Die Erde und der Komet.
Die Geschichte, die ich nun erzählen will, ist höchst seltsam. Sie dauert ein paar hundert Jahre, so daß derjenige von uns, der mit darin vorkäme, lange vor ihrem Ausgang, ja bevor sie so recht in Gang gekommen wäre, tot und begraben sein würde.
Sie spielt draußen im Weltraume, wo die Sterne schwimmen, und wo es so kalt ist, daß der dickste Winterüberzieher nicht mehr Schutz bietet als ein kurzes Hemd. Und der Weltraum ist so groß, daß niemand es in Worten ausdrücken kann. Aber das macht nichts. Denn wenn einer es könnte, so würden ihn die andern doch nicht verstehen.
*
Draußen im Weltraum drehte sich die Erde um die Sonne, wie sie es seit vielen Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag getan hat. Sie drehte sich in einem fort; einem andern wäre längst schwindlig davon geworden.
Aber die Erde war an diese Drehung gewöhnt, die ein ganzes Jahr dauerte; und sobald sie die eine Umdrehung beendet hatte, begann sie die nächste.
Während der ganzen Zeit drehte sie sich außerdem noch um sich selbst, wie ein junger Hund, der hinter seinem Schwanz herläuft. Doch dazu brauchte sie nicht mehr als vierundzwanzig Stunden; und das tat sie auch nur, damit die Sonne alle ihre Seiten gleichmäßig beschiene. Denn auf der Seite, die der Sonne abgewandt war, herrschte stets finstere Nacht. Und wenn die Erde Europa, Asien und Afrika ununterbrochen der Sonne zukehren würde, so kämen die Leute in Amerika ja überhaupt nicht aus dem Bett heraus.
Die Erde hatte also gar nicht so wenig zu tun; und außerdem hatte sie auch noch auf den Mond achtzugeben.
Der Mond konnte ja freilich, wenn es darauf ankam, für sich selber sorgen. Denn er hatte nichts andres zu tun, als sich, ganz wie die Erde, um sich selbst zu drehen und außerdem um die Erde, so wie die Erde sich um die Sonne bewegte. Er war viel kleiner als die Erde und hatte in Wirklichkeit nichts zu sagen. Darum redete die Erde immer in befehlendem Tone mit ihm, und dafür neckte der Mond sie unaufhörlich.
Ein wenig kam das ja auch daher, daß die beiden einander so nahe waren, und daß alle die andern Sterne zu weit entfernt waren, so daß man nicht mit ihnen sprechen konnte. Und wenn man immer und ewig zusammen sein muß, wird man leicht ärgerlich aufeinander.
Regelmäßig einmal in jedem Monat war der Mond voll. Dann grinste sein rundes Gesicht so recht von Herzen, so daß die Erde stets ganz wütend wurde.
„Seht, wie er leuchtet, der jämmerliche Trabant!“ sagte die Erde. „Er bildet sich ein, er wäre ein Fixstern.“
Der Mond grinste, solange es dauerte. Aber es dauerte nie lange. Mit jeder Nacht bekam er ein immer längeres Gesicht; und es sah aus, als hätte er Katzenjammer. Schließlich verschwand er ganz, kam aber sofort wieder hervor und wurde größer und größer, bis er dann wieder voll war.
„Kannst du mir folgen?“ fragte die Erde.
„Natürlich,“ erwiderte der Mond.
„Hoffentlich nimmst du die Zeit richtig wahr,“ fuhr die Erde fort. „Vergiß es nur nicht: wenn ich einmal um die Sonne laufe, läufst du dreizehnmal um mich. Sonst kommt der Kalender in Unordnung.“
„Ich bin schon lange genug umhergerennt, um zu wissen, was ich zu tun habe, du böser, alter Planet!“ sagte der Mond; denn er war an diesem Tage gerade voll, und dann pflegte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Aber er neckte die Erde auch noch auf andere Art. Manchmal zog er von dem Wasser auf der Erde so viel, wie er konnte, auf die eine Seite hinüber, so daß dort Hochwasser war, während auf der andern das Wasser niedrig stand. Dann geschah es, daß an der einen Stelle Überschwemmungen und Unglücksfälle eintraten, und daß an der andern die Schiffe strandeten. Und die Leute, die darunter zu leiden hatten, riefen, auf dieser verfluchten Erde sei das Leben nicht auszuhalten. Aber das kränkte die Erde natürlich, da sie unschuldig war, und darum wurde sie doppelt böse auf den Mond.
„Nun ist der Bursche schon wieder voll,“ schalt sie. „Ich möchte eigentlich wissen, was für einen Zweck es hat, daß er in einem fort herumrennt.“
So zankten sie sich, während ein Jahr nach dem andern verstrich und sie ihre bestimmten Bahnen zurücklegten. Ringsum wanderten die andern Sterne mit ihren Sorgen und Kümmernissen dahin. Und in der Mitte des Ganzen leuchtete über ihnen allen die Sonne.
*
Eines Tages im März kam ein fremder Stern durch den Weltraum angeschwommen.
Weder die Erde noch der Mond hatten ihn jemals gesehen; und darum machten sie große Augen, als sie ihn erblickten. Er glich auch den andern Sternen durchaus nicht; denn er hatte einen langen, leuchtenden Schweif.
„Was in aller Welt ist das für ein Bursche?“ fragte die Erde.
„Ich habe noch nie so etwas gesehen!“ sagte der Mond.
Sie waren beide so überrascht, daß sie nahe daran waren, stillzustehen. Der fremde Stern kam immer näher; und die Erde bekam Angst, daß er gegen sie anrennen werde. Als er nahe genug war, so daß man ihn anrufen konnte, schrie die Erde:
„Hallo! Was willst du hier auf meinem Weg? Wer bist du? Woher kommst du? Wohin gehst du?“
„Du fragst viel auf einmal,“ sagte der fremde Stern.
„Wer bist du?“ fragte die Erde wieder.
„Ich bin bloß ein kleiner Komet,“ erwiderte der Stern. „Aber wer bist du denn?“
„Ich bin ja die Erde. — Nun weißt du wohl Bescheid?“
„Bescheid weiß ich wahrhaftig noch nicht,“ antwortete der Komet. „Diese Himmelsgegend ist mir nämlich ganz fremd; ich bin noch nie hier gewesen und noch keinem einzigen von den Sternen vorgestellt worden.“
„Da bist du an die richtige Quelle gekommen,“ erklärte die Erde wichtig. „Es ist nicht meine Gewohnheit zu prahlen; aber ich darf wohl sagen, daß ich der Begabteste von uns allen bin.“
„Da habe ich ja Glück gehabt,“ sagte der Komet. „Aber spute dich ein bißchen mit deiner Erzählung. Ich habe keine Zeit, müßig zu sein.“
„Wir bewegen uns sehr schön schnell dahin,“ versetzte die Erde in freundlichem Ton. „Komm mit und begleite mich einmal um die Sonne herum! ... Wie? Es dauert bloß ein Jahr. Währenddessen können wir uns hübsch unterhalten.“
„Püh!“ erwiderte der Komet höhnisch. „Das nennst du schön schnell? Ich pflege ganz anders dahinzusausen. Spute dich und laß hören, was für Leute ihr hierzulande seid!“
„Versprich mir zuerst, daß du dich in acht nehmen willst, nicht gegen mich anzurennen,“ sagte die Erde.
Da lachte der fremde Stern so sehr, daß sein Schweif sich in drei Teile spaltete.
„Hab’ keine Angst,“ erwiderte er. „Ich bin ein lockerer, loser Geselle; und wenn ich mit einem Klotz wie du zusammenstieße, würde ich in tausend Stücke gehen.“
„Aha,“ meinte die Erde voll Eifer. „Du bestehst aus nichts als Feuer? In dem Zustand bin ich auch einmal gewesen.“
„Das ist wohl schon ziemlich lange her?“ fragte der Komet mißtrauisch. „Mich dünkt, du hast eine große Eiskapuze auf deinem Pol.“
„Allerdings,“ antwortete die Erde. „Sogar eine auf jedem Pol. Aber ich glaube, es schadet nichts, wenn man einen kalten Kopf und kalte Füße hat, sobald man nur den Leib ordentlich warm hält.“
„Nun ... und das Feuer?“ fragte der Komet.
„Das hab’ ich in mir,“ erwiderte die Erde. „Du kannst es auch zu sehen kriegen, wenn du Lust hast.“
Und ohne zu zögern, ließ sie ein paar ihrer größten Vulkane lustig Feuer speien.
„Sieh, sieh!“ rief der Komet. „Etwas ist also wirklich vorhanden.“
„Etwas?“ fiel die Erde gekränkt ein. „Ich habe den ganzen Leib voll, wenn du’s wissen willst. Gerade das macht mich so außerordentlich interessant. Siehst du ... früher bin ich einmal ein ebenso loser, lustiger Gesell gewesen wie du. Aber dann hab’ ich mich zusammengenommen und habe mich verdichtet. Schließlich hat sich rings um mich eine dicke Kruste gebildet; und jetzt kann ich nur noch Kaminfeuer in meinen Vulkanen brennen lassen. Aber Feuer hab’ ich in mir!“
„Mit der Kruste, das muß eine lästige Sache sein,“ sagte der Komet.
„Nun ja,“ sagte die Erde. „Man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Und jetzt leben Menschen darauf.“
„Menschen?“ wiederholte der Komet. „Was ist denn das?“
Die Erde juckte sich nachdenklich am Nordpol und stieß dabei an die Eiskapuze, so daß sich ein paar gewaltige Blöcke loslösten, die als Eisberge ins Meer hinaustrieben.
„Tja,“ sagte sie dann. „Eigentlich ist es wohl so eine Art Ungeziefer.“
„Pfui!“ warf der Komet ein.
Die Erde schwieg ein Weilchen, wie wenn sie nachdächte. Dann fuhr sie fort:
„Wenigstens kribbeln und krabbeln sie herum, daß man manchmal rein verrückt dabei werden möchte. Und je mehr hinzukommen, desto ärger wird es. Sie durchwühlen mich in Kreuz und Quere, um Kohlen und Metall zu finden und was sie sonst noch brauchen können. Sie legen Schienen und fahren mit Dampf rings um mich herum, sprengen Löcher in meine größten Berge und schlagen Brücken über meine Gewässer. Und dann sagen sie, sie seien meine Herren.“
„Ich finde es nicht sehr rühmlich für einen Stern, sich von solchem Gewürm Vorschriften machen zu lassen,“ sagte der Komet. „Kannst du diese Wesen denn nicht von dir abschütteln?“
„Versucht hab’ ich es,“ entgegnete ihm die Erde. „Und zwar mehr als einmal und auf verschiedene Weise. Ich habe eine Menge Feuer und glühende Steine durch meine Vulkane ausgeworfen und ganze Städte der Menschen darunter begraben. Oft habe ich auch Sturmfluten kommen lassen, so daß sie zu Tausenden ertranken. Und wenn ich finde, daß sie gar zu zudringlich werden, dann schüttle ich mich und erzeuge ein Erdbeben.“
„Na,“ warf der Komet ein, „und hilft das denn gar nicht?“
„Ein bißchen nützt das ja allerdings,“ erwiderte die Erde. „Auf die Dauer aber doch nicht. Es sind zu viele geworden, glaube ich. Ich hätte früher daran denken sollen, als es noch weniger waren, und als sie noch nicht so klug waren. Wenn ich ein paar tausend von ihnen ertränkt oder begraben habe und hoffe, daß die Familien dieser Menschen vor Hunger und Kummer umkommen, dann sammeln die andern für sie und trösten sie und helfen ihnen; und nach ein paar Jahren bin ich wieder genau so überfüllt wie vorher.“
„Ich habe noch nie so etwas gehört,“ sagte der Komet, „und begreife nicht, daß du das duldest.“
„Ja ... was soll ich machen?“ entgegnete die Erde. „Ich kann nicht mehr fertig mit ihnen werden. Sie haben mich von Pol zu Pol untersucht, so daß ich bald keinen Fleck mehr für mich habe. Sie haben Berechnungen mit mir angestellt und Messungen an mir vorgenommen und haben mich von allen Ecken und Kanten beschrieben ... Manche von ihnen setzen auf ihren Tisch eine Kugel, die mich vorstellen soll, und auf der sie mich aufs genaueste untersuchen können. Sie berechnen im voraus, wann Sturm und Gewitter eintritt und Erdbeben und dergleichen ... An ihren Wänden hängen Apparate, die es ihnen erzählen. Was soll ich nun mit ihnen anfangen?“
„Ich weiß es nicht,“ sagte der Komet. „Aber das weiß ich: ich würde so etwas nicht dulden.“
Da lachte die Erde höhnisch und sagte:
„Pah! Bilde dir nur nichts ein! In diesem Augenblick, während wir beide hier zusammen plaudern, haben meine Menschen dich bereits entdeckt. Durch ihre Fernrohre starren sie dich an, und sie berechnen deine Bahn, geben dir einen Namen und schreiben ganze Bücher über dich. Das heißt, das tun die Klügsten von ihnen. Die Idioten aber haben Angst vor dir und glauben, daß du gekommen seist, um den Untergang der Welt zu verkünden.“
„Wer sind die Idioten?“ fragte der Komet.
Da gab die Erde ihrer Eiskapuze einen Stoß, so daß das halbe Atlantische Meer sich mit Eisbergen füllte und die Bäume zu Pfingsten noch immer kahl waren.
„Ich wünschte, du hättest mich nicht danach gefragt,“ sagte sie verlegen.
„Verzeihung,“ fiel der Komet ein. „Vielleicht ist es ein Familiengeheimnis.“
„Nein,“ entgegnete die Erde. „Durchaus nicht. Aber es ist mir bis auf den heutigen Tag unmöglich gewesen herauszufinden, wer eigentlich die Idioten sind. Vorhanden sind sie — das weiß ich. Sogar in großer Zahl. Aber sie sind nicht ohne weiteres zu erkennen. Danach, was die Menschen selbst sagen, kann man sich ganz und gar nicht richten. Denn jeder einzelne von ihnen hält sich selbst für klug und alle andern für Idioten.“
„Dann sind sie wohl alle Idioten,“ meinte der Komet.
Doch da fühlte sich die Erde im Namen ihrer Menschen gekränkt. Es kam ihr der Gedanke, daß sie doch wohl zu offenherzig gegen solch einen fremden Stern gewesen sei, von dem sie ja im Grunde nicht das geringste wußte, und der sich obendrein selber als lose, unsolide Person vorgestellt hatte. Darum schlug sie einen sehr würdigen Ton an, als sie erwiderte:
„Durchaus nicht, mein lieber Komet. Durchaus nicht. Aber es hat ja keinen Zweck, weiter über diese Dinge zu reden, von denen du doch nichts verstehst. Ich pflege sonst nicht zu prahlen, aber ich möchte dich doch bitten zu beachten, daß ich von allen Sternen bei weitem der interessanteste bin. Sieh dich im ganzen Weltraum um, soweit du willst: meinesgleichen wirst du nicht finden. Schau’ auf die Venus, die da drüben leuchtet, schau’ auf den Jupiter und Mars, und wie sie alle heißen, die gleich mir die Sonne umkreisen. Und dann sieh mich richtig an! Und übersieh nicht meine tiefen, frischen Meere, meine Buchenwälder und Palmenhaine ...“
„Offen gestanden, ich kann nichts von alledem entdecken,“ erwiderte der Komet. „Aber darum kann es ja doch wahr sein. Übrigens kommt es mir so vor, als hättest du einen regelrechten Nebel um dich herum.“
„Ach so,“ sagte die Erde, ein wenig peinlich berührt. „Den hab’ ich ganz vergessen gehabt. Das ist meine Atmosphäre.“
„Es ist ja beängstigend, wie du geplagt bist ... mit deiner Kruste, deinen Menschen und deiner Atmosphäre.“
„Komet!“ sagte die Erde ernst. „Allerdings renne ich um die Sonne wie die andern Sterne, die ich vorhin erwähnte; allerdings bin ich einer der allerkleinsten darunter. Und doch bin ich überzeugt, daß ich im Grunde den Mittelpunkt der Welt bilde.“
„Du kommst außer Atem,“ antwortete der Komet. „Du pflegst ja nicht zu prahlen, wie du sagst ... Setz’ dich ein bißchen und prahle weiter!“
„Mich setzen?“ wiederholte die Erde in beleidigtem Ton. „Ja, wenn ich das täte, wäre es bald aus mit mir. Das Ganze beruht ja gerade darauf, daß ich meine Drehung um die Sonne genau ausführe. Und ich kann dir sagen: ich prahle nicht. Ich bin wirklich der wunderbarste aller Sterne ... allein meiner Menschen wegen. Ihresgleichen hat kein andrer Stern ... He, hallo! Was fehlt dir? Du rennst mir wohl gar davon?“
„Das tu’ ich allerdings,“ versetzte der Komet.
„Herrgott,“ sagte die Erde betrübt. „Kannst du denn nicht noch ein paar Jahre hier bleiben? Ich finde unser Beisammensein so gemütlich. Und das kannst du mir glauben: besonders amüsant ist es nicht, immer den gleichen Weg zurücklegen zu müssen und sich mit niemand als dem dummen Mond unterhalten zu können.“
„Wer ist das ... der Mond?“ fragte der Komet.
„Das ist der kleine Bursche, den du drüben siehst,“ antwortete die Erde, „und der mich die ganze Zeit umkreist. Es ist ein elender, pensionierter Stern, den ich zu mir genommen habe, als er sich verwahrlost im Weltraum umhertrieb. Jetzt ist er völlig erloschen — ein dummes, unglückliches Geschöpf, das man ebensogut ins Armenhaus bringen könnte. Aber hierzulande pflegt man einen Mond um sich zu haben. Der Jupiter hat sogar acht. Aber ich finde, das ist blöde Großtuerei.“
„Adieu!“ sagte der Komet.
„Bleib noch ein Weilchen!“ bat die Erde.
„Ich kann nicht,“ erwiderte der Komet. „Ich habe meine bestimmte Bahn zurückzulegen und muß mich jetzt schneller vorwärtsbewegen. Außerdem hab’ ich deine Prahlereien satt.“
„Wann kommst du wieder?“ fragte die Erde.
Der Komet sauste mit seinem dreiteiligen Schweif dahin.
„In dreihundert Jahren!“ rief er zurück.
Dann wurde er kleiner und kleiner, und schließlich verschwand er ganz.
„Ein fixer Bursche!“ sagte der Mond. „Wie der dahinschießt, und was für einen Schweif er hat! Das muß ein andres Leben sein als das eines armseligen Planeten.“
„O gewiß,“ spottete die Erde. „Fast so schön wie das eines Mondes.“
Aber der Mond war voll und grinste bloß darüber.
*
Dreihundert Jahre später kam der Komet wieder.
Die Erde hatte ihn längst mit Sehnsucht erwartet und getreulich ihre Umdrehungen um die Sonne gezählt. Sie hatte sich mit Veilchen geschmückt und mit den Blumen, mit denen sie im März sonst noch aufwarten konnte.
Und auf der Erde standen die Menschen mit ihren Fernrohren und hielten Ausschau nach dem Kometen, dessen Bahn sie sorgfältig berechnet hatten. Die Klugen freuten sich darauf, etwas Hübsches und Merkwürdiges zu sehen, und die Idioten lagen in ihren Betten und weinten vor Angst oder liefen in ihrer Furcht umher und berauschten sich und trieben allerhand Possen.
„Da ist der Komet!“ sagte derjenige der klugen Menschen, der auf dem höchsten Turme stand, das beste Fernrohr besaß und am meisten Verständnis für Kometenangelegenheiten hatte.
„Da ist der Komet!“ schrie der Mond. „Hurra! Nun wird es lustig!“
„Da ist der Komet!“ rief auch die Erde vergnügt.
Und als dann der Komet heransegelte, groß und leuchtend, mit seinem langen, dreiteiligen Schweif, da lüftete die Erde ihre Eiskapuze, so daß in den Meeren die Eisberge umherschwammen und es so grimmig kalt wurde, daß die Idioten vom Untergang der Welt felsenfest überzeugt waren und selbst die klugen Leute Bedenken äußerten.
„Guten Tag, guten Tag, Komet!“ rief die Erde. „Willkommen! Es freut mich, dich gesund und munter wiederzusehen.“
Doch der Komet blieb stumm. Die Erde bot ihm nochmals einen guten Tag, bekam aber wiederum keine Antwort. Da rief sie erstaunt: „Was zum Kuckuck fällt denn dem Kometen ein! Ist er so hochnäsig geworden, daß er noch nicht einmal einen alten Bekannten begrüßen will?“
„Er wird Sie wohl nicht bemerkt haben,“ sagte der boshafte Mond. „Bedenken Sie, wie klein Sie sind!“
„Halt’s Maul und tu, was deines Amtes ist!“ rief ihm die Erde erbost zu.
Und dann schrie sie wieder:
„Komet! Komet! Komet!“
Aber der Komet segelte ruhig dahin und sagte kein Sterbenswörtchen. Da bekam die Erde Angst, er möchte vorbeifliegen, ohne ein kleines Plauderstündchen mit ihr abzuhalten; und sie hätte beinahe angefangen zu weinen. Ist es doch auch kein Kinderspiel, wenn man sich dreihundert Jahre hindurch darauf gefreut hat, mit einem Menschen zu reden, und wenn dieser Mensch einem dann noch nicht einmal guten Tag sagt!
„Hallo, Komet!“ rief sie in wehleidigem Ton. „Du willst doch wohl nicht an meiner Türe vorüberrennen, ohne mich zu begrüßen? Ich bin ja dein alter Freund, die Erde! Entsinnst du dich meiner denn gar nicht mehr? Nun bist du viele Millionen Meilen weit gereist — — Ist es nicht so gekommen, wie ich dir prophezeit habe: du hast nirgendwo meinesgleichen gefunden?“
„Pah!“ sagte der Komet.
„Ach, laß hören,“ fuhr die Erde fort. „Vorläufig freue ich mich, daß du die Sprache nicht verloren hast. Erzähle! Willst du mir etwa weismachen, daß du irgendwo im Weltenraume so tiefe, herrliche Meere angetroffen hast, so schöne Wälder und so prächtige Palmenhaine?“
„Ha! ha! ha!“ lachte der Komet.
„Oder Menschen — was?“ frage die Erde wieder.
„Ha! ha! ha! — ha! ha! ha!“
Der Komet lachte, daß sein Kopf und Schweif wackelten; und die Erde begann sich ernstlich gekränkt zu fühlen. Sie dachte nach, ob sie nicht etwas fände, womit sie dem Kometen so recht imponieren könnte. Darum fragte sie höhnisch:
„Hast du etwa auch anderswo Idioten angetroffen? — Wie?“
„Ha! ha! ha! — ha! ha! ha!“
Da lachte der Komet so sehr, daß er einen Schweif verlor. Die Erde bekam einen Schreck, und die Menschen auf der Erde, die es durch ihre Fernrohre mitansahen, waren aufs höchste erstaunt; denn so etwas hatten sie noch nie gesehen. Der Komet aber lachte und lachte in einem fort. Jetzt verlor er den zweiten Schweif ... und jetzt den dritten ... und jetzt platzte er kreuz und quer. Den ganzen Raum füllten Funken, die nach rechts und links flogen; ein paar fielen als große Steine auf die Erde — und einer von ihnen traf einen klugen Mann an den Kopf und schlug ihn mitsamt seinem Fernrohr nieder.
Als das gewaltige Feuerwerk vorbei war, da war von dem Kometen nichts mehr zu entdecken.
„Er ist vor Hochnäsigkeit geplatzt,“ sagte die Erde. „Das Ärgerliche ist nur, daß er starb, bevor er mir erzählen konnte, was er auf seiner Reise gesehen hat.“
„Ja — — da hätten Sie beinahe etwas zu wissen gekriegt!“ sagte der Mond und grinste lustig; denn er war wieder voll.
Doch die Erde rief grimmig: „Marsch! Halt dein Maul und tu, was deines Amtes ist! Dreizehnmal hast du dich um mich zu drehen, während ich einmal die Sonne umkreise. Sonst kommt der Kalender in Unordnung.“