Die Unsichtbaren.
Diese Geschichte spielt in der ganz alltäglichen Stube eines ganz alltäglichen Jungen.
Die Stube war nicht besonders groß und der Junge ebensowenig. Es stand ein eisernes Bett in dem Zimmer, wie kleine Kinder es haben; ein Bett, aus dem man nicht herausrollen konnte, und das sich größer machen ließ, je nach dem Alter. Ferner standen in der Stube ein Tisch aus Kiefernholz und zwei Stühle, die in ihren guten Tagen ihren Platz oben im Wohnzimmer gehabt hatten. Als es mit ihnen bergab ging, waren sie heruntergeholt worden; und hier erfüllten sie ihren Zweck, denn Jungen haben nun mal keinen sonderlichen Respekt vor Möbeln. Den bekommen sie erst, wenn sie groß werden und die Möbel selber bezahlen müssen. Und dann sind ihre Söhne kleine Jungen; und sie können gar nicht begreifen, wie unordentlich die sind.
Außerdem stand in der Stube noch eine Kommode, in der die Wäsche des Jungen lag, und darauf stand ein Regal mit seinen Büchern. An der Wand hing ein Bild, das den Vater und die Mutter darstellte; und die Mutter hatte ihn selber auf dem Schoße. Sie sagte oft, damals, als kleines Kind, sei er viel artiger gewesen als jetzt; und das war sehr wahrscheinlich; denn für einen kleinen Jungen ist es viel leichter, lieb und gut zu sein, als für einen großen.
Dann war auch noch ein Flitzbogen da, der entzwei war, und eine Trompete, der nichts fehlte, auf der unser Junge aber nie blasen durfte, weil sie zu viel Lärm machte. Auch eine alte Lampe und ein Bauer mit einem Kanarienvogel waren vorhanden.
Der Vogel stand drüben im Fenster, und vor dem Fenster war ein Hintergebäude mit hohen, häßlichen, grauen Mauern. Der Junge dachte oft, daß es unrecht sei, den Vogel gefangen zu halten; aber wenn er ihn freiließ, so würden ihn die Vögel ja doch gleich tothacken. Wollte er ihm wirklich etwas Gutes erweisen, so mußte er mit ihm bis zu den Kanarischen Inseln reisen. Aber dazu hatte er kein Geld; denn er bekam wöchentlich nur zehn Pfennige Taschengeld, und davon sollte er sich noch Griffel und Bleistifte kaufen. Freilich bekam er zwei Pfennige für jedes „Sehr gut“ in seinen Zensuren, aber das fiel ihm selten genug in den Schoß. Wie ich schon gesagt habe: es war ein ganz alltäglicher Junge.
Unser Junge lag in seinem eisernen Bett und war krank. Seit vielen Tagen war er nicht in der Schule gewesen, und es war vorläufig auch keine Aussicht vorhanden, daß er hingehen würde. Das sah man daran, daß seine Kleider nicht in der Stube waren. Man merkte es auch seinem hagern Gesicht an. Er hatte fast immer ebenso dicke Backen gehabt wie die gesündesten seiner Kameraden, aber jetzt waren die Backen beinahe ganz verschwunden. Seine Hände, die oben auf der Decke lagen, waren so dünn und bleich und rein wie nie zuvor.
Es war auch wirklich kein Wunder, daß der Junge so dünn war. Er bekam nichts andres zu essen als die Milch, die neben seinem Bette stand, und außerdem eine scheußliche grüne Medizin, die er beinahe nicht herunterkriegen konnte. Von der Medizin erhielt er alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll, und von der Milch durfte er so viel trinken, wie er wollte. Aber er hatte fast nie Lust dazu; und damit waren der Doktor und seine Mutter sehr unzufrieden.
Jetzt kam seine Mutter in die Stube. Sie brachte in einem Blumentopf eine große, prachtvoll leuchtende rote Pelargonie. Die setzte sie so auf den Tisch, daß der Knabe die Blume sehen konnte.
„Ist sie nicht schön?“ fragte sie. „Die habe ich auf dem Markt gekauft. Sie soll dir gehören und dir erzählen, daß es jetzt bald Frühling wird. Dann springen alle Knospen auf, und alle kleinen Jungen werden gesund. Ist sie nicht herrlich?“
„Gewiß,“ antwortete der Junge.
„Es war die schönste, die da war,“ sagte die Mutter. „Und die größte. Willst du sonst noch etwas haben?“
„Darf der Vogel nicht auch hierher kommen?“ fragte er.
„Jawohl, das darf er,“ erwiderte sie.
Und sie setzte das Bauer neben die Pelargonie; und als der Kanarienvogel die schöne rote Blume sah, da fing er an zu singen; denn auch er hatte die Empfindung, daß es jetzt Frühling sei.
Da lächelte der Junge ein ganz klein wenig. Die Mutter küßte ihn und ging in die Küche; denn sie mußte ja dafür sorgen, daß das Essen fertig war, wenn der Vater aus dem Kontor nach Hause kam. Und Vater kam nach Hause und ging zu seinem Jungen hinein. Dann aßen sie in der Stube nebenan. Der Junge hörte das Tellergeklapper und Messergeklirr. Er dachte daran, zu fragen, was sie zu Tisch hätten, gab es aber auf, weil er zu müde war, und weil es ihn auch gar nicht interessierte.
Dann wurde es Nachmittag, und der Doktor kam.
Er setzte sich auf die Bettkante und fragte den Jungen aus. Vater und Mutter standen mit betrübten Gesichtern daneben. Der Junge antwortete, so gut er konnte; aber auf viele Fragen wußte er nichts zu erwidern.
„Es geht ja recht gut,“ meinte der Doktor.
Das war durchaus nicht seine Ansicht, aber etwas mußte er ja sagen. Die Mutter seufzte und bekam nasse Augen.
„Aber den Kanarienvogel müssen wir aus der Stube bringen,“ sagte der Doktor. „Und die Pelargonie darf auch nicht hier im Zimmer stehen.“
„Dann weint unser Junge,“ sagte Mutter.
„Nein, der Vogel darf nicht hinaus,“ rief der Knabe entschieden. „Und auch die Blume soll hier bleiben. Ich habe sie ja eben erst bekommen.“
„Na, meinetwegen,“ sagte der Doktor. „Dann mögen sie in Gottes Namen hier bleiben.“
Damit ging er. Aber der Junge hörte recht gut, daß er in der Tür zu den Eltern sagte, sie möchten den Vogel und die Blume hinausnehmen, wenn der Junge schliefe. Und darum beschloß er, gar nicht einzuschlafen.
Nun wurde es Abend.
Im Eßzimmer war niemand, aber die Tür nach der Wohnstube, wo die Eltern saßen, stand offen. Die andre Tür vom Eßzimmer führte in die Schlafkammer und war während der ganzen Nacht angelehnt, seit der Junge krank war, damit man es gleich hören konnte, wenn er rief. Er hatte auch eine kleine Schelle, mit der er klingeln konnte. Anfangs hatte ihm das fürchterlichen Spaß bereitet, doch jetzt machte er sich nichts mehr daraus.
Bald darauf gingen die Eltern wieder ins Eßzimmer und aßen zu Abend. Als sie damit fertig waren, zog die Mutter die Gardinen vors Fenster, klopfte das Bett des Jungen zurecht und machte alles für die Nacht fertig. Sie zündete die alte Lampe an und schraubte den Docht herunter; dann sagte sie Gute Nacht, und auch Vater kam herein und sagte Gute Nacht, und nun sollte der Junge schlafen.
Die Hände auf der Decke, lag er ganz still da und starrte die Pelargonie an. Er fand, daß sie im Halbdunkel überaus groß und seltsam aussah. Ihre Blätter waren ganz anders als am Tage, und es waren so furchtbar viele da. Dann blickte er auf das Bauer, wo der Kanarienvogel auf seinem Pflock saß. Sonst hatte er in der Nacht ein Tuch über sich; aber der Junge hatte gebeten, das Tuch fortzulassen. Und diese Bitte gewährte man ihm auch, wie alle seine Bitten während der Krankheit.
Lange lag er so da.
Er hörte, wie Vater und Mutter zu Bett gingen. Sie kamen auf den Zehen durchs Eßzimmer. Vater blieb auf der Türschwelle stehen, aber Mutter kam bis an sein Bett heran und beugte sich über ihn. Er lag mit geschlossenen Augen da.
„Er schläft,“ flüsterte sie dem Vater zu.
Dann schlich sie zurück und nahm das Vogelbauer und die Pelargonie; doch da blickte er mit zornigen Augen auf:
„Du hast mir doch versprochen, daß sie hier drin bleiben dürften.“
„Ja, ja, ja, mein lieber Junge. Aber du hast doch gehört, daß der Doktor haben will, daß sie hinauskommen.“
Doch er gab nicht nach: „Du hast mir versprochen, daß sie hier drin bleiben sollen.“
„Laß sie nur stehen,“ fiel der Vater ein. „Es kann ihm nichts schaden.“
Dann nickten sie ihm zu, sagten, nun solle er versuchen, zu schlafen, und gingen fort. Er hörte sie noch eine Weile in der Schlafkammer rumoren. Der Lichtstreif fiel über den Fußboden des Eßzimmers bis zu seiner Tür. Bald darauf löschten sie die Lampe aus. Der Lichtstreifen verschwand, und es wurde ganz still.
Da auf einmal hörte der Junge eine Stimme sagen:
„Wenn ich nur die Nacht überlebe... wenn ich nur die Nacht überlebe.“
Der Junge hob den Kopf vom Kissen empor und lauschte, hörte aber nichts mehr. Mit großer Mühe richtete er sich auf seinem Ellbogen auf und blickte um sich.
Die Stube war leer.
Dort stand der Kanarienvogel, und neben ihm stand die Pelargonie. Dort hing die Photographie, auf der Vater und Mutter und er selber abgebildet waren... dort auf der Kommode lag das englische Lesebuch... und das Geschichts- und das Geographiebuch... und der Flitzbogen und die Trompete.
Es war niemand da. Und doch war er felsenfest davon überzeugt, daß er jemand hatte sprechen hören. Dann legte er sich wieder hin, weil er sich nicht aufrechthalten konnte, und lag ein Weilchen mit geschlossenen Augen da. Und dann sagte die Stimme wieder:
„Wenn ich nur die Nacht überlebe... wenn ich nur die Nacht überlebe.“
Der Junge fing an, wie ein Rasender zu klingeln.
Im nächsten Augenblick stand seine Mutter im Nachtgewand und auf bloßen Füßen an seinem Bett.
„Was hast du denn, mein lieber Junge?“ fragte sie.
„Mutter... ich fürchte mich... es spricht jemand hier in der Stube...“
„Es ist niemand hier,“ sagte sie und strich ihm über die Stirn, die mit Angstschweiß bedeckt war. „Das ist das Fieber. Oder vielleicht hast du auch geträumt. Hier ist niemand außer dir und mir und deinem kleinen Vogel. Soll ich den Vogel hinaustragen?“
„Nein, nein.“
Sie blieb eine Weile sitzen und redete ihm gut zu, bis sie fand, daß er sich wieder beruhigt hatte. Dann schraubte sie die Lampe ein wenig höher, damit er sich besser umsehen könnte, wenn er wieder Angst bekäme. Und dann ging sie hinaus.
Doch der Junge hatte sich ganz und gar nicht beruhigt.
Er schwieg bloß, weil er merkte, daß es keinen Zweck habe, mit Mutter darüber zu reden. Mutter verstand ihn nicht. So ist es manchmal mit der Mutter; und dann fühlt so ein kleiner Junge sich entsetzlich einsam und unglücklich.
Gut war es nur, daß der Kanarienvogel im Zimmer war. Wenn der doch aufwachen wollte! Hätte er nur einen Stock gehabt, um den Vogel aufzuscheuchen. Er wollte die Trompete und den Flitzbogen opfern, wenn der Vogel anfangen wollte, zu singen oder nur ein wenig zu piepsen und auf seinen Stäben umherzuhüpfen.
Aber der Vogel saß und schlief und rührte sich nicht. Und die Pelargonie sah ganz unheimlich aus mit ihrem Blättergewimmel.
Jetzt war die Stimme wieder da.
„Gut, daß sie fort ist,“ sagte die Stimme. „Sonst hätte ich auch noch für sie zu sorgen gehabt. Und nun hat die dumme Frau die Lampe höher geschraubt. Lieber hätte sie das Fenster öffnen sollen. Wenn ich nur diese Nacht überlebe... wenn ich nur diese Nacht überlebe.“
„Wer spricht da?“ rief der Junge.
Seine Stimme bebte vor Angst. Er wollte nach der Mutter klingeln, konnte aber nicht die Hand heben; so große Furcht hatte er. Er versuchte, sich aufzurichten, konnte aber nicht und sah sich um, so gut er es vermochte, ohne den Kopf zu heben.
„Wer spricht da?“ wiederholte er. „Wer ist hier im Zimmer? Er soll es sagen, sonst klingle ich, und dann kommt Vater mit seinem großen Stock.“
„Das wäre nicht sehr schön, wenn der käme,“ sagte die Stimme. „Nicht des Stocks wegen. Vor dem fürchte ich mich nicht. Aber unser sind ohnehin schon genug. Sollte er trotzdem kommen, so mußt du ihn bitten, das Fenster ein bißchen aufzumachen.“
„Wer bist du?“ fragte der Junge. „Ich habe Angst vor dir. Ich kann dich nicht sehen.“
„Mich kann niemand sehen,“ erwiderte die Stimme. „Es hat mich noch niemand erblickt. Ich bin unsichtbar. Ich bin die Luft.“
„Was bist du?“ sagte eine andre Stimme, die gröber war als die erste. „Bist du die Luft? Du redest da ja einen netten Unsinn zusammen. Wenn einer die Luft ist, so bin ich es doch wohl, möcht’ ich meinen.“
Der Junge faltete seine Hände und wußte sich vor Angst nicht zu lassen.
„Kümmere dich nicht um das, was er sagt, mein Junge,“ sagte nun wieder die erste Stimme. „Mein Name ist Sauerstoff, und ich bin der allerwichtigste Teil der Luft und der einzige, für den du Verwendung hast.“
„Springinsfeld, Windbeutel, Prahlhans!“ schalt die andre Stimme. „Hör’ mal mein lieber Junge... ich heiße Stickstoff, und ich mache vier Fünftel der Luft aus. Hörst du... vier Fünftel. Der Sauerstoff bildet nur ein erbärmliches Fünftel. Augenblicklich ist noch nicht einmal ein Fünftel Sauerstoff da, und morgen früh ist er vermutlich ganz weg.“
„Gerade davor habe ich Angst,“ rief der Sauerstoff. „Was für ein Bursche der Stickstoff ist, das kannst du ja schon an seinem Namen hören, mein Junge. Wäre er allein in der Stube, dann würdest du einfach sterben.“
„Wie kannst du dem Jungen nur so etwas weismachen!“ zeterte der Stickstoff. „Er kann mich ja gar nicht entbehren. Er bekommt mich mit allem, was er ißt und trinkt. Jeder Bissen, den er in den Mund steckt, ist voller Stickstoff.“
„Es hat keinen Zweck, viele Worte darüber zu verlieren,“ entgegnete der Sauerstoff. „Aus der Luft kriegt er dich jedenfalls nicht. Und bekommt er keinen Sauerstoff, dann erstickst du ihn. Es hat keinen Zweck, einem kleinen Jungen zu viel auf einmal zu erklären; und er soll lieber auf das hören, was ich ihm sage. Ist er vernünftig, so klingelt er seiner Mutter und bittet sie, ein Fenster zu öffnen. Die Nacht ist lang, und es sind noch mehr Leute hier drin im Zimmer, die Sauerstoff brauchen.“
„Wer ist denn hier drin?“ fragte der Junge.
„Die Pelargonie,“ erwiderte der Sauerstoff, „der Kanarienvogel und die Lampe.“
„Ich verstehe keine Silbe von alledem,“ sagte der Junge. „Was soll ich nur machen? Ich bin krank, und ich hab’ so große Angst.“
„Es ist nicht genug Stickstoff in dir,“ belehrte ihn der Stickstoff. „Darum bist du solch ein Hasenfuß.“
„Wenn ich gesund bin, habe ich keine Angst,“ rief der Junge. „Du kannst den Franz fragen. Er ist drei Jahre älter als ich, und ich hab’ ihm in der letzten Pause eine ordentliche Maulschelle gegeben. Aber euch kann ich nicht sehen, und darum fürchte ich mich vor euch.“
„In sichtbarer Gestalt bin ich nur den Gelehrten bekannt,“ sagte der Sauerstoff. „Aber wart’ einmal ... Hast du ein Taschenmesser?“
„Gewiß,“ rief der Junge, „ein wunderschönes, mit vier Klingen. Onkel Hans hat es mir zu Weihnachten geschenkt. Es liegt in meiner Hosentasche. Aber ich weiß nicht, wo meine Hosen sind.“
„Ist nicht eine von den Klingen rostig?“ fragte der Sauerstoff.
„Bist du verdreht?“ sagte der Junge. „Glaubst du, daß ich so schlecht auf mein Messer achtgebe. Franz, der liederliche Geselle, hat immer ein rostiges Messer. Er ist zwar Erster in der Klasse, aber trotzdem ein großer Luftikus, und außerdem klatscht er.“
„Ich kenne ihn nicht,“ versetzte der Sauerstoff. „Aber siehst du, dieser Rost auf dem Messer des Franz... das bin ich.“
„Dann bist du doch keine Luft, wie du vorhin sagtest,“ fiel der Junge ein. „Denn Rost kommt vom Wasser.“
„Das ist richtig,“ erklärte der Sauerstoff. „Aber ich bin auch im Wasser enthalten. Und wenn Wasser an das Eisen kommt, so laufe ich auf der Stelle hin und verbinde mich mit dem Eisen, und dann werde ich zu Rost.“
„Du solltest es lieber ganz offen sagen, wie es sich verhält,“ warf der Stickstoff ein. „Du verbrennst das Eisen. Das tust du. Und du verbrennst auch den Jungen. Wenn du das Messer verbrennst, wirst du zu Rost. Und wenn du den Jungen verbrennst, wirst du zu Kohlensäure. He... pst... Kohlensäure... bist du hier?“
„Jawohl,“ flüsterte eine dritte Stimme, die ganz dünn und schwach war. „Es ist wirklich schon lange her, seit mir so wohl gewesen ist wie heute nacht. Mir scheint, ich werde dicker und dicker.“
„Allerdings,“ entgegnete der Sauerstoff. „Und wenn der Junge vernünftig ist, so klingelt er sofort und läßt das Fenster öffnen, sonst geht schließlich die Lampe aus, und die Pelargonie und der Junge und der Kanarienvogel sterben.“
Da griff der Junge nach der Klingel und schellte wie besessen.
Mutter kam herein. Sie erschrak, als sie die heißen Backen und blanken Augen ihres kleinen Jungen sah.
„Mutter, Mutter,“ sagte er, und dann konnte er vor Schreck nichts mehr sagen.
„Geht es denn wieder schlecht, mein Liebling?“ fragte sie und streichelte seine Wange. „Ist wieder jemand im Zimmer, der spricht?“
Der Junge hielt ihre Hand fest: „Es sind so viele hier, Mutter... Gib nur ja auf mein Messer acht, während ich krank bin, damit es nicht rostet... nicht wahr, Mutter?“
„Gewiß, das werd’ ich tun. Denk’ bloß nicht daran.“
„Und dann läßt der Sauerstoff dich vielmals bitten, doch ja das Fenster aufzumachen. Sonst fürchtet er, daß er die Nacht nicht mehr überlebt.“
Mutter schüttelte den Kopf, beschwichtigte ihn und packte ihn in die Decke ein. Sie sah, daß er starkes Fieber hatte und phantasierte. Dann stand Vater in der Tür. Die Stimmen hatten ihn geweckt.
„Er redet ganz irre,“ sagte Mutter. „Ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt.“
„Vater,“ rief der Junge. „Beeile dich und mach ein Fenster auf, sonst kann der Sauerstoff die Nacht nicht überleben. Hier ist zu viel Stickstoff, und dann ist die Kohlensäure da, von der ich mir keine rechte Vorstellung machen kann. Aber so viel steht fest, daß die Lampe ausgeht und wir alle ersticken müssen, wenn du nicht das Fenster öffnest.“
„Er phantasiert von etwas, was er in der Schule gehört hat,“ sagte der Vater.
Da gab Mutter ihm ein Pulver Antifebrin, und Vater ging ans Fenster und zog die Gardine zurück.
„Ich darf das Fenster nicht öffnen, mein Junge. Darüber würde der Doktor sehr böse werden, weil es noch so kalt ist. Siehst du, wie der Mond hereinscheint?“
Der Junge bat nochmals, das Fenster zu öffnen. Sie setzten sich auf den Bettrand, streichelten seine Wangen und redeten ihm gut zu.
Und dann schwieg er wie vorhin. Er sehnte sich bloß danach, daß sie wieder gehen möchten, damit er mit dem Sauerstoff reden könnte. Darum schloß er die Augen, als ob er schliefe. Als sie eine Weile seinen regelmäßigen Atemzügen gelauscht hatten, da glaubten sie es und schlichen still hinaus.
„Sauerstoff,“ fragte bald darauf der Junge, „bist du da?“
„Gewiß,“ entgegnete der Sauerstoff. „Sonst wär’ es um dich und mehrere andre übel bestellt. Aber gut geht es mir nicht.“
„Ist der Stickstoff auch hier?“ fragte der Junge.
„Allerdings,“ antwortete der Stickstoff.
„Und die Kohlensäure?“ forschte der Junge.
„Es lohnt nicht, von mir zu sprechen,“ sagte mit kleiner, dünner Stimme die Kohlensäure. „Ich bin zu unbedeutend.“
„Du bist schlimmer als der Stickstoff,“ meinte der Sauerstoff. „Das muß ich sagen, obwohl du mein eignes Kind bist. Wenn es nur bald Tag werden möchte! Wenn die Sonne kommt, trinkt die Pelargonie so viel Kohlensäure, wie sie kriegen kann.“
Der Junge lag lauschend da und sagte nichts.
Seine Wangen brannten wie Feuer. Von seiner Stirn troff der Schweiß herab, und seine Augen strahlten erschreckend klar. Auch durstig war er. Darum griff er zum Milchglase und trank ein wenig. Aber Angst hatte er nicht mehr.
Es schien ihm, als bekämen die Dinge Stimmen, ganz wie im Märchen. Er dachte, der Sauerstoff, der Stickstoff und die Kohlensäure seien drei verzauberte Prinzen. Wenn er doch nur das rechte Wort fände, so würde er ihnen ihre eigentliche Gestalt wiedergeben... Wie amüsant das sein würde, wenn sie morgen hier säßen beim Eintritt des Vaters und der Mutter... und des Doktors! Und dann: wie schön würde es in der Schule werden. Denn die Prinzen müßten natürlich seine Schule besuchen, die ja die vornehmste in der Stadt war. Neben ihm würden sie sitzen... Na, vielleicht war es doch am besten, noch ein bißchen zu warten; denn er war augenblicklich nicht unter den Ersten der Klasse; und auf den unteren Bänken konnten Prinzen doch nicht gut sitzen. Aber im nächsten Monat wollte er sich Mühe geben, um heraufzukommen ...
Weil ihn solche Gedanken beschäftigten, war er nicht im geringsten erstaunt, als der Kanarienvogel aufwachte, dreimal zwischen seinen Stäben umherhüpfte, was dasselbe ist, wie wenn ein kleiner Junge sich die Augen reibt, und sagte:
„Ich finde, die Luft ist heute nacht sehr schlecht hier im Zimmer.“
Und auch die Pelargonie stimmte mit ein. Sie war derselben Meinung.
„Aha,“ dachte der Junge. „Das sind auch Prinzen. Jetzt kommt allmählich Leben in die Bude.“
Aber er sagte vorläufig nichts, um die beiden nicht zu erschrecken, sondern drehte bloß den Kopf, sah sie an und freute sich auf das, was nun kommen sollte.
Und doch kam es anders, als er erwartet hatte.
Die Lampe schnalzte plötzlich leicht auf mit der Feuerzunge und sagte:
„Ja, ich habe mir schon lange meine Gedanken darüber gemacht, während ich hier stand und ein kleines Schläfchen hielt. Es ist nur merkwürdig, daß der Junge nichts davon merkt. Die Menschen sind doch in der Regel sonst die ersten, die ein großes Lamento anstellen, wenn mit der Luft irgend etwas nicht in Ordnung ist.“
„Jungen sind keine richtigen Menschen,“ sagte der Kanarienvogel. „Wenigstens nicht in dieser Beziehung. Sie können unglaublich schlechte Luft vertragen.“
„Nicht, wenn sie krank sind,“ bemerkte die Pelargonie. „Und der Junge ist krank. Das weiß ich bestimmt. Seine Mutter hat es auf dem Markt zu der Frau gesagt, von der sie mich kaufte.“
„Ich sollte nicht wissen, daß er krank ist?“ versetzte der Kanarienvogel. „Ich, sein Liebling? Der Doktor sagte, ich müsse hinausgetragen werden, aber der Junge wollte es nicht haben, und darum blieb ich. Und ich sollte auch jeden Abend mit einem gräßlichen schwarzen Tuch bedeckt werden. Aber er bat, es nicht zu tun, damit er mich sehen könne. Wenn ich nicht wüßte, wie es um den Jungen steht, wer sollte es denn dann wissen?“
„Ich,“ rief die Lampe und schnalzte abermals mit der Feuerzunge. „Die Pelargonie ist erst gestern gekommen und kennt nur das Gewäsch, das sie auf dem Markt gehört hat. Der Kanarienvogel ist auch erst seit dem letzten Geburtstag des Jungen da, aber ich bin von Anfang an hier gewesen.“
„Bist du denn so alt?“ fragte die Pelargonie.
„Allerdings,“ zischelte die Lampe. „In der Nacht, als er geboren wurde, habe ich in der Schlafkammer gestanden. Ich habe die Hebamme beschienen. Und ihn selber, als er als kleiner roter Bursche da lag und sein erstes Gebrüll von sich gab. Damals war ich vornehmer als jetzt. Es war mehr Bronze an meinem Fuß, und meine Glocke war auch noch nicht entzwei. Als es anfing, mit mir bergab zu gehen, kam ich in dieses Zimmer.“
„Herrgott,“ schrie der Kanarienvogel.
„Und ich klage nicht. Es ist ein sehr guter Platz für eine ältere Lampe. Hier ist nicht mehr Arbeit zu verrichten, als ich bewältigen kann. Im Sommer werde ich nie angezündet, und im Winter bloß, wenn der Junge Schularbeiten zu machen hat, und dann, wenn er zu Bett muß. Aber an den Aufgaben lernt er nicht besonders lange, und ins Bett geht er im Geschwindmarsch, und dann löscht Mutter mich aus. Manchmal werde ich freilich wieder angezündet, wenn wir in der Küche ein paar Streichhölzer gemaust haben und im Bett noch etwas lesen wollen... Das ist ein sehr großes Verbrechen und darum unvergleichlich schön. Wird es entdeckt, so bekommt der eine von uns Prügel, und der andre wird sofort ausgeblasen. Aber in der jetzigen Zeit steh’ ich Nacht für Nacht angezündet und muß bis zum frühen Morgen brennen, wenn auch nur mit halber Flamme.“
„Ja, das ist eben das Unglück,“ sagte der Sauerstoff.
„Wie?“ rief die Lampe. „Wer spricht da? Wer wagt es, eine hochachtbare, alte, pflichttreue Lampe ein Unglück zu nennen?“
„Ich bin’s nicht gewesen,“ sagte die Pelargonie.
„Ich wahrhaftig auch nicht,“ fiel der Kanarienvogel ein.
„Der Sauerstoff war’s,“ sagte der Junge.
„Gewiß,“ bestätigte der Sauerstoff.
„Und wer bist denn du?“ fragte die Lampe; „ich kann dich nicht sehen.“
„Das kannst du freilich nicht. Und doch kannst du mich nicht entbehren. Ich bin der Sauerstoff. Ich bin die Luft.“
„Bist du die Luft?“ meinte die Lampe nachdenklich. „Ja, dann bist du allerdings ebenso wichtig für mich wie das Petroleum und der Docht und das Streichholz.“
„Er lügt, er lügt,“ rief der Stickstoff. „Er bildet nur ein lumpiges Fünftel der Luft. Ich bin die Luft. Stickstoff heiße ich; und schämen solltet ihr euch, daß ihr mich nicht kennt.“
„Wem soll ich nun Glauben schenken?“ fragte die Lampe. „Der da zuletzt redete, hat einen garstigen Namen; und ich kann mir nicht denken, daß ich Verwendung für ihn habe.“
„Die hast du auch nicht,“ erklärte der Sauerstoff. „Und während du schwatzest, verstreicht die Zeit; und es endigt übel. Hier drinnen bildet sich mit jeder Minute mehr Kohlensäure; und sie ist noch viel ärger als der Stickstoff.“
„Ganz recht,“ sagte der Stickstoff. „Der Sauerstoff vergißt nur zu erzählen, daß er selber die Kohlensäure erzeugt. Er erzeugt Kohlensäure ebenso wie die Lampe und die Pelargonie und der Kanarienvogel und der kranke Junge.“
„Gewiß tu’ ich das,“ sagte der Sauerstoff. „Ich bewirke, daß die Lampe brennt, und daß die andern atmen. Fehle ich, so ist es mit ihnen zu Ende; und die widerwärtige Kohlensäure gehört ebensogut ihnen wie mir.“
„Warum nennst du mich widerwärtig?“ fragte die Kohlensäure. „Ich habe hier in der Welt ebensogut wie du meine Aufgabe zu erfüllen. Frage die Pelargonie! Sie trinkt mich den ganzen Tag aus der Luft. Sie kann mich durchaus nicht entbehren. Sie lebt geradezu von mir.“
„Das tu’ ich allerdings,“ gab die Pelargonie zu.
„Ja,“ fuhr die Kohlensäure fort. „Sobald es hell wird, trinkst du Kohlensäure und fährst fort, es zu tun, bis die Nacht kommt. Und das gleiche tun alle grünen Pflanzen der Welt, vom größten Baume bis zum kleinsten Grashalm. Sie alle trinken Kohlensäure, als wären sie nicht recht gescheit, und atmen Sauerstoff in die Luft aus. Darum ist es so wunderschön frisch im Walde.“
„Hört ihr wohl. Ich bewirke, daß es so frisch ist,“ sagte der Sauerstoff fröhlich.
„Ja, aber mich trinken sie,“ beteuerte die Kohlensäure.
„Aber aus mir sind sie erzeugt... aus mir sind sie erzeugt,“ rief der Stickstoff.
„Piep,“ sagte der Kanarienvogel. „Ich kann nicht klug daraus werden. Ich bin so traurig.“
„Auch mir geht es nicht gut,“ versicherte die Pelargonie. „Und ich begreife nicht, was wir anfangen sollen.“
„Es übersteigt meinen Verstand,“ klagte die Lampe. „Aber ich merke, daß die Luft schlechter und schlechter wird. Ich flackre. Ich gehe aus.“
„Noch nicht,“ fiel da der Sauerstoff ein. „Aber es wird so kommen. Alles, was der Stickstoff und die Kohlensäure erzählen, mag sein, wie es will; es hat mit der Sache nichts zu schaffen. Die Stube ist nur klein, und ich bin nur ein Fünftel der Luft, wie ihr gehört habt. Die Lampe kann nicht ohne mich brennen, und ihr könnt nicht ohne mich atmen. Je mehr Wesen mich brauchen, desto schneller bin ich aufgebraucht. Darum wollte der Doktor, daß der Kanarienvogel hinausgebracht würde. Darum hätte die Pelargonie heute nacht nicht im Zimmer stehen dürfen. Darum war es dumm von der Mutter des kranken Jungen, daß sie die Lampe in die Höhe schraubte. Und darum bleibt nichts andres übrig, als nach ihr zu klingeln, damit sie hereinkommt und das Fenster öffnet. Da draußen ist viel Sauerstoff. Hier drin aber ist nur noch wenig; und wenn der verbraucht ist, so erstickt ihr. Punktum.“
Der Junge lag regungslos da und lauschte und starrte. Jetzt glaubte er nicht länger, daß es ein Märchen sei. Er atmete schwer auf; und er bekam Tränen in die Augen, als er sah, wie der Kanarienvogel den Kopf hängen ließ und die Blätter der Pelargonie immer schlaffer wurden, während die alte Lampe flackerte und flackerte.
„Ich will nicht ersticken,“ jammerte der Kanarienvogel. „Könnte ich nur wieder vors Fenster kommen! Da war viel bessere Luft. Könnte ich nur aus dem Bauer hinausschlüpfen und durch die Scheibe fliegen... Ja, dann würden mich freilich die häßlichen Spatzen tothacken, aber das wäre doch besser, als hier zu ersticken.“
„Ich will lieber sterben als meinen Kanarienvogel missen,“ sagte der Junge und warf ihm einen zärtlichen Blick zu.
„Ich will nicht ersticken,“ verkündete die Pelargonie. „Ich bin so jung und habe so wunderschöne rote Blüten. Ich freute mich so, als ich heute morgen auf dem Markte stand, obwohl es da bei weitem nicht so schön war wie in dem Treibhaus des Gärtners, wo ich groß geworden bin. Aber ich will nicht ersticken... ich will nicht ersticken.“
„Ersticken?“ sagte die alte Lampe. „Das bedeutet wohl dasselbe wie ausgelöscht werden. Dann bin ich wirklich oft im Leben erstickt. Gewöhnlich einmal am Tage. Es ist wirklich nicht so gefährlich. Man wird einfach wieder angezündet. Aber ich gehe ungern aus, bevor ich muß. Denn wenn sie kommen und sehen, daß ich Petroleum und Docht genug habe, und trotzdem ausgegangen bin, so glauben sie natürlich, daß ich ganz altersschwach bin, und setzen mich in die Rumpelkammer.“
„Daran läßt sich nichts ändern,“ sagte der Sauerstoff.
„Kann ein kleiner Junge auch wieder angezündet werden, wenn er erloschen ist?“ erkundigte sich der Junge.
„Nein,“ belehrte ihn der Sauerstoff. „Wenn ein Junge erloschen ist, so ist er weg. Und genau ebenso ist es mit der Pelargonie und dem Kanarienvogel. Die Lampe kann wieder angezündet werden, aber dann hat sie eben niemanden mehr zu bescheinen.“
Der Junge streckte die Hand aus, um die Schelle zu ergreifen. Er stieß daran, so daß sie auf den Fußboden fiel und ganz unters Bett rollte. Sie machte ja freilich Spektakel, aber niemand hörte es. Eine Weile lauschte er, ob Mutter nicht kommen werde, aber sie kam nicht. Er wollte rufen, aber die Stimme fror in seinem Halse fest, so große Furcht hatte er.
Und die Luft in der Stube wurde immer dumpfiger.
„Was geschieht jetzt mit uns?“ fragte der Junge.
„Jetzt ersticken wir,“ sagte der Sauerstoff.
„Blaff, blaff,“ sagte die Lampe.
„Piep,“ schrie der Kanarienvogel.
Und die Pelargonie duftete so süß, wie noch keine Pelargonie in der Welt geduftet hatte, weil sie glaubte, daß es jetzt zu Ende sei.
Der Junge aber lag da und überlegte sich, daß er nicht gern ersticken wolle.
Es konnte ja nicht mehr lange dauern, dann wurde der Wald grün. Ende Mai sollte der Schulspaziergang in den Wald stattfinden, und da wollte er mitgehen. Die Botanisiertrommel ganz voller Butterbrote. Und mit einer Flasche Saft. Und mit einer Mark in der Tasche... Und dann spielten sie Räuber und Soldaten... Er wollte Räuber sein... Räuberhauptmann...
Auf seinen dünnen, bloßen Beinen stand er zitternd auf dem Fußboden. Er hielt sich mit der einen Hand am Tisch und mit der andern am Bett fest... dann an einem Stuhl... dann an der Kommode... Und dann stand er drüben am Fenster.
— — „Dann stieß er mit der geballten Hand das Fenster ein.“
Er konnte den Haken nicht losbekommen. Er versuchte und versuchte immer wieder und war im Begriff, umzufallen, so matt war er in den Knien.
Dann stieß er mit der geballten Faust das Fenster ein.
Er hörte die Glasscherben klirren und auf den Hof fallen. Und er sah das Blut auf seiner Hand. Aber wie er wieder ins Bett unter die Decke kam, das wußte er nicht und erfuhr er auch nie.
„Ah —,“ sagte die Pelargonie.
„Ah —,“ rief der Kanarienvogel.
„Ah —,“ die alte Lampe atmete auf.
„Es war doch ein tüchtiger Junge,“ sagte der Sauerstoff.
„Es ist Stickstoff in ihm,“ triumphierte der Stickstoff.
*
Es war Morgen.
Die Sonne war aufgegangen, und das Licht strömte in die kleine Kammer herein, so daß sich die alte Lampe daneben ganz jämmerlich ausnahm. Der Kanarienvogel trillerte lustig, die Pelargonie entfaltete zwei neue Knospen und ein kleines grünes Blatt, und der Junge schlief ruhig und fest, die dünnen Hände auf dem Laken vor sich. Der Sauerstoff, der Stickstoff und die Kohlensäure schwiegen still; und darum kann man wohl annehmen, daß sie sich über nichts zu beklagen hatten.
Doch als Mutter hereinkam und bemerkte, daß die Scheibe entzwei war und die Hand ihres Jungen blutete, da bekam sie natürlich fürchterliche Angst. Sie rief den Vater herbei, und beide standen vor dem Bett, betrachteten besorgt den Jungen und lauschten seinem Atem. Aber er schlief ruhig und atmete leicht und frei.
Er schlief noch, als der Doktor kam.
„In acht Tagen ist er gesund,“ sagte der Doktor, als er ihn untersucht hatte.
Und so kam es auch.
Aber der Junge erzählte keinem Menschen, was er in dieser Nacht erlebt hatte.
Im Examen jedoch bekam er in den Naturwissenschaften die beste Zensur.