Der Sperling.
Die Schwalbe war schlechter Laune. Sie setzte sich aufs Dach, dicht neben den Starkasten, und ließ die Flügel hängen.
„Keine Mücke ist aufzutreiben!“ piepste sie kläglich. „Und ich bin so hungrig, so hungrig.“
„Und ich hab’ heute noch keinen einzigen Wurm erwischt,“ sagte der Star und schüttelte den klugen Kopf.
Drüben auf dem gepflügten Felde, gerade vor der Gartenhecke, stand der Storch und sah ganz melancholisch aus.
„Von euch hat wohl keiner einen Frosch gesehen?“ fragte er. „Unten im Moor ist keiner; und ich habe heute noch nicht gefrühstückt.“
Da kam die Drossel geflogen und setzte sich auf das Dach des Starkastens.
„Wie ihr die Flügel hängen laßt,“ sagte sie. „Was ist euch denn?“
„Ach,“ antwortete der Star, „nichts Besonderes, aber die Blätter fangen an zu fallen, und die Schmetterlinge und Fliegen und Würmer sind verzehrt.“
„Ja, das ist ja allerdings schlimm für euch,“ sagte die Drossel.
„Etwa nicht ebenso schlimm für dich, du Großmaul?“ sagte die Schwalbe.
Aber die Drossel trillerte vergnügt und schüttelte den Kopf.
„Durchaus nicht,“ sagte sie. „Hab’ ich doch immer noch die Tannen, die verlieren nie die Blätter. Und dann kann ich noch viele Wochen lang von all den herrlichen Beeren im Walde leben.“
„Wir wollen aufhören mit dem Gezänk,“ erklärte der Storch. „Wir wollen lieber beratschlagen, was wir tun sollen.“
„Da ist wirklich nicht viel zu überlegen,“ antwortete der Star. „Wir haben keine Wahl. Wir müssen abreisen. Alle meine Jungen fliegen jetzt ganz gut; wir haben alle Morgen auf der Wiese exerziert. Ich habe sie schon darauf vorbereitet, daß wir in den nächsten Tagen abreisen.“
Das leuchtete den anderen Vögeln ein, außer der Drossel, die meinte, es habe keine Eile. Man verabredete also, am nächsten Tage unten auf der Wiese zusammenzukommen, um Musterung unter den Reisegefährten zu halten.
Dann flogen sie auseinander, jeder seines Weges; aber oben unter dem Dache saß der Sperling, und der hatte gehört, wovon sie sprachen.
„Ach, wer doch mitreisen könnte!“ dachte er. „Ich möchte so gerne die fremden Länder sehen. Die Schwalbe, die gleich nebenan wohnt, hat mir erzählt, wie schön es da ist. Da gibt es eine Menge Fliegen und Kirschen und Getreide und solch wundervolle Wärme. Aber mich fordert niemand auf mitzufliegen. Ich bin nur ein armseliger Sperling; und die andern sind reiche, vornehme Vögel.“
Lange saß er so da und dachte über die Sache nach; und je mehr er nachdachte, desto betrübter wurde er. Als die Schwalbe am Abend nach Hause kam, bat der Sperling, ob er nicht mitreisen dürfe.
„Du? Du willst mit?“ rief die Schwalbe und lachte ihn höhnisch aus. „Die Reise würdest du bald satt bekommen! Es geht in fliegender Fahrt über Land und Meer und über Berg und Tal. Viele, viele Meilen fliegen wir ohne Unterbrechung, ohne uns auszuruhen. Wie kannst du glauben, daß deine kurzen Flügel dich so weit tragen können!“
„Ach, ich möchte so gerne mit!“ bat der Sperling. „Könntest du mir nicht die Erlaubnis verschaffen, daß ich mit den andern fliegen darf? Ich habe Ausdauer, und ich werde schon mitkommen.“
„Ich glaube, du bist verrückt,“ sagte die Schwalbe. „Du vergißt wohl, wer du bist.“
„O nein,“ erwiderte der Sperling.
Aber die Schwalbe machte sich daran, ihn über seine soziale Stellung zu belehren.
„Siehst du,“ sagte sie, „der reiche Kaufmann, der diesen Sommer über hier in seinem Landhause gewohnt hat, ist jetzt in die Stadt gereist, und der Baron von Taarnholm hat es ebenso gemacht. Die Maler, die sich hier draußen aufgehalten haben, sind gleichfalls in Kopenhagen ... Und erst im nächsten Frühjahr kommen sie wieder hier heraus. So machen wir vornehmen Vögel es auch. Sobald wir den Winter spüren, reisen wir dahin, wo es besser zu wohnen ist — nach den warmen Ländern im Süden. Aber ihr armen Burschen müßt natürlich zu Hause bleiben und Not leiden. So hat unser Herrgott nun einmal die Welt eingerichtet ... Dem Taglöhner und Kätner und anderen kleinen Leuten geht es nicht anders.“
Der Sperling schwieg zu dieser langen Rede still. Aber während die Schwalbe in ihrem Neste schlief, lag er wach und weinte über sein hartes Schicksal. Er hatte keineswegs die Hoffnung aufgegeben, doch noch mitzukommen.
Am folgenden Tage kamen die Vögel aus allen Himmelsgegenden geflogen und stellten sich unten auf der Wiese auf. Da waren Stare und Störche und Schwalben und viele kleine Singvögel. Aber weder der Kuckuck noch die Nachtigall waren darunter, denn die waren längst abgereist.
„Angetreten!“ kommandierte ein alter Storch, der zwanzigmal in Ägypten gewesen war und darum als der Klügste von allen galt.
Alle Vögel stellten sich auf; und nun gingen die ältesten und erfahrensten im Kreise herum und sahen nach, ob man sein Reisegepäck in Ordnung habe. Alle, die zerzauste Flügel hatten, und denen Schwanzfedern fehlten, oder die nicht gesund und frisch aussahen, wurden verworfen und fortgejagt. Gehorchten sie nicht gleich, so wurden sie ohne Barmherzigkeit totgeschlagen.
Auf einmal entstand ein großer Spektakel, als man den Sperling entdeckte, der unbemerkt hinzugeflogen war und sich mit den anderen in Reih und Glied aufgestellt hatte.
„So ein Bürschchen!“ rief der Star. „Er will auch mit!“
„So ein paar Flügel!“ spottete die Schwalbe; „mit denen glaubt er nach Italien fliegen zu können.“
Und alle Zugvögel machten ein großes Geschrei und lachten den armen Sperling aus, der ganz erschrocken mitten in dem Kreise saß.
„Ich weiß es wohl,“ sagte er ganz demütig, „ich bin nur ein armseliger kleiner Sperling. Aber ich möchte so gerne die warmen, schönen Länder sehen. Versucht es doch und nehmt mich mit! Ich werde schon meine Flügel zu gebrauchen wissen. Ich bitte euch herzlich darum.“
„Ein naseweiser Kerl ist’s,“ sagte der alte Storch. „Aber sein elendes Leben wollen wir ihm lassen. Jagt ihn geschwind weg!“
Da jagten die Vögel den Sperling weg, und er versteckte sich ganz unglücklich unter dem Dache. Aber als die Musterung zu Ende war, fingen die Zugvögel an davonzuziehen. Schwarm um Schwarm flog durch die Lüfte von dannen, und der Sperling guckte ihnen vom Dache her traurig nach.
„Jetzt sind sie alle fort,“ sagte er, „und niemand außer mir ist zurückgeblieben.“
„Ich bin auch noch hier!“ krächzte die Krähe.
„Und ich auch!“ sagte der Buchfink.
„Und ich, nicht zu vergessen, mit Verlaub!“ piepste die Kohlmeise.
„Ja,“ sagte der Sperling, „so geht es. Es kommt, wie die Schwalbe sagt. Wir armen Vögel müssen hier bleiben und Not leiden!“
„Auf einmal entstand ein großer Spektakel, als man den Sperling entdeckte ...“
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GRÖSSERES BILD
*
Der Winter war gekommen.
Auf allen Feldern lag Schnee, und die Gewässer waren zugefroren. Die Blätter lagen tot und zerknittert am Boden; und keine anderen Blumen waren da als hier und dort ein kümmerliches verfrorenes Gänseblümchen, das sich von dem gelben Grase abhob.
Und die Fliegen und Mücken und Schmetterlinge und Maikäfer waren tot. Die Natter hielt ihren Winterschlaf und die Eidechse desgleichen. Auf dem Grunde des Teiches hatte der Frosch sein Winterquartier bezogen. Er saß ganz tief im Schlamm, nur das Maul ragte hervor; und so gedachte er den ganzen Winter über zu sitzen.
Den Vögeln, die zurückgeblieben waren, ging es jedoch gar nicht so schlecht.
Die Krähen hatten jeden Abend große Gesellschaft in dem Wäldchen und krächzten und schwatzten, daß man es weit, weit hören konnte. Der Buchfink und die Kohlmeise hüpften vergnügt in den Büschen umher und pickten auf, was sie finden konnten.
Nur der Sperling war beständig verzagt. Er saß auf dem Dachfirst und kroch in sich zusammen und dachte die ganze Zeit an die Zugvögel.
„Jetzt sind sie da unten,“ sagte er. „Hier liegt Schnee und Eis. Aber im Süden in den wunderschönen, warmen Ländern ist ewiger Sommer. Hier habe ich kaum das trockene Brot, aber da unten schwelgen sie im Überfluß. Ach, wer doch mitgereist wäre!“
„Komm herunter zu uns!“ riefen der Buchfink und die Kohlmeise.
Aber der Sperling schüttelte den Kopf und blieb auf dem Dache sitzen.
„Ich sterbe vor Sehnsucht, ich kann es nicht aushalten!“ schrie er und machte einen langen Ausflug durch die Luft, um sein Blut zu beruhigen.
Aber es half nichts. Wo er auch hinkam, alles kam ihm ärmlich und kahl vor. Draußen auf dem Felde stieg die Lerche empor und sang ihre Triller.
„Guten Morgen, Spatz!“ zwitscherte sie. „Es freut mich zu sehen, daß du daheim geblieben bist. Ich bleibe auch hier, solange ich es nur aushalten kann. Es ist so wunderschön hier in der Heimat, und im Winter. Sieh nur, wie sich die Bäume mit Reif geschmückt haben, und wie blank das Eis und wie glänzend weiß der Schnee ist!“
„Hier ist’s erbärmlich,“ erwiderte der Sperling. „Armut und Not allerwegen.“
Aber die Lerche hörte gar nicht, was er sagte; jubelnd flog sie weiter.
„Rab!“ krächzten die schwarzen Dohlen. „Der Winter ist gar nicht so schlimm.“
Und stolz spazierten sie auf dem Felde umher und sahen sich nach allen Seiten um, denn sie wußten, daß sie sich gut ausnahmen auf dem weißen Schnee.
„Der Winter ist eigentlich ganz erträglich,“ sagte die Waldmaus und steckte die Schnauze zu ihrem Loche hinaus. „Dauert er nur nicht zu lange, so reicht der Vorrat schon aus. Ich habe meine Speisekammer im Sommer gut gefüllt; und solange man zu essen hat, bleibt man immer warm.“
Der Sperling hörte das alles, aber es half ihm nichts.
„Die scheinen mit ihrem Lose zufrieden zu sein,“ sagte er, „und das ist ja gut für sie. Ich jedoch kann mich nicht in mein armseliges Dasein finden.“
Mißmutig flog er nach Hause und setzte sich wieder auf das Dach.
„Nun weiß ich, was ich tun werde!“ sagte er plötzlich. „Ich will in das Nest der Schwalbe kriechen. Da will ich heute nacht schlafen; dann kann ich träumen, ich wäre eine Schwalbe.“
Das tat er auch, und die ganze Nacht träumte er, er flöge über Berge und Täler dahin, über Länder und Meere, bis nach Italien. Ihm war so leicht zumute, so frei; seine Flügel trugen ihn pfeilschnell durch die Luft — es war der herrlichste Traum, den er je gehabt hatte.
Von nun an kroch er jeden Abend in das Schwalbennest hinein und blieb bis in den hellen Tag hinein darin liegen. Wenn er herauskam, setzte er sich auf den Dachfirst oder in den kahlen Lindenbaum und kroch in sich zusammen. Und wenn die Frau des Gärtners ihm nicht hin und wieder ein paar Krumen hingeworfen hätte, dann wäre er sicher verhungert.
Denn er kümmerte sich um nichts — sehnte sich nur darnach, daß es Abend würde, damit er wieder träumen konnte. Und jeden Abend träumte er unermüdlich ein und dasselbe.
„Das ist beinahe ebensogut wie Reisen,“ dachte er. „Könnte ich doch nur auch am Tage träumen!“
Aber allmählich wurde er ganz wirr im Kopfe und achtete auf nichts mehr.
Nach und nach verstrich der Winter. Die Tage wurden länger und der Sonnenschein wärmte wieder mehr.
„Was, bist du noch hier?“ fragte die Sonne den Schnee.
Und unablässig starrte sie auf ihn nieder, bis der Schnee zuletzt ganz verlegen wurde und schmolz und in die Erde sank.
„Wart’ ein wenig,“ sagte die Wolke zur Sonne, „wir müssen erst ein großes Reinemachen veranstalten, ehe du an die Arbeit gehen kannst.“
Da fiel sie als Gußregen zur Erde nieder, wusch die Zweige der Bäume und Büsche und sammelte sich zu einem richtigen kleinen See oben auf dem Eise.
„Nun komme ich! Nun komme ich!“ sagte der wirkliche See, der unter dem Eise war.
Er hob seine Brust und sprengte mit einem mächtigen Seufzer die Eisdecke, so daß alle die kleinen Wellen hüpften und tanzten wie Jungen, die der Schule entronnen sind.
Und nun brach die Sonne durch die Wolken, und tausend kleine grüne Zweige guckten aus der Erde hervor.
„Leih mir deine Flügel!“ sagte der Winter zum Sturmwind. „Ich muß fort!“
Und weg flog er nach den kalten Ländern hoch im Norden, wo immer Winter ist.
Aber der Junker Frühling schickte Botschaft, daß man ihn nun bald erwarten könne.
Der einzige, der nichts merkte, das war der Sperling.
Er lag jetzt den ganzen Tag in dem Schwalbennest und flog nur ein Viertelstündchen aus, um ein wenig Nahrung in den Leib zu bekommen. Er hatte keine Ahnung davon, daß es jetzt wieder Sommer werden sollte. Denn er war ganz närrisch geworden und bildete sich ein, er wäre die Schwalbe.
Aber dann kehrte die Schwalbe eines Tages zurück.
„Tsi! Tsi!“ trillerte sie. „Ist alles bereit, uns aufzunehmen?“
Sie wollte erst selber nachsehen, und darum flog sie den ganzen Tag auf Feld und Wiese umher.
„Sehr viele Mücken sind noch nicht da; aber die können ja noch kommen,“ sagte sie am Abend, als sie zurückflog.
Sie guckte in den Starkasten hinein, um den Nachbarn zu begrüßen; aber da war gerade niemand daheim; und dann schickte sie sich an, zu Bett zu gehen.
Aber als sie in ihr Nest kriechen wollte, merkte sie, daß jemand darin lag.
„Was ist das?“ schalt sie. „Wer hat sich unterstanden, mein Nest in Besitz zu nehmen?“
„Das ist nicht dein Nest!“ sagte der Sperling, der darin lag; „ich bin die Schwalbe! Ich bin soeben von Afrika heimgekehrt. Das kannst du mir glauben; da unten war es herrlich; ich kann dir eine ganze Menge erzählen.“
Die Schwalbe war einen Augenblick sprachlos. Dann aber schrie sie wütend:
„Ja, das kannst du mir glauben, ich werde dir etwas erzählen, du erbärmlicher Spatz! Konnte ich es mir nicht denken, daß du es warst, der so frech gewesen ist, mir mein Nest zu stehlen! Du warst ja schon im vorigen Jahr nicht ganz richtig im Kopfe. Willst du jetzt wohl machen, daß du herauskommst, und zwar geschwind!“
Aber es half nichts, soviel die Schwalbe auch schreien und drohen mochte. Der Sperling war fest davon überzeugt, daß er in seinem guten Rechte war. Er fuhr fort, der Schwalbe zu erzählen, daß er eben aus Afrika heimgekehrt, und daß er sehr müde sei; nun wolle er Ruhe zum Schlafen haben.
„Ich werde mich rächen!“ sagte die Schwalbe und flog fort.
Aber im Neste lag der Sperling seelenruhig und schlief. Er träumte von den warmen, schönen Ländern mit allen den Mücken und Fliegen und Kirschen.
Er schlief noch immer, als die Schwalbe mitten in der Nacht wiederkam. Den breiten Schnabel hatte sie voll Schlamm; und in aller Stille begann sie, das Nestloch zu vermauern. Die ganze Nacht flog sie hin und zurück; und als die Sonne aufging, war das Loch dicht verschlossen.
„Jetzt kann der da drinnen zufrieden sein!“ dachte sie und fing an, sich ein neues Nest zu bauen.
Drei Tage später trafen sich die Schwalbe und der Star auf der Wiese. Sie begrüßten sich und erzählten, was sie erlebt hatten seit dem Herbst.
„Das Sonderbarste kommt zum Schlusse!“ sagte die Schwalbe. „Kannst du dir denken ... als ich nach Hause kam, hatte der Sperling mein Nest in Beschlag genommen; und ich konnte ihn gar nicht herausbekommen.“
„Was!“ rief der Star. „Was hast du denn da mit ihm angefangen?“
„Komm mit, dann wirst du sehen,“ antwortete die Schwalbe. Sie flogen beide zu dem Neste; und die Schwalbe erzählte, wie sie sich gerächt hatte.
Sie hackten mit ihren Schnäbeln ein Loch in das Nest; und der unglückliche Sperling fiel tot zu Boden.
„Es geschah ihm recht,“ sagte die Schwalbe; und der Star nickte, denn er war derselben Meinung.
Aber der Buchfink und die Kohlmeise standen unten auf der Erde und betrachteten den toten Vogel.
„Der arme Sperling,“ sagte der Buchfink, „er tut mir leid.“
Doch die Kohlmeise erwiderte: „Er konnte kein besseres Geschick erwarten. Er war ehrgeizig; und das darf man nicht sein, wenn man ein Sperling ist.“