Der gute Mann.

Es war einmal ein Mann, der war so entsetzlich gut, daß er es nicht aushielt in diesem Leben und in dieser Welt.

Wohin er sah, sah er nichts als Hader und Zank unter den Menschen. Ein jeder sorgte für sich und suchte den Nachbar zu übervorteilen. Krieg tobte zwischen den Königen, Krieg zwischen den Völkern und Krieg auch zwischen den Krämern drüben an der Ecke. Keiner half dem andern. Keiner verzieh dem andern.

Schließlich bekam der Mann die Welt so satt, daß er beschloß, sich irgendwo weit draußen auf dem Lande anzusiedeln, um so wenig wie möglich mit den Menschen zu tun zu haben.

Gesagt, getan.

Er suchte sich ein erstaunlich kleines Haus irgendwo in einem fernen Tannenwalde, dicht am Meer. Das mietete er von dem Bauern, dem es gehörte, und zog auf der Stelle ein. Und da wohnte er nun, rauchte seine Pfeife, saß am Strande und blickte aufs Meer hinaus und dachte, jetzt solle sein gutes Herz nicht wieder gekränkt werden durch Schlechtigkeit und Grausamkeit.

Nun hatte der Mann neben manchen anderen guten Dingen einen prächtigen, mildgesalzenen Schinken mitgenommen, der im Keller stand, damit er nicht verdürbe. Eines Tages bekam der Mann in aller Unschuld Lust auf ein Stückchen Schinken. Doch als er ihn im Keller holen wollte, war der Schinken nicht mehr da, d. h. der Knochen lag noch im Keller, sonst aber auch nichts. Und als er sich im Keller umsah, gewahrte er noch eben den Schwanz einer Maus, die in einem Loche verschwand.

Das war eine überaus ärgerliche Geschichte. Und damit es mit dem nächsten Schinken nicht genau so abliefe, ging er zu dem Bauern hin, von dem er das Haus gemietet hatte.

Auf des Bauern Hoftor saß des Bauern Katze und spann. Die grüßte er und sagte:

„Hör mal, Kätzchen — in meinem Keller sind Mäuse.“

„Ah!“ sagte die Katze.

„Willst du sie fressen?“

„Gewiß!“ rief die Katze.

Da gingen er und die Katze in das kleine Haus, hinüber; und es dauerte nicht lange, so war die Maus gefressen.

„Schönen Dank,“ sagte der Mann.

„Miau-mank,“ sagte die Katze.

Am folgenden Tage ging der Mann unter den Tannen spazieren. Er ging zu einem Vogelnest hin, das sich ein Ende über der Erde befand, und in dem drei niedliche kleine Goldammern lagen. Oft schon hatte er dagestanden und die Jungen betrachtet; nur zu dicht war er nicht herangetreten, damit die Mutter nicht erschrecken und davonfliegen sollte.

Da er nun an das Nest kam, war es leer, ganz leer.

Er begriff wohl, daß ein Unglück geschehen sein mußte; denn die Jungen waren noch lange nicht flügge gewesen. Die Goldammernmutter saß denn auch im Wipfel der Tanne und piepste gar jämmerlich.

Als der Mann eben traurigen Sinnes fortgehen wollte, gewahrte er die Katze des Bauern, die auf dem Zaune saß und spann.

„Hör’ mal, Kätzchen,“ sagte er. „Gestern lagen drei Goldammern im Nest!“

„Ah,“ sagte die Katze.

„Die hast du gefressen.“

„Ja,“ sagte die Katze.

„Und darum wirst du jetzt Schläge kriegen.“

„Lügen!“ rief die Katze.

Da ergriff der Mann einen Stein und warf nach ihr, traf sie aber nicht. Denn wupps! war sie auf einen Baum geklettert. Da saß sie nun und grinste ihn an.

„Ich kann dir nicht sagen, wie traurig mich dein Benehmen macht,“ sagte der Mann. „Vor der Menschen Bosheit und Grausamkeit bin ich in die friedliche Natur geflohen und stoße da auf einen Banditen wie dich. Du hast wahrlich kein Herz im Leibe; denn du hattest keine Freude an den kleinen unschuldigen Goldammern, die eben zur Welt gekommen waren, und an ihrer Mutter, die so glücklich darüber war. Ehrgefühl kennst du auch nicht... Geziemt sich’s denn für eine alte, ergraute Katze, drei winzigkleine Vogeljunge zu morden?“

Er ergriff wieder einen Stein und warf, traf aber auch diesmal nicht. Die Katze lief höher in den Baum hinauf.

„Hör’ auf mit den Steinen!“ sagte sie. „Du könntest einmal fehlwerfen und mich treffen. Setz’ dich nur auf den Zaun, so will ich dir etwas erzählen.“

„Hast du etwas zu deiner Entschuldigung anzuführen, so soll’s mich freuen,“ meinte der Mann.

„Ich denke gar nicht daran, mich zu entschuldigen,“ erwiderte die Katze. „Ich habe nichts andres getan, als was ich tun darf; dagegen will ich dich angreifen, heuchlerischer Patron du.“

„Was sagst du?“ rief der Mann und setzte sich auf den Zaun.

„Jawohl,“ sagte die Katze, „du bist mir ein nettes Bürschchen. Gestern kamst du zu unsrem Hof hinüberspaziert und holtest mich, damit ich die Mäuse in deinem Keller fräße. Da meintest du, ich wäre eine prächtige Katze und eine gute Katze und gerade so, wie eine Katze sein soll. Als ich mit der Arbeit fertig war, an die du mich gesetzt hattest, da streicheltest du mich und lobtest mich. Keinen Augenblick fiel es dir ein, mich einen Banditen zu nennen. Und heute schiltst und schimpfst du nach Herzenslust, weil ich drei elende Goldammernjunge gefressen habe.“

„Die Maus hatte meinen Schinken verzehrt,“ sagte der Mann.

„Und damit, glaubst du, wäre es gut? Darf ich fragen... was bekamst du gestern zu Tisch?“

„Es gab junge Hähnchen,“ sagte der Mann.

„Allerdings!“ sagte die Katze. „Ich habe selber gehört, wie du beim Bauern warst und sie bestelltest. Und mit diesen meinen Augen sah ich, wie die Magd ihnen den Kopf abdrehte. Willst du nicht so liebenswürdig sein, mir zu erzählen, ob auch die Hähnchen deinen Schinken verzehrt oder dir sonst etwas Böses zugefügt haben?“

„Nein, nein,“ sagte nachdenklich der Mann.

„Brüderlein!“ rief die Katze.

Der Mann ließ den Stein fallen, den er der Katze hatte nachwerfen wollen, und saß mit der Hand unterm Kinn da und dachte nach.

Aber die Katze hörte nicht auf, ihn zu necken: „Vielleicht hast du auch die Freundlichkeit, mir zu erzählen, woher der Schinken stammte, den du für deinen eignen Magen bestimmt hattest, und der in den Magen der Maus kam?“

„Der stammte von einem Schwein,“ sagte der Mann.

„Ganz recht. Ich kannte das Schwein wohl... es hauste drüben auf unserm Hof und grunzte und fraß und krümmte keiner Katze ein Haar. Ich sah auch, wie sie es schlachteten. Darf ich mir die Frage erlauben: Was hat das Schwein dir Böses getan, daß du den Schinken verzehren wolltest?“

„Du hast eigentlich recht,“ sagte der Mann.

„So bist du,“ fuhr die Katze fort. „Mich lobst du, wenn ich Mäuse fresse; und du schiltst mich, wenn ich Goldammernjunge verzehre. Du selbst aber machst dich mit gutem Gewissen über Schweine und Hähnchen her. Und du bist doch ein Mensch und willst klüger sein als wir Tiere!“

Der Mann sah wohl ein, daß er mit der Katze nicht fertig würde. Da ging er in sein Häuschen und setzte sich hin und sann nach über die Dinge... Er hatte das alles satt. Denn es war gar häßlich anzuhören, wie die Goldammermutter im Tannenwipfel jammerte und schrie. Und auch die Hähnchen hatten eine Mutter, die jetzt umherschlich und ihnen nachtrauerte. Und die Maus hatte vielleicht Kinderchen, die verhungern mußten, weil niemand mehr da war, um für sie zu sorgen. Und auch das war nicht von der Hand zu weisen, daß trauernde Hinterbliebene das Schwein beweinten.

Dem Manne wurde ganz weh um sein gutes, gutes Herz, wenn er daran dachte. Und als er eine Zeitlang nachgedacht hatte, erhob er sich und schlug auf den Tisch.

„Ich will nie mehr Fleisch essen,“ sagte er.

Aber all der Kummer und das Grübeln hatten ihn über die Maßen hungrig gemacht. Er ging darum in seinen Garten, um sich eine Handvoll Salat und ein paar Radieschen zu holen und auch einen Teller mit Erdbeeren zu füllen.

Wie er sich da nun niederbeugte und schon die Hand um ein paar prächtige, saftige Salatpflanzen gelegt hatte, da hörte er eine Stimme rufen:

„O Gott, o Gott! Muß ich jetzt sterben?“

Der Mann wich zurück und starrte entsetzt auf den Salat.

„Bist auch du lebendig?“ fragte er.

„Warum sollt’ ich denn nicht?“ sagte der Salat. „Etwa weil ich nicht fliege wie ein Vogel, oder laufe wie eine Maus, oder miaue wie eine Katze? Siehst du nicht, wie ich wachse und gedeihe? Ich nehme Nahrung auf mit meinen Wurzeln, wie du mit deinem Munde, und verarbeite sie in meinen Blättern, wie du in deinem Magen. Ich freue mich an der Sonne so gut wie der Vogel und du. Läßt man mich am Leben, so treibe ich Blüte und Samen, und die Samen sind meine Kinder. Aber jetzt soll ich also sterben!“

„Nie und nimmermehr,“ rief der Mann. „Nicht um alles in der Welt will ich dir ein Leids antun. Ich begnüge mich eben mit den Radieschen.“

Er machte, daß er zum Radieschenbeet hinüberkam, und zog eines der größten heraus.

„O weh!“ seufzte das Radieschen, und dann starb es.

Mit einem Schrei ließ der Mann es los.

„Warst du auch lebendig?“ fragte er.

Darauf konnte es selber nicht antworten, denn es war tot. Doch eins von den andern, die auf dem Beet standen, nahm das Wort:

„Natürlich sind wir lebendig. Was denn sonst? Aber wir wissen wohl, daß wir sterben müssen. Wir sind bloß ausgesät, um zu wachsen und einst den Menschen als Nahrung zu dienen... diesen fürchterlichen Essern, die nie an etwas anderes als an Magenzufuhr denken und alles verzehren, was in ihre Nähe kommt. Schlimmere Räuber und Mörder gibt es nicht in der ganzen Welt.“

„Ich bin kein Räuber und kein Mörder,“ versicherte der Mann. „Ich werde euch niemals mehr essen! Ich will meinen Hunger mit ein paar Erdbeeren stillen...“

„Natürlich,“ sagte das Radieschen. „Mord muß sein. Glaubt er, törichtes Menschenkind, daß die Erdbeeren etwa nicht lebendig seien?“

Da lief der Mann aus dem Garten ins Haus, und er setzte sich in seine Stube und weinte. Er meinte, sterben zu müssen vor Hunger, da er nicht zum Mörder werden wollte, seines guten Herzens wegen.

Doch da er nicht gleich starb und der Hunger immer stärker wurde, ging er an seinen Schrank und ergriff einen wunderschönen roten Apfel, den er den ganzen Winter über verwahrt hatte.

„Den werde ich essen können,“ sagte er.

Doch kaum hatte er die Zähne angesetzt, als der Apfel tief und wehmütig zu seufzen begann.

„Ach ja, ach ja!“ sagte der Apfel. „Dacht’ ich es mir doch! Ich wußte es schon damals, als die Mörder mich vom Baum herunterrissen. Nun ißt man mich, und meine Kerne kommen in den Spucknapf anstatt in die gute, schwarze Erde. Niemals werden niedliche Apfelbäumchen daraus werden.“

Der Mann ließ den Apfel fallen, so daß er durchs Zimmer rollte.

Eine Weile saß der Mann da und starrte dem Apfel nach. Dann blickte er auf; drüben vom offnen Fenster her ertönte Geräusch.

Es war die Katze, die auf das Fensterbrett gesprungen war.

„Na?“ fragte sie. „Wie geht es? Hast du was zu essen gekriegt?“

„Nei—n,“ sagte der Mann.

„Aha, Brüderlein!“ sagte die Katze.

„Ich habe nicht genug Kraft, um nach dir zu werfen,“ rief der Mann.

„Nein,“ erwiderte die Katze, „die hast du nicht. Über ein Weilchen bist du verhungert. Was spekulierst du dich dumm? Lebe, wie der liebe Gott dich geschaffen! Tu du das deine, und laß den andern das ihre! Die Maus frißt den Schinken, wenn man sie gewähren läßt, und die Katze frißt die Maus, wenn sie sie erwischen kann! Das Leben ist Krieg und Kampf und sonst nichts.“

Einen Augenblick starrte der Mann die Katze an.

Dann sprang er auf, öffnete die Küchentür und rief:

„Ane... Ane... koch mein Mittagessen, geschwind! ... Ich bin am Verhungern. Erst will ich Radieschen haben... und dann ein Stück von dem neuen Schinken... und dann Hähnchen... mit Salat natürlich... und dann eine große, große Portion Erdbeeren... mach schnell, Ane!“

Als er dem Mädchen Bescheid gegeben, nahm er den Apfel vom Boden auf und verschlang ihn in drei Bissen.

Das Kerngehäuse warf er der Katze nach, und er traf sie direkt auf die Nase, so daß sie niesen mußte und schleunigst den Rückzug antrat.