Der Wind.
Am Montag morgen stand der Fischer in seinem Boot, spuckte ins Wasser und fluchte, daß es sich grauenhaft anhörte.
„Nun hab’ ich acht Tage hier müßig gelegen und auf Ostwind gewartet,“ sagte er. „Aber Morgen für Morgen kommt der Wind von Westen. Die Fische verfaulen mir im Schiff, und ich werde ein armer Mann. Willst du dich denn nicht drehen, Wind?“
„Ich kann nicht,“ sagte der Wind betrübt.
„Du böser, garstiger Wind!“ rief der Schiffer.
*
Am Dienstag morgen öffneten sich die Knospen des Apfelbaums.
„Dies ist für mich der wichtigste Tag im Jahre,“ sagte der Baum. „Heute entscheidet sich mein Schicksal. Lieber, guter Wind... heute blühe ich, da darfst du um Gotteswillen nicht wehen. Wenn meine Blüten heruntergeweht werden, bekomme ich ja keine Äpfel. Jetzt sei hübsch still, bloß heute.“
„Ich möchte ja so gern, wenn ich nur könnte,“ erwiderte der Wind.
Damit fegte er über den Apfelbaum hin, und alle die weißen Blüten flogen in die Luft.
„Du bist ein recht, recht böser Wind,“ klagte der Apfelbaum.
Am Mittwoch morgen stand der Müller auf seiner Mühle und betrachtete den Himmel.
„Jetzt mach’ ein wenig flink, mein lieber Wind!“ sagte er. „Heute müssen wir mahlen. Ich bin nicht so unvernünftig wie der Schiffer. Mir ist es ganz gleichgültig, ob du von Nord oder Süd, Ost oder West kommst, wenn du nur kommst. Ich drehe einfach die Mühlenhaube. Aber wenn du gar nicht wehst, dann werde ich wütend.“
„Hier bin ich, hier bin ich,“ sagte der Wind, und die Mühle ging.
„Braver Wind!“ rief der Müller.
„Ach, nun muß ich mich wieder legen,“ sagte der Wind.
Und weg war er, und die Mühle stand still.
„Du garstiger Wind,“ klagte der Müller.
*
Am Donnerstag morgen stand der kranke Knabe hinterm Fenster und guckte hinaus.
„Woher kommst du heute, Wind?“ fragte er.
„Von Osten,“ entgegnete der Wind.
„Lieber, guter Wind, du mußt dich drehen oder dich legen,“ sagte der Knabe. „Ich bin sehr krank gewesen. Und der Doktor sagt, daß ich bei Ostwind nicht hinaus darf. Und ich möchte so gerne hinaus. Ich bin in diesem Jahre noch gar nicht im Walde gewesen und habe nicht ein einziges Mal mit dem wunderschönen Bogen geschossen, den ich zu meinem Geburtstag bekommen habe. Lieber, lieber Wind, du kannst das einem kranken, kleinen Jungen, doch nicht abschlagen.“
„Ich kann dir nicht helfen,“ heulte der Wind.
Da weinte der Junge und stampfte auf den Fußboden.
„Wie ich dich hasse, du garstiger Wind!“ rief er.
*
Am Freitag morgen hängte die Pfarrersfrau ihre Wäsche zum Trocknen auf die Wiese.
„Der Wind weht gerade richtig so,“ sagte sie. „Heute nachmittag ist alles trocken. Dann können wir wirklich sagen, daß wir diesmal Glück mit der Wäsche gehabt haben.“
Gegen Mittag wurde der Wind zum Sturm.
Die Pfähle stürzten um, die Leinen zerrissen, und die Wäsche flog auf die Erde. Die Pfarrersfrau lief verzweifelt umher und sammelte sie auf.
„Ach, Herrgott, Herrgott!“ sagte sie. „Wie sieht sie aus! Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die ganze Wäsche wieder in den Zuber zu stecken. Der Henker soll den elenden Sturm holen.“
„Ich kann nichts dafür,“ brüllte der Sturm.
*
Am Sonnabend morgen waren die Samen des Löwenzahns fertig.
Niedlich saßen sie mit ihren Regenschirmchen da und warteten darauf, daß der Wind sie in die Welt hinaustragen sollte. Es waren ihrer viele, und sie waren recht schön; der Löwenzahn war sehr stolz auf sie.
„Es ist hübsch, wenn einem die Kinder Freude machen,“ sagte er. „Ich habe für sie geblüht und sie in meinem Schoße genährt. Jetzt müssen sie selbst für das übrige sorgen. Wenn sie gleich auf die Erde fielen, dann würden sie einander beim Aufwachsen ersticken. Darum habe ich jedem von ihnen einen Fallschirm mitgegeben, der sie ein gutes Stück übers Feld dahintragen kann. So zerstreut sich die Familie und beherrscht die Welt. Komm, lieber Wind, und trage sie. Ich verlange nichts als eine schöne kleine Sommerbrise.“
„Ich kann nicht,“ antwortete der Wind. Und er rührte sich nicht. Es blieb still, ganz still.
„Du boshafter Wind!“ schalt der Löwenzahn. „Gestern hast du so gestürmt, daß die ganze Wäsche der Pfarrersfrau verdorben ist, und heute magst du nicht einmal meine leichten Kinderchen ein bißchen übers Feld tragen. Schämen, schämen, schämen solltest du dich!“
„Ich kann nicht anders,“ seufzte der Wind.
*
Am Sonntag morgen lag der Wind hinter der Hecke. Daneben saß eine Maus und leckte ihre Pfötchen.
„Wie du seufzest, Wind,“ sagte die Maus.
„Muß ich nicht seufzen?“ erwiderte der Wind. „Es gibt auf der ganzen Welt kein Wesen, das so unglücklich ist, wie ich.“
„Du übertreibst wohl!“ sagte die Maus. „Ja ... ich kenne dich ja nicht näher. Ich bin nur klein und halte mich an die Erde, so daß du meistenteils über meinem Kopfe dahinfährst. Aber neulich hab ich jemand in anderm Tone von dir sprechen hören.“
„Hat man mir etwas Gutes nachgesagt?“ fragte der Wind. „Wer war es? Geschwind, erzähle!“
„Der Dichter war es,“ sagte die Maus. „Hier hat er mit seiner Liebsten gesessen und ihr Verse vorgelesen, die er über dich verfaßt hatte.“
„Ach, der Dichter,“ sagte der Wind mißmutig. „Was hat in den Versen gestanden?“
„Daß du lind und mild wärest, und daß du ihre Wange umfächeltest und mit ihren Locken spieltest,“ sagte die Maus.
„Gewiß,“ sagte der Wind. „Und neulich hat er geschimpft, weil ich seine Nase blau gefärbt und ihm die Frisur in Unordnung gebracht habe.“
„Es stand auch etwas davon in den Versen, wie schön und stolz du bist, wenn du in all deiner Macht übers Meer braust,“ fuhr die Maus fort. „Er sagte, er kenne nichts Herrlicheres, als wenn du die Wogen peitschst und sie emporschäumen läßt.“
„Vorgestern hat er gesegelt,“ sagte der Wind. „Dabei ist er seekrank geworden und hat mich elendiglich gescholten und verunglimpft. Nein, er ist um kein Haar besser, als die andern.“
„Ja, wenn sie alle so zornig auf dich sind, so muß doch wohl etwas mit dir nicht in Ordnung sein,“ meinte die Maus.
„Ach Gott, ach Gott!“ stöhnte der Wind.
Und er fuhr fort, zu seufzen und zu jammern, so daß es jämmerlich anzuhören war.
„Vertrau’ dich mir an!“ sagte die Maus. „Das erleichtert immer ein bißchen. Und ich stehe, wie gesagt, außerhalb des Ganzen. Mir hast du niemals Böses oder Gutes erwiesen.“
„Ich bin das unglücklichste Wesen auf der Welt,“ begann der Wind. „Alle betrachten mich als einen mächtigen Herrn und bitten mich bald um dies und bald um jenes. Und doch bin ich nur ein armseliger Diener, der die Befehle seines Herrn erfüllt, und keinen Finger auf eigene Hand rühren kann.“
„Ei, ei,“ sagte die Maus. „Das hätte ich mir nicht träumen lassen.“
„Und doch ist es die reine Wahrheit,“ erwiderte der Wind. „Jeden Tag verunglimpft man mich, weil ich die Wünsche meines Herrn erfülle.“
„Wer ist dein Herr?“ fragte die Maus.
„Mein Herr ist die Sonne,“ sagte der Wind. „Sie ist schuld an all dem Bösen, das ich tue, aber ich bekomme Prügel dafür.“
„Erzähle,“ rief die Maus.
„Das ist bald erzählt. Siehst du, jetzt liege ich hier still und tue keiner Katze etwas.“
„Das ist hübsch von dir,“ sagte die Maus. „Allerdings muß ich dir sagen: wenn ich jemandem etwas Schlechtes wünsche, so ist es die Katze!“
„Es handelt sich für meine Person, gar nicht um hübsch oder nicht hübsch,“ sagte der Wind. „Ich kann nichts von selbst tun. Aber höre zu: wenn die Sonne drüben im Osten recht stark zu scheinen beginnt, dann muß ich augenblicklich fort und muß Westwind sein, ich mag wollen oder nicht.“
„Ich kann dir nicht folgen,“ sagte die Maus.
„Gewiß,“ fuhr der Wind fort. „Die Luft, die von der Sonne erwärmt worden ist, steigt in die Höhe... das tut warme Luft immer, weil sie leichter ist als kalte.“
„Ja, mir ist das gleichgültig,“ sagte die Maus, die sich gekränkt fühlte, weil sie die Sache nicht verstand.
„Aber mir nicht,“ rief der Wind. „Denn da, wo vorher die Luft war, entsteht ein leerer Raum, und dann heißt es sofort: ‚Pst, Wind, komm geschwind mit frischer Luft hierher!‘ Und wenn ich still gelegen habe, so soll ich auf und davon rennen; und wenn ich Ostwind gewesen bin, so soll ich auf die Minute Kehrt machen und Westwind sein.“
„Aha,“ sagte die Maus. „So hängt die Sache zusammen. Da hast bloß zu gehorchen.“
„Ganz richtig,“ sagte der Wind. „Niemals weiß ich, bevor die Order kommt, wohin ich soll. Findet keine Erwärmung statt, so liege ich still und muß mich darein finden, von denen ausgescholten zu werden, die mich brauchen, und nicht begreifen können, wo ich bleibe. Sodann kommt Befehl von Osten, ich fahre von Westen daher und höre unterwegs nichts als die Verwünschungen derer, die mich von Osten erwartet haben.“
„Ja, das kann nicht gerade amüsant sein,“ sagte die Maus.
„Es ist fürchterlich,“ klagte der Wind. „Und siehst du... wenn die Sonne nun ganz plötzlich den Einfall bekommt, irgendwo zu scheinen, und wenn sie dann sehr stark scheint, dann muß ich rennen wie verrückt, um zeitig genug zu kommen. Dann werde ich zum Sturm und fahre über Meere und Länder dahin; die Bäume stürzen um, die Dächer werden von den Häusern weggeweht, und die Schiffe scheitern. Dann beschuldigen die Leute mich grauenhafter Bosheit und geben mir die Schuld an all dem Unglück. Und ich kann doch gar nichts dafür.“
„Ich gebe zu, daß das ein hartes Los ist,“ sagte die Maus. „Die Sonne verdient also die Prügel und nicht du.“
„Ganz gewiß. Aber die Sonne verehren sie und beten sie an.“
„Könntest du nicht jemand veranlassen, ihnen zu erklären, wie die Sache zusammenhängt?“
„Wer sollte das wohl sein?“ fragte der Wind und schüttelte den Kopf.
„Du solltest einmal mit dem Dichter reden.“
„Das würde viel helfen! Glaubst du, der Dichter macht sich etwas daraus, wie die Sache zusammenhängt? Er richtet die Dinge so ein, daß er sie in Verse setzen kann. Und dazu läßt sich ja auch nichts sagen. Ein jeder stiehlt in seinem Gewerbe. Er schildert mich als mild und sanft und lieblich. Oder als stolzen, übermütigen Herrn. Würde er erzählen, daß ich in Wirklichkeit nur ein elender Diener bin, der auf Befehl seines Herrn von einem Ende der Welt bis zum andern rennt — was, glaubst du, würde dann aus den Versen werden?“
„Daran mag etwas Wahres sein,“ sagte die Maus nachdenklich.
„Gib nur acht! Dort kommen die Leute aus der Kirche. Hör zu, was sie sagen, dann wirst du sehen, daß ich nicht übertreibe.“
Der Wind versteckte sich hinterm Zaun; und die Maus lugte unter einem Huflattichblatt hervor, während die Leute vorbeigingen.
Da kam die Pfarrersfrau und die Mutter des kleinen kranken Jungen. Es kam der Schiffer, und es kam der Müller, und es kamen noch viele andere.
„Wie geht es Ihrem Jungen?“ fragte die Pfarrersfrau.
„Danke,“ sagte die Mutter. „Es geht besser, aber nur langsam. Bei dem scharfen Winde konnte er ja nicht ins Freie.“
„Ach ja, der Wind, der Wind!“ meinte die Pfarrersfrau. „Denken Sie sich... am Freitag morgen hänge ich meine ganze Wäsche auf die Wiese. Es war wunderschönes Wetter, so ein trockener Wind, wissen Sie. Und dann kam ein solcher Sturm, daß mir alles verdorben wurde. Bloß des widerwärtigen Windes wegen müssen wir die ganze Wäsche noch einmal waschen.“
„Entschuldigen Sie, daß Sie das Mehl noch nicht gekriegt haben,“ sagte der Müller zum Bauer. „Es ist nicht meine Schuld, sondern die des Windes. Man kann sich keine Stunde lang auf ihn verlassen.“
„Der Wind ist der unzuverlässigste Geselle von der Welt,“ sagte der Schiffer. „Braucht man Ostwind, so kann man zehn gegen eins wetten, daß Westwind herrscht. Soll der Wind sich legen, so weht er. Soll er wehen, so legt er sich. Will man Stille haben, so bekommt man Sturm.“
Die Leute gingen weiter. —
„Das sind wahre Worte,“ sagte der Apfelbaum. „Dienstag hat mir der Wind alle meine schönen Blüten weggenommen.“
„Der Wind ist das größte Ungeheuer der Welt,“ rief der Löwenzahn. „Sonnabend hat er es mir abgeschlagen, mit meinen Samen in die Welt zu fliegen.“ — —
„Hörst du’s nun?“ fragte der Wind.
„Ich habe es gehört,“ erwiderte die Maus. „Und ich bedaure dich aufrichtig.“
„Und doch gibt es noch Schlimmeres,“ sagte der Wind. „Nun kennst du also mein Schicksal. Du weißt, daß es nicht meine Schuld ist, wenn ich den Leuten Übles zufüge, und daß ich den Zorn über meines Herrn Taten geduldig auf mich nehmen muß. Kann es dich da befremden, wenn ich hier und da einmal zusammenbreche?“
„Nein, wirklich nicht,“ entgegnete die Maus. „Ein anderer könnte es ja überhaupt nicht ertragen.“
„Gut. Ich stöhne auch so manches liebe Mal. Mein unverdientes Geschick quält mich dann so, daß ich brüllend auf dem Meere in der Takelage hause, heulend in die Schornsteine fahre und durch alle Ritzen und Spalten pfeife. Weißt du, was dann die Leute sagen?“
„Nein.“
„Dann sagen sie: Hört, wie böse der Sturm brüllt... hört, wie häßlich der Wind heult.... wie unheimlich er pfeift!“
„Armer Wind!“
Der Wind sagte nichts mehr, sondern seufzte bloß. Auch die Maus sagte nichts, denn sie wußte keinen Trost für ihn.
Da auf einmal kam Unruhe in die Luft.
„Hallo!“ rief der Wind. „Jawohl... nach Süden?... Ich komme, ich komme!“
Die Maus lief hervor, um Ausschau zu halten, wurde aber dermaßen herumgewirbelt, daß sie beinahe den Rückweg in ihr Erdloch nicht wiedergefunden hätte. Als sie schließlich wieder zu Hause war, zitterte sie vor Wut.
„Der garstige Wind!“ sagte sie. „Da sitze ich und höre mir geduldig seine dummen Geschichten an, und dann überfällt mich plötzlich der rohe Bursche. Undank ist der Welt Lohn!“