Die Heuschrecken.
Tief drinnen in Afrika, wo die Neger wohnen, sprang die Heuschrecke eines Tages im Grase umher und fraß. Da kam die Schwalbe geflogen, setzte sich auf einen Strauch und sah ihr zu.
„Was bist denn du für eine?“ fragte die Heuschrecke.
Die Schwalbe nickte. Sie war gut gelaunt, denn morgen wollte sie wegreisen. Drum sang und zwitscherte sie:
„Die kleine Schwalbe nennt man mich,
Kiwitt ... kiwitt ... kiwiwiwitt!
Im Norden fror es bitterlich,
Gar sehr ich Hunger litt.
Ich fand kein Futter, fand kein Blatt, kiwitt
Drum flog ich mit dem Winde mit,
Nach Süden flog ich her, kiwitt, kiwitt!“
„Willkommen,“ rief die Heuschrecke. „Es freut mich, dich begrüßen zu können. Hier ist genügend Futter von allen Sorten, wie du siehst.“
Aber die Schwalbe schüttelte den Kopf und sang weiter:
„Es kribbelt in meinen Flügeln,
Nach Norden es wieder mich zieht
Die Sehnsucht kann ich nicht zügeln:
Kiwitt, kiwitt, kiwitt!
Jetzt grünen drüben die Blätter, kiwitt
Nach Norden es wieder mich zieht:
Kiwitt, kiwitt, kiwitt!“
„So, so,“ sagte die Heuschrecke. „Du nimmst Reißaus. Das ist dumm. Wir hätten uns sonst viel Vergnügen verschaffen können. Du hast ein nettes musikalisches Talent.“
„Man sagt es,“ entgegnete die Schwalbe. „Aber wer bist du denn?“
Da sang die Heuschrecke mit einer feinen, klaren Stimme:
„Die große Heuschrecke nennt man mich:
Hopp, hopp ... hoppe lopp ... loppe hopp, hopp, hopp!
Die Gräser alle fresse ich:
Hopp, hopp ... hoppe lopp ... loppe hopp, hopp, hopp!
Viel lieber platze ich,
Wenn es auch ärgerlich,
Als daß ich ein Hälmchen vergäße — hopp, hopp!
Und immer und immer im Galopp!“
„Du bist auch musikalisch?“ fragte die Schwalbe.
„Und ob!“ erklärte die Heuschrecke. „Ich spiele die erste Violine in Afrika, wenn ich bitten darf. Übrigens gereicht es dir zur Ehre, daß du das heraushörst. Viele können meinen Gesang gar nicht hören. Die Menschen zum Beispiel.“
„Ach ... die Menschen,“ sagte die Schwalbe verächtlich.
„Nein, die können weder hören noch sehen,“ sagte die Heuschrecke. „Und sie bilden sich obendrein ein, daß sie besser seien als wir. Mein Verlobter hat einen viel gröberen Ton. Seine Violine können sie hören.“
„Darf ich fragen, wo du dein Instrument hast?“ fragte die Schwalbe.
„Das sitzt hier,“ erwiderte die Heuschrecke und hob das Hinterbein. „Innen am Schenkel. Die niedlichste Violine, die du dir denken kannst. Nun streiche ich sie mit den Flügelrippen.“
„Höchst interessant,“ sagte die Schwalbe. „Und ein feines Gehör hast du, so viel steht fest.“
„Meine Ohren sitzen an meinen Vorderbeinen,“ fuhr die Heuschrecke fort.
„Hat man je so etwas gehört!“ rief die Schwalbe.
Da erklang eine andere Violine drüben im Grase.
„Verzeihung,“ sagte die Heuschrecke. „Das ist mein Bräutigam. Er ruft mich. Wir feiern heute Hochzeit.“
„Viel Glück!“ sagte die Schwalbe.
Aber die Heuschrecke hörte es nicht. Mit einem ungeheuren Satz war sie verschwunden.
„Der Bursche hat ordentliche Beine,“ dachte die Schwalbe. Dann blieb sie im Busche sitzen, denn sie wollte nach Norden, sobald es dunkel wurde und sie ihre Angelegenheiten in Afrika geordnet hatte.
Am Abend kehrte die Heuschrecke zurück.
„Das wäre erledigt,“ sagte sie.
„Darf ich dir Glück wünschen?“ fragte die Schwalbe.
„Nicht nötig,“ entgegnete die Heuschrecke. „Für mich und meinesgleichen ist die Hochzeit der Anfang vom Ende. Jetzt muß ich nur noch meine Eier legen, und dann sterbe ich.“
„Und was wird aus deinem Manne?“
„Er stirbt jedenfalls heute nacht, wenn er nicht schon zum Himmel gefahren ist.“
„Herr Gott,“ sagte die Schwalbe. „Andre Leute haben ein Nest mit Jungen darin und einen Mann, der einem etwas vorsingt, wenn man ...“
„Entschuldige, daß ich dich unterbreche,“ sagte die Heuschrecke. „Das ist das gewöhnliche Vogelgeschwätz, und ich mag es, offen gestanden, nicht hören. Du bist ja viel gereist und hast dich in der Welt umgesehen, darum meine ich, daß du nicht sentimental zu werden brauchst. Laß uns als welterfahrene Leute über die Sache reden! Der eine singt vor der Hochzeit, der andere nachher. Jeder hat seine Manier. Nur Dummköpfe glauben, daß die ihre die einzig richtige ist.“
Die Schwalbe sagte nichts. Die Heuschrecke aber fraß große Grashappen; und sobald sie sich vollgefressen hatte, spuckte sie alles wieder aus.
„Du issest nicht gerade hübsch,“ bemerkte die Schwalbe.
„Kommst du mir wieder damit?“ erwiderte die Heuschrecke. „Ich esse auf meine Art. All das Stroh ist nichts für meinen Magen. Ich sauge bloß den Saft heraus. Übrigens brauchst du wohl auch nicht alles, was du in dich hineinstopfst?“
„Nein, nein,“ gestand die Schwalbe. „Aber ich lasse es den andern Weg abgehen.“
„Hältst du das etwa für feiner?“ fragte die Heuschrecke lachend. „Aber ich will über diese Narrenspossen nicht mit dir streiten. Sag’ mir einmal ... du sitzest höher als ich ... Ist da viel Gras?“
„Soweit ich sehen kann, ist überall nur Gras und wieder Gras,“ sagte die Schwalbe. „Genug Futter für eine Million Heuschrecken.“
„Aber was hilft das?“ sagte die Heuschrecke mißmutig. „Wir haben es hier sehr schön warm; und falls es trocken bleibt, wenn die Jungen auskriechen, so bekommen wir ein gutes Heuschreckenjahr. Dann reicht das bißchen Gras nicht aus.“
„Wirklich?“ rief die Schwalbe. „Was macht ihr denn dann?“
„Dann wandern wir,“ entgegnete die Heuschrecke.
„Ja, springen kannst du ja,“ sagte die Schwalbe. „Das habe ich gesehen. Aber etwas Großes kann es doch nicht werden.“
„Eins kommt zum andern,“ erwiderte die Heuschrecke. „Sag’ mir einmal ... das Land, aus dem du kommst ... ist das grün?“
„Ganz gewiß,“ sagte die Schwalbe froh. „Im Sommer ist es das grünste Land der Welt. Felder und Wiesen und Wälder und Moore ... alles ist grün und herrlich anzusehen.“
„Ich werde daran denken,“ sagte die Heuschrecke.
„Das kannst du, wenn es dir Spaß macht,“ meinte die Schwalbe lachend. „Aber du kommst nie so weit mit deinen dünnen, kurzen Flügeln. Es sind viele hundert Meilen bis dorthin.“
„Ich fliege besser, als du glaubst,“ erwiderte die Heuschrecke. „Wenn ich nicht zuviel gegessen und den Körper nicht voller Eier habe, dann kann ich sehr schnell fliegen. Ich bin überall hohl, mußt du wissen. Ich pumpe mich voll Luft, und dann geht es.“
„Na ja,“ sagte die Schwalbe. „Es würde mich freuen, da oben einige von deinen Kindern zu treffen.“
„Einige?“ wiederholte die Heuschrecke höhnisch. „Du hast mich wohl nicht richtig verstanden. Wenn es Heuschrecken gibt, dann gibt es so viele, daß sie sich unmöglich zählen lassen.“
„So so,“ sagte die Schwalbe.
„Siehst du,“ fuhr die Heuschrecke fort. „Du hast deinen Mann, deine Kinder und dein Nest; und du glaubst, daß du etwas vorstellst. Eine Heuschrecke aber glaubt nicht, daß sie etwas vorstellt ... so allein für sich. Wenn wir jedoch alle zusammenkommen, dann sind wir stärker als alle anderen. Niemand kann uns aufhalten, niemand kann uns widerstehen. Alles, was uns in den Weg kommt, vernichten wir. Willst du unsern Schlachtgesang hören?“
„Ich habe nichts zu versäumen,“ erwiderte die Schwalbe. „Aber ich glaube, du prahlst.“
„Dann höre,“ rief die Heuschrecke, legte den Bogen an ihre Violine und sang:
„Wir Heuschrecken ... hopp, hopp, hopp ...
Kommen gesaust im Galopp, lopp, lopp ...
Gras und Strauch fressen wir,
verdunkeln das Sonnenlicht,
Morden und ruhen nicht,
Bis wir ins Menschennest
Tragen die Pest!
Millionen ... Billionen ...
Trillionen ... Quadrillionen ...
Fliegen ... hopp, hopp, hopp ..
Durch alle grünen Zonen
Im Galopp, lopp, lopp.“
„Sehr gemütlich klingt das nicht gerade,“ bemerkte die Schwalbe. „Aber wenn das wahr ist, was du sagst: was tut ihr denn, nachdem ihr alles aufgefressen habt?“
„Das weiß ich nicht,“ entgegnete die Heuschrecke. „Ich weiß nichts. Jetzt muß ich meine Eier legen.“
Und nun grub sie da, wo sie saß, ein Loch in die Erde und legte eine Kapsel Eier hinein.
„Das waren fünfundzwanzig,“ sagte sie.
Dann grub sie noch ein Loch und noch eins und legte in jedes eine Kapsel.
„Das erleichtert,“ sagte sie. „Jetzt sind nur noch fünfundzwanzig übrig.“
Als sie auch die gelegt hatte, ließ sie Kopf und Flügel hängen und sah sehr entkräftet aus.
„Ich habe ihnen eingeschärft, daß sie nach Norden ziehen sollen,“ sagte sie. „Dann erreichen sie vielleicht dein grünes Land.“
„Gott behüte,“ rief die Schwalbe.
Und dann fügte die Heuschrecke hinzu: „Jetzt sterbe ich. In meiner letzten Stunde denke ich an meinen Mann.“
„Das ist hübsch von dir.“
„Ich denke daran, wie fett er war, als er gestorben ist, — falls er nicht immer noch umherhüpft und frißt,“ sagte die Heuschrecke. „Alle Frauenzimmer in der Welt sind in dieser Beziehung einer Meinung: den Männern geht es schändlich gut.“
Damit starb sie.
Ende Mai, als die Schwalbe hoch oben im Norden auf ihren Eiern lag und jeden Tag erwartete, daß ihre Jungen auskriechen würden, da kamen die Heuschreckenkinder aus der Erde hervor.
Sie glichen ihrer Mutter aufs Haar, aber sie waren kleiner und hatten keine Flügel. Und sie glichen allen andern Kindern darin, daß ihr erster Schrei dem Futter galt.
Sie fraßen vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne und die Flinksten von ihnen auch während der Nacht. Wenn die Schwalbe jetzt im Gebüsch gesessen hätte, würde sie den Kummer des Heuschreckenweibchens verstanden haben. Denn es war ein gutes Jahr geworden, wie die Mutter prophezeit hatte; und soweit man auch sehen mochte, war nichts anderes vorhanden als fressende Junge.
Niemals wurden sie satt. Sie fraßen und fraßen und spuckten das Gefressene wieder aus; und nach zwei Tagen war kein Grashalm mehr in der Gegend. Die Blätter des kleinen Strauches waren mit daraufgegangen. Er ließ seine nackten Zweige in die Luft ragen, als ob es Winter wäre.
Es sah schrecklich aus, aber die Neger freuten sich. Denn sie bauten kein Getreide und hatten kein Vieh mit Gras zu füttern, so daß sie keinen Schaden erlitten. Und dann glaubten sie auch, die Heuschrecken seien heilige Tiere, die Gott gesandt habe. Kein Neger trat mit Willen darauf. Aber trotzdem aßen sie sie. So ein Gericht gerösteter Heuschrecken war das Beste, was sie kannten.
Als nun die Jungen gefressen hatten, was zu fressen war, gerieten sie ganz außer sich.
„Futter! Futter! Futter!“ schrien sie, während ihnen der grüne Grassaft aus dem Halse lief. „Futter! Futter! Futter! Wir sterben vor Hunger.“
Und dann begannen sie zu wandern.
Einige von ihnen gingen nach Norden ... Das waren diejenigen, deren Mutter ihnen von dem grünen Land der Schwalbe ins Ohr geflüstert hatte. Und dann folgten die andern nach.
Sie gingen in langen, endlosen Reihen; und die Reihen folgten einander so dicht, daß die hintersten den Vordersten auf die Fersen traten; und es waren so viele Reihen, daß niemand sie zählen konnte. Aus allen Richtungen kamen neue Scharen, die sich den Reihen anschlossen und mitmarschierten. Es war ein beständig wachsendes Heer von kleinen Soldaten, die das Land leerfraßen, wohin sie kamen.
Nichts konnte ihnen Einhalt gebieten.
Kamen sie an einen See, so marschierten sie frischweg ins Wasser hinaus, Reihe nach Reihe, bis der See von einem dicken Teppich toter Heuschreckenkinder bedeckt war, den die nächsten dann überschritten. Es machte nichts aus, wenn eine Million oder zwei oder zehn Millionen ertranken. Es waren genug übrig. Und jeder Tag brachte neue, zahllose Scharen.
„Futter! Futter! Futter!“ schrien sie und gingen weiter.
Die Vögel fraßen so viele von ihnen, wie sie vermochten. Die Ameisen bissen sie tot, die Igel veranstalteten einen Festschmaus, und viele andere hungrige Burschen verschlangen sie. Große Herden von Elefanten, Nashorntieren und Antilopen liefen darüber hin und traten sie nieder.
Aber dem ungeheuern Heuschreckenheer war der Verlust nicht anzumerken. Es wurde immer größer, was auch mit ihm geschah, und rückte immer weiter nach Norden vor.
Und überall, wo die Heuschrecken gewesen waren, da war das Land verödet. Die Elefanten und Antilopen brüllten vor Hunger, denn es war kein Blatt für sie zurückgeblieben. Wasser war nicht vorhanden, weil die Seen voller Heuschreckenleichen lagen, die verfaulten und weit umher Gestank verbreiteten. Die Insekten starben, weil keine Blätter da waren, die sie fressen konnten. Und die Vögel starben, weil keine Insekten für sie und ihre Jungen da waren.
Und weiter und weiter wanderte das Heer.
Eines Nachts machte man Rast. Die ganze Erde glich einem wogenden braunen Teppich; nicht eine von den Heuschrecken war ruhig.
„Ich berste!“ schrie eine.
„Wir bersten! Wir bersten! Wir bersten!“ klang es durch die Reihen hin.
Und dann barsten sie.
Sie hatten sich so groß und dick gefressen, daß sie es in ihrer Haut nicht mehr aushielten. Sie platzten der Länge nach, traten aus den alten Häuten heraus und marschierten in den neuen weiter, die darunter saßen. Das war ihre Art zu wachsen, und die ist ja ebensoviel wert wie jede andre. Am Morgen, als sie fort waren, lag das ganze Land voll alter Häute.
Fünfmal platzten sie auf diese Art, und jedesmal wurden sie größer und gefräßiger, und jedesmal erscholl ihr Schrei nach Futter lauter. Und mit immer größerer Geschwindigkeit marschierten sie nach Norden.
Eines Nachts, ein paar Tage darauf, waren sie zum fünften Male geplatzt.
Sie hatten ein Lager oder richtiger tausend Lager aufgeschlagen, denn in der letzten Zeit war das Heer mehr angewachsen als je zuvor. Man konnte glauben, die neuen Scharen hätten auf ihrem Wege auf die andern gewartet, wenn das Warten nicht das einzige gewesen wäre, was die Heuschrecken nicht konnten. Die Sache war die, daß überall ein gutes Heuschreckenjahr war, so wie das Heuschreckenweibchen prophezeit hatte.
Aber in dieser Nacht herrschte viel mehr Unruhe im Lager als gewöhnlich.
Es waren so viele da, daß sie einander beständig im Wege waren. Sie drängten und stießen einander, aber sonderbarerweise schrie niemand wie sonst nach Futter. Es spuckte auch niemand Gras aus. Es war als ob sie mit etwas fertig wären und darauf warteten, daß etwas Neues beginnen würde. Mit großen Augen blickten sie einander an, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten.
„Heute nacht geschieht es,“ sagte die eine.
„Heute nacht kommt es,“ sagte die andre.
„Heute nacht ... heute nacht ... heute nacht,“ erbrauste es durch die endlosen, zahllosen Reihen.
Nicht eine einzige von den vielen Millionen war gleichgültig. Alle waren in feierlicher Stimmung und gespannt auf das seltsame, das sie erwarteten.
Und kurz vor Sonnenaufgang geschah es.
Wie auf Kommando platzten alle Heuschrecken auf einmal. Aber es war ganz anders als die andern fünf Male, als sie geplatzt waren.
Denn diesmal krochen sie aus der alten Haut als vollerwachsene Heuschrecken mit Flügeln und Violine und allem.
Eine jede hatte vier schöne, klare Flügel, mit denen schlug sie um sich, und sie betrachtete sich und die andern; ihr Vergnügen und ihre Freude wollten kein Ende nehmen. Da war ein Surren, Summen, Schwatzen und Pfeifen ohne Ende. Und sie hüpften und sprangen, flogen ein wenig umher und setzten sich wieder auf die Erde. Wenn sie die Flügel ausbreiteten, so sah es aus, als wären doppelt so viele vorhanden wie vorher.
Als die Sonne aufging und sie beschien, rief eine der Heuschrecken:
„Futter!“
„Futter! Futter! Futter!“ schrien die Millionen.
Es war kein Futter zu sehen, doch das machte nichts; denn jetzt konnten sie ja fliegen. Alle Magen waren leer; so lange war es her, seit sie gefressen hatten. Und nun begannen sie, sich voll Luft zu pumpen, und sie pumpten und pumpten, bis sie richtige Luftballons waren.
Und dann erhoben sie die Flügel.
In diesem Augenblick stimmte eine Heuschrecke ihre Violine. Gleich fielen auch die vielen Millionen Violinen ein; und während der Schwarm in die Lüfte stieg, klang es hernieder über das verwüstete Land:
„Wir Heuschrecken ... hopp, hopp, hopp ...
Kommen gesaust im Galopp, lopp, lopp ...
Gras und Strauch fressen wir,
Meere durchmessen wir,
verdunkeln das Sonnenlicht,
Morden und ruhen nicht,
Bis wir ins Menschennest
Tragen die Pest!
Millionen ... Billionen ...
Trillionen ... Quadrillionen ...
Fliegen ... hopp, hopp, hopp ...
Durch alle grünen Zonen
Im Galopp, lopp, lopp.“
Und sie stiegen und stiegen in die Luft; noch nie hatte man ein so gewaltige flatternde Schar gesehen. Sie verdeckten die Sonne gleich einer Wolke, so daß es ganz dunkel wurde. Die Neger warfen sich aufs Gesicht und dachten, die Sonne sei erloschen und der Weltuntergang sei nahe herangekommen.
Aber einmal nimmt ja alles ein Ende. Als der Schwarm endlich nach Norden hin verschwunden war, da kam die Sonne wieder hervor, und neues Gras wuchs auf den verödeten Landen.
*
Ganz im Norden von Afrika, an der Küste des Mittelländischen Meeres, liegt ein Land, das eines der schönsten in der ganzen Welt ist.
Regen und Sonne wechseln miteinander ab, so daß das Getreide aufs beste gedeiht. Das Gras steht mannshoch auf den Wiesen, und die Weinreben auf den Bergen biegen sich unter den schweren Trauben. Dort gibt es keinen Winter, der das Leben trübe und traurig macht, sondern bloß eine stille Zeit, wo alles Wachsende ruht, ehe es wieder blüht. Und es gibt keinen dürren Sommer, wo die Sonne das Gras absengt und das Wasser austrocknet, so daß Menschen und Tiere verdursten. — Die Quellen springen und geben klares, kühles Wasser, und die Sonne ist schön anzusehen, wenn sie über die Berge steigt, und wenn sie ins Meer sinkt. Die großen wilden Tiere sind längst erlegt. Der Wald ist voll springender Hirsche und munterer Vögel. Bienen und bunte Schmetterlinge schwärmen zwischen duftenden Blumen umher.
„Sie traten auf die Heuschrecken, die unter ihren Füßen knirschten, aber immer mehr fielen hernieder — ein endloser Sturzregen.“
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GRÖSSERES BILD
Und mitten in all dem leben die Menschen, von der Sonne gebräunt, zufrieden mit ihrem Lose und Frieden miteinander bewahrend.
In einem Dorfe dieses Landes waren eines Sonntags die Leute vor einem Gehöft versammelt, in dem eine Hochzeit gefeiert wurde.
Alle waren seelenvergnügt, und die Munterkeit sollte gegen Abend noch größer werden, da auf dem Rasen getanzt werden sollte. Die Mütter hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm, — alle wollten an der allgemeinen Freude teilnehmen. Die Musikanten stimmten ihre Instrumente; sie mußten aber noch ein wenig warten, denn ein alter Mann, der Älteste des Dorfs, hielt eine Ansprache an das Brautpaar. „Hier habt ihr’s besser als irgendwo anders in der Welt,“ schloß er. „Wenn ihr nur gut und fromm seid, so sorgt der liebe Gott für das übrige. Die Erde gibt euch eure Aussaat hundertfältig wieder; und nichts Böses bedroht die Menschen in unserm glücklichen Lande.“
Dann drückte er ihnen die Hände, und sie riefen alle Hurra. Auf einmal aber zeigte ein junger Mann nach dem südlichen Himmel und sagte:
„Seht ... seht ... die schwarze Wolke dort! Wir bekommen zur Nacht ein Gewitter.“
„Zu dieser Jahreszeit bekommen wir kein Gewitter,“ entgegnete der Alte. „Und seit hundert Jahren, solange ich lebe, hat uns der Wind, der heute weht, keinen Regen gebracht.“
„Was hat denn die Wolke zu bedeuten?“ fragte der Jüngere.
Da sahen alle nach der Wolke hin. Aber niemand konnte sagen, was sie bringen werde.
Sie war groß und dicker und schwerer, als Wolken gewöhnlich sind. Sie schwebte tief über der Erde, und es sah aus, als ob sie bis an den Rand des Himmels hinabreichte Und sie kam näher und wuchs und wuchs. Die sie betrachteten, meinten bereits, daß es um sie her finsterer werde.
„Was ist das? Was ist das?“
Sie scharten sich zusammen und starrten und fragten. Die kleinen Kinder schrien, und die Gesichter der Männer wurden ernst und die der Frauen ängstlich.
Vergebens forderte der Bräutigam seine Gäste auf, zu trinken und vergnügt zu sein. Vergebens begannen die Spielleute aufzuspielen. Bald verstummten sie, standen bei den andern, starrten nach der Wolke hin und wunderten sich, was es sein könnte. Mit der Festfreude war es vorbei. Niemand konnte sagen, wovor er Angst hatte; aber alle wurden von bösen Ahnungen befallen.
Und die Wolke wuchs und wuchs und senkte sich immer dichter über sie nieder. Jetzt trat sie vor die Sonne. Eine Finsternis befiel das Land, die Vögel im Walde verstummten, und die Menschen faßten einander voller Furcht bei den Händen.
„Still!“ sagte der Alte. „Hört ihr?“
„Wir Heuschrecken ... hopp, hopp, hopp ...
Kommen gesaust im Galopp, lopp, lopp ...
Gras und Strauch fressen wir,
Meere durchmessen wir,
Verdunkeln das Sonnenlicht,
Morden und ruhen nicht,
Bis wir ins Menschennest
Tragen die Pest!“
Es war der Schlachtgesang der Heuschrecken. Die Leute verstanden ihn nicht, denn es waren ja nur Menschen. Sie hörten nur das Sausen und Brausen der unzähligen Flügel und sahen die Wolke wachsen und wachsen.
„Da ist etwas von der Wolke herabgefallen,“ rief ein kleiner Knabe.
Er hielt eine Heuschrecke in der Hand; und alle liefen herzu, um zu sehen, was das sein könnte. Aber im selben Augenblick fielen immer mehr Heuschrecken aus der Wolke herab, und jetzt stürzte die ganze Wolke mit seltsamem Krachen und Tosen herab.
Die Leute faßten sich an die Köpfe und bürsteten die Tiere von sich ab. Frauen und Kinder schrien, und die Männer schlugen mit ihren Stöcken um sich. Sie traten auf die Heuschrecken, die unter ihren Füßen knirschten, aber immer mehr fielen hernieder — ein endloser Sturzregen, wie ihn noch niemand erlebt hatte.
Da liefen die Menschen durcheinander, fochten schreiend mit den Armen um sich und wußten nicht aus noch ein. Jeder lief nach Hause, fand es aber dort ebenso schlimm oder noch schlimmer. Die Heuschrecken fielen in die Brunnen, durch die Schornsteine und durch offene Fenster herein ... Es gab keinen Fleck, wo sie fehlten.
Zwei Stunden lang dauerte der Regen an. Dann war der Himmel wieder klar, und die Sonne schien. Aber jeder Fleck war mit einem Gewirr von Heuschrecken bedeckt. Sie hingen an den Zweigen der Bäume, die zu Boden niedergedrückt wurden und zerbrachen. Sie bissen in die Steine, wenn sie in nichts andres zu beißen hatten. Sie krochen und sprangen auf Menschen, Hunden und Hühnern herum, rieselten herunter und kletterten wieder hinauf. Und wo ein Grashalm oder ein Blatt war, da fraßen sie sofort alles auf.
Die Leute wußten sich nicht zu helfen. Sie stiegen auf die Anhöhen und blickten über ihre fruchtbaren Felder hin ... alles war von dem Heuschreckenteppich bedeckt. Sie starrten zum Himmel und sahen in der Ferne am Horizont eine neue Wolke, drohend und schwarz wie die erste. Und während sie starrten, wuchs sie und kam näher; und ehe sie zur Überlegung kamen, fiel ein neuer Heuschreckenregen über sie nieder. Sie glaubten, das Ganze habe weder Anfang noch Ende, saßen in ihren Häusern und verzweifelten.
Dann stürzten sie hinaus, brachen die Zweige von den Bäumen und schlugen auf die Tiere los, bis sie die Arme nicht mehr bewegen konnten. Millionen lagen erschlagen auf der Erde. Billionen und Trillionen krochen und sprangen knirschend und fressend umher.
Man zündete das Gras an, wo die Tiere am zahlreichsten waren. Das Feuer knisterte, der Rauch quoll empor, das grüne Gras und das gelbe Getreide loderten auf. Man konnte die Heuschrecken im Feuer krachen hören. Aber es half nichts. Millionen und Billionen flogen über das Feuer weg an Stellen, wo es nicht brannte, und fraßen und fraßen weiter.
Acht Tage dauerte es. Dann war nichts mehr zu fressen da. Der Schwarm erhob sich, sammelte sich in der Luft zu einer ungeheuren Wolke und zog fort ... nach Norden übers Meer hin.
Und die Menschen standen und starrten ihnen nach. Braut und Bräutigam beweinten ihr zerstörtes Heim. Die Spielleute hängten die Geige an die Wand, und der alte Mann starb vor Gram.
Das ganze glückliche Land war verödet.
*
Im Herbst flog die Schwalbe wie gewöhnlich nach Afrika. Sie hatte Hochzeit gefeiert und ein Nest erbaut, hatte ihre Eier gelegt und ausgebrütet und die letzte Mücke verzehrt. Damit war ihre Arbeit im Norden für diesmal getan, und zugleich war der Sommer vorbei. Es war eine alte Schwalbe, die die Reise bereits viele Male hin und her zurückgelegt hatte, so daß sie den Weg recht genau kannte. Sie hatte auch ihre Raststätten, wo sie ihre Flügel für einen oder zwei Tage ausruhen ließ, bevor sie weiterflog.
Im Mittelmeer lag eine wunderschöne kleine Insel, die die Schwalbe auf ihrem Wege nach Süden stets besuchte. Sie war nicht so groß, daß sie auf der Landkarte stand; aber darum kann es doch eine schöne Insel sein, besonders für eine Schwalbe; und außerdem hat sie den Vorzug, daß man sich in der Geographie nicht mit ihr zu quälen braucht. Und herrliche Bäume waren da und Felder und Menschen und Tiere; darunter befand sich ein kleiner grüner Zeisig, der ein guter Freund der Schwalbe war.
Als nun die Schwalbe diesmal auf die Insel kam und sich auf dem Baume niederließ, wo der Zeisig wohnte, sah sie sich erstaunt um.
Die Insel war gar nicht wiederzuerkennen. Im Walde hörte man keinen einzigen Vogel zwitschern, und es war kein Tier auf dem Felde. Auch Menschen sah man nicht. Kein Rauch stieg aus den Schornsteinen der Häuser auf; alle Fenster und Türen waren weit geöffnet. Von Getreide war keine Spur zu sehen, alles Gras war weg; die Bäume hatten nur noch wenige Blätter, viele von ihnen waren gestürzt, bei andern waren die Zweige abgestorben. Es war ein trauriger Anblick. Da begann die Schwalbe zu glauben, sie sei verkehrt geflogen, aber dann kam der Zeisig und setzte sich neben sie. Er war mager und zerzaust und sah traurig drein.
„Was in aller Welt bedeutet das hier?“ fragte die Schwalbe.
„Das darfst du wohl fragen,“ erwiderte der Zeisig. „Ich bin der einzig Überlebende auf der ganzen Insel, und ich werde auch sterben, ehe die Woche um ist. Denn ich glaube nicht, daß ich die Kraft habe, mit dir zu fliegen.“
„Was ist denn geschehen?“ fragte die Schwalbe.
„Es sind die Heuschrecken,“ erzählte der Zeisig. „Sie sind zur Hochsommerzeit gekommen und haben die ganze Insel kahlgefressen.“
„Das verstehe ich nicht,“ sagte die Schwalbe. „Ich habe einmal weit, weit in Afrika mit einem Heuschreckenweibchen gesprochen. Sie spielte Violine und fraß Gras, ohne sonst einer Menschenseele etwas zuleide zu tun ... Ja ... wart’ ein wenig ... jetzt entsinne ich mich, daß sie davon sprach, daß ihre Kinder nach Norden reisen sollten ... Millionen von Kindern sollten zur Welt kommen.“
„Die sind zur Welt gekommen,“ sagte der Zeisig. „Millionen und Billionen und Trillionen. Sie sind über uns hergefallen gleich einer schwarzen Wolke und haben das Ganze aufgefressen.“
„Mit dem Gras und den Blüten mag es hingehen,“ sagte die Schwalbe. „Aber wo sind die Kühe und Pferde und Menschen geblieben? Die haben sie doch nicht fressen können.“
„Nicht so unmittelbar,“ antwortete der Zeisig. „Aber nun sollst du hören.“
Da bekam die Schwalbe plötzlich Angst. Es fiel ihr ein, daß das Heuschreckenweibchen sich so genau nach dem grünen Lande im Norden erkundigt und seinen Kindern in den Eiern zugeflüstert hatte, daß sie dorthin ziehen sollten.
„Um Gottes willen ... sag’ mir zu allererst, wohin die Heuschrecken gezogen sind,“ fragte sie.
„In den Tod,“ erwiderte der Zeisig. „Nicht viele von ihnen sind mit dem Leben davongekommen.“
„Erzähle,“ sagte die Schwalbe beruhigt.
Und der Zeisig erzählte.
Daß sie gekommen wären, wie sie zu kommen pflegten, und daß sie am Himmel gestanden hätten als eine ungeheure schwarze Wolke, die dann über die Insel niedergefallen wäre. Die Wolke wäre größer als die Insel gewesen, so daß viele der Tiere ringsum ins Meer gefallen wären. Und nur einen Tag hätte es gedauert, bis alle grünen Hälmchen aufgefressen waren.
„Und was dann?“ fragte die Schwalbe.
„Dann entstand am Abend ein entsetzlicher Sturm,“ berichtete der Zeisig. „Noch nie habe ich solch einen Sturm erlebt. Die Dächer flogen von den Häusern, die Bäume im Walde zerbrachen, und die Wogen rollten in Bergeshöhe auf die Küste zu. Und dieser Sturm vernichtete das ganze Heuschreckenheer. Als er vorüber war, da war das Meer, soweit man sehen konnte, mit toten Heuschrecken bedeckt. In vielen Schichten lagen sie da, gleich einer dicken Decke, die auf und nieder wogte. Das Ufer war ganz mit Leichen angefüllt, und jeder Wellenschlag brachte mehr und mehr heran. Zuletzt umgab ein gewaltiger Wall von toten Heuschrecken die ganze Insel. Denn es war gleichgültig, woher der Wind wehte; das Meer war überall voller Leichen, und sie trieben hierhin und dorthin und endigten sämtlich auf der Insel.“
„Das war gut für sie,“ sagte die Schwalbe.
„Vielleicht,“ sagte der Zeisig. „Aber es war nicht gut für uns. Denn dann kam die Pest.“
„Erzähle,“ bat die Schwalbe.
„Es ist bald erzählt,“ sagte der Zeisig. „Auf den Sturm folgte eine Windstille, und dann folgte viele Wochen hindurch eine solche Wärme, wie sie noch niemand je erlebt hatte. Die Sonne brannte vom Morgen bis zum Abend hernieder, die Bäume ließen ihre entblätterten Zweige hängen, alles Wasser trocknete ein, und Tiere und Menschen saßen still da und ächzten und konnten sich kaum bewegen.“
„Und dann?“
„Dann kam die Pest,“ fuhr der Zeisig fort. „Die toten Heuschrecken verfaulten, und es entstand ein entsetzlicher Gestank, der sich mit jedem Tage verschlimmerte. Ein ganzer Nebel von Gift und Fäulnis lag über der Insel. Die Tiere wurden krank, und die Menschen wurden krank. Die Fliegen fielen tot aus der Luft herab, die Vögel piepten und waren im selben Augenblick entseelt. Die Pferde und Kühe stürzten tot zu Boden. Die Menschen seufzten auf, wo sie saßen und Qualen litten, und dann war es vorbei. Es war die Pest, die alle lebenden Wesen ergriff. Ich bin der einzige Überlebende auf der Insel, und ich sterbe, bevor es Abend wird.“
„Das ist ja eine grauenhafte Geschichte,“ sagte die Schwalbe. „Das einzige Gute daran ist, daß auch die Heuschrecken tot sind. Das kommt davon, wenn man den Mund zu weit auftut. Und dann spuckten sie obendrein ihr Futter wieder aus. Hätten sie wie andere ordentliche Leute gegessen, so wäre genug für sie und für uns alle vorhanden. Ich will daran denken, es da unten zu sagen, wenn ich in das Land komme, wo sie wohnen. Wie seltsam! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön das Heuschreckenweibchen Violine spielte!“
Sie saß ein Weilchen da und dachte über die Sache nach. Dann lüftete sie die Flügel.
„Jetzt muß ich fort,“ sagte sie. „Willst du mit?“
Der Zeisig antwortete nicht. Er war vom Zweige herabgefallen und lag tot auf der Erde.
Da flog die Schwalbe allein weiter.