Die Spinne.

Die Hecke war ganz voller Bäume und Sträucher gewesen, aber sie waren weggehauen worden; und nun schossen kahle, lange dünne Zweige aus den Stümpfen empor.

Zwischen den Baumstümpfen wuchsen Geißfuß und wilde Petersilie und anderes mehr dieser Art, davon das eine dem andern so ähnlich sieht, und das die, die es nicht besser verstehen, Schierling nennen.

Ihre Zweige waren fast ebenso lang wie die der Sträucher. Und sie spielten sich so auf, als ob sie wirkliche Sträucher wären und nicht im Herbste verwelken und wieder von vorn anfangen müßten mit einem kleinen Samen, genau so wie eine einfache, elende Hundskamille oder ein Stiefmütterchen. Sie strotzten vor Stolz und spreizten sich, ließen sich vom Winde zausen, knickten um, verloren Blätter und bekamen neue, als ob sie noch lange Zeit zu leben hätten. Fragte einer, welche Bewandtnis es denn eigentlich mit ihnen habe, so taten sie, als hörten sie es nicht, oder schlugen es in den Wind oder leugneten, etwas von ihrer Zukunft zu wissen.

Und dann trugen sie schöne, weiße Blüten, die sie hoch emporhoben wie Sonnenschirme, während aus den richtigen Zweigen, die auf den Stümpfen wuchsen, nie etwas andres wurde als aufgeschossene Sprößlinge, die weder Blüte noch Frucht treiben konnten.

„Hier ist ja ein ganzer Wald,“ sagte die Maus eines Abends, als sie im Grünen saß und mit ihren klaren Augen aufschaute.

„Wir sind der Wald,“ sagte der Geißfuß.

„Sieh dich, bitte, um,“ sagte die Petersilie. „Gefallen wir dir, so bau’ dein Nest in uns! Was wir dir bieten können, steht zu Diensten.“

Doch die richtigen Sträucher warnten die Maus.

„Glaub’ ihnen nicht! Sie prahlen nur, solange es Sommer ist. Im Herbste sind sie weg, und nicht eine Spur von ihnen ist übrig.“

„Ich weiß nichts vom Herbste,“ sagte die Petersilie.

„Ich glaube nicht an den Herbst,“ fiel der Geißfuß ein. „Es ist ein Märchen, das man den Strauchkindern aufgebunden hat.“

„Mit dem Herbste hat es seine Richtigkeit,“ sagte die Maus. „Und danach kommt der Winter. Dann gilt’s, die Vorratskammer in Ordnung zu halten. Es war gut, daß ihr mich daran erinnert habt. Ich glaube, ich grabe mir ein kleines Loch zwischen die Steine hinein und fange an zu sammeln.“

„Mag in die Erde gehen, wer da will,“ sagte die Petersilie.

„Wir streben höher hinauf,“ sagte der Geißfuß.

Dann standen sie ein Weilchen und sagten nichts, bis die Petersilie seufzte und das sagte, woran sie beide dachten:

„Wenn doch nur ein Vogel kommen wollte, um in uns sein Nest zu bauen!“

„Wir wollen ihn beschatten und ihn schaukeln, und er soll sich so wohl fühlen, daß die richtigen Sträucher vor Neid vergehen,“ sagte der Geißfuß.

„Wollt ihr mich nicht haben?“ fragte eine Stimme.

Und ein komisches graues Wesen kam auf der Hecke heranspaziert.

„Wer bist du?“ fragte die Petersilie.

„Ich bin die Spinne,“ erwiderte das Wesen.

„Kannst du fliegen?“ fragte der Geißfuß.

„Ich kann von allem etwas, wenn es notwendig ist.“

„Ißt du Mücken?“ fragte die Petersilie.

„Den ganzen Tag lang.“

„Legst du Eier?“ fragte der Geißfuß. „Denn du bist doch wohl ein Frauenzimmer?“

„Ja, Gott sei Dank,“ entgegnete die Spinne.

„Dann bist du für uns ein Vogel,“ sagte die Petersilie.

„Herzlich willkommen,“ rief der Geißfuß. „Leicht siehst du aus, du zerbrichst keine Zweige.“

„Fang nur ja an zu bauen, sobald du Lust hast,“ sagte der Geißfuß. „Material ist hier auf der Hecke genug vorhanden.“

„Wenn du uns hie und da ein Blatt mausest, so macht das nicht das geringste,“ fügte die Petersilie hinzu.

„Vielen Dank, ich habe mein Material bei mir,“ erwiderte die Spinne.

„Ich kann kein Gepäck sehen,“ sagte der Geißfuß.

Und die Petersilie fragte: „Vielleicht kommt dein Mann damit nach?“

„Ich habe, Gott sei Dank, keinen Mann,“ entgegnete die Spinne.

„Du Ärmste,“ sagte die Maus, die dabeisaß und zuhörte. „Das muß doch grauenhaft öde für dich sein.“

„Na — da haben wir das gewöhnliche Frauenzimmergeschwätz,“ höhnte die Spinne. „Das ist es, was uns Frauen zu so lächerlichen und verächtlichen Geschöpfen macht. Immer heißt es: mein Mann hier und mein Mann da. Ich möchte wissen, was man überhaupt mit einem Manne soll! Er fällt einem wirklich nur zur Last. Wenn ich jemals einen nehme, so soll er wenigstens auf alle Fälle nicht bei mir wohnen.“

„Wie du sprichst,“ sagte die Maus. „Ich kann mir nichts Unheimlicheres denken, als wenn mein Mann nicht bei mir wohnte. Und ich möchte wissen, wie ich mit den Kindern fertig werden sollte, wenn er mir nicht hülfe, die gute Seele!“

„Ach, lirum, larum, Kinder hin, Kinder her,“ antwortete die Spinne. „Ich verstehe nicht, was die Verhätschelung soll. Man legt seine Eier an eine vernünftige Stelle und überläßt sie sich selbst.“

„Sie spricht nicht wie ein Vogel,“ sagte die Petersilie nachdenklich.

Und der Geißfuß meinte: „Auch ich fange an, mich vor ihr zu fürchten.“

„Ihr könnt mich nennen, wie ihr wollt,“ sagte die Spinne. „Unter keinen Umständen verkehre ich aber mit den gewöhnlichen Vögeln. Sind hier zu viele von ihnen, dann mag ich hier gar nicht hausen.“

„Gott behüte,“ erwiderte die Petersilie, die fürchtete, daß die Spinne weggehen würde. „Hier ist fast nie einer.“

„Damals, als die Bäume umgehauen wurden, sind sie in den Wald geflogen,“ berichtete der Geißfuß.

„Ja, hier ist es öde,“ klagten die langen Zweige auf den Baumstümpfen, „man hört nie einen Ton.“

Doch die Spinne war andrer Meinung. „Hier ist gut sein,“ sagte sie. „Die Fliegen summen, und das macht mir Vergnügen.“

Da reckten sich der Geißfuß und die Petersilie vor Stolz in die Höhe.

Die Spinne aber kroch ringsumher und sah sich um, während die Maus ihr die ganze Zeit mit den Augen folgte.

„Mit Verlaub,“ sagte die Maus, „warum willst du eigentlich ein Nest bauen, wenn du deine Eier sich selber überläßt?“

„Hör’ mal, liebe Maus,“ erwiderte die Spinne, „du kannst mich ebensogut gleich als selbständiges Frauenzimmer betrachten. Ich denke nur an mich und meine Bedürfnisse und sorge selbst für mich. Wenn ich mich jemals herablasse, einen Mann zu nehmen, so mag er für sich sorgen, der Wicht.“

„Gott behüte, wie du von ihm sprichst!“ sagte die Maus. „Mein Mann ist viel größer und stärker als ich.“

„Die Maus dagegen lief fort ...“


GRÖSSERES BILD

„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte die Spinne gleichgültig. „Die Mannspersonen in meiner Familie sind etwa viermal so klein als wir Frauen. Es sind ganz erbärmliche Wichte, die keine Fliege wert sind. Ich würde mich schämen, mit so einem Kavalier zusammen zu wohnen ... Aber jetzt baue ich.“

„Du solltest lieber warten, bis es hell wird,“ riet ihr die Petersilie.

„Womit willst du überhaupt bauen?“ fragte der Geißfuß.

„Ich liebe nun einmal die Dunkelheit,“ entgegnete die Spinne. „Und Baumaterial habe ich bei mir.“

Nach diesen Worten kletterte sie auf den Wipfel des Geißfußes hinauf und sah sich in der Landschaft um.

„Es gehören gute Augen dazu, um heute abend etwas zu sehen,“ sagte die Maus. „Meine sind nicht für die Katze, aber ich möchte mich bei der Beleuchtung doch nicht ans Nestbauen begeben.“

„Was die Augen betrifft, so habe ich acht,“ erzählte die Spinne. „Und sie sehen, was sie sehen sollen. Ich habe auch acht Beine, damit du das auch gleich erfährst und nicht in Verwunderung darüber gerätst. Überhaupt bin ich eine Weibsperson, die gewohnt ist, sich im Handumdrehen zurechtzufinden. Ich kenne keine Zimperlichkeit und kein Getue.“

Nun drückte sie den Hinterleib gegen den Geißfußzweig, auf dem sie saß, und stürzte sich kopfüber in die Luft.

Da schrie die Maus erschrocken: „Sie bricht den Hals!“

Doch die Spinne antwortete von unten her: „Ich habe keinen Hals. Und wenn ich einen hätte, so würde ich ihn nicht brechen. Geh du nach Hause zu deinem lieben Manne und kose mit ihm! Wenn du morgen wiederkommst, sollst du sehen, was ein tüchtiges Frauenzimmer ausrichten kann, wenn es nicht die Zeit mit Liebe und dergleichen überflüssigen Gefühlen vergeudet.“

Da ging die Maus fort, einmal, weil sie zu tun hatte, und dann, weil die Worte der Spinne sie verletzt hatten. Aber der Geißfuß und die wilde Petersilie waren ja gezwungen zu bleiben, wo sie waren; und die langen Zweige auf den Baumstümpfen ebenfalls. Und so merkwürdig benahm sich die Spinne, daß keiner von ihnen die ganze Nacht ein Auge schließen konnte, nur weil sie ihr zusahen.

Sie tat nämlich nichts, als fortwährend kopfüber in die Luft springen. Bald hüpfte sie von dem einen Zweige und bald von dem andern hinab, kletterte dann wieder hinauf und sprang von neuem. Und obschon sie keine Flügel hatte, was jeder sehen konnte, senkte sie sich ganz langsam zu Boden oder auf einen andern Zweig; sie sprang kein einzigesmal fehl und kam nicht im geringsten zu Schaden. Hin und her, auf und ab fuhr sie die ganze Nacht hindurch.

„Es ist doch ein Vogel,“ rief die Petersilie freudig aus.

„Gewiß,“ fiel der Geißfuß ein. „Was sollte es sonst wohl sein?“

Aber die Zweige auf den Baumstümpfen schwankten höhnisch gegeneinander.

„Nie und nimmermehr ist das ein Vogel,“ sagten sie. „Kann er denn singen? Habt ihr ihn je auch nur piepen hören?“

Der Geißfuß und die Petersilie sahen sich nachdenklich an. Und als die Spinne einen Augenblick stillsaß und sich verschnaufte, wagte die Petersilie eine Frage:

„Kannst du singen?“

„Puh!“ antwortete die Spinne. „Glaubst du, daß ich mich mit solchem Unsinn abgebe? Weswegen sollte man denn singen? Das Leben ist nur Mühe und Arbeit, und soll ein alleinstehendes Frauenzimmer durchs Dasein kommen, so muß es die Hände rühren und ordentlich zufassen.“

„Die Vögel singen aber doch,“ beharrte der Geißfuß.

„Sie singen, weil sie verliebt sind,“ erklärte die Spinne. „Ich bin aber nicht verliebt.“

„Wart’, bis der Rechte kommt,“ meinte die Petersilie.

„Sollte er kommen, so mag er sich in acht nehmen,“ sagte die Spinne.

Damit sprang sie wieder kopfüber in die Luft, und das wiederholte sie noch oft.

Aber als der Tag zu dämmern anfing, wären der Geißfuß und die Petersilie vor Verwunderung beinahe umgefallen.

Mitten in der Luft zwischen den Zweigen hing die Spinne. Sie hatte die Beine unter sich angezogen, sich zu einem Klumpen zusammengeballt und schlief fest wie ein Stein.

„Sitzt sie auf dir?“ fragte der Geißfuß.

„Nein,“ versetzte die Petersilie. „Sitzt sie denn nicht auf dir?“

„Bewahre,“ sagte der Geißfuß.

„Auch auf uns sitzt sie nicht!“ fielen die Zweige ein.

„Dann ist es also doch ein Vogel!“ riefen die Petersilie und der Geißfuß entzückt.

„Ein Vogel hängt nicht mitten in der Luft und schläft,“ sagten die Zweige.

„Es muß wohl eine Zauberin sein,“ flüsterte die Maus, die in diesem Augenblick hinzukam. „Wartet nur, bis es ganz hell wird, dann bekommen wir es vielleicht zu sehen.“

Und als die Sonne aufging, da sahen sie es.

Zwischen den Zweigen des Geißfußes und der wilden Petersilie war kreuz und quer eine Menge feiner Fäden ausgespannt, die in der Sonne glänzten, daß es ein Vergnügen war. Andere Fäden gingen quer hindurch in Ringen, der eine immer größer als der andre.

„Ah,“ sagte die Maus. „Jetzt versteh’ ich es. Da in der Mitte hat sie gesessen. Aber wo ist sie denn jetzt?“

„Ich bin hier,“ erwiderte die Spinne unter einem Blatte her. „Ich kann den starken Sonnenschein nicht leiden. Wie gefällt dir meine Arbeit? Übrigens bin ich noch nicht fertig damit.“

„Tja,“ sagte die Maus, „offen gestanden, du hast dir da ein komisches Nest gebaut.“

„Nest hin, Nest her,“ sagte die Spinne. „Ihr habt von einem Neste geschwatzt, ich nicht. Du gehst die ganze Zeit davon aus, daß ich ein elendes, weichliches Weibsbild bin wie du und die andern. Ihr irrt euch. Was sollte ich wohl mit einem Neste? Ich fühle mich sehr wohl hier unter diesem Blatte. Hier ist Schatten, und hier ist es gemütlich. Die Fäden sind mein Fangnetz. Darin fange ich Fliegen. Ob nicht ein kleiner Regenschauer heraufziehen wird? Dann kann ich mich wieder an die Arbeit machen.“

Kurz darauf verschwand die Sonne hinter Wolken. Es regnete still und sanft; und als es aufhörte, kam; die Spinne hervor und streckte in der feuchten Luft vergnügt ihre acht Beine.

Und dann begab sie sich an die Arbeit.

Sie sahen alle, wie sie eine Menge ganz feiner Fäden auf einmal aus ihrem Hinterleib zog. Darauf begann sie, sie mit Kämmen, die sie an der Spitze ihrer Beine trug, zu ordnen; sie wand sie zusammen zu einem einzigen, dicken Faden und hängte den einen neben dem andern auf, überall da, wo ihr eine zu große Öffnung vorhanden zu sein schien, oder wo das Netz ihr zu schwach vorkam. Alle Fäden waren fettig und klebrig, so daß die Fliegen an ihnen hängenbleiben mußten. Im Laufe des Tages wurde das Netz fertig; und sie bewunderten es alle, so hübsch war es.

„Jetzt hab’ ich alles geordnet,“ verkündete die Spinne.

In diesem Augenblick kam ein Star und setzte sich auf die Spitze eines der langen Zweige.

„Ist hier nicht ein bißchen Eßbares?“ fragte er. „Ein paar Larven? Eine Spinne?“

Der Geißfuß und die Petersilie sagten nichts; fast wären sie vor Schreck darüber, ihren Logierbesuch zu verlieren, verwelkt. Die Maus machte sich der Sicherheit halber aus dem Staube; aber die Zweige der Baumstümpfe riefen eilig durcheinander, daß gerade eine wunderschöne, dicke Spinne gekommen sei, die in dieser Nacht ihr Netz, gesponnen hatte.

„Ich sehe keine,“ brummte der Star, und damit flog er weg.

Die Spinne hatte sich geschwind wie der Blitz an einem langen Faden zur Erde niedergelassen und lag da so still, als wäre sie tot. Jetzt kroch sie wieder hinauf, setzte sich mitten in ihr Netz und streckte alle ihre acht Beine aus.

„Das wäre beinahe böse abgelaufen,“ sagte sie. „Nun kommt aber die Reihe an mich.“

In diesem Augenblick näherte sich eine kleine, nette Fliege, die das Netz nicht sah; sie flog mitten hinein und blieb elendiglich darin hängen.

„Das ist Handgeld,“ triumphierte die Spinne.

Mit ihren Kiefern, die voller Gift waren, biß sie die Fliege, so daß sie augenblicklich starb. Dann fraß sie sie. Und ebenso machte sie es mit den drei nächsten, die ins Netz kamen. Darauf konnte sie nicht mehr. Verschiedenes kleines Gewürm, das jämmerlich gefangen wurde, ließ sie hängen und zappeln, ohne daß sie sich rühren machte. Als schließlich noch eine schöne, fette Fliege kam, biß sie sie tot, spann sie in ein kleines Netz ein und hängte sie auf.

„Sie wird mir nächstens gut munden, wenn schlechte Zeiten kommen,“ sagte sie.

„Sehr vernünftig,“ sagte die Maus. „Das ist eigentlich das erste deiner Worte, das ich billigen kann. Aber sonst, das muß ich sagen, gefällt mir deine Methode nicht. Du bist mir allzu hinterlistig. Und dann verwendest du Gift wie die Schlange. Das finde ich nicht ehrenhaft.“

„Findest du das?“ antwortete die Spinne höhnisch. „Das ist wohl schlimmer, als was ihr tut? Du stößt wohl in die Trompete, wenn du auf deine Beute zuschleichst ... nicht wahr, du liebe, fromme Maus?“

„Ich möchte es schon tun, wenn ich nur eine Trompete hätte,“ sagte die Maus. „Ich bin — Gott sei Dank! — kein Räuber und Mörder wie du. Ich sammle meine Nüsse und Eicheln und was mir sonst zufällt, und habe nie jemandem etwas zuleide getan.“

„Nein, du bist ein süßes, liebes Mädel von der alten Sorte,“ höhnte die Spinne. „Du nimmst, was abfällt, und bist froh dabei. Dann gehst du nach Hause und läßt dich von deinem Manne und deinen Kindern liebkosen. Ich bin nun mal aus andrem Stoffe gemacht, will ich dir sagen. Ich mache mir nichts aus der Koserei, aber ich habe Appetit. Ich will Fleisch haben ... schönes, saftiges Fliegenfleisch. Und viel. Ich bitte um nichts, sondern verschaffe mir selbst, was ich nötig habe. Geht es mir gut, so habe ich selbst die ganze Ehre und das Vergnügen; geht es schlecht, so heule ich keinem was vor. Es wäre gut, wenn es viele Frauenzimmer gäbe wie mich.“

„Du bist so roh,“ sagte die Maus.

„Unsinn!“ versetzte die Spinne. „Es ist mit dem einen wie mit dem andern. Ich bin nicht schlimmer als die meisten Leute. Was den Geißfuß und die Petersilie angeht, die machen einander die Schmetterlinge und Bienen streitig und stehlen sich Licht und Luft weg, wo sie nur können.“

„Sehr richtig,“ bestätigte die Petersilie.

„Ein ungeheuer verständiges Frauenzimmer,“ fügte der Geißfuß hinzu.

Aber die Maus meinte: „Du hast einen so häßlichen Namen.“

„Kann nichts dafür,“ erwiderte die Spinne. „Die Menschen haben ihn mir gegeben, weil ich in meinen Kiefern ein klein wenig Gift habe. Die armen Fliegen, die ich fange, tun ihnen so furchtbar leid; und dabei schlagen sie selbst jede Fliege tot, die sich auf ihre Nase setzt. Jacke wie Hose. Nichts als Getue und Ziererei. Übrigens habe ich nichts dagegen, den Namen zu wechseln. Du kannst mich Spinner nennen, wenn das dir besser gefällt. Das kann ein feines Dämchen wie du sagen, ohne in Ohnmacht zu fallen; und das paßt für mich, weil kein Tier der Welt so hübsch spinnt wie ich.“

„Das mag ja alles sein,“ sagte die Maus und schüttelte ihren Kopf. „Aber es sieht nun einmal schlimm aus, was du tust; und unerlaubt häßlich bist du auch.“

Da lachte die Spinne: „Ach so, daran nimmst du Anstoß! Sieh mal, liebe Madam’ Maus, ich bin praktisch angezogen. Mein ärmliches graues Kleid paßt zu meiner Arbeit, und es erweckt kein unnötiges Aufsehen. Gott sei Dank! Ich brauche mich nicht zu putzen wie die andern, die sich aufdonnern, um Glück in der Liebe zu haben, und tirilieren und stolzieren, daß ein vernünftiges Wesen sich schämen muß. Aber natürlich verachten die Tröpfe mich wegen meiner einfachen Kleidung. Laß ihnen die Freude! Ich mache mir nichts daraus. Und ich fresse sie, wenn sie in mein Netz kommen.“

Die Maus schüttelte den Kopf und ging, während die Petersilie und der Geißfuß leise miteinander tuschelten. Die Spinne aber hing in ihrem Netze, streckte die Beine aus und verdaute.

Als die Sonne hervorkam, kroch sie unter ihr Blatt; und nun war die Maus wieder da und guckte hinauf.

„Schläft sie?“ fragte sie.

„Ich glaube wohl,“ erwiderte die Petersilie. „Und du darfst sie nicht mit deinem Geschwätz aufwecken.“

„Es ist und bleibt nun einmal unser Vogel,“ sagte der Geißfuß. „Wenn sie sich auch anders aufführt wie andere Vögel, jedenfalls hat sie uns die Ehre und das Vertrauen erwiesen, sich in uns anzubauen; und darum verlangen wir, daß sie respektiert wird.“

„Hat sich was, so ein Vogel!“ höhnten die Zweige.

„Auf alle Fälle ist sie besser als gar nichts,“ sagte die Petersilie.

„Solche Wichte wie ihr sollten das Maul halten,“ fügte der Geißfuß hinzu. „In euch baut sich wahrhaftig niemand an.“

„Ein Vogel ist sie nicht,“ begann die Maus. „Aber darum kann sie ja doch etwas taugen. Ich glaube, daß sie eine arme, unglückliche alte Jungfer ist, die sich mit dem Leben überworfen hat. Vielleicht hat ihr Liebster sie im Stiche gelassen. So etwas tut weh. Mein erster Mann ist mit einer weißen Maus fortgelaufen, gerade als ich meine Jungen bekommen hatte. Ich spreche aus Erfahrung.“

„Das mag wohl sein,“ sagte die Petersilie nachdenklich. „Aber was ist da zu tun?“

„Wir müssen sehen, sie glücklich zu machen,“ meinte die Maus. „Fährt sie fort, ein so einsames Leben zu führen, so wird sie mit jedem Tage verbitterter, und zuletzt werden alle weicheren Regungen in ihr erstickt werden. Könnten wir nur einen Mann für sie finden!“

„Ja — könnten wir nur!“ seufzte die Petersilie.

„Dann baut sie sich vielleicht ein richtiges Rest mit kleinen Eiern drin,“ sagte der Geißfuß.

In diesem Augenblick streckte die Spinne mit den Worten: „Wovon schwatzt ihr?“ den Kopf unter dem Blatte hervor.

„Wir schwatzen von dir,“ erwiderte die Maus. „Wir sprachen soeben davon, daß du dich verheiraten solltest. Es ist auf die Dauer nicht gut für ein Frauenzimmer, allein zu sein. Davon wird man wunderlich und sauertöpfisch. Du solltest nur wissen, wie reizend es ist, seinen lieben Kinderchen zuzusehen und ihnen zu essen zu geben und sie leben zu lehren.“

„Gefasel!“ brummte die Spinne.

„Es ist die Bestimmung der Natur,“ sagte die Maus. „Und du magst sagen, was du willst, ich werde doch für dich tun, was in meinen Kräften steht. Auf meinem Wege an der Hecke entlang sehe ich jeden Tag eine Menge Spinnen. Sie sind zwar viel kleiner als du, aber sonst doch recht nett. Vielleicht treffe ich eine große. Der sage ich dann, daß hier eine schöne Jungfrau sitzt und sich nach einem Freier sehnt.“

„Dann sagst du eine arge Lüge,“ fiel die Spinne ihr ins Wort. „Und du brauchst auch nicht nach einem Freier zu suchen, der größer ist als ich; denn unsere Mannsleute sind allesamt jämmerliche kleine Krüppel. Keine von uns Spinnen glaubt, daß die Männer etwas wert sind, mußt du wissen. Wir haben längst verstanden, daß es nur die Frauenzimmer sind, an denen etwas dran ist.“

„Jetzt laufe ich,“ sagte die Maus. „Ich finde schon den Rechten. Und ich glaube bestimmt, daß du viel liebenswürdiger werden wirst, wenn du dich verliebst.“

„Lauf du nur, kleine Maus,“ sagte die Spinne. „Der Mann wird nie geboren, der mir gefallen könnte. Aber du hast ja nichts anderes im Kopf, als Liebe und dergleichen Unsinn.“

Sie tötete eine Fliege, spann sie ein und hängte sie auf; und dann verbarg sie sich unter dem Blatte. Die Maus dagegen lief fort, während die Petersilie und der Geißfuß die Köpfe zusammensteckten und die Zukunft besprachen.

Am nächsten Vormittag saß ein wirklich netter Spinnenherr auf der Petersilie, aber ein gutes Ende von der bissigen Jungfrau entfernt.

Er hatte seine Fühler geputzt und spann ein paar schöne Fäden, um zu zeigen, was er könne. Und er bog und streckte die Beine, damit sie sehen konnte, welch gute Figur er habe. Sieben seiner Augen strahlten vor Verliebtheit, während das achte aufpaßte, daß sie ihn nicht fraß.

„Erlauben Sie, Jungfrau, daß ich Ihnen Herz und Hand anbiete,“ sagte er.

„Er kann seine Worte beweisen,“ sagte die Petersilie.

„Ein reizender Mann!“ lobte der Geißfuß. Und die Maus erzählte, daß sie ihn hergeschickt habe.

Doch die Jungfrau blieb kühl. „Der Tropf,“ sagte sie.

Aber der Spinnenherr räumte das Feld nicht so leicht. Er bog zierlich den Vorderkörper, ließ zwei Augen aufpassen, daß ihm nichts zustieß, die andern sechs aber sahen noch einmal so verliebt aus.

„Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen zur Last fallen will,“ beteuerte er. „Ich habe mein eigenes Gespinst ein Stück weiter unten auf der Hecke und kann bequem die paar Fliegen fangen, die ich brauche. Ich habe sogar fünf schöne, fette aufgehängt und eingesponnen, und es wird mir eine Ehre sein, sie Ihnen morgen anzubieten, damit Sie sehen, daß mich nur die Liebe treibt.“

„Wie du faselst!“ spottete die Jungfrau. „Was zum Teufel sollte ich mit einem so erbärmlichen Mannsbild anfangen?“

„Gott bewahre,“ sagte er — und jetzt war nur noch ein verliebtes Auge vorhanden, so grimmig sah sie aus. „Kommt meine Bewerbung Ihnen ungelegen, so ziehe ich mich auf der Stelle zurück und warte, bis Sie ein andermal ...“

„Ich glaube, das ist das Ratsamste für dich,“ sagte sie. „Sieh zu, daß du schleunigst fortkommst, oder ich werde ...“

Da ließ er sich im Nu an einem Faden hinab, während sie hinter ihm hereilte. Aber er entkam, und ein Weilchen darauf saß sie wieder in ihrem Gespinst und sah sauertöpfischer aus als je.

„So ein Frauenzimmer!“ sagte die Maus.

„Ja ... nicht wahr!“ höhnte die Spinne. Doch die Petersilie wollte einlenken:

„Man kann doch auch nicht den ersten besten nehmen.“

Und der Geißfuß tröstete: „Es war nur nicht der Rechte.“

Währenddessen lief der unglückliche Bewerber in der Hecke umher und erzählte den anderen Spinnenherren von der schönen, merkwürdigen Dame, die ihr Gespinst zwischen dem Geißfuß und der wilden Petersilie ausgespannt habe.

„Sie ist so groß,“ berichtete er und spreizte dabei seine Beine, soweit er konnte. „Ich habe nie in meinem Leben etwas so hübsches gesehen. Aber stolz ist sie ... unglaublich stolz. Mir ist so weh ums Herz, weil sie mir einen Korb gegeben hat, und das ist sicher mein Tod. So viel steht jedenfalls fest: ich heirate nie!“

Alle hörten ihn mit großen Augen an und wollten es noch einmal hören. Und es dauerte nicht lange, so erzählte man sich auf der ganzen Hecke von der stolzen und schönen Spinnenprinzessin. Sobald die Mannsleute mit ihrem Tagewerk fertig waren, kamen sie zusammen und sprachen von ihr. Alle wurden nach und nach von Liebe zu ihr ergriffen, so daß sie meinten, gar nicht ohne sie leben zu können.

Einer nach dem anderen zog aus, um die Hand der Schönen anzuhalten, und allen erging es gleich jämmerlich.

Der erste war ein flotter Bursche. Er hatte den unglücklichen Freier gewaltig verhöhnt, weil er der Prinzessin die fünf eingesponnenen Fliegen versprochen, die er daheim im Neste hatte.

„Aus solchen Versprechungen machen sich die Frauenzimmer nichts,“ sagte er. „Sie müssen es auf der Stelle bar ausbezahlt bekommen. Sieh einmal, wie ich es machen werde!“

Und er kam mit einer prächtigen Schmeißfliege zu der Jungfrau und legte sie ihr ohne ein Wort zu Füßen.

Doch sie empfing ihn anders, als er erwartet hatte.

„Sollte ich mich von einer Mannsperson ernähren lassen?“ schrie sie.

Und bevor er sich’s versah, hatte sie sich über ihn hergemacht und ihn gefressen. Die Fliege ließ sie zunächst verächtlich liegen; doch im Laufe des Nachmittags, als sie glaubte, daß keiner es sähe, ließ sie sich an einem der Fäden hinunter und fraß auch sie.

Nicht besser erging es den Freiern, die nach ihm kamen.

Sechs von ihnen fraß sie, während sie mitten in ihrer Freiersrede waren; nur zweie ließ sie nicht einmal den Mund auftun. Einen erwischte der Star, gerade als er seine Reverenz machen wollte, und einer fiel, als sie ihn ansah, vor Schreck in den Graben und ertrank sofort.

„Nun wären es zwölf,“ sagte die Maus.

„Ich habe sie nicht gezählt,“ erwiderte die Spinne. „Aber jetzt wird man mich wohl in Frieden lassen.“

„Du bist ein entsetzliches Frauenzimmer,“ sagte die Maus. „Ich prophezeie dir, daß du es erleben wirst, kinderlos in dein Grab zu gehen.“

Da machte die Spinne zum erstenmal ein nachdenkliches Gesicht.

„Es ist zu dumm, daß man die Kinder nicht bekommen kann, ohne einen Mann zu haben.“

„Jetzt schmilzt ihr hartes Herz,“ sagte die Maus.

Und die Petersilie und der Geißfuß riefen „Oh“ und „Ah“ vor Neugier.

Doch die Spinne zerstörte alle Hoffnungen. „Gefasel!“ sagte sie.

Aber sie sah noch immer nachdenklich aus, betrachtete ihre Kämme und bemerkte gar nicht, daß eine Fliege in ihr Netz flog. Kurz darauf sagte sie:

„Man müßte ja eigentlich doch dafür sorgen, ein paar tüchtige Spinnenmädel in die Welt zu setzen. Ich vermute, es ist meine Pflicht, Erben zu hinterlassen, denen ich meine Verachtung der elenden Mannsbilder vermachen kann.“

„Sie nimmt Vernunft an!“ flüsterte die Maus.

Und der Geißfuß und die wilde Petersilie nickten, aber keiner von ihnen sagte etwas, um sie nicht in ihren Betrachtungen zu stören.

Doch die Maus rannte die Hecke entlang und rief alle überlebenden Spinnenherren zusammen.

„Der, der morgen um die Prinzessin anhält, bekommt sie,“ verkündete die Maus. „Sie ist nicht wiederzuerkennen. Das Eis ist geschmolzen. Ihr Herz ist wie Wachs. Sie fangt keine Fliegen, ißt nicht und trinkt nicht, sitzt bloß und starrt sehnsüchtig in die Luft hinaus. Beeilt euch!“

Nach diesen Worten lief die Maus weg.

Aber die Spinnenherren sahen sich nachdenklich an. Keiner von ihnen hatte so recht den Mut, noch einen Versuch zu wagen; zu schlimm war es den zwölfen ergangen; und ein paar von den Vernünftigsten kletterten sogar flugs in die Höhe und verkrochen sich unter den Blättern, um nicht in Versuchung zu kommen.

Nur wenige blieben zurück und dachten über die Worte der Maus nach; unter ihnen war auch ein kleiner, dünner, junger Spinnenherr, der immer zugehört hatte, wenn die anderen von der wunderbaren Prinzessin sprachen, aber nie selbst etwas gesagt hatte.

„Ich glaube, ich mache den Versuch,“ erklärte er plötzlich.

„Du?“ riefen die anderen durcheinander.

Und sie fingen an, bei dem Gedanken zu lachen, daß der Wicht das durchsetzen sollte, wobei schon so mancher kecke Spinnenbursch sein Leben eingebüßt hatte.

Aber der Kleine ließ sie lachen, soviel sie wollten.

„Ich denke, ich komme keinem von euch ins Gehege,“ sagte er ruhig. „Von euch wagt es ja doch keiner. Und ich habe eben Lust, den Versuch zu machen. Ich bin da gewesen und habe sie mir angesehen; sie ist, weiß Gott, ein schönes Frauenzimmer. Hat sie zwölf Freier verworfen, so nimmt sie vielleicht den dreizehnten. Ich glaube auch, die anderen haben sich falsch benommen.“

„So, das glaubst du also?“ sagten die anderen und lachten weiter. „Und wie willst du dich denn benehmen?“

„Ihr könnt mitgehen und selbst sehen,“ erwiderte er. „Morgen halte ich um sie an.“

Und am nächsten Morgen tat er es wirklich.

Er kam auf seinen acht Beinen angekrabbelt, ganz ruhig und bedächtig. Ein Stück hinter ihm kam alles, was es an Spinnenmannsleuten auf der Hecke gab. Die langen Zweige auf den Baumstümpfen reckten den Hals, um ihn zu sehen, und die Petersilie und der Geißfuß breiteten ihre Blüten und Blätter aus, damit ihm das Gehen möglichst leicht fallen sollte. Die Maus stand vor Neugier auf den Hinterbeinen und stierte und lauschte.

Die Prinzessin selbst aber saß in ihrem Netze und tat so, als sähe sie ihn nicht.

„Erlauchte Prinzessin,“ begann er. „Ich komme, Sie zu fragen, ob Sie mich zum Manne nehmen wollen?“

„Das ist der dreizehnte,“ sagte sie.

Aber im stillen dachte sie, daß sie ihn besser leiden mochte als die andern. Sie hatten sie sämtlich zur Frau nehmen wollen ... der hier bat, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte. Das klang bescheiden und hübsch.

„Sie gibt nach,“ rannte die Maus und tanzte vor Entzücken.

„Pst!“ rief die Petersilie.

„St!“ sagte der Geißfuß.

Und die Spinnenherren flüsterten einander zu: „Sie hat ihn noch nicht gefressen!“

„Ich weiß wohl, daß es anmaßend von mir ist, eine solche Bitte an Sie zu richten,“ sagte der Freier. „Was ist eine arme Mannsperson wohl gegenüber einem Weibe, und was ist speziell ein elender Bursche wie ich Ihnen gegenüber, die Sie die größte und schönste Dame der ganzen Hecke sind. Aber das ist’s just, was mich zu Ihnen zieht.“

Da drehte sich die Spinne nach ihm um und sah ihn an. Er wäre fast vor Schreck in den Erdboden versunken und schlug seine acht Augen vor ihr nieder. Alle die andern Spinnenherren stürzten von dannen, so schnell sie konnten.

„Jetzt frißt sie ihn,“ riefen der Geißfuß und die Petersilie.

„Sie ist ein liebliches Mädchen,“ triumphierten die Zweige auf den Baumstümpfen.

„Ein entsetzliches Frauenzimmer ist es!“ sagte die Maus.

Aber sie fraß ihn nicht.

Sie nahm eine Fliege, die gerade in ihr Netz flog, biß sie tot und schickte sich an, sie in Ruhe und Bequemlichkeit zu verzehren, wobei sie ihn unausgesetzt aufmerksam beobachtete.

Ein gräßlicher Wicht war er, besonders jetzt, wo er am ganzen Körper zitterte, weil er glaubte, daß sein letztes Stündlein geschlagen habe. Aber so hatte sie ihn gerade gern. Sie war der Ansicht, das passe gerade zu einem Mannsbild. Und als er sah, daß sie keine Miene machte, auf ihn loszufahren, ermannte er sich so weit, daß er seine Rede beenden konnte.

„Ich verstehe so gut, daß Sie an mir nichts besonders Hübsches finden können,“ sagte er. „Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, und ich bin nur eine arme Mannsperson. Aber wenn ich Vater einer Tochter werden könnte, die Ihnen gliche, so würde ich mein Lebensziel für erreicht halten und demütig für mein Glück danken.“

Da geschah das Wunderbare. Sie nahm ein Fliegenbein und warf es ihm hin, was bei den Spinnen dasselbe bedeutet wie Ja.

Bebend vor Glück und Angst, kroch er näher zu ihr hin.

„Gut,“ sagte sie, „ich nehme dich. Aber gib acht, daß du mich nicht ärgerst! Denn dann fresse ich dich.“

„Sie hat ihn genommen!“ rief die Maus und geriet außer sich vor Freude.

„Sie hat ihn genommen!“ sagten der Geißfuß und die Petersilie.

„Sie hat ihn genommen!“ sagten die Zweige auf den Stümpfen und raschelten vor lauter Verwunderung.

„Sie hat ihn genommen!“ riefen die Spinnenherren, die zurückgekommen waren, aber jetzt wieder davonliefen, teils um die Neuigkeit rings auf der Hecke zu verkünden, teils um nicht zur Hochzeit gefressen zu werden.

Und die Hochzeit wurde wirklich gefeiert.

Auf der ganzen Hecke herrschte ein Jubel ohnegleichen, und die Maus war die froheste von ihnen allen; denn das Ganze war ja ihr Werk. Oder vielleicht waren die wilde Petersilie und der Geißfuß noch froher; denn sie sollten ja nun in ihren Wipfeln das Familienleben haben, nach dem sie sich so lange gesehnt hatten, und das sie im Range mit den richtigen Sträuchern gleichstellte. Und sogar die Zweige auf den alten Stümpfen wurden von der allgemeinen Freude angesteckt und vergaßen ihren Neid.

Die Hochzeit wurde sofort begangen, denn man hatte ja auf nichts zu warten. Die Petersilie und der Geißfuß ließen allerorten ihre weißen Blüten niederrieseln, um das Fest mitzufeiern. Die Maus schleppte ihre Jungen auf die Hecke hinauf, damit sie das glückliche Brautpaar sehen sollten, die Glockenblume läutete, der Mohn lachte, und die Winde schloß ihre Blumenkrone eine halbe Stunde früher als sonst, um die Neuvermählten nicht mit unzeitiger Neugier zu belästigen.

Die Braut fraß alle die Fliegen, die sie eingesponnen hatte, ohne dem Bräutigam etwas davon anzubieten. Aber das machte nichts aus, denn sein Glück saß ihm ganz oben im Halse, so daß er sowieso keinen Bissen hätte hinunterbekommen können. Er machte sich so klein wie nur möglich. Als sie ihm einmal mit einem von ihren Kämmen über den Rücken strich, schüttelte er sich, so daß die anderen glaubten, er müsse sterben. — — —

Am nächsten Morgen war die Maus schon in der Frühe auf den Beinen.

„Habt ihr noch nichts von den jungen Eheleuten gesehen?“ fragte sie.

„Nein,“ erwiderte die Petersilie.

„Sie schlafen,“ meinte der Geißfuß.

„Ach,“ sagte die Maus, „was für ein Glück, daß wir sie endlich verheiratet haben! Jetzt sollt ihr sehen, wie lieb und umgänglich sie werden wird. Der Wunder, die die Liebe ausrichtet, gibt es kein Ende. Und wenn Kinder kommen ...“

„Glaubst du, daß sie dann singen wird?“ fragte der Geißfuß.

„Ich glaube das Beste,“ entgegnete die Maus. „Sie sieht nicht danach aus, als hätte sie eine Singstimme; aber wie gesagt — die Liebe! Jetzt sollt ihr bloß sehen, was für ein Glanz über ihr ist, wenn sie kommt. Wenn wir sie nur wiedererkennen können!“

Und die Maus lachte, und die Petersilie und der Geißfuß lachten, und die Sonne ging auf und lachte mit.

Schließlich kam die Spinne aus ihrem Blätterversteck hervorgekrabbelt.

„Viel Glück, viel Glück!“ piepste die Maus.

„Viel Glück, viel Glück!“ sagten der Geißfuß und die Petersilie.

Die Spinne aber streckte sich und gähnte. Dann ging sie hin und setzte sich in ihr Netz, als ob nichts vorgefallen wäre.

„Wo ist der Herr Gemahl?“ erkundigte sich die Maus. „Kann er nicht so schnell aus den Federn kommen?“

„Ich hab’ ihn heute morgen gefressen,“ antwortete die Spinne.

Da schrie die Maus, daß es über die ganze Hecke schallte. Und die Petersilie und der Geißfuß zitterten, daß alle ihre Blüten abfielen. Und die Zweige krachten wie im Sturm.

„Er sah so dumm und ekelhaft aus, wie er da neben mir saß,“ erklärte die Spinne. „Da hab’ ich ihn gefressen. Er hätte ja seine Finger von mir lassen können.“

„Gott steh uns bei!“ schrie die Maus. „Seinen eigenen, rechtmäßigen Mann zu fressen!“

Und der Geißfuß und die Petersilie riefen „Ach!“ und „Weh!“

An diesem Tage blieb es merkwürdig still auf der Hecke, und es wurde nicht lustiger an den folgenden Tagen.

Die Spinne gab acht auf ihr Netz und fing und fraß mehr Fliegen als je. Sie sagte kein Wort und sah dabei so grimmig aus den Augen, daß auch keiner ein Wort zu ihr zu sagen wagte. Die Spinnenherren hüteten sich wohl, ihr zu nahe zu kommen. Sie versammelten sich jeden Abend und sprachen davon.

„Ja, aber bekommen hat er sie doch,“ sagte derjenige von ihnen, der am schwärmerischsten veranlagt war.

Da fielen die anderen über ihn her und fragten ihn, ob er es denn für ein Glück halte, von seiner Frau am Hochzeitmorgen gefressen zu werden. Und darauf wußte er nichts zu antworten, denn seine Schwärmerei war nicht ganz echt.

Die Maus schlich ganz niedergeschlagen umher. Sie nahm sich die Geschichte so zu Herzen, als wäre sie in ihrer eigenen Familie passiert. Der Geißfuß und die wilde Petersilie ließen die Schirme hängen und fühlten sich verlegen und beschämt gegenüber den Zweigen auf den Stümpfen. Und so groß war die Niederlage, die sie erlitten hatten, daß es sogar den Zweigen unrecht schien, sie zu verhöhnen. — — —

Doch eines Tages, als die Sonne heiß herniederbrannte, beugte sich die Petersilie hinab an das Loch der Maus und flüsterte:

„Pst ... liebe Maus ...“

„Was gibt es?“ fragte die Maus und kam hervor.

„Wir sind es, der Geißfuß und ich. Wir wollen dich etwas fragen,“ sagte die Petersilie. „Du bist so klug ... sag’ uns einmal ... hältst du es für denkbar, daß die Spinne ein anderer Mensch werden wird, wenn sie jetzt ihre Eier legen muß?“

„Ich glaube nichts mehr,“ erwiderte die Maus. „Ich glaube nimmermehr, daß das Frauenzimmer Eier legt.“

Und doch kam es so.

Eines schönen Morgens begann die Spinne wirklich Eier zu legen; und sie tat es so, daß keiner auf der Hecke die Geschichte je vergaß.

„Puh,“ klagte sie. „Daß man sich nun mit dem Kinderschnickschnack plagen muß!“

Sie legte einen Klumpen von zehn Eiern und stand da und betrachtete ihn ärgerlich.

„Bau’ dir ein Nest für die Eier,“ sagte die Petersilie. „Alles, was wir besitzen, steht zu deiner Verfügung.“

„Leg’ dich darauf und brüte sie aus,“ setzte der Geißfuß hinzu. „Wir werden ein Dach über dir flechten, damit die Sonne dich nicht belästigt.“

„Sammle kleine Fliegen für die Kinder, wenn sie ausschlüpfen,“ riet die Maus. „Du ahnst nicht, was solche Jungen fressen können.“

„Übe dich darin, ihnen etwas vorzusingen,“ ermahnten die Zweige auf den Stümpfen.

„Blödsinn!“ war die Antwort der Spinne auf alle diese guten Ratschläge.

Sie legte noch vier Klumpen, und dann spann sie jeden Klumpen für sich in ein dichtes und feines Gehäuse aus feinen, Fäden.

„Ganz ohne Herz ist sie nicht,“ sagte die Maus.

Und nun nahm die Spinne einen Klumpen, lief die Hecke hinunter und grub ihn in die Erde ein. Dann ging’s wieder hinauf, der nächste Klumpen wurde geholt und so fort, bis alle fünf Klumpen vergraben waren.

„So,“ sagte sie, „nun ist die Geschichte überstanden. Und keiner kann mich überreden, die Sache noch einmal durchzumachen. Jetzt ist man doch wieder ein freies, selbständiges Frauenzimmer.“

„Ein allerliebstes Frauenzimmer!“ sagte die Maus. „Ein Schimpf und eine Schande ist sie für ihr Geschlecht.“

Und die Zweige auf den Baumstämmen sagten spöttisch: „Ein süßer, kleiner Vogel!“

Aber der Geißfuß und die Petersilie sagten nichts.

*

Am nächsten Morgen war die Spinne fort.

„Der Star hat sie erwischt,“ erzählte die Maus. „Im Handumdrehen war sie weg. Ich habe es selbst gesehen.“

„Wenn ihm nur nicht schlecht wird,“ sagten die Zweige. „Das muß ein schlimmer Bissen sein.“

Dann wurde es Herbst und Winter.

Die Maus saß warm in ihrem Loch, und die Eier der Spinne lagen in der schützenden Erde. Der Geißfuß und die Petersilie welkten und starben. Die Zweige auf den Baumstümpfen verloren ihre Blätter, aber sie raschelten weiter durch Sturm und Frost und Schnee bis ins Frühjahr hinein.