Die Buche und die Eiche.

Es war in der guten alten Zeit, als es noch keine Städte mit Häusern, Straßen und ragenden Kirchtürmen gab. Es gab auch noch keine Schulen. Denn es gab nicht viele Jungen; und die wenigen, die da waren, lernten von ihrem Vater mit dem Bogen schießen und den Hirsch in seinem Versteck aufstöbern, sie lernten den Bären erlegen und sich Kleider aus seinem Pelze anfertigen und lernten zwei Stücke Holz aneinander reiben, bis sie sich entzündeten. Wenn sie das konnten, dann hatten sie ausgelernt.

Auch keine Eisenbahnen gab es damals, keine bebauten Felder, keine Schiffe auf dem Meere und keine Bücher; denn es war ja niemand da, der sie lesen konnte.

Eigentlich gab es nur Bäume.

Aber davon waren auch genug da. Bäume standen überall bis an die Meeresküste, spiegelten sich in den Bächen und Seen und streckten ihre mächtigen Zweige zum Himmel. Am Strande neigten sie sich, sie tauchten ihre Zweige in das schwarze Moor; und von den hohen Hügeln schauten sie stolz über die Lande hin.

Die Bäume waren alle vertraut miteinander, denn sie gehörten zu einer großen Familie; und darauf waren sie sehr stolz.

„Wir sind samt und sonders Eichbäume,“ sagten sie und brüsteten sich gehörig. „Uns gehört das Land, wir sind die Herrscher.“

Und das war auch richtig, denn damals gab es nur ganz wenige Menschen und sonst nur noch wilde Tiere. Der Bär, der Wolf und der Fuchs gingen auf die Jagd, und der Hirsch graste am Moore. Die Waldmaus saß vor ihrer Tür und nagte an Eicheln, und der Biber führte seine Bauten am Ufer des Baches auf.

Da kam eines Tages der Bär dahergetrottet und legte sich, so lang er war, unter einem hohen Eichbaum nieder.

„Bist du schon wieder da, du Räuber?“ rief die Eiche und schüttelte einen Haufen welker Blätter über ihn.

„Du solltest nicht so leichtsinnig mit deinen Blättern umgehen, lieber Freund,“ sagte der Bär und leckte seine Pfoten. „Das ist noch das einzige, daß man in deinem Schatten liegen kann.“

„Wenn ich dir nicht passe, kannst du ja deiner Wege gehen,“ antwortete die Eiche stolz. „Ich bin Herr im Lande; und wohin du siehst, siehst du nur meine Brüder.“

„Ganz recht,“ brummte der Bär; „das ist gerade das Langweilige an der Sache. Ich habe eine kleine Reise ins Ausland gemacht, weißt du; und nun bin ich ein wenig verwöhnt. Es war mehr im Süden — da hielt ich einmal ein kleines Schläfchen unter den Buchen. Das sind große, schlanke Bäume, keine krummen alten Burschen wie ihr. Und ihre Kronen sind so dicht, daß die Sonnenstrahlen gar nicht hindurchkommen können. Es war ein reines Vergnügen, darunter sein Mittagsschläfchen zu halten.“

„Buchen?“ fragte die Eiche neugierig. „Was sind das für Bäume?“

„Froh sein würdest du, wenn du nur halb so schön wärest wie eine Buche!“ sagte der Bär. „Aber jetzt mag ich nicht mehr mit dir schwatzen. Ich hab’ über eine Meile traben müssen des verfluchten Jägers wegen, der mich mit seinem Pfeil ins Hinterbein getroffen hatte. Jetzt will ich schlafen, und du bist wohl so freundlich, mich wenigstens in Ruhe zu lassen, da du mir doch nicht viel Schatten geben kannst.“

Der Bär reckte sich und schloß die Augen; aber aus dem Schlafen wurde diesmal nicht viel. Denn die anderen Bäume hatten gehört, was er erzählt hatte; und es begann ein Schwatzen und Plaudern und Blätterrauschen wie noch nie zuvor im Walde.

„Gott weiß, was das für Bäume sein mögen!“ meinte der eine.

„Ach, der Bär will uns natürlich etwas weismachen!“ der andere.

„Was können das nur für Bäume sein, wo die Blätter so dicht sind, daß die Sonnenstrahlen nicht durchkommen können?“ fragte eine kleine Eiche, die zuhörte, wie die Gefährten zusammen sprachen.

Aber daneben stand ein alter, knorriger Baum, der gab der kleinen Eiche einen Klaps mit einem seiner untersten Zweige.

„Willst du wohl schön den Mund halten,“ sagte er, „wart’, bis du so alt bist, daß du mitreden kannst! Und ihr anderen müßt dem Bären seinen Schnickschnack nicht glauben. Ich bin viel größer als ihr, und ich kann den ganzen Wald übersehen. Aber soweit ich sehen kann, sind da nichts als Eichbäume.“

Die kleine Eiche war ganz eingeschüchtert und schwieg, und die anderen großen Bäume flüsterten leise zusammen, denn sie hatten großen Respekt vor dem Alten.

Aber der Bär erhob sich und rieb sich die Augen.

„Nun habt ihr mir mein Mittagsschläfchen gestört,“ brummte er grimmig, „und ihr könnt mir’s glauben, rächen werd’ ich mich dafür! Wenn ich wiederkomme, werde ich Buchensamen mitbringen; und ich weiß, ihr werdet alle gelb vor Neid werden, wenn ihr seht, wie schön die neuen Bäume sind.“

Damit trollte er von dannen. Aber die Eichen sprachen den lieben langen Tag von den lächerlichen Bäumen, von denen er ihnen erzählt hatte.

„Wenn sie kommen, nehme ich ihnen Licht und Luft weg!“ versicherte der kleine Eichbaum; aber gleich hatte er seinen Klaps von der alten Eiche weg.

„Wenn sie kommen, dann bist du höflich gegen sie, du Grünschnabel!“ sagte sie. „Aber sie kommen nicht.“

* *
*

Darin behielt die alte Eiche nun doch nicht recht, denn sie kamen wirklich.

Als es Herbst wurde, kam der Bär zurück und legte sich unter der alten Eiche nieder.

„Ich soll dir einen Gruß von da unten bringen,“ sagte er und holte ein paar sonderbare Dingelchen aus seinem zottigen Pelze hervor. „Sieh mal, was ich hier für dich habe!“

„Was ist das?“ fragte die Eiche.

„Das sind Bucheckern,“ erwiderte der Bär, „die Buchensamen, die ich dir versprochen habe.“

Damit stampfte er sie in den Erdboden hinein und schickte sich an, wieder zu gehen.

„Es ist schade, daß ich nicht länger bleiben und mit ansehen kann, wie ihr euch krank ärgert,“ brummte er. „Aber das Menschenpack ist so zudringlich geworden. Neulich haben sie mir meine Frau und den einen von meinen Brüdern erschlagen, und ich muß mich nach einem ruhigen Plätzchen umsehen. So ein ehrlicher Bär ist fast nirgends seines Lebens mehr sicher. Lebt wohl, ihr alten Murrpeter!“

Als der Bär davongetrollt war, sahen die Bäume einander nachdenklich an.

„Jetzt wollen wir sehen, was daraus wird!“ sagte die alte Eiche.

Und dabei beruhigten sie sich. — Dann kam der Winter und beraubte sie all ihrer Blätter; der Schnee lag fußhoch, und jeder Baum stand in seine Wintergedanken versunken da und träumte vom Frühling.

Und als der Frühling kam, prangte das Gras in seinem frischen Grün, und die Vögel sangen da weiter, wo sie das letztemal aufgehört hatten. Die Blumen schossen zu Tausenden hervor, und alles strahlte in üppiger Frische.

Nur die Eiche hatte noch keine Blätter.

„Es ist am vornehmsten, wenn man zuletzt kommt,“ sagten sie. „Der König des Waldes stellt sich erst ein, wenn die ganze Gesellschaft beisammen ist.“

Aber schließlich kam auch ihre Zeit. Die Blätter brachen aus den dicken Knospen hervor, und die Bäume sahen sich an und sagten sich gegenseitig Schmeicheleien, wie schön sie sich ausnähmen. Die kleine Eiche war um ein großes Stück gewachsen. Darauf bildete sie sich nicht wenig ein und meinte, jetzt dürfe sie mitreden.

„Aus den Buchen des Bären wird nichts,“ verkündete sie spöttisch, aber schielte gleich ängstlich zu der alten Eiche hinauf, die es ja gewöhnlich auf ihren Kopf abgesehen hatte.

Die alte Eiche hörte wohl, was der kleine Nachwuchs sagte, und die anderen Bäume hörten es auch. Aber sie schwiegen. Keiner hatte vergessen, was der Bär ihnen erzählt hatte; und jeden Morgen, wenn die Sonne schien, guckten sie verstohlen hinunter, um nach den Buchen zu sehen. Eigentlich war ihnen recht beklommen ums Herz, aber sie waren zu stolz, es sich anmerken zu lassen.

Und eines Tages kamen endlich die zarten Keime zum Vorschein. Die Sonne schien darauf, und der Regen tränkte sie; es dauerte gar nicht lange, so schossen sie ein ordentliches Stück in die Höhe.

„Nein, wie niedlich die sind!“ riefen die großen Eichen und verdrehten ihre krummen Zweige noch mehr, damit sie sie ordentlich zu sehen bekämen.

„Ihr sollt uns willkommen sein!“ sagte die alte Eiche und nickte den Buchen gnädig zu. „Ihr sollt meine Pflegekinder sein und sollt es ebenso gut wie meine eigenen Kinder haben.“

„Wir danken euch!“ flüsterten die kleinen Buchen; mehr sagten sie nicht.

Aber die kleine Eiche wollte nichts von den fremden Bäumen wissen.

„Das ist ja unheimlich, wie ihr in die Höhe schießt!“ rief sie der nächsten Buche ganz beleidigt zu. „Ihr reicht mir ja schon fast bis an den Leib. Wollt ihr nicht gefälligst daran denken, daß ich viel älter bin und außerdem von alteingesessener Familie!“

Die Buche lachte mit ihren winzigen grünen Blättern, aber sie sagte nichts.

„Soll ich meine Zweige ein bißchen beiseitenehmen, damit die Sonne euch besser bescheinen kann?“ fragte die alte Eiche höflich.

„Vielen Dank!“ antworteten die Buchen. „Wir wachsen so wunderschön hier im Schatten.“

Und der ganze Sommer verging und wieder einer und noch mehrere. Die Buchen fuhren fort zu wachsen und wuchsen endlich der kleinen Eiche ganz über den Kopf.

„Weg mit euren Blättern!“ schrie die Eiche. „Ihr nehmt mir das Sonnenlicht fort, und das vertrage ich nicht. Ich brauche viel Sonnenschein. Weg mit den Blättern! Sonst gehe ich zugrunde.“

Doch die Buchen lachten nur und wuchsen weiter. Zuletzt schlossen sie sich ganz über dem Kopfe der kleinen Eiche, und da starb sie ab.

„Das war nicht schön von euch!“ riefen die großen Eichen und schüttelten vor Zorn ihre Zweige.

Aber die alte Eiche nahm ihre Pflegekinder in Schutz.

„Das ist die gerechte Strafe,“ sagte sie. „Das hat sie nun für ihr Prahlen. Ich sage das, obwohl es mein eigen Fleisch und Blut war. Aber jetzt müßt ihr euch auch gut aufführen, ihr kleines Buchenvolk, denn sonst habt ihr einen Klaps von mir weg.“

Die Jahre vergingen, die Buchen wuchsen weiter, und es wurden schlanke Bäumchen daraus, die bis mitten zwischen die Zweige der alten Eiche reichten.

„Ihr fangt an, mir etwas lästig zu werden!“ sagte eines Tages die Eiche. „Ihr solltet lieber anfangen, ein wenig in die Breite zu wachsen, und nicht immer weiter in die Höhe schießen. Seht mal an, wie voll eure Zweige hängen! Ihr müßt sie ordentlich biegen, wie ihr es bei uns seht! Was wollt ihr denn anfangen, wenn ein ordentlicher Sturm kommt? Ihr wißt nicht, wie der Wind unsere Wipfel rüttelt und schüttelt! Oft haben sogar meine alten Glieder geknarrt; wie wird es euch erst gehen mit eurem dünnen Firlefanz da in der Luft?“

„Jeder wächst auf seine Manier und wir auf die unsre,“ antworteten die jungen Buchen. „So ist’s nun mal Sitte in unserm Heimatlande, und wir brauchen darum wohl nicht schlechter zu sein als ihr.“

„Sehr höflich behandelt ihr mich bemoostes Haupt gerade nicht,“ sagte die Eiche. „Ich bereue schon, daß ich so gut zu euch war. — Wenn ihr auch nur einen Funken Ehrgefühl im Leibe habt, so seid so gut und nehmt eure Blätter ein wenig beiseite! In diesem Jahre haben meine untersten Zweige fast gar keine Knospen gehabt, weil ihr mir das Licht wegnehmt.“

„Wir verstehen nicht recht, was das uns angeht!“ antworteten die Buchen. „Jeder hat doch genug mit sich selber zu tun. Taugt er zu seiner Arbeit, und hat er Glück, so geht’s ihm gut. Wenn nicht, so muß er sich darein finden, daß es ihm schlecht geht. Das ist der Welt Lauf.“

Und die untersten Zweige der Eiche starben ab; der alte Baum fing an, wirklich in Besorgnis zu geraten.

„Ihr seid mir ein paar nette Bürschchen!“ schalt er. „Wie lohnt ihr mir denn meine Gastfreundschaft? Als ihr klein wart, habe ich euch zu meinen Füßen wachsen lassen und habe euch vor dem Sturm geschützt. Ich habe die Sonne auf euch scheinen lassen, so viel sie wollte, und hab’ euch wie meine eigenen Kinder behandelt. Und jetzt wollt ihr mich zum Dank ersticken!“

„Dummes Zeug!“ sagten die Buchen.

Und sie trugen Blüten und Früchte; und als die Früchte reif waren, rüttelte der Wind in den Zweigen und streute sie weit umher.

„Ihr seid flinke Burschen, so wie ich!“ rief der Wind. „Drum mag ich euch leiden und helfe euch gern.“

Und als der Fuchs sich am Fuße der Buche rollte und wälzte, war sein Fell im Nu voll von den stachlichten Früchten, und er lief mit ihnen weit ins Land hinein. Und ebenso machte es der Bär; und der lachte obendrein noch die alte Eiche aus, als er im Schatten der Buchen sein Ruhestündchen hielt. Die Waldmaus war ganz entzückt über das neue Gericht und meinte, Bucheckern schmeckten viel besser als Eicheln.

„Der Bär legte sich, so lang er war, unter einem hohen Eichbaum nieder.“

Ringsumher schossen neue kleine Buchen hervor, die ebenso schnell wie ihre Eltern wuchsen. Sie sahen so frisch und vergnügt aus, wie wenn sie nichts von einem bösen Gewissen wüßten.

Aber die alte Eiche schaute traurig über den Wald hin. Überall kamen die hellen Buchenblätter hervor, und die Eichen seufzten und klagten sich gegenseitig ihre Not.

„Sie reißen die Herrschaft an sich!“ schrien sie und schüttelten sich, soweit die Buchen es zuließen. „Das Land ist nicht mehr unser.“

Ein Zweig nach dem andern starb ab, und der Sturm brach die Äste ab und warf sie zu Boden. Die alte Eiche hatte jetzt nur noch ein paar Blätter am Wipfel.

„Bald ist’s aus mit mir!“ sagte sie ernst.

Aber jetzt gab es viel mehr Menschen im Lande als früher; und die beeilten sich, die Eichen zu fällen, solange noch welche da waren.

„Eichenholz ist besser als Buchenholz,“ meinten sie.

„Da haben wir wenigstens endlich einmal etwas Anerkennung gefunden,“ sagte die alte Eiche. „Aber wir werden’s mit dem Leben bezahlen müssen.“

Und zu den Buchen sagte sie:

„Was habe ich doch nur gemacht, daß ich euch geholfen habe, als ihr klein wart! Was bin ich doch für ein alter Tor gewesen! Früher waren wir Eichbäume die Herren im Lande, und jetzt muß ich Jahr für Jahr sehen, wie meine Brüder rings im Kampfe mit euch den kürzeren ziehen. Mit mir selbst ist es nun auch bald aus, und nicht eine von meinen Eicheln hat in eurem Schatten keimen können. Aber bevor ich sterbe, möchte ich doch wissen, wie ihr so ein Benehmen eigentlich nennt?“

„Das ist bald gesagt, alter Freund!“ antworteten die Buchen. „Wir nennen’s Konkurrenz, und wir haben sie nicht erfunden. Sie erhält und regiert die Welt.“

„Ich verstehe eure Fremdwörter nicht,“ sagte die Eiche. „Ich nenne es schnöde Undankbarkeit.“

Damit starb sie.