Der Kuckuck.
Tief im Walde mitten auf einer grünen Wiese stand ein großer alter Dornbusch, und in ihm baute sich das Neuntöterpärchen sein Nest.
An dem ersten Maitage, an dem die Sonne ordentlich schien, wurde das Nest fertig; und nachdem sie ein Weilchen beisammen gesessen und die Zukunft besprochen hatten, legte Frau Neuntöter drei gute Eier.
„So,“ sagte sie und seufzte so tief, wie ein Neuntöter überhaupt seufzen kann. „Nun ist es vorbei mit der Jugend und ihren Torheiten; der Ernst des Lebens beginnt.“
Ihr Mann tröstete sie, so gut er konnte, während sie sich verdrießlich auf den Eiern zurechtsetzte und nicht auf ihn hören wollte.
„Ihr Männer schwatzt, wie ihr’s versteht,“ sagte sie. „Ihr solltet es selber einmal versuchen; aber ihr begnügt euch mit schönen Reden und überlaßt uns das Brüten. Mach’ kein so verliebtes Gesicht! Es steht dir nicht und macht mich nervös. Spute dich und fang’ mir eine fette Fliege!“
Am Abend war sie ganz außer sich vor Wut.
„Hätte ich gewußt, was ich jetzt weiß, so hätte ich mich nicht verheiratet, und wenn du noch so schön gesungen hättest,“ schrie sie. „Ich halte es nicht aus! Ich halte es nicht aus! Ich fliege fort!“
Der Neuntöter hörte sie ruhig an. Mit seinen früheren Frauen hatte er dieselbe Geschichte erlebt — denn ein Neuntöter nimmt in jedem Frühjahr ein neues Weibchen —; und er wußte, daß diese Aufregung sich wieder legen würde.
„Du kannst heute noch recht gut einen kleinen Ausflug unternehmen,“ schlug er vor. „Aber dann mußt du während der übrigen Zeit auch hübsch still sitzen; sonst kommen nie und nimmer Junge aus den Eiern. Meine vorige Frau — —“
„Bitte, verschone mich mit dem Frauenzimmer!“ schrie sie.
Im selben Augenblick flog sie auf, und der Neuntöter folgte ihr schleunigst; denn er fürchtete, sie könne in ihrer Aufregung zu Schaden kommen.
Aber als die beiden soeben fortgeflogen waren, setzte sich ein andrer Vogel neben das Nest und starrte hinein.
Er war viel größer als der Neuntöter und ganz graubraun mit hellen Flecken auf Brust und Bauch. Im Schnabel trug er ein Ei, das er vorsichtig neben die anderen Eier ins Nest legte. Es war nicht größer als sie und glich ihnen aufs Haar.
Einen Augenblick blieb der fremde Vogel noch sitzen und betrachtete traurig das kleine, warme Nest, in das er sein Ei gelegt hatte. Dann lüftete er die Flügel und flog über die Wiese in den Wald hinein. Auf einem hohen Baume saß dort das Männchen und wartete.
„Hast du das Ei untergebracht?“ fragte der Vogel die zurückkehrende Gefährtin.
„Ja,“ erwiderte das Weibchen, „ich habe es den Neuntötern im Dornengebüsch drüben auf der Wiese ins Nest gelegt. Das sind brave Leute; sie werden gut zu unserm Kinde sein.“
„Mehr können wir nicht tun,“ meinte der andere Vogel. Und dann rief er: „Kuckuck!“, und beide flogen davon.
Als die Neuntöter nach Hause kamen, bemerkten sie nicht, daß nicht mehr drei Eier, sondern vier im Neste lagen. Einmal waren sie beide im Rechnen nicht besonders gut beschlagen; und außerdem war Frau Neuntöter jetzt besser gelaunt. Sie setzte sich ganz fromm auf die Eier, und ihr Mann sang ihr etwas vor, so daß es weithin durch den Wald schallte.
Vierzehn Tage lang saß sie getreulich auf den Eiern und brütete, während der Neuntöter umherflog und Schmetterlinge, Larven und Fliegen fing. Er spießte sie auf die Dornen dicht neben dem Nest, so daß das Weibchen mit Leichtigkeit hinüber huschen, danach schnappen und dann flugs wieder zurück sein konnte.
„Du bist doch ein braver Kerl,“ sagte sie und nickte ihm gnädig zu. „Aber es ist ja allerdings auch deine Pflicht und Schuldigkeit, daß du mir ein paar Aufmerksamkeiten erweist, weil ich das Brüten zu besorgen habe.“
Am Morgen des fünfzehnten Tages brachen die Eierschalen entzwei, und vier nackte Vögelchen lagen da und sperrten ihre breiten, gelben Schnäbel auf. Das Neuntötermännchen betrachtete sie aufmerksam.
„Sie haben ja weder Augen noch Schnäbel,“ sagte er; „aber das kommt wohl noch alles.“
„Wie reizend sie sind!“ rief Frau Neuntöter.
Ihr Mann sah sie schelmisch an und pfiff vor sich hin:
„Und du hast sie zuerst gar nicht ausbrüten wollen!“
„Unsinn!“ entgegnete seine Frau gekränkt. „Das habe ich nie gesagt. Du solltest deinen armen Kinderchen lieber Futter bringen, anstatt hier solche Reden zu führen. Sie sperren die Schnäbel so weit auf, daß ich ihnen bis in ihre lieben kleinen Mägen hinabsehen kann.“
Und der Neuntöter flog aus und kam wieder und flog wieder aus, und so ging es den ganzen Tag von früh bis spät und viele lange Tage hindurch. Sooft er etwas zu essen brachte, sperrten die Jungen ihre Schnäbel weit auf. Es war, als könnten sie niemals satt werden. Aber die vier waren nicht alle gleich gefräßig. Das eine von den Jungen war viel gieriger im Fressen als die andern, wuchs aber auch viel stärker.
„Das wird einmal ein tüchtiger Neuntöter,“ sagte der Vater und strich ihm mit dem Schnabel über den Rücken.
„Du darfst keinen Unterschied zwischen deinen Kindern machen,“ erwiderte die Mutter streng. „Ich finde nun gerade die kleinsten am nettesten.“
Eines Abends setzte sich der Neuntöter ganz niedergeschlagen neben sein Weibchen, das auf dem Neste saß, um die Jungen warm zu halten.
„Es ist nicht leicht, eine so große Familie durchzubringen,“ sagte er. „Dabei will man ja ordentlich aussehen und hat doch niemals Zeit, sich zu putzen; und ich glaube, es ist schon eine Ewigkeit her, seit ich mal einen kleinen Triller angeschlagen habe. Die Zeiten werden auch immer schlechter. Schmetterlinge sind fast gar nicht mehr aufzutreiben; und heute morgen haben mir die Buchfinken zweimal eine wunderschöne Larve dicht vorm Schnabel weggeschnappt. Du wirst mir noch beim Jagen helfen müssen! Ein armer Vogel wie ich kann es sich nicht erlauben, seine Frau zum Staatmachen zu Hause zu lassen.“
„Für die Kinder sorgen, nennst du das Staatmachen?“ rief da das Neuntöterweibchen heftig. „Übrigens brauchst du dich durchaus nicht so aufzuregen. Jetzt haben alle vier schon Federchen, da können sie bei dieser Wärme ganz gut allein liegen. Von morgen an werd’ ich dir helfen.“
Nun flogen beide Neuntöter miteinander im Walde umher und plagten sich redlich, um Futter für die Familie herbeizuschaffen. Soviel sie aber auch nach Hause brachten, die Jungen ließen nicht ab, die Schnäbel aufzusperren, zu schreien und einander beiseitezustoßen, um selber das größte Stück zu erwischen.
Als die Eltern eines Mittags heimkehrten, die Schnäbel voller Futter, herrschte ein entsetzlicher Lärm im Neste. Die Jungen reckten die Hälse, wie sie es noch nie getan hatten, und schrien wild durcheinander.
„Einer soll reden; sonst versteht man keine Silbe,“ befahl Frau Neuntöter. „Was ist also geschehen?“
Schließlich erfuhr sie dann also, daß das große Junge eins von den kleinen aus dem Nest gestoßen hatte. Eine Weile hatte das Vögelchen unten im Grase gelegen und kläglich gepiepst, bis der Fuchs gekommen war und das arme Wesen aufgefressen hatte.
„Er hat zuerst gestoßen,“ behauptete das große Junge. „Ich bin nicht schuld daran, daß er hinausgefallen ist.“
„Ich will dich lehren,“ rief da der Neuntöter zornig und wollte auf das Junge losfahren.
Aber seine Frau hackte ihn in den Nacken und schalt ihn ernstlich aus.
„Schäme dich, so heftig zu werden!“ schrie sie. „Willst du das unschuldige Kind mißhandeln? Wage nicht, es anzurühren! Du wirst doch wohl begreifen können, daß das kleine Wesen nichts dafür konnte.“
Nun beweinten sie beide das tote Kind; und als sie sich ausgeweint hatten, flogen sie aus, um neues Futter zu holen. Sie trösteten sich schnell über den Verlust; denn die drei Jungen, die noch am Leben waren, hatten einen so fürchterlichen Appetit, daß die Eltern manchmal fast verzweifelten. Das große fuhr fort zu wachsen und war jetzt schon doppelt so groß wie die beiden andern, die sich beklagten, daß der Grobian sie beiseitedränge und ihnen alles Futter wegnehme.
„Ihr müßt versuchen, euch zu vertragen, bis ihr euch selber helfen könnt,“ ermahnte die Neuntötermutter.
„Wären sie nur mal erst glücklich konfirmiert und mit uns nach dem Süden unterwegs!“ sagte der Neuntöter sorgenvoll. — —
Nach einer Woche ereignete sich etwas, was die Neuntötereltern wiederum tief betrübte. Als sie heimkehrten, war nur noch das große Junge im Nest.
„Aber wo sind denn deine Geschwister?“ schrie die Mutter erschrocken.
„Ich kann nichts dafür!“ piepste das große Junge. „Sie sind aus dem Nest gefallen. Ich kann nichts dafür! Ich habe mich bloß ein klein wenig umgedreht, und da ist das eine hinausgefallen; und ich habe einen Schreck bekommen und habe wohl dabei das andre angestoßen, das auf die Weise auch hinausgefallen ist. Ich kann aber nichts dafür! Und dann ist der Fuchs gekommen und hat sie beide gefressen.“
Als die beiden Alten das hörten, da weinten sie bitterlich.
„Wir haben das Nest zu klein gebaut,“ sagte schließlich der Neuntöter. „Aber wie konnte ich auch wissen, daß ich ein so großes Kind bekommen würde! Es wächst ja geradezu unheimlich.“
Und die Mutter klagte: „Du hättest sie nur beizeiten richtig erziehen müssen. Ach, meine armen lieben kleinen Kinder!“
„Wenn wir jetzt wenigstens das letzte behalten möchten!“ seufzte der Neuntöter. „Nun sei du ein gutes Kind und denk’ daran, daß du unser einziges bist.“
Das versprach das Junge, und dann fraß es all das Futter, das die Eltern mitgebracht hatten.
„Mehr, mehr!“ schrie der Nimmersatt. „Ich bin furchtbar hungrig!“
Und die Neuntöter stürzten fort, um seine Wünsche zu erfüllen.
Sie holten jetzt mehr Futter herbei als früher, als noch alle Kinder am Leben gewesen waren; aber der große Bursche konnte nie genug bekommen. Er wuchs und wuchs und wurde schließlich so groß, daß er keinen Platz mehr im Neste hatte. Da kletterte er hinaus und setzte sich auf einen Zweig daneben.
„Gott erbarme sich,“ schrie die Neuntötermutter, als sie heimkehrte und das große Junge dort sitzen sah. „Du wirst hinunterfallen und dir den Hals brechen.“
„Du hast immer etwas an mir auszusetzen!“ antwortete der junge Vogel ganz verzagt. „Ich hab’ es drinnen nicht mehr ausgehalten, weil es mir da zu eng war. Ich mache alles verkehrt und kann doch nichts dafür. Ich wünschte, ich wäre tot! — Hast du mir etwas mitgebracht?“
Da halfen die beiden Alten ihm vorsichtig auf die Erde herunter und baten das Junge, sich gut im Grase zu verstecken und nur ja nicht zu schreien, damit der Fuchs seine Anwesenheit nicht bemerkte. Und von nun an brachten sie ihm täglich mehr als hundertmal Futter, und der junge Vogel wuchs immer mehr. Allmählich entwickelten sich auch seine Flügel- und Schwanzfedern, so daß er quer über die Wiese flattern konnte; die Eltern mußten oft nach ihm suchen und ihn rufen, wenn sie mit Futter beladen zurückkehrten. Es sah gar sonderbar aus, wenn die drei beisammen saßen; denn das Junge war jetzt doppelt so groß wie das Neuntöterpärchen, so daß es nicht ganz einfach war, ihm das Futter in den Schnabel zu stecken. Außerdem war es ganz graubraun gefärbt, mit hellen Flecken auf Brust und Bauch.
Gar oft saß der Neuntötervater nachdenklich da und starrte den großen Vogel an.
„Familienähnlichkeit hat er gar nicht,“ sagte er dann wohl zu seiner Frau, die im Halbschlummer hockte; so müde war sie. „Wir sind nicht so groß und haben auch eine andre Färbung.“
Eines Morgens schnappte das Junge nach einer großen, garstigen, zottigen Larve, die im Grase umherkroch.
„Spuck’ sie aus! Spuck’ sie aus!“ schrie die Mutter. „Sie ist giftig! Sie kann dir den Tod bringen!“
„Solche Larven habe ich schon oft gegessen,“ erwiderte das Junge ganz ruhig. „Sie schaden mir nichts; und von dem, was ihr mir gebt, kann ich nicht satt werden.“
„Ein merkwürdiger Neuntöter,“ erklärte der Vater und schüttelte den Kopf.
„Es ist gar kein Neuntöter,“ sagte da auf einmal jemand ganz in der Nähe.
Das Männchen blickte auf und gewahrte ein altes Zaunkönig-Mütterchen, das sich auf einem Zweige schaukelte.
„Was ist es nicht?“ fragte er.
„Es ist gar kein Neuntöter,“ wiederholte der Zaunkönig.
„Was? Hat meine Frau nicht selbst das Ei in unser Nest gelegt, und haben wir das Junge nicht ehrlich und redlich zusammen mit seinen Geschwistern, die jetzt tot sind, erzogen?“
„Sind sie tot?“ fragte der alte Zaunkönig. „Herr Gott! Ja, so geht es! Es ist die alte Geschichte und obendrein eine überaus häßliche Geschichte.“
„Erzähle!“ bat der Neuntöter, flog hinauf und setzte sich neben den Zaunkönig. Seine Frau flog mit, während das Junge lauschend im Grase sitzenblieb und den Schnabel aufsperrte.
„Die Geschichte ist bald erzählt,“ sagte der Zaunkönig. „Aber es ist sehr gut, wenn recht viele sie erfahren. Der Jugend ist es dienlich, den Alten zuzuhören.“
Und nun schrie das Zaunkönigweibchen, so laut es mit seinem dünnen Stimmchen konnte; und von allen Seiten her flogen viele Zaunkönige, Neuntöter, Lerchen, Zeisige, Stieglitze und manch andere kleine Vögel herbei. Und sie ließen sich in den Büschen ringsum nieder und blickten gespannt auf das Zaunkönigweibchen und lauschten.
„Kennt ihr nicht den großen grauen Vogel, der manchmal unsre Nester umschleicht?“ fragte der Zaunkönig.
„Ich kenne ihn recht gut. Das ist der Habicht,“ rief ein vorlauter junger Stieglitz.
„Nein, du Naseweis!“ sagte der Zaunkönig. „Ich wollte, du hättest recht! Das wäre viel besser für uns; denn dann würden wir einfach gefressen, und damit gut. Der Habicht holt uns für seine Jungen, wie wir Fliegen und Larven für unsere Kinder fangen. Das ist ehrlich Spiel, und so ist nun einmal der Lauf der Welt; dagegen läßt sich nichts sagen, wenn es auch für den, der gefressen wird, recht traurig ist. — — Nein, der Vogel, von dem ich rede, heißt Kuckuck. Er sieht ungefähr aus wie ein Habicht, ist aber kein so verwegener Räuber und überhaupt kein ehrenwerter Vogel, der seinen Kindern Nahrung verschafft; er ist ein heimtückischer, fauler Patron, der nicht arbeitet, sondern nur im Walde umherfliegt, sich brüstet und ‚Kuckuck‘ ruft. Glaubt nicht etwa, daß er ein Nest baut wie wir anständigen Vögel. Noch nie hat er zwei Strohhalme aufeinandergelegt. Noch nie hat er seine Eier ausgebrütet oder seine Jungen in den kalten Nächten gewärmt oder ihnen eine Fliege in ihre kleinen gelben Schnäbel gesteckt.“
„Gott erbarme sich!“ rief Frau Neuntöter dazwischen. „Was tut er denn?“
„Ja, du weißt das nicht, du arme Frau,“ erwiderte der alte Zaunkönig, „aber du sollst es erfahren! Sobald er ein Ei gelegt hat, nimmt er es in den Schnabel und trägt es in das Nest eines ehrbaren Vogelpärchens. Dann brüten die beiden es aus und ziehen es zusammen mit ihren eigenen Jungen groß. Alles tun sie ihm zuliebe; sie mühen sich von früh bis spät, um für das große Untier genug Futter herbeizuschaffen. Und wißt ihr, welchen Dank sie für all ihre Liebe ernten? Ich will es euch sagen. Das Kuckucksjunge nimmt ihren eignen Kindern das Futter vor der Nase weg; und wenn es groß genug geworden ist, pufft es sie zum Nest hinaus, um es sich selbst recht bequem darin zu machen. — Da habt ihr die Geschichte!“
Die kleinen Vögel ringsum auf den Zweigen zitterten vor Entsetzen. Das Neuntöterpärchen starrte den Zaunkönig sprachlos an, und die Federn der beiden Vögel sträubten sich vor Schreck.
„Seht die beiden dort!“ rief der Zaunkönig und zeigte auf die Neuntöter. „Die haben in diesem Sommer das Kuckuckskind in Pflege gehabt. Seht, wie mager und zersaust sie aussehen! Fragt sie, wo ihre eigenen Kinderchen geblieben sind! Wollt ihr aber das böse Pflegekind sehen, das sitzt da unten im Grase und sperrt gierig den Schnabel auf.“
Da blickten alle Vögel auf das große Kuckucksjunge, und sie erhoben ein lautes Geschrei:
„Kuckuckskind! Kuckuckskind!“
Der verspottete Vogel lief ein Stück weiter auf die Wiese hinaus, drehte sich dann um und schrie:
„Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr! Ich bin weder böse noch undankbar!“
Aber die Vögel flogen hinter ihm her und wollten ihn tothacken. Allen andern voran drang der junge Stieglitz mit lautem Geschrei auf ihn ein. Ganz hinten folgten dem Schwarme die beiden Neuntöter. Obwohl sie tief verzweifelt waren über das, was sie gehört hatten, baten sie doch flehentlich, dem jungen Kuckuck nichts zuleide zu tun.
„Es ist ja unser einziges!“ jammerte Mutter Neuntöter. „Ich habe es ausgebrütet, und wir haben es großgezogen. Gewissermaßen ist es ja doch nun einmal unser Kind.“
In diesem Augenblick versetzte der junge Kuckuck dem Stieglitz einen Stoß mit dem Schnabel, daß er umfiel.
„Ich bin groß genug, mich allein zu verteidigen,“ rief er. „Ich sehe aber, daß der Schein gegen mich ist; darum will ich meiner Wege gehen. Ich danke meinen Pflegeeltern für alles Gute, das sie mir erwiesen haben; aber ich glaube nicht an die Geschichte des Zaunkönigs; so wahr ich lebe, will ich die Wahrheit an den Tag bringen, und wenn ich auch bis ans Ende der Welt reisen müßte!“
Dann flog der junge Kuckuck davon — über die Wiese und den Wald hin. Im Fliegen merkte er an der Kraft seiner Flügel, daß er jetzt erwachsen war. Über Felder, Wälder und Wiesen flog er weit fort in fremde Länder.
Sooft er sich niederließ, um auszuruhen, mußte er an die Geschichte denken, die er gehört hatte. Er konnte und konnte sie weder verstehen noch glauben; denn er wußte, daß er nicht schlechter war als die anderen Vögel, und er konnte nicht begreifen, warum ihn seine Mutter der Verachtung und dem Haß der andern Vögel preisgegeben hatte.
Dann hielt der Winter seinen Einzug im Norden.
Im Walde fielen die Blätter von den Bäumen, und die grüne Wiese verbarg sich unter einer dicken weißen Schneedecke. Mitten aus dem Schnee ragte der Dornbusch wie ein Bündel schwarzer Reiser in die Luft. Hier und da hing an einem Zweig noch eine in der Kälte zusammengeschrumpfte Beere.
Die Schmetterlinge, Fliegen und Larven waren verschwunden; und von den Vögeln waren nur die Sperlinge, Buchfinken und Meisen übrig und dann noch die großen Krähen, die unaufhörlich krächzten und mit den Flügeln um sich schlugen, um warm zu werden. Zaunkönig, Neuntöter, Stieglitz und alle die andern waren gen Süden geflogen, wo die Sonne wärmer scheint und die Blätter immer grün sind.
Dort in einem der warmen Länder saß der junge Kuckuck am Weihnachtsabend auf einem hohen Baume und starrte traurig über die Gegend hin. Die Sonne ging eben unter, und viel tausend Blumen erstrahlten in ihrem Glanze. Aber der Kuckuck sah nichts von alledem. Er hatte seine Mutter nicht gefunden, doch die Geschichte des Zaunkönigs konnte er nicht vergessen. Er hatte drei andre junge Kuckucke getroffen, die ganz dasselbe erlebt hatten wie er; und es kam ihm so vor, als gehöre er zu einem fluchbeladenen Geschlecht, das nicht wert sei, von der Sonne beschienen zu werden.
Wie er hier so seinen trübseligen Gedanken nachhing, da raschelte es im Laube neben ihm, und ein großes altes Kuckucksweibchen streckte den Kopf hervor und betrachtete ihn.
„Du siehst nicht besonders vergnügt aus,“ sagte die Alte. „Warum läßt du den Schnabel hängen? Ist es dir hier etwa nicht warm genug, oder findest du nicht genug zu essen?“
„Ich suche meine Mutter,“ erwiderte der junge Kuckuck.
Da hüpfte das alte Kuckucksweibchen auf den Zweig neben ihm und sah ihn aufmerksam an.
„Vielleicht bin ich deine Mutter. Ich hab’ dich schon heute mittag im Walde beobachtet. Mein Herz sagt mir, daß du mein Fleisch und Blut bist.“
„Wenn du meine Mutter bist, so hast du gar kein Herz. Meine Mutter ist schlecht. Sie hat mir viel Böses angetan.“
Und dann erzählte der junge Kuckuck seine Geschichte. Das alte Weibchen hörte ihm aufmerksam zu und nickte von Zeit zu Zeit.
„In einem Dornbusch, sagst du? In einem großen, großen Walde hoch im Norden? Ja, das paßt alles. Du bist mein Kind. Wie groß und schön du geworden bist!“
Der alte Kuckuck strich dem jungen zärtlich mit dem Schnabel über den Flügel; doch dieser flog mit einem lauten Schrei in die Höhe und schüttelte sein Gefieder.
„Rühr’ mich nicht an,“ schrie er. „Du bist schlecht, ich hasse dich!“
„Herr Gott!“ sagte die alte Kuckucksmutter, ohne den Zorn ihres Kindes zu beachten. „Es ist mir, als ob es gestern gewesen wäre. Wie lange bin ich mit dem Ei, worin du lagst, umhergeflogen und habe nach einem Neste gesucht! Ich mußte ja ein Nest finden, in dem die Eier den meinen ähnlich sahen; sonst hätten die fremden Eltern es bemerkt und hinausgeworfen. Das dauerte sehr lange; und zuletzt bin ich so müde geworden, daß ich Angst bekam, es zu verlieren.“
„Ich wünschte, du hättest es verloren!“ schrie der junge Kuckuck. „Dann wäre ich nie zur Welt gekommen, hätte meine lieben Pflegegeschwister nicht umgebracht und die armen, treuen Neuntöter nicht zu quälen brauchen. Es wäre mir erspart geblieben, mitanzuhören, wie man meine Mutter einen schlechten, faulen Vogel schimpfte, ohne daß ich ein Wort zu ihrer Verteidigung anführen konnte.“
Der alte Kuckuck sagte nichts, sondern starrte bloß sein erzürntes Kind an.
„Warum hast du dir kein Nest gebaut wie andere ordentliche Vögel?“ fragte der junge Kuckuck. „Und deine Eier ausgebrütet? Und deinen Kindern Futter gebracht? Warum hast du das nicht getan?“
Die alte Kuckucksmutter schüttelte schwermütig den grauen Kopf und seufzte:
„Jeder hat sein Kreuz zu tragen. Es ist nicht so leicht, ein Kuckuck zu sein, das kannst du mir glauben! Ja, du wirst es noch selbst erfahren, wenn du im Sommer wieder nach Norden ziehst und Eier legen mußt.“
„Glaubst du etwa, daß ich mich dabei ebenso garstig benehmen werde wie du?“ fragte der junge Kuckuck höhnisch.
„Du kannst mir glauben, daß ich mir lieber ein Nest gebaut und meine Kinder bei mir behalten hätte, bis sie erwachsen gewesen und in die Welt hinausgeflogen wären!“ rief die Alte. „Schweren Herzens lege ich jeden Sommer die Eier in fremde Nester; und es betrübt mich stets, nichts darüber zu erfahren, was aus ihnen wird.“
„Warum tust du es denn dann?“
„Ich kann ja nicht anders,“ sagte der alte Kuckuck. „Das ist eben das traurige Geheimnis unseres Geschlechtes. Hör’ mich an, dann will ich es dir erzählen! Sieh mal, ich kann nur jeden achten Tag ein Ei legen. Begreifst du nun, daß das eine Ei verfaulen würde, bis das nächste gelegt ist, und daß ich sie nicht selber ausbrüten kann?“
„Warum legst du die Eier denn nicht schneller?“ fragte der junge Kuckuck. „Hast du keine Lust dazu? Der Zaunkönig sagte, du wärest faul.“
„Ich möchte es ja so gerne! Und ich täte alles, um nur meine Kinder bei mir behalten zu dürfen. Aber ich kann nicht. In meinem Körper ist jedesmal nur Platz für ein Ei; und jedes Ei braucht acht Tage, bis es entwickelt ist.“
Der junge Vogel sah den alten mißtrauisch an.
„Ich glaube dir nicht,“ sagte er bestimmt. „Das sind alles leere Ausflüchte! Der Neuntöter ist kaum halb so groß wie du, und er legt seine Eier im Handumdrehen.“
„Allerdings tut er das,“ erwiderte die Kuckucksmutter, „und er kann Gott dafür danken, daß er imstande dazu ist. Aber der frißt auch nicht so große giftige Larven wie wir Kuckucke. An denen ist nicht viel Fleisch, verstehst du; und darum brauchen wir so viele davon. Und aus diesem Grunde muß unser Magen so groß sein; da bleibt für die Eier nur ganz wenig Platz übrig.“
„Ob ich dir wohl wirklich Glauben schenken darf?“ fragte der junge Kuckuck.
„Das kannst du!“ erwiderte die Mutter. „So verhält es sich und nicht anders! Das eine beruht auf dem andern, siehst du; man muß es sich nur richtig klarmachen. Dann kann man es ertragen, so schwer es auch ist.“
„Ja, dann hast du ja wirklich gar keine Schuld,“ sagte der junge Kuckuck, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte. „Und ich muß dich um Verzeihung bitten, weil ich so zornig auf dich gewesen bin. Aber ich finde es hart, daß die anderen Vögel das nicht wissen und uns darum verkennen müssen.“
Da setzte die Alte ein sehr ernstes Gesicht auf und erwiderte:
„So geht es oft hier in der Welt. Die Leute schwatzen, so gut sie’s verstehen; und man muß sie eben schwatzen lassen. Das kann man auch, wenn man ein reines Gewissen hat und seiner Arbeit nachgeht. Und die Arbeit des Kuckucks besteht nun einmal darin, schädliche Larven zu fressen.“
Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, und es wurde dunkel. Die beiden Kuckucke saßen noch lange beieinander und unterhielten sich über den Ernst des Lebens. Dann schliefen sie ein. Dem jungen Kuckuck träumte, er flöge mit seinem Ei im Schnabel umher und suchte nach dem Nest des Stieglitzes, um das Ei hineinzulegen. Und der Kuckucksmutter träumte, daß die Zeit gekommen sei, wo sie keine Kinder mehr zu bekommen und nicht in ewiger Angst und Sorge zu schweben brauchte.