Die Korallen.

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren draußen im Meer, — im richtigen Meer, das so tief ist, daß man sich gar keine rechte Vorstellung davon machen kann, und so groß, daß der Schiffer tagelang fahren kann, ohne Land zu erblicken; und zwar war es das tropische Meer, wo das Wasser fast ebenso heiß ist, wie bei uns zu Hause in einem warmen Bade.

Aber nur an der Oberfläche scheint die Sonne und erwärmt das Wasser. Tief unten ist es eisig kalt und dunkler als die schwärzeste Nacht. Und das Meer ist auch nicht überall gleich tief, denn auf dem Grunde sind hohe Berge und tiefe Täler, genau so wie auf dem Lande.

Nun war da draußen im Meer eine Stelle, wo ein hoher Berg vom Grunde bis dicht an die Oberfläche reichte. Wenn man hinaufschaute, sah man auf allen Seiten nur Wasser, nichts als Wasser.

Nach unten hin aber war desto mehr zu sehen.

Auf dem Berge wuchsen nämlich ungeheure Tangwälder, die sich meilenweit die Hänge hinan und hinab erstreckten. Wenn die Wogen rollten, dann fächelten die Blätter im Wasser, wie die Blätter der Bäume oben am Lande im Winde wehen. Doch die Stämme der Tangbäume waren bei weitem nicht so dick und steif wie die der Buchen und Eichen, und daher wehten sie mit hin und her, wohin die Wellen sie trieben.

Die Tangbäume waren viel höher als die Bäume am Lande, wuchsen aber nie über die Oberfläche des Meeres hinauf. Denn wenn ihre Blätter an die Luft kamen, trockneten sie ein und verwelkten. Wenn aber das Wasser still war, breiteten sie sich aus und leuchteten in prächtigen Farben, roten und gelben, grünen und braunen, wie sie auch das Laub unserer Wälder im Herbste aufweist. Und zwischen den Kronen der Tangbäume schwammen eine Menge Fische von einem Baum zum andern — gerade so, wie die Vögel im Walde umherfliegen.

Aber das waren keine so langweiligen grauen Burschen, wie Dorsch, Hecht und Aal. Viele von ihnen glänzten wie Gold und Silber; der eine war himmelblau, der andere scharlachrot. Und dann war da der Igelfisch, der sich zu einer Kugel aufblasen, die Stacheln nach allen Seiten kehren und den andern Tieren einen ungeheuern Schrecken einjagen konnte.

Denn es waren noch viele, viele andere Tiere in dem Tangwalde.

Da waren Muscheln mit ganz unglaublich drolligen Schalen und Schnecken mit großen, bunten Häusern. Da waren Tintenfische, die mit riesiger Geschwindigkeit rückwärts durch das Wasser herangeschossen kamen; Krebse, die gleichfalls rückwärtsschwammen und mit ihren großen Scheren schnitten, und schiefe, flache Krabben, die seitlich krochen und trotzdem vorwärtskamen.

Zuweilen kam eine ganze Herde von einigen hundert großen, unbeholfenen Schildkröten, die in dem Tangwalde weideten, wie die Kühe auf der Wiese.

Es kam auch vor, daß ein gewaltiger Walfisch herangeschwommen kam. Dann wurde es dunkel, als ob eine Wolke vor die Sonne träte, wo der Wal den Tangwald durchbrach. Und wenn er mit seinem starken Schwanz um sich schlug, erzitterten die Tangbäume, als ob ein Erdbeben tobte.

Einmal passierte es auch, daß ein Schiff über den Tangwald segelte. Ein Matrose fiel über Bord, und er wurde sofort von einem großen Hai verschlungen, der dann mit dem besten Gewissen von der Welt weiterschwamm.

Ja, es herrschte ein lustiges, buntes Leben und Treiben in dem Tangwalde. Aber still war es, ganz still; denn kein einziges der Tiere schrie oder sang.

Mitten im Walde war ein kleiner, gemütlicher, offener Platz zwischen den Kronen der Bäume, nicht sehr weit von der Oberfläche entfernt. Das Wasser dort war warm und klar, und der Platz lag so, daß selten jemand dorthin kam.

Auf diesem Platze spielten täglich vier Kinder miteinander und unterhielten sich, so gut sie es verstanden.

Alle vier waren so klein, daß man sie nicht mit bloßem Auge sehen konnte. Und selbst wenn einer mit einem Vergrößerungsglase gekommen wäre und sie beobachtet hätte, so würde er trotzdem Mühe gehabt haben, sie voneinander zu unterscheiden, falls er nicht eine ganze Menge Naturgeschichte wußte.

Denn es waren vier runde, durchsichtige Wesen mit feinen Härchen, aber ohne Kopf, Beine, Augen und alles das, was zu einem ordentlichen Tier gehört, und was auch der Mensch nicht gut entbehren kann.

Trotzdem gehörten sie durchaus nicht zu einer und derselben Familie. Das eine der Wesen war das Kind einer Sternkoralle, das zweite war das Kind einer Qualle und das dritte war ein Seestern. Das vierte aber war ein echter kleiner Austernsproß.

Eines Tages sprachen die Vier davon, was sie werden wollten, wenn sie groß sein würden.

„Ich will ein Räuber werden!“ schrie das Seesternkind. „Ich will mich im Tangwald verstecken und auf Muscheln und kleine Fische und alles, was ich kriegen kann, losstürzen und sie bis auf den letzten Blutstropfen aussaugen.“

Die kleine Qualle rief: „Ich will umherschwimmen und hübsch aussehen. Und wenn mir jemand zu nahe kommt, dann wird er sich schön an mir verbrennen.“

„Ich bin zu etwas Höherem bestimmt!“ sagte das Austernkind und spielte sich dabei so auf, wie es nur möglich ist, wenn man weder ein Gesicht noch Augen hat.

„Sooo?“ fragte der Seestern. „Woher weißt du denn das?“

„Das ist einem angeboren,“ erwiderte die Auster. „Ich will euch etwas sagen: ich bin so eine Art Haustier bei den Menschen. Ihr glaubt nicht, wie sie mich schätzen. Sie liegen alle auf dem Bauche vor mir. Einige von ihnen wissen sogar nichts Besseres zu tun, als mich zu züchten und zu hegen und zu verkaufen; andere wieder tun nichts lieber als mich verspeisen. Die Menschen bauen wunderschöne große Wasserhöfe für mich mit Stöcken, an denen ich mich festsetzen kann.“

„Dann finde ich eigentlich, daß du den Menschen dienst?“ meinte darauf die kleine Qualle. „Aber jeder nach seinem Geschmack! Ich möchte nicht auf so einem Stocke festsitzen.“

Das Austernkind aber erwiderte: „Mir geht nichts über ein ruhiges Leben und Stillsitzen, bis ich gegessen werde.“

Nur das Korallenkind schwieg die ganze Zeit über; es fächelte mit seinen Härchen im Wasser und hörte den andern zu. Und denen fiel seine Schweigsamkeit auch nicht weiter auf, denn die Sternkoralle war als sehr stilles Wesen bekannt; darum nahm auch niemand an, daß jemals etwas Rechtes aus ihr werden könne. Schließlich sagte jedoch der Seestern:

„Na, kleine Koralle, was sagst du denn eigentlich? Was wird aus dir einmal werden? Hast du schon je darüber nachgedacht?“

„Ich denke nie an etwas anderes,“ erwiderte das Korallenkind.

„I, du Grundgütiger!“ rief der Seestern. „Ist es erlaubt, deine Gedanken zu erfahren?“

„Ihr würdet sie doch nicht verstehen, wenn ich sie euch auch mitteilte,“ war die Antwort der Koralle.

„Versuch es doch einmal!“ sagte der Seestern.

Und die kleine Auster und die Qualle sagten dasselbe.

„Wenn ich groß sein werde, will ich eine Insel bauen,“ erzählte nun das Korallenkind.

„Was willst du bauen?“ fragten alle drei durcheinander.

„Eine Insel!“ wiederholte die Koralle.

„Billiger tust du es wohl nicht?“ sagte lachend der Seestern, so daß sein ganzer kleiner Körper bebte. „Wie willst du das denn anfangen?“

„Das weiß ich noch nicht!“ sagte die Koralle. „Aber eine Insel will ich unbedingt bauen... eine richtige Insel, die über das Wasser aufragt, und die feststeht, wenn die Wellen gegen sie anstürmen.“

„Wie kannst du nur so etwas tun wollen!“ rief die Auster.

Und die kleine Qualle fiel ein: „Es schaudert mich, wenn ich nur davon höre.“

So neckten die drei die kleine Koralle, doch diese machte sich nichts daraus, sie ließ ihre Härchen im Wasser fächeln und fuhr ganz ruhig fort:

„Eine richtige Insel soll es werden. Eine Insel mit Palmen und Vögeln. Rings im Wasser sollen Seesterne und Quallen schwimmen, und die Wellen sollen sie an die Küste spülen, und da sollen sie in der Sonne liegen und verfaulen. Und auf der Insel werden Menschen wohnen, die Austern essen.“

Dann schwieg das Korallenkind; und weil die andern es müde waren, es zu necken, wurden sie wieder gute Freunde, schwammen auf dem kleinen Fleck im Tangwalde umher, fraßen Tiere, die noch kleiner waren als sie selbst, und freuten sich ihrer Jugend und des Lebens.

Nach einiger Zeit waren die vier Kinder im Tangwalde erwachsen.

Die Auster hatte eine Schale bekommen. Sie saß auf einem Felsen auf dem Meeresgrunde, gähnte und ließ das Salzwasser in ihr Inneres hereinströmen. Der Seestern hatte jetzt fünf spitze Arme, die nach allen Seiten ins Wasser ragten, so daß er aussah wie der Stern an der Spitze des Weihnachtsbaumes. Zweimal hatte ein Fisch einen der Arme abgebissen. Aber der Seestern machte sich nichts daraus. Der Arm wuchs immer wieder von neuem, und dann war das Tier wieder so gut wie vorher, es kroch auf den Tangbäumen umher und wurde ein gewaltiger Räuber, wie es in seiner Jugend geträumt hatte.

Der kleinen Qualle war es nicht so gut gegangen. Eines Tages, als sie irgendwo im Tangwalde in einer Kindergesellschaft war, wurde sie von einem Wal gefressen, der mit geöffnetem Rachen herbeigeschwommen kam. Es waren hunderttausend Quallenkinder in der Gesellschaft, und alle verschwanden in dem Schlunde des Walfisches.

Und das Korallenkind? Als das merkte, daß es erwachsen war, schwamm es fort aus der traulichen Gegend, wo es seine Kindheit verbracht hatte, und ließ sich von den Wogen vor den Tangwald tragen.

Lange trieb die kleine Koralle umher und suchte nach einer Stelle, wo sie gerne wohnen mochte. Schließlich fand sie auch einen solchen Ort — ganz auf der andern Seite des Berges. Da wuchs kein Tang. Das Wasser war klar und rein, salzig und wunderschön warm. Dort ließ sie sich nieder.

Sie bekam Arme wie der Seestern, aber viel mehr als dieser, und sie saßen alle im Kranz um ihren Mund herum. Denn jetzt hatte sie einen Mund und auch einen Magen. Allmählich merkte sie, daß sie unten und innen ganz hart und fest wurde; und ehe sie sich dessen versah, hatte sie ein ordentliches Stück Kalk in sich.

„Nun kommt es!“ dachte sie vergnügt. „Das ist der Anfang zur Insel!“

Eines Tages trieb sie eine Knospe auf der einen Seite hervor — genau so wie die Bäume auf dem Lande. Und die Knospe wurde zur niedlichsten Sternkoralle mit Armen, Mund und Magen und einem Kalkstück im Innern. Aber sie hing fest mit der alten Koralle zusammen und saß darauf, wie der Zweig auf dem Baume sitzt.

Die alte Koralle war außerordentlich vergnügt.

„Nun geht alles gut!“ rief sie aus. „Nun sind wir zu zweien!“

Und dann erzählte sie der neuen Koralle von der Insel, die sie bauen wolle; und die neue Koralle war ganz einverstanden mit ihren Plänen. Und sie trieben beide Knospen auf Knospen, bis eines Tages ein schöner Korallenbaum mit vielen Zweigen dastand, die alle voll Sternkorallen waren. Den ganzen Tag über fächelten sie mit den Armen im Wasser und jagten winzige Tierchen in ihren Mund hinein und fraßen sie.

Als der Seestern vorüberkroch, blieb er verwundert stehen und rief:

„So ein lächerlicher Baum mit Blumen!“

„Ich bin kein Baum,“ erwiderte die Koralle. „Ich bin eine Sternkoralle.“

„Herr Gott, bist du es!“ sagte der Seestern. „Du hast dich aber gehörig verändert! Ich habe dich wirklich nicht wiedererkannt!“

„Mir ist es ebenso gegangen. Erst jetzt sehe ich, wen ich vor mir habe. Aber wir haben uns ja auch nicht gesehen, seit wir klein waren. Ich bin jetzt im Begriff, meine Insel zu bauen.“

„Denkst du noch immer an die Dummheiten?“ fragte der Seestern lachend. „Ich hatte geglaubt, du wärest mit den Jahren vernünftiger geworden. Du hast ja übrigens Gesellschaft bekommen.“

„Ja,“ entgegnete die Koralle. „Ich habe Knospen und Zweige getrieben... Alle die Blumen, die du siehst, sind Korallentiere, die mit mir zusammen die Insel bauen.“

„So so! Du hast ein Aktienunternehmen gegründet! Das ist sehr vernünftig von dir, denn allein hättest du doch nie etwas erreicht. — Kommt ihr gut zusammen aus?“

„Ausgezeichnet! Bessere Familienverhältnisse kann man sich nicht vorstellen. Wir gehen zusammen durch Dick und Dünn. Denk einmal: Wenn einer von uns gut ißt, dann haben auch alle die andern ihr Vergnügen davon.“

„Mir scheint, das heißt die Kompagnieschaft übertreiben! Wenn ich einen Leckerbissen gefunden habe, dann wünsche ich durchaus nicht, daß er in den Magen eines andern spaziert.“

„Du verstehst mich nicht,“ sagte die Koralle.

„Adieu!“ rief der Seestern ihr zu. „Und viel Glück beim Inselbau!“

Die alte Koralle aber, die unten an der Wurzel des Baumes saß, flüsterte derjenigen der Knospen zu, die ihr zunächst war:

„Du bist ich, und ich bin du, und wir können nie voneinander getrennt werden. Wir gehören zusammen und haben ein Ziel vor uns... Wir wollen die Insel bauen.“

Die Knospe sagte es der nächsten Knospe, und die ließ es weitergehen, so daß schließlich alle Korallentierchen auf dem Baume Bescheid wußten.

Und während der Baum immer mehr Zweige bekam, bekamen die Tiere Junge, die ins Wasser hinausschwammen, winzige, durchsichtige, runde Wesen mit feinen Härchen. Sie genossen ihre Freiheit, solange sie Kinder waren; aber alle hatten die Insel im Kopf. Und sobald sie erwachsen waren, setzten sie sich neben der alten Koralle fest, trieben Knospen und wurden zu Bäumen wie sie.

„Nun kann ich nicht mehr!“ sagte die alte Koralle eines Tages.

Rings um sie herum wuchs ein ganzer Wald von Sternkorallen. Die weißen Zweige waren fest miteinander verbunden, und von allen leuchteten die niedlichsten Sternblumen. Es wuchsen immer neue Knospen, und viele Millionen kleiner Korallenkinder wurden in die Welt gesetzt. Und während die Korallen bauten und bauten, dachten sie beständig an die Insel.

Die alte Koralle konnte auf ihr Werk stolz sein. Denn sie war ja die Ururahne der ganzen Korallenfamilie.

„Vergeßt die Insel nicht!“ schärfte sie ihren Nachkommen bis zuletzt ein.

Dann starb sie. Das Wasser spülte ihre Leiche fort, aber da, wo sie gesessen hatte, blieb auf dem Korallenstamm ein Zeichen wie ein Stern zurück.

*

Viele, viele Jahre vergingen.

Die Wogen des Meeres aber rollten unaufhörlich weiter, die Sonne schien, der Sturm sang, und die Kronen des Tangwaldes fächelten im Wasser.

Die Tangbäume, zwischen denen das Korallenkind gespielt hatte, waren freilich längst heraufgerückt und fortgespült worden; aber andere waren dort, wo sie standen, aufgewachsen. Die Schildkröten, die dort geweidet hatten, waren längst gestorben, aber neue Schildkröten waren an ihre Stelle getreten. Die Auster war weg, der Seestern war weg, und auch die bunten Fische, die einst zwischen den Bäumen umherschwammen, waren verschwunden. Der gewaltige Walfisch, der alle die Quallenkinder mit einemmal verschlungen hatte, war durch eine Harpune getötet und zu Tran gekocht worden.

Wenn sie aber auch alle fort waren, so waren doch die Nachkommen ihrer Kindeskinder da, und die sahen genau so aus wie sie selbst und benahmen sich auch ebenso, so daß man keine Veränderung im Tangwalde wahrnehmen konnte.

Nur da, wo das Korallenkind sich festgesetzt hatte, um seine Insel zu bauen, sah es anders aus.

Eine ungeheure Menge Korallenbäume standen da, und es kamen immer neue hinzu. Millionen kleiner Korallenkinder schwammen in die Welt hinaus, kehrten wieder heim und setzten sich neben ihren Eltern und Vorfahren fest. Millionen der Tiere starben. In vielen der Korallenbäume war kein einziges lebendes Tier mehr, aber alle die harten Kalkzweige waren dort, wo sie gesessen hatten, voll von Sternen.

Und die Wellen hatten die toten Bäume umgestürzt und in Stücke geschlagen und zwischen und auf die anderen geworfen. Nach und nach wurde das Ganze zu einer großen, starken Kalkklippe, die beständig wuchs; denn die neuen Korallenkinder setzten sich auf den alten Bäumen fest und bauten fleißig weiter.

Eines schönen Tages waren sie bis dicht unter die Oberfläche gelangt.

„Nun haben wir die Insel!“ sagten sie froh zueinander. „Wenn das unsere Ururahne erlebt hätte!“

Aber sie hatten sich etwas zu früh gefreut.

Als sie nämlich über das Wasser emporwachsen wollten, da konnten sie nicht. Die kleinen Tiere konnten nicht vertragen, daß die Sonne auf sie schien; und soviel Mühe sie sich auch gaben, sie kamen und kamen nicht weiter.

„Nun wollen wir euch helfen!“ sagten da die Wellen.

Und die Wellen hoben ein paar große Korallenblöcke aus dem Meeresgrunde herauf und warfen sie auf die andern.

Jetzt endlich lag die Insel da. Groß war sie ja nicht, aber weiß und hübsch glänzte sie in der Sonne, und rings um sie her, soweit man blicken konnte, war nichts als Wasser zu sehen. Und eines Tages kam eine große, weiße Möwe geflogen und setzte sich auf die Insel.

Um dieselbe Zeit geschah es, daß die Erde — die große, runde Erde, die im Weltraum um die Sonne kreist, den Mond immer mit sich ziehend — äußerst schlechter Laune war. Der Mond neckte sie in einem fort, und sie hatte ihren Ärger über den Kometen noch nicht verwunden, der in Stücke ging, bevor er erzählt hatte, was er auf seiner Reise gesehen.

Als nun die Erde eines Tages ihren Bauch anschaute, da entdeckte sie am Äquator einen kleinen Knoten, den sie bisher nie bemerkt hatte.

„Was zum Kuckuck ist das denn nun wieder?“ rief die Erde ärgerlich.

Es war nichts anderes als die Koralleninsel. Als die Erde aber erfuhr, wie die Sache zusammenhing, da wurde sie fürchterlich zornig.

„Jetzt wird es mir denn doch zu toll!“ rief sie aus. „Es war schon arg genug, daß man sich von dem großsprecherischen Kometen zum Narren halten lassen und sich darein fügen mußte, monatlich von so einem elenden Mond ausgelacht zu werden... es genügte gerade, daß die Menschen in meinen Eingeweiden wühlten und Land zu Wasser und Wasser zu Land machten und schalteten und walteten, wie sie Lust hatten... Aber darein will ich mich denn doch nicht finden, daß so ein Korallenjunges, das man nur durch ein Vergrößerungsglas sehen kann, meine Figur umformt und mir eine regelrechte Insel mitten auf meinen Bauch setzt! So ein jämmerliches Weichtier! Der Sache wollen wir ein Ende machen!“

Und im selben Augenblick senkte die Erde da, wo die Koralleninsel lag, den ganzen Meeresboden.

Den Schreck der Korallen kann man sich vorstellen.

Die Insel verschwand im Meere; und die Möwe, die darauf saß, flog mit einem lauten Schrei empor. Die Korallenblöcke stürzten durcheinander und gingen in Stücke. Fische, Krebse und Schildkröten flüchteten, so schnell sie konnten, und jedes Blatt im Tangwalde zitterte.

Als es im Wasser aber wieder ruhig geworden war, da flüsterten die Korallentiere einander zu:

„Vergeßt die Insel nicht!“

Unverdrossen begannen sie, von neuem zu bauen. Und als einige Zeit vergangen war, waren sie wieder oben an der Oberfläche, die Wellen schleuderten gewaltige Blöcke hinauf, und die Insel lag wieder da.

„Nun soll doch...“ rief die Erde.

Und damit senkte sie den Meeresgrund noch mehr.

„Denkt an die Insel!“ flüsterten die Korallen.

Und nach einiger Zeit lag die Insel wieder da.

„Wollt und könnt ihr das immer so weiter treiben?“ fragte die Erde.

„O, gewiß!“ erwiderten die Korallen.

„Dann ergeb’ ich mich, denn da komm’ ich nicht mit!“ sagte die Erde.

Und nun blieb die Insel liegen, wo sie lag. Die Korallen bauten unaufhörlich weiter, die Wellen schleuderten immer mehr Blöcke an die Oberfläche, und die Insel wurde immer größer.

Eines Tages kam ein großes, rundes, braunes Wesen angesegelt und klopfte an die eine Seite der Insel.

„Wer da?“ fragten die Korallen unten aus dem Wasser her.

„Ich bin es!“ sagte das Wesen.

„Ja, wer denn?“ fragten die Korallen wieder.

„Kennt ihr mich nicht? Ich bin die Kokosnuß und bin in der ganzen Welt berühmt. Ich baue Inseln, die auf die Landkarten eingezeichnet werden und in der Geographiestunde vorkommen. Sogar Lieder sind über mich gedichtet worden.“

„Das mag alles sein,“ sagten die Korallen. „Davon wissen wir nichts. Wir haben selber eine Insel gebaut und nie Zeit gehabt, Lieder zu singen.“

„Ja, es ist unglaublich, wieviel Unwissenheit in der Welt existiert,“ entgegnete die Kokosnuß. „Na, habt ihr denn Erde genug, daß ich darin Wurzel schlagen kann und zu einer Palme werden kann?“

„Aha!“ flüsterten die Korallen. „Es ist die Palme!“

Da baten sie sie höflich, in einiger Zeit wiederzukommen; dann wollten sie ihr Bestes tun, um ihr Erde zu verschaffen, in der sie wachsen könne.

„Gut!“ sagte die Kokosnuß. „Dann treibe ich mich noch ein bißchen im Meere herum. In einem Jahr ist meine Schale so dick, daß ich alles vertragen kann.“

Mit diesen Worten schwamm sie weiter.

Sooft nun etwas Tang oder tote Fische oder Seesterne im Wasser waren, baten die Korallen die Wellen, es doch auf die Insel zu werfen. Die Wellen taten das auch, und es lag dann da oben, verfaulte und wurde zu Erde. Die Seevögel kamen und sorgten für die Düngung; in dem Dünger war ein Kirschstein, der schlug Wurzel und wuchs zu einem hübschen Bäumchen heran.

Eines Tages kam ein großer, hohler Baumstamm angetrieben. Als er auf der Insel lag und verfaulte, fielen eine Anzahl Grassamen heraus; und nach einiger Zeit war die Insel ganz grün. In dem Baumstamm waren auch zwei Eidechsen gewesen; die bekamen Kinder und fanden die Insel sehr gemütlich und geeignet zum Wohnen.

Und dann kam die Kokosnuß wieder.

„Hebt mich hinauf!“ sagte sie zu den Wellen.

Und sie keimte und wurde ein prächtiger Baum. Ihre Nüsse fielen rings nieder, und bald stand ein ganzer Hain von Kokospalmen auf der Insel. Die Vögel bauten ihr Nest in den Bäumen; und Blumen, Bienen und Schmetterlinge fanden sich ein.

Schließlich kam auch einmal ein Mann in einem Boote gesegelt.

Sein Schiff war untergegangen, und er war viele Tage lang auf dem Meere umhergetrieben worden. Er war sehr hungrig und durstig; und als er die Insel erblickte, geriet er ganz außer sich vor Freude, ging ans Land, aß Kokosnüsse und Austern und baute sich ein Haus, in dem er wohnen konnte, bis ein Schiff käme, das ihn in sein Vaterland brächte.

Unten im Wasser aber bauten die Korallen beständig weiter, denn sie konnten die Insel nicht groß genug bekommen.

„Ach, wenn doch unsere Ururahne das sehen könnte!“ sagten sie zueinander.