Die Anemonen.
Kiwitt! Kiwitt! rief der Kiebitz und flog über das Waldmoor hin. „Nun kommt der Junker Frühling. Ich kann es in den Beinen und in den Flügeln spüren.“
Als das neue Gras unten in der Erde das hörte, schoß es gleich ein Stück in die Höhe und guckte vergnügt zwischen den alten gelben Halmen hervor; denn das Gras hat es nun einmal immer fürchterlich eilig.
Auch die Anemonen drinnen im Walde zwischen den Bäumen hörten, was der Kiebitz rief, aber sie wollten unter keiner Bedingung aus der Erde heraus.
„Glaubt dem Kiebitz nicht,“ flüsterten sie sich zu. „Das ist ein leichtsinniger Bursche, auf den kein Verlaß ist. Der kommt immer so früh und macht ein großes Geschrei ... Nein, wir warten ganz ruhig, bis der Star und die Schwalbe kommen. Das sind vernünftige, zuverlässige Leute, die die Dinge besser verstehen.“
Und die Stare kamen.
Sie setzten sich auf den Pflock vor ihrer Sommervilla und schauten sich um.
„Zu früh, wie gewöhnlich,“ murrte Vater Star. „Nicht ein grünes Blatt und keine Fliege; nur eine alte, zähe vom vorigen Jahre, für die es sich nicht den Schnabel aufzusperren lohnt.“
Mutter Star erwiderte nichts, aber sie sah gleichfalls nicht gerade begeistert aus.
„Wären wir doch nur in unserer gemütlichen Winterwohnung hinter den Bergen geblieben,“ sagte Vater Star. Er war ärgerlich darüber, daß seine Frau ihm nicht antwortete; denn ihn fror so, daß er meinte, es würde ihm gut tun, ein wenig mit ihr zu zanken ... „Aber es ist natürlich wieder deine Schuld, wie voriges Jahr. Du hast es immer so furchtbar eilig damit, aufs Land zu kommen.“
„Wenn ich es eilig habe, so weiß ich auch wohl warum,“ entgegnete Mutter Star. „Und du solltest dich schämen, wenn du es nicht auch weißt, so wahr die Eier dir so gut gehören wie mir.“
„Gott behüte,“ sagte Vater Star beleidigt. „Wann hätte ich meine Familie je verleugnet? Du verlangst vielleicht noch gar, daß ich dir bei der Kälte etwas vorsingen soll?“
„Ja — allerdings,“ erwiderte Mutter Star in einem Tone, dem er nicht widerstehen konnte.
Er fing sofort an zu flöten, so schön er konnte. Aber als Mutter Star die ersten Töne gehört hatte, schlug sie mit den Flügeln um sich und hackte mit dem Schnabel auf ihn ein.
„Willst du wohl gleich aufhören!“ schrie sie erbost. „Das klingt ja so traurig, daß es einem ordentlich zu Herzen geht. Sorge lieber dafür, daß die Anemonen aufspringen! Ich meine, es ist Zeit. Und außerdem wird es einem immer wärmer, wenn auch andere mitfrieren.“
Aber kaum hatten die Anemonen die ersten Triller des Stars gehört, so steckten sie vorsichtig ihre Köpfchen aus der Erde heraus. Freilich waren sie noch so in grüne Tücher eingepackt, daß man sie noch gar nicht sehen konnte. Sie sahen wie grüne Keime aus, aus denen alles mögliche werden konnte.
„Es ist zu früh,“ flüsterten sie. „Wie schändlich von dem Star, uns heraufzulocken! Man kann sich doch auch auf keinen mehr in der Welt verlassen.“
Dann kam die Schwalbe.
„Twi! Twi!“ zwitscherte sie und durchschnitt die Luft mit ihren langen, spitzen Flügeln. „Heraus mit euch, ihr dummen Blumen! Merkt ihr denn nicht, daß der Junker Frühling gekommen ist?“
Aber die Anemonen waren vorsichtig geworden. Sie nahmen nur die grünen Tücher ein ganz klein wenig beiseite und lugten hinaus.
„Eine Schwalbe macht keinen Sommer,“ sagten sie. „Wo ist deine Frau? Du bist wohl nur hergekommen, um zu sehen, ob es hier schon erträglich ist; und jetzt willst du uns etwas weismachen. Aber wir sind nicht so dumm. Wir wissen wohl, daß, wenn wir uns eine ordentliche Erkältung holen, es aus mit uns ist für diesmal.“
„Ihr seid mir ein paar Rechte,“ zwitscherte die Schwalbe und setzte sich auf die Wetterfahne auf Försters Dach und schaute in die Landschaft hinaus.
Aber die Anemonen warteten und froren. Ein paar, die ihre Ungeduld nicht bezähmen konnten, warfen die Tücher im Sonnenschein ab. Doch in der Nacht biß die Kälte sie tot, und die Geschichte von ihrem jämmerlichen Tode ging von Blume zu Blume und erregte überall großes Entsetzen.
Endlich kam der Junker Frühling — in einer wunderschönen milden, stillen Nacht.
Niemand weiß, wie er aussieht, denn niemand hat ihn je gesehen. Aber alle sehnen sich nach ihm und danken ihm und segnen ihn. Er geht durch den Wald und rührt die Blumen und Bäume an, und flugs springen die Knospen auf. Er geht durch die Ställe und macht die Tiere los und läßt sie auf die Wiese hinaus. Bis in die Menschenherzen dringt er ein und macht sie froh. Wenn er da ist, hält es der artigste Bube nicht aus, ruhig auf seiner Schulbank zu sitzen, und er hat furchtbar viele Fehler in den Schulheften auf dem Gewissen.
Aber nicht auf einmal richtet er das alles aus. Nacht für Nacht ist er bei der Arbeit, und er kommt zuerst zu denen, die sich am meisten sehnen.
So kam es, daß er in derselben Nacht, wo er eintraf, gleich zu den Anemonen hinging, die es in ihren grünen Tüchern nicht mehr aushalten konnten.
Und eins, zwei, drei! standen sie in neuen, weißen Kleidern da und waren so frisch und schön, daß die Stare vor Vergnügen darüber ihre schönsten Lieder sangen.
„Nein ... wie schön ist es hier!“ riefen die Anemonen. „Wie ist die Sonne so warm, und wie lieblich singen die Vögel! Tausendmal besser ist es als im vorigen Jahr.“
Aber das sagten sie nun jedes Jahr, darauf kann man also nichts geben.
Als die Welt sah, daß die Anemonen aufgesprungen waren, da gerieten viele andere ganz außer sich. Da war ein Schulbube, der schon Sommerferien haben wollte; und dann die Buche; wie fühlte sie sich zurückgesetzt!
„Kommst du nicht auch bald zu mir, Junker Frühling?“ fragte sie. „Ich bin doch eine viel wichtigere Person als die armseligen Anemonen, und ich kann wirklich meine Knospen nicht länger halten.“
„Ich komme, ich komme!“ antwortete der Frühling. „Aber ein wenig mußt du dich noch gedulden.“
Und weiter nahm er seinen Weg durch den Wald. Und bei jedem Schritt sprangen neue Anemonen auf. In dichten Büscheln standen sie zu Füßen der Buche und neigten ganz verschämt ihre runden Köpfchen zur Erde.
„Seht nur frei auf,“ sagte der Frühling, „und erfreut euch an unsres Herrgotts Sonne! Euer Leben ist nur kurz, drum müßt ihr es genießen, solange ihr es habt.“
Und die Anemonen taten das. Sie reckten sich und streckten sich und breiteten ihre weißen Blätter nach allen Seiten aus, um so viel Sonnenschein zu trinken wie möglich. Sie stießen mit den Köpfen aneinander und lachten darüber und waren sehr vergnügt.
„Jetzt kann ich mich nicht länger halten,“ sagte die Buche, und ihre Knospen sprangen auf.
Blatt für Blatt kroch aus seiner grünen Hülle und entfaltete sich und fächelte im Winde. Die ganze grüne Krone wölbte sich über der Erde wie ein mächtiges Dach.
„Ach, ist es schon Abend?“ fragten die Anemonen, denen es vorkam, als werde es ganz dunkel.
„Nein ... das ist der Tod,“ sagte der Frühling. „Nun ist es aus mit euch. Euch geht es nicht anders wie allem hier auf Erden, auch dem Besten. Alles muß keimen und blühen und sterben.“
„Sterben?“ riefen ein paar kleine Anemonen. „Müssen wir schon sterben?“
Und ein paar von den Großen bekamen ganz rote Köpfe vor Zorn und Trotz.
„O, wir wissen es wohl!“ sagten sie. „Die Buche tötet uns. Sie stiehlt allen Sonnenschein für ihre eigenen Blätter und gönnt uns keinen Strahl. Wie häßlich und schlecht ist sie!“
Ein paar Tage lang fuhren sie fort zu schelten und zu weinen. Dann kam der Junker Frühling zum letztenmal durch den Wald gegangen. Er hatte noch die Eichen und einige andere alte Käuze zu besuchen.
„Legt euch jetzt hübsch hin und schlaft in der Erde,“ sagte er zu den Anemonen. „Es nützt euch nichts, wenn ihr euch auflehnt. Im nächsten Jahr komme ich wieder und erwecke euch zu neuem Leben.“
Und einige von den Anemonen folgten seinem Rat. Aber andere fuhren fort, die Köpfe emporzurecken, und wuchsen weiter, bis sie ganz häßlich wurden und lange Stengel bekamen, so daß sie garstig anzusehen waren.
„Pfui, schämt euch!“ riefen sie den Buchenblättern zu. „Ihr tötet uns.“
Aber die Buche schüttelte ihre langen Zweige, daß die braunen Blattspelze auf die Erde herabrieselten.
„Wartet nur bis zum Herbst, ihr kleinen Dummriane,“ sagte sie und lachte. „Dann werdet ihr schon sehen.“
Die Anemonen verstanden nicht, was sie meinte. Aber als sie sich gestreckt hatten, soviel sie konnten, knickten sie ein und verwelkten.
*
Der Sommer war vorbei, und der Bauer hatte sein Korn eingefahren.
Der Wald war noch grün, seine Färbung war nur dunkler geworden, und an vielen Stellen schimmerten gelbe und rote Blätter zwischen den grünen durch. Die Sonne war müde von ihrer heißen Arbeit während des Sommers und ging früh zu Bett.
„Endlich kam der Junker Frühling.“
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GRÖSSERES BILD
In der Nacht schlich der Winter zwischen den Bäumen umher und wollte sehen, ob seine Zeit nicht bald gekommen sei. Wenn er eine Blume fand, küßte er sie galant und sagte:
„Ei, ei! Bist du noch hier? Das freut mich, daß ich dich treffe. Bleib nur ruhig stehen! Ich bin ein guter Kerl und tue keiner Fliege etwas zuleide.“
Aber die Blume erschauerte bei seinem Kusse, und der klare Tautropfen, der unter ihrem Blatte hing, wurde auf der Stelle zu Eis.
Häufiger und häufiger lief der Winter durch den Wald. Sein Atem ging über die Blätter hin, so daß sie sich gelb färbten, und über die Erde, so daß sie hart wurde.
Sogar die Anemonen, die unten in der Erde lagen und warteten, daß der Frühling zurückkehrte, wie er es ihnen versprochen hatte, verspürten seinen Atem, und es lief ihnen eiskalt über die Wurzeln.
„O weh, wie kalt ist es,“ sagten sie zueinander, „Wie werden wir nur den Winter überstehen? Wir sterben sicher, ehe er um ist.“
„Jetzt ist meine Zeit gekommen,“ sagte der Winter. „Jetzt brauche ich nicht länger umherzuschleichen wie ein Dieb in der Nacht. Von morgen an will ich allen Leuten frank und frei ins Gesicht sehen, will sie in die Nase beißen und ihnen das Wasser in die Augen treiben.“
Und in der Nacht ließ er den Sturm los.
„Mach reinen Tisch, hörst du!“ befahl er.
Und der Sturm gehorchte. Heulend fuhr er durch den Wald und rüttelte an den Ästen, daß sie knarrten und krachten. Die, die nicht mehr ganz frisch und lebensfähig waren, fielen ab, und die, die aushielten, mußten sich nach allen Seiten beugen und biegen.
„Weg mit dem ganzen Staat!“ heulte der Sturm und riß die Blätter ab. „Jetzt ist nicht die Zeit, sich zu putzen. Über ein Weilchen kommt Schnee auf die Zweige — das wird eine andere Geschichte.“
Die Blätter fielen vor Schreck zu Boden, aber der Sturm ließ sie nicht in Ruhe. Er faßte sie um den Leib und tanzte mit ihnen über das Feld hin, hoch in die Luft und wieder in den Wald, fegte sie zu großen Haufen zusammen und wehte sie nach allen Seiten auseinander — ganz wie er Lust hatte.
Erst als der Morgen kam, war der Sturm müde und legte sich.
„Nun sollt ihr für diesmal Frieden haben,“ sagte er. „Ich ruhe mich jetzt aus bis zum Frühjahrsreinemachen. Dann können wir wieder eine Runde tanzen, das heißt, wenn dann noch etwas von euch übrig ist.“
Da gingen die Blätter schlafen und legten sich als dicker Teppich über die ganze Erde.
Die Anemonen empfanden die wohltuende Wärme und fragten sich, ob wohl der Frühling schon da sein sollte.
„Ich habe meine Knospen noch nicht fertig!“ rief eine von ihnen.
„Ich auch nicht! Ich auch nicht!“ schrien die anderen durcheinander.
Aber eine faßte Mut und guckte aus der Erde hervor.
„Guten Morgen!“ riefen die welken Buchenblätter. „Es ist noch ein bißchen zu früh, liebes Fräulein ... Wenn es Ihnen nur gut bekommt!“
„Ist das nicht der Junker Frühling?“ fragte die Anemone.
„Nicht so ganz,“ antworteten die Buchenblätter. „Es sind die grünen Buchenblätter, auf die Sie im Sommer so böse waren. Jetzt ist unsere grüne Farbe verschwunden, und wir können keinen großen Staat mehr machen. Wir haben unsere Jugend genossen und genug getanzt, wissen Sie. Und jetzt liegen wir hier und schützen die Blumen in der Erde vor dem Winter.“
„Und inzwischen stehe ich hier mit meinen bloßen Zweigen und bin der Kälte ausgesetzt,“ sagte die Buche verdrießlich.
Die Anemonen unten in der Erde besprachen die Sache und waren von Herzen froh.
„Die guten Buchenblätter,“ sagten sie.
„Seht zu, daß ihr noch daran denkt, wenn im nächsten Sommer meine Knospen aufspringen,“ sagte die Buche.
„Ja, das werden wir! Das werden wir!“ flüsterten die Anemonen.
Denn so etwas verspricht man, aber man hält es nicht.