Eine unglaubliche Geschichte.
Die Geschichte, die nun kommt, klingt ganz unglaublich.
Darum kann sie aber recht gut wahr sein. Ich kenne viele unglaubliche Geschichten, in denen jedes Wort Wahrheit ist.
Die Geschichte ist auch sehr unheimlich.
Darum kann sie aber recht gut unterhaltend sein. Es gibt unheimliche Geschichten, die sehr unterhaltend sind.
Die Geschichte beginnt ganz friedlich an einem schönen, warmen Sommersonntag um halb neun Uhr morgens.
Da stand eine Mutter in ihrer Haustür und sagte zu ihrem kleinen Jungen, der mit einem Korb in der Hand auf der Treppe stand: „Lauf schnell zum Krämer, mein Junge, und denk daran, daß es Sonntag ist, und daß er um neun Uhr zumacht. Es liegt ein Zettel im Korbe mit allem, was du mitbringen sollst. Du kannst durch den Garten des Schmieds laufen, dann bist du schneller da.“
Der Junge ging, wie die Mutter es wünschte, durch den Garten des Schmieds.
Es war ein sehr netter Junge, aber er sah etwas verschlafen aus. Und das hatte auch seine Richtigkeit, denn er war wirklich schläfrig. Er war spät zu Bett gekommen, weil er eine Waldpartie mitgemacht und daher nicht ausgeschlafen hatte. Das konnte man auch an seinem Anzug sehen, der gar nicht richtig saß. Seine Mutter hatte keine Zeit gehabt, ihn nachzusehen. Denn es war ja Sonntag, und der Krämer schloß um neun Uhr.
Als nun der Junge durch den Garten des Schmieds ging, sah er ein schönes Stiefmütterchen auf dem Rasen.
Er ging darauf zu und pflückte es. Und er kniete nieder und sah sich auch die andern Blumen an. Er guckte in die Luft, einer Libelle nach, die vorbeischwirrte. Und wie es nun zuging, weiß niemand — auf einmal lag er auf dem Rücken und sah in die Wolken hinauf.
Kurz darauf schlief er ein. Neben ihm stand der Korb mit dem Zettel darin. Die Sonne schien. Die Uhr auf dem Kirchturme schlug neun, der Krämer setzte die Läden vor seine Fenster und schloß seine Tür. Die Mutter aber saß zu Hause und wartete.
Das war nun schon ziemlich unheimlich. Aber es kommt noch viel ärger.
Wie der Junge so dalag und in den Tag hinein schlief, setzte sich eine Fliege auf seine Nase. Die Nase wurde krausgezogen; aber die Fliege blieb, wo sie war.
„Der Himmel mag wissen, wozu wir eigentlich hier liegen,“ sagte die Nase. „Das ist ja eine ganz abscheuliche Stelle.“
„Wir sind zugefallen,“ sagten die Augenlider, „und damit lag das Ganze im Schlaf.“
Als die Augenlider das gesagt hatten, entstand eine merkwürdige Munterkeit in dem ganzen Jungen.
Es war nicht so, wie wenn ein Junge, der wach ist, lacht, auch nicht, wie wenn ein Junge im Schlafe lacht. Es lachte ringsumher in dem Jungen auf die sonderbarste Art. Die Beine lachten, und die Hände lachten, die Zähne grinsten, die Nase schnob, das Herz hüpfte im Leibe vor Lustigkeit, die Ohren lachten, der Magen gluckste... kurz, es war keine Faser an dem Jungen, die nicht vor Lachen über die Wichtigtuerei der Augenlider vergehen wollte.
„Himmel!“ riefen die Beine, als sie sich wieder beruhigt hatten. „Wie können die Leute nur so eingebildet sein! Man muß doch wirklich ein arger Einfaltspinsel sein, wenn man nicht sehen kann, daß wir das Ganze tragen. Wenn wir gehen, geht das Ganze. Und wenn wir den Dienst versagen, dann sitzt ihr sämtlich in der Patsche.“
„Allerdings haben sich die Augenlider lächerlich gemacht,“ sagte der Magen, der langsam und mit großer Würde sprach. „Aber eigentlich seid ihr doch auch nicht viel klüger, ihr guten Beine, wenn ihr glaubt, daß ihr den ganzen Jungen regiertet. Was haltet ihr denn von mir? Was wollt ihr ohne mich anfangen?“
„Wir würden viel geschwinder laufen,“ erwiderten flugs die Beine. „Schon oft haben wir uns darüber geärgert, daß wir an so einem Klotz von Magen zu schleppen hatten.“
„Ihr schwatzt, wie ihr es versteht,“ sagte der Magen. „Von mir habt ihr alle eure Kräfte. Von mir kommt die Nahrung, und die Nahrung sind die Kräfte. Wenn ich nicht will, steht alles still.“
„Du eingebildeter Knirps!“ riefen die Beine.
„Wohl möglich,“ sagte der Magen. „Ich weiß wohl, daß ich klein bin, und ich werde es auch noch geraume Zeit bleiben, solange unser kleiner Junge so klein ist. Aber wartet nur, ihr mißgünstigen Seelen! Seht seinen Vater an! Sein Bauch rundet sich schon recht hübsch unter der Weste. Und seht unseren Onkel Kommerzienrat an. Er ist der vornehmste Mann in der Stadt, und hat den größten Bauch unter allen Einwohnern. Ich kann euch erzählen, daß er niemals Kommerzienrat geworden wäre, wenn er nicht einen so guten, ausdehnungsfähigen Magen gehabt hätte.“
„Uns vergißt du wohl, guter Magen,“ sagten die Zähne. „Wenn wir nicht das Essen kauen, kannst du gar nichts damit anfangen.“
„Wer sieht, wo das Essen steht?“ fragten die Augen.
„Wer hört, wenn zu Tisch gerufen wird?“ fragten die Ohren.
„Wer nimmt das Essen und tut es in den Mund?“ riefen die Hände.
„Wer trägt euch allesamt zum Tisch und setzt euch dorthin?“ fragten höhnisch die Beine.
Da entstand ein ungeheurer Spektakel in dem Jungen; unbegreiflicherweise wachte er dennoch nicht auf. Das war ärgerlich für ihn, aber gut für die Geschichte. Als es wieder ein bißchen stiller geworden war, sagte das Herz: „Ihr schwatzt alle, soweit euer Verstand reicht. Ich bin der Vornehmste in dem ganzen Jungen. Wenn ich aufhöre zu schlagen, dann ist alles vorbei. Es gibt Leute, die keine Augen haben, und Leute, die keine Beine haben, Leute, die keine Hände haben, Leute, die keine Ohren haben, und Leute, die keine Zähne haben. Es gibt Leute, deren Magen keinen roten Heller wert ist. Aber Leute, die kein Herz haben, sind schlechthin geliefert.“
„Ah!“ höhnten die Beine. „Du bist ja auch immer so voll von edlen Gefühlen und dergleichen.“
„Durchaus nicht,“ erwiderte das Herz. „Das ist Unsinn. Ich bin ein einfaches Pumpwerk, nicht mehr und nicht weniger. Wollt ihr zuhören, so werd’ ich euch alles erklären.“
„Erzähle!“ sagten die Beine. „Aber sei nur nicht zu weitschweifig.“
„Beeile dich, ehe wir uns heben!“ sagten die Augenlider.
Da lachten alle, und dann fing das Herz an zu erzählen: „So ein kleiner Junge, wie der, zu dem wir gehören —“
„Halt mal ein wenig,“ riefen die Beine. „Uns gefällt deine Ausdrucksweise nicht. Du mußt lieber sagen, daß der Junge zu uns gehört. Was wäre er ohne uns? Wenn wir verabredeten, unsrer Wege zu gehen, jeder nach einer andern Seite hin, was würde dann aus dem Jungen?“
„Gut,“ antwortete das Herz. „Das Vergnügen kann ich euch machen. Also: so ein kleiner Junge, wie wir einer sind, gleicht einer sehr verwickelten Maschine mit einer Menge Räder, Stangen und merkwürdigen Apparaten. Unaufhörlich arbeitet die Maschine. Die Räder schnurren, die Stangen gehen ihren Gang. Allerorten werden die Teile abgenützt, allerorten muß nachgesehen und repariert werden; denn wenn nur ein einziges Rad anhält, sieht es schlimm aus für die ganze Maschine.“
„Was für eingebildetes Zeug ist das?“ riefen die Beine. „Das verstehe, wer kann!“
„Wir verstehen es wohl,“ sagten die Augen, die sich in der Welt umgesehen hatten.
„Na also,“ rief das Herz. „Und nun müßt ihr wissen, daß ich die Aufsicht und die Reparaturen besorge.“
„Natürlich — Prahlhans!“ schalt der Magen.
„Was der Bursche sich einbildet,“ riefen die Beine.
„Laßt uns nun die Geschichte zu Ende hören,“ verlangten die Augen.
„Ja,“ fuhr das Herz fort. „Es ist ganz richtig, daß die Augen die Nahrung sehen, und daß die Ohren hören, wenn zu Tisch gerufen wird, und die Beine hingehen und die Hand die Nahrung in den Mund steckt und die Zähne sie kauen und der Magen sie verdaut.“
„Das ist ja sehr schön,“ sagte der Magen spöttisch. „Aber was tust du denn eigentlich, mein Freund?“
„Das ist nicht schwer zu verstehen,“ sagte das Herz. „Willst du mir einmal sagen, mein lieber Magen — was könnte es nützen, daß die Nahrung wohl verdaut in dir läge, nachdem du und die Zähne und die Augen und die Ohren und die Beine und die Hände ihre Pflicht getan und sie dahin gebracht haben? Das könnt ihr euch an den Fingern abzählen: es nützt nicht ein bißchen! Die Nahrung muß in den Körper hinein, das muß sie — muß in die Runde in dem ganzen Jungen, zu jedem einzigen Rade hin, das schnurrt und sich abnützt. Und das besorge ich.“
Da war es ein Weilchen still in dem Jungen. Dann sagten die Beine: „Darf ich deine Beine einmal sehen? Du mußt gute Beine haben, um so rundherum laufen zu können.“
„Ich habe gar keine Beine,“ erwiderte das Herz. „Ich habe nur mein Blut, und das ist vollkommen hinreichend. Wenn der Magen die Nahrung verarbeitet hat, saugt mein Blut sie auf. Und dann peitscht das Blut mit ihr in dem ganzen Jungen herum. Überall habe ich in ihm Adern angelegt, das sind feine Kanäle, die bis in seine Nasenspitze reichen und in seine kleine Zehe und die Spitze seines kleinen Fingers. Unaufhörlich pumpe und pumpe ich das Blut in die Adern hinaus und wieder zurück. Schlag auf Schlag geht es, — viele Schläge in der Minute. Wohin das Blut kommt, da gibt es ein wenig Nahrung an alle Teile ab. Auf diese Weise wird alles, was in dem Jungen verschlissen ist, repariert, und so wächst er nach und nach, bis er ein ganzer Mann wird. — Was sagt ihr zu der Erklärung?“
Zunächst sagte keiner etwas. Aber dann fingen sie sämtlich an, durcheinander zu schreien, und der Spektakel wurde noch ärger als zuvor. Keiner wollte sich vor dem andern beugen. Jeder meinte, daß er der Wichtigste sei, und wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn sich nicht plötzlich eine wohltuend ruhige Stimme hätte vernehmen lassen, die bisher noch nichts gesagt hatte: „Vielleicht darf ich auch ein Wort mitreden!“
Es war das Gehirn. Und ob sie nun im voraus Respekt vor ihm hatten, ob ihnen seine ruhige Stimme imponierte, oder ob sie so sehr geschrien hatten, daß sie nicht mehr konnten, genug: sie schwiegen sämtlich, und es wurde ganz still.
„Das mag ja alles recht gut und schön sein, was ihr da gesagt habt,“ fuhr das Gehirn fort. „Und ich habe den größten Respekt vor euch allen, die ihr zusammen mit mir unsern kleinen Jungen ausmacht.“
„Der spricht doch wenigstens wie ein gebildeter Mensch,“ sagten die Beine.
„Man kann doch verstehen, was er sagt,“ riefen die Ohren.
„Laßt ihn fortfahren,“ sagte der Magen.
„Wir wollen hören, was er sagt,“ meinten die Ohren.
„Wir versprechen, uns nicht zu heben, ehe er fertig ist,“ versicherten die Augenlider.
„Vielen Dank!“ versetzte das Gehirn. „Zuerst muß ich jetzt bemerken, daß ich alles unterschreiben kann, was mein vortrefflicher Kollega, das Herz, gesagt hat — mit Ausnahme seiner Behauptung, daß es selbst das vornehmste Stück des Jungen sei.“
„Hört, hört! Bravo!“ rief der Magen.
Und sie riefen sämtlich, das sei richtig, nur das Herz natürlich nicht; das schlug und sagte nichts.
„Das vornehmste Stück bin nämlich ich,“ verkündete das Gehirn, „was ich nun die Ehre haben werde der Versammlung zu beweisen.“
„Aa—h!“ riefen da die Beine, und „Aa—h!“ riefen auch alle andern.
Aber sie schwiegen doch und lauschten dem, was nun noch kam.
„Wie das Herz seine Adern in alle Ecken und Enden des Jungen aussendet, so beherrsche ich sämtliche Nerven,“ erklärte das Gehirn. „Nur sind meine Nerven viel zahlreicher und feiner als die Adern. Meine Nerven sind Telegraphendrähte, versteht ihr! Die Hauptstation — das bin ich. Die Endstationen liegen rings in dem Bürschchen. Es geschieht nichts mit ihm, ohne daß ich es zu wissen bekäme. Er unternimmt nicht das geringste, ohne daß ich es bestimmte.“
„Herr im Himmel! — Er ist doch der Eingebildetste von der ganzen Gesellschaft!“ riefen die Beine.
„Wenn ich bestimme, daß wir gehen sollen, so telegraphiere ich das den Beinen, und dann gehen wir,“ fuhr das Gehirn fort. „Bin ich müde — wupps! so ruhen wir uns aus oder schlafen, wie es nun gerade kommt. Es kostet mich nur einen Befehl, und es geschieht.“
„Sollen wir ihm noch weiter zuhören?“ fragten die Ohren.
„Wir wollen sehen, wie weit er die Sache treiben wird,“ meinten die Augen.
Das Gehirn ließ sich indessen durchaus nicht stören:
„Vielleicht kann ich es am allerbesten an einem Beispiel zeigen. Gestern — vielleicht wissen die Beine es noch — nahm Nachbars Peter eine Stecknadel und stach damit in die Beine unsres Jungen, ganz oben, wo sie am dicksten sind.“
„Sprich nur gerade heraus, du Zieraffe,“ riefen die Beine.
„Welche Ausdrücke ich wähle,“ sagte das Gehirn, „kann euch ganz gleichgültig sein, wenn wir uns nur verstehen und über die Sache einig sind. Also: Peter stach mit der Stecknadel. Das wurde augenblicklich an mich telegraphiert. Ich telegraphierte auf der Stelle an den Mund, der ‚Au!‘ sagte. Und zugleich sandte ich eine Depesche an die Augen ab, daß sie nachsehen sollten, wer der Schlingel sei. Sie gehorchten mir augenblicklich und meldeten, daß es Peter sei, der nicht so groß ist, daß wir ihn nicht recht gut durchbläuen könnten.“
„Das ist richtig,“ sagten die Augen.
„Wir haben ihn schon oft durchgebläut,“ sagten die Hände.
„Sofort traf ich alle Anstalten für Peters Hiebe,“ sagte das Gehirn. „Ich befahl den Beinen, ihm nachzulaufen, der linken Hand, ihn am Kragen zu packen, der rechten, ihm eine tüchtige Ohrfeige zu geben, dem Mund, ihn mit den ärgsten Scheltworten auszuschimpfen, die uns im Augenblick einfielen. — Und geschah das nicht alles?“
„Ja,“ bestätigten die Beine und Hände und der Mund.
„Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?“ fragte der Magen.
„Warte bitte einen Augenblick!“ erwiderte das Gehirn. „Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Seht ihr — während Peter seine wohlverdienten Hiebe bekam, befahl ich den Augen, gut aufzupassen, ob jemand käme. Denn ich wußte ja, daß Peter einen großen Bruder hat, der viel stärker ist als unser kleiner Junge!“
„Das ist richtig,“ sagten die Beine. „Wir sind oft vor ihm davongelaufen.“
„Aber ihr konntet ihm nicht weglaufen!“ sagte das Gesäß. „Das bekam ich zu spüren!“
„Er hat uns oft zwischen den Fingern gehabt,“ versicherten die Ohren.
„Wir haben ihn auch gesehen,“ sagten die Augen.
„Allerdings,“ bestätigte das Gehirn. „Und kaum hattet ihr das an mich telegraphiert, so gab ich auch schon den Händen Befehl, augenblicklich mit den Hieben aufzuhören, und den Beinen, Reißaus zu nehmen, so schnell sie konnten. Und wie wir Reißaus nahmen! Ich ließ die Augen nach allen Seiten hin aufpassen, damit wir die verschlagensten Wege finden konnten. Nicht hinter eine Hecke sprangen wir, nicht hinter einen Strauch krochen wir, nicht einen Sprung machten wir ohne meinen ausdrücklichen Befehl.“
„Das ist richtig,“ sagten die Beine. „Aber es ist merkwürdig —“
„Ich bin noch nicht fertig,“ sagte das Gehirn. „Vielleicht wißt ihr noch, daß wir an Sörensens vorbeikamen, die gerade beim Backen von Apfelschnitten waren.“
„Das weiß ich noch recht gut,“ bestätigte der Magen.
„Freut mich,“ antwortete das Gehirn. „Aber — ich habe eine Endstation in unserer Nase, wie ich sie an allen anderen Stellen in uns habe, und die hat mir ja sofort Nachricht über die Apfelschnitten gegeben. Nun ließ ich die Ohren horchen, ob sie noch die Tritte des großen Bruders hören könnten, und die Augen ließ ich Ausguck halten, ob er noch in Sicht sei. Als ich mich so überzeugt hatte, daß keine Gefahr von dieser Seite her drohte, befahl ich den Beinen, uns zur Tür hin zu tragen, der Hand, höflich anzuklopfen, dem Rücken, vor Mutter Sörensen eine schöne Verbeugung zu machen, und den Augen, nach den Apfelschnitten zu schielen. — Da bekamen wir denn auch ein paar.“
„Sie schmeckten wunderschön!“ sagte die Zunge.
„Sie lagen etwas schwer in mir,“ meinte der Magen. „Ich hatte grauenhafte Mühe mit ihnen. Es zwickte mich gehörig!“
„Jetzt bin ich fertig mit der Geschichte,“ schloß das Gehirn. „Habt ihr etwas einzuwenden?“
Sie schwiegen alle eine Weile, überwältigt von dem, was das Gehirn gesagt hatte und worin, wie sie ja nicht leugnen konnten, jedes einzige Wort richtig war.
Aber dann fing der Magen an zu knurren:
„Das mag alles wirklich so sein, wie du es erzählt hast. Aber überall hast du nun doch nicht das Kommando, du eingebildetes Hirn! Wenn ich die Nahrung verdaue, frage ich dich nicht um Erlaubnis zu allem, was ich tue.“
„Ich frage dich auch nicht jedes Schlages wegen, den ich tue,“ stimmte das Herz ein.
„Das, was ihr da sagt, ist vollkommen richtig,“ entgegnete das Gehirn, ruhig wie zuvor. „Ich habe auf sehr vieles aufzupassen und muß an vielen Stellen zugleich sein. In Wirklichkeit habe ich noch viel mehr zu leisten, als ich hier erwähnt habe. Ich soll ja zum Beispiel auch dafür sorgen, daß unser kleiner Junge etwas lernt und ein rechter Mann wird. Darum überlasse ich es für gewöhnlich euch, eure eignen Geschäfte zu besorgen. Aber darum müßt ihr euch nicht einbilden, daß ihr tun könnt, was ihr wollt. Ich habe ein Auge auf euch, müßt ihr wissen! Ich habe telegraphische Verbindung mit jedem Stückchen von euch, und sobald das Allergeringste nicht stimmt, werde ich sofort davon in Kenntnis gesetzt.“
„So ein Geschwätz!“ riefen die Augen.
„Die reine Prahlerei!“ schrie der Magen.
„Ihr irrt euch durchaus,“ versetzte das Gehirn. „Und ich kann es euch leicht beweisen. Habt ihr zum Beispiel jemals gehört, daß ein kleiner Junge Magenschmerzen hat, ohne daß er heult? — Da seht ihr’s! Ich bekomme es zu wissen, daß mit dem Magen etwas verkehrt ist, telegraphiere dem Mund, daß er heulen soll — und er heult. Die Mutter des Jungen kommt und erfährt, daß er zu viel Kuchen gegessen hat. — Brauch’ ich noch weiterzugehen?“
„Nein,“ versicherte sehr ernst das Gefäß.
Da sagte das Gehirn nichts mehr, denn nun hatte es gesagt, was zu sagen war. Aber die andern schwatzten weiter und wurden so laut, daß der Junge schließlich aufwachte.
Mit einem Ruck richtete er sich empor und rieb sich die Augen. Er sah zum Himmel und rings im Grase umher. Und er sah auf den Korb, der dastand und ihn mit dem Zettel darin angähnte.
Plötzlich wurde es dem Jungen klar, daß er geschlafen hatte.
Wie lange, wußte er nicht; aber er hatte eine unheimliche Ahnung davon, daß er nun zu spät zum Krämer kommen werde. Es waren keine Leute mehr auf dem Wege. Angenommen nun, der Krämer hätte schon seinen Laden geschlossen....
Mit Blitzesschnelle war er auf den Beinen und stürzte von dannen.
Die Beine sprangen, das Herz schlug, die Augen starrten, die Ohren horchten, die Arme ruderten, das Gehirn telegraphierte....
„Hallo!“ sagten die Beine. „Was ist denn auf einmal los, wer rumort denn da gar so fürchterlich? Wer ist denn das?“
„Das bin ich,“ sagte eine neue Stimme, die keiner vorher gehört hatte.
„Wer bist du?“ fragte der Magen.
„Ich bin unser schlechtes Gewissen,“ sagte die Stimme.
„Wo steckst du?“ fragte das Gehirn.
Aber es war keine Zeit zu weiteren Erklärungen. Es ging im Galopp.
„Ich fürchte, ich werde die ganze böse Suppe, die sich unser Junge eingebrockt hat, wieder einmal ausessen müssen,“ sagte melancholisch das Gefäß.
Und darin behielt es recht.