Der Ameisenhügel.

Es war im April.

Der Stachelbeerstrauch war schon lange grün, aber das ist ja nun einmal so ein Prahlhans. Von den andern Sträuchern hatte noch keiner Blätter und auch von den Bäumen nicht. Aber sie hatten dicke Knospen, und ihre Stämme und Zweige glänzten vor Nässe; denn der Regen hatte soeben ein großes Frühjahrsreinemachen veranstaltet.

Jetzt schien die Sonne recht lustig. Ringsum erhoben die Anemonen ihre feinen Köpfchen aus der Erde, und der Star war schon lange da; mit jedem Tage wurden neue Zugvögel erwartet.

Am Rande des Waldes, da, wo die großen Tannen standen, lag ein gewaltiger Ameisenhügel.

Der war aus vielen Tausend Tannennadeln erbaut, und seine Spitze reichte bis an den untersten Zweig des Baumes. Aber er war feucht wie die Stämme und Zweige; und es sah aus, als wäre er ganz ausgestorben. Nicht eine einzige Ameise kroch darauf herum.

Auf dem Zweige über dem Hügel saß der Buchfink mit seiner Braut. Seine Brust begann sich schon zu röten, und er übte die Hochzeitstriller ein.

„Herr Gott, wie hübsch du bist!“ flötete sie und sah ihn verliebt an.

„Ja, jetzt ist es auch das beste, daß wir an die Hochzeit denken,“ sagte er. „Wo sollen wir unser Nest aufhängen?“

„Was schwatzest du da!“ sagte sie. „Meinetwegen können wir das Nest hier aufhängen. Aber es ist gewiß zu früh! Die Ameisen haben ja noch nicht einmal aufgemacht.“

Die beiden schauten auf den Hügel hinab. In diesem Augenblick öffnete sich ein Türchen des Hügels und eine große alte Ameise kam heraus. Sie streckte ihre Beine, gähnte und bewegte ihre Kiefer, um zu sehen, ob sie in Ordnung wären.

„Guten Tag,“ rief der Buchfink ihr zu. „Du brauchst keine Angst zu haben, ich werd’ dich nicht fressen.“

„Ich bin auch gar nicht ängstlich,“ erwiderte die Ameise. „Denn ich bin dir viel zu sauer.“

„Willst du ein bißchen im Sonnenschein umherfliegen?“

„Ich habe keine Flügel und habe auch keine Verwendung für so etwas.“

„Nichts für ungut,“ rief der Buchfink. „Ich meinte bloß, ob du nicht ausziehen und dir einen Schatz suchen wolltest.“

„Ich mache mir nichts aus einem Schatz,“ antwortete die Ameise.

„Gott behüte,“ sagte das Buchfinkenfräulein. „Dann kannst du dich ja nie verheiraten.“

„Nein,“ war die Antwort der Ameise.

„Und kannst keine Eier legen? und keine Junge bekommen?“

„Nein.“

„Herr Gott. Das muß ja ein trauriges Leben sein.“

„Das Leben besteht aus Arbeit,“ sagte die Ameise. „Und ich bin ein Arbeiter. Obendrein der älteste im ganzen Hügel.“

Nach diesen Worten drehte sie sich um und rief etwas in den Hügel hinein. Einen Augenblick später öffneten sich hundert Türchen; und aus ihnen wimmelten lauter Ameisen hervor. Sie liefen hin und her und reckten sich und streckten sich und freuten sich über den Frühlingssonnenschein.

„Jetzt gehen wir an die Arbeit,“ befahl die alte Ameise. „Sechs von euch nehmen die halbtote Fliege vom vorigen Jahre, die dort liegt, und tragen sie zu den Larven hinab. Die erste Kompagnie marschiert hinaus und schafft Essen herbei. Ihr wagt mir nicht mit leeren Händen heimzukommen. Die zweite Kompagnie bessert den Hügel auf der Nordseite aus; der Schnee hat ihn ganz flachgedrückt. Die dritte Kompagnie öffnet die übrigen Türen und lüftet den Hügel bis in den Keller hinunter. Die vierte Kompagnie trägt die Puppen in den Sonnenschein hinauf. Aber ihr haftet mir mit euerm Leben dafür, daß sie sich nicht erkälten. Sobald ihr die kleinste Wolke am Himmel stehen seht, tragt ihr sie augenblicklich wieder hinunter.“

Die Ameisen liefen, so schnell sie konnten, um die Befehle auszuführen; aber es kamen immer mehr herauf, so daß der Hügel während der ganzen Zeit von Ameisen wimmelte. Jetzt rückte bereits die vierte Kompagnie mit den Puppen an, kleinen, runden weißen Dingern, die wie Eier aussahen und auch wirklich die Eier der Ameisen waren; sie trugen sie mit den Kiefern und legten sie vorsichtig in die Sonne, wo es am trockensten war; und dann liefen sie gleich wieder hinunter, um noch mehr Puppen zu holen.

„Sieh, sieh!“ rief der Buchfink. „Die Puppen da sehen sehr appetitlich aus.“

„Ich rate dir: nimm dich in acht,“ sagte die alte Ameise. „Wir können uns wehren; das kannst du glauben.“

„Ach was,“ meinte der Buchfink. „Einen freien Vogel wie mich lässest du wohl fliegen.“

Beide Buchfinken beugten sich über den Hügel hinab und sperrten die Schnäbel auf und schlugen mit den Flügeln. Aber die alte Ameise kommandierte mit lauter Stimme:

„Erste Batterie... zum Batterieschießen parat ... protzt ab...“

Im selben Augenblick legten sich hundert Ameisen auf den Rücken und streckten den Hinterleib in die Luft.

„Feuer!“ rief die alte Ameise.

Hundert feine Strahlen stiegen empor und trafen die Buchfinken in die Augen und die geöffneten Schnäbel. Sie schrien und fauchten und flogen höher in den Baum hinauf.

„Was ist das für eine Teufelei?“ schrie der Buchfink.

„Das ist Ameisensäure,“ rief die alte Ameise. „Laßt uns in Frieden!“

Schimpfend und halb blind flogen die Buchfinken in den Wald hinein. Doch die alte Ameise dachte gar nicht mehr an sie, sondern fuhr fort zu kommandieren, und die anderen liefen weg, kamen zurück und liefen wieder weg.

Dann kehrte die erste Kompagnie mit dem Futter zurück.

„Die sechste Kompagnie tritt an und nimmt die Nahrungsmittel entgegen!“ befahl die Alte.

Darauf wandte sie sich der ersten Kompagnie zu.

„Brecht!“ kommandierte sie.

Und alle die Ameisen brachen aus, was sie gefunden hatten; und die sechste Kompagnie nahm es und lief in den Hügel damit.

„Packt euch und holt mehr!“ befahl die alte Ameise. „Was nützt das bißchen?“ Während dieser Worte kreuzte sie ihre Fühler und verneigte sich tief.

Durch die größte der Türen kam eine sehr große, fette Ameise ganz langsam gegangen. Hinter ihr marschierten dreißig gewöhnliche Ameisen, die sich verneigten, sooft jene große Ameise sich umwandte, und die auf den kleinsten Wink ihrer Herrin achteten.

„Guten Tag, Majestät,“ sagte die Alte. „Willkommen im Sonnenschein! Darf ich fragen, ob auch die anderen Majestäten unterwegs sind?“

„Weiß nicht, kümmere mich nicht darum,“ erwiderte die fette Ameise. „Kümmere mich nicht um den Sonnenschein... kümmere mich um gar nichts. Mag keine Eier mehr legen.“

„Das ist auch nicht nötig, Majestät,“ sagte die Alte. „Der Hügel ist wahrhaftig voll genug. Wir haben unsere Mühe und Not damit, für alle genug Nahrung zu schaffen. Ich hoffe, daß Majestät sich wohl befinden, und daß das Gefolge gehorsam und untertänig ist?“

„Kümmere mich nicht darum,“ antwortete die Königin. „Wo sind meine Flügel? Wünsche ein wenig in der Sonne umherzufliegen.“

„Das ist leider unmöglich, Majestät. Wie Majestät sich erinnern werden, verloren Majestät die Flügel im vorigen Jahre bei einem bedauernswerten Unglücksfall unmittelbar nach Ihrer Majestät Hochzeit.“

Die Folge dieser Worte war, daß die Königin mit ihren Kiefern nach der Ameise biß; doch sie war zu dick und zu alt und konnte sie nicht erreichen. „Unsinn, Geschwätz... alter Flegel... hab’ sie selber abgerissen... wart’ nur...“

Dann watschelte sie weiter, von ihrem ehrerbietigen Gefolge begleitet. Hinter ihr kamen noch andere Königinnen, die alle ein ähnliches Gefolge hatten und von der Alten mit der größten Untertänigkeit begrüßt wurden. Sie gingen umher, machten hier und da halt, faselten ein wenig, ließen sich füttern und gingen dann wieder in den Hügel hinein.

„Ach ja,“ seufzte die Alte, als die Prozession vorüber war. „Sie taugen nichts mehr. Aber das macht nichts, wir haben mehr neue, als wir brauchen können.“

„Verzeihung,“ sagte der Buchfink, der wieder in der Tanne über dem Hügel saß. „Sind deine Kanonen wieder eingefahren?“

„Wir tun keiner Katze ein Leid, wenn man uns nur in Frieden läßt,“ erwiderte die Ameise.

„Ja, ich werd’ mich in acht nehmen,“ sagte der Buchfink. „Vorläufig wenigstens. Wenn man das Nest voller Jungen hat, die vom Morgen bis zum Abend vor Hunger schreien, weiß man ja allerdings nicht, auf was für Gedanken man noch kommen kann.“

„Nein, das weiß Gott.“

„Was weißt du denn davon? Wer bist du eigentlich? Bist du eine Mannsperson oder ein Frauenzimmer?“

„Ach, im Grunde bin ich gewiß ein Frauenzimmer, aber jetzt bin ich so etwas wie ein geschlechtsloses Wesen, denke ich. Ich bin ein Arbeiter, schufte vom Morgen bis zum Abend und denke an nichts anderes.“

„Das klingt ja höchst sonderbar,“ sagte der Buchfink. „Wer legt denn eure Eier?“

„Das besorgen die Königinnen,“ antwortete die Ameise. „Das ist ihr Beruf; sonst haben sie nichts zu tun.“

„Und wer sorgt für die Kinder?“

„Ich und meinesgleichen. Wir bauen den Hügel, beschaffen die Nahrung, stopfen sie in die Familie hinein und halten das Ganze in Ordnung.“

„Habt ihr denn keine Mannsperson im Hause?“ fragte der Buchfink.

„Von der Sorte haben wir gerade genug.“

„Helfen die denn gar nicht?“

„Sie rühren sich nicht.“

„Dann muß es sich als Ameisenmann ja ganz angenehm leben lassen,“ sagte der Buchfink nachdenklich.

„Aber wir haben auch keine Achtung vor ihnen,“ sagte die Ameise. „Gleich nach der Hochzeit erwürgen wir sie alle, wenn sie nicht Reißaus nehmen.“

„Au,“ sagte der Buchfink. „Dann will ich doch lieber bleiben, was ich bin.“

„Tu’ du das! Und ich sorge für das Meine. Jetzt geht die Sonne unter, da schließen wir den Hügel.“

Und sie befahl den anderen, die Türen vorzusetzen. Im Augenblick war alles verschlossen, und der Ameisenhügel lag wieder wie tot da.

*

Einen Monat später ging es noch emsiger in dem Ameisenhügel zu.

Die Hälfte der Ameisen war in den Wald ausgerückt, um Nahrung herbeizuschaffen. Die andere Hälfte hatte genug damit zu tun, die Jungen, die mit jedem Tage wuchsen und gefräßiger wurden, zu pflegen und zu füttern. Viele von ihnen waren bereits Puppen geworden und aßen nichts, mußten aber unaufhörlich hin und her bewegt, gedreht und gewendet werden; die Larven dagegen schrien den ganzen Tag nach Nahrung.

Die alte Ameise kam selten aus dem Hügel heraus.

Draußen nahm die Arbeit ja sowieso ihren stetigen Verlauf; das Wichtigste war, in den Stuben Ordnung zu halten. Der Hügel reichte doppelt so tief unter die Erde wie darüber; und er bestand aus unendlich vielen Gängen und Kammern.

Aber die alte Ameise irrte sich nie. Sie wußte ganz genau, wo die Larven waren, die Arbeiter werden sollten, wie sie selbst, und wo sich die Larven befanden, die dazu bestimmt waren, Königinnen zu werden, und wo sich die Männchen befanden. Sie sorgte für Ordnung, so daß nicht die geringste Verwirrung oder Störung entstand. Tag und Nacht trippelte sie umher und steckte ihre Nase in alles hinein. Die einzigen, um die sie sich nicht kümmerte, waren die alten Königinnen.

Die riefen fortwährend nach ihr und beklagten sich oder schalten; aber sie tat so, als hörte sie es nicht. Eines Tages befahl sie sogar, daß die dreißig Ameisen, die die Leibwache der Königinnen bildeten, bei der Arbeit im Hügel mithelfen sollten.

Die Königinnen schrien wie besessen:

„Wir sterben vor Hunger! Wir sterben vor Hunger!“

Doch die Alte verbeugte sich bis auf die Erde und erwiderte:

„Wenn Ew. Majestäten vor Hunger zu sterben geruhen, so sterben Ew. Majestäten vor Hunger. Ich kann nichts dafür. Ew. Majestäten haben während Ihrer glorreichen Regierung so viele Eier gelegt, daß der Hügel mit Jungen überfüllt ist, und wir keinen einzigen Mann entbehren können.“

Darauf verneigte sie sich untertänigst. Die Königinnen aber schrien sich tot; und als sie tot waren, da befahl die Alte:

„Die erste Kompagnie tritt an und trägt die hochseligen Leichen in die untersten Larvenkammern, wo der Hunger am größten ist. Die zweite Kompagnie hält die Ehrenwache. Sputet euch ein wenig! Sobald die Hochseligen aufgefressen sind, begibt sich jeder schleunigst an seine gewohnte Arbeit.“

„Du läßt deinen Königinnen ja eine niedliche Behandlung zuteil werden, alter Schlingel,“ sagte eine große Puppe, die in der Kammer nebenan lag.

„Ew. Gnaden dürfen nicht böse werden,“ sagte die alte Ameise. „Die hochseligen Königinnen wären doch eines Tages gestorben, und der Hügel ist so voll Jugend, daß wir keinen Rat wissen. Bevor der Monat um ist, sind Ew. Gnaden hoffentlich selbst Königin; und dann werde ich nicht verfehlen, Ihnen allen nur möglichen Respekt zu erweisen.“

„Ich will nicht Königin hier im Hügel sein,“ sagte die Puppe. „Ich will in die Welt hinaus und mir selber einen Hügel gründen, in dem ich eine bessere Justiz üben werde.“

„Das können Ew. Gnaden machen, wie Sie wollen. Hier sind Prinzessinnen genug. Wenn wir nur zwanzig behalten, so sind wir ganz zufrieden. Aber jetzt bitte ich, mich zu entschuldigen. Ich muß zu den Herren hinunter. Die schreien, als säße ihnen das Messer an der Kehle.“

Und auf ihren alten Beinen lief sie nach den Kammern, wo die Männchen lagen, die nach Nahrung schrien.

„Haltet den Mund, ihr Wichte!“ gebot die Alte. „Freut euch, daß ihr überhaupt etwas bekommt, obwohl ihr nur so geringen Nutzen stiftet! Ich schäme mich, daß so viele Kammern mit euch Taugenichtsen gefüllt sind.“

Und dann lief sie weiter. Eine Ameise hielt sie auf und zeigte auf ein paar große weiße Würmer, die an einem verfaulten Holzstücke nagten.

„Darf ich die den Prinzessinnen vorwerfen?“ fragte die Ameise.

„Was faselst du da?“ rief die Alte. „Das sind ja die Jungen unseres Freundes, des Rosenkäfers. Sie bringen dem Hügel Glück; und wer sie anrührt, hat seinen Hals verwirkt.“

Gegen Abend saß die Alte auf ihrem gewöhnlichen Platze auf der Spitze des Hügels und blickte über die Gegend hin.

„Nun kommt bald die Blattläusezeit,“ sagte sie vor sich hin.

Dann drehte sie sich um und rief in den Hügel hinein:

„Alle Melkmägde herauf!“

Augenblicklich wimmelten Hunderte von Ameisen hervor, die auf nähere Befehle warteten.

„Seht ihr den Rosenstrauch drüben an der Hecke?“ begann die Alte. „Dahin begebt ihr euch jetzt und paßt mir gut auf, bis die Blattläuse kommen! Es dauert nur noch wenige Tage, dann verlassen die Herrschaften die Puppenhüllen, und wir müssen süßen Saft für sie bereit haben.“

Die Ameisen liefen davon.

„Du hast ja furchtbar viel zu tun,“ sagte der Buchfink oben von seinem Tannenzweig her.

„Ja,“ entgegnete die Ameise. „Das Leben besteht aus Arbeit.“

„Jetzt geht die Sonne unter. Willst du nicht die Türen schließen?“

„Nein. Es ist zu warm. Wir lassen sie offen stehen, aber vor jeder Tür steht eine Wache; und du weißt wohl noch, wie wir Räuber behandeln.“

„Gewiß, ich danke,“ meinte der Buchfink.

Nun machte die Alte die Runde und sah nach, ob die Nachtwachen auf ihrem Posten seien. Dann ging sie hinein und wanderte während der ganzen Nacht in den Gängen umher.

Einige Larven waren noch nicht satt, und die anderen wollten sich verpuppen; und da waren auch Puppen, die aus ihrer Hülle herauswollten. Die Alte half den einen und ermahnte die andern, redete den Vornehmen gut zu und gab den Niederen Schläge, ohne sich auch nur einen Augenblick Ruhe zu gönnen.

*

Es war Ende Juni, und im Walde prangte der Sommer.

Überall war ein Duften und Sprießen und Singen ohnegleichen; alle Nester waren voller Jungen. Durch die Luft summten und tanzten Fliegen, Bienen, Wespen und Schmetterlinge. An der Hecke und im Graben standen Tausende von Blumen, und vom Himmel fiel Sonnenschein und Regen.

„Puh!“ stöhnte der Buchfink. „Sechs Kinder! Das ist eigentlich reichlich für Buchfinkenleute.“

Doch die alte Ameise rief ihm zu: „Ich glaube, wir haben zwanzigtausend Junge im Hügel.“

„Grundgütiger Himmel!“ rief da der Buchfink.

Aber die Alte hatte heute wenig Zeit zum Schwatzen.

Sie sandte Boten zum Rosenstrauch hinüber und ließ fragen, ob die Melkmägde die Blattläuse bereit hätten; und sie erhielt den Bescheid, daß jederzeit mit dem Melken begonnen werden könne.

„Gut!“ sagte die Alte. „Heute nacht, glaube ich, wird es losgehen. Es ist unmöglich, die jungen Herrschaften noch länger in den Hüllen zurückzuhalten. Ach, das wird eine furchtbare Nacht werden. Und an den morgigen Tag wage ich gar nicht zu denken.“

Dann rief sie die ältesten und vernünftigsten Ameisen zusammen und schärfte ihnen ein, wie sie sich zu verhalten hätten.

„Heut nacht geht ihr herum und schneidet alle Puppenhüllen entzwei... Versteht ihr? Natürlich müßt ihr sehr vorsichtig zu Werke gehen, damit niemand Schaden erleidet. Ein jeder nimmt eine Puppe. Wenn die Sonne aufgeht, muß alles in Ordnung sein.“

Die Ameisen nickten. Und die Alte trocknete den Schweiß von ihren Fühlern und ging weiter im Text:

„Also morgen feiern wir Hochzeit im Hügel. Gebt acht, daß die Gänge frei sind, damit die jungen Herrschaften mit ihren Flügeln durchkommen können. Laßt sie alle hinaus, zuerst die Prinzessinnen und dann die jungen Herren. Zuletzt natürlich die Arbeiter, um die ihr euch übrigens gar nicht zu kümmern braucht. Nun aber kommt das Wichtigste: Wenn die jungen Leute ausgeschlüpft sind, wollen sie fortfliegen. Laßt sie ruhig gewähren! Wir können gar nicht so viele ernähren. Aber dreißig von den Prinzessinnen haltet zurück... Ich werd’ euch noch näher angeben, welche es sein sollen. Die dürft ihr nicht aus den Augen lassen, verstanden? Wollen sie fortfliegen, so haltet ihr sie fest... in aller Untertänigkeit natürlich.... aber haltet sie fest! Was dann später geschehen soll, darüber bekommt ihr noch Bescheid. Richtet euch nur nach mir und gehorcht meinen Befehlen!“

Am Abend saß die Alte auf ihrem gewöhnlichen Platze vor der Tür. Sie war so müde, daß sie kein Glied rühren konnte.

Plötzlich glänzte und leuchtete es vor ihren Augen.

„Was nun?“ rief sie.

„Wir sind es!“ sagten dreizehn dünne Stimmchen. „Wir kommen, um uns zu bedanken und um Lebewohl zu sagen.“

Und den Hügel verließen in langer Reihe dreizehn kleine Rosenkäfer, die sich vor der alten Ameise verneigten und zum Zeichen der Freundschaft die Fühler mit ihr kreuzten.

„Herrgott, seid ihr es!“ rief die Ameise. „Wie hübsch ihr seid! Ich hatte euch in der Verwirrung ganz vergessen. Na, nun wäret ihr so weit! Ja, ihr handelt sehr vernünftig, wenn ihr heute eurer Wege geht. Morgen wird es hier im Hügel unerträglich sein. Glückliche Reise!“

„Schönen Dank!“ sagten die Rosenkäfer. „Vielen Dank für Logis und Kost! Dürfen wir kommen und unsere Eier in den Hügel legen?“

„Ja, das dürft ihr,“ sagte die Ameise. „Ich habe erzählen hören, daß die Menschen sich freuen, wenn der Storch auf ihrem Dache sein Nest baut. Sie glauben, daß ihnen das Glück bringt. Das gleiche glauben wir von den Rosenkäfern... Aber sehen meine alten Augen denn recht... Ich meinte, ihr wäret siebzehn gewesen?“

„Neulich, als wir gar zu hungrig waren, haben wir die vier aufgefressen,“ erzählten die Rosenkäfer.

„Nun ja, das ist der Lauf der Welt,“ meinte die Alte seufzend. „Lebt wohl! Und Gott sei mit euch!“

„O, diese Schmarotzer,“ rief der Buchfink.

„Das sind unsere Gastfreunde,“ erwiderte die alte Ameise.

„Du führst eigentlich ein sonderbares Leben,“ sagte der Buchfink. „Vom Morgen bis zum Abend mußt du dich abrackern für dich und deine vielen Tausend Schwestern. Möchtest du nicht lieber leben wie ich: mit einer lieben kleinen Frau und sechs Kinderchen? und möchtest du nicht lieber ein paar Flügel haben, die dich über den ganzen Wald hintragen könnten?“

„Mit sechs Kindern?“ wiederholte die Ameise. „Was sollte daraus werden? Ich bin ans Rechnen mit ganz anderen Zahlen gewöhnt. Und wenn ich etwas haben sollte, müßte es wohl ein Mann sein, da man mich ja doch als Frauenzimmer anzusehen hat, wenn ich auch nur eine ausgediente Magd bin. Aber ich kenne die Männer. Es ist kein Staat mit ihnen zu machen. Warte nur bis morgen; dann wirst du sehen, wie wenig Achtung wir hier im Hügel vor ihnen haben. Und dann wirst du auch Flügel zu sehen bekommen, das kannst du mir glauben. Aber die Flügel und die Liebesgeschichten sind nur ein kurzes, armseliges Vergnügen; und ich bin sehr zufrieden mit meiner Jungfernschaft und meiner Arbeit. — Gute Nacht!“

Die Nacht, die nun folgte, war die fürchterlichste in der ganzen Geschichte des Hügels.

Es entstand ein Wirrwarr und Spektakel ohnegleichen. Keine der Ameisen tat ein Auge zu. Man schnitt die Puppenhüllen entzwei, half den jungen Ameisen heraus und schleppte die Hüllen fort. Denn es sollte in allen Winkeln fein sauber sein für das große Hochzeitsfest.

Die jungen Arbeiter durften in ihren Kammern sitzen und sich gütlich tun, bevor sie an ihr Werk gingen. Doch die Prinzessinnen und die jungen Herren waren nicht zu bändigen. Sie liefen in den Gängen umher, schlugen mit ihren feinen Flügeln um sich und verlangten, sofort in den Sonnenschein geführt zu werden.

„Die Sonne scheint gar nicht, meine Herrschaften,“ sagte die alte Ameise. „Es ist finstre Nacht, und die Sonne geht erst in zwei Stunden auf. Wenn Sie auf eine alte, erfahrene Ameise hören wollen, so tun Sie am allerbesten daran, wenn Sie ganz still sitzenbleiben und sich allergnädigst ein wenig darin üben, mit den Flügeln zu schlagen. Sie sind ja noch so jung, meine Herrschaften, und kennen so wenig vom Leben!“

Aber die jungen Leute wollten keine Vernunft annehmen.

„Wir wollen hinaus, wir wollen hinauf... verschafft uns Sonnenschein!“ schrien sie.

Am allerschlimmsten benahm sich die Prinzessin, die sich bereits in der Puppe ungebärdig aufgeführt hatte.

„Bin ich eine Prinzessin, oder bin ich es nicht?“ schrie sie. „Sieh zu, daß du sofort Sonnenschein herbeischaffst; oder ich lasse dich hinrichten.“

„Ew. Gnaden verlangen etwas Unmögliches,“ erwiderte die Alte. „Selbst die Machtbefugnis einer Königin hat ihre Grenzen, und die Sonne kann sie nicht kommandieren.“

„Dann will ich keine Königin sein,“ heulte die Prinzessin. „Dann will ich die Sonne sein.“

„Auf die müßt ihr gut achtgeben!“ flüsterte die Alte mehreren jungen Ameisen zu. „Die dürft ihr nicht wegfliegen lassen. In der steckt echtes Königinnenblut... Die behalten wir.“

Dreißig Ameisen schlossen sofort einen Kreis um die Prinzessin und ließen sie nicht mehr aus den Augen. Sie aber lief in den Gängen umher und schimpfte und lärmte, so daß man hören konnte, daß sie wirklich eine vornehme Person war.

„Das beste ist, wir schließen die Türen,“ sagte die Alte. „Sonst riskieren wir, daß die jungen Tollköpfe hinauslaufen und in der Nacht umkommen.“

Schließlich brach der Morgen an.

Die Alte ging hinaus und sah, was für Wetter es war. Der Himmel war blau, und die Sonne lachte.

„Besseres Hochzeitswetter hätten wir nicht bekommen können,“ sagte sie. „Öffnet jetzt!“

Da flogen alle Türen des Hügels auf, und heraus wimmelten Tausende von geflügelten Ameisen. Es waren so viele, daß der ganze Erdboden rings um den Hügel im Nu mit ihnen bedeckt war. Sie liefen und flogen und hüpften, und die Sonne schien auf ihre feinen, durchsichtigen Flügel.

„Das Leben ist herrlich!“ rief die ungebärdige Prinzessin. „Ich will nie mehr in den finstern Hügel hinab.“

„Gebt auf sie acht!“ mahnte die Ameise.

Bald war die Erde um den Hügel herum so voller geflügelter Ameisen, daß sie aufeinander traten. Da rief eine von ihnen:

„Wir wollen in die grünen Bäume hinauffliegen und Hochzeit dort feiern. Wozu haben wir denn Flügel?“

Sofort flog eine große Schar empor. Es sah aus, als schwebe ein Wölkchen über den Wald dahin. Die andern aber starrten ihnen nach.

„Laßt sie nur fliegen,“ sagte die Alte. „Hier sind noch genug. Gebt nur auf die dreißig acht, ihr wißt ja!“

„Jetzt fliege ich,“ rief die ungeduldige Prinzessin. „Ich habe mir einen Mann ausgesucht und will auf die Hochzeitsreise gehen. Leb’ wohl, du alter Hügel!“

Bei diesen Worten lüftete sie ihre Flügel, aber im selben Augenblick wurde jedes ihrer Hinterbeine von einer Ameise ergriffen; und die sechs Ameisen verneigten sich bis auf die Erde und riefen:

„Ew. Gnaden dürfen uns unter keinen Umständen verlassen. Wir haben beschlossen, daß Sie die erste von unseren dreißig neuen Königinnen sein sollen, und wir würden ganz untröstlich sein, wenn Sie wegflögen.“

„Laßt mich los!“ schrie die Prinzessin. „Ich will oben in den grünen Bäumen Hochzeit halten.“

Da kam die alte Ameise aufgeregt herzugelaufen und rief:

„Nicht daran zu denken... Sofort wird die Hochzeit gefeiert, meine Liebe!“

Doch dann erschrak sie ob ihrer unehrerbietigen Worte; und demütig fügte sie hinzu:

„Wollen sich Ew. Gnaden nicht beruhigen! Nur noch einen Augenblick, und die herrlichste Blattlauslimonade wird für Sie ausgeschenkt werden. Wenn Sie geruhen wollen, Ihre Hochzeit hier beim Hügel abzuhalten, so werden Ihre Getreuen Ihnen sofort als der ersten Königin huldigen.“

Aber die Prinzessin schrie: „Laßt mich los! Laßt mich los!“

Doch die Ameisen ließen sie nicht los. In der Umgebung des Hügels spielte sich genau der gleiche Vorgang mit den neunundzwanzig andern Ameisen ab, die die Alte zu Königinnen des Hügels erwählt hatte. Sie wollten fortfliegen, aber die Wachen hielten sie zurück.

Als sie eine Zeitlang gewütet hatten, fügten sie sich, und ihre Hochzeit wurde mit großer Feierlichkeit begangen. Blattlauslimonade floß in Strömen, und die alte Ameise hielt eine Rede nach der andern und stellte den jungen Königinnen die verschiedenen Kompagnien vor.

Gegen Abend waren ihre Männer ganz berauscht und ließen die Flügel hängen.

„Bringt die Königinnen zur Ruhe!“ befahl die Alte. „Führt sie in die Gemächer, die für sie instand gesetzt sind; dann wollen wir untertänigst den Augenblick abwarten, da sie gerufen werden, mit dem Eierlegen zu beginnen.“

„Was sollen wir mit den Männern anfangen?“ fragte eine der Ameisen.

„Beißt sie tot,“ erwiderte die Alte. „Was haben wir denn von diesen Vielfraßen!“

Und eins, zwei, drei! waren die Männer ins Jenseits hinüberbefördert; und es begann der feierliche Einmarsch in den Hügel.

Aber wer sich widersetzte, das war jene trotzige, ungebärdige Prinzessin.

„Ich will nicht in den Hügel hinein,“ sagte sie. „Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ihr die alten Königinnen habt hungern lassen, und wie ihr sie hernach aufgefressen habt. Und jetzt habt ihr meinen lieben Mann ermordet. Ich will fort.“

Mit einem gewaltigen Satz riß sie sich von der Wache los und schwang sich in die Lüfte.

„Schade, schade!“ seufzte die Alte. „Es war Rasse in ihr. Aber wir haben ja — Gott sei Dank! — noch die anderen neunundzwanzig.“

Dann gab sie Befehl, die Wache, die so schlecht achtgegeben hatte, sofort hinzurichten. Und sobald das geschehen war, verneigte sie sich tief vor den neunundzwanzig jungen Königinnen und sagte:

„Die Majestäten werden es uns verzeihen, daß wir Ihnen jetzt die Flügel ausreißen. Sie würden den Majestäten im Hügel, wo doch kein Platz zum Fliegen ist, nur lästig fallen. Es tut ja zwar ein bißchen weh, aber die Majestäten werden später einsehen, daß es zu Ihrem eigenen Besten geschehen ist.“

Da schrien die Königinnen ganz entsetzlich, aber es half ihnen nichts. In der nächsten Minute lagen alle Flügel neben den Leichen der Männer.

„Und nun gehen wir hinein!“ rief die Alte.

Die Ameisen stellten sich in zwei Reihen auf und verbeugten sich tief mit gekreuzten Fühlern, während die jungen Königinnen in den Hügel hineingingen.

„Jetzt geht alles übrige ganz von selbst,“ meinte die Alte. „Gott sei Dank, daß dieser Tag glücklich überstanden ist! Wir sind eine Masse Pack losgeworden und können hier im Hügel wieder Atem holen. Zum Glück ist im ganzen Hügel keine einzige Mannsperson mehr. Ich hätte bloß gewünscht, daß wir die trotzige Prinzessin behalten hätten. Sie war die beste von allen.“

* *
*

Doch die trotzige Prinzessin flog auf ihren Flügeln durch den Wald, und das Leben erschien ihr gar köstlich.

Sie begegnete vielen anderen geflügelten Ameisen, die sie umschwärmten; und mehr als einer der jungen Herren bewarb sich um ihre Hand.

„Schönen Dank für die Ehre, aber ich bin schon verheiratet! Mein Mann ist tot, und nun ist nichts mehr mit mir anzufangen,“ antwortete sie den Freiern und flog weiter.

Aber als sie einen Tag lang geflogen war, bekam sie das Umherschweifen satt.

„Dieses Vagabundieren hat eigentlich nicht viel auf sich,“ sagte sie sich. „Auch das ruhige Leben hat seine Annehmlichkeiten. Ich glaube, ich gründe einen neuen Ameisenhügel.“

Wie gesagt, so getan.

Sie suchte sich in dem Tannenwalde eine Stelle aus, die ihr gefiel, ließ sich auf der Erde nieder und begann, mit Füßen und Kiefern im Boden zu graben.

„Die dummen Flügel sind mir lästig,“ sagte sie. „Ich weiß eigentlich auch nicht, was für einen Zweck sie jetzt noch haben. Mir ist zumut, als wäre ich jetzt alt und vernünftig und frei von allen Grillen. Ich glaube, ich reiße sie aus.“

Sie legte sich platt auf den Bauch, breitete die Flügel aus, setzte ihre Beine darauf und richtete sich mit einem Ruck empor.

Ratsch... da lagen die Flügel.

Dann grub sie weiter. Am Abend hatte sie ein niedliches kleines Loch zustande gebracht, ungefähr so groß wie eine Walnuß.

„Nun ruhen wir uns von dem Stück Arbeit aus, und morgen legen wir Eier,“ sagte sie.

Und am nächsten Morgen legte sie fünfzig nette Eierchen.

„Hm,“ meinte sie. „Es wäre ganz hübsch, wenn ich das alte Frauenzimmer daheim und ein paar von ihresgleichen hier hätte; die könnten dann auf die Eier achtgeben. Aber nun hilft es nichts, ich muß selber Hand anlegen.“

Und sie griff gehörig zu, als ob sie ein einfacher Arbeiter wäre und nicht eine stolze Königin.

Sie drehte die Eier um, deckte sie zu, wenn es regnete, und trug sie in die Sonne. Als die Larven ausschlüpften, lief sie hin und holte Futter.

„Es reicht nicht,“ meinte sie mißmutig. „Ich kann sie nicht sattbekommen.“

Einen Augenblick dachte sie darüber nach, was sie tun solle. Dann biß sie entschlossen der einen Hälfte der Larven den Kopf ab und warf sie den anderen fünfundzwanzig vor.

„Eßt,“ sagte sie, „und freut euch des Lebens!“

Die Fünfundzwanzig fraßen, gediehen und verpuppten sich. Und die Königin sorgte für die Puppen, wie sie für die Larven gesorgt hatte, bis der Tag kam, wo sie erwachsen waren. Da biß sie die Hüllen entzwei, und heraus traten fünfundzwanzig niedliche kleine Arbeiterameisen.

„Sieh da,“ sagte sie. „Nun ist das Schlimmste überstanden. Ich hoffe, ihr seid bereit, eurer Königin zu gehorchen?“

Da verneigten sich die Fünfundzwanzig bis auf die Erde.

„Gut. Nun legt Hand an! Ich will einen Hügel haben, so hoch wie den, in dem ich geboren bin. Zunächst baut mir mal einen guten Keller... und dann schleppt Tannennadeln herbei... Seid nur ja recht fleißig!“

Die Fünfundzwanzig sprangen eifrig an die Arbeit.

„Halt!“ rief die Königin. „Sucht mir zuerst ein paar Blattläuse! Ich brauche Limonade.“

Und sie bekam sie.

„Nun sputet euch mit dem Bau!“ sagte sie. „Denn jetzt lege ich Eier!“

Und die Arbeiter bauten, und sie legte Eier. Aus den Eiern wurden Larven und Puppen und Arbeiter; und bald stand ein kleiner Hügel da; und dieser Hügel wuchs und wuchs, bis er ebenso groß war wie der, den die Königin verlassen hatte.