Der alte Pfahl.
An einer Stelle im Limfjord in Jütland stand einmal ein alter Pfahl.
Niemand wußte, wie er dahingekommen war. Er wußte es selbst nicht mehr, so alt war er. Und zuweilen war es recht ärgerlich für ihn, daß er dort stand.
Eines Tages lief ein Dorsch mit der Stirn gegen ihn und fluchte darob ganz grauenhaft.
„Du mußt mir nicht böse sein, mein lieber Dorsch,“ sagte der Pfahl. „Ich kann mich nicht von der Stelle rühren, aber du kannst es. Sieh dich vor und schwimm ein andermal um mich herum.“
Und dann stieß eines Tages ein Boot gegen den Pfahl; denn er reichte nicht bis über die Wasserfläche, so daß man ihn von oben hätte sehen können.
„Wozu in aller Welt steht denn hier dieses alte Gestell von Pfahl!“ rief der Mann in dem Boote ärgerlich.
„Ich weiß es wahrhaftig nicht,“ erwiderte der Pfahl sanftmütig. „Ihr dürft deswegen nicht böse auf mich sein, denn ich kann nichts dafür. Ich habe mich nicht selbst hierher gesetzt und kann mich nicht mehr darauf besinnen, wer es getan hat. So alt bin ich. Will jemand mich wegnehmen, so sei er so gut! Ich hab’ die Sache längst satt.“
So bescheiden sprach der Pfahl jedesmal, wenn er jemandem unbequem war. Aber man antwortete ihm nie. Denn niemand hörte, was er sagte. Die Sache war die, daß er seine Reden in den Bart hineinmurmelte.
Einen Bart hatte er nämlich.
Einen großen, grünen Tangbart, darin sich kleine Muscheln und Schnecken und andere Tiere aufhielten. Dieser Bart wallte im Strome hin und her, war sehr hübsch und gab dem Pfahl ein ehrwürdiges Aussehen, so daß er durchaus Respekt bei der Jugend verdient hätte.
Aber die Jugend ist nun einmal nicht anders. Und es quälte den Pfahl über die Maßen, daß er nicht Rede und Antwort auf die Frage stehen konnte, welchen Sinn sein Leben hier im Fjord habe. Wenn er es gekonnt hätte, würde er größere Achtung bei den Leuten genossen haben, davon war er überzeugt. Aber wie sehr er sich auch mit seinen alten Gedanken quälte, es schwebte ihm nur eine undeutliche Erinnerung daran vor, daß er einmal jung und grün gewesen war und Blätter und Zweige gehabt hätte. Dann war er als Nutzholz gefällt worden ... aber was für Nutzen hatte er gestiftet?
Der einzige Lichtpunkt im Leben des alten Pfahls waren seine beiden Logiergäste.
Zuerst war da der Bohrwurm.
Das war ein komischer Kerl, der eines Tages kam und sich daran machte, den Pfahl auf das sorgfältigste zu untersuchen, ohne um Erlaubnis zu bitten oder überhaupt ein Wort zu sagen. Er hatte einen langen, weichen Würmerleib, an dessen Ende ein paar Luftgefäße saßen, während sich am andern Ende zwei kleine harte Schalen befanden.
Als er genug herumgeschnuppert hatte, fing er an, sich mit den Schalen in den Pfahl hineinzubohren, und die Arbeit machte ihm nicht lange zu schaffen. Bald war sein ganzer langer Körper darin geborgen. Von Zeit zu Zeit steckte er die Luftgefäße zu dem Loche hinaus. Und im übrigen fuhr er fort zu bohren und zu wühlen, so daß der Pfahl dachte, er würde zusammenbrechen.
„Guten Tag in der Stube,“ sagte schließlich der Pfahl.
„Guten Tag, guten Tag,“ erwiderte der Bohrwurm. „Entschuldige, ich vergaß gewiß, mich vorzustellen. Ich bin der Bohrwurm, und ich möchte gerne bei dir wohnen.“
„Du bist willkommen,“ sagte der Pfahl. „Wenn du dich nur wohl fühlst! Es ist immer ein Vergnügen für ein altes Wrack wie mich, sich nützlich machen zu können. Und dann ist es ja schön, wenn man hier und da ein wenig mit jemand plaudern kann.“
„Ich habe nicht viel Zeit zum Plaudern,“ antwortete der Bohrwurm. „Aber da kommt die Auster. Ich werde dich ihr empfehlen, falls sie sich die Hörner abgelaufen hat und daran denkt, sich festzusetzen. Das ist eine redselige Mamsell, das kannst du mir glauben. Sie gehört zu meiner Familie, ist aber zu fein für einen Arbeitsmann wie mich.“
Und dann kam die Auster.
Der Bohrwurm rief sie an und erzählte, daß hier eine gute Wohnung bei dem alten Pfahl frei sei.
„Wenn ich euch nur beide unterbringen kann,“ sagte der Pfahl betrübt. „Ich möchte so gerne; aber wenn du ebenso in mir herumrumorst wie der Bohrwurm, dann wird es, denke ich, kein gutes Ende nehmen.“
„Es braucht dir nicht bange zu sein,“ erwiderte die Auster und lachte still und vornehm vor sich hin. „Der Bohrwurm und ich haben nicht viel gemeinsam, und wir leben jeder auf seine Weise. Ist das Wasser hier in der Gegend frisch? Rinnt es lebhaft? Ist der Grund klar?“
„Das glaube ich wohl,“ sagte der Pfahl. „Aber du fragst ja nur nach den Bequemlichkeiten außerhalb des Hauses.“
„Das ist das einzige, was mich interessiert,“ entgegnete die Auster. „Und ich frage nicht deshalb, weil ich ausgehen und mich unterhalten will. Wenn ich mich jetzt auf dir festsetze, dann bleibe ich sitzen und rühre mich nie vom Fleck.“
„Gott behüte,“ sagte der Pfahl. „Dann bist du ja ein unvergleichlich ruhiger Logiergast ... Darf ich fragen, ob du nicht wenigstens hin und wieder ausgehst, um zu essen?“
„Das könnte mir nie einfallen,“ sagte die Auster. „Ich gähne nur. Dann fließt mir das Wasser mit all seinem kleinen Gewürm in den Magen hinein, und dann bin ich satt.“
„Sehr vornehm,“ bemerkte der Bohrwurm.
„Untertänigst willkommen,“ sagte der Pfahl.
So saß nun die Auster da und blieb sitzen. Der Bohrwurm nagte, und der Bart des alten Pfahls wogte im Strome hin und her. Wenn er zwischendurch einmal melancholisch wurde, klagte er seinen Logiergästen sein Leid.
„Wüßte man nur, warum man überhaupt in die Welt gesetzt ist und gerade hier in den Limfjord,“ sagte er oft.
„Ich wohne ja in dir ... ist dir das nicht genug?“ fragte der Bohrwurm.
„Du hast die Ehre, mich zu beherbergen,“ fügte die Auster hinzu. „Und ich bin das vornehmste Tier im Meere.“
„Zum Teufel, ist das wahr?“ fragte der Pfahl.
„Es ist wahr,“ erwiderte die Auster. „Ich will dir etwas sagen ... Ich bin überzeugt, daß du nur deshalb hierher in den Fjord gesetzt bist, damit ich auf dir wohnen soll.“
„Sollte das möglich sein?“ fragte der Pfahl. „Du darfst nicht böse auf mich werden ... Aber dann ist es doch verwunderlich, daß du nicht früher gekommen bist. Ich stehe hier seit vielen, vielen Jahren, so lange schon, daß ich mich gar nicht mehr auf den Anfang besinnen kann. Und früher bin ich ein anderer Kerl gewesen. Jetzt bin ich nur ein altes Wrack.“
„Spät ist besser als nie,“ versetzte die Auster. „Und ich bin vorläufig recht zufrieden mit dir.“
„Hättest du etwas dagegen, wenn du mir ein wenig von deiner Vornehmheit erzähltest?“ fragte der Pfahl.
Die Auster gähnte mit Wohlbehagen und ließ das Wasser aus- und einströmen.
„Nicht das geringste,“ sagte sie. „Ich habe nichts anderes zu tun als zu gähnen und zu fressen und Schicht auf Schicht auf meine Schalen zu legen, darum habe ich Zeit genug für ein Plauderstündchen. — Du mußt wissen, daß meine Vornehmheit eigentlich erst bei meinem Tode zum Vorschein kommt.“
„O weh!“ rief der Pfahl.
„Ich kann dein Bedauern wohl verstehen,“ fuhr die Auster fort. „Es ist allzu natürlich. Aber es ist nicht vornehm. Und wenn ich plötzlich etwas Feines würde und dann stürbe, sobald ich das Glück erreicht hätte, dann würdest du recht haben. Aber so verhält es sich gar nicht. Ich bin fein von meiner Geburt an. Mein Leben und mein Wohlergehen sind Kostbarkeiten. Mein Tod ist ein Fest.“
„Wollen Sie mir nicht sagen, für wen Sie so viel Wert haben?“ fragte der Pfahl.
„Gerne,“ antwortete die Auster. „Das ist wahrhaftig kein Geheimnis. Die Menschen sind es, die vornehmsten Geschöpfe der Welt. Dieselben, die dich hierher ins Wasser gesetzt haben. Die Menschen sind überhaupt die Beherrscher der Welt.“
„Wenn ich mir erlauben darf, meine Meinung zu äußern,“ sagte der Bohrwurm, „so gibt es doch auch Dinge, über die die Menschen keine Macht haben. Zum Beispiel mich.“
„Lieber Bohrwurm,“ erklärte die Auster. „Natürlich gibt es winzige Dinge, aus denen sich die Menschen nichts machen.“
„Ja, aber aus mir machen sie sich etwas,“ sagte der Bohrwurm. „Ich ärgere sie, wenn ich mich in ihre Schiffe und in ihre Brücken hineinbohre und sie zerstöre.“
„Ein Mann kam auf dem Boden gegangen ....“
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GRÖSSERES BILD
„Du sprichst so laut und bist so rechthaberisch,“ tadelte die Auster. „Man kann gleich merken, was für ein gewöhnlicher Kerl du bist.“
„Unterbrich die Auster doch nicht immer,“ sagte der Pfahl.
In diesem Augenblick entstand eine starke und ungewöhnliche Bewegung im Wasser.
Ein Mann kam auf dem Boden gegangen. Er hatte einen Taucherhelm auf dem Kopfe und guckte durch zwei große Glasaugen in die Runde nach den Steinen, die dort lagen. Jetzt sah er die Auster scharf an.
„Noch nicht reif,“ sagte er und ging weiter.
„Wer in aller Welt war das?“ fragte der Pfahl.
„Das war der Fischer,“ erwiderte die Auster. „Es war doch immerhin ein feierlicher Augenblick.“
„Du warst aber froh, daß du so leichten Kaufs davonkamst, Cousine!“ sagte der Bohrwurm.
„Viertelscousine, wenn ich bitten darf, falls wir überhaupt von Verwandtschaft reden wollen,“ sagte die Auster. „Na — es eilt nicht. Ich erlebe es ja doch einmal.“
„Aber wenn er dich nun genommen hätte?“ fragte der Pfahl.
„Ja, dann wäre ich außerordentlich sorgfältig behandelt worden,“ sagte die Auster. „Ich wäre zusammen mit meinesgleichen in einen Korb gelegt worden ... nur zusammen mit meinesgleichen, verstehst du? Die Menschen haben auch so etwas Ähnliches ... Sie nennen es Damenstifte, glaube ich ... dahin dürfen auch nur adelige Damen kommen.“
„Werden die auch gegessen?“ fragte der Pfahl.
„Das glaube ich nicht,“ sagte die Auster. „Davon habe ich nie gehört. Die haben kaum so ein flottes Lebensende. Sie sitzen wohl da und welken hin.“
„Aber du?“
„Ja, der Korb wird dann irgendwohin gesandt, wo reiche, vornehme Menschen sind. Da wird er geöffnet und wir werden herausgenommen. Wir werden selber auch geöffnet und auf eine Schüssel gelegt, und dann werden wir lebend gegessen.“
„Uha!“ sagte der Pfahl. „Mir scheint nun doch ...“
„Natürlich scheint dir das seltsam,“ sagte die Auster. „Das kann ich so gut verstehen. Wie solltest du den Tod eines Kavaliers oder einer vornehmen Dame begreifen können? Du, der du hier stehst und verfaulst. Oder wie sollte es der Bohrwurm verstehen, der eines Tages tot in seinem Hause liegt? Es ist gewiß am besten, ich erzähle euch gar nichts mehr.“
„Ach doch, erzähle, bitte,“ sagte der Pfahl. „Kümmre dich nur nicht um das Geschwätz eines alten, armseligen Pfahls!“
„Na schön,“ sagte die Auster. „Wie weit waren wir doch gekommen?“
„Du hörtest genau an der Stelle auf, wo du gegessen werden solltest,“ erwiderte der Bohrwurm. „Es ist wahrhaftig kein Wunder, daß du die Geschichte ein wenig in die Länge ziehst.“
„Da haben wir wieder diese ungebildete Auffassung,“ sagte die Auster und wandte sich dem Pfahl zu. „Na, ich will sie ignorieren ... Also, wir werden auf die Schüssel gelegt, auf Eis, weißt du, viel Eis. Denn, wenn wir kalt sind, kommen unsere edlen Eigenschaften am besten zur Geltung; und dann werden wir auf einen Tisch gesetzt, der aufs festlichste geschmückt ist. Geschliffene Gläser und schönes Porzellan, feines Tischtuch, Blumen und viele Kerzen. Die Menschen, die rings um den Tisch herum sitzen, sind auch so fein wie nur möglich. Und dann wird Champagner eingeschenkt, und wir werden gegessen.“
„Lebend?“ fragte der Pfahl.
„Lebend, wie wir sind,“ erwiderte die Auster. „Wir sind ja nicht so zappelig wie die niederen Tiere. Das ist überhaupt ein sicheres Zeichen von Vornehmheit, daß man in allen Lebenslagen so ruhig wie möglich bleibt.“
„Dann muß ich über die Maßen vornehm sein,“ sagte der alte Pfahl und lachte. „Denn ich habe mich in den vielen Jahren um keinen Zoll von der Stelle gerührt.“
„Ich weiß wahrhaftig nicht, wie es sich mit den Pfählen verhält,“ sagte die Auster. „Jetzt bist du jedenfalls ein Austernpfahl; und ich müßte mich sehr irren, wenn es in deinem Stande möglich ist, noch höher zu steigen. Übrigens mußt du mich jetzt für ein paar Tage entschuldigen. Ich muß Kinder zur Welt bringen.“
Der Pfahl schwieg ehrerbietig, während der Bohrwurm lustig in ihm bohrte. Er wagte es höchstens, einen Seufzer von sich zu geben, um die Auster in ihren Wochenbettbetrachtungen nur ja nicht zu stören. Und auch die Auster war schweigsam und zurückhaltend für einige Zeit. Dann, an einem schönen Julitag, öffnete sie die Schalen weit, und ein Strom kleiner schwarzer Körner quoll hervor, die aussahen wie Schießpulver.
„Die jungen Austern,“ stellte sie vor.
„Ich hoffe, sie denken an mich, wenn sie sich häuslich niederlassen,“ sagte der Pfahl. „Das heißt, wenn ihre Frau Mutter bei mir zufrieden gewesen ist. — Es sind ja sehr viele.“
„Zwei Millionen,“ sagte die Auster.
„Gott steh uns bei!“ rief der alte Pfahl.
„Ich kann wohl verstehen, daß die Zahl dir groß vorkommt,“ erklärte die Auster. „Du weißt ja eben nicht, wie es in vornehmen Häusern zugeht, wo man nicht zu sparen braucht. Ich kann mich nicht gut auf weniger einlassen. Du mußt wissen, daß es mit den allermeisten von ihnen schief abläuft, ehe sie zwei Tage alt sind.“
„Gott steh uns bei!“ wiederholte der Pfahl. Es fiel ihm nichts anderes ein. Es kam ihm so vor, als dächte die Auster zu großartig über alles.
„Junge Menschen aus unserem Stande sind einer Menge von Gefahren und Versuchungen ausgesetzt, die einfacher Leute Kinder gar nicht kennen,“ sagte die Auster. „Und dann sind sie auch etwas wild und unbändig. Daran ist gleichfalls das feine Blut schuld. Dazu ist nichts zu sagen, daß sie sich ein wenig austoben, bevor sie in die vornehme Ruhe versinken sollen, die einem echten Austerndasein das Gepräge verleihen muß. Von denen, die übrigbleiben, lassen sich dann wieder die meisten in unvernünftiger Weise nieder, ohne sich ordentlich vorzusehen. Ich möchte es viel nennen, wenn in einem Jahr noch zwanzig am Leben sind.“
„Aber tust du denn nicht das geringste, um ihnen auf den rechten Weg zu helfen?“ fragte der Pfahl.
„Das könnte mir nie einfallen,“ erwiderte die Auster. „Es paßt sich durchaus nicht für meinen Rang und Stand, Kindermädchen zu spielen. Ich würde außerdem mager davon werden und so meinen Platz nicht ausfüllen können, wenn der große Augenblick kommt.“
„Ha ha!“ sagte der Bohrwurm. „Deinen Platz in einem Menschenmagen! Du bist ganz verstört im Kopfe vor purer Vornehmheit, meine feine Cousine.“
Die Auster gähnte und schloß die Schalen wieder und tat, als ob sie nichts gehört hätte. Aber der alte Pfahl versank in sonderbare Gedanken, während sein ehrwürdiger Bart im Strome auf und ab wogte.
„Ich kann’s nicht verstehen,“ sagte er vor sich hin. „Wenn ich einen kleinen lieben Pfahl hätte, der mein Alter erfreuen könnte, so würde ich ihn besser behüten als mein eigenes Leben.“
Inzwischen schwammen die kleinen Austern ringsumher. Winzig klein waren sie, rund, mit zwei kleinen Schalen und einem Büschel Haare an dem einen Ende. Und sie waren ganz durchsichtig und in ihnen war etwas, das aussah wie ein S.
„Das bedeutet Schampanjer,“ sagte die alte Auster, die so fein war, daß sie nie buchstabieren gelernt hatte. „Das ist ihr Adelsabzeichen.“
Sie spielten und mischten sich unter andere Austernkinder. Das Wasser war ganz getrübt von ihnen, so viele waren es. Aber die Dorsche fuhren mitten unter sie und würgten sie hinunter, und die Aale und Goldbutten machten es ebenso. Auch die schnatternden Enten fraßen sie auf ... Da waren genug, die ihnen zu Leibe wollten; aber es waren ja auch genug Austernkinder vorhanden.
Fünf Tage später saßen elf kleine Austern auf dem Pfahl neben der großen.
„Willkommen,“ sagte der Pfahl. „Ich werde alles tun, um die jungen Herrschaften zufriedenzustellen.“
In den Tangbart setzten sich mehrere; ein paar setzten sich auf die Steine des Grundes und ein paar auf den bloßen Sand.
„Das ist ausgezeichnet,“ lobte der Pfahl. „Wie munter und gesellig es nun bei mir auf meine alten Tage wird!“
„Es ist nicht alles Gold, was glänzt,“ verkündete die alte Auster. „Wir wollen abwarten.“
Und die Zeit verging.
Sie verging mit Gesprächen, wie sie früher vergangen war; und die Gespräche waren immer dieselben. Der alte Pfahl beteiligte sich nicht mehr immer daran, denn jetzt hatten die Austern sich ja untereinander, und ihre Unterhaltung war ungeheuer vornehm. Aber der Pfahl hörte doch zu und schob auch hin und wieder eine kleine bescheidene Bemerkung ein.
Da geschah es eines Tages, daß ein ganz außerordentlich niedriger Wasserstand eintrat.
Der Meeresgrund lag von der Küste an bis weit in den Fjord hinaus offen da. Alle Boote lagen auf dem Trockenen, und große Schiffe strandeten und stürzten auf die Seite. Steine, die nie das Tageslicht erblickt hatten, guckten nun über die Meeresfläche auf ... Alles war anders als sonst; niemand konnte sich erinnern, je einen solchen Tiefstand des Wassers erlebt zu haben.
Mehr als die Hälfte des alten Pfahls ragte über die Wasserfläche hervor, und er war außer sich vor Entzücken. Die Sonne trocknete ein gutes Stück seines Innern, und er hatte ein Gefühl wie nie zuvor. Er konnte über das Land hinsehen, wo der Wald stand, in dem er aufgewachsen war; und es war, als ob sich der Nebel vor seiner Erinnerung höbe.
„Wart’ ein wenig ... wart’ ein wenig!“ rief er. „Jetzt erinnere ich mich daran ... Jetzt weiß ich es. ... Dort in jenem Walde habe ich einmal gestanden und war lebendig und grün ... mit Blättern angetan ...“
„Schrei nicht so laut,“ ermahnte die alte Auster, die dicht unter der Oberfläche des Wassers saß. „Du zitterst ja, daß das Wasser von mir wegplätschert.“
„Ja, aber jetzt erinnere ich mich!“ rief der Pfahl entzückt. „Es taucht alles wieder vor mir auf ... Es standen Blumen in dem Walde ... und die Vögel sangen.“
„Sehr wohl möglich, lieber Pfahl,“ sagte die Auster. „Ich ehre deine Gefühle. Es sind vermutlich solche Blumen gewesen, wie die Menschen sie auf den Tisch stellen, wenn sie mich verspeisen. Aber die Geschichte hier fängt wahrhaftig an, unangenehm zu werden. Ich bin oben schon halb trocken ... Sinkt das Wasser noch einen Zoll, so muß ich den schändlichsten Tod erleiden, der einer Auster widerfahren kann.“
Doch der alte Pfahl hörte und verstand nichts von dem, was sie sagte.
„Jetzt erinnere ich mich!“ rief er immer wieder. „Jetzt erinnere ich mich an alles! Ich bin einmal in alten Tagen eine Brücke gewesen. Sie haben mich in den Erdboden eingerammt und haben mir eine Leibbinde von Eisen gegeben, damit der Bohrwurm mich nicht zerstören sollte ...“
In diesem Augenblick ertönte in seinem Innern ein herzzerreißender Seufzer.
„Ich sterbe ... Ich sterbe!“ stöhnte der Bohrwurm. „Die Sonne verbrennt mich bei lebendigem Leibe ... Wasser ... Wasser ... Wasser!“
Da erwachte der Pfahl aus seinen Kindheitsträumen und wurde wieder der brave Kerl, der in erster Linie für das Wohl seiner Gäste besorgt ist.
„Herr Gott! Herr Gott! Was sollen wir nur tun!“ rief er aus. Und er schlug und peitschte mit seinem ehrwürdigen Tangbart, aber er erreichte kaum noch das Wasser.
„Wir sterben! Wir sterben!“ seufzten die zwölf jungen, schönen Austern, die in seinem Barte hingen. „Wasser ... Wasser ... Wasser!“
Und der Bohrwurm gab schließlich den Geist auf, und auch die zwölf jungen, schönen Austern atmeten ihre Seelen in den klaren Sonnenschein aus, so daß der alte Pfahl ganz verzweifelt war.
„Es hält schwer,“ sagte die alte Auster. „Aber es geht noch.“
Am folgenden Tage stieg das Wasser zu seiner alten Höhe.
„Gott sei Dank,“ sagte der Pfahl, als er wieder ganz vom Wasser umspült wurde.
„Wir wollen erst sehen, was daraus wird,“ warnte die Auster. „Ich habe ganz sonderbare Ahnungen.“
Und das Wasser stieg und stieg, und es begann zu wehen. Und der Wind wurde zum Sturm. Von den Häusern an der Küste wurden die Dachziegel herabgeweht. Zwei Boote kenterten, und die Menschen, die darin waren, ertranken jämmerlich. Der alte Pfahl schwankte bedenklich unten am Grunde. Die Steine auf dem Meeresboden stürzten rings um ihn um; sie fielen aufeinander und zermalmten die Austern, die auf ihnen saßen. Schlamm wurde vom Lande her in ganzen Wogen ins Meer geschwemmt und bedeckte die Austern, die auf dem Sande saßen, so daß sie jämmerlich erstickten.
Als der Sturm drei Tage lang gewütet hatte, ließ er endlich nach. Es saßen noch sechs Austern an dem Pfahl unterhalb der alten. Der Pfahl selbst war gerade über der Stelle, wo die Auster saß, zerbrochen, und seine obere Hälfte schwamm Gott weiß wo.
„Da kannst du es selbst sehen,“ sagte die Auster. „Die sechs sind die einzigen, die von meinem ungeheuern Kinderschwarm übriggeblieben sind.“
Da lachte der Pfahl auf eine sonderbare, einfältige, demütige Art, ohne daß er Grund zum Lachen gehabt hätte. Er war nicht mehr ganz klar im Kopfe. Ob der Anblick des Waldes daran schuld war und das Erwachen der alten Erinnerungen oder der jämmerliche Tod, den so viele von seinen Logiergästen erlitten hatten, oder der Verlust, den ihm selber der Sturm zugefügt hatte ... genug, er hatte den Verstand verloren und faselte allerhand dummes Zeug.
Das machte den jungen Austern ungeheuern Spaß.
Wenn sie zusammen von ihrer Vornehmheit sprachen und all dem Staat, den die Menschen später mit ihnen machen würden — von etwas anderm sprachen sie nämlich nicht —, dann schwatzte der Pfahl mit, ganz als ob auch er gegessen werden und mit Champagner hinuntergespült werden sollte ... Und darüber lachten die Austern so sehr, daß sie beinahe nicht mehr aufhören konnten.
Und mit der Zeit, als ein Jahr und zwei und drei Jahre verstrichen, wurde der Pfahl immer spaßiger.
Er verfaulte immer mehr, und fortwährend lösten sich große Stücke von ihm los, so daß er zuletzt eine ganz lächerliche Figur abgab.
„Du siehst aus wie ein S,“ sagte eine von den jungen Austern.
„Das bedeutet Schampanjer,“ sagte der Pfahl vergnügt. Denn er war recht einfältig und hatte nie buchstabieren gelernt.
Darüber lachten die jungen Austern so sehr, daß sie beinahe von dem Pfahl abgefallen wären; doch die alte Auster befahl ihnen zu schweigen.
„So etwas erlebt man so oft,“ sagte sie. „Das passiert alten Dienstboten in vornehmen Häusern recht häufig. Sie haben sich so in den Gedankengang der Herrschaft eingelebt, daß sie glauben, sie selbst gehörten mit zur Familie. Das ist komisch. Aber es liegt doch auch etwas Schönes und Rührendes darin.“
Da kam eines Tages im Oktober der Fischer auf dem Meeresgrunde dahergewandert, mit der Taucherglocke auf dem Kopfe.
„I, da haben wir sieben schöne Austern,“ rief er erfreut aus.
„Jetzt kommt der große Augenblick,“ sagte die alte Auster.
Und der Fischer zog sein Messer hervor und wollte sie losschaben. Aber als er die erste anrührte, zerbrach der Pfahl. Da warf er ihn mit allen Austern in seinen Korb.
Als er ans Land kam, wurden die Austern abgenommen, eingepackt und in die Hauptstadt geschickt. Der alte Pfahl aber wurde auf den Misthaufen des nächsten Dorfes geworfen.
Da lag er in der Sonne und verfaulte im Nu; er knisterte vor Vergnügen und murmelte vor sich hin:
„Lichter ... Blumen auf dem Tisch ... Legt mich auf Eis ... Champagner ...“