchen kann — keine andern Tiere als die, die ihm zu Nutz und Vergnügen gereichen. Wollen wir weiter auf der Erde leben, so müssen wir seine Sklaven werden.“

„Seine Sklaven!“ riefen alle.

Nun schwieg die Löwin ein Weilchen, und es war ganz still. Aus der Ferne tönte Treus Bellen herüber.

„Hört ihr den Hund?“ rief die Löwin. „Seinen ersten Diener! Er hilft dem Zweifüßler beim Hüten der andern Tiere.“

Da riefen alle im Chore:

„Der Hund hat uns verraten! Laßt uns den Hund töten!“

Die Löwin hob ihre Tatze, und es wurde still. Und nun redete sie weiter:

„Entsinnt ihr euch noch der Nacht, als die neuen Tiere eben angekommen waren, und wir uns hier auf dieser selben Wiese versammelten? Einige warnten uns... das Pferd, das Rind und das Schaf... und auch die Gans und die Ente... nun sind sie alle die Sklaven des Zweifüßlers. Ihre Ahnung hat sie nicht betrogen. Aber erinnert ihr euch nicht, wie die beiden neuen Tiere aussahen, als sie hier lagen und schliefen? Nackte, elende Wesen waren es... Wir hätten sie ohne weiteres töten können, wenn wir nur gewollt hätten.“

„Das hätten wir tun können! Das hätten wir tun können!“ riefen die Tiere.

„Aber wir taten es nicht. Und nun sind sie die Herren des Waldes. Wißt ihr, woher ihre Macht stammt? Von den Tieren, die sie unterrichtet haben. Wenn wir ihnen diese Tiere nehmen können, dann werden sie wieder die armen Geschöpfe, die sie früher gewesen. Die Macht des Zweifüßlers besteht darin, daß er es versteht, andere für sich arbeiten zu lassen. Wollt ihr daher meinem Rate folgen, so müßt ihr versuchen, ihm seine Diener abspenstig zu machen. Laßt uns jemanden zu ihnen schicken, um sie zur Vernunft zu bringen. Wir müssen ihr Ehrgefühl wecken, indem wir sie an die Zeit erinnern, da sie frank und frei im Walde umherliefen .. Wer will diese Aufgabe übernehmen?“

„Du sollst selber gehen!“ riefen sie.

„Nein,“ sagte die Löwin, „das wäre nicht richtig. Blut trennt ihr und mein Geschlecht. Das könnte ihnen einfallen, und dann würden meine Worte wirkungslos bleiben. Es muß einer sein, den sie nie zu fürchten gehabt haben.“

Eine Zeitlang wurde hin- und hergeredet, und dann wurde beschlossen, den Fuchs zum Abgesandten zu wählen. Der hatte ja allerdings aus alter Zeit noch ein unbeglichenes Konto bei Gans, Ente und Huhn, aber man fand nun einmal keinen besseren.

So schlich er denn fort — niemand kannte ja wie er die schnellsten und verstecktesten Wege im Walde — nachdem er versprochen, so schnell wie möglich Bescheid zu bringen. Die Tiere legten sich auf der Wiese zur Ruhe und flüsterten zusammen. Mitten in dem Kreise lag die Löwin und starrte beschämt und grollend vor sich hin.

Als der Fuchs zum Hause des Zweifüßlers kam, traf er auf Treu, der gerade seine Nachtrunde machte, um zu sehen, ob ein Feind in der Nähe sei.

„Guten Abend, Vetter!“ sagte der Fuchs kriecherisch. „So spät noch unterwegs?“

„Das gleiche muß ich dir sagen,“ erwiderte Treu. „Ich halte Wache für meinen Herrn. Du hast kaum ein so rechtschaffenes Gewerbe.“

„Ich habe keinen Herrn. Und noch vor kurzem warst auch du dein eigener Herr. Du solltest dir deine Freiheit zurückerobern. Folg mir auf die Wiese! Dort sind die andern Tiere versammelt. Sie wollen dir verzeihen, daß du in den Dienst des Zweifüßlers getreten bist, und dich als den braven guten Hund begrüßen, der du früher gewesen, wenn du das Tor öffnen willst, so daß die gefangenen Tiere befreit werden.“

„Hier sind keine gefangenen Tiere,“ sagte der Hund. „Uns allen geht es gut, und wir wünschen es uns nicht anders. Bin ich der Diener des Zweifüßlers, so bin ich auch sein Freund. Troll dich schleunigst zurück zu denen, die dich gesandt haben.“

Damit wandte er dem Fuchs den Rücken und schlüpfte durch ein kleines Loch in der Einfriedigung, das für ihn besonders angebracht war. Der Fuchs aber blieb ein Weilchen stehen, um zu warten, ob sich nicht einer von den anderen zeigen würde. Es dauerte denn auch nicht lange, bis ein junges Gänschen den Kopf aus dem Loche hervorsteckte.

„Guten Abend, liebe Jungfer,“ sagte der Fuchs. „Sei so gut und komm ein bißchen näher!“

„Ich wag’ es nicht,“ erwiderte das Gänschen. „Ich darf des Nachts nicht fortgehen, so gern ich es auch möchte. Ich fürchte mich so sehr vor den Zweifüßlern. Neulich haben sie meine Mutter gebraten und aufgegessen.“

„Gräßlich!“ rief der Fuchs. „Keinen Augenblick länger dürfen Sie in dieser Mörderhöhle bleiben. Kommen Sie heraus zu mir! Dann werd’ ich Sie an einen Ort bringen, wo Sie nichts zu befürchten haben.“

„Wenn ich mich nur auf Sie verlassen könnte! Aber ich habe zehn Geschwister. Die kann ich doch nicht im Stiche lassen.“

„Sie sollten sie heut nacht nicht aufwecken! Junge Damen sind so geschwätzig; und wenn der Hund oder der Zweifüßler Ihre Flucht entdeckten, dann wäre es aus mit uns. Sie würden sofort gebraten werden, und ich bekäme natürlich auch Unannehmlichkeiten.“

„Das ist wahr!“ sagte das Gänschen. „Aber wollen Sie mir versprechen, meine Schwestern ein andermal nachzuholen?“

„Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich von nun an jede Nacht eine der Jungfrauen holen werde, bis sie alle erlöst sind,“ gelobte der Fuchs. „Soweit es in meiner Macht steht. Natürlich können mir Hindernisse in den Weg treten.“

„Wie freundlich Sie sind! Und ich hatte gedacht, die wilden Tiere wären schlimme Ungeheuer. Das ist mir immer erzählt worden. Man hat mir gesagt, vor allem solle ich mich davor hüten, in den Wald zu laufen; dort könne ich das Ärgste erleben.“

„Lauter Verleumdungen! Die Tiere des Waldes sind Engel. Noch nie habe ich gehört, daß sie jemanden gebraten hätten. Aber kommen Sie, eh’ man uns hört.“

„Nun komme ich,“ sagte das Gänschen.

Es watschelte zu dem Loch hinaus, und sofort bohrten sich die Zähne des Fuchses in seinen Hals; es hatte eben noch Zeit zu schreien, dann war es fertig. Wie der Blitz aber war Treu da. Der Fuchs ließ das Gänschen los und biß um sich, so gut er konnte. Er war jedoch der Schwächere, und Treu gab keinen Pardon. Erst als der Räuber tot auf dem Platze lag, entfernte Treu sich zufrieden.

Inzwischen saßen die Tiere auf der Wiese und warteten.

„Der Fuchs hat uns zum besten gehalten!“ brummte der Hirsch.

„Der Zweifüßler hat ihn natürlich gefangen und in seine Dienste genommen,“ meinte die Nachtigall.

Erst gegen Morgen kam ganz atemlos der Sperling herbei.

„Der Fuchs ist tot!“ schrie er. „Er liegt auf der Anhöhe vor dem Hause des Zweifüßlers. Ich hab’ ihn selber gesehen. Und neben ihm liegt eine tote Gans.“

Da erhob sich die Löwin, und mit ihr erhoben sich alle Tiere.

„Der Fuchs hat seine persönlichen Zwecke verfolgt,“ sagte die Löwin. „Auf der Jagd ist er gefallen. Wir können uns auf niemanden mehr verlassen.“

Damit ging sie langsam, mit gesenktem Kopfe, nach Hause.