C. Vom Beginn der französischen Revolution bis zum Wiener Kongress. (1789–1815.)
§ 1. Die Revolution in Frankreich.
Ursachen: 1. Der auf Vernichtung oder Umbildung des Bestehenden gerichtete Geist des 18. Jahrhunderts. Angriffe französischer Schriftsteller auf Staat und Kirche. Montesquieu (Esprit des lois 1748) und Rousseau (Contrat social 1762) bekämpfen das unbeschränkte Königtum und stellen neue Staatslehren auf. Voltaire (Henriade 1723, Prozeß des Jean Calas 1762) bekämpft die religiöse Unduldsamkeit und das Christentum überhaupt; die Enzyklopädie, ein philosophisches Wörterbuch, 1751–1780 herausgegeben von Diderot und d’Alembert, verbreitet die Lehren der Aufklärung und Freigeisterei.
2. Die großen Mißbräuche im französischen Staatswesen, verschuldet durch die willkürliche und entartete Regierung, während in allen übrigen europäischen Staaten Verbesserungen durchgeführt werden. Seit 1614 die altherkömmlichen Reichsstände (États-généraux) nicht mehr einberufen (s. S. 238). Verfügung über die Freiheit der Untertanen durch willkürliche Verhaftsbefehle (lettres de cachet, Bastille), über ihr Vermögen durch willkürliche Besteuerung. Gegen den Anspruch des Pariser Parlaments, die Eintragung der Steueredikte verweigern zu können, wendet der Hof königliche Thronsitzungen (lits de justice) und Verweisung der Parlamentsmitglieder an. Käuflichkeit der Offizierstellen im Heere, der Sitze in den Parlamenten, der höheren Ämter, aber meist nur für den Adel. Die bevorrechtigten Stände (Adel und Geistlichkeit) sind bei den direkten Abgaben sehr begünstigt, obgleich keineswegs ganz frei von denselben; die Bauern durch Frondienste gedrückt, die Entwickelung von Handel und Gewerbe durch Zunftzwang gehemmt.
Veranlassung: Die ungeheure Staatsschuld. Entstanden durch die Kriege Ludwigs XIV., seine kostspieligen Bauten und seine verschwenderische Hofhaltung, wächst der jährliche Fehlbetrag durch die Verschwendung Ludwigs XV. und die Kosten des nordamerikanischen Krieges unter Ludwig XVI. bis fast auf die Hälfte der jährlichen Einnahme.
Turgots Maßregeln zur Verbesserung der Verwaltung (Aufhebung der Binnenzölle, Abschaffung der Wegefronden und der Zünfte) werden mit seiner Entlassung 1776 aufgegeben. Necker (bis 1781) sucht durch Anleihen und Sparsamkeit zu helfen, Calonne (1783–1787) wirtschaftet sorgloser und beruft zuletzt eine Notabelnversammlung, die keine durchgreifenden Beschlüsse zu fassen wagt. Necker, 1788 wieder berufen, veranlaßt die
1789. 5. Mai.
Berufung der Reichsstände nach Versailles, mit einer doppelten Vertretung des Bürgerstandes (tiers état): Geistlichkeit 300, Adel 300, Bürger 600. Streit über die Art der Beratung und Abstimmung, ob nach Ständen oder nach Köpfen. Bei der Prüfung der Vollmachten verlangen Geistlichkeit und Adel eine getrennte, der Bürgerstand eine gemeinschaftliche Prüfung. Auf Sieyès’ Vorschlag erklären sich die Abgeordneten des Bürgerstandes als Nationalversammlung (Assemblée nationale) und laden die beiden anderen Stände zum Beitritt ein.
20. Juni.
Eid im Ballspielhaus (Jeu de paume). Die Abgeordneten des dritten Standes schwören, sich nicht zu trennen, bis sie dem Lande eine Verfassung gegeben.
23. Juni.
Fruchtlose königliche Sitzung. Der Befehl des Königs, daß die drei Stände getrennt beraten sollen, wird nicht ausgeführt infolge des von Mirabeau[51] erhobenen Widerspruchs. Der König gibt nach; Geistlichkeit und Adel vereinigen sich mit dem dritten Stand. Die Versammlung beginnt eine neue Verfassung für Frankreich zu beraten, wird deshalb bezeichnet als
1789–1791.
Verfassunggebende Versammlung (Assemblée constituante).
Gerüchte von einer beabsichtigten Auflösung der Nationalversammlung und die Entlassung Neckers (11. Juli) veranlassen Unruhen in Paris.
1789. 14. Juli.
Einnahme und Zerstörung der Bastille. Necker zurückberufen, Lafayette Befehlshaber der neuerrichteten Bürgerwehr (Nationalgarde).
Unruhen in den Provinzen, Schlösser und Klöster verwüstet. Viele Adlige verlassen Frankreich. Karl Philipp, Graf von Artois, zweiter Bruder des Königs, an der Spitze der Emigranten, seit 1791 in Koblenz am Hofe des Kurfürsten von Trier.
1789. 4. Aug.
Freiwillige Verzichtleistung (Vicomte de Noailles) der Abgeordneten des Adels auf alle Feudalrechte, der Geistlichkeit auf den Zehnten. Abschaffung des Feudalstaates. Gleichheit der Besteuerung und gleiche Zulassung aller Bürger zu allen öffentlichen Ämtern wird festgesetzt. Öffentliche Werkstätten eingerichtet.
27. Aug.
Erklärung der Menschenrechte (Freiheit, Eigentum, Sicherheit, Widerstand gegen Unterdrückung) auf Lafayettes Antrag.
5. Okt.
Aufstand in Paris, hervorgerufen durch Brotmangel und Gerüchte von einer beabsichtigten Reaktion. Zug der durch Agenten des Herzogs Philipp von Orléans aufgeregten Volksmenge zum König nach Versailles. Die königliche Familie, von Lafayette durch die Nationalgarde gerettet, muß nach Paris übersiedeln, ebenso die Nationalversammlung; 200 Mitglieder scheiden aus. Der Pariser Pöbel beherrscht seitdem die Versammlung.
Die von der Assemblée constituante ausgearbeitete Verfassung überträgt die gesetzgebende Gewalt der Nationalversammlung und gesteht dem König nur ein aufschiebendes Veto zu. Er darf die Versammlung, die Inhaberin der Souveränität, nicht auflösen, ja nicht einmal mit Gesetzesvorschlägen an sie herantreten, geschweige denn ihre Beschlüsse rundweg ablehnen. Er ist vielmehr nur der Vollstrecker dieser Beschlüsse. Da aber den nach Aufhebung der alten Provinzen neu geschaffenen 83 Departements nahezu volle Selbstverwaltung und auch das Recht der Beamtenwahlen verliehen wurde, so war Frankreich in 83 fast souveräne Republiken aufgelöst, in denen es königliche Beamte, d. h. Vollstrecker des königlichen Willens nicht mehr gab. Der König also tatsächlich machtlos.
Die Ausübung des Aktivbürgerrechts an die Entrichtung einer direkten Steuer, ein Alter von 25 Jahren und einjährigen Wohnsitz in der Gemeinde geknüpft. Die aus den Urwahlversammlungen hervorgehenden Wahlmänner wählen die Volksvertreter für eine Legislatur von 2 Jahren, desgleichen die Behörden der Departements und ihrer Distrikte; die Gemeindebeamten und die Richter werden ebenfalls von den Aktivbürgern gewählt. Aufhebung der Parlamente; neue Gerichtsverfassung mit Geschworenengerichten. Abschaffung des Adels, der Titel und Wappen, sowie der Beschränkung der Presse.
Um der Finanznot abzuhelfen, erklärt man die geistlichen Güter für Nationaleigentum und gibt Papiergeld aus (Assignaten, Anweisungen auf den Wert der Nationalgüter). Der Staat übernimmt den Unterhalt der Geistlichen.
Auch die Geistlichen werden fortan von den Aktivbürgern gewählt (Constitution civile du clergé), jedes Departement bildet ein Bistum. Nur ⅓ der Geistlichkeit unterwirft sich der neuen Verfassung durch den geforderten Eid, daher fortan kirchlicher Zwiespalt.
Die Aufregung wird vorübergehend beschwichtigt durch das Verbrüderungsfest (Föderationsfest, 14. Juli 1790), zu welchem Tausende aus den Provinzen nach Paris kommen. Lafayette schwört im Namen sämtlicher Nationalgarden der Nation, dem Gesetz, dem König treu zu sein. Der König gelobt die von der Nationalversammlung beschlossene und von ihm angenommene Verfassung anzuwenden.
Mit diesem Gang der Dinge sind die demokratischen Klubs nicht zufrieden. Ihr Ziel ist die völlige Beseitigung der Monarchie und die Gründung einer Republik. Der zahlreichste und einflußreichste ist der nach seinem Versammlungsort, einem aufgehobenen Jakobinerkloster, genannte Klub der Jakobiner (Robespierre); zu den in einem Franziskanerkloster Sitzung haltenden Cordeliers gehören Danton, Marat, Camille Desmoulins, Hébert; ihnen gegenüber die gemäßigten, am Königtum festhaltenden Feuillants (Lafayette, Bailly).
Verbindung des Hofes mit Mirabeau, der, nachdem die konstitutionelle Monarchie begründet ist, die Revolution hemmen und den Umsturz des Thrones verhindern will. Necker tritt aus dem Ministerium (Sept. 1790), da er die Finanzen nicht in Ordnung zu bringen vermag.
1791 (April).
Mirabeau †. Flucht des Königs (20. Juni). Er wird mit seiner Familie in Varennes (unweit Verdun) angehalten, nach Paris zurückgebracht, suspendiert und eine Zeitlang in den Tuilerien streng bewacht, dann wieder eingesetzt, nachdem er am 14. Sept. den Eid auf die revidierte Verfassung geleistet hat. Die Nationalversammlung löst sich auf, nachdem sie auf Robespierres Antrag beschlossen hat, daß keins ihrer Mitglieder für die folgende Versammlung wählbar sei.
1791–1792. Okt. Sept.
Gesetzgebende Versammlung (Assemblée législative).
745 neue Abgeordnete. Parteien: die rechte Seite (Feuillants) wird täglich schwächer. Die linke, herrschende Seite zerfällt in 1. gemäßigte Republikaner (Ebene, la plaine), darunter die Gruppe der Girondisten, so genannt wegen hervorragender Mitglieder aus Bordeaux, dem Departement der Gironde: Vergniaud, Brissot u. a., meist Anhänger der Föderativ-Republik, 2. Bergpartei (la montagne, les montagnards), Radikale, Anhänger der einen, unteilbaren Republik (une et indivisible).
Der König wird unbeliebt, da er gegen die Beschlüsse über Bestrafung der den Eid verweigernden Priester und über Nötigung der Emigranten zur Rückkehr von seinem Veto Gebrauch macht und auf Hilfe von Österreich hofft.
1792. April.
Ein girondistisches Ministerium (Roland, Dumouriez) nötigt den König, Österreich den Krieg zu erklären. Vermehrte Aufregung, da der Krieg (S. 313ff.) bei dem zerrütteten Zustande des französischen Heerwesens anfangs ungünstig verläuft.
10. Aug.
Aufruhr in Paris, Erstürmung der Tuilerien. Der König flüchtet sich in den Sitzungssaal der Gesetzgebenden Versammlung, sendet an die treue Schweizer-Garde den Befehl, das Feuern einzustellen. Die abziehenden Schweizer vom Volk ermordet. Der König wird wieder suspendiert und als Gefangener in den Temple (früheres Ordenshaus der Tempelherren, S. 207) gebracht.
Berufung eines Nationalkonvents zur Feststellung einer neuen Verfassung.
Sept.
Ermordung von etwa 3000 »Verdächtigen« in den Gefängnissen von Paris, auf Anstiften des Gemeinderates (la Commune) und des Justizministers Danton. Die dadurch eingeschüchterte Bevölkerung wählt nur Radikale in den Convent.
1792–1795.
Nationalkonvent (Convention nationale).
Sept. Okt.
Parteien: Girondisten und Bergpartei.
1792. 21. Sept.
Abschaffung des Königtums, Frankreich wird für eine Republik erklärt.
Dez.
Ludwig XVI. vor dem Konvent angeklagt wegen Verrats an der Freiheit der Nation. Meisterhafte Verteidigungsrede von de Sèze; Robespierre dringt auf Verurteilung des Königs, Vergniaud fordert vergebens Entscheidung durch Volksabstimmung.
1793. Jan.
Die Mehrheit des Konvents erklärt den König für schuldig; bei der Abstimmung über die Strafe stimmen 361, unter ihnen der Herzog Philipp von Orléans (Égalité) unbedingt für den Tod, 360 für Gefängnis, Verbannung oder Aufschub der Todesstrafe.
21. Jan.
Ludwig XVI. hingerichtet. Die Guillotine stand unweit der Tuilerien auf dem Revolutionsplatze, der später Place de la Concorde genannt und mit dem Obelisken von Luxor geziert wurde.
März.
Royalistischer Aufstand in der Vendée südlich von der Loiremündung. Der im Temple gefangen gehaltene Dauphin wird als König Ludwig XVII. ausgerufen. Heftige Kämpfe bis zu Ende des Jahres, endlich siegen die Republikaner (12. Dez. bei Le Mans) und üben blutige Rache.
Im Konvent bekämpfen sich Girondisten und Bergpartei, letztere erlangt das Übergewicht. Die Regierung führt in diktatorischer Weise der aus 9 Mitgliedern bestehende Wohlfahrtsausschuß (Comité du salut public); an der Spitze Danton, später Robespierre. Das Revolutionstribunal (Fouquier-Tinville) eingesetzt als außerordentlicher Gerichtshof zur Verurteilung der »Verdächtigen«. Zwangskurs für die Assignaten, Maximum des Kornpreises beschlossen.
1793. 2. Juni.
Ein von dem Pariser Gemeinderat geleiteter Pöbelaufstand erzwingt vom Konvent die Verhaftung von 32 Girondisten.
Die vom Konvent beschlossene zweite, völlig demokratische Verfassung geht an die Urwählerversammlungen zur Bestätigung, kommt aber nie zur Ausführung.
13. Juli.
Marat von Charlotte Corday, einer Anhängerin der Girondisten, ermordet.
1793–1794.
Schreckensherrschaft in Frankreich.
Robespierre an der Spitze. Revolutionsausschüsse im ganzen Lande. Kommissare des Wohlfahrtsausschusses wüten in den großen Provinzialstädten (Tallien in Bordeaux, Lebon in Arras, Carrier in Nantes, Chalier in Lyon). In Toulon Erhebung der Bürger gegen den Konvent, Aufnahme einer englisch-spanischen Flotte in die vom Konvent geächtete Stadt.
1793. Okt.
Hinrichtung der Königin Marie Antoinette und der verhafteten Girondisten. Schändung der Königsgräber in St. Denis. Einführung des republikanischen Kalenders (Beginn des Jahres und der neuen Zeitrechnung mit dem 22. Sept. 1792; Monate: Vendémiaire, Brumaire, Frimaire; Nivose, Pluviose, Ventose; Germinal, Floréal, Prairial; Messidor, Thermidor, Fructidor). Lyon von einer Revolutionsarmee erobert und zum Teil zerstört (Commune affranchie).
Nov.
Philipp Egalité, der Herzog von Orléans, Bailly u. a. hingerichtet. Abschaffung des christlichen Gottesdienstes, Einrichtung des Kultus der Vernunft.
Dez.
Eroberung der von englischen, spanischen, sardinischen, neapolitanischen Truppen verteidigten Seefestung Toulon, hauptsächlich durch die geschickten Anordnungen des Artillerie-Hauptmanns Napoléon Bonaparte.[52]
Greueltaten der Republikaner in der Vendée.
1794.
Robespierre stürzt seine beiden Gegenparteien, den »ultrarevolutionären« Gemeinderat und die »gemäßigten« Dantonisten. Nach einem mißlungenen Aufstandsversuch werden zuerst die Ultrarevolutionären (Chaumette, Hébert, Cloots u. a.), dann die »Gemäßigten« und »Verderbten« (Danton, Camille Desmoulins u. a.) aufs Blutgerüst geschickt. Robespierre macht dem Vernunftkultus ein Ende und läßt durch den Konvent das Dasein eines höchsten Wesens (Être suprême) anerkennen, dessen Fest im Tuileriengarten er als Oberpriester leitet. Eine Verschwörung unter den Mitgliedern des an Zahl bereits sehr verringerten Konvents führt
1794.
27. Juli (9. Thermidor) den Sturz Robespierres herbei. Im Konvent von Tallien angeklagt und verhaftet, von den Truppen der Commune (S. 310) befreit, wird er im Stadthause nach kurzem Kampfe überwältigt und am folgenden Tage mit 21 seiner Anhänger hingerichtet; am 29. Juli noch 71 hingerichtet, fast die ganze Commune.
1794–1795.
Der Nationalkonvent unter der Herrschaft der Gemäßigteren.
Öffnung der Gefängnisse; gegen den Pöbel und die Jakobiner tritt die Jugend der wohlhabenden Stände (Jeunesse dorée) auf, der Jakobinerklub wird geschlossen, die noch lebenden Girondisten werden in den Konvent zurückberufen. Zwei Pöbelaufstände in Paris (1. April und 20. Mai 1795) zu Gunsten der Jakobiner werden von der Nationalgarde und herbeigerufenen Linientruppen unterdrückt.
1795. 8. Juni.
Tod des schändlich mißhandelten 10jährigen Dauphins (Ludwig XVII.) im Temple.
Aug.
Verkündigung einer neuen (dritten) Verfassung: Die ausübende Gewalt wird einem Direktorium von fünf Personen, die gesetzgebende dem Rate der Alten (250) und dem Rate der Fünfhundert übertragen, doch sollen für diesmal ⅔ der Mitglieder beider Räte aus den Konventsmitgliedern gewählt werden. Gegen diese Wahlbeschränkung erheben sich die von den Royalisten bearbeiteten Pariser Sektionen (Stadtviertel) zum Aufstande. Auf Barras’ Antrag wird General Bonaparte an die Spitze der Truppen des Konvents gestellt.
5. Okt.
Blutiger Sieg in den Straßen von Paris. Darauf Vollziehung der Wahlen, der Konvent löst sich auf.
1795–1799.
Direktorialregierung in Frankreich.
Vergebliche Versuche, die zerrüttete Staatsordnung wieder herzustellen. Den entwerteten Assignaten immer neue hinzugefügt. Unerhörtes Raubsystem in den besetzten oder eroberten Ländern angeordnet, um Geld und Kunstschätze aller Art nach Paris zu bringen. Unterdrückung der Royalisten und der kommunistischen Verschwörung des Gracchus Babeuf (1796).
Wirkungen der französischen Revolution:
l. Frankreich ist nach dem Sturz des unbeschränkten Königtums und nach schweren inneren Kämpfen zu einer freieren, aber noch wenig befestigten Verfassung gelangt. 2. Frankreichs Eroberungslust, genährt durch die Notstände im Innern, gefährdet den Bestand des europäischen Staatensystems. 3. In den übrigen europäischen Staaten (mit Ausnahme Englands) macht sich das Streben nach Einführung freier Verfassungen geltend, doch lehren die zunächst folgenden Kriegszeiten auch den Wert einer starken Monarchie erkennen.
§ 2. Frankreichs Kriege gegen das Ausland.
1792–1797.
Erster Koalitionskrieg.
Veranlassung: Zusammenkunft des Kaisers Leopold II. und des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen zu Pillnitz bei Dresden (Aug. 1791); auch Vertreter der Emigranten (S. 307) erscheinen dort. Eine gebieterische Erklärung gegen Frankreich wird beschlossen und veröffentlicht. Leopold II. ist noch um Erhaltung des Friedens bemüht, schließt aber (Febr. 1792) mit Preußen ein Verteidigungsbündnis. Sein Sohn und Nachfolger
1792–1806.
Franz II. (als Kaiser von Österreich Franz I. bis 1835) empfängt von Frankreich die Kriegserklärung (S. 310). Der erste Angriff der Franzosen auf das österreichische Belgien mißlingt. Lafayette führt seine Absicht, mit Truppen der Nordarmee dem bedrängten König Ludwig XVI. zu Hilfe zu kommen, nicht aus, wird auf der Flucht (19. Aug.) von den Österreichern ergriffen und als Gefangener nach Olmütz gebracht (1797 entlassen).
1792. 25. Juli.
Drohendes Manifest des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, welcher mit 80000 Mann Preußen und Österreichern von Koblenz aus langsam in Frankreich einrückt. Die Festungen Longwy und Verdun genommen.
20. Sept.
Treffen bei Valmy; der Herzog von Braunschweig bricht den Kampf ab. Rückzug durch die Champagne.
Im Süden Savoyen und Nizza von den Franzosen besetzt, da der König von Sardinien sich dem Bündnis gegen Frankreich angeschlossen hat.
Okt.
Der französische General Custine dringt über den Rhein vor, erobert Speier, Worms, Mainz und Frankfurt. Nur Frankfurt wird von preußischen und hessischen Truppen bald wieder gewonnen.
Nov.
Der französische General Dumouriez besiegt die Österreicher bei Jemappes und erobert Belgien.
1793.
Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. treten England, Holland, Spanien, Neapel, das Deutsche Reich dem Bündnis gegen Frankreich bei.
März.
Dumouriez, von den Österreichern (unter dem Prinzen Friedrich Josias von Koburg) bei Neerwinden geschlagen, flüchtet mit dem Herzog von Chartres (Ludwig Philipp, Sohn des Herzogs von Orléans) in das österreichische Lager, später nach England.
Juli.
Die Österreicher erobern die Festungen Condé und Valenciennes. Custine, welcher nach Dumouriez’ Flucht in Belgien befehligt, deshalb abgesetzt und bald darauf in Paris hingerichtet.
Die Preußen erobern nach längerer Belagerung Mainz. Der französische General Beauharnais bringt zu spät Hilfe, wird abgesetzt und hingerichtet.
Aug.
Der Konvent verfügt die Aushebung aller Waffenfähigen vom 18.–25. Lebensjahre (levée en masse). Energie des Wohlfahrtsausschusses; Carnot stellt 600000 Mann unter Waffen.
Erfolgreiche Wendung des Krieges für die Franzosen; die Nordarmee (General Jourdan) siegt bei Hondschoote (unweit Dünkirchen) über die Engländer, Hannoveraner und Hessen, bei Wattignies (an der Sambre) über die Österreicher; die Moselarmee (General Hoche) erobert die von General Wurmser besetzten Weißenburger Linien im Elsaß wieder.
1794.
Jourdan siegt bei Fleurus über den Prinzen von Koburg und erobert Belgien.
Die Preußen, zweimal siegreich bei Kaiserslautern in der Rheinpfalz (Mai und Sept., Blüchers Reiterangriffe), gehen dann doch über den Rhein zurück; die Franzosen besetzen die Reichsstädte Aachen und Köln.
1795. Jan.
Der französische General Pichegru erobert Holland. Flucht des Erbstatthalters Wilhelm V. (aus dem Hause Nassau-Diez, welches 1748 dem Hause Nassau-Oranien in der Statthalterwürde gefolgt war) nach England, Begründung der Batavischen Republik (1795–1806). Die Engländer besetzen die holländischen Kolonien Kapland und Ceylon.
April.
Friede zu Basel zwischen Frankreich und Preußen. Öffentliche Bedingungen: 1. Frankreich bleibt bis zum endgültigen Frieden mit dem Deutschen Reich im Besitz des preußischen Gebiets am linken Rheinufer (halb Cleve, Mörs, Obergeldern). 2. Eine Demarkationslinie (vom Main bis nach Schlesien) setzt die Neutralität, des nördlichen Deutschlands fest. Geheime Bedingung: Für den Fall, daß beim allgemeinen Frieden das linksrheinische Deutschland an Frankreich abgetreten wird, erhält Preußen eine Entschädigung aus rechtsrheinischem Gebiet zugesichert.
Auch Spanien schließt mit Frankreich Frieden zu Basel, indem es seinen Anteil an der Insel San Domingo abtritt; der Minister Godoy erhält den Titel Friedensfürst. Die Verwaltung Spaniens unter Karl IV. (1788–1808) zerrüttet, die Seemacht durch die Engländer fast vernichtet.
1795.
England (Minister William Pitt der Jüngere) verspricht den Österreichern Subsidiengelder. Wurmser und Clerfait halten die Rheinlinie gegen Jourdan und Pichegru.
1796.
Erzherzog Karl von Österreich, Bruder des Kaisers Franz, besiegt den französischen General Jourdan bei Amberg (in der bayrischen Oberpfalz) und Würzburg, wendet sich dann gegen Moreau, der sich durch den Schwarzwald zurückzieht. Zur selben Zeit
Napoleon Bonapartes glänzender Feldzug in Italien. Er besiegt wenige Wochen nach seiner Vermählung mit Josephine, Witwe des Generals Beauharnais (S. 314), von Nizza aus vordringend, die Österreicher bei Millesimo, die Sardinier bei Mondovi und zwingt den König Viktor Amadeus von Sardinien zum Frieden; Abtretung von Savoyen und Nizza an Frankreich. Nach Erstürmung der Addabrücke bei Lodi (10. Mai) zieht er in Mailand ein und erobert die ganze Lombardei bis auf Mantua. Die Herzöge von Parma und Modĕna, der Papst und Neapel erkaufen Waffenstillstand und Frieden durch Geld und Kunstschätze. Papst Pius VI. tritt im Frieden zu Tolentino (Febr. 1797) Avignon und Venaissin, die Romagna und Ancona, Bologna und Ferrara ab.
1796–1797. Juli–Febr.
Belagerung von Mantua. Die Österreicher versuchen, die Festung (General Wurmser) zu entsetzen, werden aber in mehreren Schlachten, namentlich bei Arcole (Nov. 1796) und Rivoli (Jan. 1797) besiegt.
1797. März
Nach dem Falle Mantuas dringt Bonaparte über die Ostalpen vor gegen Wien, während Hoche und Moreau wieder über den Rhein gehen.
Die Bewohner des venetianischen Gebiets erheben sich gegen die Franzosen, in Tirol und Böhmen wird die Bevölkerung unter die Waffen gerufen. Bonaparte, in Gefahr abgeschnitten zu werden, knüpft Unterhandlungen an; Friedenspräliminarien zu Leoben (an der Mur).
Mai.
Bonaparte kehrt nach Oberitalien zurück und erklärt der Republik Venedig den Krieg, besetzt Stadt und Gebiet ohne bedeutenden Widerstand.
In Oberitalien wird die Cisalpinische Republik (Mailand, Modĕna, Ferrara, Bologna, Romagna) eingerichtet; die Republik Genua wird umgewandelt in die Ligurische Republik; beide von Frankreich abhängig.
1797. Sept.
Staatsstreich in Paris, die Royalisten aus dem Rat der Alten und dem Rat der Fünfhundert ausgestoßen, zwei Mitglieder des Direktoriums (Carnot und Barthélemy) zur Deportation verurteilt. Die Republik wird dadurch auf Betreiben des von Bonaparte nach Paris abgesandten Generals Augereau befestigt.
Okt.
Friede zu Campo Formio (bei Udine) zwischen Frankreich und Österreich. öffentliche Bedingungen: 1. Österreich tritt die Lombardei und die Niederlande (Belgien und Luxemburg, S. 274) ab, erhält Venedig und dessen Gebiet, S. 304 (Venetien, Istrien, Dalmatien, aber nicht die Ionischen Inseln). 2. Zur Herstellung des Reichsfriedens und Festsetzung der Entschädigungen tritt ein Kongreß zu Rastatt zusammen. Geheime Bedingung: Österreich willigt in die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich; die beeinträchtigten Fürsten sollen in Deutschland entschädigt werden.
1797–1840.
Friedrich Wilhelm III., König von Preußen (s. Anhang).
1797–1799. Dez. April.
Kongreß zu Rastatt, keine Einigung erzielt.
1798. Febr.
Die Franzosen besetzen und brandschatzen Rom. Errichtung der Römischen Republik. Papst Pius VI. wird als Gefangener nach Valence (an der Rhone) geführt, wo er im folgenden Jahre stirbt.
Agitationen in der Schweiz (Waadtland) gegen die Regierung in Bern. Eindringen der Franzosen.
April.
Der Bund der Eidgenossen wird in die Helvetische Republik (19 gleichberechtigte Kantone, S. 225) umgewandelt; der Bundesschatz (16 Mill. Francs) ausgeliefert; Genf an Frankreich abgetreten.
1798–1799.
Bonapartes Zug nach Ägypten, vorbereitet unter der Maske einer Unternehmung gegen England, dessen Seeherrschaft zu brechen am ersten im Mittelländischen Meere gelingen konnte.
Auslaufen der Flotte aus Toulon (Mai 1798), mit 35000 Mann unter Bonaparte, Berthier, Kléber, Desaix. Die bisher dem Johanniterorden (S. 242) gehörige Insel Malta wird für Frankreich in Besitz genommen. Landung in Ägypten, Einnahme von Alexandrīa. Sieg über die Mamelucken in der Schlacht bei den Pyramiden (21. Juli), darauf die Hauptstadt Kairo besetzt. Desaix dringt nach Oberägypten vor. Französische Gelehrte (Denon, Generaldirektor der Museen, unter ihm die Vendômesäule errichtet) beginnen die Altertümer Ägyptens zu erforschen (S. 4, Anm. 1).
1798. 1. Aug.
Seeschlacht bei Abukir (Nelson). Die französische Flotte von den Engländern fast vernichtet, dem Landheere die Verbindung mit Frankreich abgeschnitten. Kriegserklärung der Türkei an Frankreich.
Bonaparte unterdrückt einen Aufstand in Kairo und zieht darauf nach Syrien, erstürmt Jaffa, kann aber das mit Hilfe von Engländern verteidigte St. Jean d’Acre (Akkon) nicht nehmen. Pest im französischen Heere, Rückzug nach Ägypten; Landung und Niederlage der Türken bei Abukir 1799.
1799–1802.
Zweiter Koalitionskrieg.
Der englische Minister William Pitt (S. 300) gewinnt Österreich, Rußland, Neapel, Portugal, die Türkei zum Bündnis gegen Frankreich. Kaiser Paul von Russland (1796 bis 1801) wird 1798 zum Großmeister des Malteserordens erwählt; eine russisch-türkische Flotte vertreibt die Franzosen von den Ionischen Inseln. Preußen unter Friedrich Wilhelm III. bleibt neutral.
Eröffnung des Krieges Ende 1798 durch einen Einfall der Neapolitaner unter dem österreichischen General Mack in die Römische Republik. Der Einfall wird zurückgeschlagen, der König Ferdinand IV. von Neapel (S. 305) flieht nach Palermo, sein festländisches Gebiet wird von den Franzosen besetzt und in die
1799. Jan.
Parthenopeische Republik verwandelt. Auch der Großherzog Ferdinand III. von Toskana wird verjagt. Der König Karl Emanuel IV. von Sardinien entflieht aus Turin nach der Insel Sardinien, seine festländischen Besitzungen werden in französische Verwaltung genommen und 1802 in Frankreich einverleibt.
März.
Jourdan, von Erzherzog Karl bei Ostrach und bei Stockach (nördlich vom Bodensee) geschlagen, geht über den Rhein zurück.
April.
Auflösung des Kongresses zu Rastatt. Zwei von den abreisenden französischen Gesandten werden von österreichischen Husaren ermordet.
Juni.
Masséna bei Zürich von Erzherzog Karl geschlagen, behauptet aber seine Stellung am Vierwaldstätter See. Inzwischen ist ein russisches Heer unter Suwōrow (geb. 1729) in Italien erschienen und hat sich mit den Österreichern (unter Melas) vereinigt. Die Siege bei Cassano und an der Trebbia bewirken die Auflösung der Cisalpinischen, Römischen und Parthenopeischen Republik. In Neapel grausames Blutvergießen nach der mit Unterstützung Nelsons erfolgten Rückkehr Ferdinands IV.
Ein neues französisches Heer unter Joubert wird bei Novi (15. Aug.) ebenfalls geschlagen; dann muß Suwōrow auf Betreiben des österreichischen Ministers Thugut Italien räumen und über die Alpen ziehen (berühmter Marsch über den St. Gotthardpaß), um sich mit dem zweiten russischen Heere unter Korsakow in der Schweiz zu vereinigen. Aber dieses Heer war, da Erzherzog Karl sich nach dem Rhein gewandt hatte, vor Suwōrows Ankunft von Masséna in der zweiten Schlacht bei Zürich (25. 26. Sept.) geschlagen. Suwōrow gelangt nach weiteren erstaunlich beschwerlichen Märschen und Kämpfen im Okt. in das Rheintal, führt dann voll Erbitterung gegen Österreich sein Heer nach Rußland zurück († 1800).
1799. Okt.
Ein englisch-russisches Heer unter dem Herzog von York (Sohn Georgs III.), welches in Holland gelandet war, wird von den Franzosen zurückgedrängt und durch die Kapitulation bei Alkmar zum Abzug genötigt.
Bonaparte eilt, nachdem er den Befehl in Ägypten an Kléber (ermordet 1800) übertragen hat, mit wenigen Begleitern nach Frankreich zurück, um das Mißgeschick der französischen Waffen wieder gutzumachen. Er stürzt im Einverständnis mit den Direktoren Sieyès und Roger-Ducos und seinem Bruder Lucian Bonaparte, Präsidenten des Rates der Fünfhundert,
9. Nov.
durch den Staatsstreich des 18. Brumaire das Direktorium und treibt am folgenden Tage den Rat der Fünfhundert auseinander.
1799–1804.
Konsularregierung,
Napoléon Bonaparte an der Spitze des Staates als erster Konsul auf 10 Jahre; neben ihm zwei von ihm ernannte Konsuln mit nur beratender Stimme.
Die neue (vierte) Verfassung, von Sieyès entworfen, aber von Napoleon bedeutend verändert, durch Abstimmung von der ganzen Nation angenommen, läßt den Schein einer Republik bestehen, schafft aber in Wirklichkeit eine Militärmonarchie. Ein Senat (80 reich besoldete und wenig beschäftigte Senatoren) ernennt aus den von den Departements eingesandten Namenlisten die Mitglieder der gesetzgebenden Gewalt, die obersten Beamten und Richter. Gesetzgebende Gewalt ohne Vorschlagsrecht: a) Tribunat (100), verhandelt über die Vorschläge der Regierung, ohne abzustimmen; b) Gesetzgebender Körper (300), hat diese Vorschläge ohne Debatte anzunehmen oder abzulehnen. Die ausübende Gewalt hat der erste Konsul, dem ein Staatsrat zur Seite steht. Talleyrand (früher Bischof von Autun, dann im Dienst der Revolution) Minister des Auswärtigen (bis 1807).
Die Verwaltung wird neu geordnet und wieder zentralisiert (S. 308): strenge Abhängigkeit der Präfekten in den Departements und ihrer Unterbeamten von der Regierung in Paris. Ordnung der Finanzen hergestellt; Verbesserung der Rechtspflege, Ausarbeitung eines neuen Gesetzbuches (Code Napoléon 1804).
Die Friedensanträge des ersten Konsuls werden zurückgewiesen, nur Kaiser Paul von Rußland wendet sich von der Koalition ab. Er erneuert die bewaffnete Seeneutralität (S. 297). Denselben Zweck verfolgt die Nordische Konvention zwischen Rußland, Schweden, Dänemark, Preußen (1800), gegen England gerichtet.
1800.
Napoleon führt sein Heer (32000 Mann) über den Großen St. Bernhard (Umgehung des Forts Bard), schlägt die Österreicher unter Melas bei Marengo (14. Juni, Gen. Desaix †, als er Napoleon im kritischen Augenblick noch zu Hilfe kommt) und stellt die Cisalpinische Republik wieder her.
In Deutschland dringt General Moreau unter siegreichen Gefechten bis München vor, schlägt (3. Dez.) die Österreicher nochmals bei Hohenlinden (östlich von München), schließt dann Waffenstillstand zu Steyer.
1801.
Friede zu Lunéville: 1. Kaiser und Reich willigen in die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich; die Fürsten, welche Gebiet verlieren, sollen in Deutschland entschädigt werden. 2. Anerkennung der Batavischen, Cisalpinischen, Ligurischen, Helvetischen Republik. — Deutschland verliert durch diesen Frieden mit Einschluß des belgischen Gebietes (vgl. S. 225, 316) 63000 qkm. (1150 □ Meil.) mit beinahe 3½ Mill. Einwohnern. Die schmachvollen Unterhandlungen über die Entschädigungen ziehen sich 2 Jahre hin.
Toskana endlich wird zu Gunsten des in Parma regierenden spanisch-bourbonischen Herzogs Ludwig I. (S. 284) in ein von Frankreich abhängiges Königreich Etrurien verwandelt. Ferdinand III. von Toskana erhält dafür das vergrößerte Erzbistum Salzburg und die Kurwürde. Ebenso tauscht Herzog Herkules III. von Modena (S. 341) gegen sein Land den Breisgau und die Ortenau ein.
1801–1825.
Alexander I., Kaiser von Russland, nach Ermordung seines Vaters Paul I. durch Verschworene. Aussöhnung Rußlands mit England, Auflösung der Nordischen Konvention.
1801.
Die Franzosen räumen Ägypten; das Heer wird auf englischen Schiffen nach Frankreich zurückgebracht.
Konkordat zwischen dem neuen (S. 316) Papst Pius VII. und der französischen Republik. Der Papst erkennt die Einziehung der Kirchengüter an, willigt ein, daß die Erzbischöfe und Bischöfe von der französischen Regierung ernannt werden, und behält sich nur die Bestätigung vor, begnügt sich mit dem Besitz des verkleinerten Kirchenstaats (S. 315).
1802. März.
Friede zu Amiens zwischen Frankreich und England (nach Rücktritt des Ministers Pitt):
1. Herausgabe aller von England gemachten Eroberungen an Frankreich und seine Verbündeten mit Ausnahme von Trinidad, welches Spanien, und Ceylon (S. 314), welches die Batavische Republik abtritt. 2. Malta (von den Engländern 1800 erobert) soll dem Johanniterorden zurückgegeben werden. Infolge dieses Friedens ebenfalls Friede zwischen Frankreich und der Pforte.
Stiftung des Ordens der Ehrenlegion; monarchisches Auftreten Napoleons. Er läßt sich zum Präsidenten der Italienischen (bisher Cisalpinischen) Republik wählen und übernimmt auf Grund einer Volksabstimmung in Frankreich (3½ Millionen Stimmen) das
1802. Aug.
Konsulat auf Lebenszeit. Elba und Piemont werden mit Frankreich vereinigt. Die Helvetische Republik erhält durch die Mediationsakte eine neue Verfassung (1803).
Für die inneren Verhältnisse Deutschlands wird der Friede zu Lunéville nach einem von Frankreich und Rußland festgesetzten Entschädigungsplan zur Ausführung gebracht durch den
1803. Febr.
Reichsdeputations-Hauptschluß zu Regensburg. Von geistlichen Ständen bleiben nur: 1. der bisherige Kurfürst von Mainz, von jetzt ab Kurerzkanzler und Fürst Primas (v. Dalberg), mit einem Gebiet, gebildet aus Überresten des Erzstifts Mainz auf dem rechten Rheinufer, dem Bistum Regensburg und den Städten Regensburg, Aschaffenburg und Wetzlar; 2. der Johanniter- und der Deutschordensmeister. Von den 52 freien Reichsstädten bestehen nur 6 fort, die 3 Hansestädte Lübeck, Hamburg, Bremen, ferner Frankfurt, Augsburg, Nürnberg. Alle übrigen geistlichen Gebiete und Reichsstädte werden zu Entschädigungen verwendet. Die Kurfürstentümer Trier und Köln gehen ein. Vier neue Kurfürstentümer: Hessen-Kassel, Baden, Württemberg, Salzburg.
Hauptsächlichste Entschädigungen: 1. Großherzog von Toskana: Salzburg und Berchtesgaden. 2. Herzog von Modĕna: Breisgau (wofür Österreich die Stifter Trient u. Brixen erhält). 3. Bayern: Bistümer Würzburg, Bamberg, Freising, Augsburg, Abteien und Reichsstädte in Franken und dem östlichen Schwaben. 4. Baden erhält den rechtsrheinischen Teil der Pfalz (Heidelberg, Mannheim) und der Bistümer Straßburg, Speier, Basel, Konstanz. 5. Württemberg: mehrere Klöster und Reichsstädte, besonders Reutlingen, Eßlingen, Heilbronn. 6. Preußen: die Bistümer Münster, Paderborn, Hildesheim, das mainzische Thüringen (Eichsfeld und Erfurt), mehrere Abteien, besonders Quedlinburg, und die Reichsstädte Mühlhausen, Nordhausen, Goslar. 7. Oldenburg: Bistum Lübeck. 8. Hannover: Bistum Osnabrück. 9. Wilhelm von Oranien, Sohn des Erbstatthalters von Holland: Stifter Fulda und Corvey. Im allgemeinen gewinnen die entschädigten Fürsten bedeutend an Gebiet und Untertanen, z.B. erhält Preußen 13000 qkm (240 □ Meilen), für 2600 qkm (48 □ Meilen); die übergroße Zahl der deutschen Kleinstaaten wird vermindert.
§ 3. Machtentfaltung des ersten französischen Kaiserreiches.
1803.
Neuer Bruch zwischen Frankreich und England. England gibt Malta nicht heraus, fordert die Entfernung französischer Truppen aus der Batavischen Republik und der Schweiz, auch Herausgabe von Piemont. Aufenthalt der bourbonischen Prinzen in London. Die Franzosen besetzen Hannover; das Lager bei Boulogne bedroht England mit einer Landung. William Pitt wiederum leitender Minister in England († 1806).
1804.
Verschwörung gegen das Leben des ersten Konsuls entdeckt. Pichegru erdrosselt im Gefängnis gefunden, George Cadoudal hingerichtet, Moreau verbannt, geht nach Amerika. Der Herzog von Enghien (bourbonischer Prinz von der Nebenlinie Condé) wird als an der Verschwörung beteiligt aus Ettenheim in Baden mit Gewalt entführt und auf Napoleons Befehl in Vincennes (bei Paris) erschossen. Tribunat und Senat beschließen die Umwandlung der Republik Frankreich in ein erbliches Kaiserreich; der Beschluß wird durch Volksabstimmung (mit über 3½ Mill. Stimmen) genehmigt.
1804. 2. Dez.
Napoleon krönt sich und seine Gemahlin Josephine Beauharnais in der Kirche Notre-Dame zu Paris, nachdem Papst Pius VII. die Ceremonie der Salbung vollzogen hat.
1804–1814(15).
Napoleon I., Kaiser der Franzosen. Einrichtung eines glänzenden Hofstaates. Großwürdenträger, 18 Maréchaux de l’Empire. Neuer Adel. Senat und gesetzgebender Körper bleiben, aber ohne selbständige Befugnisse, das Tribunat wird 1807 aufgehoben.
1805.
Napoleon, König von Italien. Sein Stiefsohn Eugen Beauharnais, Vizekönig von Italien. Die Ligurische Republik wird in Frankreich einverleibt.
Die Familie Bonaparte.
Carlo Bonaparte, †1785, Gem. Maria Lätitia Ramolino, †zu Rom 1836.
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| | | |
Joseph, Napoléon I. Lucian, Elise,
K. v. Neapel 1806, 1804–1814, F. v. Canino, Fürstin von
K. v. Span. 1808, †1821. †1840. Piombino,
†als Gr. v. Gem. | †1820.
Sur-villiers 1. Josephine |
1844. Beauharnais, Karl Lucian,
†1814. F. v. Canino.
2. Marie Luise v.
Österreich, †1847.
(Hzgin. v. Parma.)
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| | |
Stiefkinder: Adoptiert: Eigenes Kind:
a) Eugen, b) Hortense, c) Stephanie, Napoleon (II.),
Vizek. v. Gem. v. Ludw., Großhzgin. König v. Rom,
Italien K. v. Holland, v. Baden, †als Hz.
(Gem. Przn. †1837. †1860. v. Reichstadt
v. Bayern), 1832.
†als Hz. v.
Leuchtenberg
1824.
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| | | | | |
Josephine Eugenie August, Amalie Theodelinde Max,
(Gem. Oskar (Gem. Fürst von Hz. v. (Gem. Pedro I., (Gem. Gr. v. Hz. v.
I., König Hohenzollern- Leuchtenberg Kaiser Württemberg) Leuchtenberg,
von Hechingen), (Gem. d. v. †1857. †1852.
Schweden) †1847. Kgin. v. Brasilien),
†1876. Portugal). †1873.
†1835.
Carlo Bonaparte, †1785, Gem. Maria Lätitia Ramolino, †zu Rom 1836.
...____________________________|_______________________
| | | |
Ludwig, Pauline, Karoline, Jérôme,
K. v. Holland (Gem. Fürst (Gem. Joachim K. v. Westf.
(Gem. Hortense, v. Borghese), Murat, K. von (Gem. Przn.
Stieftochter †1825. Nepal), v. Württemb.),
Napoleons I.). †1839. †1860.
†1846. |
| |
__|____________ Jérôme Napoléon, †1891,
| | Gem. Clotilde v. Italien, †1911.
Ludwig, Karl Ludwig _____________|_____________
Großhzg. v. (seit dem | | |
Berg u. Tode seines Napoleon Victor, Louis. Maria Lätitia,
Cleve, Bruders gen. Gem. Clementine Gem. Amadena,
†1831. Louis Napoléon) v. Belgien. Hz. v. Aosta,
als Kaiser †1890 (König v.
Napoléon III., Gem. Eugenie Montijo, Spanien
1852–1870. †1873. Gräfin v. Teba. 1870–1873).
|____________________|
|
Napoleon (Prince-Impérial),
†1879.
Napoleons Pläne zur Vernichtung Englands (die Flotte in Brest soll die Landung des Heeres in England decken, die Geschwader in Toulon und Rochefort die englische Flotte nach Westindien locken) werden vereitelt durch Nelsons energische Maßregeln und durch den
1805.
Dritten Koalitionskrieg.
England, Rußland, Österreich und Schweden (Gustav IV., 1792–1809) einigen sich zur Herstellung des europäischen Gleichgewichts. Spanien mit Frankreich verbündet.
Das Lager bei Boulogne wird aufgehoben. Die französischen Heere rücken unter Davout, Soult, Lannes, Ney nach dem Rhein zu gegen Österreich, Napoleon vereingt seine Truppen (200000 Mann) an der oberen Donau. Bernadotte, von Hannover kommend, marschiert durch das neutrale ansbachische Gebiet Preußens. Bayern, Württemberg, Baden verstärken Napoleons Heer. Nach mehreren unglücklichen Treffen wird der österreichische General
1805. Okt.
Mack in Ulm mit 25000 Mann zur Ergebung genötigt und kriegsgefangen.
Der Seekrieg (seit 1803) von England glänzend beendet durch
21. Okt.
Nelsons Seesieg bei Trafalgar unweit Cadiz über die französische und spanische Flotte, welche auf Napoleons bestimmten Befehl aus Cadiz ausgelaufen war. Nelson † (»England expects every man to do his duty«).
Die Franzosen marschieren auf Wien, das Napoleons Schwager Murat ohne Widerstand einnimmt. Erzherzog Karl, der in Italien mit Masséna gekämpft hat, zieht sich über die Ostalpen zurück; ein russisches Heer unter Kutūsow, ein zweites unter Kaiser Alexander rückt heran.
3. Nov.
Bündnis Alexanders mit Friedrich Wilhelm III. zu Potsdam (am Sarge Friedrichs d. Gr.).
2. Dez.
Drei-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz (in Mähren). Napoleon siegt über die vereinigten Russen und Österreicher, ehe Erzherzog Karl angekommen ist. Waffenstillstand mit Österreich, Rückzug der Russen.
15. Dez.
Vertrag Preußens, das soeben noch bereit war, der Koalition beizutreten, mit Napoleon zu Schönbrunn (Gesandter Graf Haugwitz). Preußen tritt an Frankreich den rechtsrheinischen Rest von Cleve (Wesel) und Neuchâtel, an Bayern, das Berg an Frankreich überläßt, Ansbach ab, erhält dafür (das den Engländern erst abzuringende) Hannover, schließt mit Frankreich ein Schutz- und Trutzbündnis.
26. Dez.
Friede zu Preßburg: 1. Österreich tritt Venedig nebst Gebiet (S. 316) an das Königreich Italien ab, als dessen König es Napoleon anerkennt. 2. Österreich tritt an Bayern ab: Tirol, Vorarlberg, Burgau, Lindau, ferner die Bistümer Brixen, Trient, Eichstädt, Passau; außerdem erhält Bayern die freie Stadt Augsburg. 3. Von Österreich erhalten Württemberg und Baden die noch übrigen vorderösterreichischen Besitzungen in Oberschwaben, den Breisgau, die Stadt Konstanz u. a., dazu kommen die Gebiete des Deutschen Ordens und der Johanniter (Malteser) in Süddeutschland (Mergentheim, s. S. 179). 4. Bayern und Württemberg werden als Königreiche anerkannt. 5. Österreich erhält als Entschädigung: Salzburg, Berchtesgaden und die Güter des Deutschen Ordens; der Kurfürst von Salzburg bekommt von Bayern Würzburg als Entschädigung. Rußland bleibt im Kriegsstande, ebenso England und Schweden.
1805. Dez.
Das Haus Bourbon in Neapel (S. 305) wird durch eine Verfügung Napoleons aus Schönbrunn (La dynastie de Naples a cessé de régner) entthront. Von Paris aus verfügt er weiter über die unterworfenen Länder.
1806.
Joseph, Napoleons älterer Bruder, wird König von Neapel. Der Hof von Neapel zieht sich nach Palermo zurück. Sicilien ist für Napoleon unerreichbar, da die Engländer das Meer beherrschen.
Joachim Murat, Schwager Napoleons, wird Großherzog von Berg (bisher zu Bayern gehörig, S. 289, 323). Marschall Berthier wird Fürst von Neuchâtel. Louis Bonaparte, Napoleons dritter Bruder, Gemahl seiner Stieftochter Hortense Beauharnais, wird König von Holland (frühere Batavische Republik). Seine Schwestern Elise und Pauline erhalten die Fürstentümer Piombino (mit Lucca und Carrara) und Guastalla.
Juli.
Errichtung des Rheinbundes (s. S. 266).
Napoleon Protektor. Der bisherige Kurerzkanzler des Reiches Fürst Primas des Rheinbundes, die Könige vor Bayern und Württemberg, Großherzöge von Baden, Hessen Darmstadt und Berg, Herzog von Nassau u. a. treten bei. Die andern regierenden deutschen Fürsten schließen sich nach und nach an mit Ausnahme derer von Österreich, Preußen, Braunschweig und Kurhessen.
Viele bis jetzt reichsunmittelbare Fürsten (Fürstenberg, Öttingen, Hohenlohe, Thurn und Taxis, Leiningen, Solms, Sayn-Wittgenstein u. a.), Grafen (Castell, Erbach, Stolberg, Metternich u. a.) und Ritter (Reichsfreiherr vom Stein) werden als Mediatisierte den Rheinbundfürsten untertan; die bisherige Reichsstadt Nürnberg kommt an Bayern, Frankfurt an den Fürsten Primas Dalberg (Großherzog von Frankfurt). Der Rheinbund hat dem französischen Kaiserreich 63000 Mann Truppen zu stellen.
Kaiser Franz, der schon 1804 den Titel Kaiser von Österreich angenommen hatte, legt (6. Aug.) die deutsche Kaiserwürde nieder. Ende des alten Deutschen Reiches.
1806–1807.
Krieg Frankreichs gegen Preußen und Rußland.
Gründe der preußischen Kriegserklärung: Errichtung des Rheinbundes, Wegnahme von Essen und Werden durch den Großh. von Berg; Anerbieten Napoleons an England, Preußen das ihm soeben aufgedrängte Land Hannover wieder abzunehmen, während er Preußen zur Bildung eines norddeutschen Bundes auffordert (den betreffenden Fürsten aber heimlich abrät).
Gefahrvolle Lage Preußens beim Ausbruch des Krieges. Das Heerwesen veraltet (Kanton- und Werbesystem), die Leitung unentschlossen. Keine Bundesgenossen außer Kursachsen, Weimar (Herzog Karl August), Oldenburg, Mecklenburg und dem fernen Rußland; dazu Entzweiung mit England wegen Hannover.
1806. Sept.
Zusammenziehung des preußischen Heeres in Thüringen unter Anführung des Herzogs von Braunschweig (S. 313).
10. Okt.
Die Vorhut der Preußen bei Saalfeld geschlagen, Prinz Louis Ferdinand, Neffe Friedrichs des Großen (geb. 1772), fällt. Das Hauptheer wird in der
14. Okt.
Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt vollständig besiegt. Bei Jena kämpft Napoleon selbst gegen den Heeresteil des Fürsten Hohenlohe, bei Auerstädt Marschall Davout gegen den Herzog von Braunschweig und König Friedrich Wilhelm III. Rückzug des geschlagenen Heeres über Magdeburg; die Festung Erfurt ergibt sich am 16. Oktober. Die Reservearmee unter Prinz Eugen von Württemberg wird am 17. Oktober bei Halle von Bernadotte geschlagen. Spandau ergibt sich am 25. Oktober, am 27. zieht Napoleon in Berlin ein. Friedrich Wilhelm III. flüchtet mit der königlichen Familie über Küstrin und Graudenz nach Königsberg.
Hohenlohe kapituliert mit 10000 Mann bei Prenzlau (28. Okt.). Blücher[53] schlägt sich mit 18000 Mann durch bis Lübeck, wird dort von französischer Übermacht besiegt (6. Nov.) und ergibt sich mit dem Rest seiner Truppen (9400 Mann) bei Ratekau (7. Nov.). Sehr bald ergeben sich die Festungen Stettin, Küstrin, Magdeburg, Hameln; dagegen Kolberg (Gneisenau, Schill, Nettelbeck) und Graudenz (Courbière) halten sich tapfer bis zum Frieden.
Ganz Norddeutschland von den Franzosen besetzt. Der bei Auerstädt schwer verwundete Herzog von Braunschweig stirbt als Flüchtling (10. Nov.) zu Ottensen bei Hamburg.
21. Nov.
Von Berlin aus verfügt Napoleon die Kontinentalsperre gegen England. Einmarsch der Franzosen, Bayern und Württemberger in Schlesien, wo nur die Festungen Kosel und Glatz sich behaupten.
Dez.
Napoleon schließt in Posen Frieden und Bündnis mit dem Kurfürsten Friedrich August III. von Sachsen, welcher als König dem Rheinbunde beitritt. Inzwischen sind zwei russische Heere herangekommen; blutige Gefechte bei Pultusk zwischen Russen und Franzosen. Letztere beziehen Winterquartiere an der Weichsel (Napoleon 2. Jan. in Warschau), dringen dann nach Ostpreußen vor.
1807. 7. u. 8. Febr.
Schlacht bei Preußisch-Eylau. Der mörderische Kampf bleibt unentschieden, doch schlagen die Preußen (unter L’Estocq und Scharnhorst) den rechten Flügel der Franzosen zurück. Abermals Winterquartiere. König Friedrich Wilhelm III. geht mit seiner Gemahlin Luise, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz (geb. 1776) und seinen Kindern nach Memel
26. Mai.
Danzig nach tapferer Verteidigung (Gen. v. Kalkreuth) von den Franzosen genommen. Nach mehreren unentschiedenen Treffen siegt Napoleon in der
14. Juni.
Schlacht bei Friedland über die Russen. Königsberg und das Land bis zum Niemen von Napoleon besetzt. Waffenstillstand. Zusammenkunft Napoleons, Alexanders und Friedrich Wilhelms III. auf dem Niemen. Vergeblicher Versuch der Königin Luise, Napoleon zu milden Friedensbedingungen zu bewegen.
7. u. 9. Juli.
Friede zu Tilsit. A. Rußland erkennt 1. das Herzogtum Warschau (gebildet aus bisher preußischen Gebieten, S. 298) unter dem Könige von Sachsen an. Danzig wird freie Stadt, ein Teil von Neu-Ostpreußen (Bialystock) an Rußland abgetreten. 2. Rußland erkennt Joseph Bonaparte als König von Neapel, Louis Bonaparte als König von Holland, Jérôme Bonaparte als König des neu zu bildenden Königreichs Westfalen, ferner den Rheinbund an. 3. Es nimmt Napoleons Vermittelung zum Frieden mit den Türken an (1806 russische Kriegserklärung an die Türkei wegen Verletzung des Friedens von Jassy, S. 297), Napoleon dagegen die Vermittelung Alexanders zum Frieden mit England. In einem geheimen Artikel verpflichtet sich Alexander, falls England den Frieden nicht annimmt, zu einem Bündnis mit Frankreich gegen England B. Preußen tritt ab: a) zur freien Verfügung Napoleons alle Länder zwischen Rhein und Elbe, b) an Sachsen den Kottbuser Kreis, c) zur Bildung des Herzogtums Warschau alle nach 1772 von Polen gewonnenen Länder, auch Danzig und Gebiet. 2. Es erkennt die drei Brüder Napoleons als Könige an. 3. Alle preußischen Häfen sind bis zum Frieden mit England dem britischen Handel verschlossen. — Über die Rückgabe und Räumung der preußischen Provinzen und Festungen bestimmt der Vertrag zu Königsberg (12. Juli), daß erst alle rückständigen Kriegsentschädigungen von Preußen abgetragen werden müssen.
Die Entschädigungen, nach preußischer Rechnung noch 19 Millionen Franks, nach französischer 154, werden 1808 durch den Vertrag zu Paris auf 140 Millionen festgesetzt; auch wird bestimmt, daß Preußen nur ein Heer von 42 000 Mann halten dürfe. Starke französische Besatzungen bleiben in den Oderfestungen Stettin, Küstrin, Glogau; das übrige Land wird Ende 1808 geräumt. Bis dahin muß der von 5570 auf 2877 □ Meilen verminderte preußische Staat 150000 Franzosen ernähren.
1807. Aug.
Gründung des Königreichs Westfalen (Hauptstadt Kassel) durch eine Verfügung Napoleons, der sich die Hälfte der Domänen vorbehält. Hannover bleibt von den Franzosen besetzt, ebenso die Städte Danzig und Erfurt.
Schweden unter Gustav IV. (1792–1809) verharrt in Feindschaft gegen Frankreich. Stralsund und Rügen werden von französischen Truppen besetzt (1807, Aug.), Finnland von russischen.
Gewalttat der Engländer gegen Dänemark, das aufgefordert war, ein Bündnis zu schließen und seine Flotte den Engländern in Gewahrsam zu geben. Eine englische Flotte beschießt (1807, Sept.) Kopenhagen und führt die dänische Flotte weg. Die Insel Helgoland wird englische Seestation. Bündnis Dänemarks mit Frankreich; Rußland erklärt den Krieg an England.
Portugal, welches, mit England verbündet, dem Kontinentalsystem nicht beitreten will, wird von einem französischen Heere unter Junot besetzt (1807, Nov.). Die königliche Familie flieht nach Brasilien.
In Spanien rücken unter dem Vorwande, die Küsten gegen die Engländer zu schützen, 80000 Franzosen ein. König Karl IV. dankt infolge eines gegen seinen Günstling Godoy (S. 315) ausgebrochenen Aufstandes zu Gunsten seines Sohnes Ferdinand VII. ab (1808, März). Vater und Sohn geraten in Streit, werden von Napoleon nach Bayonne gelockt und gezwungen, dem Throne zu entsagen (Mai). Napoleon ernennt seinen Bruder Joseph zum König von Spanien; an Josephs Stelle wird Murat König von Neapel. Etrurien (S. 319) mit Frankreich vereinigt.
Allgemeiner Aufstand der Spanier; der französische General Dupont wird bei Baylen (in der Sierra Morena) mit 20000 Mann gefangen (1808, Juli). Die Engländer unter Wellesley (geb. 1769, anfangs in holländischen Diensten, dann 1796–1805 Offizier in Ostindien, † 1852) landen in Portugal und zwingen Junot bei Cintra zur Ergebung (Aug.); er wird mit 21000 Mann auf englischen Schiffen nach Frankreich gebracht.
1808–1814.
Krieg Napoleons in Spanien und Portugal.
Napoleon, seit dem Fürstentag zu Erfurt (1808, Okt.), wo ihm 4 Könige und 34 Fürsten und Prinzen aus Deutschland ihre Huldigungen darbringen, enger mit Kaiser Alexander verbündet, eilt selbst mit 150000 Mann nach Spanien, rückt bis Madrid vor, vertreibt (mit Soult) die Engländer aus Spanien, kehrt dann nach Paris zurück (1809, Jan.). Fortdauernder Volkskrieg (Guerilla) der Spanier, von den Engländern unterstützt. Die Festung Saragossa wird nach heldenmütiger Verteidigung (General Palafox) im Februar 1809 von den Franzosen erobert. General Wellesley nötigt den Marschall Soult zum Abzug aus Oporto, wird nach dem Siege über Joseph bei Talavera (1809, Juli) zum Lord Wellington erhoben und leitet die fernere Kriegführung in Spanien mit Ausdauer und Umsicht (S. 331, 337 ff.).
1807–1811.
Neubau des preußischen Staates.
König Friedrich Wilhelm III. beruft den Freiherrn vom Stein[54] als leitenden Minister nach Königsberg. Aufhebung der Erbuntertänigkeit 1807 (9. Okt.), Städteordnung 1808 (19. Nov.). Vereinfachung der Ministerien und Verwaltungbehörden. Auf Verlangen Napoleons Stein entlassen Nov. 1808; dann durch ein Dekret Napoleons aus Madrid geächtet flieht er nach Österreich. Sein Nachfolger v. Hardenberg[55] ordnet die Steuern, führt Gewerbefreiheit ein. Gleichzeitig Neuordnung des Heeres auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht (1814 gesetzlich eingeführt) durch Scharnhorst.[56] Seine Mitarbeiter v. Gneisenau, v. Grolmann, v. Boyen, v. Clausewitz u. a.
In Berlin hält Fichte, während noch französische Besatzung dort liegt, seine »Reden an die deutsche Nation«. Friedrich Wilhelm III. kehrt Ende 1809 von Königsberg nach Berlin zurück. 1810, am 19. Juli, Tod der edlen Königin Luise in Hohenzieritz. Errichtung der Berliner Universität (W. v. Humboldt, Fichte, Niebuhr, Savigny, Schleiermacher). 1811 eröffnet F. L. Jahn den ersten Turnplatz in der Hasenheide bei Berlin.
Die Befreiung Deutschlands und Europas von dem französischen Joche wird vorbereitet. (E. M. Arndts Schrift: Geist der Zeit, die Lieder Th. Körners, Fr. Rückerts [Geharnischte Sonette], M. v. Schenkendorfs.) Vergebens versucht Österreich (leitender Minister seit 1805 Graf Stadion) allein diese Befreiung, als Napoleon durch den Kampf in Spanien gehemmt zu sein scheint.
1809.
Krieg gegen Österreich.
Erzherzog Karl, als Befehlshaber des nach Bayern, Erzherzog Johann an der Spitze des nach Italien vorrückenden österreichischen Heeres, fordern die deutschen Völker auf zur Teilnahme an dem Kampfe gegen die französische Herrschaft. Nur Tirol erhebt sich (Andreas Hofer, Speckbacher, Haspinger).
Napoleon greift, namentlich mit deutschen Truppen, den Erzherzog Karl in Bayern an, drängt ihn nach
April.
fünftägigen Gefechten bei Abensberg, Landshut, Eckmühl und Regensburg über die Donau nach
13. Mai.
Böhmen und besetzt Wien zum zweitenmal. Sein Versuch, von der Insel Lobau aus das linke Donauufer zu besetzen, wird vereitelt durch die blutige
21. u. 22. Mai
Schlacht bei Aspern und Eßling. Napoleon zum erstenmal geschlagen von Erzherzog Karl. Er muß über die Donau zurückweichen (Masséna), behauptet aber Wien und vereinigt sich mit dem Vizekönig Eugen, welcher den Erzherzog Johann aus Ober-Italien nach Ungarn verfolgt und bei Raab besiegt hatte. Mit 180000 Mann geht Napoleon wieder über die Donau, schlägt den Erzherzog Karl in der mörderischen
5. u. 6. Juli.
Schlacht bei Wagram und verfolgt ihn nach Mähren. Waffenstillstand zu Znaim. An die Stelle des Grafen Stadion tritt Metternich als leitender Minister Österreichs.
14. Okt.
Friede zu Wien (Schönbrunn): Österreich tritt ein Gebiet von 110000 qkm (2000 □ Meilen) ab: Salzburg und das Innviertel an Bayern, Westgalizien an das Herzogtum Warschau, einen Teil Ostgaliziens an Rußland, die Länder jenseits der Sau nebst Istrien und Dalmatien an Napoleon, der daraus einen neuen Staat der illyrischen Provinzen bildet.
Die Tiroler, welche dreimal die Feinde aus Innsbruck vertrieben hatten (Kämpfe am Berge Isel), kämpfen tapfer weiter, unterliegen aber der Übermacht (Nov.). Hofer wird verraten und (1810, Febr.) von den Franzosen in Mantua erschossen. Tirol bleibt unter bayrischer Herrschaft; Süd-Tirol kommt an das Königreich Italien.
1809. 28. April.
Kühner Zug des preußischen Majors v. Schill, der mit seinem Husarenregiment von Berlin auszieht und die Deutschen zum Freiheitskampf aufruft. Oberst Dörnberg will Jérômes Regierung in Kassel stürzen. Die Nachrichten von Napoleons ersten Siegen vereiteln diese Unternehmung. Dörnberg rettet sich nach Böhmen. Schill kämpft bei Dodendorf (unweit Magdeburg) gegen westfälische Truppen, zieht weiter nach Dömitz (an der unteren Elbe), fällt tapfer kämpfend in Stralsund (31. Mai). 11 seiner Offiziere werden in Wesel kriegsrechtlich erschossen, die gefangenen Soldaten auf Napoleons Befehl zur Zwangsarbeit verurteilt und nach Frankreich geschleppt.
Rachezug des Herzogs Friedrich Wilhelm von Braunschweig gegen die Räuber seines Landes. Er sammelt eine Freischar in Schlesien und Böhmen, zieht durch Sachsen, erstürmt Halberstadt, zieht in Braunschweig ein (31. Juli), muß aber alsbald vor der feindlichen Übermacht weichen, kämpft tapfer bei Oelper, erreicht die Weser bei Elsfleth (unterhalb Bremen), führt seine »schwarze Schar« zu Schiffe nach England. Der Herzog und die meisten seiner Getreuen treten dann in die englisch-deutsche Legion, welche in Spanien kämpft.
März.
König Gustav IV. von Schweden, erbitterter Feind der Revolution und Napoleons, seit 1808 in unglücklichem Kriege mit Rußland, wird durch einen Militäraufstand zur Abdankung gezwungen. Sein Oheim Karl XIII. übernimmt die Regierung, schließt Frieden mit Rußland, indem er Finnland abtritt (S. 277, 327), adoptiert 1810 den französischen Marschall Bernadotte als Thronfolger.
Mai.
Der Kirchenstaat mit Frankreich vereinigt durch Dekret Napoleons von Schönbrunn, weil Papst Pius VII. (S. 319f.) die Forderung, seine Häfen den Engländern zu verschließen, standhaft ablehnt. Er spricht den Bann aus, wird verhaftet und nach Grenoble, von da nach Savona (bei Genua) geführt. Dort lebt er als Gefangener, während Napoleon ein Konzil der Bischöfe seines Reichs nach Paris beruft (1811). In Fontainebleau unterzeichnet Pius (1813, Jan.) ein Konkordat, widerruft es aber bald und wird nach Savona zurückgebracht, wo er bis zu Napoleons Sturz 1814 verbleibt.
1810. April
Napoleon, von Josephine Beauharnais († 1814) geschieden, heiratet Marie Luise, die Tochter des Kaisers Franz I. von Österreich.
Juli.
Abdankung und Flucht des Königs Louis Bonaparte von Holland, der sein Land nicht durch die Kontinentalsperre zugrunde richten will. Holland dem französischen Kaiserreich einverleibt, ebenso bald darauf der Kanton Wallis.
Dez.
Das nördliche Hannover, Oldenburg, die Hansestädte dem französischen Kaiserreich einverleibt zur strengeren Durchführung der Kontinentalsperre.
In Spanien dringen die Marschälle Soult, Viktor, Mortier nach Andalusien vor; vergebliche Belagerung von Cadiz, wo die spanischen Cortes (Landstände) zusammentreten und eine neue Verfassung beschließen (vollendet 1812). Wellington zieht sich auf die befestigten Höhen von Torres Vedras zwischen dem Tejo und der portugiesischen Küste zurück, von wo er 1811 gegen Masséna siegreich vordringt.
1811. März.
Geburt eines Sohnes Napoleons, dem der Titel König von Rom verliehen wird († 1832).
Napoleon I. auf dem Gipfel seiner Macht.
Im Seekriege mit England hat Frankreich (und Holland) nur Verluste. Die Engländer erobern 1806 das Kapland, 1809 Cayenne, Martinique, Senegal, San Domingo, 1810 Guadeloupe, Isle Bourbon, Isle de France, 1811 Java.
Die Vereinigten Staaten, am Handel mit Frankreich durch die englische Flotte gehindert, beginnen 1812 Krieg gegen England, werden aber 1814 durch Besetzung der Hauptstadt Washington zum Frieden genötigt (S. 302).
§ 4. Sturz des ersten französischen Kaiserreichs.
1812.
Krieg Frankreichs gegen Rußland.
Die Weigerung Rußlands, das Kontinentalsystem, welches Napoleon selbst durch käufliche Lizenzen umging, streng durchzuführen, erregt den Unwillen des Gewalthabers. Die Vergrößerung des Herzogtums Warschau durch Westgalizien (S. 330) erfüllt den Kaiser Alexander mit Besorgnis vor einer Wiederherstellung Polens; die Absetzung des Herzogs von Oldenburg, seines nahen Verwandten, (S. 293) wird von ihm als schwere Beleidigung empfunden.
Bündnis Napoleons mit Preußen, welches 20000 Mann, und mit Österreich, welches 30000 Mann zu dem russischen Zuge stellen muß. Schweden (Bernadotte) benutzt die Gelegenheit, um sich von der französischen Abhängigkeit zu befreien und durch ein Bündnis mit Rußland sich Norwegen als Ersatz für Finnland zu sichern. England und die Türkei schließen Frieden mit Rußland; die Türkei tritt im Frieden von Bukarest das Land zwischen Dnjestr und Pruth an Rußland ab.
1812. Mai.
Napoleon wird in Dresden von Kaiser Franz I., König Friedrich Wilhelm III. und den Rheinbundfürsten begrüßt, reist von da über Posen und Thorn nach Königsberg zu seiner Armee, deren Durchzug Preußen schwer belastet. Berlin hat wiederum französische Besatzung.
Die große Armee (über 600000 Mann) vereinigt Franzosen, Deutsche, Italiener, Schweizer, Niederländer, Polen. Beim Vormarsch bilden die Österreicher unter Schwarzenberg, zusammen mit Franzosen und Sachsen unter Reynier, den rechten Flügel, welcher nach Wolhynien vorrückt; die Preußen unter York gehören dem linken Flügel an, welcher unter Macdonalds Oberbefehl nach Livland zieht, um Riga zu belagern. Das Hauptheer überschreitet Ende Juni den Niemen; Napoleon verweilt 18 Tage in Wilna; die Hoffnung der Polen auf Wiederherstellung ihres Staates verwirklicht sich nicht.
Die Russen (260000 Mann in 3 Heeren) weichen kämpfend zurück. Ihre Hauptmacht unter Barclay de Tolly kämpft am 17. August bei Smolensk; die brennende Stadt wird den Franzosen (18. Aug.) überlassen. Unter Kutūsows Oberbefehl
7. Sept.
Schlacht bei Borodinó an der Moskwa: beide Teile erleiden ungeheuere Verluste. Rückzug der Russen in guter Ordnung bis hinter Moskau. Das französische Hauptheer, auf 100000 Mann zusammengeschmolzen, besetzt die von den Einwohnern verlassene Stadt. Napoleon im Kreml.
15.–20. Sept.
Brand von Moskau (der Gouverneur Rostopschin). Plünderung der Stadt unter Schutt und Trümmern; der Kreml wird gegen das Feuer geschützt. Kaiser Alexander lehnt auf Steins Rat Friedensanträge Napoleons ab. Nach fünfwöchigem Aufenthalt in Moskau
19. Okt.
Rückzug aus Rußland, von Napoleon erst nach Südwesten, dann in der Richtung auf Smolensk angetreten, beunruhigt durch das russische Hauptheer unter Kutūsow und zahllose Kosakenschwärme.
6. Nov.
Eintreten der Kälte. Furchtbares Elend durch Hunger und Frost. Fortwährende Gefechte, namentlich bei Krasnoi (Ney) und Borissow (Oudinot).
1812. 26.–28. Nov.
Schrecklicher Übergang über die Beresina.
Brückenbau bei Studienka; Ney und Oudinot wehren am 28. die andringenden Russen auf dem rechten Ufer ab, Viktor auf dem linken, doch fallen Tausende von Nachzüglern den Russen in die Hände. Von da ab völlige Auflösung des Heeres bei erneuter Kälte; Napoleon verläßt das Heer (5. Dez.) und eilt nach Paris. Murat, dann Eugen Beauharnais leiten den Rückzug.
30. Dez.
York schließt zu Tauroggen (nahe der preußischen Grenze) einen Neutralitätsvertrag mit dem russischen General Diebitsch.
Schwarzenberg führt sein Heer fast ohne Verluste nach Galizien zurück (Febr. 1813).
1813 und 1814.
Der deutsche Befreiungskrieg.
1813. 3. Febr.
König Friedrich Wilhelm III. erläßt in Breslau einen Aufruf zur Bildung freiwilliger Jäger-Abteilungen. Begeisterte Erhebung in Preußen. Männer und Jünglinge jedes Standes eilen zu den Waffen.
7. Febr.
Der ostpreußische Landtag zu Königsberg beschließt Ausrüstung von 30000 Mann Linie und Landwehr.
28. Febr.
Bündnis zu Kalisch zwischen Rußland und Preußen. Das russisch-preußische Hauptheer sammelt sich in Schlesien.
Die Franzosen räumen Berlin und Hamburg. Die Herzöge von Mecklenburg sagen sich vom Rheinbund los. Tettenborn mit den Kosaken zieht als Befreier in Hamburg ein (18. März).
17. März.
Aufrufe Friedrich Wilhelms III. »An mein Volk« und »An mein Kriegsheer«; Verordnung zur Errichtung der Landwehr und des Landsturmes. Eisernes Kreuz gestiftet.
27. März.
Dresden wird nach Abzug des Marschall Davout durch Russen und Preußen unter Wittgenstein und Blücher besetzt. Flucht des Königs von Sachsen.
2. April.
Gefecht bei Lüneburg (Johanna Stegen). Der französische General Morand mit 2000 Mann von Russen und Preußen gefangen. Die Erhebung in Bremen wird von General Vandamme unterdrückt.
5. April.
Gefecht bei Möckern (östlich von Magdeburg). Eugen Beauharnais, (S. 329) von Preußen (unter York, Bülow und Borstell) und Russen geschlagen, zieht sich auf das linke Elbufer zurück. Französische Besatzungen behaupten sich in Magdeburg, Stettin, Küstrin, Glogau, Danzig, Modlin, Zamosc.
Napoleon führt ein neugebildetes Heer (120000 Mann) über den Rhein, zieht die Truppen der Rheinbundfürsten an sich, überschreitet den Thüringer Wald, wird beim Vorrücken nach Sachsen von den Russen und Preußen (85000 Mann) angegriffen.
1813. 2. Mai.
Schlacht bei Groß-Görschen oder Lützen. Der Sieg bleibt trotz größerer Verluste den Franzosen. Die Verbündeten ziehen sich über Dresden nach der Lausitz zurück. Scharnhorst, in der Schlacht verwundet, stirbt in Prag (28. Juni).
Napoleon zieht in Dresden ein, führt den aus Prag zurückgekehrten König von Sachsen dorthin zurück.
18. Mai.
Schwedische Truppen unter Führung des Kronprinzen (Bernadotte) landen in Pommern.
20. u. 21. Mai.
Schlacht bei Bautzen. Napoleon erzwingt den Übergang über die Spree und siegt mit großen Verlusten. Die Verbündeten ziehen sich nach Schlesien zurück. Blüchers Reitergefecht bei Haynau (26. Mai).
30. Mai.
Hamburg nach Abzug der Russen von Davout besetzt und furchtbar gebrandschatzt.
4. Juni.
Waffenstillstand zu Poischwitz (bei Striegau) auf sechs Wochen, verlängert bis zum 10. August. Beide Teile erschöpft, erwarten Verstärkung und bewerben sich um Österreichs Bundesgenossenschaft.
14. u. 15. Juni.
Subsidienverträge Englands mit Preußen und Rußland zu Reichenbach.
17. Juni.
Franzosen und Rheinbundtruppen überfallen die Reiterei der Lützowschen Freischar bei Kitzen (unweit Lützen).
Verhandlungen zu Prag. Österreich übernimmt die Vermittelung; Napoleon geht auf Metternichs Bedingungen (Auflösung des Herzogtums Warschau, Rückgabe der illyrischen Provinzen an Österreich, Räumung der preußischen Festungen, der Hansestädte und Oldenburgs) nicht ein.
12. Aug.
Österreich erklärt den Krieg an Frankreich. Die Verbündeten, durch englische Hilfsgelder unterstützt, stellen drei Heere auf:
1. Das Böhmische oder Hauptheer unter Fürst Schwarzenberg: 123000 Österreicher, 75000 Russen unter Wittgenstein, 49000 Preußen unter Kleist. Beim Heere befinden sich die drei verbündeten Monarchen Alexander, Franz, Friedrich Wilhelm.
2. Das Schlesische Heer unter Blücher: 38000 Preußen unter York, 61000 Russen unter Sacken und Langeron; Gneisenau Chef des Generalstabes.
3. Das Nordheer unter dem Kronprinzen Karl Johann von Schweden (Bernadotte): 75000 Preußen unter Bülow und Tauenzien, 30000 Russen unter Winzingerode, 20000 Schweden, 27000 Mann gemischte Truppen (russisch-deutsche Legion, Kosaken, Hannoveraner, Mecklenburger, Hanseatische Legion, Lützowsche Freischar) unter Wallmoden.
Im ganzen 485000 gegen 440000 Franzosen und Rheinbundtruppen.
Napoleon beginnt die Feindseligkeiten mit einem Angriff auf Blücher, der hinter die Katzbach zurückgeht. Indessen rückt Schwarzenberg aus Böhmen gegen Dresden vor. Napoleon eilt dorthin und läßt Macdonald gegen Blücher zurück. Ehe es auf diesen beiden Punkten zur Schlacht kommt, wird Oudinot, dessen Angriff auf Berlin durch Davout von Hamburg aus unterstützt werden sollte, in der
1813. 23. Aug.
Schlacht bei Großbeeren von Bülow geschlagen, während der Kronprinz von Schweden untätig zusieht, Berlin wird durch diesen Sieg vor Einnahme und Plünderung gerettet.
Davout kehrt nach einigen Gefechten gegen die Truppen des Generals Wallmoden (Th. Körner † 26. Aug. bei Gadebusch) nach Hamburg zurück. Ein von Magdeburg gegen Berlin heranziehendes Korps von 9000 Mann wird bei Hagelberg 27. August von der kurmärkischen Landwehr vernichtet.
26. Aug.
Schlacht an der Katzbach. Macdonald, der mit 80000 Mann in Schlesien vorrückt, wird von den Preußen und Russen unter Blücher (später zum Fürsten von Wahlstatt ernannt) entscheidend geschlagen.
Indessen mißglückt der Angriff der Böhmischen Armee auf Dresden. Napoleon erkämpft in der
26. u. 27. Aug.
Schlacht bei Dresden nochmals einen großen Sieg auf deutschem Boden. Doch wird General Vandamme, welcher der Böhmischen Armee den Rückzug abschneiden will, in der
29. u. 30. Aug.
Schlacht bei Kulm und Nollendorf, nicht weit von Teplitz, von Russen und Österreichern geschlagen und durch das rechtzeitige Erscheinen der Preußen in seinem Rücken (General v. Kleist) mit 10000 Mann zur Ergebung genötigt.
6. Sept.
Schlacht bei Dennewitz (unweit Jüterbog).
Marschall Ney, welcher mit 70000 Mann Berlin besetzen soll, von Bülow und Tauenzien geschlagen.
Napoleon zieht nach Bautzen gegen Blücher, der ihm ausweicht, dann gegen die Böhmische Armee, die ihm bei Nollendorf (17. Sept.) erfolgreich Widerstand leistet, dann nochmals gegen Blücher (Gefecht bei Bischofswerda). Blücher gibt dem Feldzug die entscheidende Wendung durch seinen Übergang über die Elbe.
1813. 3. Okt.
Tapferer Kampf des Yorkschen Korps bei Wartenburg gegenüber der Einmündung der Schwarzen Elster. Auch die unter Bernadottes Führung zögernde Nordarmee überschreitet nun die Elbe.
8. Okt.
Vertrag zu Ried zwischen Österreich und Bayern, welches sich vom Rheinbunde lossagt und dem Bündnis gegen Napoleon beitritt. Dafür wird dem König Max Joseph von Bayern (1799–1825) die Erhaltung seines durch Napoleon vergrößerten Gebietes zugesichert.
Als die 3 Hauptheere der Verbündeten eine Vereinigung im Rücken Napoleons versuchen, verläßt dieser Dresden, zieht nach Düben (an der Mulde) gegen Blücher, der ihm ausweicht, versammelt dann seine Truppen bei Leipzig gegen die inzwischen durch die Elbpässe gedrungene Böhmische Armee. Reitergefecht bei Libertwolkwitz (14. Okt.).
16. 18. 19. Okt.
Völkerschlacht bei Leipzig.
Am 16. Okt. unentschiedener Kampf Napoleons gegen die Böhmische Armee (Schwarzenberg) bei Wachau (südl. von Leipzig); Sieg Blüchers bei Möckern (nördl. von Leipzig) über Marmont.
Am 17. Stillstand des Kampfes; Napoleon schickt Friedensanträge an Kaiser Franz, die jedoch wegen ihrer Unzulänglichkeit keine Berücksichtigung finden. Gegen Abend Vereinigung der vier Heere der Verbündeten: die Nordarmee und die russische Reservearmee (unter Bennigsen) schließen den Kreis nördlich, östlich und südlich von Leipzig (die Straße im Westen nach Lindenau nicht besetzt); 255000 gegen 160000 Mann.
Am 18. allgemeiner Angriff und nach neunstündigem Kampfe vollständiger Sieg der Verbündeten. Kampf um Probstheida südlich, Schönfeld an der Parthe und Paunsdorf östlich von Leipzig; bei Paunsdorf gehen die meisten Sachsen und Württemberger zu den Verbündeten über.
Am 19. Erstürmung von Leipzig und Gefangennehmung des Königs von Sachsen. Nach Verlust von mehr als 60000 Mann tritt das geschlagene Heer Napoleons den Rückzug an. Voreilige Zerstörung der Elsterbrücke. Viele Fliehende, unter ihnen der tapfere Fürst Poniatowski, Neffe des letzten polnischen Königs, finden ihren Tod in der Elster.
Auf dem Rückzuge Kampf Napoleons an der Unstrut gegen Yorks Vorhut; Sieg bei Hanau (30. und 31. Okt.) über ein österreichisch-bayrisches Heer unter Wrede.
Unmittelbare Folgen der Schlacht bei Leipzig: Flucht des Königs Jérôme aus Kassel, Ende des Königreichs Westfalen, der Großherzogtümer Frankfurt und Berg. Wiederherstellung der alten Regierungen in Hessen-Kassel, Braunschweig, Hannover, Oldenburg. Die »Zentralverwaltung für die in Deutschland eroberten Länder«, unter dem Freiherrn vom Stein, sorgt in Sachsen, Frankfurt und Berg für die weiteren Rüstungen.
1813. Nov.
Napoleon geht bei Mainz über den Rhein zurück. Württemberg, Hessen-Darmstadt, Baden und die noch übrigen Glieder des Rheinbundes schließen sich den Verbündeten an. Allmählich werden die von den Franzosen besetzten Festungen befreit: Dresden (11. Nov.), Stettin (21. Nov.), Lübeck (5. Dez.), Zamosc, Modlin, Torgau (26. Dez.), Danzig (30. Dez.), Wittenberg (12. Jan. 1814), Küstrin (7. März).
In Glogau, Magdeburg, Hamburg (Davout), Erfurt, Würzburg, Wesel, Mainz halten sich die französischen Besatzungen bis zum Frieden.
Aufstand in Holland (Nov.), die französischen Behörden verjagt. Ein Teil der Nordarmee unter Bülow rückt in Holland ein, während der Kronprinz von Schweden in Holstein einfällt und in einem kurzen Winterfeldzug Dänemark zum Verzicht auf Norwegen zwingt (Friede zu Kiel, Jan. 1814).
Aus Spanien werden die Franzosen, nachdem sie schon 1812 den Süden des Landes und vorübergehend auch Madrid hatten aufgeben müssen, während des Jahres 1813 fast ganz verdrängt. Entscheidender Sieg Wellingtons bei Vittoria (21. Juni).
In Deutschland erfolgt, da Napoleon auf ein von Metternich gemachtes Anerbieten, welches ihm die Alpen- und Rheingrenze verspricht, nicht ernstlich eingeht, am
1. Dez.
der Beschluß, den Krieg energisch weiterzuführen und den Rhein zu überschreiten. Das Hauptheer unter Schwarzenberg geht Ende Dez. bei Basel über den Rhein, um die Hochebene von Langres zu erreichen, das Schlesische Heer unter Blücher in der Neujahrsnacht 1814 bei Mannheim, Kaub und Koblenz.
1814.
Feldzug in Frankreich.
29. Jan.
Um die Vereinigung der verbündeten Heere zu verhindern, greift Napoleon bei Brienne Blücher an, der sich zurückziehen muß, sich aber dann mit Teilen des Hauptheeres (Kronprinz von Württemberg, Wrede) vereinigt und den Kaiser in der
1. Febr.
Schlacht bei La Rothière schlägt und über die Aube zurückdrängt. Darauf wieder Trennung; das Hauptheer soll an der Seine, das Schlesische an der Marne entlang nach Paris vorrücken. Napoleon läßt 40000 Mann gegen Schwarzenberg zurück, wirft sich mit 30000 auf die getrennten Teile des Schlesischen Heeres, schlägt
10.–14. Febr.
sie in vier Treffen bei Champaubert, Montmirail, Château-Thierry und Vauchamps und zwingt Blücher zum Rückzug über Etoges. Dann wendet
1814. 17. u. 18. Febr.
er sich gegen die vorgeschobenen Teile des Hauptheeres und schlägt sie bei Nangis und Montereau; Schwarzenberg ordnet den Rückzug nach Troyes an. Beide Heere der Verbündeten vereinigen sich wieder auf kurze Zeit an der Aube. Mittlerweile waren Bevollmächtigte der Verbündeten mit dem Gesandten Napoleons, Caulaincourt, zu einem
5. Febr. bis 19. März.
Kongreß in Châtillon (an der Seine) zusammengetreten, auf dem man Napoleon den Besitz Frankreichs mit den Grenzen von 1792 zugestanden hätte; allein die Verhandlungen werden infolge seines übermütigen und zweideutigen Benehmens abgebrochen.
Die beiden Heere trennen sich wieder. Das Hauptheer unter Schwarzenberg siegt in der
27. Febr.
Schlacht bei Bar-sur-Aube über Oudinot und Macdonald, rückt aber dann nur langsam vor.
Blücher dringt vor bis in die Nähe von Meaux (an der Marne), wendet sich dann nordwärts und vereinigt sich bei Soissons mit dem Nordheer unter Bülow und Winzingerode, welches inzwischen Holland und Belgien befreit hat. Die vereinigten Heere besiegen Napoleon in der
9. u. 10. März
Schlacht bei Laon, doch ohne ihn vernichten zu können. Er zieht mit 30000 Mann gegen das Hauptheer, welches ihn in der
20. u. 21. März.
Schlacht bei Arcis-sur-Aube besiegt. Unterdes von der spanischen Seite her gleichfalls siegreiches Vordringen Wellingtons gegen Soult. Besetzung von Bordeaux (12. März), wo die königliche Fahne der Bourbons zuerst aufgepflanzt wird.
Napoleon faßt den verwegenen Plan, sich den Verbündeten in den Rücken, nach Lothringen, zu werfen, die Besatzungen der Festungen an sich zu ziehen und die gesamte Bevölkerung zu den Waffen zu rufen. Die Verbündeten senden ihm 8000 Reiter nach, die übrigen Truppen, 170000 Mann, ziehen gegen Paris. Die Marschälle Marmont und Mortier werden bei La Fère Champenoise (25. März) zurückgeschlagen und ziehen sich nach Paris zurück. Die Regentin Marie Luise entflieht nach Blois.
30. März.
Schlacht bei Paris, auf der Ostseite (Pantin, Vincennes), zuletzt Erstürmung des Berges Montmartre auf der Nordseite.
31. März.
Einzug der Verbündeten in Paris, wo der Senat auf Veranstaltung Talleyrands den Kaiser und seine Familie des Thrones für verlustig erklärt. Napoleon war, seiner Hauptstadt zu Hilfe eilend, wenige Stunden zu spät gekommen. Da ihm zu einem verzweifelten Sturme auf Paris die Marschälle den Gehorsam verweigern, entsagt er in Fontainebleau der Krone (6. und 11. April). Er erhält von den Verbündeten die Insel Elba als Fürstentum mit 2 Millionen Franks Einkünften aus Frankreich; 800 seiner alten Soldaten dürfen ihn begleiten. Seine Gemahlin erhält das Herzogtum Parma; beide behalten den kaiserlichen Titel.
1814. 10. April.
Wellington besiegt Soult in der Schlacht bei Toulouse.
4. Mai.
Ankunft Napoleons auf Elba. Rückkehr der Bourbons nach Frankreich. Ludwigs XVI. Bruder, der sich als König
1814–1824.
Ludwig XVIII. nennt, erteilt dem Lande eine der englischen nachgebildete, gemäßigte Verfassung (Charte octroyée: Pairskammer und Deputiertenkammer) und schließt mit den Verbündeten den
1814. 30. Mai.
Ersten Frieden zu Paris: 1. Frankreich nimmt im allgemeinen seine Grenzen von 1792 wieder an (gegen 1790 Vermehrung um 8200 qkm [150 □ Meilen]: Avignon und Venaissin, Teile von Savoyen, Elsaß und Belgien). 2. England gibt die französischen Kolonien zurück mit Ausnahme von Tabago, St. Lucie und Isle de France, behält ferner Malta (S. 320f) und die früher holländischen Kolonien Kapland (S. 331) und Ceylon. 3. Die Verbündeten verzichten auf alle Summen, welche sie als Entschädigung für französische Erpressungen zu fordern haben (!).
Nach dem Pariser Frieden kehrt Papst Pius VII. nach Rom, der König von Sardinien Viktor Emanuel nach Turin, der König von Spanien Ferdinand VII. nach Madrid zurück. In Spanien beginnt, nachdem der König die sehr freisinnige Verfassung der Cortes vom Jahre 1812 verworfen hat, sofort ein grausamer Kampf der unumschränkten Gewalt gegen die liberale Partei. — Pius VII. stellt den Jesuitenorden (s. S. 304) wieder her.
Besuch Kaiser Alexanders und König Friedrich Wilhelms III. in London (Juni 1814), begleitet von ihren siegreichen Feldherren (Blücher); begeisterter Empfang von seiten der englischen Nation.
§ 5. Wiederherstellung des europäischen Staatensystems.
1814–1815. Sept. Juni.
Wiener Kongreß,
unter persönlicher Teilnahme der Kaiser von Österreich und Rußland, der Könige von Preußen, Dänemark, Bayern und Württemberg und vieler deutscher Fürsten. Vertreten sind alle Staaten Europas, mit Ausnahme der Türkei. Die geschäftliche Leitung der Verhandlungen hat der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich; für Frankreich weiß Talleyrand als Gesandter Ludwigs XVIII. großen Einfluß zu gewinnen. Streit entsteht namentlich über die künftige Gestaltung Sachsens und Polens, doch ist der Ausgleich schon gefunden, ehe die Nachricht von Napoleons Entweichen aus Elba anlangt.
Hauptbestimmungen der Wiener Kongreßakte
(8. Juni 1815):
1. Österreich erhält seine alten Gebiete zurück: Tirol, Vorarlberg, Kärnten, Krain, Triest, Galizien, Mailand, dazu das 1797 erworbene venetianische Gebiet und das 1805 erworbene Erzbistum Salzburg, tritt aber den Breisgau und seine oberschwäbischen Besitzungen an Baden und Württemberg, Belgien an Holland ab.
2. Preußen erhält zurück: einen Teil des Herzogtums Warschau (Provinz Posen) und Danzig, die alten Besitzungen in Westfalen und am Rhein, auch Neuchâtel. Zur Entschädigung für nicht zurückerhaltene frühere Besitzungen (Ansbach und Baireuth an Bayern, Ostfriesland, Goslar, Hildesheim an Hannover, polnische Gebiete an Rußland) werden die Rheinprovinz und Westfalen außer anderem besonders durch die Herzogtümer Jülich und Berg, die Kurlande Köln und Trier vergrößert, ferner Schwedisch-Pommern mit Rügen und die Hälfte des Königreichs Sachsen hinzugefügt.
3. Bayern wird durch Ansbach und Baireuth, Aschaffenburg, Würzburg und die linksrheinische Pfalz vergrößert; die rechtsrheinische mit Heidelberg und Mannheim bleibt bei Baden (S. 320).
4. Ein Königreich der Niederlande wird gebildet aus der früheren Republik der Niederlande (Holland) und dem früher österreichischen Belgien. König Wilhelm I., Sohn des letzten Erbstatthalters von Holland (S. 314, 321), erhält zum Ersatz für seine nassauischen Stammlande auch das Großherzogtum Luxemburg.
5. Die deutsche Kaiserwürde nicht wiederhergestellt. Der Deutsche Bund tritt an die Stelle des früheren Deutschen Reiches, gebildet von 35 souveränen Fürsten und 4 freien Städten. Grundgesetz die Bundesakte vom 8. Juni 1815, ergänzt durch die Wiener Schlußakte 1820. Oberste Behörde der Bundestag zu Frankfurt a. M., eine Versammlung von Gesandten der Bundesstaaten unter Vorsitz des österreichischen Gesandten. Bundesheer aus Kontingenten der Einzelstaaten; Bundesfestungen: Mainz, Luxemburg, Landau, Ulm, Rastatt. Österreich und Preußen gehören nicht mit ihrem ganzen Gebiet zum Bunde, ersteres nicht mit seinen polnischen, ungarischen und italienischen Gebieten, letzteres nicht mit Preußen und Posen. Bayern, Württemberg, Sachsen (letzteres verkleinert) bleiben Königreiche; dazu kommt das frühere Kurfürstentum Hannover (vergrößert) ebenfalls als Königreich, in Personal-Union mit England (seit 1714, vgl. S. 299). Der König von England ist als König von Hannover, der König von Dänemark als Herzog von Holstein und Lauenburg, der König der Niederlande als Großherzog von Luxemburg am Deutschen Bunde beteiligt.
6. Rußland erhält den größten Teil des Herzogtums Warschau als Königreich Polen. Krakau wird Freistaat unter dem Schutze Rußlands, Österreichs und Preußens.
7. England behält Malta, Helgoland, die ihm früher zugesicherten Kolonien (S. 339) und die Schutzherrschaft über die Republik der 7 Ionischen Inseln (S. 316). Auf Englands Antrag gemeinsame Erklärung der Großmächte gegen den Sklavenhandel.
8. Schweden wird, gemäß dem Kieler Frieden (S. 337), mit Norwegen durch Personal-Union vereinigt; Dänemark wird entschädigt durch Schwedisch-Pommern mit Rügen, wofür es das von Hannover an Preußen abgetretene Lauenburg eintauscht (bis 1689 deutsches Herzogtum, vgl. S. 189, 204, dann mit Hannover vereinigt, 1803 von den Franzosen besetzt).
9. Die 19 Kantone der Schweiz (S. 316) werden durch Genf, Wallis und Neuchâtel (zugleich Kanton und Fürstentum im Besitz der Krone Preußen, S. 274) auf 22 vermehrt, die Bundesverfassung neu geordnet.
10. Wiederherstellung der alten Dynastien in Spanien, Portugal, Sardinien (das durch Genua vergrößert wird) und Toskana. Moděna wird gleich Toskana österreichisches Nebenfürstentum, da die Erbtochter des letzten Herzogs aus dem Hause Este (Herkules III., S. 304) sich mit dem Erzherzog Ferdinand vermählt hat (S. 282). Parma, Piacenza und Guastalla (S. 304) kommen an Napoleons Gemahlin, die Erzherzogin Marie Luise, sollen aber nach ihrem Tode († 1847 als Witwe des Grafen v. Neipperg) an die in Lucca herrschenden Bourbonen zurückfallen. Auch der Kirchenstaat wiederhergestellt, dagegen wird in Neapel Murat (S. 327) als König anerkannt.
Nachrichten von der Mißstimmung in Frankreich gegen die Regierung der Bourbons und von den beim Wiener Kongreß besonders wegen der polnisch-sächsischen Frage ausgebrochenen Streitigkeiten ermutigen Napoleon zur Rückkehr nach Frankreich.
1815. 1. März.
Landung Napoleons bei Cannes mit 7 Schiffen. Schneller Marsch auf Paris. Alle gegen ihn gesandten Truppen, auch Ney mit seinem Korps, gehen zu ihm über. Ludwig XVIII. entflieht nach Gent.
1815. 20. März.
Einzug Napoleons in Paris (les cent jours). Die auf dem Wiener Kongreß vertretenen Staaten erlassen eine gemeinschaftliche Achtserklärung gegen ihn und schließen ein neues Kriegsbündnis.
Mai.
Napoleon macht der liberalen Partei in Frankreich einige Zugeständnisse durch die in einer großen Volks- und Heeresversammlung bei Paris (Maifeld) verkündete Zusatzakte zur Verfassung des Kaiserreichs, in Belgien wird ein preußisches Heer unter Blücher und ein englisch-deutsches unter Wellington gegen ihn zusammengezogen.
Murat, der sich wieder für Napoleon erklärt, wird von den Österreichern bei Tolentino (3. Mai) geschlagen und entflieht nach Frankreich. Ferdinand IV. (aus dem Hause Bourbon) kehrt von Sicilien (S. 304, 324) nach Neapel zurück, nennt sich als »König beider Sicilien« fortan Ferdinand I. († 1825).
16. Juni.
Schlacht bei Ligny. Napoleon, in Belgien vorrückend, schlägt die Preußen trotz tapferer Gegenwehr. Blücher in Lebensgefahr, von seinem Adjutanten Nostiz gerettet. Gneisenau befiehlt den Rückzug nach Wavre. An demselben Tage wird Marschall Ney von Wellington, dessen Truppen erst nach und nach auf dem Kampfplatz erscheinen, bei Quatre-Bras zurückgeschlagen. (Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig †.) Napoleon sendet 32000 Mann unter Grouchy zur Verfolgung des preußischen Heeres ab in der Richtung auf Namur und wendet sich mit über 72000 Mann gegen Wellington.
18. Juni.
Schlacht bei Belle-Alliance (Waterloo). Am Nachmittag ist Wellingtons Heer (24000 Engländer, 13000 Niederländer, 30000 Hannoveraner, Braunschweiger, Nassauer) an mehreren Punkten bereits zum Weichen gebracht, als Blücher mit den Preußen (über 40000) anlangt und den Sieg nach mehrstündigem, erbittertem Kampfe zu Gunsten der Verbündeten entscheidet. Vollständige Niederlage der Franzosen, ihr von Gneisenau verfolgtes Heer wird gänzlich zersprengt. Zur selben Zeit kämpft Grouchy, auf dessen Hilfe Napoleon gerechnet hatte, fruchtlos gegen ein preußisches Korps bei Wavre. Napoleon eilt nach Paris, wo er zu Gunsten seines Sohnes abdankt; dieser ist genötigt, in Österreich zu bleiben († 1832 als Herzog von Reichstadt).
7. Juli.
Zweite Einnahme von Paris. Einzug Blüchers und Wellingtons, bald darauf Rückkehr Ludwigs XVIII., Ankunft der beiden Kaiser und des Königs von Preußen.
Unterdes flüchtet Napoleon nach Rochefort, wo er sich nach vergeblichen Versuchen, nach Amerika zu entkommen, dem britischen Admiral Hotham ausliefert, der ihn an Bord des »Bellérophon« nach England bringt. Von dort wird er, nach gemeinschaftlichem Beschluß der verbündeten Mächte, als Kriegsgefangener nach St. Helena gebracht († 5. Mai 1821. Seine Leiche seit 1840 im Invalidendom zu Paris, S. 353).
1815. 26. Sept.
Auf Kaiser Alexanders Wunsch Stiftung der Heiligen Allianz zur Erhaltung des Friedens in Europa, zunächst zwischen Rußland, Österreich und Preußen; bald schließen sich die übrigen europäischen Staaten an, mit Ausnahme Englands, der Türkei und des Kirchenstaates.
Okt.
Murat, der in Kalabrien gelandet ist, um das Königreich Neapel wiederzuerobern, wird gefangen und kriegsrechtlich erschossen.
20. Nov.
Zweiter Friede zu Paris: 1. Frankreich tritt die Festungen Philippeville und Marienburg an das Königreich der Niederlande, Saarlouis und Saarbrücken an Preußen, Landau an Bayern, den im ersten Pariser Frieden belassenen Teil von Savoyen an das Königreich Sardinien ab. 2. Die Nord- und Ostgrenze Frankreichs mit 17 Festungen bleibt (auf höchstens 5 Jahre) von 150000 Mann verbündeter Truppen auf Kosten Frankreichs besetzt. 3. Frankreich bezahlt 700 Millionen Franks Kriegskosten. Außerdem werden die nach der ersten Einnahme von Paris dort belassenen, von den Franzosen weggeführten Kunstschätze zurückgenommen.
Dem Verlangen deutscher Patrioten, auch des preußischen Staatskanzlers v. Hardenberg, Frankreich wenigstens einen Teil der alten Vorlande des Deutschen Reichs, Lothringen und Elsaß, namentlich Straßburg, wieder abzunehmen und es dadurch seiner Angriffsstellung gegen Deutschland zu berauben, wird auch diesmal nicht entsprochen.
D. Vom Wiener Kongress bis auf unsere Zeit.
§ 1. Neue Erfindungen.
Aufschwung der Gewerbetätigkeit und des Verkehrs, auch politische Annäherung der Nationen durch praktische Anwendung der Naturwissenschaften:
1. Die ersten Versuche, den Dampf als bewegende Kraft zu verwenden, reichen ins 17. Jahrhundert zurück. Die Franzosen schreiben die Erfindung dem Physiker Denis Papin aus Blois (um 1690), die Engländer dem Marquis von Worcester (1663) und dem Kapitän Savery (1698) zu. Benutzung einer Dampfmaschine beim Bergbau durch Newcomen 1706 in Devonshire. Hauptverbesserer der Dampfmaschine, durch dessen Erfindungen es erst möglich wurde, dieselbe in den verschiedensten Gewerben zu verwenden, war James Watt (1769 in Birmingham, † 1819).
2. Versuche mit Dampfschiffen wurden (nach Papins Vorgang 1707) 1774 und 1775 auf der Seine, 1786 durch Symington in Edinburg gemacht. Den ersten regelmäßigen Dampfschiffsverkehr richtete der Amerikaner Fulton 1807 auf dem Hudsonflusse ein, 1818 ging das erste Dampfschiff von New-York nach Liverpool. Dampfschiffahrt auf dem Rhein seit 1825. Hamburg-Amerika-Linie 1847, Norddeutscher Lloyd in Bremen 1857 gegründet.
3. Gewaltige Entwickelung des Landverkehrs durch die Eisenbahnen. Holzbahnen mit Eisenschienen seit 1767 in englischen Bergwerken gebräuchlich. Erfinder der Lokomotive George Stephenson 1814 (in Newcastle am Tyne). Erste größere Eisenbahnlinie für den Personenverkehr Liverpool-Manchester 1830, in Deutschland Nürnberg-Fürth 1835, Leipzig-Dresden 1837, Berlin-Potsdam 1838, Berlin-Hamburg 1845.
4. Den elektrischen Telegraphen erfand 1809 Sömmering in München; den Elektromagnetismus benutzten 1833 Gauß und Weber in Göttingen zuerst für Fernverständigung; die ersten für Verkehrszwecke brauchbaren Apparate baute 1837 Wheatstone in London. Den Schreibtelegraphen erfand Morse in New-York 1837. Erstes unterseeisches Kabel 1851 von Dover nach Calais; erste ozeanische Verbindung 1866 von der Insel Valencia (an der Westküste von Irland) nach Neufundland.
5. Erweiterte Anwendung der elektrischen Kraft: Fernsprecher (Telephon), erfunden 1861 von Philipp Reis in Friedrichsdorf bei Homburg. Elektrische Beleuchtung (1879 Edison in New-York) neben der seit 1814 (zuerst in London, 1826 in Berlin) üblich gewordenen Gasbeleuchtung. Elektrische Eisenbahn (1879 Werner Siemens in Berlin). Drahtlose Telegraphie: Elektrische Wellen im Luftraum, hergestellt und beobachtet 1887 von H. Hertz in Karlsruhe, zu telegraphischen Zwecken seit 1897 benutzt von Marconi u. a.
6. Die Motorwagen (Automobile), seit 1895 in Frankreich beliebt, dann auch in andern Ländern immer mehr eingeführt, fördern schnellen Verkehr, ohne an Schienenwege gebunden zu sein.
7. Motor-Luftschiffahrt, seit 1907 erfolgreich betrieben von Graf Zeppelin (Friedrichshafen am Bodensee), Major v. Parseval (Berlin), Major Groß (Berlin, Militär-Luftschiff). Auch andere Staaten benutzen das lenkbare Luftschiff zu Kriegszwecken, ebenso wie in neuester Zeit auch die Flugmaschine (Aeroplan). Die Gebrüder Wright in Amerika u. a..
§ 2. Verfassungs- und Unabhängigkeitskämpfe.
1817.
Dreihundertjährige Jubelfeier der Reformation. Begründung der Evangelischen Union durch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Das von deutschen Studenten am 18. Okt. veranstaltete Wartburgfest erregt Befürchtungen wegen »demagogischer Umtriebe« gegen die deutsche Bundesverfassung und die Souveränität der Bundesfürsten.
1818.
Kongreß zu Aachen. Die Großmächte beschließen, die Besatzungstruppen aus Frankreich zurückzuziehen.
Verfassungen (mit Volksvertretung in zwei Kammern, vgl. S. 339) werden 1818 in Sachsen-Weimar, Bayern und Baden, 1819 in Württemberg, 1820 in Hessen-Darmstadt eingeführt; in Preußen 1823 nur Provinzialstände.
1819.
Der russische Staatsrat Kotzebue, der regelmäßige Berichte über die nationalen Bestrebungen in Deutschland an seine Regierung sandte, von dem Studenten Sand aus politischen Gründen in Mannheim ermordet. Ministerkongreß in Karlsbad. Auf Antrag des österreichischen Ministers Metternich wird Zensur für Bücher und Zeitungen, Verbot des Turnens, Beaufsichtigung der Universitäten, Verbot der 1815 in Jena gestifteten deutschen Burschenschaft beschlossen und vom Bundestag in Frankfurt genehmigt. Die Bundesversammlung in Frankfurt wird für die oberste Gesetzgebung in Deutschland erklärt. Zentral-Untersuchungskommission in Mainz eingesetzt, um die Bundesbeschlüsse gegen widerstrebende Bevölkerungen und Regierungen durchzusetzen.
1820.
Wiener Schlußakte (s. S. 340) gegen die landständischen Verfassungen gerichtet, zur Sicherung der Souveränität der deutschen Bundesfürsten.
In Spanien Erhebung der Liberalen für die aufgehobene Verfassung von 1812, welche wiederhergestellt wird (S. 339).
1820.
1821.
Kongreß zu Troppau}
Kongreß zu Laibach} wegen der aufständischen Bewegungen in Neapel und Piemont, wo die Verfassung und alle französischen Einrichtungen nach der Rückkehr der Herrscher wieder aufgehoben worden waren, österreichische Truppen rücken in Neapel und in das Königreich Sardinien ein zur Wiederherstellung des unumschränkten Königtums. Viktor Emanuel von Sardinien dankt ab zu Gunsten seines Bruders Karl Felix.
1822.
Kongreß zu Verona wegen der spanischen und griechischen Unruhen (S. 346f.).
1823.
Französische Truppen (95000 Mann) rücken in Spanien ein, dringen unter dem Neffen Ludwigs XVIII., Herzog von Angoulême, bis Cadiz vor (31. Aug., der Trocadero erstürmt, eine befestigte Landzunge in der Bai von Cadiz) und befreien den dort gefangen gehaltenen König Ferdinand VII. Absolutismus wiederhergestellt. Grausame Reaktion, zahlreiche Hinrichtungen.
1810–1825.
Befreiungskrieg der spanischen Kolonien in Amerika.
Der Beginn des Kampfes gehemmt durch das Erdbeben von Caracas 1812; 1813 zieht Bolivar als Befreier in Caracas ein, muß dann vor den Spaniern nach Neu-Granada entweichen, wird 1819 zum Präsidenten der Bundesrepublik Colombia erwählt, befreit 1822 Quito, 1823–1824 Peru. Chile erklärt sich 1816, Argentina 1817 unabhängig, später auch Paraguay und Uruguay. In Mexiko tritt 1821 Iturbide als Kaiser Augustin I. auf, 1823 wird das Land Bundesrepublik, ebenso die 5 Staaten von Mittel-Amerika. England (Lord Canning leitender Minister Georgs IV.) erkennt zuerst die neuen Freistaaten an und schließt mit ihnen Handelsverträge. Die Vereinigten Staaten von Amerika (Präsident Monroe) erlassen 1823 die Erklärung, keine Einmischung Europas in die politische Gestaltung Amerikas dulden zu wollen (Monroe-Doktrin). Colombia teilt sich 1830 (Bolivar †) in die drei Republiken Neu-Granada (1861 wieder Colombia genannt), Venezuela, Ecuador.
Brasilien, bisher portugiesische Kolonie, wird 1822 unabhängiges Kaisertum unter Dom Pedro I., dem Sohne Johanns VI., letzterer kehrt nach Portugal zurück (vgl. S. 327). Sein jüngerer Sohn Dom Miguel erregt Unruhen in Portugal, um die Cortes zu beseitigen, herrscht nach dem Tode des Vaters (1826) gewalttätig und grausam, wird 1834 von Dom Pedro I. vertrieben. Dieser überläßt die Regierung Brasiliens seinem Sohne Pedro II., in Portugal setzt er seine Tochter Maria da Gloria ein, deren Gemahl Ferdinand von Sachsen-Koburg wird (S. 352). Verfassung vom Jahre 1826, abgeändert 1838.
1821–1829.
Griechischer Befreiungskrieg, vorbereitet durch die Hetärie einen 1814 von griechischen Kaufleuten in Odessa gestifteten Geheimbund zur Befreiung der Griechen von der türkischen Herrschaft. Fürst Alexander Ypsilanti (russischer General und Adjutant Kaiser Alexanders I.) an der Spitze eines Griechenaufstandes in der Moldau und Walachei (März-Juni 1821), wird geschlagen, rettet sich nach Österreich, wird 6 Jahre in Munkacz und Theresienstadt gefangen gehalten, † in Wien 1828.
1821. April.
Aufstand in Morea (Mainoten) und auf den Inseln. Wüten der Türken gegen die Griechen in Konstantinopel. Der Patriarch Gregorios aufgeknüpft.
1822.
Blutbad auf der Insel Chios, die Türken ermorden über 20000 Griechen. Kanaris verbrennt einen Teil der türkischen Flotte an der Küste von Chios. Der tapfere Widerstand der Griechen (Miaulis aus Hydra. Marcus Bozzaris u. a.) erregt überall Teilnahme. Freiwillige (Philhellenen) eilen aus Deutschland, Italien, Frankreich herbei; der englische Dichter Lord Byron landet mit zwei Schiffen bei der bedrohten Festung Missolunghi (1824); der Genfer Bankier Eynard organisiert die Hilfsvereine. Wilhelm Müllers Griechenlieder.
1825.
Mehemed Ali, Pascha von Ägypten, sendet dem Sultan Mahmud II. seinen Sohn Ibrahim zu Hilfe, welcher in Morea grausam wütet. Aussicht auf russische Hilfe für die Griechen erst nach dem Tode des kinderlosen Alexander I. (1. Dez.). Ihm folgt sein Bruder als
1825–1855.
Nikolaus I., Kaiser von Rußland, nach Verzichtleistung des älteren Bruders Konstantin (S. 295).
1826.
Die Türken erobern die heldenmütig verteidigte Festung Missolunghi.
1827.
England, Rußland und Frankreich schließen auf Betreiben des englischen Ministers George Canning ein Bündnis zum Schutze der Griechen.
Juni.
Aufstand der Janitscharen in Konstantinopel; sie werden auf Befehl des Sultans teils getötet, teils nach Asien abgeführt.
20. Okt.
Schlacht bei Navarin.
Die türkische Flotte wird von der englischen, französischen und russischen zerstört (»untoward event«). Französische Truppen landen in Morea, Ibrahim zum Abzug genötigt.
Russische Truppen besetzen 1828 die Donaufürstentümer, General Diebitsch überschreitet 1829 den Balkan und besetzt Adrianopel, während in Asien General Paskjewitsch Kars und Erzerum erobert.
Im Frieden zu Adrianopel 1829 erhält Rußland die Inseln vor der Donaumündung, in Asien das Gebiet von Achalzik südlich vom Kaukasus. Den Donaufürstentümern Serbien, Moldau, Walachei wird das Recht, christliche Statthalter (Hospodare) unter türkischer Oberhoheit zu wählen, bestätigt. Die Türkei erkennt im voraus die Beschlüsse der Londoner Konferenz an, welche 1830 die Unabhängigkeit Griechenlands aussprechen.
Graf Capodistrias (1814–22 russischer Minister) führt vorläufig als Präsident die Verwaltung; er wird 1831 in Nauplĭa, dem Sitz der Regierung, ermordet. Darauf erheben die Schutzmächte (England, Rußland, Frankreich) zum König von Griechenland den Sohn König Ludwigs I. von Bayern, Otto I., welcher 1832–1862 regiert, dann durch einen Aufstand vertrieben wird († 1867). Athen erhebt sich als Residenzstadt zu neuer Bedeutung.
Rußland beginnt, nachdem 1795 Derbent (S. 278) abermals besetzt, 1801 Georgien (S. 297) zur Provinz gemacht, 1813 die Südwestküste des Kaspischen Meeres mit Baku, 1827 Eriwan den Persern entrissen ist, langwierige Kämpfe zur Unterwerfung der Kaukasusvölker.
1829.
In England, wo 1820–1830 Georg IV. regiert, unter dem Ministerium des Herzogs von Wellington nach Aufhebung der Testakte (S. 270) Emanzipation der Katholiken, d. h. Zulassung derselben zum Parlament und zu Staatsämtern. Nach lebhaften Verhandlungen folgt 1832 unter König Wilhelm IV. (1830–1837) die Parlamentsreform; 56 kleine Orte verlieren das Wahlrecht, eine Anzahl von Grafschaften und größeren Städten wählt dafür fortan mehr Vertreter ins Unterhaus.
§ 3. Die Zeit von 1830–1848.
Abermals geht von Frankreich eine Erschütterung der europäischen Verhältnisse aus, die jedoch leichter überwunden wird als die frühere. König Karl X. (1824–1830, Bruder Ludwigs XVI. und XVIII., früher Graf von Artois, s. S. 307) regiert wie sein Bruder, der Talleyrand entlassen, den Marschall Ney zum Tode und alle Mitglieder der Familie Bonaparte nebst den »Königsmördern« zur Verbannung verurteilt hatte, und erregt durch sein Streben nach Herstellung des unbeschränkten Königtums wachsende Mißstimmung, die auch durch einen Erfolg der auswärtigen Politik, die Eroberung des Seeräuberstaates Algier (Juni und Juli 1830) nicht vermindert wird.
1830.
Pariser Julirevolution. Durch das ultraroyalistische Ministerium Polignac wird der König am 25. Juli 1830 zur Unterzeichnung von 5 Ordonnanzen (Verfügungen) bewogen, welche 1. die letzten oppositionellen Kammerwahlen für ungültig erklären, 2. das Wahlgesetz zu einem Privilegium der reichsten Grundbesitzer machen (262 Abgeordnete statt der früheren 430) und 3. die Preßfreiheit aufheben. Diese Verletzung der Verfassung erregt einen Aufstand in Paris. Nach dreitägigem Straßenkampf (27.–29. Juli) ziehen die Truppen sich zurück. Karl X. dankt ab zu Gunsten seines Enkels, des 1820 geborenen Herzogs Heinrich von Bordeaux, Graf von Chambord, dessen Vater, der Herzog von Berry, 1820 (Febr.) ermordet worden war; aber durch Beschluß der Pairs und Deputierten wird auf den Thron erhoben der Sohn Philipp Egalités, Herzog Ludwig Philipp von Orléans aus der jüngeren Linie des Hauses Bourbon (s. S. 349) als
1830–1848.
Ludwig Philipp I., König der Franzosen.
1830.
Belgischer Aufstand. Das vom Wiener Kongreß geschaffene Königreich der Niederlande hat keinen Bestand; die Belgier, durch Sprache, Konfession und Beschäftigung verschieden, fühlen sich unter der holländischen Regierung zurückgesetzt und hoffen auf Frankreichs Hilfe.
Häuser Bourbon älterer und jüngerer Linie (Orléans).
Heinrich IV., erster König aus dem Hause Bourbon, †1610.
|
Ludwig XIII., †1643.
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|
Ludwig XIV., †1715.
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Ludwig, Dauphin, †1711.
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Ludwig, Hz. v. Bourgogne, Philipp V., K. v. Spanien,
†1712. Stammvater der Bourbons
| in Spanien, Neapel u. Parma, †1746.
|
Ludwig XV., †1774.
|
Ludwig, Dauphin, †1765.
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| | |
Ludwig XVI., Ludwig XVIII., Karl X.,
†1793. †1824. †1836.
| |
Ludwig (XVII.), Karl Ferdinand,
†1795. Hz. v. Berry,
†1820.
|
Heinrich V.,
Graf v. Chambord,
†1883.
Heinrich IV., erster König aus dem Hause Bourbon, †1610.
|
Ludwig XIII., †1643.
...__|______________________
|
Philipp, Hz. v. Orléans, †1701.
Gem. Elisabeth Charlotte v. d. Pfalz, †1721.
|
Philipp, Regent, †1723.
|
Ludwig, †1752.
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Ludwig Philipp, †1785.
|
L. Philipp (Égalité), †1793.
|
Ludwig Philipp,
K. d. Franzosen, †1850.
_____________________________________________________________
| | | | | |
Ferdinand, Ludwig, Klementine, Franz, Heinrich, Anton,
Hz. v. Orléans, Hz. v. Gem. August Hz. v. Hz. v. Hz. v.
†1842. Nemours, v. Koburg, Joinville, Aumale, Montpensier.
| †1896. †1907. †1900. †1897. †1890.
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Ludw. Philipp, Robert, Gaston, Ferdinand, Peter, Anton,
Graf v. Paris, Hz. v. Graf v. Eu. Hz. v. Hz. v. Infant v.
†1894. Chartres. Alençon. Penthièvre Spanien.
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| Johann, | _________|__________
| Hz. v. Guise. 1. Pedro, Emanuel, Alfons. Louis Ferdinand.
| 2. Ludwig, Hz. v.
__|__________________________ 3. Anton. Vendôme.
Ludw. Philipp, Ferdinand, 3 Kinder.
Hz. v. Orléans. Hz. v. Montpensier. Karl Philipp.
25. Aug.
Aufstand in Brüssel, bald auch im ganzen Lande. Prinz Friedrich, der zweite Sohn König Wilhelms I., wird gezwungen, mit den holländischen Truppen Brüssel zu verlassen; General Chassé behauptet die Citadelle von Antwerpen, indem er die Stadt beschießen läßt. 18. Nov. Unabhängigkeitserklärung des belgischen Nationalkongresses. Provisorische Regierung.
Die Londoner Konferenz der Großmächte (Lord Palmerston englischer Minister) bewirkt Einstellung der Feindseligkeiten und erkennt den neuen Staat an (Jan. 1831), der sich eine freisinnige monarchische Verfassung gibt. Nachdem Ludwig Philipp die auf seinen zweiten Sohn gefallene Königswahl abgelehnt hat, wird zum König der Belgier gewählt
1831–1865.
Leopold I. von Sachsen-Koburg (S. 352), der sich mit einer Tochter Ludwig Philipps vermählt. Fortgang des Kampfes mit Holland bis 1833. Einmarsch eines französischen Heeres. Belagerung und Einnahme der Citadelle von Antwerpen. Friede 1839.
In Deutschland wird 1830 Herzog Karl von Braunschweig vertrieben († 1873 in Genf); sein Bruder Wilhelm übernimmt nach einem Beschluß des Bundestages die Regierung. Unruhen in Sachsen und Kurhessen; in beiden Ländern wird 1831 eine neue Verfassung verkündet, in Hannover 1833.
1830–1831.
Polnischer Aufstand. Erhebung in Warschau (1830, 29. Nov.). Ein Mordversuch gegen den Großfürsten Konstantin, Bruder des Kaisers Nikolaus (S. 347), mißlingt. Provisorische Regierung mit Fürst Adam Czartoryski an der Spitze. Kaiser Nikolaus durch den Reichstag abgesetzt (1831, Jan.). Ein russisches Heer von 118000 Mann unter General Diebitsch dringt in Polen ein; blutige Gefechte bei Grochow (19.–25. Febr. 1831), wo die Polen der russischen Übermacht lange Widerstand leisten, sich aber doch zuletzt auf Praga zurückziehen müssen. Der Aufstand verbreitet sich über Litauen und Podolien. Diebitsch siegt in der Schlacht bei Ostrolenka (26. Mai), stirbt aber bald darauf an der Cholera. Uneinigkeit der Polen, Bluttat der demokratischen Partei in Warschau. Dadurch wird dem neuen russischen Oberfeldherrn Paskjewitsch das Vordringen erleichtert, er erobert Warschau (Sept. 1831). Bald wird der Aufstand im ganzen Lande unterdrückt. Polen verliert die von Kaiser Alexander I. 1815 verliehene Verfassung und wird fortan als russische Provinz mit Strenge regiert.
1831.
Aufstände in Modĕna, Parma und der Romagna, mit österreichischer Hilfe unterdrückt.
1833–1840.
In Spanien Bürgerkrieg nach dem Tode Ferdinands VII. Durch Espartero siegt nach blutigem Kampfe die Verfassungspartei (Christinos) für die unmündige Königin Isabella II. (1833–1868) und deren Mutter Marie Christine (von Neapel) über die »Karlisten«, d. h. die Anhänger des Prinzen Don Carlos (Bruder Ferdinands VII.), welcher 1839 zur Flucht nach Frankreich genötigt wird († 1855 in Triest). Verkündigung einer Verfassung.
1837.
Espartero Regent (1841–1843), dann sein persönlicher Feind Narvaez; dieser ruft die von Espartero vertriebene Königin Marie Christine zurück und verstärkt durch die abgeänderte Verfassung (1845) die königliche Gewalt.
1833.
Aufstandsversuch in Frankfurt a. M. gegen den deutschen Bundestag. Hierdurch und durch das im Jahre vorher von der demokratischen Partei in Rheinbayern veranstaltete Hambacher Fest werden wiederum (S. 345) die Einsetzung politischer Untersuchungskommissionen, Verhaftungen und Verurteilungen herbeigeführt.
1833.
Gründung des deutschen Zollvereins, angeregt durch das preußische Zollgesetz von 1818, welches alle Zollgrenzen im Innern des Landes aufhob und alle Zollstellen an die Grenzen verlegte. Besondere Vereine der kleineren Staaten, namentlich der 1828 gegründete mitteldeutsche Handelsverein haben keinen Bestand. Nach und nach werden Verträge mit Preußen abgeschlossen.
Österreich, wo 1835–1848 Kaiser Ferdinand I. regiert, bleibt ausgeschlossen. Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Mecklenburg-Strelitz und Schaumburg-Lippe bilden 1834 den Steuerverein und treten dem deutschen Zollverein erst 1851 bei. Der Zollanschluß der Hansestädte Bremen und Hamburg erfolgt erst 1888.
1837.
Nach dem Tode Wilhelms IV., Königs von England (1830–1837), folgt in Hannover nach dem salischen Gesetze (s. S. 207) sein Bruder Ernst August (1837–1851), welcher die 1833 für Hannover verkündigte Verfassung aufhebt, weil sie ohne seine, des damaligen Thronerben, Zustimmung zustande gekommen sei. Absetzung der 7 dagegen protestierenden Göttinger Professoren (Jakobund Wilhelm Grimm, Dahlmann, Gervinus, Ewald, Albrecht und Weber). Abgeänderte Verfassung 1840.
1837 u. 1838.
Streit der preußischen Regierung mit den Erzbischöfen von Köln und Gnesen-Posen, besonders wegen der konfessionellen Erziehung der Kinder aus gemischten Ehen.
Georg III., K. v. England u. Hannover,
†1820.
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Georg IV., Wilhelm IV., Eduard, Ernst August,K. v. E. u. H., K. v. E. u. H., Hz. v. Kent, K. v. Hannover,
†1830. †1837. †1820. †1851.
| | |
| Viktoria, Georg V., | K. v. England, K. v.
| †1901, Hannover,
Charlotte, Gem. Albert †1878.
†1817, v. Koburg, |
Gem. Leopold I. †1861. Ernst August,
v. Koburg, Hz. v.
†1865. Cumberland.
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Georg Wilhelm. Ernst August.
Albert,
†1861,
Gem.
Viktoria
v. Engl.,
†1901.
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Viktoria, Eduard VII., Alfred, Arthur, Leopold
†1901, †1910. Hz. v. Hz. v. Hz. v. Albany,
Gem. K. v. England, Koburg, Connaught. †1884.
Friedr. III. Gem. Alexandra †1900. |
v. Preußen. v. Dänemark. Karl Eduard, | Hz. v. Koburg.
Georg V., |
Gem. Mary v. Teck. Johann Leopold.
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Eduard, Prinz v. Wales; Albert, Heinrich, Georg, Johann.
Franz, Hz. v. Koburg,
†1806.
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Ernst I. Ferdinand Leopold I.,Hz. v. Koburg, Gem. Fürstin v. Kohary, K. d. Belgier,
†1844. †1851. †1865.
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Ernst II., Albert, Ferdinand II., August, Leopold II., Philipp,
†1861, †1885, G. Gem. K. d. Belgier, G. v.
Gem. Maria da Klementine †1909. Flandern,
Viktoria Gloria, K. v. †1905.
v. Engl., v. Portugal, Orléans,
†1901. †1853. †1907.
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Pedro V., Ludwig I., | |
K. v. K. v. Philipp, Ferdinand, Portugal, Portugal, Prinz v. 1887 Fürst,
†1861. †1889. Koburg. 1908 K. v.
| Bulgarien.
Karl I., |
K. v. Portugal 1. Boris,
†1908. Prinz v.
| Tirnowa.
| 2. Kyrill.
Manuel II., K. v. Portugal,
vertrieben 1910. Albert I., K. d. Belgier.
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Leopold. Karl.
1840–1861.
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, bei seinem Regierungsantritt mit großen Erwartungen begrüßt. Amnestie für politische Vergehen, Freilassung der verhafteten Erzbischöfe von Köln und Gnesen-Posen. 1847 Berufung des ersten vereinigten Landtags nach Berlin (s. Anhang).
1837–1901.
Viktoria, Königin von England, Nichte Wilhelms IV., 1840 vermählt mit Albert von Sachsen-Koburg (prince-consort, † 1861). Vgl. die Stammtafel S. 352. In Irland vergebliche Bestrebungen für den Widerruf (repeal) der seit 1801 bestehenden parlamentarischen Vereinigung mit England (O’Connell, † 1847). In England Bewegung für den Freihandel (Richard Cobden in Manchester); die Abschaffung der beschränkenden Korngesetze wird 1846 erreicht.
Krieg gegen Afghanistan 1839–1842; durch zwei Kriege gegen die Sikhs (1845–1849) wird das Pendschab-Gebiet unterworfen. Krieg gegen China 1810 wegen Verbots der Opiumeinfuhr aus Indien (Opiumkrieg); 1842 werden fünf chinesische Häfen den Europäern geöffnet, der Opiumhandel gestattet, die Insel Hongkong an England abgetreten. In Hinterindien erwirbt England durch Kriege gegen das Reich Birma 1826 die Küste von Arakan und die Landschaft Assam, 1853 das Mündungsgebiet des Irawadi (Pegu), 1886 ganz Birma (s. § 13).
In Frankreich versucht während der Regierung Ludwig Philipps der Neffe Napoleons I., Louis Napoleon,[57] 1836 in Straßburg und 1840 in Boulogne einen Aufstand. Er wird das erstemal auf einem französischen Kriegsschiff nach Amerika geschickt, das zweitemal zu lebenslänglicher Haft verurteilt, entkommt aber 1846 aus der Festung Ham.
1840.
Beginn der Befestigung von Paris unter dem Ministerium Thiers aus Anlaß einer Kriegsgefahr, welche dadurch entstanden war, daß Frankreich sich des aufständischen Mehemed Ali von Ägypten (s. S. 347) gegen den Sultan annahm. Frankreichs Kriegsdrohung gegen Deutschland erregt das Nationalgefühl gewaltig. Nik. Beckers Rheinlied, Schneckenburgers »Wacht am Rhein«. Bündnis der 4 anderen Großmächte; Frankreich gibt nach, an Stelle von Thiers tritt Guizot (Okt. 1840). Mehemed Ali, dessen Sohn Ibrahim die Türken 1839 bei Nisib in Syrien besiegt hatte, muß auf Verlangen Englands (Lord Palmerston) Syrien räumen und behält nur die erbliche Herrschaft über Ägypten unter Oberhoheit der Pforte.
1840. 15. Dez.
Die Überreste Napoleons I., durch den Prinzen von Joinville, dritten Sohn Ludwig Philipps, von St. Helena nach Paris gebracht, werden dort im Dom der Invaliden feierlich beigesetzt.
Langwierige Kriege in Algier (S. 348) zur Eroberung des inneren Landes (Marschall Bugeaud, General aus Napoleons Schule). Abd-el-Kader, Anführer der Araber und Kabylen, wird 1847 gefangen, 1852 nach Kleinasien entlassen.
1846.
Der Freistaat Krakau wird wegen erneuter polnischer Aufstandsversuche durch Beschluß der Schutzmächte (S. 341) dem Kaiserreich Österreich einverleibt.
1847.
Sonderbundskrieg in der Schweiz. Sieben katholische Kantone sagen sich von der Eidgenossenschaft los, werden aber von den Bundestruppen unter General Dufour besiegt. Darauf (1848) Umgestaltung des Staatenbundes (S. 341) souveräner Kantone zu einem Bundesstaat (Föderativrepublik von 25 Staaten, vgl. S. 302). An die Stelle der bisherigen Tagsatzung, in der abwechselnd Zürich, Bern und Luzern Vorort gewesen war, tritt die Bundesversammlung in Bern, bestehend aus 1. Ständerat (44 Vertreter der einzelnen Kantone), 2. Nationalrat (Vertreter der ganzen Schweizer Bevölkerung, nach Maßgabe der Volkszahl gewählt). Die vollziehende Gewalt übt der von der Bundesversammlung gewählte Bundesrat (7 Mitglieder, auf 3 Jahre gewählt). Bundesgericht, einheitliches Militär-, Post-und Münzwesen (s. § 14).
§ 4. Die Revolutionszeit 1848–1852.
In Frankreich führt die Unzufriedenheit mit der Politik des Ministeriums Guizot und den noch bestehenden Beschränkungen des Wahlrechts zur
1848. 22.–24. Febr.
Pariser Februarrevolution. Straßenkampf gegen die Truppen; Barrikaden erbaut. Die Nationalgarde bleibt untätig, die Truppen geben den Kampf bald auf. Ludwig Philipp flieht nach England († 1850). Seine Thronentsagung zu Gunsten seines Enkels, des Grafen von Paris (S. 349), wird nicht beachtet, sondern die Republik proklamiert. Die Deputiertenkammer wählt eine provisorische Regierung. Lamartine als Mitglied derselben hindert Verwüstung und Plünderung. Eine Nationalversammlung wird nach Paris berufen, um die Verfassung der Republik festzustellen. Die Forderungen der Sozialisten (Louis Blanc) führen zur Einrichtung von Nationalwerkstätten in Paris, in denen jedem französischen Bürger vom Staate Arbeit und Lohn geboten werden soll. Diese erweisen sich jedoch bald als kostspielig und zwecklos.
1848. 23.–26. Juni.
Blutiger Straßenkampf in Paris nach Schließung der Nationalwerkstätten. General Cavaignac erhält durch Beschluß der Nationalversammlung diktatorische Gewalt und wirft den Aufstand der Arbeiter nieder (gegen 10000 getötet, viele deportiert).
10. Dez.
Prinz Louis Napoleon (S. 353) wird infolge der Furcht aller Besitzenden vor dem Sozialismus und unter dem Einfluß der Geistlichkeit durch Volksabstimmung (Plebiscit) mit fast 6 Millionen Stimmen zum Präsidenten der französischen Republik erwählt. Seine Regierung findet Beifall, doch weigert sich die Nationalversammlung, die Verfassung abzuändern, welche die Wiederwahl desselben Präsidenten erst nach 4 Jahren gestattet.
1851. 2. Dez.
Staatsstreich Louis Napoleons. Er läßt die angesehensten Mitglieder der Nationalversammlung verhaften, erklärt diese für aufgelöst, fordert wiederum Volksabstimmung, läßt Aufstandsversuche in Paris am 3. und 4. Dez. blutig niederwerfen. Er wird mit mehr als 7 Mill. Stimmen zum Präsidenten auf 10 Jahre erwählt. Am 14. Jan. 1852 verkündet er eine neue, der des ersten Kaiserreiches ähnliche Verfassung (Senat, gesetzgebender Körper, s. S. 318). Feierliche Friedensversicherungen gegenüber den europäischen Staaten, besonders durch eine Rede in Bordeaux (»L’Empire c’est la paix«). Auf Grund eines Senatsbeschlusses und einer dritten Volksabstimmung besteigt er als
1852. 2. Dez.
Napoleon III., Kaiser der Franzosen (1852–1870) den Thron und wird bald von allen Mächten anerkannt.
1848. Frühjahr.
Revolutionäre Bewegungen in Deutschland und Österreich. Eine badische Volksversammlung bei Mannheim (27. Febr.) fordert Preßfreiheit, Schwurgerichte, Vereinsrecht, Volksbewaffnung, deutsches Parlament. Ähnliche Versammlungen finden in Württemberg, Hessen-Darmstadt, Nassau u. a. Staaten statt. Die Regierungen zeigen sich nachgiebig; der Bundestag in Frankfurt hebt die Zensur für Druckschriften auf.
13.–15. März.
Aufstand in Wien. Metternich, seit 1809 leitender Minister Österreichs, wird vertrieben. Bürgerwehr und Studenten herrschen in der Stadt.
18. März.
Straßenkampf in Berlin, obwohl der König Friedrich Wilhelm IV. schon aus freien Stücken eine Verfassung und Preßfreiheit versprochen hatte. Die unbesiegten, aber ermatteten Truppen verlassen auf Befehl des Königs am 19. ihre Stellungen und marschieren aus der Stadt. Bildung einer Bürgerwehr. Berufung einer preußischen Nationalversammlung nach Berlin. Prinz Wilhelm geht auf Befehl seines Bruders nach England.
1848. 20. März.
Infolge wiederholter Unruhen in München dankt König Ludwig I. († 1868) zu Gunsten seines Sohnes Maximilian II. (1848–1864) ab.
15. Mai.
Zweiter Aufstand in Wien, welcher die Einberufung eines österreichischen Reichstags erzwingt. Kaiser Ferdinand I. verläßt Wien und geht nach Innsbruck.
Juni.
Slavenkongreß in Prag, von den Tschechen (Palacki) ausgeschrieben, um die Bestrebungen der slavischen Völker Österreichs gegen das Deutschtum zu vereinigen. Im Anschluß daran tschechische Erhebung in Prag, besiegt durch Fürst Windischgrätz.
31. Okt.
Einnahme des aufständischen Wien durch kaiserliche Truppen (Windischgrätz, Jellachich Ban von Kroatien). Robert Blum, Mitglied des Frankfurter Parlaments, und viele andere werden erschossen. Der Reichstag wird nach Kremsier verlegt. Fürst Felix Schwarzenberg übernimmt das Ministerium.
9. Nov.
Die preußische Nationalversammlung in Berlin wird auf Befehl des Königs (Ministerium Brandenburg-Manteuffel) vertagt und zum 27. Nov. nach Brandenburg berufen.
10. Nov.
General Wrangel rückt, ohne Widerstand zu finden, in Berlin ein. Erklärung des Belagerungszustandes, Entwaffnung der Bürgerwehr. — Da die Nationalversammlung in Brandenburg nicht in beschlußfähiger Zahl zusammenkommt, befiehlt der König
5. Dez.
Auflösung der Nationalversammlung und Verkündigung einer preußischen Verfassung, welche nach Beratung durch die neu zu wählenden Kammern in Gültigkeit treten soll.
1848–1849.
Aufstand in Oberitalien gegen Österreich.
Beginn der Erhebung in Mailand (18. März 1848) die österreichischen Truppen ziehen sich nach der Festung Verona zurück. König Karl Albert von Sardinien (1831–1849), welcher Italien befreien will, wird bei Custozza (25. Juli) von dem Feldmarschall Radetzki vollständig geschlagen. Mailand von den Österreichern wieder eingenommen.
Waffenstillstand bis 20. März 1849, darauf erzwingt Radetzki durch die Siege bei Mortara (21. März) und Novara (23. März) den Frieden. Karl Albert dankt zu Gunsten seines Sohnes Viktor Emanuel (1849–1878) ab. Einnahme von Brescia nach furchtbarem Straßenkampf; Grausamkeit des Generals Haynau gegen die Gefangenen.
In Venedig nach Abzug der österreichischen Besatzung (1848, März) erst provisorische Regierung im Namen des Königs von Sardinien, dann nach der Niederlage des italienischen Heeres Republik (Präsident Manin). Belagerung und Einnahme Venedigs durch die Österreicher (August 1849). Das ganze lombardo-venetianische Königreich ist der Herrschaft Österreichs wieder unterworfen.
1848–1849.
Aufstand der Ungarn gegen Österreich. Die Ungarn (Magyaren) verlangen und erhalten ein eigenes Ministerium (1848, April). Graf Batthyany Ministerpräsident, Kossuth (spr. Kóschūt) Finanzminister. Reichstag in Pest unter Vorsitz des Erzherzogs Stephan als Palatin. Der Widerstand der slavischen Bevölkerung und der Nebenländer der Krone Ungarn (Kroatien, Siebenbürgen) gegen die magyarischen Ansprüche, ihre Forderung politischer Gleichberechtigung werden vom Wiener Hofe unterstützt. Jellachich, zum Ban von Kroatien ernannt, fällt mit Heeresmacht in Ungarn ein; Erzherzog Stephan legt sein Amt nieder. Graf Lamberg, kaiserlicher Statthalter von Ungarn, wird in Pest ermordet (Sept.); der Kaiser verfügt die Auflösung des Reichstages.
Nach Abdankung Ferdinands I. (2. Dez. 1848) besteigt den Thron sein Neffe (S. 282)
Seit 1848.
Franz Joseph I., Kaiser von Österreich. Der ungarische Reichstag erkennt den Thronwechsel nicht an. Fürst Windischgrätz rückt mit einem österreichischen Heere in Ungarn ein. Kossuth zieht sich mit den magyarischen Behörden nach Debreczin zurück, Windischgrätz besetzt Pest (1849, Jan.), besiegt ein ungarisches, von dem polnischen General Dembinski geführtes Heer bei Kapolna (Febr.). In Siebenbürgen ist der polnische General Bern, welchem Kossuth ein Kommando übergeben hatte, siegreich gegen österreichische Truppen und die von diesen zu Hilfe gerufenen Russen. Der ungarische General Görgey überschreitet mit 50000 Mann die Theiß, entsetzt die belagerte Festung Komorn. Windischgrätz von der Regierung in Wien abberufen, Pest geräumt; in Ofen bleibt eine österreichische Besatzung. Infolge der Verkündigung einer
1849. 4. März.
Gesamtverfassung für Österreich, welche die alte ungarische Verfassung aufhebt, spricht auf Kossuths Antrag der Reichstag die Absetzung des Hauses Habsburg-Lothringen aus. Kossuth wird als »Gouverneur« zum Haupt der magyarischen Regierung ernannt. Görgey erstürmt Ofen (21. Mai); Kossuth und der Reichstag halten einen pomphaften Einzug in Pest. Unterdes wird bei einer Zusammenkunft der Kaiser von Österreich und Rußland in Warschau die russische Intervention verabredet und ein gemeinsamer Kriegsplan für die Unterwerfung Ungarns festgestellt.
Ein russisches Heer von 80000 Mann unter Paskjewitsch überschreitet die Karpathen (Juni), ein zweites rückt von der Walachei aus vor, von Westen her die Österreicher unter Haynau. Die magyarische Regierung zieht sich nach Szegedin zurück. Kossuth legt bald darauf die Regierungsgewalt nieder, die Diktatur wird Görgey übertragen. Dieser entschließt
1849. 13. Aug.
sich zur Kapitulation von Vilagos und streckt mit 25000 Mann vor dem russischen General Rüdiger die Waffen. Die meisten andern ungarischen Führer ergeben sich auf Gnade und Ungnade; nur Klapka, der Komorn verteidigt, erhält eine ehrenvolle Kapitulation. Kossuth, Bem, Dembinski retten sich auf türkisches Gebiet. Haynau verhängt über die gefangenen Häupter des Aufstandes ein furchtbares Strafgericht. Graf Batthyany nebst vielen anderen hingerichtet, ihre Güter eingezogen. Aufhebung der ungarischen Verfassung, Siebenbürgen und Kroatien werden von Ungarn getrennt.
Die Gesamtverfassung für Österreich, welche nie wirklich ins Leben getreten war, wird am 31. Dez. 1851 für aufgehoben erklärt.
1848–1850.
Versuche, Deutschland zu einigen.
1848. 31. März.
Mit Zustimmung des Bundestages tritt in Frankfurt am Main ein aus Mitgliedern deutscher Ständeversammlungen gebildetes Vorparlament zusammen und beschließt die Berufung einer deutschen Nationalversammlung zur Feststellung der deutschen Reichsverfassung.
April.
Eine republikanische Erhebung in Baden (Hecker, Struve, Herwegh) wird durch deutsche Bundestruppen schnell unterdrückt.
18. Mai.
Deutsche Nationalversammlung (Parlament) in Frankfurt am Main (Paulskirche). Auf des Präsidenten Heinrich von Gagern Vorschlag wird Erzherzog Johann von Österreich zum Reichsverweser erwählt; der Bundestag löst sich auf. Erzherzog Johann ernennt ein Reichsministerium; doch zeigt sich bald, daß die neu geschaffene Zentralgewalt weder den Einzelstaaten noch dem Auslande gegenüber wirkliche Macht hat.
18. Sept.
Volksaufstand in Frankfurt, veranlaßt durch die Annahme des Waffenstillstandes mit Dänemark (s. S. 362). Zwei Mitglieder der Nationalversammlung, Fürst Lichnowski und General v. Auerswald, von Volkshaufen ermordet.
1849. März.
Vollendung der deutschen Reichsverfassung nach lebhaften Parteikämpfen in der Nationalversammlung (»Großdeutsche«, welche Österreich an der Spitze Deutschlands erhalten wollen, und »Kleindeutsche«, welche Ausschluß Österreichs und engeren Bund unter Preußens Führung anstreben). An der Spitze des Reichs soll ein erblicher Kaiser stehen, neben ihm ein Reichstag, bestehend aus Staatenhaus (zur Hälfte von den Regierungen, zur Hälfte von den Volksvertretungen der Einzelstaaten zu ernennen) und Volkshaus (aus allgemeinen und direkten Wahlen hervorgehend). Kaiserwahl am 28. März.
1849. 3. April.
König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen erklärt die ihm angetragene Würde eines Kaisers der Deutschen nur mit Zustimmung aller deutschen Regierungen annehmen zu können. Endgültige Ablehnung am 28. April, nachdem inzwischen 28 kleinere Staaten zugestimmt haben.
Mai.
Aufstand in Dresden, um die Einführung der Reichsverfassung zu erzwingen, mit preußischer Hilfe niedergeworfen.
In Baden und der bayrischen Pfalz republikanischer Aufstand unter Beteiligung des Heeres. Preußische und deutsche Bundestruppen rücken ein unter dem Oberbefehl des Prinzen Wilhelm von Preußen. Die Aufständischen in mehreren Treffen besiegt, die Festung Rastatt (22. Juli) zur Übergabe gezwungen. Abberufung und Austritt einer großen Zahl Abgeordneter aus der Frankfurter Nationalversammlung. Das »Rumpfparlament«, welches seinen Sitz in Stuttgart nimmt, wird (18. Juni) von der württembergischen Regierung aufgelöst.
Dez.
Erzherzog Johann legt die Würde des Reichsverwesers nieder.
Die Fürsten von Hohenzollern (Hechingen und Sigmaringen) legen die Regierung nieder; ihre Gebiete werden mit Preußen vereinigt.
1850. 6. Febr.
In Preußen wird die revidierte Verfassung von dem Könige und den Kammern feierlich beschworen. Die gesetzgebende Gewalt wird fortan »gemeinschaftlich durch den König und die beiden Häuser des Landtags ausgeübt«. Der König ist unverantwortlich und wird von verantwortlichen Ministern beraten. Jeder Regierungsakt des Königs muß von einem Minister gegengezeichnet sein. An Stelle der »ersten Kammer« tritt 1854 das Herrenhaus, bestehend aus Mitgliedern, welche der König erblich oder auf Lebenszeit ernennt. Das Abgeordnetenhaus geht aus öffentlichen, indirekten Dreiklassenwahlen (Wahlmänner) hervor. Jetzt 433 Mitglieder. Die Legislaturperioden früher dreijährig, seit 1888 fünfjährig. Die Abgeordneten erhalten Tagegelder und Reisekosten.
Preußens Versuch, eine deutsche Union mit Ausschluß Österreichs zu schaffen (General v. Radowitz), gestützt auf den am 26. Mai 1849 mit Sachsen und Hannover geschlossenen Dreikönigsbund, gefördert durch eine Versammlung von Mitgliedern
der früheren erbkaiserlichen Partei des Frankfurter
Parlaments zu Gotha (Juni 1849) und durch den Beitritt der meisten kleineren Staaten, führt zu dem
1850. 20. März.
Erfurter Parlament, welches die Beratung über die Verfassung der deutschen Union schnell zu Ende führt. Darauf
Mai.
Fürstenkongreß zu Berlin, aber keine Einigung, zumal da Sachsen und Hannover sich schon vorher von dem Dreikönigsbund losgesagt und auf Österreichs Betreiben mit Bayern und Württemberg den »Vierkönigsbund« geschlossen haben.
Den preußischen Unionsbestrebungen tritt Österreich nach der Niederwerfung des ungarischen Aufstandes (S. 357f.) entschlossener entgegen durch Berufung einer Konferenz der ihm anhängenden Staaten nach Frankfurt (10. Mai) und Einladung zur
1. Sept.
Wiedereröffnung des Frankfurter Bundestages.
Verfassungskampf im Kurfürstentum Hessen; Kurfürst Friedrich Wilhelm sucht durch seinen Minister Hassenpflug die Verfassung von 1831 zu beseitigen. Wiederholte Auflösung der Ständeversammlung; Kriegszustand über das Land verhängt (7. Sept.). Widerstand der Behörden und Gerichte. Der Kurfürst verläßt das Land und erhält die Hilfe des von Österreich wiederhergestellten, von Preußen und seinen Bundesgenossen nicht beschickten Bundestages zugesagt.
Bruch zwischen Österreich und Preußen, das die Intervention des Bundestages in Hessen nicht dulden will. Kaiser Franz Joseph hat in Bregenz eine Zusammenkunft mit den Königen von Bayern und Württemberg, darauf in Warschau (28. Okt.) mit Kaiser Nikolaus von Rußland, der den preußischen Gesandten Graf Brandenburg zum Nachgeben ermahnt. Bundesexekution gegen Hessen durch bayrische und österreichische Truppen wird in Frankfurt beschlossen. Auch preußische Truppen rücken in Hessen ein, ziehen sich aber nach einem Zusammenstoß der Vorposten bei Bronnzell (8. Nov.) zurück. Friedrich Wilhelm IV. entläßt den Minister v. Radowitz und gibt die Unionsbestrebungen auf.
29. Nov.
Vertrag zu Olmütz (Manteuffel und Schwarzenberg). Preußen fügt sich allen Forderungen Österreichs. Schleswig-Holstein wird den Dänen überlassen, in Hessen die unumschränkte Herrschaft des Kurfürsten wiederhergestellt. Preußen verzichtet auf seine Pläne hinsichtlich der Neugestaltung Deutschlands; für die deutsche Verfassung werden Konferenzen in Dresden anberaumt, welche die
1851.
Wiederherstellung des deutschen Bundes beschließen. Österreich hat in den deutschen Verhältnissen ebenso wie in seinen inneren Kämpfen gegen die nationalen Aufstände gesiegt. Doch hält Preußen den Zollverein (S. 351) aufrecht, welchem nun auch Hannover und Oldenburg beitreten, und begründet allmählich eine preußische Kriegsflotte, indem es mehrere von den 1852 im Auftrage des Bundestages versteigerten Schiffen übernimmt, welche die deutsche Nationalversammlung 1849 als deutsche Flotte gegen Dänemark zusammengebracht hatte (S. 361). Ein Gebiet an der Jahdemündung wird 1853 durch Vertrag mit Oldenburg erworben zur Anlage des Kriegshafens Wilhelmshaven, an der Nordsee.
1848–1850.
Schleswig-Holsteins Erhebung gegen Dänemark.
Veranlassung: »Offener Brief« des Königs Christian VIII. (1839–1848) vom 8. Juli 1846, welcher den Fortbestand der Union der Herzogtümer mit Dänemark trotz des in den beiden Staaten verschiedenen Erbfolgerechts (s. S. 268) verfügt. Ein Aufstand in Kopenhagen (30. März 1848) zwingt seinen Nachfolger Friedrich VII., die Einverleibung Schleswigs in Dänemark auszusprechen. Nach der bis dahin nie bezweifelten Thronfolge mußten die Herzogtümer nach dem Aussterben des Königlichen Mannesstammes an den Herzog Christian von Sonderburg-Augustenburg fallen. Daher Aufstand in den Herzogtümern und Bildung einer provisorischen Landesregierung.
1848. April.
Preußische und andere deutsche Bundestruppen kommen den Schleswig-Holsteinern, welche sich eine Armee neu bilden müssen, zu Hilfe. General v. Wrangel vertreibt die Dänen aus dem Danewerk bei Schleswig (23. April) und dringt bis nach Jütland vor. Aber die Verluste des Ostseehandels durch die dänische Blockade und englisch-russischer Einfluß bewirken den Abschluß eines Waffenstillstandes zu Malmö. Eine »gemeinschaftliche Regierung« wird für die Herzogtümer eingesetzt. Unzufriedenheit mit diesem Waffenstillstand in ganz Deutschland; die Nationalversammlung zu Frankfurt genehmigt ihn nach heftigen Verhandlungen.
1849. März.
Einsetzung einer Statthalterschaft für Schleswig-Holstein durch die deutsche Zentralgewalt.
Bei Eckernförde wird das Linienschiff Christian VIII. in Brand geschossen und die Fregatte Gefion genommen (5. April). Erstürmung der Düppeler Höhen durch bayrische und sächsische Truppen (13. April). Das schleswig-holsteinische Heer, geführt von dem preußischen General v. Bonin, besiegt die Dänen bei Kolding (23. April). Doch wiederum wird die Weiterführung des Krieges durch die Drohungen Englands und Rußlands gelähmt. Die neu gegründete deutsche Flotte liefert den Dänen ein Seetreffen bei Helgoland (5. Juni), ist aber dann genötigt, untätig in der Wesermündung zu bleiben. Das schleswig-holsteinische Heer belagert die Festung Fridericia, erleidet aber durch einen glücklichen Ausfall der Dänen bedeutende Verluste.
1849. Juli.
Waffenstillstand zwischen Preußen und Dänemark; Schleswig soll im Norden von schwedischen, im Süden von preußischen Truppen besetzt und von einer dänisch-preußischen Kommission verwaltet werden. Die schleswig-holsteinische Armee geht über die Eider zurück; Holstein bleibt noch unter der Statthalterschaft. Nach Abschluß des Friedens zwischen Preußen und Dänemark (Juli 1850) werden alle preußischen Offiziere aus der schleswig-holsteinischen Armee abberufen.
1850.
Die von Deutschland verlassenen Schleswig-Holsteiner kämpfen allein weiter. Der ehemalige preußische General v. Willisen übernimmt den Oberbefehl über ihr Heer. Er wird bei Idstedt (24. und 25. Juli) geschlagen, Schleswig von den Dänen besetzt. In dem Gefecht bei Missunde (12. Sept.) werden die Schleswig-Holsteiner ebenfalls besiegt, auch beim Sturm auf Friedrichstadt (4. Okt.) mit Verlust zurückgeschlagen.
Der inzwischen wiederhergestellte deutsche Bund erzwingt unter dem Einfluß Österreichs die Einstellung der Feindseligkeiten. Holstein wird mit preußischer Zustimmung von österreichischen Truppen besetzt (Jan. 1851) und den Dänen gegen das Versprechen »die Rechte der Herzogtümer zu wahren« überlassen (Febr. 1852).
1852. 8. Mai.
Londoner Vertrag (Protokoll), unterzeichnet von den fünf Großmächten, Schweden und Dänemark. Um den Bestand des dänischen Gesamtstaates zu wahren, wird eine neue Thronfolgeordnung für das Königreich Dänemark und die Herzogtümer festgestellt. Prinz Christian von Sonderburg-Glücksburg, Gemahl der Prinzessin Luise von Hessen-Kassel, einer Schwestertochter Christians VIII. von Dänemark, wird zum Erben des kinderlosen Königs Friedrich VII. für die gesamte Monarchie bestimmt. Der Herzog Christian von Augustenburg verspricht, der neuen Erbfolgeordnung in Dänemark nicht entgegentreten zu wollen, überträgt 1863 seine Erbansprüche auf seinen Sohn Friedrich (Vater der Kaiserin Auguste Viktoria).
Die deutsche Nationalität in den Herzogtümern wird von den Dänen fortan schwer bedrückt.
Einwirkung der Revolution von 1848 auf die übrigen europäischen Staaten.
König Karl Albert von Sardinien verleiht seinem Staat im Februar 1848 eine Verfassung, ebenso der Großherzog Leopold II. von Toskana und Papst Pius IX. (1846–1878) dem Kirchenstaat. Sicilien erklärt seinen Abfall vom Königreich Neapel, obgleich König Ferdinand II. daselbst schon im Januar 1848 eine Verfassung verkündigt hat. Nach dem Siege der Schweizertruppen im Straßenkampf zu Neapel (Mai) wird Sicilien mit großer Härte unterworfen (5tägige Beschießung der Stadt Messina im Sept.), darauf die Verfassung des Königreichs wieder aufgehoben. — Papst Pius IX., in dem manche vorübergehend den Schöpfer der Einheit Italiens gesehen hatten, flieht im Nov. 1848, als in Rom sein Minister Rossi ermordet worden war, nach Gaëta. Römische Republik errichtet (Mazzini), welcher sich auch Toskana nach Vertreibung des Großherzogs anschließt. Aber österreichische Truppen besetzen Toskana und die zum Kirchenstaat gehörige Romagna, französische Truppen stellen in Rom die weltliche Herrschaft des Papstes wieder her. Französische Besatzung in Rom.
Spanien und Portugal werden von den Erschütterungen des Jahres 1848 wenig berührt. In Spanien neue Parteikämpfe nach dem Sturz des Ministers Narvaez (S. 351) 1851, der 1856 zurückkehrt und noch öfters die Leitung des Ministeriums übernimmt († 1868, sein Gegner O’Donnell). In Portugal Revision der Verfassung 1852; auf die Königin Maria (S. 346) folgt 1853 ihr Sohn Pedro V., für welchen bis 1855 sein Vater Ferdinand die Regierung führt (S. 352).
Das Königreich der Niederlande erhält im November 1848, Dänemark 1849 eine repräsentative Verfassung. In Schweden bleibt die ständische Verfassung (Adel, Geistlichkeit, Bürger, Bauern) vom Jahre 1809, in Norwegen die repräsentative von 1814. Zweikammersystem in Schweden 1866 eingeführt durch König Karl XV. (1859–1872), Enkel von Karl XIV. Johann (Bernadotte).
In England wird der Versuch der Chartisten, durch eine Massenpetition das allgemeine Wahlrecht einzuführen, durch die entschlossene Haltung der Londoner Bevölkerung (10. April 1848) vereitelt.
§ 5. Kunst und Wissenschaft im 19. Jahrhundert.
Neues Aufblühen der bildenden Künste durch Vereinigung der Künstler aus verschiedenen Nationen in Rom, besonders Carstens aus Schleswig (1792–1798 †), Thorwaldsen aus Kopenhagen (1797, † 1844), der Italiener Canova († 1822), die deutschen Maler Overbeck († 1869), Cornelius († 1867) und Schnorr von Carolsfeld († 1841).
Nachblüte der Malerei in Frankreich während des ersten Kaiserreichs: David († 1825), Horace Vernet, Delaroche, Prudhon, Gérard, Isabey, Mme. Lebrun; in Belgien Wappers, L. Gallait, Alma Tadema (lebt in England).
Französische Maler nach dem ersten Kaisertum: Delacroix, Scheffer, Jugres; der Bildhauer Carpeaux. Maler der neuesten Zeit: Millet, Cabanel († 1889), Meissonier († 1891), Baudry († 1886). In der Schweiz: Calame († 1864).
Kunsttätigkeit in München unter König Ludwig I. (reg. 1825–1848): Cornelius, Kaulbach, v. Schwind, Schwanthaler, v. Klenze. Neuere Münchener Malerschule: Piloty, Makart († in Wien 1884), Piglhein, Defregger, Lenbach († 1904).
In Berlin unter Friedrich Wilhelm III: Schinkel, Gottfr. Schadow, Rauch; unter Friedrich Wilhelm IV.: Cornelius, Kaulbach, Stüler; unter Wilhelm I. und Wilhelm II. Ad. Menzel, Reinhold Begas, Anton v. Werner.
In Dresden: Gottfried Semper († 1879), Rietschel († 1861).
Malerakademie in Düsseldorf: W. Schadow, Bendemann, K. F. Lessing, Achenbach, Camphausen.
Die deutschen Stilisten: Böcklin († 1901), Thoma, Klinger.
Musik: Vollendung der klassischen deutschen Musik (S. 292) durch Beethoven († in Wien 1827). Ausbildung der Oper durch K. M. v. Weber († 1826), Spohr, Cherubini, Spontini, Rossini, Meyerbeer, Auber, Berlioz, Gounod, Bizet, Richard Wagner († 1883), Verdi († 1901). F. Mendelssohns Oratorium Paulus 1836, Elias 1846; Franz Schubert († 1828), Robert Schumann († 1856), Joh. Brahms († 1897).
Dichter des Befreiungskrieges: E. M. Arndt († 1860), Th. Körner († 1813), v. Schenkendorf. — Romantische Schule: A. W. Schlegel, L. Tieck, Heinr. v. Kleist, Ad. v. Chamisso. — Platen, Heine, Rückert, Uhland, Geibel, Scheffel, G. Freytag († 1895), Grillparzer, Hebbel, E. v. Wildenbruch († 1909).
Französische Literatur: Mme. de Staël († 1817), Chateaubriand, Courier, Lamartine, Béranger, Scribe, Victor Hugo, Delavigne, Musset, George Sand, A. Dumas, Augier. Englische Literatur: Byron (s. S. 347), Keats, Shelley, Wordsworth, Walter Scott († 1832), Thomas Moore, Tennyson, Swinburne, Bulwer, Dickens, Thackeray, Meredith, Stevenson, Kipling.
Norwegische Dichter: Ibsen († 1906), Björnson († 1910).
Russische Dichter: Alex. Puschkin († 1837), Turgenjew († 1883), Graf Leo Tolstoi († 1910). (Der Maler Wereschtschagin.)
Geschichtschreibung: In Deutschland Quellensammlung der Monumenta Germaniae, 1819 vom Freiherrn v. Stein begründet; Niebuhr († 1831), Schlosser, Dahlmann, Ranke († 1886), v. Sybel, v. Treitschke († 1896), Mommsen († 1903). In Frankreich: Barante, Guizot, Mignet, Aug. Thierry, Thiers, Tocqueville, Taine. In England: Grote, Buckle, Carlyle, Macaulay.
Altertumsforschung und Sprachwissenschaft: Franz Bopp, Wilh. v. Humboldt († 1835), Gottfr. Hermann, Aug. Böckh, E. Curtius, Th. Mommsen († 1903); H. Schliemann. — Deutsches Altertum: Jakob und Wilhelm Grimm, K. Müllenhoff.
Preußisches Archäologisches Institut in Rom 1829 begründet, 1871 vom Deutschen Reiche übernommen. Deutsches Archäologisches Institut in Athen seit 1874 (vgl. S. 30).
Philosophie: Fichte († 1814 in Berlin), Schelling, Hegel († 1831 in Berlin), Herbart, Schopenhauer, J. S. Mill, Lotze, Wundt.
Protestantische Theologie: Schleiermacher († 1834 in Berlin), Neander, David Strauß (1835 Leben Jesu), Tholuck († 1877 in Halle), Beyschlag († 1901 in Halle), Harnack.
Naturforschung: Laplace († 1827), Ampère, Arago, Cuvier († 1832); Berzelius, Nobel († 1896); Wöhler, J. v. Liebig, Bunsen, Pasteur, Curie (Radium); Alex. v. Humboldt († 1859 in Berlin). Darwin († 1882), Wallace, Virchow, Robert Koch († 1910); Volta, Faraday, Mayer, Helmholtz, Röntgen, Edison.
Astronomie: Gauß, Bessel, Herschel, Leverrier, Schiaparelli.
Erdkunde: Karl Ritter († 1859 in Berlin); die Entdeckungsreisenden Livingstone († 1863), Burton, Baker, Stanley († 1904), Barth, Rohlfs, Schweinfurth, Nachtigal († 1885), Emin Pascha (Schnitzer), Wißmann († 1905). Die Nordpolfahrer Roß († 1856), Parry, Franklin: Nordenskjöld (Umsegelung Asiens), Nansen, Peary; die Südpolfahrer Borchgrevink und Shackleton; der Erforscher Zentralasiens Sven Hedin.
§ 6. Machtentfaltung des zweiten französischen Kaiserreiches.
Napoleon III., 1853 vermählt mit der spanischen Gräfin Eugenie von Montijo und Teba (1856 Geburt des Thronfolgers Louis, † 1879), beschließt, den Plänen Rußlands in der Türkei entgegenzutreten (s. S. 296). Kaiser Nikolaus I., stolz auf seine Erfolge in Ungarn (S. 357f.) und gegenüber Preußen (S. 360), sendet den Fürsten Menschikow nach Konstantinopel und fordert die Schutzherrschaft über alle griechischen Christen im türkischen Reiche; dagegen einigen sich Frankreich und England zur Unterstützung des Sultans.
1853. Juni
Eine französisch-englische Beobachtungsflotte wird am Eingang der Dardanellen, später im Bosporus aufgestellt.
Juli.
80000 Russen gehen über den Pruth und besetzen die Donaufürstentümer.
Sept.
Zusammenkunft des Kaisers Nikolaus mit dem Kaiser von Österreich in Olmütz, dann mit dem König von Preußen in Berlin, doch erreicht er nicht das gewünschte Bündnis, sondern nur Versicherung der Neutralität unter bestimmten Voraussetzungen.
Okt.
Die Pforte erklärt den Krieg an Rußland. Omer Pascha geht bei Widdin über die Donau und behauptet sich gegen die Russen bei Oltenitza (4. Nov.). Die russische Flotte überfällt und vernichtet ein türkisches Geschwader bei Sinōpe (30. Nov.). Auf die Weigerung des Kaisers, die Donaufürstentümer zu räumen, folgt, nachdem in England ein Whigministerium (Palmerston) ans Ruder gekommen ist, ein Bündnis der Westmächte (Frankreich und England) mit der Türkei (1854, März).
1854–1856.
Krieg der Westmächte gegen Rußland (Krimkrieg).
Der russische Feldherr Paskjewitsch überschreitet die Donau, belagert aber vergeblich Silistria. Frankreich und England schicken Truppen nach der Türkei, welche bei Gallipoli und Varna landen. Österreich, mit Preußen verbündet, verlangt, daß die Russen die Donaufürstentümer räumen; Kaiser Nikolaus befiehlt die Räumung aus »strategischen Gründen« (1854, Juli). Eine zweite französisch-englische Flotte erscheint in der Ostsee, vermag jedoch nichts gegen die Festung Kronstadt auszurichten und nimmt nur die kleine Festung Bomarsund, auf einer der Alands-Inseln.
1854. 14. Sept.
Landung der Franzosen und Engländer (zusammen 55000 Mann unter Marschall St. Arnaud und Lord Raglan) an der Küste der Halbinsel Krim; auch 6000 Türken nehmen an dem Feldzuge teil.
20. Sept.
Schlacht an der Alma, Sieg über die Russen.
1854–1855. Okt. Sept.
Belagerung von Sebastopol, welches die Russen unter Menschikow mit neuen Befestigungen (unter Totlebens Leitung) umgeben, während der Hafen durch Versenkung von Kriegsschiffen gesperrt wird. Nachdem Menschikow Verstärkung erhalten hat, greift er die Verbündeten von neuem an, wird aber nach blutigem Kampfe in der
1854. 5. Nov.
Schlacht bei Inkerman zurückgeschlagen. Langsamer Fortgang der Belagerungsarbeiten während des Winters. Österreich tritt trotz der früheren Dienste Rußlands in Ungarn und gegen Preußen (Dez. 1854) dem Bunde der Westmächte bei und stellt ansehnliche Streitkräfte an der russischen Grenze auf, ohne jedoch wirklich den Krieg zu beginnen. Seitdem Spannung zwischen Rußland und Österreich. Preußen verharrt (trotz Olmütz) in seiner neutralen Stellung, gewinnt damit ein Anrecht auf Rußlands Dank. König Viktor Emanuel II. von Sardinien schließt ein Bündnis mit den Westmächten und schickt 15000 Mann unter Lamarmora nach der Krim. Die Belagerungsarmee wird bis zu 174000 Mann verstärkt (28000 Türken).
1855, 2. März.
Tod Nikolaus’ I., Kaisers von Rußland. Sein Sohn
1855–1881.
Alexander II. läßt die Verteidigung Sebastopols durch Fürst Gortschakow weiterführen. Große Verluste der Belagerer durch Krankheit, Entbehrungen und tägliche Kämpfe. Endlich nach dreitägiger starker Beschießung
1855. 8. Sept.
Erstürmung des Malakowturms durch die Franzosen (unter Pélissier), des Redan durch die Engländer, die aber von den Russen wieder hinausgeschlagen werden.
11. Sept.
Die Russen ziehen sich mittels einer Schiffbrücke in den nördlichen Teil der Festung zurück. Besetzung der Stadt Sebastopol durch die Verbündeten.
In Asien Einnahme der Festung Kars durch die
28. Nov.
Russen.
1856. 30. März.
Friede zu Paris: 1. Rußland tritt die Donaumündungen mit einem kleinen, am linken Ufer der untern Donau gelegenen Teil von Bessarabien ab. 2. Es entsagt der besonderen Schutzherrschaft über die Christen in der Türkei (deren Gleichstellung mit der mohammedanischen Bevölkerung von der Pforte zugesichert wird) und über die Donaufürstentümer (deren Verhältnis später geregelt werden soll). 3. Es gibt Kars zurück und verspricht, am Schwarzen Meere keine Waffenplätze anzulegen und dort nicht mehr Schiffe als die Pforte zu halten. 4. Die Westmächte geben Sebastopol nach Zerstörung der Hafenbauten und Befestigungen an Rußland zurück. — Die Moldau und Walachei werden 1859 vereinigt als Fürstentum Rumänien unter Oberhoheit des türkischen Sultans. Seit 1866 Fürst Karl von Hohenzollern (1881 König).
Das zweite französische Kaiserreich gelangt durch diesen Krieg zu hohem Ansehen in Europa. Zugleich Sorge Napoleons für die innere Verwaltung. Glänzende Bauten in Paris, 1855 Weltausstellung daselbst (nach dem Vorbilde der Weltausstellung in London 1851).
1856–1857.
Zerwürfnis zwischen dem Könige von Preußen und der Schweiz infolge einer Erhebung der königlich gesinnten Partei in Neuchâtel (Neuenburg) gegen die daselbst 1848 eingerichtete republikanische Verfassung (S. 274, 354). Unter französischer Vermittelung wird durch Freilassung der Gefangenen seitens der Schweiz und Verzichtleistung auf Neuchâtel durch den König von Preußen der Streit beigelegt.
1857. Okt.
Wegen schwerer Erkrankung König Friedrich Wilhelms IV. übernimmt sein Bruder Wilhelm, Prinz von Preußen, die Stellvertretung, ein Jahr darauf die Regentschaft.
Dänemark verzichtet auf Verlangen der am Ostseehandel beteiligten Staaten auf die fernere Erhebung des Sundzolls (S. 250) gegen eine Entschädigung von 30 Mill. dän. Talern.
1857–1858.
Aufstand in Ostindien, erst nach furchtbarem Blutvergießen von den Engländern unterdrückt. Die einheimischen Truppen (Sepoys), geführt von dem Großmogul Mohammed Bahadur Schah, verteidigen sich hartnäckig in der alten Residenzstadt Delhi, belagern die Engländer in Lucknow. Delhi wird erstürmt, Lucknow entsetzt. Nach Herstellung der Ruhe wird die Ostindische Kompagnie (S. 300) aufgelöst und die Verwaltung der englischen Krone übertragen; seitdem steht ein Vizekönig an der Spitze des Landes. 1876 nimmt die Königin Viktoria den Titel »Kaiserin von Indien« an.
1857–1860.
Englisch-französischer Krieg gegen China.
Veranlassung: Verletzungen des englisch-chinesischen Handelsvertrages von 1842 seitens der Chinesen führen im Oktober 1856 zu Feindseligkeiten zwischen den Engländern und den chinesischen Behörden von Kanton. Die französische Regierung, welche ebenfalls eine Änderung ihrer Handelsverträge mit China wünscht, schließt sich den englischen Forderungen an.
1857.
Dez. Kanton durch die Verbündeten besetzt.
1858. Juni.
Vertrag von Tientsin, welcher dem europäischen Handel und den Missionen Zutritt in das Innere von China gewährt und stehende Gesandtschaften in der Hauptstadt Peking gestattet.
Da die Ratifikation dieses Vertrages von den Chinesen unter nichtigen Vorwänden hinausgeschoben wird, während die Forts von Taku am Peiho befestigt werden, landen französische und bald auch englische Truppen und dringen (Sept. 1860) gegen Peking vor. Schlacht bei Palikao; der kaiserliche Sommerpalast vor Peking geplündert und verbrannt. Darauf Friede von Peking geschlossen; der Vertrag von Tientsin wird erneuert, China zahlt an England 60 Mill. Franks, an Frankreich 30 Mill. als Entschädigung für die Kriegskosten. Für die auswärtigen Angelegenheiten wird eine besondere Behörde (Tsunglijamen) eingesetzt und dieser auch das von den Europäern geleitete Seezollamt unterstellt.
Japan öffnet sich dem Verkehr mit anderen Staaten williger als China. Handelsverträge mit den Vereinigten Staaten und mit England 1854, mit Rußland 1855, mit Preußen 1861 (ostasiatische Expedition unter Führung des Grafen Eulenburg 1859–62, der auch mit China und Siam Handelsverträge schließt). Seit Anfang 1867 Mikado Mutsuhito (geb. 1852). Widerstand der Großen (Daimios) gegen die Zulassung der Fremden (S. 220, 251), 1868 unterdrückt. Schon 1867 Abdankung des Shoguns (S. 251) und Wiederherstellung der Macht des Kaisers (S. 220); Berufung einer Volksvertretung 1869. Der Mikado verlegt seine Residenz von Kioto nach Tokio. Beginn der neuen Ära für Japan. Regelmäßige Parlamente seit 1890. Viele Einrichtungen europäischer Kultur eingeführt; erste Eisenbahn 1872. Das Heerwesen zuerst nach französischem, dann nach preußischem Muster eingerichtet.
Frankreich nimmt 1862 das Mündungsgebiet des Mekong in Hinterindien in Besitz (Cochinchina). Napoleon III., bemüht, die Kolonialmacht seines Reiches zu entwickeln, ordnet 1865 persönlich die Verhältnisse der Kolonie Algier (S. 348, 354); General Mac-Mahon 1864–1870 Gouverneur daselbst.
Rußland erwirbt 1860 von China das Amurgebiet, unterwirft 1859 die Kaukasusvölker, nimmt 1865–68 Turkestan (Städte Taschkent und Samarkand) in Besitz, verkauft Alaska 1867 für 7 Mill. Dollar an die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Innern Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 durch weise Maßregeln Kaiser Alexanders II. begonnen.
Polen verliert nach Niederwerfung des Aufstandes von 1863 (S. 372) seine letzten Freiheiten. Seitdem russische Sprache und Gesetze eingeführt (S. 350).
Die nationale Einigung Italiens.
Napoleon III. unterstützt das Königreich Sardinien zu erneutem Angriff auf die Herrschaft Österreichs in Oberitalien (s. S. 356). (Orsinis Attentat und »Testament«.) Graf Cavour, Minister des Königs Viktor Emanuel II., verfolgt zugleich den Plan, den trostlosen Zuständen in den andern italienischen Staaten ein Ende zu machen und Italien politisch zu einigen.
1859.
Krieg Frankreichs und Sardiniens gegen Österreich. Napoleon III. übernimmt selbst den Oberbefehl über die französischen Truppen, zieht nach dem Siege bei Magenta (4. Juni, Gen. Mac-Mahon) zusammen mit Viktor Emanuel in Mailand ein.
24. Juni.
Schlacht bei Solferino (südlich vom Gardasee), 111000 Franzosen und 50000 Sardinier gegen 140000 Österreicher unter Kaiser Franz Joseph. Die feste Stellung der Österreicher wird erstürmt; sie ziehen sich in das Festungsviereck (Mantua, Peschiera, Verona, Legnago) zurück. Der Prinzregent von Preußen zur Hilfeleistung bereit, verlangt aber für sich den Oberbefehl über die gesamte deutsche Streitmacht und völlige Selbständigkeit. Österreich dagegen fordert von ihm Unterordnung unter die Befehle des Bundestages. Zusammenkunft der beiden Kaiser in Villafranca, dann Waffenstillstand von Villafranca (Juli) und (10. Nov.) Friede zu Zürich: 1. Österreich tritt die Lombardei (mit Ausnahme von Mantua und Peschiera) an Napoleon II. ab, der sie an Sardinien gibt. 2. Italien soll einen Staatenbund bilden unter dem Ehrenvorsitz des Papstes. 3. Die während des Krieges vertriebenen Herrscher von Toskana und Modĕna sollen wieder eingesetzt, die aufständischen Legationen (Bologna usw.) dem Papst zurückgegeben werden, aber »ohne fremde Intervention«.
Trotz dieser Bestimmungen des Züricher Friedens werden durch Volksabstimmung
1860.
Toskana, Parma (wo der Herzog gleichfalls hatte fliehen müssen), Modĕna und die päpstlichen Legationen mit der Monarchie Viktor Emanuels vereinigt, wogegen dieser Savoyen und Nizza an Frankreich abtreten muß.
Landung Garibaldis in Sicilien (11. Mai) mit 1000 Freiwilligen, deren Zahl sich schnell vermehrt. Palermo und Messina ohne großen Widerstand eingenommen. Er setzt nach dem Festlande über (20. Aug.); König Franz II. verläßt seine Hauptstadt Neapel und zieht sich mit 40000 Mann hinter den Volturno zurück. Unterdes waren sardinische Truppen in Umbrien und die Marken eingerückt. Der in päpstliche Dienste getretene französische General Lamoricière wird in dem
18. Sept.
Treffen bei Castelfidardo von Cialdini geschlagen.
Der Kirchenstaat mit Ausnahme des Gebietes um Rom (Patrimonium Petri) wird von Viktor Emanuel besetzt, der alsdann in das neapolitanische Gebiet einrückt und sich mit Garibaldi vereinigt. König Franz II. zieht sich mit seinen Truppen nach Gaëta zurück. Belagerung dieser Festung; sie ergibt sich Febr. 1861.
1861. 17. März.
Viktor Emanuel II. König von Italien. Mit Ausnahme von Venetien und dem Gebiet um Rom (Patrimonium Petri) ist die ganze Halbinsel unter einem Scepter vereinigt. Die meisten der vertriebenen Fürsten wenden sich nach Österreich. Tod Cavours 6. Juni 1861.
1862.
Neuer Freischarenzug Garibaldis, um gegen den Willen der Regierung Rom zu befreien. Er wird am Aspromonte, der Südspitze Italiens, verwundet und gefangen, zieht sich dann nach der Insel Caprera (bei Sardinien) zurück.
1864. 15. Sept.
Vertrag zwischen Frankreich und Italien: die Dauer der französischen Besetzung Roms (s. S. 363) auf noch 2 Jahre festgesetzt, zur Hauptstadt Italiens wird Florenz bestimmt; die italienische Regierung übernimmt den Schutz des Patrimonium Petri gegen jeden fremden Einfall.
1861–1867.
Krieg in Mexiko. Der 1861 in den Vereinigten Staaten von Amerika ausgebrochene Bürgerkrieg (s. u. § 18) veranlaßt Napoleon III. zu einem weitausschauenden Unternehmen. Frankreich verbündet sich mit England und Spanien, um die Republik Mexiko (Präsident Juarez) zur Erfüllung vertragsmäßiger Verpflichtungen gegen Kaufleute dieser Länder zu zwingen. Nach Besetzung der Hafenstadt Veracruz kommt ein Vertrag zustande; die französischen Truppen aber dringen weiter vor. England und Spanien nehmen an dem nun beginnenden Kriege nicht teil.
1863.
Die Franzosen erobern Puebla, dann auch die Hauptstadt Mexiko; eine dorthin berufene Nationalversammlung wählt den Erzherzog Maximilian, Bruder des Kaisers von Österreich (S. 282), zum Kaiser von Mexiko. Dieser erscheint 1864, kämpft gegen die republikanischen Truppen, unterstützt von den Franzosen unter Bazaine, kann aber des Landes nicht Herr werden. Die Vereinigten Staaten, wo mittlerweile der Krieg zu Ungunsten der Südstaaten entschieden ist, schreiten zu Gunsten der Republik ein, nach dem von Monroe (S. 346) ausgesprochenen Grundsatz.
1867.
Abzug der Franzosen aus Mexiko. Kaiser Maximilian setzt allein den Kampf fort, wird nach tapferer Gegenwehr in Queretaro eingeschlossen, durch Verrat gefangen, auf Juarez’ Befehl vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen. Juarez, 1871 als Präsident wiedergewählt, hat mit Parteikämpfen zu ringen, † 1872. Geordnete Zustände stellt der Präsident Porfirio Diaz (1877–1911) her (s. u. § 18).
Napoleons III. Ansehen in Frankreich durch das Fehlschlagen der Expedition nach Mexiko schwer erschüttert; er versucht es durch Einmischung in die deutschen Verhältnisse wiederherzustellen.
§ 7. Deutschlands Einigung durch Preußen.
1861. 26. Febr.
In Österreich wird eine neue Gesamtstaatsverfassung verkündigt (engerer Reichsrat für die deutsch-slavischen Länder, weiterer Reichsrat durch Hinzutritt der ungarischen Abgeordneten für die gemeinsamen Angelegenheiten). Widerstand gegen diese Verfassung besonders von seiten der Ungarn, welche die Wiederherstellung ihrer besonderen Verfassung mit eigenem Ministerium und die politische Wiedervereinigung der seit 1849 abgetrennten Länder Siebenbürgen, Kroatien, Slawonien und der Militärgrenze mit dem Königreich Ungarn verlangen (S. 357 f.)
2. Jan.
In Preußen nach dem Tode Friedrich Wilhelms IV. König Wilhelm I.;[58] Krönung in Königsberg 18. Okt. Bald darauf bricht infolge der von der Regierung auf Veranlassung des Königs durchgeführten Verstärkung des Heeres (Kriegsminister v. Roon) ein Verfassungsstreit aus.
1862.
Auflösung des Abgeordnetenhauses. Die oppositionelle Mehrheit kehrt infolge der Neuwahlen verstärkt zurück.
23. Sept.
Ministerpräsident v. Bismarck.[59] Die Verstärkung des Heeres wird aufrecht erhalten; das Staatshaushaltsgesetz kommt in diesem und den nächsten Jahren nicht zustande.
Der Kurfürst von Hessen (S. 360 [III.D§4]) wird genötigt, die vom deutschen Bundestage nunmehr gebilligte Verfassung von 1831 anzuerkennen.
1863.
Aufstand in Polen. Intervention der drei Mächte England, Frankreich, Österreich zu Gunsten der Polen ohne Erfolg. Preußen schließt einen Vertrag mit Rußland und sperrt seine Grenzen für die Aufständischen aufs strengste ab. Damit erwirbt es sich ein weiteres Anrecht auf Rußlands Dank (S. 366 [III.D§6]).
Aug.
Fürstentag zu Frankfurt am Main unter Vorsitz des Kaisers Franz Joseph, zur Beratung einer Reform des Deutschen Bundes (Direktorium von 5 Fürsten und Bundesrat unter Österreichs Vorsitz, Parlament aus Abgesandten der Landtage der Einzelstaaten). Die Beratungen bleiben erfolglos, da Preußen die Beteiligung ablehnt.
Durch die wiederholte Verletzung des Londoner Protokolls, besonders aber durch das dänische Patent vom 30. März 1863 und die in Kopenhagen von den »Eiderdänen« durchgesetzte gemeinsame Verfassung für Dänemark und Schleswig, welche Schleswig mit Dänemark vereinigt, also von Holstein trennt und die Rechte der holsteinischen Stände (S. 362 [III.D§4]) auf ein geringes Maß herabdrückt, wird die seit 1852 gegenüber den Übergriffen der Dänen oft bewährte Geduld des deutschen Bundestages erschöpft; er beschließt (1. Okt. 1863) Bundesexekution gegen Dänemark.
1863. 15. Nov.
Tod Friedrichs VII.; nach dem Londoner Protokoll (S. 362) folgt Christian IX. († 1906). Dieser bestätigt die Gesamtstaatsverfassung. Große Aufregung in Deutschland; man fordert vollständige Trennung Schleswig-Holsteins von Dänemark und sofortige Besetzung des ganzen Landes durch deutsche Bundestruppen. Aber auf Antrag Österreichs und Preußens, welche sich durch das Londoner Protokoll gebunden erklären, bringt der Bundestag nur seinen früheren Beschluß zur Ausführung und läßt 12000 Hannoveraner und Sachsen in die zum Bunde gehörigen Herzogtümer Holstein und Lauenburg einrücken. In Holstein wird Friedrich VIII. von Augustenburg (S. 362) als Herzog ausgerufen.
1864.
Krieg gegen Dänemark.
Österreich und Preußen verlangen (Jan. 1864) die Aufhebung der neuen dänischen Verfassung, weil sie den 1852 übernommenen Verpflichtungen widerspreche. Da Dänemark sich weigert, rücken 37000 Preußen und 23000 Österreicher unter dem Oberbefehl des preuß. Feldmarschalls v. Wrangel in Schleswig ein. Holstein bleibt von den Bundestruppen besetzt. Die Österreicher rücken auf das Danewerk los; die Preußen gehen nach einem vergeblichen Versuch bei Missunde bei Arnis über die Schlei. Darauf Rückzug der dänischen Truppen (35000 Mann) aus dem Danewerk; der größte Teil zieht nach Düppel. General v. Moltke[60] trifft beim Oberkommando der Verbündeten ein. Die Österreicher unter Gablenz dringen nach siegreichem Kampfe bei Översee (6. Febr.) vereint mit einem Teil der Preußen in Jütland ein; die preußischen Hauptkräfte übernehmen die Belagerung der Düppeler Schanzen.
18. Apr.
Die Preußen erstürmen die Düppeler Schanzen (118 Geschütze erobert). Die Dänen ziehen sich nach Alsen, Fünen und Nordjütland zurück, räumen auch die Festung Fridericia.
12. Mai bis 25. Juni.
Waffenruhe, Verhandlungen zu London. Da man sich weder über eine Personal-Union der Herzogtümer mit der Krone Dänemark, noch über eine Teilung Schleswigs nach den Nationalitäten einigen kann (Dänemark hofft vergeblich auf Hilfe von England und Rußland), so sagt Preußen sich von dem durch Dänemark so oft gebrochenen Londoner Protokoll los, und der Krieg beginnt von neuem. — Die Preußen unter General Herwarth von Bittenfeld bewerkstelligen bei Nacht auf Kähnen den
1864. 29. Juni.
Übergang nach der Insel Alsen, schlagen die Dänen auf allen Punkten und treiben sie nach Fünen hinüber. Auch Nordjütland wird von den Verbündeten besetzt.
Zur See hatten am 17. März drei preußische Schiffe bei Jasmund (an der Ostseite von Rügen), am 9. Mai zwei österreichische und drei preußische Schiffe bei Helgoland gegen die Dänen gekämpft; vom 13. bis 17. Juli gelang mit Hilfe der Kanonenboote die Besetzung der Inseln Sylt und Föhr.
20. Juli.
Waffenstillstand, Verhandlungen in Wien.
22. Aug.
Genfer Konvention zum Schutz der Verwundeten und Kranken im Kriege, von den meisten europäischen Staaten unterzeichnet (das Rote Kreuz).
30. Okt.
Friede zu Wien: König Christian IX. von Dänemark tritt die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an Österreich und Preußen ab.
Die Bundestruppen verlassen Holstein; Österreich und Preußen setzen für die Herzogtümer eine gemeinschaftliche Regierung ein. Mißstimmung darüber in den Herzogtümern und vielfach in Deutschland; man wünscht ein selbständiges Schleswig-Holstein. Österreich begünstigt die Einsetzung des Prinzen Friedrich von Augustenburg; der preußische Minister v. Bismarck verlangt (Febr. 1865) für den Fall, daß zu den in Deutschland vorhandenen Kleinstaaten ein neuer hinzutreten soll: 1. Daß dessen gesamte Streitkräfte ein Teil der preußischen Armee und Flotte werden, 2. Seine Eisenbahnen, sein Post- und Telegraphenwesen unter preußische Leitung kommen, 3. Eintritt der Herzogtümer in den Zollverein und Abtretung einiger militärisch wichtiger Orte, namentlich Friedrichsort an der Kieler Förde und Sonderburg.
Um Streitigkeiten zwischen den Regierungskommissaren der beiden Großmächte fernerhin zu vermeiden, schließen Österreich und Preußen den
1865. 14. Aug.
Vertrag zu Gastein: 1. Beide Mächte behalten die gemeinschaftliche Oberhoheit über beide Herzogtümer; Österreich übernimmt vorläufig die Verwaltung in Holstein, Preußen in Schleswig. Rendsburg soll Bundesfestung, Kiel Bundeshafen werden; die Benutzung dieses Hafens bleibt gemeinschaftlich, doch erhält Preußen dort den Oberbefehl; auch werden ihm zwei Militärstraßen, Telegraphen- und Postlinien durch Holstein zugesichert. 3. Österreich tritt das Herzogtum Lauenburg (S. 341) an Preußen ab gegen Zahlung von 2½ Millionen dänischer Taler. Bald zeigt sich, daß diese Einigung keinen Bestand haben kann. Österreich, entschlossen, eine wesentliche Machtvergrößerung Preußens nicht zuzugeben, verständigt sich mit den deutschen Mittelstaaten; Preußen, welches eine kriegerische Entscheidung der deutschen Frage als unvermeidlich ansieht, tritt mit Italien in Unterhandlung. Es beginnt ein Krieg, der durch das energische Vorgehen der preußischen Heeresmacht schnell zu Ende geführt wird.
1866. Der deutsche Krieg.
Verbündete Preußens: Die kleineren norddeutschen Staaten und Italien (s. S. 379).
Verbündete Österreichs: Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover, Baden, beide Hessen.
Ursache: Das Verlangen der deutschen Nation nach größerer Einheit. Eine Neugestaltung Deutschlands mit starker Bundesgewalt gegenüber den Einzelstaaten war unmöglich, solange sich im Deutschen Bunde zwei Großmächte gegenüberstanden, von welchen die eine größtenteils nicht deutsche Bevölkerung und nicht deutsche Interessen hatte.
Veranlassung: Der Streit über die Zukunft der Herzogtümer Schleswig und Holstein.
1866.
9. April.
Preußen stellt bei dem Bundestage in Frankfurt den Antrag auf Reform der Verfassung des Deutschen Bundes unter Mitwirkung eines aus allgemeinem Wahlrecht hervorgehenden Parlaments.
Die von Frankreich, England und Rußland (24. Mai) angebotene Vermittelung wird vereitelt durch die Forderung Österreichs, daß auf der etwaigen Friedenskonferenz von keiner Gebietsveränderung die Rede sein solle.
Österreich stellt (1. Juni) die Entscheidung der schleswig-holsteinischen Erbfolgefrage dem Deutschen Bunde anheim und läßt durch den Gouverneur v. Gablenz die holsteinische Ständeversammlung einberufen. Preußen erklärt dies für einen Bruch des Gasteiner Vertrages; Gen. v. Manteuffel, Gouverneur von Schleswig, rückt mit Truppen in Holstein ein. Gablenz mit den österreichischen Truppen zieht sich unter Protest zurück.
10. Juni.
Preußen legt den deutschen Regierungen den Entwurf einer neuen bundesstaatlichen Verfassung unter preußischer Leitung mit Ausschluß Österreichs vor. Der Bundestag zu Frankfurt beschließt auf Österreichs Antrag
14. Juni.
Mobilmachung der gesamten Bundesarmee mit Ausnahme der drei preußischen Bundesarmeekorps. Austritt Preußens und Auflösung des Deutschen Bundes.
1866. 15. Juni.
Aufforderung Preußens an Sachsen, Hannover und Kurhessen, von dem Bundesbeschluß zurückzutreten, ihre Truppen auf Friedensfuß zu setzen und sich dem vorgeschlagenen neuen Bunde unter preußischer Leitung anzuschließen. Diese Aufforderung wird abgelehnt.
A. Östlicher (Haupt-) Kriegsschauplatz.
Preußen gegen Österreicher und Sachsen.
Preußen: Erste Armee (Prinz Friedrich Karl) i. d. Lausitz, 93000 M. Elbarmee (General Herwarth v. Bittenfeld) i. d. Provinz Sachsen, 46000 M. Erstes Reserve-Korps (General v. d. Mülbe) bei Berlin, 24000 M. Zweite Armee (Kronprinz Friedrich Wilhelm) in Schlesien, 115000 M.
Österreich: Nordarmee (Feldzeugmeister v. Benedek) in Böhmen und Mähren, 240000 M.
Sächsische Armee (Kronprinz Albert) 24000 M.
16. Juni.
Einmarsch der preußischen Elbarmee in Sachsen. König Johann begleitet seine Truppen nach Böhmen; nur die Festung Königstein bleibt von sächsischen Truppen besetzt.
19. Juni.
Die Elbarmee besetzt Dresden; bei ihrem weiteren Vormarsch bleibt die 1. Division des Korps v. d. Mülbe als Besatzung in Sachsen.
23. Juni.
Die preußische Elb- und die erste Armee überschreiten die österreichische Grenze ohne Gefecht, die zweite Armee folgt am 26. Juni; gemeinsames Ziel Gitschin.
Erstes Zusammentreffen an der Iser: Siegreiche Gefechte der Preußen am 26. Juni bei Podol (Teile der ersten Armee) und bei Hühnerwasser (Teile der Elbarmee); dann gewinnen beide Armeen Anschluß und sind bei Münchengrätz (28. Juni) und Gitschin (29. Juni) siegreich.
Das zur preußischen zweiten Armee gehörige Korps v. Bonin wird am 27. Juni von den Österreichern bei Trautenau geschlagen, aber die preußische Garde dringt siegreich vor bei Soor (28. Juni) und besetzt Königinhof (29. Juni). Vereinigung mit dem Korps des Generals von Steinmetz, welcher drei österreichische Korps bei Nachod (27. Juni), Skalitz (28. Juni), Schweinschädel (29. Juni) zurückgeschlagen hat.
König Wilhelm I. trifft am 1. Juli in Gitschin ein und übernimmt den Oberbefehl über alle preußischen Heere; Chef des Generalstabes General v. Moltke. Es wird beschlossen, mit vereinten Kräften die Österreicher anzugreifen, welche hinter dem Flüßchen Bistritz auf den Höhen von Chlum, im Rücken gedeckt durch die Festung Königgrätz, ihre Aufstellung genommen hatten (206000 Mann mit über 500 Geschützen).
1866. 3. Juli.
Schlacht bei Königgrätz. Harter Kampf der ersten preußischen Armee bei Sadowa und Benatek gegen die Österreicher; große Verluste erleidet die Division des Generals v. Fransecky im Walde von Masloved. Auf dem rechten Flügel kämpft die Elbarmee bei Nechanitz gegen Sachsen und Österreicher. Am Nachmittag kommt die zweite (schlesische) Armee unter dem Kronprinzen nach anstrengendem Marsche von links her den Österreichern in die Flanke; das Gardekorps erstürmt die Höhe von Chlum. Rückzug der Österreicher nach Königgrätz, die Preußen erbeuten 5 Fahnen, 161 Geschütze, machen 20000 Gefangene. Weiterer Rückzug nach Olmütz.
Kaiser Franz Joseph ruft Frankreichs Vermittelung an und tritt Venetien an Napoleon III. ab; der von Frankreich begehrte Waffenstillstand wird jedoch von Preußen und von Italien zurückgewiesen. Ein großer Teil der österreichischen Südarmee wird aus Italien zum Schutze der bedrohten Hauptstadt Wien herangezogen. Die Preußen besetzen Prag (8. Juli) und Brünn (12. Juli); die erste Armee rückt von Brünn aus rasch gegen Wien vor, während die zweite nach dem Treffen bei Tobitschau (15. Juli, General v. Bonin) durch Besetzung von Prerau die Eisenbahnverbindung zwischen Olmütz und Wien abschneidet.
Benedek führt seine Truppen über die Kleinen Karpathen, um Wien auf dem Umwege durch das Waagtal zu erreichen. Das preußische Hauptquartier wird am 18. Juli nach Nikolsburg (südlich der Taya) verlegt. Das Treffen bei Blumenau (unweit Preßburg) am 22. Juli (General v. Fransecky) entscheidet sich bereits zu Gunsten der Preußen, als es um 12 Uhr abgebrochen werden muß infolge der mittlerweile abgeschlossenen fünftägigen Waffenruhe. Darauf
26. Juli.
Waffenstillstand zu Nikolsburg, nachdem ohne Frankreichs Mitwirkung, aber mit Rücksicht auf seine Forderungen, die Friedenspräliminarien unterzeichnet worden sind.
B. Westlicher Kriegsschauplatz.
a) Preußen gegen Hannover und Kurhessen.
Preußische Westarmee: General Vogel v. Falckenstein; sie ist zunächst noch getrennt: Division Goeben bei Minden, Division Manteuffel in Holstein, Division Beyer bei Wetzlar, zusammen 48000 M.
Hannoveraner 21000 M., Kurhessen 8000 M.
1866. 16.–18. Juni.
Die preußische Westarmee besetzt Hannover und Kurhessen.
Abmarsch der hannoverschen Truppen über Göttingen nach Heiligenstadt zur Vereinigung mit den süddeutschen Bundeskorps, die aber nicht erreicht wird. König Georg V. begleitet sein Heer. Die Kurhessen gewinnen durch schleunigen Abmarsch Anschluß an die Süddeutschen, finden im Laufe des Feldzuges als Besatzung von Mainz Verwendung. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Hessen kommt als Gefangener nach Stettin.
1866. 27. Juni.
Gefecht bei Langensalza zwischen 20500 Hannoveranern und 8500 Preußen und Koburg-Gothaern (Gen. v. Flies). Die Preußen müssen sich nach 7stündigem, hartem Kampfe zurückziehen; aber durch schnelles Herbeiziehen von Verstärkungen (Generale v. Manteuffel und v. Beyer) wird der Zweck erreicht, der hannoverschen Armee den Weg zu ihren süddeutschen Verbündeten zu verlegen.
29. Juni.
Kapitulation von Laugensalza. Das Heer wird aufgelöst und entwaffnet (mit Ausnahme der Offiziere); König Georg V. begibt sich nach Österreich.
b) Preußen gegen die Süddeutschen.
Die preußische Mainarmee, bisher Westarmee (S. 377) 45000 M. Bei dem später eintreffenden Korps des Großherzogs Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin die Truppen von Mecklenburg, Sachsen-Altenburg und Braunschweig.
Nach Langensalza erhält die Mainarmee den Auftrag, über Fulda auf Schweinfurt zu marschieren, um die Vereinigung der beiden süddeutschen Korps zu verhindern und zunächst die Bayern zu schlagen.
Für Österreich: Das VII. Bundes-Armeekorps (Bayern-Versammlung bei Schweinfurt) 40000 M. und das VIII. Bundes-Armeekorps (Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Nassau und eine österreichische Brigade-Versammlung bei Frankfurt a. M.) 46000 M. Oberbefehl: Prinz Karl von Bayern.
Die Mainarmee besiegt die Bayern bei Dermbach (4. Juli) und an der Fränkischen Saale (Kissingen 10. Juli), die Hessen bei Laufach (13. Juli) und das VIII. Korps bei Aschaffenburg (14. Juli). Dadurch werden die Verbündeten (dauernd getrennt) auf das linke Mainufer gedrängt; am 16. Juli besetzt General v. Falckenstein Frankfurt, von wo sich der Bundestag nach Augsburg geflüchtet hat.
Fortsetzung des Feldzuges unter dem Oberbefehl des Gen. v. Manteuffel. Gefechte bei Tauberbischofsheim gegen die Württemberger und bei Werbach gegen die Badener (24. Juli), bei Roßbrunn gegen die Bayern (26. Juli). Die Bayern behaupten noch die Citadelle von Würzburg, aber das von Leipzig her vorrückende Reservekorps des Großherzogs von Mecklenburg (25000 M.) besetzt Nürnberg (31. Juli). Waffenstillstand am 2. August.
C. Krieg zwischen Österreich und Italien.
Italien zum Bündnis mit Preußen veranlaßt durch die günstige Gelegenheit, Venetien zu gewinnen.
Die österreichische Südarmee (138000 Mann) unter Erzherzog Albrecht sammelt sich bei Verona. Von den Italienern (210000 Mann) rückt ein Korps von Bologna her gegen den Po vor, der größte Teil überschreitet unter Führung des Königs Viktor Emanuel den Mincio, wird aber am 24. Juni bei Custozza geschlagen. Neues Vorgehen der Italiener, nachdem ein großer Teil der österreichischen Truppen zum Schutze Wiens abberufen ist. Die italienische Flotte wird am 20. Juli bei der Insel Lissa von der österreichischen (Admiral Tegethof) geschlagen. Waffenstillstand am 25. Juli.
1866. 23. Aug.
Friede zu Prag zwischen Preußen und Österreich: 1. Der Kaiser von Österreich erkennt die Auflösung des Deutschen Bundes an, gibt seine Zustimmung zu einer Neugestaltung Deutschlands ohne Österreich, erkennt im voraus die in Norddeutschland von Preußen vorzunehmenden Gebietsveränderungen an, bedingt aber dem Königreich Sachsen unveränderten Bestand (als Glied des neuen Norddeutschen Bundes) aus. 2. Österreich überträgt seine Rechte auf Schleswig-Holstein an Preußen, nur soll der nördliche Teil Schleswigs mit Dänemark wieder vereinigt werden, wenn die Bevölkerung den Wunsch dazu durch freie Abstimmung zu erkennen gibt (aufgehoben 1878). 3. Österreich zahlt 20 Millionen Taler Kriegskosten. 4. Preußen bedingt die Übergabe Venetiens an Italien aus.
Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und die freie Stadt Frankfurt werden mit der preußischen Monarchie vereinigt. Die süddeutschen Staaten und Sachsen müssen einzeln Frieden schließen und Kriegskosten zahlen. — Von den beabsichtigten Gebietsabtretungen der Südstaaten wird in der Hauptsache Abstand genommen (nur Bayern und Hessen müssen Grenzstriche abtreten, jenes Orb und Gersfeld, dieses die eben geerbte Landgrafschaft Hessen-Homburg), weil Napoleon III. Deutschland gegenüber das Verlangen nach einer »Grenzberichtigung« zeigt (s. S. 377).
Zwischen Preußen und den Südstaaten werden Schutz- und Trutzbündnisse geschlossen: Gegenseitige Garantie des Gebiets, die süddeutschen Staaten stellen für den Fall eines Krieges ihre gesamten Streitkräfte unter den Oberbefehl des Königs von Preußen. Das Verlangen Napoleons III. (Abtretung der bayrischen Rheinpfalz und des linksrheinischen Hessen mit Mainz) wird zurückgewiesen.
3. Okt.
Friede zu Wien zwischen Österreich und Italien. Venetien wird mit dem Königreich Italien vereinigt.
1866. 3. Sept.
Beilegung des Verfassungsstreits in Preußen (S. 372) durch ein vom Landtage angenommenes Indemnitätsgesetz wegen der seit 1862 ohne Staatshaushaltsgesetz geführten Verwaltung.
Der Norddeutsche Bund, gebildet von Preußen, den im Kriege mit ihm verbündet gewesenen Staaten, dem Königreich Sachsen und der nördlichen Hälfte des Großherzogtums Hessen. Erster Reichstag des Norddeutschen Bundes 1867 in Berlin; die Verfassung wird vereinbart. Bundesleitung bei der Krone Preußen, welche den Bund völkerrechtlich vertritt, in seinem Namen Krieg erklärt, Frieden und Bündnisse schließt, Gesandte beglaubigt. Die Vertretung der Regierungen bildet der Bundesrat, in dem Preußen 17, die übrigen 21 Bundesglieder zusammen 26 Stimmen haben. Reichstag aus allgemeinen und direkten Wahlen. Einheitliches Heer unter dem Oberbefehl des Königs von Preußen (allgemeine Wehrpflicht), einheitliche Zoll-, Post- und Telegraphenverwaltung. Graf Bismarck Bundeskanzler.
1868.
Deutsches Zollparlament. Abgeordnete aus den süddeutschen Staaten erscheinen im norddeutschen Reichstag, um die durch Vertrag zwischen den Regierungen 1867 angebahnte Wiederherstellung des Zollvereins (S. 361) durchzuführen.
Die preußische Flotte (S. 361) wird zur norddeutschen Kriegsflotte; Kriegshäfen werden in Kiel und Wilhelmshaven angelegt. Bestand der Flotte 1870: 3 Panzerfregatten, 2 Panzerfahrzeuge, 9 Korvetten, 2 Avisos, 22 Kanonenboote.
1867.
Streit über Luxemburg. Napoleon III. unterhandelt, um für Frankreich doch eine Vergrößerung zu gewinnen (S. 379), mit dem König der Niederlande über Abtretung des Großherzogtums Luxemburg an Frankreich gegen eine Geldentschädigung und verlangt, daß die früher zum Deutschen Bunde (S. 341), nicht aber zu dem neuen Norddeutschen Bunde gehörende Festung Luxemburg von der preußischen Besatzung geräumt werde.
Ausgleich durch Beschluß einer Konferenz der Großmächte zu London (Italien als sechste Großmacht anerkannt): 1. Die Neutralität des Großherzogtums wird von den Großmächten gemeinsam gewährleistet; 2. Die preußische Besatzung räumt die Stadt Luxemburg, deren Festungswerke geschleift werden.
Ende des Kirchenstaates. Italienische Freischaren machen mit stillschweigender Gutheißung ihrer Regierung 1867 (Sept.) einen Angriff auf das päpstliche Gebiet. Napoleon III. erklärt den früheren Vertrag (S. 370) für gebrochen und schickt dem Papste Hilfe. Die Freischaren werden bei Mentana geschlagen; ihr Führer Garibaldi wird nach kurzer Haft wiederum nach Caprera entlassen. Rom erhält von neuem eine französische Besatzung (S. 363, 370).
1869. 8. Dez.
Eröffnung des Vatikanischen Konzils in Rom, durch welches das Ansehen des Papsttums nach der Einschränkung seiner weltlichen Herrschaft gesichert und erhöht werden soll. Verkündung des Unfehlbarkeits-Dogmas am 18. Juli 1870. Am 20. Sept. 1870 wird Rom von den italienischen Truppen besetzt, da die französische Besatzung zurückgezogen ist (s. S. 385). Aufhebung des Kirchenstaates. Rom wird Hauptstadt des geeinigten Italiens.
§ 8. Deutsch-französischer Krieg 1870–1871.
Ursache: Die Meinung der Franzosen, daß ihrer Nation auf dem europäischen Festlande eine herrschende Machtstellung zukomme. Letztere hatte die Schwäche der Nachbarstaaten, vor allem Deutschlands zur Voraussetzung. Die Begründung des italienischen Einheitsstaates und die Entstehung eines mächtigen deutschen Bundesreiches erschien den Franzosen wie eine Schmälerung ihres Ruhmes.
Veranlassungen: 1. Die inneren Verlegenheiten der Regierung Napoleons III., welcher, für seinen Thron fürchtend, dem gesetzgebenden Körper (S. 355) erweiterte Rechte zögernd zugesteht; 2. Die Ablehnung der seit 1866 wiederholt verlangten Ausgleichungen für die Vergrößerung Preußens an Land und Macht (S. 379, 380). Der von Napoleon durch Benedetti 1867 schriftlich in Berlin eingereichte Vertragsentwurf, nach welchem Napoleon Luxemburg und Belgien besetzen und dafür Preußen die Aufnahme der süddeutschen Staaten in den Norddeutschen Bund gestatten wollte, war von Bismarck »dilatorisch« behandelt worden.
Vorwand: Die Übertragung der spanischen Krone an den Prinzen von Hohenzollern (s. u. § 16), die in Paris als eine preußische, Frankreich gefährdende Intrige dargestellt wird.
Das durch den französischen Botschafter Benedetti in Ems (9. Juli) an König Wilhelm I. gestellte Verlangen, »dem Prinzen von Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone zu verbieten«, wird zurückgewiesen. Nach dem freiwilligen Rücktritt des Prinzen verlangt die französische Regierung eine Erklärung des Königs, »daß er die Bewerbung des Prinzen um die spanische Krone in Zukunft niemals wieder zulassen werde«. König Wilhelm weist den französischen Botschafter ab (13. Juli); Graf Bismarck läßt die Nachricht davon gebende »Emser Depesche« in verkürzter Form alsbald durch die Zeitungen verbreiten. Darauf Kriegserklärung Frankreichs (19. Juli). Die süddeutschen Staaten schließen sich unverzüglich auf Grund der bestehenden Bündnisse (S. 379) der Kriegsrüstung des Norddeutschen Bundes an.
A. Krieg gegen die kaiserliche Armee.
Deutsche Streitkräfte, Oberbefehl König Wilhelm I.
Chef des Generalstabes: General v. Moltke.
Am 31. Juli stehen bereit:
| I. | Armee (General v. Steinmetz) südlich von Trier, 60000 M. |
| II. | Armee (Prinz Friedrich Karl) südlich von Mainz, 194000 M. einschl. Reserve. |
| III. | Armee (hierbei zwei Bayr. Korps, sowie Württemb. und Badische Div.; Kronprinz von Preußen) zwischen Landau und Speier, 130000 M. |
Drei Armeekorps (100000 M.) werden Anfang August zur Verstärkung herangezogen.
Zur Küstenverteidigung: General-Gouverneur Vogel v. Falckenstein, 17. Division und Landwehr.
Zusammen (einschl. aller Besatzungs- und Ersatztruppen) nahezu eine Million Mann.
Feldzugsplan: Eroberung von Paris, auf dem Wege dahin Abdrängen des Feindes von dem reichen Süden in das engere Hinterland des nördlichen Frankreichs. Angreifen unter Zusammenhalten der Kräfte, wo sich der Feind stellt.
Französische Streitkräfte: 300000 M., vorläufig als Rheinarmee unter Oberbefehl des Marschalls Bazaine. Davon stehen:
Marschall Mac-Mahon bei Straßburg mit 100000 M.,
Marschall Bazaine bei Metz mit 150000 M.,
Reserven bei Nancy und im Lager von Châlons-sur-Marne,
zusammen 50000 M. Außerdem können noch 115 Bataillone ins Feld rücken, sobald die Nationalgarde sie im Innern des Landes ersetzt.
Auch der französische Feldzugsplan geht auf überraschenden Angriff aus, wird aber zu langsam ausgeführt.
Eine französische Flotte erscheint in der Ostsee, bald darauf eine zweite in der Nordsee; es kommt aber zu keiner Landung. Die norddeutsche Flotte bewacht die Flußmündungen; 17. Aug. Gefecht der Grille, von 3 Kanonenbooten unterstützt, bei Rügen gegen 8 französische Schiffe. Im Sept. ziehen beide französische Flotten sich zurück. 9. Nov. Kampf des Kanonenboots Meteor bei Havanna gegen ein größeres französisches Schiff, das zum Rückzug in den Hafen genötigt wird. Im Januar 1871 nimmt die Korvette Augusta in der Gironde französische Transportschiffe weg, muß dann aber in einem spanischen Hafen Schutz suchen.
Bismarck erreicht (29. Juli) durch eine aktenmäßige Enthüllung der Anerbietungen Napoleons auf Kosten Süddeutschlands,
Luxemburgs und Belgiens, daß England, Dänemark,
Österreich und Italien neutral bleiben. Rußland tritt diplomatisch für Preußen in Wien ein.
1870. 2. Aug.
Die Franzosen, von Metz her vorrückend, besetzen durch ein Armeekorps in Gegenwart des Kaisers Napoleon die nur von 1500 Mann preußischer Truppen verteidigte Stadt Saarbrücken
4. Aug.
Treffen bei Weißenburg. Die Vorhut der III. Armee (Preußen und Bayern) erstürmt Weißenburg und den stark befestigten Geisberg.
Mac-Mahon vereinigt seine Truppen und erwartet den Feind in starker Stellung, erleidet aber in der
6. Aug.
Schlacht bei Wörth durch das Heer des Kronprinzen Friedrich Wilhelm eine vollständige Niederlage. Mac-Mahon zieht sich auf das befestigte Lager bei Châlons zurück.
Daselbst trifft bald auch Kaiser Napoleon III. ein und überträgt Mac-Mahon den Oberbefehl über die neugebildete Armee.
6. Aug.
Schlacht bei Spichern (Saarbrücken). Teile der I. und II. Armee (Gen. v. Kameke, v. Alvensleben, v. Goeben) erstürmen die stark verschanzten Spicherer Höhen.
Der Kronprinz mit der III. Armee rückt, nach Absendung eines Korps unter General v. Werder zur Belagerung von Straßburg, durch die unverteidigten Pässe des Wasgen-Waldes nach Nancy. Die I. Armee marschiert auf Metz, die II. Armee auf Pont à Mousson mit der Absicht, das französische Heer in und bei Metz von Paris abzuschneiden.
Um dem zuvorzukommen, beschließt Bazaine den Rückzug über Verdun nach Châlons-sur-Marne, zur Vereinigung mit Mac-Mahon und neu herangezogenen Truppen. Napoleon III. eilt voraus nach Châlons. Bazaine nimmt, als ihn unweit Metz die Vorhut der I. Armee angreift, den Kampf auf dem rechten Moselufer an. Durch die
14. Aug.
Schlacht bei Colombey-Nouilly wird deutscherseits der Zweck erreicht, den Abzug des Gegners auf Verdun zu verzögern. Der Abmarsch wird gänzlich vereitelt durch die
16. Aug.
Schlacht bei Vionville — Mars la Tour, in welcher Prinz Friedrich Karl mit Teilen der II. Armee (die Brandenburger unter Gen. v. Alvensleben) die weit überlegenen feindlichen Streitkräfte bei Metz festhält. Verlust 16000 Mann, ebensoviel auf französischer Seite.
Nachdem die übrigen Truppen der I. und II. Armee herangekommen sind, werden die Franzosen in ihren befestigten Stellungen westlich von Metz von neuem angegriffen.
1870 18. Aug.
Schlacht bei Gravelotte-Saint Privat. 180000 Deutsche unter dem Oberbefehl König Wilhelms gegen mindestens ebensoviel Franzosen. Mörderischer Kampf auf dem linken Flügel; die preußische Garde, von den Sachsen unterstützt, erstürmt die Höhen von St. Privat. Verlust der Deutschen 20000, der Franzosen 13000. Bazaines Armee wird in die Festung Metz gedrängt und daselbst eingeschlossen.
Prinz Friedrich Karl leitet die Belagerung von Metz, während die III. Armee (Kronprinz) von Nancy her gegen Châlons vorrückt. Mit ihr wirkt zusammen eine von der II. Armee (die vor Metz bleibt) abgetrennte IV. (Maas-) Armee unter Kronprinz Albert von Sachsen.
Mac-Mahon verläßt, von Napoleon III. begleitet, Châlons und versucht auf dem Umwege über Reims Metz zu erreichen, um sich mit Bazaine zu vereinigen. Dies Unternehmen wird deutscherseits rechtzeitig entdeckt; die III. und IV. Armee schwenken deshalb vom Vormarsch gegen Paris rechts ab; die IV. Armee erreicht die Franzosen an der Maas, greift an und verhindert durch die siegreiche
30. Aug.
Schlacht bei Beaumont den geplanten Entsatzversuch von Metz, drängt auch die Mac-Mahonsche Armee in eine äußerst ungünstige Lage.
Bazaine versucht die Einschließung von Metz zu durchbrechen, wird aber durch die
31. Aug. u. 1. Sept.
Schlacht bei Noisseville zurückgetrieben.
Gleichzeitig wird Mac-Mahon von der III. und IV. deutschen Armee bei Sedan an der Maas eingeschlossen (über 200000 Deutsche gegen 124000 Franzosen).
1. Sept.
Schlacht bei Sedan. Heftiger Kampf der Bayern bei Bazeilles, der Sachsen bei Daigny, der Preußen bei Givonne, Illy und Floing. Die Franzosen werden in die Stadt hineingedrängt. Nach Beginn der Beschießung wird in der Stadt die weiße Fahne aufgezogen. Napoleon III. gibt sich gefangen, verläßt die Stadt am 2. Sept. früh. Zusammentreffen mit Graf Bismarck bei Donchery, wo während der Nacht über die Bedingungen der Übergabe verhandelt war (Moltke, Bismarck, Wimpffen, Mac-Mahon war verwundet).
2. Sept.
Übergabe von Sedan, 39 Generale, über 2300 Offiziere, 83000 Mann (außerdem schon während der Schlacht über 20000 M.) kriegsgefangen, 419 Feld- und 139 Festungsgeschütze erbeutet.
3090 Mann erreichen die belgische Grenze und werden dort entwaffnet; das Korps Vinoy entkommt von Mézières nach Paris.
Zusammenkunft zwischen Kaiser Napoleon III. und König Wilhelm I. in dem Schlosse Bellevue bei Donchery; Napoleon als Kriegsgefangener nach Wilhelmshöhe (bei Kassel) gebracht.
1870. 4. Sept.
Frankreich Republik (Dritte Republik). Provisorische »Regierung der nationalen Verteidigung«: Trochu Präsident und Gouverneur von Paris, Favre Auswärtiges, Gambetta Inneres. Für den Krieg »bis aufs Äußerste« wird die ganze Nation zu den Waffen gerufen, die Flotten werden aus der Nordsee und Ostsee zurückgezogen. Die Kaiserin Eugenie flieht mit ihrem Sohn nach England.
Alle deutschen Truppen, welche bei Sedan gekämpft haben, marschieren gegen Paris und erreichen bis 19. Sept. die Einschließung (S. 387ff.).
B. Krieg gegen die republikanischen Heere.
In zahlreichen Festungen Frankreichs stehen noch kaiserliche Truppen, die sich aber den Geboten der Republik fügen. Nach dem Sturz des Kaisertums zunächst Friedensverhandlungen in Ferières zwischen Bismarck und Favre. Sie bleiben erfolglos, da Frankreich jede Gebietsabtretung verweigert. Thiers bereist die europäischen Höfe, findet aber keine Unterstützung (S. 382f.). Besonders aus England erhält Frankreich starke Zufuhr an Waffen und Munition.
Das Korps des Großherzogs von Mecklenburg (s. S. 378), bisher zum Schutz der deutschen Küste tätig, sichert die Eisenbahnverbindung nach Deutschland durch Einnahme der Festungen Toul und Soissons. Demselben Zwecke dient die nach und nach folgende Einnahme der Festungen Schlettstadt, Verdun (8. Nov.), Diedenhofen, Montmédy, Mézières u. a. Schwieriger Schutz der Etappenstraßen gegen Überfälle französischer Franctireurs. Das besetzte französische Gebiet wird in 4 General-Gouvernements eingeteilt.
27. Sept.
Übergabe von Straßburg nach längerer Belagerung (bei der die wertvolle Bibliothek zerstört wurde) durch preußische und badische Truppen unter Gen. v. Werder. Besatzung von 17000 Mann kriegsgefangen. Die preußische Garde-Landwehr zieht gegen Paris; mit der badischen Division und einigen preußischen Regimentern marschiert Gen. v. Werder durch den Wasgau nach Südwesten (Epinal — Vesoul — Dijon, S. 387ff.).
Gambetta, welcher Paris im Luftballon verlassen hat, übernimmt (9. Okt.) die Diktatur in Tours. Seinem Organisationstalent gelingt es, im Laufe der nächsten vier Monate etwa 800000 M. ins Feld zu stellen: aus Resten der alten Armee, Zuzügen aus Algier, Marinetruppen und durch Massenaufgebot. Es entstehen vier neue Heere; die Loire-Armee bei Orléans, die Westarmee bei Rouen, die Nordarmee bei Lille, die Ostarmee bei Besançon. Eroberung oder Rettung von Paris bleibt Hauptziel des Krieges.
1870. 27. Okt.
Übergabe von Metz (belagert seit 19. August). Nach mehreren vergeblichen Ausfällen ergibt sich Bazaine, durch Hunger gezwungen, mit seiner großen Armee; 6000 Offiziere, 187000 Mann kriegsgefangen, 622 Feld-, 876 Festungsgeschütze erbeutet.
Prinz Friedrich Karl mit der II. Armee marschiert gegen die französische Loire-Armee, General v. Manteuffel mit einer neu eingeteilten I. Armee gegen die französische Nordarmee (S. 387).
a) Der Feldzug an der Loire und gegen Le Mans.
Okt.
Die Loire-Armee (etwa 30000 M. stark und noch nicht kriegsbereit) ergreift in den ersten Oktobertagen von Orléans aus die Offensive auf Paris. Gegen sie marschiert südlich von Paris General v. d. Tann mit dem I. bayrischen Korps und der 22. Division, drängt die Franzosen nach empfindlicher Niederlage bei Artenay (10. Okt.) zurück und besetzt Orléans (11. Okt.).
Nov.
Zweite Offensive der auf 200000 Mann verstärkten Loire-Armee, welche den General v. d. Tann bei Coulmiers (9. Nov.) zum Rückzug auf Artenay und zur Räumung von Orléans nötigt, v. d. Tann gewinnt (nicht verfolgt) Anschluß an den Großherzog von Mecklenburg, tritt in den Verband der diesem unterstellten Armee-Abteilung (50000 M.), welche die Einschließung von Paris gegen Westen und Süden sichern soll. Sie drängt zunächst ein von Westen her anrückendes französisches Korps in beschwerlichem Kleinkriege gegen Freischaren nach Le Mans zurück.
Inzwischen hat die Loire-Armee sich befestigte Stellungen nördlich von Orléans geschaffen; von deutscher Seite aber rückt Prinz Friedrich Karl heran, und der Großherzog von Mecklenburg kommt von Westen her zu gemeinsamem Angriff. Das erneute Vorrücken der Loire-Armee wird durch die
28. Nov.
Schlacht bei Beaune la Rolande (II. Armee) und die
2. Dez.
Schlacht bei Loigny-Poupry (Großherzog von Mecklenburg) rechtzeitig vereitelt.
Nach weiteren harten Kämpfen der beiden deutschen Heere wird Orléans von ihnen besetzt.
Von der Loire-Armee entweicht ein Teil nach Süden, wo General Bourbaki neue Streitkräfte organisiert (vgl. S. 388), der andere wird durch General Chanzy nach Westen zurückgeführt und auch durch Verstärkungen neu gefestigt. Chanzy versucht, über Vendôme auf Paris zu ziehen; dies vereitelt die deutsche Armee-Abteilung durch schwere Kämpfe
7.–10. Dez.
bei Beaugency-Cravant. Chanzy geht hinter die Loir auf Le Mans zurück. Deutsche Erkundungsgefechte: Das Detachement Boltenstern bei Montoire (27. Dez.). Die Regierung von Tours wird nach Bordeaux verlegt. (Gambetta in Bourges.)
1871. Jan.
Die Armee-Abteilung wird aufgelöst und findet teils bei der II. Armee, teils bei Orléans und Paris Verwendung. Prinz Friedrich Karl, unaufhaltsam vorrückend trotz der Winterkälte, vernichtet die Armee des General Chanzy (150000 M.) in der
10.–12. Jan.
Schlacht vor Le Mans (20000 Gefangene). Die deutsche II. Armee bleibt bei Le Mans und an der Loire, das Korps des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin marschiert nach Rouen.
b) Der Feldzug im Norden und Nordwesten Frankreichs.
Um die Einschließung von Paris gegen Truppenansammlungen im Norden Frankreichs zu sichern, rückt die I. Armee, drei preußische Korps unter General v. Manteuffel, von Metz aus in nordwestlicher Richtung vor (S. 386). Sie schlägt die aus Marinetruppen und Mobilgarden gebildete französische Nordarmee in der
1870. 27. Nov.
Schlacht bei Amiens, nimmt diese Stadt ein und besetzt dann Rouen (5. Dez.); die dort auftretende französische Westarmee (S. 385) weicht ernsten Kämpfen aus. Die Nordarmee, von General Faidherbe wieder gesammelt und verstärkt, rückt wieder gegen Amiens vor.
23. u. 24. Dez.
Schlacht an der Hallue (Nebenfluß der Somme). Die Franzosen ziehen sich unter Mangel und Kälte auf Arras zurück. Die Deutschen belagern darauf die Festung Péronne; Faidherbes Versuch, diese zu entsetzen, wird vereitelt durch die Schlacht bei Bapaume (3. Jan. 1871); Péronne ergibt sich 9. Jan. Die bei Rouen verbliebenen Ostpreußen (I. A.-K.) zerstreuen eine Ansammlung der Westarmee durch das Gefecht bei Robert-le-Diable (4. Jan.).
Am 8. Jan. hat für den zum südöstlichen Kriegsschauplatz abberufenen Gen. v. Manteuffel Gen. v. Goeben den Oberbefehl übernommen. Der Plan der Franzosen, über St. Quentin und Reims auf Paris zu marschieren, wird rechtzeitig erkannt; sie werden durch das Gefecht bei Tertry-Poeuilly (18. Jan.) aufgehalten.
1871. 19. Jan.
Schlacht von St. Quentin, in welcher General v. Goeben die Nordarmee entscheidend schlägt. Die Nordfestungen verhindern ausgiebige Verfolgung.
c) Der Feldzug im Osten Frankreichs.
1870 (Okt.).
General v. Werder wendet sich nach der Einnahme von Straßburg (S. 385) gegen die Franctireurs in den Vogesen und die französische Ostarmee in Ober-Elsaß und Burgund, insbesondere um den Heeren vor Paris und Metz die Verbindung nach Deutschland zu sichern. Die Ostarmee will den Abstieg aus den Vogesen bei St. Dié verwehren, wird aber auf Besançon zurückgedrängt. Die badischen Truppen besetzen Dijon (31. Okt.); die aus dem Elsaß nachrückende Landwehr-Division v. Tresckow schließt die Festung Belfort ein (8. Nov.).
Die Franzosen verstärken sich durch Heranziehung der vor Orléans (S. 386) geschlagenen und bei Bourges wieder gesammelten Loire-Truppen; den Oberbefehl übernimmt Gen. Bourbaki. Gen. v. Werder tritt den von Süden her anrückenden Feinden bei Nuits entgegen (18. Dez.), räumt dann aber freiwillig Dijon, um die Belagerung von Belfort zu decken, und vereinigt sein Korps in starker Stellung bei Vesoul (30. Dez.). Bourbaki, von Gambetta getrieben, aber durch mangelnde Ausrüstung der Truppen gehemmt, beginnt seinen Vormarsch. Dijon wird von den unter Garibaldis (S. 370, 381) Befehl stehenden Freischaren besetzt.
1871. 9. Jan.
Treffen bei Villersexel, anfangs glücklich für die Franzosen, aber bei Abbruch des Nachtgefechts ist die Stadt in deutscher Hand.
General v. Werder durchkreuzt die Absicht Bourbakis, ihn von Belfort abzudrängen, durch Abmarsch hinter die Lisaine (Nebenfluß des Doubs) und schiebt sich in einer Stellung Héricourt-Montbéliard zwischen die französische Ostarmee und Belfort.
15.–17. Jan.
Schlacht an der Lisaine. In dreitägigem Kampfe bei strenger Kälte gelingt es den Franzosen (140000 M.) nicht, die deutschen Linien (43000 M., Badener und preußische Landwehr) zu durchbrechen; in voller Auflösung strömt die Ostarmee auf Besançon zurück.
Zu derselben Zeit erreichen die zur Unterstützung gesandten deutschen Truppen (II. und VII. A.-K.) unter General v. Manteuffel die Gegend westlich Vesoul. Auf die Nachricht von Werders Sieg wendet sich Manteuffel sofort südlich nach Besançon; Werder schließt sich diesem Vormarsch an. Weitestes Vordringen einer deutschen Südarmee.
Hierdurch ist für Bourbaki der Rückzug nach Westen oder Süden abgeschnitten; nach seiner Absetzung führt General Clinchant die Ostarmee auf Pontarlier, in der Hoffnung, längs der Grenze zu entkommen. Durch den Jura drängen aber die Deutschen kräftig nach, und unter letzten Gefechten bei La Cluse und Pontarlier tritt die Ostarmee (80000 Mann) auf Schweizer Gebiet (1.–3. Febr.) über und gerät damit in Kriegsgefangenschaft. Nur Teile der Division Cremer entkommen nach Südfrankreich.
Beim Vormarsch auf Belfort (Vesoul) hatte General v. Manteuffel die Brigade v. Kettler gegen Dijon geschickt. Das dort stehende Korps Garibaldi (20000 M.) beschränkt sich darauf, die Angriffe dieser 5 Bataillone am 21. und 23. Januar abzuwehren (Verlust der einzigen deutschen Fahne — aufgefunden unter Leichen). Als Verstärkung für General v. Kettler anrückt, ziehen sich Garibaldis Scharen mit Benutzung der Eisenbahn nach Lyon zurück.
1871. 16. Febr.
Übergabe von Belfort. Selbst während der Schlacht an der Lisaine waren die Angriffsarbeiten nicht unterbrochen worden. Den tapferen Verteidigern (Oberst Denfert) wird freier Abzug gewährt.
d) Belagerung von Paris.
Starke Befestigungen: Ringmauer von 34 km Umfang mit Umwallung, davor ein Gürtel von Forts, namentlich auf der Ost- und Südseite; im Westen der stark befestigte Mont Valérien, im Norden der befestigte Vorort St. Denis, im Osten der steile Mont Avron, »der Schlüssel von Paris«. Besatzung 72000 M. Linien- und Marinetruppen, 115000 M. Mobilgarden aus der Provinz, über 130000 M. Nationalgarde.
Einschließung durch die III. und IV. deutsche Armee (S. 385) in einem Gürtel von 82 km Umfang, anfangs nur 130000 M., bald auf 240000 M. verstärkt. Hauptquartier König Wilhelms in Versailles. Alle Entsatzversuche der französischen Loire- und Nordarmee werden vereitelt, ebenso die zahlreichen Ausfälle der Belagerten.
1870. 21. Okt.
Ausfallgefecht bei La Malmaison (im Westen), General Ducrot wird zurückgeschlagen.
30. Okt.
Erstürmung von Le Bourget (im Nordosten) durch die preußische Garde. Dies Dorf lag unter den Geschützen von 5 Forts und war am 28. Okt. (deutscherseits schwach besetzt) von den Franzosen genommen. Fernere Gefechte bei Le Bourget am 21. Dez. und 13. Jan.
Der ernstlichste Versuch zur Befreiung beginnt am 30. Nov. General Ducrot geht mit 40000 M. auf das linke Marne-Ufer und erobert, unterstützt durch Scheinangriffe anderer Abteilungen im Norden (Epinay) und Südosten (Mont Mesly), die östlich gelegenen Dörfer Brie und Champigny.
2. u. 3. Dez.
Schlacht b. Champigny-Yilliers. Ducrots Truppen, die auf den Anmarsch der Loire-Armee gehofft hatten (S. 386), werden in heftigem Kampfe zurückgeworfen (Württemberger und Sachsen unter dem preußischen General v. Fransecky).
Nachdem sich die Erwartung, Paris durch Hunger zu bezwingen, als falsch erwiesen hat, beginnt am
1870. 27. Dez.
die Beschießung von Paris, zunächst gegen die Ostfront aus verschanzter Stellung, dem Mont Avron gegenüber, der von den Franzosen bald geräumt wird, sodann seit Anfang Januar auch gegen die Südfront, die Nordforts und St. Denis. Infolge des Eingreifens der schweren Artillerie gestaltet sich die Lage der Deutschen erheblich günstiger, weil die Verteidiger die Stellungen im Vor- und Zwischengelände räumen müssen.
1871. 18. Jan.
Erneuerung der deutschen Kaiserwürde im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles, nachdem die süddeutschen Staaten sich zu dauernder Vereinigung mit dem Norddeutschen Bunde bereit erklärt haben und König Ludwig II. von Bayern, der Aufforderung Bismarcks entsprechend, im Namen der Fürsten und freien Städte Deutschlands dem König Wilhelm I. von Preußen die Kaiserwürde angetragen hat.
Wilhelm I. Deutscher Kaiser 1871–1888.
19. Jan.
Schlacht am Mont Valérien (im Westen). Letzter großer Ausfall, bei dem auch die bisher geschonten Nationalgarden Verwendung finden. Die Franzosen nehmen St. Cloud, aber ihr Angriff (90000 M. unter General Trochu) scheitert, bevor er die Hauptstellung der Deutschen erreicht. Die tapferen Verteidiger von St. Cloud, beim Rückzug vergessen, ergeben sich am nächsten Tage.
Da jede Hoffnung auf Entsatz geschwunden ist und die Not der Bevölkerung von Paris bedenklich steigt, wird durch Unterhandlungen zwischen Favre und Bismarck die
28. Jan.
Übergabe von Paris zum Abschluß gebracht. Bedingungen: 1. Übergabe sämtlicher Forts mit dem Kriegsmaterial an die deutschen Truppen, Entwaffnung der Ringmauer. 2. Alle französischen Soldaten in Paris gelten als Kriegsgefangene und werden entwaffnet, mit Ausnahme von 12000 Mann, welche mit der Nationalgarde die Ordnung aufrecht erhalten; für die Verproviantierung sorgen die französischen Behörden. 3. Die Stadt Paris zahlt 200 Millionen Francs Kriegssteuer. 4. Waffenstillstand auf allen Kriegsschauplätzen, mit Ausnahme der Departements Doubs, Jura und Côte d’or, auf drei Wochen, um die Wahlen zu einer französischen Nationalversammlung zu ermöglichen, welche in Bordeaux zusammentreten und über Krieg und Frieden entscheiden soll.
Gambettas Widerstand gegen diese Übereinkunft wird bald gebrochen; er legt sein Amt als Mitglied der Regierung nieder (6. Febr.). Thiers, von der Nationalversammlung in Bordeaux an die Spitze der französischen Regierung gestellt, führt die Unterhandlungen mit Graf Bismarck.
1871. 26. Febr.
Friedenspräliminarien zu Versailles: 1. Frankreich tritt an Deutschland ab: das Elsaß außer Belfort, ferner Deutsch-Lothringen mit Metz und Diedenhofen (Thionville), zusammen 14500 qkm mit 1½ Mill. Einwohnern; 2. Frankreich zahlt in drei Jahren 5 Milliarden Francs Kriegsentschädigung; zur Sicherstellung der Zahlung bleiben die östlichen Départements besetzt.
1. März.
Einzug von 30000 Mann deutscher Truppen in Paris und Besetzung eines Teils der großen Stadt. Nachdem die Friedensbedingungen noch an demselben Tage von der französischen Nationalversammlung angenommen worden sind, wird am 2. März Paris von den Deutschen geräumt. Kaiser Wilhelm verläßt das Hauptquartier Versailles am 7. März und kehrt nach Berlin zurück.
Die Friedensbedingungen werden bestätigt und im einzelnen näher bestimmt (Austausch eines französischen Bezirks bei Belfort gegen einen deutschen in Lothringen) in dem
10. Mai.
Frieden zu Frankfurt a. M. Die drei großen Ergebnisse des blutigen Krieges sind: 1. Das Aufhören der vorherrschenden Machtstellung Frankreichs. 2. Deutschland gewinnt eine sichere Westgrenze. 3. Die seit langen Jahren erstrebte Einigung Deutschlands ist verwirklicht.
14. April.
Der nach Berlin berufene Reichstag genehmigt fast einstimmig folgende Reichsverfassung: 1. An der Spitze des Reiches steht als Deutscher Kaiser der König von Preußen; die Kaiserwürde ist mit der Krone Preußens fortan erblich verbunden. Der Kaiser vertritt das Reich völkerrechtlich, erklärt Krieg und Frieden (mit Zustimmung des Bundesrats), schließt Bündnisse und Verträge, führt den Oberbefehl über die gesamte deutsche Land- und Seemacht. 2. Die Vertretung der 25 Staaten bildet der Bundesrat (im ganzen 58, seit 1911 61 Stimmen: Preußen 17, Bayern 6, Sachsen und Württemberg je 4, Baden, Hessen und Elsaß-Lothringen je 3, Mecklenburg-Schwerin und Braunschweig je 2, die übrigen je 1); den Vorsitz führt der Reichskanzler (der erste: Fürst Bismarck). 3. Die Vertretung der Bevölkerung bildet der zum 21. März 1871 zum erstenmal nach Berlin berufene deutsche Reichstag, bestehend aus 382 (seit Hinzutreten der Elsaß-Lothringischen 397) Abgeordneten, die aus allgemeinen und direkten geheimen Wahlen hervorgehen. Einheitliches Heerwesen mit allgemeiner Wehrpflicht: Im stehenden Heere 7 Jahre; hiervon aktiv bei Kavallerie und reitender Feldartillerie 3 Jahre, sonst seit 1893 2 Jahre; die übrige Zeit in der Reserve. Landwehrpflicht (I. und II. Aufgebot) bis zum vollendeten 39. und Landsturmpflicht bis zum vollendeten 45. Lebensjahre. Das Reich bildet ein Zollgebiet (S. 351). Gemeinsames Post- und Telegraphenwesen, gleichmäßige Verwaltung der Eisenbahnen. Einheitliches Dezimal-, Münz-, Maß- und Gewichtssystem; Einheit des Rechts. Bayern und Württemberg haben sich Sonderrechte, namentlich in der Heeres- und Postverwaltung, vorbehalten.
Das Gebiet des neuen Deutschen Reiches umfaßt 544000 qkm; 1871: 41 Millionen, 1910: rund 65 Millionen (Preußen 40 Mill.) Einwohner. Das Reichsland Elsaß-Lothringen wird seit 1879 von einem Statthalter des Kaisers regiert (Gen. v. Manteuffel bis 1885, Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst bis 1894, Fürst Hohenlohe-Langenburg bis 1907, seitdem Graf v. Wedel). Anfangs im Bundesrat nicht vertreten, erhält es 1911 als 26. selbständiger Bundesstaat 3 Stimmen eingeräumt (S. 397).
Ihre Einkünfte erhalten die Einzelstaaten hauptsächlich aus direkten Steuern und aus der Verwaltung der Eisenbahnen, das Reich aus den Zöllen und indirekten Steuern, sowie aus Beiträgen der Einzelstaaten, soweit erforderlich (Matrikularbeiträge). Das Reich bestreitet die Ausgaben für Heer und Kriegsflotte. Grundlagen der Reichseinheit sind das deutsche Handelsgesetzbuch, schon 1861–65 in den meisten Staaten des Deutschen Bundes eingeführt, das deutsche Strafgesetzbuch von 1870, die Gesetze des Norddeutschen Bundes über Freizügigkeit 1867, die Gewerbeordnung 1869, das Bürgerliche Gesetzbuch (B.G.B.) 1900 u. a. (s. S. 394 ff.).
1871. März-Mai.
Herrschaft der sozialistischen Kommune in Paris. Nach der Kapitulation hatten sich die als Nationalgarde bewaffneten Arbeiter vieler Kanonen bemächtigt und die nordöstlichen Teile der Stadt (namentlich Montmartre und Belleville) fast in Festungen verwandelt. Der Versuch der Linientruppen, ihnen die Kanonen wieder abzunehmen, führt zu einem Aufstand; die Linientruppen räumen die Stadt und die Forts der Südseite. Der von den Aufständischen erwählte Gemeinderat (la Commune) verfügt Erpressungen und Gewaltmaßregeln. Schreckensherrschaft der Sozialisten unter Mitwirkung eines Ausschusses der »Internationale« (s. S. 394). Plünderung der Kirchen, Verhaftung des Erzbischofs Darboy und anderer »Geiseln«; fast alle werden schließlich ermordet. Ein Angriff auf die zum Schutze der jetzt in Versailles tagenden französischen Nationalversammlung vereinigten Truppen mißlingt, hauptsächlich infolge des Geschützfeuers vom Mont Valérien.
6. April.
Zweite Belagerung von Paris, unter Leitung Mac-Mahons, von Süden und Westen her, während die deutschen Truppen unter Beobachtung strenger Neutralität die nördlichen und östlichen Forts besetzt halten. Fort Issy genommen (9. Mai). Endlich dringen die Versailler Truppen in die Stadt ein; verzweifelter Barrikadenkampf (21.–28. Mai). Die Hauptgebäude der Stadt (Tuilerien, Finanzministerium, Polizeipräfektur, Stadthaus u. a.) werden von den Aufständischen in Brand gesteckt, die Vendômesäule (S. 317) zerstört. Blutige Niederwerfung des Aufstandes; gegen 17 000 getötet, 50 000 gefangen; viele später zur Verbannung nach Neu-Kaledonien verurteilt.
1873. Sept.
Die deutschen Truppen verlassen nach beschleunigter Abzahlung der Kriegsentschädigung das französische Gebiet.
§ 9. Das Deutsche Reich seit 1871.
Das Deutsche Reich, als Bundesstaat geeinigt, bewährt sich als Hort des Friedens in Europa. Durch die mächtige Entwickelung der Gewerbetätigkeit und des überseeischen Handels, sowie die Erwerbung von Kolonien (seit 1884, s. § 20) nimmt es den ihm gebührenden Platz unter den Weltmächten ein. Der Aufschwung des wirtschaftlichen Lebens vermehrt die Klassengegensätze und gibt Anlaß zu einer sozialen Gesetzgebung (S. 395), die in anderen Ländern Nachahmung findet.
Bedeutsame Einwirkungen ergeben sich aus Streitigkeiten mit der katholischen Kirche und durch das Anwachsen der Sozialdemokratie, welche mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts den Staat und die Eigentumsverhältnisse umgestalten will (Lassalles Allgemeiner deutscher Arbeiterverein 1863, Internationale Arbeitervereinigung 1864 in London von K. Marx begründet, Gothaer Programm 1875).
1872.
Das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit (S. 381) veranlaßt in Deutschland, der Schweiz und Österreich die Bildung altkatholischer Gemeinden, die sich von der römisch-katholischen Kirche lossagen. Ausweisung des Jesuiten-Ordens aus dem Deutschen Reiche; in Preußen Schulaufsichtsgesetz.
1873–1875.
Kirchengesetze in Preußen (Kultusminister Falk), welchen die katholische Geistlichkeit Widerstand leistet. Die Bischöfe werden nach und nach abgesetzt; erledigte Pfarrämter können nicht wieder besetzt werden. Papst Pius IX. geht auf Verhandlungen nicht ein; sein Nachfolger Leo XIII. (1878–1903) zeigt sich nachgiebiger, gesteht die Anzeigepflicht bei Besetzung der Bistümer und Pfarrämter zu. Fürst Bismarck bewirkt 1880 Milderung der Kirchengesetze, 1886 und 1887 weitere Zugeständnisse, doch bleibt das Aufsichtsrecht des Staates über kirchliche Angelegenheiten.
1872.
Dreikaiserbund, von den drei Kaisern Wilhelm I., Franz Joseph und Alexander II. bei einer Zusammenkunft in Berlin geschlossen zur Aufrechterhaltung des Friedens. Dies Bündnis löste sich infolge des russisch-türkischen Krieges und des Berliner Kongresses (s. S. 401).
1872–1875.
Verwaltungsreform in Preußen; Kreisordnung und Provinzialordnung. Die Kreise und Provinzen erhalten in mancher Hinsicht Selbstverwaltung; den Regierungsbehörden treten Kreistag und Kreisausschuß, Provinziallandtag und Provinzialausschuß zur Seite. Landgemeindeordnung s. S. 396.
1873.
Synodal-Ordnung für die evangelische Kirche in Preußen; 1874 Einführung der bürgerlichen Eheschließung und der Standesregister in Preußen, 1875 im ganzen Deutschen Reiche, 1876 General-Synodalordnung.
1874.
Reichs-Militärgesetz; die Friedenspräsenzstärke festgesetzt auf 401659 Mann, eingeteilt in 18 Armeekorps (14 preußische, 2 bayrische, l sächsisches, l württembergisches). In der Folgezeit wird die Zahl mehrmals erhöht, entsprechend der Zunahme der Bevölkerung; sie beträgt 1911 über 600000 Mann, eingeteilt in 23 Armeekorps (17, 3, 2, 1).
1874. Okt.
Begründung des Weltpostvereins. Auf Anregung der deutschen Reichspostverwaltung (Staatssekretär v. Stephan) einigen sich die europäischen und die meisten außereuropäischen Staaten auf einem Kongreß zu Bern über gemeinsame, dem Verkehr günstige Grundsätze der Postverwaltung.
1878.
Gesetz gegen die Ausschreitungen der Sozialdemokratie, veranlaßt durch zwei Mordversuche auf Kaiser Wilhelm I. der bei dem zweiten schwer verwundet wird. Verbot sozialdemokratischer Vereine und Zeitungen; Ausweisung der Parteiführer und ihrer Agenten aus den größeren Städten. Das Gesetz, zunächst für 2½ Jahre erlassen, dann verlängert, wird 1890 aufgehoben.
1879.
Neuer Zolltarif des Deutschen Reiches, vom Fürsten Bismarck veranlaßt, um durch Erschwerung der Einfuhr ausländischer Erzeugnisse die einheimische Produktion zu schützen und die Einkünfte des Reiches zu erhöhen (Schutzzollpolitik). Hamburg und Bremen, bisher Freihäfen, werden 1881 und 1885 zum Eintritt in die Zollgemeinschaft des Reiches (zum Okt. 1888), mit Vorbehalt eines beschränkten Freihafengebietes, veranlaßt. Seit dem Ende der 70er Jahre Verstaatlichung der Eisenbahnen in Preußen nach und nach durchgeführt (Minister Maybach). Später Betriebsgemeinschaft der preußischen und hessischen Bahnen eingerichtet.
1. Okt.
Die neuen Justizgesetze für das ganze Deutsche Reich (Gerichts-Verfassung, Zivil-Prozeß, Strafprozeß) treten in Kraft. Oberstes Reichsgericht in Leipzig. Bürgerliches Gesetzbuch (S. 396).
1879. 7. Okt.
Infolge der Spannung zwischen Deutschland und Rußland nach dem Berliner Kongreß (S. 401 f.) Schutzbündnis zwischen dem Deutschen Reich und Österreich nach einem Besuch des Fürsten Bismarck in Wien (Graf Andrassy). Italien, durch Eröffnung der Gotthardbahn 1882 mit den nördlichen Ländern besser verbunden, schließt sich 1883 an; Dreibund zur Erhaltung des europäischen Friedens.
1884 Zusammenkunft der 3 Kaiser: Wilhelms I., Franz Josephs und Alexanders III. in Skierniewice in Polen; Neutralitätsvertrag mit Rußland (nach Bismarcks Rücktritt 1890 nicht wieder erneuert).
1881. 19. Nov.
Kaiserliche Botschaft an den Reichstag, betreffend die Gesetzgebung zur Förderung des Wohles der Arbeiter. Darauf 1883 Gesetz über Krankenversicherung, 1884–87 Gesetze über Unfallversicherung. (1908 waren 13 Mill. Reichsangehörige gegen Krankheit, 24 Mill. gegen Unfall versichert, S. 396).
1884.
Gründung deutscher Kolonien in Südwestafrika, Togo, Kamerun, 1885 in Ostafrika und auf den australischen Inseln (s. S. 423 ff.).
1884–85.
Kongo-Konferenz in Berlin unter dem Vorsitz des Fürsten Bismarck (s. S. 410).
Nach dem Tode des unvermählten Herzogs Wilhelm († 1884) ist 1885–1896 Prinz Albrecht von Preußen Regent des Herzogtums Braunschweig, da der erbberechtigte Herzog Ernst August von Cumberland, Sohn Georgs V. (S. 378), seine Ansprüche auf Hannover nicht aufgeben will. Sein Nachfolger 1907 Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg.
1886.
Ansiedlungsgesetz für die Provinzen Posen und Westpreußen zur Stärkung des Deutschtums, erneuert und ergänzt 1898, 1902, zuletzt 1908 mit Einführung eines beschränkten staatlichen Enteignungsrechts. Bis Ende 1907 wurden für über 300 Mill. Mark 335383 ha angekauft und darauf 15751 Ansiedlerstellen angelegt.
1888.
Landwehr- und Landsturmgesetz veranlaßt durch die in Frankreich (Kriegsminister Boulanger) und Rußland stattfindenden Kriegsrüstungen. Fürst Bismarcks Rede im Reichstag 6. Februar: »Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt«. Der Friede bleibt erhalten.
1888. 9. März.
Tod Kaiser Wilhelms des Großen. Sein Sohn, krank in San Remo, kommt nach Charlottenburg und übernimmt die Regierung.
15. Juni.
Friedrich III., Deutscher Kaiser, König von Preußen †.
Kaiser Wilhelm II. 1888-x.
Fortsetzung der Reichsgesetzgebung zum Wohle der Arbeiter: 1889 Gesetz über Invaliditäts- und Altersversicherung, 1891 Arbeiterschutzgesetz (Sonntagsruhe, Arbeitszeit der Frauen und Kinder beschränkt).
1890. März.
Europäische Arbeiterschutz-Konferenz zu Berlin: Beratung über allgemeine Maßregeln zur Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes.
20. März.
Fürst Bismarck scheidet aus seinen Ämtern als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. Sein Nachfolger General v. Caprivi bis Okt. 1894, dann Fürst Hohenlohe (vorher Statthalter des Reichslandes); Okt. 1900 Graf Bülow (seit 1905 Fürst).
1890.
Grenzregulierung in Ostafrika zwischen Deutschland und England. Helgoland kommt an Preußen (Kreis Süder-Dithmarschen, s. S. 407). 1894 Abgrenzung des Hinterlandes von Kamerun durch Verträge mit Frankreich und England. Das deutsche Gebiet erreicht von Süden her den Schari und den Tsadsee.
1891.
Handelsverträge mit Österreich, Italien, Belgien, bald auch mit anderen Staaten; Herabsetzung der Zölle, wodurch eine schwierige Lage für die deutsche Landwirtschaft entsteht. In Preußen Fortsetzung der Verwaltungsreform: Landgemeinde-Ordnung (Minister Herrfurth); Reform der Steuern (Finanzminister Miquel).
1895.
Vollendung des Nord-Ostseekanals (von Brunsbüttel an der Elbe nach Holtenau bei Kiel 97 km) nach achtjähriger Bauzeit (Baukosten 156 Mill. Mark). Es folgt 1899 der Dortmund-Ems-Kanal und der Ausbau des Hafens von Emden, 1900 der Elb-Trave-Kanal. Der preußische Landtag genehmigt außer anderem 1905 den Bau eines Kanals vom Rhein (bei Duisburg) zur Weser bis nach Hannover (Mittellandkanal) und eines Großschiffahrtsweges von Berlin nach Stettin. Von Bayern und Elsaß-Lothringen Kanalisierung des Main und der Mosel angeregt. Verbesserungen der Wasserstraßen im Oberlauf des Rheins, der Elbe und Oder von den anliegenden Staaten erwogen. — Für die seit 1907 ausgeführte Erweiterung und Vertiefung des Kaiser-Wilhelms-Kanals sind 223 Mill. Mark bewilligt.
1898.
Pachtvertrag mit China über Kiautschou auf 99 Jahre (s. S. 420, 426).
30. Juli.
Fürst Bismarck † in Friedrichsruh.
Das Deutsche Reich erwirbt von Spanien die Karolinen, Marianen und Palau-Inseln, (S. 413).
1900. 1. Jan.
Das Bürgerliche Gesetzbuch tritt für das Deutsche Reich in Kraft.
1900. März.
Erwerbung von Deutsch-Samoa (s. S. 407, 426). Deutschland, England, Frankreich, Rußland, Italien, Amerika, Japan treffen Abmachungen über die »Politik der offenen Tür« in China.
Flottengesetz zum Schutze des deutschen Welthandels (die Transportfähigkeit der deutschen Handelsflotte hat sich von 1876–1909 versiebenfacht). Bis 1917 soll die Kriegsflotte auf 38 Linienschiffe, 14 große, 38 kleine Kreuzer gebracht werden; dazu die Wacht- und Schulschiffe und die seit 1880 ansehnlich vermehrten Kanonen- und Torpedoboote.
1902.
Neuer Zolltarif als Grundlage für fernere Handelsverträge.
1906.
Erhöhung der Reichssteuern und beschleunigte Vermehrung der Kriegsflotte beschlossen.
1908–1909.
Reichsfinanzreform. An die Stelle des Fürsten Bülow tritt 1909 (Juli) Reichskanzler v. Bethmann Hollweg.
1910.
Besuch des Kaisers Nikolaus II. in Potsdam.
Verständigung mit Rußland. Keine der beiden Mächte will sich einer Staatenvereinigung anschließen, die ihre Spitze gegen die andere richtet.
1911. März.
Verfassungs- und Wahlgesetz für Elsaß-Lothringen. Die Staatsgewalt übt der Kaiser durch einen von ihm ernannten Statthalter aus (s. S. 392). Zwei-Kammersystem eingeführt. Die 41 Mitglieder der ersten Kammer werden von dem Kaiser auf Vorschlag des Bundesrats ernannt; die zweite Kammer (60) geht aus allgemeinen direkten Wahlen (an einem Sonntag) mit geheimer Abstimmung hervor.
Aug.
Vertrag mit Rußland über die Abgrenzung der Interessen der beiden Mächte in Persien. Deutschland verfolgt nur Handelsziele: Eisenbahn-, Wegebau-, Schiffahrts-, Telegraphenkonzessionen (s. S. 416, 419).
Nov.
Abkommen mit Frankreich über Marokko und Äquatorialafrika (s. S. 405).
Dez.
Schiffahrtsabgabengesetz. Privatbeamten-Versicherungsgesetz.
1912. 1. Jan.
Die Reichsversicherungsordnung vom 19. Juli 1911 tritt in Kraft.
§ 10. Österreich-Ungarn.
1867.
Nach dem unglücklichen Kriege mit Preußen und Italien von 1866 (S. 375 ff.) gelingt es dem Reichskanzler Graf Beust (1853–1866 Ministerpräsident in Sachsen), den Verfassungsstreit in Österreich (S. 357 f., 371) durch den Ausgleich mit Ungarn auf der Grundlage des Dualismus beizulegen. Ungarn, mit Siebenbürgen und Kroatien wieder vereinigt (S. 371), erhält einen besonderen Reichstag (in Pest) und ein eigenes Ministerium. Die ungarische Verfassung wird wiederhergestellt. Kaiser Franz Joseph am 8. Juni in Pest als König von Ungarn gekrönt. Die cisleithanischen Länder (nebst Galizien) im Reichsrat (in Wien) vertreten. Zur Beschlußfassung über die gemeinsamen Angelegenheiten (Heerwesen, Finanzen, auswärtige Politik) treten jährliche Abgesandte (Delegationen) aus beiden Reichstagen zusammen. Von den gemeinsamen Ausgaben, soweit sie nicht aus dem Ertrag der Zölle bestritten werden, trägt Österreich zunächst 70%, Ungarn 30%. Ministerpräsident in Österreich Graf Beust (bis 1871), in Ungarn Graf Andrassy (bis 1879).
Der Doppelstaat wird in seiner inneren Entwickelung vielfach gehemmt durch die widerstrebenden Interessen und durch Nationalhaß der Tschechen, Polen und Magyaren gegen die Deutschen. Bemühungen der Tschechen um die Selbständigkeit der böhmischen (Wenzels-) Krone und die Wiederherstellung des sog. Böhmischen Staatsrechts. 1874 Kirchengesetze an Stelle des Konkordats von 1855.
1878.
Besetzung der bis dahin türkischen Provinzen Bosnien und Herzegowina (S. 401) zum Teil nach blutigem Widerstande.
1879.
Das Sandschak Novipazar auf Grund eines Abkommens mit der Türkei besetzt.
1879.
Bündnis mit dem Deutschen Reich, 1883 auch mit Italien (S. 395).
1880.
Taaffes Sprachenverordnung für Böhmen zu Ungunsten des deutschen Elements. Die Universität Prag 1882 in eine deutsche und tschechische Hochschule geteilt.
1890.
Böhmischer Ausgleich. — 1883 magyarisches Schulgesetz in Ungarn. 1887 Kranken- und Unfallversicherung in Österreich. 1891 Krankenversicherung in Ungarn.
1888.
Das Wehrgesetz von 1879 durch ein neues ersetzt. Steigerung der Rekrutenzahl. 1892 Erhöhung der Friedenspräsenz. 1893 Ergänzung zum Landwehrgesetz von 1883. Neue Rekrutenvorlage 1909 bewilligt.
1889 (30. Jan.).
Tod des Kronprinzen Rudolf (geb. 1858).
1897.
Badenis Sprachenverordnungen für Böhmen und Mähren. Obstruktion der Deutschen im Reichsrat bei der Herstellung des Ausgleichs mit Ungarn.
1898 (10. Sept.).
Die Kaiserin Elisabeth in Genf ermordet.
1899.
Aufhebung der Sprachenverordnungen für Böhmen und Mähren.
1901.
Wasserstraßenvorlage zur Verbindung der Donau mit der Elbe und Oder genehmigt.
1906.
Bewilligung eines eigenen Zolltarifs für Ungarn. Damit sind nach heftigen parlamentarischen Kämpfen in beiden Reichshälften die Magyaren der angestrebten Auflösung der Gemeinschaft mit Österreich einen Schritt näher gekommen.
1907.
Reform des Wahlgesetzes für die cisleithanischen Länder.
1908. Okt.
Aufnahme Bosniens und der Herzegowina in den Staatsverband der österreichischen Monarchie. Zunächst bilden die beiden Provinzen (51110 qkm) ein Verwaltungsgebiet für sich. 1910 besondere Verfassung für Bosnien und Herzegowina erlassen. Das Sandschak Novipazar den Türken als Entschädigung zurückgegeben. Kriegsdrohungen in Serbien und Montenegro wegen Vernichtung der groß-serbischen Hoffnungen. Im Febr. 1909 Anerkennung der Annexion durch die Pforte gegen Zahlung von 2½ Mill. türkischen Pfund (60 Mill. Frs.) für die ehemals türkischen Staatsgüter. Infolge der energischen Unterstützung der österreichischen Politik durch das Deutsche Reich lassen die Mächte in Belgrad erklären, daß Serbien auf die Hilfe von Rußland, Frankreich und England nicht zu rechnen habe. Daraufhin stellt Serbien die Rüstungen ein (März 1909); Kronprinz Georg verzichtet zu Gunsten seines Bruders Alexander.
1911.
Stapellauf des ersten österreichisch-ungarischen Dreadnought: Viribus unitis.
§ 11. Rußland.
In Rußland unter Kaiser Alexander II. manche Reformen der Verwaltung (vgl. S. 369); die auswärtige Politik bleibt auf die Balkanhalbinsel, wo das türkische Reich immer schwächer wird, und auf Asien gerichtet.
1877–1878.
Russisch-türkischer Krieg.
Veranlassung: Die Fürsten Nikita von Montenegro und Milan von Serbien beginnen 1876 Krieg gegen die Türkei zur Unterstützung eines in der Herzegowina gegen die türkischen Grausamkeiten ausgebrochenen Aufstandes. Eine Erhebung der Bulgaren wird von den Türken blutig unterdrückt, die Serben werden an der Morawa zurückgeschlagen. Die Großmächte, namentlich Rußland und England, verhandeln mit der Türkei über Reformen der Regierung und Sicherung der christlichen Untertanen. Da die Verhandlungen erfolglos bleiben, erklärt Rußland den Krieg.
Nach Abschluß eines Vertrages mit Rumänien (Fürst Karl von Hohenzollern-Sigmaringen, s. S. 367) geht ein russisches Korps bei Galacz über die Donau und besetzt die Dobrudscha; das Hauptheer, bei welchem Kaiser Alexander II. sich befindet, erzwingt den
1877. 27. Juni.
Übergang über die Donau bei Sistowa. Während ein fliegendes Korps unter General Gurko schnell auf einem unbesetzten Nebenpaß den Balkan überschreitet und durch einen Angriff von Süden her (17.–19. Juli) die türkische Besatzung von dem wichtigen Schipka-Paß vertreibt, macht der eine Hauptteil des Heeres unter dem Großfürsten-Thronfolger Alexander Front nach Osten und verhindert in monatelangen, schweren Kämpfen an den Flüssen Jantra und Lom den von dorther zu befürchtenden Durchbruch eines türkischen Heeres.
Der andere Teil des russischen Heeres nimmt Nikopoli (15. Juli), wird aber vor Plewna (südwestlich von Nikopoli), wo Osman Pascha türkische Streitkräfte gesammelt hat und starke Befestigungen anlegt, blutig zurückgewiesen (20. und 30. Juli) und muß Verstärkungen abwarten.
Währenddessen bestürmt Suleiman Pascha von Süden her mit überlegener Macht, aber vergeblich (Hauptkämpfe am 23. Aug. und 17. Sept.) den Schipka-Paß. Er erhält dann den Oberbefehl über die türkische Ost-Armee am Lom, kann aber Plewna nicht entsetzen.
Eintreffen der Truppen Rumäniens und russischer Verstärkungen vor Plewna. Nach dem Mißlingen eines neuen Gewaltangriffs (7.–12. Sept.) wird zur regelmäßigen Belagerung (Gen. Totleben) geschritten und
10. Dez.
Plewna genommen durch General Skobeleff. Osman Pascha muß sich nach einem vergeblichen Durchbruchsversuch mit 44000 Mann ergeben. Rückkehr der Rumänen in ihr Land, des Kaisers Alexander II. nach Petersburg. Serbien erklärt von neuem den Krieg an die Pforte.
Die russischen Heere rücken vom Balkan aus vor bis nahe an Konstantinopel.
Auf dem asiatischen Kriegsschauplatz werden die Russen zuerst von Muchtar Pascha mehrfach geschlagen, dringen dann aber nach Erstürmung von Kars (18. Nov.) siegreich bis Erzerum vor.
Die Türkei ruft die Vermittelung Englands an, sieht sich aber durch die Bedrohung von Konstantinopel genötigt, sich mit Rußland zu verständigen.
1878. 3. März.
Friede zu San Stefano (unweit Konstantinopel): 1. Montenegro und Serbien, beide durch türkisches Gebiet erheblich vergrößert, werden als unabhängig anerkannt, ebenso Rumänien. 2. Bulgarien, bis zum Ägäischen Meere vergrößert, bleibt der Pforte tributpflichtig, erhält aber einen christlichen Fürsten und eigene Verwaltung; ein russischer Kommissar mit 50000 Mann bleibt auf 2 Jahre im Lande. 3. Die Pforte führt in dem ihr verbleibenden geringen Rest ihrer europäischen Besitzungen (159000 qkm) gewisse Reformen ein. 4. Sie zahlt an Rußland 300 Millionen Rubel und tritt in Asien bedeutende Teile Armeniens, in Europa die Dobrudscha ab; letztere wird von Rußland als Ersatz für den von ihm 1856 abgetretenen und jetzt zurückzunehmenden Teil von Bessarabien (s. S. 367) an Rumänien gegeben.
Widerspruch Englands gegen diese Bedingungen; auch Österreich will Rußlands Übermacht auf der Balkanhalbinsel nicht zugeben. Die Türkei ruft den Schutz Englands an und gibt die Insel Cypern in englische Verwaltung.
Nachdem unter Deutschlands Vermittelung, um einen neuen Krieg zu verhüten, Rußland und England sich über die wichtigsten Streitpunkte vorläufig verständigt haben, tritt unter dem Vorsitz des Fürsten Bismarck zusammen der
1878. 13. Juni bis 13. Juli.
Berliner Kongreß.
Hauptsächlichste Bestimmungen: 1. Montenegro, Serbien und Rumänien werden unabhängig, doch werden die an beide erstere Staaten zu machenden Abtretungen beschränkt, das von Rumänien für Bessarabien einzutauschende Gebiet etwas vergrößert. 2. Das Fürstentum Bulgarien wird auf das Land zwischen Donau und Balkan, jedoch einschließlich Sofia und Gebiet, beschränkt. 3. Der südliche Teil Bulgariens, jedoch nach Westen und Süden erheblich enger begrenzt, bleibt als Provinz Ostrumelien unter der Botmäßigkeit des Sultans, erhält aber eigene Verwaltung unter einem christlichen Generalgouverneur. 4. Die russischen Truppen sollen Ostrumelien und Bulgarien innerhalb 9 Monaten, Rumänien innerhalb eines Jahres räumen. 5. Österreich übernimmt die Besetzung und Verwaltung Bosniens und der Herzegowina. 6. Der Türkei wird die Abtretung eines Teils von Epirus und Thessalien an Griechenland empfohlen. 7. Rußland begnügt sich in Asien mit Batum (als Freihafen), Kars, Adaghan und einigen angrenzenden Gebieten. 8. In der Türkei und allen von ihr losgelösten Staaten soll politische Gleichberechtigung aller Konfessionen herrschen. 9. Der 1841 zwischen den 5 Großmächten und der Pforte abgeschlossene Vertrag (vgl. S. 353), wonach kein Kriegsschiff in die Dardanellen einlaufen darf (bestätigt im Pariser Frieden von 1856, S. 367), wird erneuert. Die Schließung der Dardanellen für fremde Kriegsschiffe wird der Pforte zur Pflicht gemacht.
1872 - 1876
hatte Rußland bereits seine asiatische Provinz Turkestan (Taschkent und Samarkand, S. 369) durch Unterwerfung des Chans von Khiwa, des Emirs von Bochara und des Chans von Kokand (Ferghana) erweitert, 1875 durch Vertrag mit Japan sich den Besitz der Insel Sachalin gesichert.
Nach dem Berliner Kongreß zeigt Rußland (Minister Fürst Gortschakow) feindselige Haltung gegen Deutschland, welches deshalb das bisherige engere Verhältnis zu Rußland (S. 393f.) löst und sich mit Österreich verbündet (S. 395). Kaiser Alexander II., im Begriff, eine Volksvertretung zu berufen, wird 1881 durch Verschwörer (Nihilisten) ermordet.
1881–1894.
Alexander III. (Gem. Dagmar — Maria Feodorowna — von Dänemark) ordnet strenge Maßregeln an gegen das Deutschtum in den Ostseeprovinzen (Russifizierung der Universität Dorpat), schließt trotz des Neutralitätsvertrages mit Deutschland Freundschaft mit Frankreich (S. 395, 404). 1893 Zollkrieg gegen Deutschland, der aber 1894 durch Handelsvertrag beigelegt wird.
1885.
Vertrag mit England über die Nordgrenze von Afghanistan, nachdem Rußland 1884 das Gebiet von Merw besetzt hat. 1887 nimmt Rußland noch Pendschdeh. Bau der Transkaspischen Eisenbahn, 1888 bis Samarkand vollendet. Rußland nimmt dann 1892–1895 den größten Teil des Pamirhochlandes in Besitz, baut die Sibirische Eisenbahn, 1901 bis Wladiwostock vollendet.
Nikolaus II. (Gem. Alix — Alexandra Feodorowna — von Hessen), seit Nov. 1894, stellt bessere Beziehungen zu Deutschland her.
1899.
Kongreß im Haag; auf Rußlands Wunsch wird ein Schiedsgericht für internationale Streitigkeiten eingesetzt.
1904–1905.
Nach dem unglücklichen Verlauf des Krieges gegen Japan (s. S. 422f.) bedrohliche Unruhen im russischen Reiche: Attentate auf Mitglieder der Zarenfamilie (Großfürst Sergius, Oheim des Zaren, † 1905) und andere einflußreiche Persönlichkeiten, Judenverfolgungen, Plünderungen. Der Zar verkündet (19. Aug. 1905) die Berufung einer Duma (Reichsversammlung). In Livland Aufstand der Letten gegen die deutschen Gutsbesitzer.
1906.
Verfassung eingeführt (Reichsrat und Duma). Die erste Duma wird nach stürmischen Verhandlungen aufgelöst, ebenso 1907 die zweite. Reformdekrete der Regierung (Minister Stolypin, 1911 ermordet), namentlich zur Besserung der Lage des Bauernstandes; strenge Maßregeln gegen Polen und Livland. Die dritte Duma 1908 bewilligt eine bedeutende Anleihe.
1910–1911.
Abkommen mit Deutschland über Persien (S. 397).
1911.
Neues Abkommen mit Japan über die Mandschurei (vgl. S. 422f.).
Verständigung (Entente) mit Japan und endgültiger Ausgleich aller durch den Krieg von 1904–1905 bedingten Ansprüche ohne Hilfe eines Schiedsgerichts. — Rußland, das mit England noch 1907 die Unantastbarkeit und Unabhängigkeit Persiens verkündet, aber bereits 1909 ein gemeinsames Einschreiten gegen die Regierung des Schah und eine Teilung des Landes in eine russische (Norden) und englische (Süden) Interessenzone vereinbart hat, greift 1911 in die persischen Wirren ein (s. S. 419).
Abschluß einer Militärkonvention mit Bulgarien.
1912.
Rußland erkennt die Unabhängigkeit der Mongolei (s. S. 422) an und gesteht der Regierung in China nur die Aufsicht zu über die auswärtigen Beziehungen des Landes.
§ 12. Die dritte französische Republik.
Frankreich Republik seit 1871; ein Versuch, den Grafen Chambord (S. 349) als König einzusetzen, scheitert an dessen Weigerung, bestimmte Versprechungen zu geben und die Tricolore anzunehmen (1873, Okt.) Gesetz über allgemeine Wehrpflicht 1872. Organisationsgesetz 1873. Frankreich in 18 Regionen eingeteilt, denen je ein Armeekorps entspricht; das 19. in Algier. (1897 Einteilung in 19 Regionen; daher 20. Armeekorps eingerichtet.)
1873–1879.
Präsident Mac-Mahon, Nachfolger von Thiers. Marschall Bazaine, vom Kriegsgericht wegen der Übergabe von Metz zum Tode verurteilt, vom Präsidenten zu zwanzigjähriger Haft begnadigt, entkommt 1874 nach Spanien, stirbt dort 1888. Feststellung der Verfassung 1875: Präsident auf 7 Jahre, Senat, Deputiertenkammer. — Napoleon III. stirbt im Januar 1873 zu Chislehurst in England; sein Sohn fällt 1879 im Kriege der Engländer gegen die Zulukaffern, als Freiwilliger kämpfend.
1879–1887.
Präsident Grévy, 1885 wiedergewählt. Unterrichtsgesetz 1880 zur Beschränkung des Einflusses der Geistlichkeit; Ausweisung der Jesuiten, doch nicht streng durchgeführt. Gambetta Nov. 1881 Ministerpräsident, tritt aber nach zwei Monaten zurück, da die von ihm vorgeschlagene Änderung des Wahlgesetzes (Listenwahl statt Einzelwahl) abgelehnt wird. Starke Heeresrüstung, doch wird der Rachekrieg gegen Deutschland vertagt; der Kriegsminister Boulanger tritt zurück (Mai 1887), Frankreich wendet sich einer weitgreifenden Kolonialpolitik zu. Grévy dankt 1. Dez. 1887 ab.
1883.
Brazza legt die Station Brazzaville am Stanley Pool an und stellt eine Verbindung der Küste mit dem Kongo her. Auf der Kongo-Konferenz 1885 setzt Frankreich die Ausdehnung der bisherigen Kolonie Gabun bis zum rechten Ufer des Kongo durch. Von hier — »Französisch-Kongo« — aus dringen die Franzosen bis zum Tsadsee vor und gewinnen durch Vertrag mit dem Deutschen Reich 1894 das Hinterland von Kamerun bis über den Schari hinaus (Äquatorial-Afrika, S. 396). 1908 die Grenze zwischen Französisch-Kongo, Kamerun und dem Kongostaat endgültig festgelegt.
1881.
Frankreich nimmt Tunis in Besitz, ohne die Proteste der Türkei und die Verstimmung Italiens zu beachten.
1883.
Das Reich Anam in Hinterindien (vgl. S. 369) tritt die Provinz Tonking an Frankreich ab und wird bald darauf französischer Schutzstaat. Frankreich behauptet diese Erwerbung im Kriege gegen China (1884–1885).
1885.
Die Insel Madagaskar kommt unter französische Schutzherrschaft; die Regierung der Königin der malaiischen Hova, Ranavalo Manjaka III., in Tananarivo 1896 aufgehoben.
1887–1894.
Präsident Carnot; Wehrgesetz, Freundschaft mit Rußland. Carnot wird von einem Italiener ermordet, sein Nachfolger Périer dankt Jan. 1895 ab, dann folgt Faure, 1899–1906 Loubet, beide bemüht, die Freundschaft mit Rußland zu erhalten. 1897 Unfallversicherung, 1901 Vereinsgesetz zur Beschränkung der geistlichen Orden und Kongregationen. 1903 Unterrichtsgesetz, Einrichtung weltlicher Volksschulen an Stelle der von Geistlichen geleiteten. 1905 Gesetz über Trennung von Kirche und Staat; deshalb Streit mit der katholischen Kirche. Der Kirchenbesitz wird den Gemeinden überwiesen. Gesetz über Altersunterstützung und Sonntagsruhe. Seit 1906 Präsident Fallières. 1907 und 1911 Winzerunruhen. Die Beziehungen Frankreichs zu England gestalten sich immer enger; das Bündnis mit Rußland bleibt erhalten.
1890.
Frankreichs Herrschaft im Gebiet des mittleren Niger (Sudan), der westlichen und mittleren Sahara von England anerkannt (S. 407) und 1904 erweitert (s. S. 405).
1891.
Tahiti, schon früher französischer Schutzstaat, wird nach dem Tode des englisch-protestantischen Königs Pomare V. französisches Gebiet.
1892.
Behanzin, König von Dahomey, (Ober-Guinea) besiegt. Sein Reich wird französische Kolonie.
1893.
In Hinterindien weiter vordringend nimmt Frankreich einen großen Teil des Reiches Siam in Besitz. 1904 der Menam als Grenze der französischen und englischen Einflußsphäre festgesetzt. 1907 wieder 3 Provinzen an der Grenze von Kambodscha an Frankreich abgetreten.
1898.
Frankreich versucht vom Kongo aus vordringend Faschoda am oberen Nil zu besetzen (General Marchand), wird aber durch Kriegsdrohung Englands und Einmarsch des Gen. Kitchener genötigt, dies aufzugeben.
1905.
Nach Abschluß eines Vertrages mit England (8. April 1904), der alle kolonialen Differenzen aus dem Wege räumt (Frankreich erkennt Englands Herrschaft in Ägypten an, England räumt den Franzosen die Vorherrschaft in Marokko ein u. a. m.), sucht Frankreich die Schutzherrschaft über das Reich Marokko zu erwerben. Widerspruch Deutschlands; Reise Kaiser Wilhelms II. nach Tanger. Eine Konferenz der am Handel mit Marokko beteiligten Staaten in Algeciras (bei Gibraltar) beschließt (Febr. 1906) Reformen für Marokko unter gemeinsamer Aufsicht der in Tanger wohnenden Gesandten. Frankreich erhält eine bevorzugte Stellung in Marokko.
Ein östlicher, an Tunis angrenzender Teil des Reiches Marokko bleibt von den Franzosen besetzt; 1907 besetzen sie auch die Hafenstadt Casablanca und das benachbarte Schauja-Gebiet. Sultan Muley Hafid, seit 1908 von den europäischen Staaten anerkannt, sucht sich ihren Forderungen zu entziehen. 1909 Krieg Spaniens gegen die Rifkabylen. Schwere Kämpfe um Melilla (s. S. 413). Die Häuptlinge unterwerfen sich. Gleichzeitig der Thronprätendent Bu Hamara im Kampfe gegen Muley Hafid. Ersterer besiegt und gefangen. Die Konsuln der Mächte schreiten ein gegen Muley Hafids Grausamkeiten.
1911.
Neue Unruhen in Marokko. Der Sultan, von feindlichen Stämmen in Fez eingeschlossen, ruft Frankreichs Hilfe an. Darauf französische Expedition nach Fez, angeblich zum Schutz der bedrohten Europäer. Der Sultan gerät ganz in die Gewalt der Franzosen. Diese treten ziemlich unbeschränkt im Lande auf. (Juli) Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes nach Agadir zur Verteidigung bedrohter deutscher Interessen. Nach schwierigen Unterhandlungen, wobei Frankreich von dem verbündeten England geleitet und unterstützt wird, 4. Nov. Marokkoabkommen zwischen Deutschland und Frankreich: Deutschland verzichtet auf jeden Landerwerb im Scherifenreich (Sus-Provinz), nachdem seine handelspolitischen und wirtschaftlichen Interessen nach Möglichkeit sicher gestellt sind. Frankreich übernimmt das Protektorat in Marokko, tritt von Äquatorial-Afrika ein Gebiet von etwa 300000qkm im Süden und Osten von Kamerun mit Zugang zum Kongo und Ubangi an das Deutsche Reich ab. Das Dreieck zwischen Logone und Schari (12000 qkm) von Deutschland an Frankreich überlassen.
Frankreich erwirbt einen erheblichen Teil der Negerrepublik Liberia. Östlich von Tunis besetzt es die Oase Djanet (zu Tripolis gehörig).
§ 13. England.
England 1837–1901 unter der Königin Viktoria (S. 353) ist hauptsächlich bestrebt, sein ungeheures Kolonialreich zu erhalten und zu erweitern.
1867.
Krieg gegen Negus Theodor von Abessinien. Magdala von Sir Robert Napiers mit indischen Truppen erstürmt; Theodor †. Abessinien wird von den Engländern geräumt.
1869.
Der Suez-Kanal eröffnet, 160 km lang; nach zehnjähriger Bauzeit vollendet unter Leitung des Franzosen Ferdinand de Lesseps (früher franz. Konsul in Kairo). Abkürzung des Seewegs nach Indien, Ostasien, Australien. Jährlich benutzen den Kanal jetzt gegen 4000 Schiffe.
1876.
Die Königin Viktoria nimmt auch den Titel Kaiserin von Indien an. Seitdem nach jedem Thronwechsel besondere Krönungsfeierlichkeiten in Delhi (S. 219).
1877–1881.
Krieg in Afghanistan, um die dem Emir 1869 auferlegte Schutzherrschaft zu erhalten General Roberts besetzt 1879 die Hauptstadt Kabul und dringt bis Kandahar vor (s. S. 419f.).
1877.
Erweiterung des Besitzes in Südafrika. Die Transvaalrepublik, begründet 1848 von holländischen Buren, die aus der Kapkolonie[61] auswanderten, wird dem englischen Kolonialgebiet einverleibt; bald wird auch ein großer Teil des Kaffernlandes englischer Schutzstaat. Unabhängig bleibt der 1854 von England anerkannte Oranje-Freistaat.
1878.
England nimmt Cypern in Verwaltung (S. 401).
1879.
Krieg gegen die Zulukaffern (Cetewayo). Prinz Louis Napoleon † (S. 403).
1881.
Erhebung der Buren gegen die englische Herrschaft und Sieg bei Majubahill. Die Transvaalrepublik (Südafrikanische Republik) wieder hergestellt, doch behält England in dem 1884 geschlossenen Vertrage sich die Genehmigung der Verträge dieses Staates mit anderen Staaten vor.
1882.
Besetzung von Ägypten, veranlaßt durch einen Militäraufstand in Alexandrien unter Arabi Pascha gegen den Khedive Tewfik und durch die Ermordung vieler Europäer; Arabi bei Tel-el-Kebir von Wolseley besiegt und gefangen. Dem Namen nach bleibt die Regierung des dem türkischen Sultan tributpflichtigen Vizekönigs (Khedive); tatsächlich wird Ägypten ein englischer Schutzstaat. Neuordnung der Verwaltung und des Heeres (Baring und Kitchener); Nilstauwerk bei Assuan.
1883–1885.
Aufstand des ägyptischen Sudan gegen die Engländer unter Führung des Mahdi, eines mohammedanischen Propheten. Vernichtung eines ägyptischen Heeres von 11000 Mann (Hicks Pascha) bei El Obeïd. Der englische General Gordon versucht Khartum zu behaupten, wird bei der Eroberung der lange belagerten Stadt von den Truppen des Mahdi getötet (Jan. 1885). Fruchtlose Nilexpedition der Engländer; sie behalten im Sudan nur den Hafen Suakin, verteidigen aber Ägypten mit Erfolg gegen wiederholte Angriffe der Mahdisten (1885–1898). In der Äquatorprovinz (Wadelai) hält sich der deutsche Afrikaforscher Emin Pascha (Dr. Schnitzer) als Statthalter des Khedive, bis er 1889 von Stanley nach der Küste (Bagamoyo) geführt wird. 1893 wird Emin bei einem Versuch, bis zum Kongo vorzudringen, ermordet.
1884.
Britisch Neu-Guinea wird unter englischen Schutz gestellt.
1886.
England erweitert sein indisches Reich durch völlige Unterwerfung von Birma in Hinterindien (S. 353).
1889.
Vertrag mit Deutschland und den Vereinigten Staaten über die Samoa-Inseln.
1890.
Vertrag mit Deutschland über Ostafrika. Das Wituland, Uganda und Sansibar englisch; das deutsche Gebiet zwischen Kilimandscharo und Rovumafluß reicht im Innern bis zu den großen Seen.
Vertrag mit Frankreich über Westafrika: England herrscht im Gebiet des unteren Niger (Nigeria) bis zum Tsadsee. Abgrenzung der englischen und französischen Gebiete gegen das Deutsche Hinterland von Kamerun durch Verträge mit dem Deutschen Reiche 1893 und 1894.
1890–1893.
England erweitert sein Gebiet in Südafrika durch Unterwerfung des Betschuana- und Matabele-Landes. Cecil Rhodes, Leiter der Britischen Südafrika-Gesellschaft, seit 1890 Minister der Kapkolonie, verfolgt noch weitergreifende Pläne, findet aber Widerstand bei den Buren-Republiken (S. 408). Transvaal wehrt einen Einfall englischer Streifscharen (800 Mann) unter Jameson bei Krügersdorp ab (1. Jan. 1896). Jameson gefangen, an England ausgeliefert, zu längerer Haft verurteilt, aber bald begnadigt.
1897.
Die Engländer besetzen Tirah, ein afghanisches Grenzgebiet.
1898.
England gewinnt die Herrschaft über den ägyptischen Sudan zurück; General Kitchener siegt bei Omdurman und erobert Khartum.
1899.
Abermaliger Vertrag über die Samoa-Inseln; sie werden geteilt zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten. England verzichtet auf einen Anteil, erhält dafür bedeutenden Gebietszuwachs im Hinterlande von Togo, außerdem die Tongainseln und die Inseln Choiseul und lsabel (Salomoninseln).
1899–1902.
Krieg Englands gegen die Buren in Südafrika.
Äußerer Anlaß: Zurücksetzung der Ausländer in Transvaal. Die Buren in Transvaal (Präsident Krüger) schließen ein Bündnis mit dem Oranje-Freistaat (Präsident Steijn) und erklären den Engländern den Krieg. Sie dringen in das englische Gebiet Natal ein und führen den Krieg anfangs erfolgreich. Einschließung einer englischen Division in Ladysmith; die Entsatzversuche des Gen. Buller werden (Dez.) bei Colenso und (Jan. 1900) am Spion-Kop abgeschlagen. Ebenso werden englische Truppen, die in den westlichen Teil von Transvaal eingedrungen sind, in Kimberley und Mafeking eingeschlossen.
1900.
Umschwung zu Gunsten der Engländer, nachdem Lord Roberts den Oberbefehl übernommen hat; ihr Heer wird bald auf 100000 Mann gebracht, gegen etwa 45000 Buren. Doch erschwert die weite Ausdehnung des Kriegsschauplatzes die Erfolge. Im Febr. wird Kimberley entsetzt, Gen. Cronje mit 4000 Buren am Modderfluß gefangen. Auch Ladysmith wird von Gen. Buller entsetzt. Roberts mit der Hauptmacht besetzt Blomfontein, Hauptstadt des Oranje Freistaats, dann weiter Johannesburg, Pretoria, Hauptstadt von Transvaal, Middelburg, Lydenburg. Im Rücken des englischen Heeres beginnen die Burenführer de Wet und Olivier einen erfolgreichen Kleinkrieg; in der Kapkolonie erheben sich die Afrikander zu Gunsten der Buren. Präsident Krüger reist nach Europa, um Hilfe zu suchen, wird in Frankreich und den Niederlanden begeistert aufgenommen, erlangt aber keine Einmischung in den Krieg. († 1904 in der Schweiz.)
1901–1902.
Fortdauer des Kleinkrieges. Die Engländer unter Kitchener (über 200000 Mann) versuchen vergeblich die von Botha, de Wet u. a. geführten Streifscharen der Buren einzuschließen, führen aber viele Gefangene, namentlich Frauen und Kinder, hinweg in die durch Stacheldraht eingehegten Konzentrationslager. Andere werden nach Ceylon, Indien, St. Helena gebracht. Unterstützung mit Geldmitteln und Kriegsbedarf aus den Niederlanden, Frankreich und Deutschland reicht nicht aus, um den Buren zum Siege zu verhelfen. Friedensschluß 31. Mai 1902: die Burenstaaten sind aufgehoben: die Buren müssen in die Einverleibung ihrer beiden Staaten in das britische Südafrika willigen; jedoch wird ihnen baldige Selbstverwaltung versprochen (S. 409). Sie erhalten als englische Untertanen zur Herstellung zerstörter Wohnorte eine Beihilfe von 3 Mill. Pfund Sterling (60 Mill. Mark).
1900.
Die englischen Kolonien in Australien (S. 302) werden durch eine Bundesverfassung zu einem Staat (Commonwealth) vereinigt.
Unter der langen Regierung der Königin Viktoria wechseln konservative und liberale Ministerien miteinander. 1843 irische Waffenbill (verbietet Einführung von Waffen nach Irland). 1845 Steuer- und Zollreform. 1869 Aufhebung der irischen Staatskirche. 1881 irische Landbill, vom Minister Gladstone beantragt, um die Mißstände und Unruhen in Irland zu bessern. 1885 Parlamentsreform (vgl. S. 348), nachdem schon 1867 das Wahlrecht erweitert war; Bildung gleichmäßiger Wahlkreise, das Wahlrecht bleibt an den Nachweis einer eigenen, wenn auch gemieteten Wohnung geknüpft (Minimalmietzins 10 Pfund Sterling). Der 1886 mit großer Mehrheit verworfene Antrag Gladstones, für Irland ein eigenes Parlament einzurichten (Home-rule-bill) wird 1893 vom Unterhaus angenommen, vom Oberhaus und dann von den Wählern verworfen. 1897 Haftpflichtgesetz zum Schutze der Arbeiter.
1901–1910. Jan. Mai.
König Eduard VII. (S. 352). Der Minister Chamberlain betreibt einen engeren Anschluß der Kolonien an das Mutterland (Zollbund und Beiträge zur Unterhaltung der Kriegsflotte), tritt aber 1903 zurück. Neue irische Landbill 1903; die Pächter können mit Beihilfe des Staates Landeigentümer werden. Die Einsetzung eines Verwaltungsrats für Irland, 1907 vom Unterhause beschlossen, wird nicht vollzogen, da die Iren Widerspruch erheben und ein eigenes Parlament fordern. 1908 Gesetz über Altersunterstützung. 1909–1910 sozialpolitische Gesetzgebung. Lord Roberts’ Antrag auf Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1909 vom Oberhaus abgelehnt.
1904.
Englisch-französischer Vertrag über Ägypten und Marokko (s. S. 405). Die Neutralität des Suezkanals durch England garantiert.
1904.
Englische Expedition von Indien aus nach Tibet. Lhassa, Residenz des Dalai-Lama, des Oberhauptes der Buddhisten, erreicht. Ergebnis: Tibet darf ohne Englands Zustimmung kein Gebiet an eine fremde Macht abtreten und keine Erlaubnis zur Anlage von Eisenbahnen, Telegraphenlinien und Bergwerken geben.
1909.
Englisch-russisches Abkommen über Persien (s. S. 403). Das englische Parlament genehmigt eine Bundesverfassung für die Südafrikanische Union mit Einschluß der früheren Burenstaaten, welche die 1902 versprochene Selbstregierung 1906 erhielten. Botha Premier-Minister.
Siam tritt die Staaten Kelantan, Trengganu und Kedah (auf Malakka) an England ab.
1910-x.
König Georg V.
1911.
Englisch-amerikanischer Schiedsvertrag. Infolgedessen Revision des englisch-japanischen Bündnisses (s. S. 423).
Japan nähert sich Rußland wieder (s. S. 402).
Durch die radikale Parlamentsbill (Vetobill) des Ministers Asquith wird das Oberhaus fast aller seiner Rechte beraubt; es behält nur ein aufschiebendes Veto.
Während des Krönungsdurbar in Indien (Delhi) wird der alte Herrschersitz Delhi (S. 219, 300, 368) von König Georg V. an Stelle von Kalkutta zur Hauptstadt Indiens erhoben.
Englisch-ägyptische Truppen besetzen den Hafen und das Gebiet von Solum im Osten der Cyrenaica (Tripolis).
§ 14. Holland, Luxemburg, Belgien, Dänemark, Skandinavien, Schweiz.
Das Königreich der Niederlande unter Wilhelm III. 1849 bis 1890 (vgl. S. 340 u. 363). 1873–1879 Krieg gegen den Sultan von Atschin auf Sumatra. Der Widerstand der Atschinesen erst 1895 gebrochen. 1887 Verfassungsrevision. Nach dieser folgt dem König seine Tochter Wilhelmina, bis 1898 unter Vormundschaft der Mutter Emma von Waldeck, seit 1901 mit dem Prinzen Heinrich von Mecklenburg-Schwerin vermählt. 1911 Gesetz über Alters- und Invalidenversicherung.
Das Großherzogtum Luxemburg (S. 380), seit 1842 im deutschen Zollverein, kommt 1890 durch männliche Erbfolge an Adolf, den früheren Herzog von Nassau (S. 379). Ihm folgt 1905 sein Sohn Wilhelm, der letzte männliche erbberechtigte Oranier. Regentin die Großherzogin Maria Anna von Braganza. Thronerbin: Prinzessin Marie (kath.).
Belgien unter Leopold II. (1865–1909, s. S. 350) in friedlicher Entwickelung als Industriestaat, doch nicht ohne Parteikämpfe (Liberale und Klerikale) und Arbeiterunruhen.
1884–1885.
Nov. Febr.
Konferenz zu Berlin unter Vorsitz des Fürsten Bismarck über das durch Stanleys Reise 1876 bis 1877 erschlossene Kongo-Gebiet. Ein neutraler Kongostaat wird gegründet unter der Oberhoheit Leopolds II., Königs der Belgier.
1908.
Der Kongostaat wird Kolonialgebiet des Königreichs Belgien.
1909-x.
König Albert I. Neffe Leopolds II. (S. 352). Gemahlin Elisabeth, Herzogin in Bayern.
1910.
Weltausstellung in Brüssel, zum Teil durch Feuer zerstört.
In Dänemark unter Christian IX. (1863–1906) lange Zeit Zwiespalt zwischen Regierung und Volksvertretung, besonders wegen der Befestigung von Kopenhagen, 1901 beigelegt durch Nachgeben des Königs. Kopenhagen befestigt. Herstellung freundlicher Beziehungen zu Deutschland seit dem Tode der Königin Luise 1898 (S. 362). König Friedrich VIII. seit 1906, vermählt mit Luise von Schweden. Befestigung der Verbindung mit den auswärtigen Besitzungen. 1904 neue Verfassung für Island. Reise des Königs Friedrich VIII. nach Island. Eifrige Pflege der Handels- und Verkehrsbeziehungen. 1903 Dampffähre für Eisenbahnzüge zwischen Warnemünde und Gjedser eröffnet. (Direkte Dampferlinie Kopenhagen-Bangkok.) Entsendung des Prinzen Waldemar zur Krönung des Königs von Siam 1911.
Schweden, 1872–1907 unter Oskar II., Bruder Karls XV. (S. 363), kann die seit 1814 bestehende Personalunion mit Norwegen nicht behaupten. Norwegen sagt sich 1905 los. Prinz Karl von Dänemark, Sohn Friedrichs VIII., Großneffe Oskars II., nennt sich als König von Norwegen Hakon VII. (s. S. 215). Seine Gemahlin Maud, Tochter Eduards VII. von England. In Schweden seit 1907 Gustav V., Gemahlin Viktoria von Baden. 1909 Dampffähre zwischen Trelleborg und Saßnitz (Rügen) eröffnet.
In der Schweiz 1874 Änderung der Bundesverfassung; für neue Gesetze wird der Bundesversammlung (S. 354) die Entscheidung entzogen und Volksabstimmung (Referendum) vorgeschrieben, wenn 8 Kantone oder 30000 Bürger sie verlangen. Ein Gesetz über Kranken- und Unfallversicherung wird 1900 durch Volksabstimmung verworfen, 1912 angenommen.
1905 Internationale Arbeiterschutz-Konferenz in Bern. Durchstich des Simplon 1906 vollendet, neue Eisenbahnverbindung mit Italien, für Frankreich erwünscht seit der Eröffnung der St. Gotthardbahn 1882. Bundespräsident ist seit 1903 Dr. Deucher.
§ 15. Italien.
Italien, seit 1861 einheitliches Königreich unter Viktor Emanuel II. (S. 370, 379, 381).
Dem Papste ist durch das Garantiegesetz von 1870 der Besitz der Peterskirche, des Vatikan- und des Lateranpalastes, dazu ein Jahreseinkommen von über 3 Mill. Francs gesichert; aber der Anspruch auf Herstellung des Kirchenstaats wird von päpstlicher Seite nicht aufgegeben. Aufhebung vieler Klöster, doch bleiben die Ordensgenerale und die geistlichen Seminare in Rom unter dem Schutz des Papstes.
Unter König Humbert (1878–1900) schließt der Minister Robilant 1887 den Dreibund (S. 395), den der Ministerpräsident Crispi, mit Bismarck persönlich befreundet, aufrecht erhält. Sorge für Besserung der Finanzen, Ausbau der Eisenbahnen, Anbau der römischen Campagna, Ausgrabungen und Neubauten in Rom. Der König wird 1900 (Juli) von einem Anarchisten in Monza ermordet.
1885.
Italien nimmt den Hafen Massaua am Roten Meer in Besitz. Erweiterung des Gebiets im Kriege gegen den Negus Negesti Johannes von Abessinien 1887–1889 zur Colonia Eritrea. Neue Kämpfe mit dem Negus Menelik (reg. 1889–1910 in Addis Abeba, seitdem sein Enkel Lidj Jeassu [geb. 1896], zunächst unter Vormundschaft). 1896 Niederlage der Italiener bei Adua, nur Massaua mit dem Küstengebiet (118000 qkm.) wird behauptet.
1887.
Italien erwirbt das Somaligebiet.
1900-x.
Viktor Emanuel III. (Gem. Elena von Montenegro). Der Dreibund wird trotz aller Vorliebe der Italiener für die Franzosen aufrechterhalten. (1909 Begegnung des Königs mit Zar Nikolaus II. in Racconigi.)
1906
Verderblicher Ausbruch des Vesuv.
1907, 28. u. 29. Dez.
Messina und Reggio durch Erdbeben zerstört.
1903.
Papst Leo XIII. † (S. 393). Ihm folgt Pius X., der sich 1907 in einer Allocution und einer Encyclica gegen den Reformkatholizismus und die sog. Modernisten wendet.
1911–1912.
Krieg Italiens gegen die Türkei: Italien, schon lange auf Ausbreitung seiner Macht in Nordafrika bedacht (S. 404), erhält 1901 von Frankreich (und bald darauf auch von England) die Anerkennung seiner Anwartschaft auf Tripolis. Zunächst nur wirtschaftliche Durchdringung des Landes geplant. Infolge des deutsch-französischen Abkommens über Marokko 1911 will Italien seine Entschädigung in Tripolis suchen. Die Stadt Tripolis nach kurzem Bombardement besetzt (Okt.), ebenso Benghasi, Derna und andere Hafenplätze. Im Nov. die unwiderrufliche Besitzergreifung von Tripolis und Cyrenaica verfügt und den Mächten angezeigt. Das Deutsche Reich übernimmt den Schutz der Italiener in der Türkei und der türkischen Untertanen in Italien. Einspruch von Rußland, Frankreich und England gegen eine Blockade der Dardanellen (S. 401). Unterstützung der Türken durch die Araber und die islamitische Welt. Die Eroberung des tapfer verteidigten Hinterlandes (Oasen Ain Zara, Tadjura, Birtobras, Gargaresch) geht nur langsam vorwärts. Im Roten Meer werden Jan. 1912 sieben türkische Kanonenboote durch italienische Torpedobootzerstörer vernichtet. Der Krieg dauert noch fort.
§ 16. Die Pyrenäische Halbinsel.
Spanien: 1868 (Sept.) Aufstand; Königin Isabella II. (S. 351, 363) vertrieben, flüchtet nach Frankreich. Die nach Madrid einberufenen Cortes beschließen, trotz des Widerstandes der republikanischen Partei, eine neue konstitutionell-monarchische Verfassung; Marschall Serrano einstweilen Regent. Nach mehrfachen Verhandlungen mit auswärtigen Fürsten nimmt Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen 1870 die spanische Krone an. Nach seinem Rücktritt wird während des deutsch-französischen Krieges der Herzog von Aosta, zweiter Sohn des Königs Viktor Emanuel II. von Italien, von den Cortes zum König gewählt und besteigt als Amadeo I. 1870 (s. a. S. 381) den spanischen Thron. Jedoch fortdauernde Parteikämpfe veranlassen Amadeo schon 1873 zur Abdankung. Dann Bürgerkrieg; gegen die in Madrid eingesetzte republikanische Regierung kämpfen die Anhänger des Don Carlos (Enkel des S. 351 erwähnten). Herstellung der Monarchie 1875; König Alfons XII., Sohn der 1868 vertriebenen Königin Isabella bringt dem Lande Frieden, unterstützt von dem Minister Canovas. Don Carlos entflieht nach Frankreich. Alfons XII. stirbt 1885; für seinen Sohn Alfons XIII. regiert bis 1902 die Mutter Marie Christine von Österreich, unterstützt von dem Minister Sagasta.
1898.
Krieg mit den Vereinigten Staaten von Amerika (S. 418).
1899.
An Deutschland werden gegen eine Geldentschädigung überlassen: die Marianen, Karolinen (schon 1885 von Deutschland besetzt, aber durch Schiedsspruch des Papstes Leo XIII. den Spaniern zuerkannt) und Palau-Inseln (S. 396). Spanien behält von seinem alten Kolonialbesitz nur noch die Kanarischen Inseln, Span. Guinea (Rio Muni, Fernando Po, Corisco), die Küste von Rio de Oro und die 5 Presidios (Ceuta, Velez de la Gomera, Alhucemas, Melilla, Chafarinas) an der Küste von Marokko.
1903 u. 1904.
Sozialistische Aufstände, namentlich in Barcelona; doch bleibt die Monarchie erhalten.
1906.
Vermählung des Königs mit Viktoria Eugenie (Ena) von Battenberg (Nichte Eduards VII. von England). Bombenattentat am Hochzeitstage des Königpaares.
1909.
Tod des Prätendenten Don Carlos.
1909–1910.
Krieg gegen die Rifkabylen in Marokko, die ein 300 km langes, 100 km breites Gebiet vom Kap Tres Forcas, unweit Melilla, bis an die Straße von Gibraltar beherrschen. Blutige Kämpfe um Melilla. Infolge der Truppensendungen nach Afrika schwere Ruhestörungen in Barcelona und ganz Katalonien. Der »Freiheitsapostel« Ferrer trotz vieler Protestkundgebungen hingerichtet.
1910.
Erneuerte Kämpfe um Melilla. 1911 (Jan.) Reise des Königs Alfons XIII. nach Marokko. Endlich (Nov.) Friedensvertrag mit den Kabylen.
Unterdessen und besonders infolge des deutsch-französischen Marokkoabkommens (S. 405) auch manche Reibereien zwischen Spaniern und Franzosen in Marokko. Die Verhandlungen mit Frankreich über die Abgrenzung der spanischen Besitzungen und Rechte in Marokko sind zur Stunde noch nicht abgeschlossen.
Portugal (S. 363) gelangt nach früheren Bürgerkriegen zu ruhigeren Zuständen unter den Königen aus dem Hause Koburg, seit 1853 (S. 352). Doch erhebt sich 1907 eine starke Bewegung gegen den Ministerpräsidenten Franco; am 1. Febr. 1908 wird König Karl I., mit ihm der Kronprinz Ludwig Philipp von Verschwörern erschossen. Sein zweiter Sohn und Nachfolger Manuel II. wird 1910 (Okt.) durch eine Revolution vertrieben, lebt in England. Portugal als Republik von den Mächten anerkannt. Trennung von Kirche und Staat durchgeführt. Bewegungen zu Gunsten der Monarchie mehrfach unterdrückt. Präsident: Manuel d’Arriaga (seit 1911).
§ 17. Die Balkanhalbinsel.
Rumänien (S. 367, 399ff.) nimmt auf fast allen Gebieten einen erfreulichen Aufschwung. Eifrige Sorge des Fürsten Karl für Heer und Landesbefestigungen, Finanzen und Unabhängigkeit des Landes, Handel und Ackerbau, Volksbildung und Gesetzlichkeit. 1881 erklären die Kammern Rumänien als Königreich. König Karl I. erhält gute Beziehungen zum Dreibund, schließt eine Militärkonvention mit Österreich.
In Serbien nimmt Fürst Milan (Obrenowitsch) 1882 den Königstitel an, dankt aber 1889 ab zu Gunsten seines 12jährigen Sohnes Alexander. Dieser erklärt sich bereits 1893 für mündig, wird 1903 samt seiner Gemahlin Draga durch eine Verschwörung ermordet. Milan, von seiner Gemahlin Natalie geschieden, † 1901 in Wien. Seit 1903 Peter I. (Karageorgiewitsch) König von Serbien (s. S. 399).
In Montenegro seit 1860 Fürst Nikita (Nikolaus). Bei der Feier seines Regierungsjubiläums 1910 nimmt er ebenfalls den Königstitel an.
In Bulgarien wird 1879 Prinz Alexander von Battenberg (Hessen), ein Neffe des russischen Kaisers Alexander II. von der Sobranje (Deputiertenkammer) zum Fürsten erwählt.
1885.
Erhebung der Bulgaren gegen die Türken; Ostrumelien (S. 401) vereinigt sich mit dem Fürstentum Bulgarien, gegen Rußlands Willen. Serbien (König Milan) beginnt Krieg gegen Bulgarien. Fürst Alexander besiegt die Serben bei Slivnitza und Pirot (Nov. 1885), schließt aber auf Verlangen Österreichs Frieden. Er wird 1886 von der russischen Partei vertrieben, doch bleibt Ostrumelien mit Bulgarien vereinigt. Sein Nachfolger Ferdinand I. von Koburg-Kohary (S. 352) stützt sich zunächst auf Österreich, wird 1896 auch von Rußland anerkannt. Seine Diplomatie und das Ansehen seines Heeres setzen ihn in den Stand, 1908 die Erhebung Bulgariens (mit Ostrumelien) zu einem von der Türkei völlig unabhängigen Königreich ohne Schwertstreich durchzusetzen. Seitdem entschiedene Anlehnung an Rußland.
Griechenland, seit 1863 unter König Georg I. (v. Dänemark), 1864 durch Abtretung der Ionischen Inseln von seiten Englands (s. S. 341) vergrößert, erhält 1881, da die Großmächte ihr Verlangen an die Türkei (S. 401) erneuern, Thessalien und einen kleinen Teil von Epirus.
1897.
Krieg Griechenlands gegen die Türkei, veranlaßt durch einen Aufstand auf der Insel Kreta gegen die türkische Herrschaft. Die Griechen werden in Thessalien und Epirus geschlagen, müssen Frieden schließen und Kriegskosten zahlen. Kreta erhält auf Verlangen der europäischen Großmächte selbständige Verwaltung unter türkischer Oberhoheit; Prinz Georg von Griechenland Gouverneur bis 1906. Die Nichtbenutzung der Gelegenheit, die Insel Kreta in dem Augenblick anzugliedern, wo Österreich und Bulgarien 1908 Bosnien und Ostrumelien einverleibten, ruft in Griechenland lebhafte Erregung hervor, besonders im Heere. Mehrere Prinzen scheiden 1909 aus Armee und Flotte aus und erhalten mehrjährigen Auslandsurlaub. Auf Kreta (August 1909) überall die griechische Flagge gehißt. Die türkische Oberhoheit bleibt jedoch erhalten.
Das türkische Reich, seit 1878 (russisch-türkischer Krieg, s. S. 399ff.) in seinem europäischen Bestande sehr eingeschränkt (S. 401), hat immer wieder mit Empörungen seiner christlichen Untertanen zu kämpfen.
1895.
Blutige Verfolgung der Armenier und der syrischen Christen; England, Frankreich und Rußland gebieten Einhalt.
1903.
Aufstand in Macedonien, von den Bulgaren unterstützt; Österreich und Rußland nötigen die türkische Regierung zu Reformen, die aber nur halb zur Ausführung kommen. Der Kriegszustand dauert fort.
1908.
Für die Türkei erzwingt ein Militäraufstand (Jungtürken) vom Sultan Abdul Hamid (1876–1909) die Gewährung einer Verfassung (Senat und Deputiertenkammer), die schon 1876 verkündet, aber nach kurzer Zeit wieder aufgehoben worden war. Bosnien (S. 398 f.), Ostrumelien (s. oben) verloren; Novipazar wieder gewonnen (S. 398, 399).
1909.
Sultan Abdul Hamid ebenso wie 1876 sein älterer Bruder Sultan Murad V. abgesetzt. Seitdem Sultan Mohammed V.
1911.
Die türkische Regierung beschränkt die Weiterführung der von Konstaninopel ausgehenden Anatolischen Eisenbahn (Bagdadbahn; ihre Erbauung 1893 durch Georg von Siemens für die deutsche Arbeit [Deutsche Bank] gesichert, zunächst bis Kaisarie gestattet, 1902 einem deutsch-französischen Syndikat übertragen) auf die Strecke El Halif (zwischen Harran und Mosul) bis Bagdad. Später soll Kuweit am Persischen Meerbusen Endpunkt sein. Zweigbahn nach Alexandrette, Anschluß an die Hedschasbahn von Damaskus nach Medina-Mekka und die russisch-persischen Bahnen über Teheran nach Bagdad gesichert (S. 397).
1911–1912.
Italienisch-türkischer Krieg (s. S. 412).
§ 18. Amerika.
Die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Gebiet seit 1848 bis zum Stillen Ozean reicht (S. 301 f.), an Volkszahl schnell wachsend durch Einwanderung aus Europa (1860: 31½ Mill. Einwohner), aufblühend durch Handel und großstädtische Industrie, geraten in schwere Gefahr durch Zwiespalt zwischen den Nordstaaten und den Sklaven haltenden Südstaaten. Die Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten der Union von seiten der Nichtsklavenstaaten führt zum
1861–1865.
Bürgerkrieg. Die 11 Südstaaten erklären ihren Austritt (secession) aus der Union und schließen einen Sonderbund. Jefferson Davis Präsident. Sie erklären die Fortdauer der Negersklaverei wegen des Plantagenbaues (Zucker, Reis, Tabak, Baumwolle) für notwendig. Hauptschauplatz des Krieges der zu den Südstaaten gehörige Staat Virginia und das angrenzende Maryland. Die Sonderbundstruppen bedrohen 1861 nach dem Siege bei Bull-Run und 1862 nach der siebentägigen Schlacht bei Richmond die Bundeshauptstadt Washington, werden jedoch wieder zurückgedrängt. Die Unionstruppen erobern 1862 New-Orleans, 1863 Vicksburg am Mississippi.
1863. 1. Jan.
Eine Proklamation Lincolns erklärt alle Sklaven der Südstaaten für frei. Der Südstaatengeneral Lee siegt bei Fredericksburg (Virginia), überschreitet den Grenzfluß Potomac, wird aber bei Gettysburg in Pennsylvanien zurückgeschlagen.
1864.
Der Nordstaatengeneral Grant kämpft gegen Lee in der Wilderness und bei Spotsylvania, belagert ihn dann in der starken Stellung zwischen den Festungen Richmond und Petersburg. Ein zweites Heer der Nordstaaten unter Sherman siegt bei Atlanta im Staate Georgia, dringt bis zur Küste vor nach Savannah, zieht im Frühjahr 1865 gegen Petersburg heran.
1865. April.
General Lee räumt Richmond und Petersburg, kapituliert mit 26000 Mann, bald darauf ergeben sich auch die übrigen Truppen der Südstaaten. Die Union bleibt erhalten, doch fügen die Südstaaten sich nicht bedingungslos.
Präsident Lincoln, der umsichtige Leiter der Union, wird von einem Anhänger der Südstaaten ermordet (14. April); sein Nachfolger Johnson zeigt sich nachgiebiger in der Sklavenfrage und gerät deshalb in Konflikt mit dem Kongreß, welcher die Aufhebung der Sklaverei im ganzen Unionsgebiet als Gesetz verkündet und den Negern Bürgerrecht und Stimmrecht verleiht. Daraus ergeben sich Übelstände, die zur Folge haben, daß unter dem Präsidenten Grant (1869–1877) die Südstaaten in mancher Hinsicht noch unter der Diktatur des Kongresses bleiben.
Aussöhnung erst unter Präsident Hayes (1877–1881), der auch die bei großer Steigerung des Handelsreichtums eingerissene Bestechlichkeit und Ämterjagd bekämpft, unterstützt von dem Deutschen Karl Schurz als Minister des Innern. Sein Nachfolger Garfield, der diese Bestrebungen weiterführt, wird nach wenigen Monaten ermordet (1881).
1867.
Erwerbung des russischen Amerika (Alaska) für 7200000 Dollar.
1869.
Eröffnung der ersten Pacificbahn (Omaha bis San Francisco). Schnellere Verbindung zwischen den Küsten des Atlantischen und des Großen Ozeans.
Auf die Streitigkeiten der mittel- und südamerikanischen Republiken wirkt die Union oft vermittelnd ein, so 1869 bei dem Frieden zwischen Spanien und dem erfreulich aufstrebenden Chile, das 1879–1884 Bolivia und Peru niederwirft, aber 1891 in einen gefährlichen Bürgerkrieg hineingerissen wird. In Brasilien wird 1889 eine Föderativrepublik von 20 Staaten (Vereinigte Staaten von Brasilien) eingerichtet (1888 die Sklaverei plötzlich abgeschafft); Kaiser Pedro II. (S. 346) zieht sich nach Portugal zurück. Seit 1910 Präsident Hermes da Fonseca. Gegenüber den europäischen Staaten nimmt die Union öfters eine feindliche Haltung an; s. Frankreich S. 371. Streit mit England über Schadenersatz, weil während des Bürgerkrieges Kaperschiffe für die Südstaaten in England ausgerüstet waren; ein Schiedsgericht zu Genf entscheidet 1872, daß England über 3 Mill. Pfund Sterling zu zahlen habe.
In der Union stark anwachsende Bevölkerung; 1890: 63 Mill., 1910: 88 Mill. Einwohner. Viele Eisenbahnen gebaut, um das weite Gebiet aufzuschließen (vgl. S. 421). Die Mac Kinley-Bill 1890 erhöht den Zolltarif der Vereinigten Staaten, um die europäische Einfuhr zu beschränken; 1891 Gesetz gegen die Einwanderung unbemittelter Personen.
1896–1901.
Präsident Mac Kinley; die Union beginnt auswärtige Besitzungen zu erwerben, zuerst 1897 die Sandwich-Inseln annektiert (seit 1900 Territorium).
1898.
Krieg gegen Spanien zur Unterstützung der schon 1895 auf Cuba und den seit 1569 spanischen Philippinen (S. 223, 242) ausgebrochenen Aufstände. Die spanische Flotte wird in zwei Seetreffen, bei Cavite (Insel Luzon) und Santiago (Insel Cuba) vernichtet. Im Frieden zu Paris tritt Spanien Puerto Rico und die Philippinen gegen eine Geldentschädigung an die Union ab. Cuba wird eine Republik, muß aber der Union gewisse Aufsichtsrechte und mehrere Flottenstationen einräumen (Insel Guam s. S. 426).
1899.
Bei der Teilung der Samoa-Inseln (S. 407) nimmt die Union Tutuila mit dem Hafen Pago-Pago und die Manuagruppe (203 qkm).
1901–1909.
Präsident Roosevelt, Nachfolger des ermordeten Mac Kinley. Das Deutsche Reich tritt in engere Beziehungen zur Union. Als Deutschland, England und Italien wegen Handelsstörungen mit der Republik Venezuela (Präsident Castro) in Streit geraten und ihre Küste durch Kriegsschiffe blockieren, Vermittlung durch den Vertrag zu Washington (Juli 1903); Venezuela muß bedeutende Entschädigung zahlen.
1903.
Vertrag der Union mit Colombia (S. 346) über Gebietsabtretung zum Ausbau des 1881 von französischen Kapitalisten (Panamagesellschaft, 1889 aufgelöst) begonnenen Panama-Kanals. Da in Colombia sich Widerspruch erhebt, bildet sich eine besondere Republik Panama unter dem Schutze der Vereinigten Staaten. Der Kanal (Schleusenkanal) soll am 1. Jan. 1915 eröffnet werden, wie der Suezkanal neutral und allen Völkern unter den gleichen Bedingungen geöffnet sein.
1906.
San Franzisko durch Erdbeben größtenteils zerstört, doch bald wiederhergestellt.
1907.
Verschärftes Gesetz über die Einwanderung.
Seit 1909.
Präsident Taft, vorher Kriegsminister und Gouverneur der Philippinen, hält das gute Einvernehmen mit dem Deutschen Reiche aufrecht.
1910–1911.
Aufstand in Mexiko. Verschwörung gegen den Präsidenten Porfirio Diaz (S. 371). Die Vereinigten Staaten ziehen Truppen an der Grenze zusammen. Porfirio Diaz dankt 1911 ab. Madero, der Hauptführer der Aufständischen, wird zu seinem Nachfolger gewählt, Ende des Aufstandes. 1912 neue Unruhen.
1911.
Englisch-amerikanischer Schiedsvertrag. Japan (Spannung seit der Besetzung der Sandwich-Inseln und der Philippinen, durch den Bau des Panamakanals noch gesteigert) knüpft wieder freundschaftliche Beziehungen mit den Vereinigten Staaten an.
§ 19. Asien.
In Persien (S. 219), das auf eine fast 2500 Jahre alte Kultur zurückblickt, hat das autokratische Regiment die Entwickelung und die Wohlfahrt des Volkes sehr beeinträchtigt. Von persischen Gebieten sind jedoch bisher nur Georgien, Transkaukasien und ein Teil Armeniens an Rußland verloren gegangen (S. 297, 348).
1906.
Verfassung eingeführt. Doch gerät der Schah Mohammed Ali bald in Streit mit dem Parlament (Medschlis) und löst es auf. Daher Aufstand im Lande.
1909.
England und Rußland als die Nachbarn fordern vom Schah Wiederberufung des Medschlis, Gewährung einer Verfassung und Reform der Verwaltung als Bedingung für die Zulassung einer Anleihe. Diese Einmischung abgelehnt. Einmarsch russischer Truppen in Täbris; englische besetzen Abuscher am Persischen Golf. Straßenkämpfe in Teheran. Mohammed Ali abgesetzt, begibt sich nach Rußland. Der Titel Schah abgeschafft. Seitdem Sultan Ahmed Mirsa (geb. 1897). Regent Ali Reza Chan. Verfassung wiederhergestellt. Schwierigkeit für das Parlament, das Reichsbudget im Gleichgewicht zu halten. Anleihe in Rußland und England genehmigt gegen Verpfändung persischer Zolleinkünfte. England und Rußland grenzen ihre Interessensphären ab (S. 403, vgl. Deutsch-russisches Abkommen über Persien, S. 397). Berufung belgischer Beamten für Zoll- und Postverwaltung, amerikanischer Beiräte für die Ordnung der Finanzen. Der Amerikaner Morgan Shuster Generalschatzmeister. Protest der Jungperser gegen die russisch-englischen Pläne.
1910.
Tod des Regenten. Sein Nachfolger Nasr el Mulk. Landung englischer Truppen am Persischen Golf.
1911.
Rückkehr des Exschahs Mohammed Ali. Im Norden Persiens wechselvolle Kämpfe zwischen seinen Anhängern und den Regierungstruppen. Russisches Ultimatum; u. a. Morgan Shusters Entlassung gefordert. Landung und Vormarsch russischer Truppen von Rescht aus. Alle russischen Forderungen erfüllt. Nordpersien gerät immer mehr in Abhängigkeit von Rußland. Die Wirren dauern fort.
Der Emir von Afghanistan (S. 353) beherrscht trotz des Verlustes weiter Gebiete an Rußland (S. 402) und England (S. 406 f.) noch ein Land von 624000 qkm. — 1893 Vertrag zwischen dem Emir Abdurrhaman und der englischen Regierung, die ihm eine jährliche Rente von etwa 3½ Mill. Mark bewilligt.
1907.
Englisch-russischer Vertrag mit dem Emir Habib Ullah (seit 1901) über die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Besitz- und Rechtsstandes in Afghanistan.
Das Königreich Siam in Hinterindien ist trotz der Begehrlichkeit seiner Nachbarn, England (S. 409) und Frankreich (S. 404), immer noch größer als das Deutsche Reich (600000 qkm, 6½ Mill. Einwohner). König Maha Chulalongkorn (1868 bis 1910) war ein großer Freund Europas und seiner Sitten (sein Besuch bei Bismarck in Friedrichsruh 1897), schuf eine moderne Armee und Flotte, Eisenbahnen und Dampferlinien, richtete Steuer-, Post- und Münzwesen nach europäischem Muster ein und suchte seine Unabhängigkeit durch Verträge mit England und Frankreich sicher zu stellen. Handelsverträge zwischen Siam und Europa seit Mitte des vorigen Jahrhunderts (S. 368, 411). Seit 1910 Maha Wajirawudh Herrscher im Reiche des weißen Elefanten.
China, seit 1842 dem europäischen Handel geöffnet (S. 353), bald auch mit den Vereinigten Staaten in Handelsbeziehungen, nimmt nicht wie Japan (S. 369) an den Fortschritten europäischer Kultur teil; im Volke Haß gegen die Fremden verbreitet. Verlust des Amurgebietes (S. 369).
1894–1895.
Krieg Japans gegen China wegen der Schutzherrschaft über Korea (S. 251). Korea wird unabhängig, Japan gewinnt die Insel Formosa (Taiwan). Die im Frieden zu Schimonoseki durch Li-hung-tschang zugestandene Abtretung der Halbinsel Liau-tung mit dem Hafen Port Arthur wird durch Rußland, Deutschland und Frankreich rückgängig gemacht.
1897. Nov.
Deutschland besetzt das Hafengebiet Kiau-tschou; ein Pachtvertrag mit China auf 99 Jahre wird 1898 geschlossen.
1898.
Rußland besetzt den Hafen Port Arthur an der Einfahrt zum Meerbusen von Petschili, England den gegenüberliegenden Hafen Wei-hai-wei.
1900.
Aufstand in China gegen die Christen und Ausländer (vergl. S. 251), geleitet von weitverzweigten Geheimbünden (Boxer). Zweideutige Haltung der chinesischen Regierung; da sie weder Ordnung noch Genugtuung schafft, vereinigen sich hierzu Deutschland, England, Rußland, Frankreich, Österreich, Italien, Japan und die Vereinigten Staaten. Kriegsschiffe der Verbündeten erscheinen vor der Mündung des Peiho und entsenden eine Schutzwache für die Gesandten nach Peking.
Da die Unruhen fortdauern, zieht der englische Admiral Seymour mit 2000 Mann gegen Peking, muß aber, da die Eisenbahn zerstört ist und starke Scharen ihm entgegentreten, umkehren. Beim Marsch auf Tientsin stete Gefechte, in schwierigster Lage »the Germans to the front«. Inzwischen in Peking der deutsche Gesandte v. Ketteler ermordet (20. Juni).
17. Juni.
Erstürmung der Taku-Forts (S. 368), um eine Landung zu ermöglichen (das deutsche Kanonenboot Iltis). Tientsin nach schweren Kämpfen erobert; Peking erreicht (14. Aug.), die Gesandten befreit. Der Kaiser und die Kaiserinwitwe fliehen nach Sianfu.
20. Sept.
Erstürmung der Peitang-Forts nahe der Küste, Besetzung des Hafens Schan-hai-kwan, für die Russen »Tor zur Mandschurei«.
27. Sept.
Der deutsche Feldmarschall Graf Waldersee übernimmt den Oberbefehl über die verbündeten Truppen (zuletzt 64000 Mann, darunter 19000 Deutsche). Die Amerikaner zurückgerufen; die Russen wenden sich hauptsächlich nach der Mandschurei, um dort den Bau der Eisenbahn zu schützen.
Während des Winters Kriegszüge von Peking und Tientsin aus. Paoting-fu, Hauptstation der Boxer, 19. Okt. besetzt; Erstürmung der Bergfeste Tse-kin-kwa 29. Okt. Russen und Engländer geraten in Streit über den Besitz der Eisenbahn Tientsin-Peking; Waldersee erreicht die Fertigstellung der Bahn bis Mitte Dezember.
1901. März.
Vorrücken der Deutschen bis zur Großen Mauer. 23. April Sieg bei Huolu.
Mai.
Nach Besetzung eines großen Teils der Provinz Petschili und Flucht ihrer Truppen hinter die Große Mauer bewilligt die chinesische Regierung alle Forderungen: Bestrafung der Urheber des Aufruhrs, Befestigung der Gesandtschaftsgebäude in Peking, Schutzwachen der verbündeten Mächte daselbst, Schutz der Eisenbahn von Peking bis zur Küste durch befestigte Plätze mit Garnisonen, Schleifung der Küstenforts, Zahlung von 450 Mill. Taels (1350 Mill. Mark) in 39 Jahren aus den Erträgen der Seezölle, deren Verwaltung von Beamten der verbündeten Mächte geleitet wird (S. 368).
Nach dem Abzug der verbündeten Truppen bleiben größere Besatzungen, namentlich in Tientsin und Schanghai. Prinz Tschun, Bruder des Kaisers von China, überreicht (Sept.) dem Deutschen Kaiser in Potsdam ein Entschuldigungsschreiben wegen Ermordung des Gesandten; diesem in Peking ein Denkmal errichtet.
Die Erschließung Chinas in den folgenden Jahren durch, eine Reihe von Eisenbahnbauten (auch amerikanisches Kapital beteiligt) gefördert. 1906 schon 6300 engl. Meilen in Betrieb. Lebhafter Dampfschiffsverkehr auf den großen Strömen.
1905.
Die Mandschurei an China zurückgegeben (S. 423). »Offene Tür« daselbst allen Mächten garantiert.
1909.
Streitigkeiten mit Rußland und Japan über die Abgrenzung der Rechte in der Mandschurei geregelt. Der Tumenfluß als Grenze zwischen der Mandschurei und Korea festgesetzt. 1911 Pest in der Mandschurei (Charbin).
Das Eindringen der europäischen Kultur und der Vergleich mit Japan erwecken in weiten Kreisen den Wunsch nach zeitgemäßen Reformen. Manche Vizekönige Anhänger dieser Reformpartei, z. B. Juanschikai. Er wird 1909 abgesetzt, weil er die Gleichstellung der Mandschu mit den Chinesen und die Beseitigung ihrer Renten gefordert hatte. 1910 die Abschaffung der Sklaverei von der Regierung verfügt. Vorbereitungen für die Berufung eines Parlaments getroffen. Kaiserlicher Erlaß über die Bildung eines verantwortlichen Ministeriums.
1911.
In den südlichen Provinzen (Kanton) bricht eine Revolution aus. Beseitigung der Mandschudynastie gefordert. Hankau erobert (Eingreifen deutscher Marinetruppen zu Gunsten der Regierung), ebenso Nanking. Dr. Sunyatsen Leiter der Revolutionäre. Juanschikai erhält Vollmacht zu allen ihm geeignet erscheinenden Maßregeln. Kaiserlicher Erlaß verheißt Einführung einer Verfassung und Amnestie. Juanschikai Ministerpräsident. Der Prinzregent Tsaifeng (Kaiser Pu Yi geb. 1906) leistet den Eid auf die Verfassung. Waffenstillstand. In Schanghai Versammlung der Abgeordneten der 14 südlichen Provinzen. Sunyatsen vorläufig zum Präsidenten der »Vereinigten Staaten von China« gewählt. Abfall der Mongolei (S. 403). Juanschikai sucht eine konstitutionelle Monarchie unter den Mandschu zu erhalten. Als die Aufständischen Truppen gegen die nördlichen Provinzen senden, erfolgt die
1912. Febr.
Abdankung der Mandschudynastie (S. 251). China Republik. Juanschikai Präsident.
Japan seit seinem Siege über China (S. 420) die herrschende Macht in Ostasien. Korea gerät immer mehr unter japanischen Einfluß.
1904–1905.
Krieg zwischen Rußland und Japan wegen der beiderseitigen Ansprüche auf Korea und die Mandschurei. Japan seit 1902 mit England verbündet, doch greift England in den Krieg nicht ein. Die japanische Flotte blockiert Port Arthur und Wladiwostok; japanische Landtruppen besetzen einen Teil von Korea, dringen nach der Mandschurei vor, siegen 1. Mai 1904 am Jalufluß. Eine zweite Armee landet auf der Halbinsel Liau-tung und schließt Port Arthur von der Landseite ein. Die russische Flotte versucht die Blockade zu brechen, wird 10. August mit großem Verlust zur Rückkehr genötigt. Verstärkungen des Landheeres kommen auf der Sibirischen Eisenbahn nur langsam heran.
1904. 24.–31. Aug.
Schlacht bei Liau-jang in der Mandschurei. Die Japaner (160000 Mann unter Marschall Ojama) drängen die Russen (Gen. Kuropatkin) in hartnäckigen Kämpfen zurück.
15.–18. Okt.
Schlacht am Flusse Schaho; Kuropatkins Angriffe mißlingen.
1905. 2. Jan.
Port Arthur, von Gen. Stössel verteidigt, kapituliert (Gen. Nogi); über 40000 Mann kriegsgefangen.
24. Febr. bis 10. März.
Schlacht bei Mukden; die Russen müssen nach starken Verlusten (90000 Mann) weichen, behaupten sich aber noch in der Mandschurei.
1905. 27.–28. Mai.
Seeschlacht bei Tschuschima (Insel in der Straße von Korea). Die russische Ostsee-Flotte (16 große Schiffe, 4 kleine Kreuzer) von Admiral Togo annähernd vernichtet.
Juli.
Die Japaner besetzen den südlichen Teil der Insel Sachalin.
1905. 5. Sept.
Friede zu Portsmouth (amerikanische Küstenstadt unweit Boston) unter Vermittlung des Präsidenten Roosevelt. Japan erhält die Schutzherrschaft über Korea, Port Arthur mit umliegendem Gebiet, Sachalin bis zum 50. Breitengrad. Rußland zahlt keine Kriegsentschädigung, behält Wladiwostok und sein Amur-Gebiet. Die Mandschurei soll an China zurückgegeben werden, doch behalten Japan und Rußland ihre dort angelegten Eisenbahnen (s. S. 422).
In den folgenden Jahren macht Japan, dessen Heer überall Bewunderung erweckt hat, weitere Fortschritte auf dem Wege finanzieller Erstarkung und politischer Vorherrschaft auf Korea. 1909 Koreanische Gerichtshoheit, 1910 Polizeigewalt auf Japan übertragen. Fürst Ito, früher Generalresident in Korea, 1909 von einem Koreaner ermordet. 1910 die Annexion Koreas durchgeführt; Kaiser Ytschak dankt ab.
1911.
Bündnis zwischen Rußland und Japan (S. 402 f.). Infolgedessen Revision des englisch-japanischen Bündnisses von 1902 (S. 422). Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika (S. 419).
§ 20. Entwickelung der deutschen Kolonien.
Gründung s. S. 395. Zweck: Gewinnung von Rohprodukten; Absatzgebiete für den heimischen Handel und Besiedelung. Das Reich stellte auf Nachsuchen die kaufmännischen Niederlassungen unter seinen Schutz, zur Sicherung gegen fremde Herrschaft (Deutsche Schutzgebiete). Die Kolonisation begann an den Küsten und dehnte sich allmählich in das Innere aus; hierfür von größtem Einfluß die Erschließung durch Eisenbahnen und die Wasserversorgung. Sicherung durch Schutzverträge mit den einheimischen Häuptlingen mit Handelsvorteilen, namentlich für europäische Waren. Verwaltung durch Gouverneure mit Bezirksämtern und Stationen; militärische Sicherung durch die Schutztruppen.
Erweiterung der Kolonien (S. 396, 397, 405). Der deutsche Kolonialbesitz ist jetzt über fünfmal größer als das Heimatsgebiet, hat aber kaum ein Viertel der Einwohnerzahl. Am Handelsergebnis der Kolonien (Einfuhr und Ausfuhr) war Deutschland 1910 mit 66,3 v. H. beteiligt. Regelmäßige Seeverbindung durch Hamburg-Amerika- und Woermann-Linie nach der afrikanischen Westküste, Norddeutschen Lloyd (Bremen) und Reichspostdampfer nach Ostafrika, Australien und Ostasien. Telegraphische Verbindung fehlt noch nach den Besitzungen in der Südsee; deutsche Seekabelverbindung schreitet kräftig fort, ist aber nur nach Ostasien von fremden Leitungen unabhängig; besonders nach Ostafrika sind englische Kabel beteiligt. Funkenstationen in allen afrikanischen Kolonien und in Kiautschou.
Deutsche Kolonialgesellschaft in Berlin (Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg), Kolonialinstitut in Hamburg und mehrere Kolonialschulen.
1. Südwestafrika (835100 qkm). Missionsstationen bestanden seit 1860 im Damara- und Namaqualande; das Küstengebiet Angra Pequena wurde 1883 von dem Bremer Kaufmann Lüderitz erworben; 1884 Erweiterung durch Verträge mit den einheimischen Häuptlingen; 1893 der Hafen Swakopmund angelegt.
1894.
Gouverneur Leutwein geht mit der verstärkten Schutztruppe gegen unzuverlässige Häuptlinge vor. Nach den Gefechten bei Naukluft verbündet sich Hendrik Witboi mit den Deutschen und leistet Hilfe bei ferneren Kämpfen, so noch 1903 gegen die Bondelzwarts-Hottentotten.
1904–1906.
Allgemeiner Aufstand gegen die auf weites Gebiet verteilte Schutztruppe. Die Hereros zerstören die Eisenbahn Swakopmund–Windhuk und ermorden viele Ansiedler. Mühsame Kriegführung in dem wasserarmen, vielfach gebirgigen Lande. Die Schutztruppe verteidigt Omaruru und andere Stationen, wird unterstützt durch ein Landungskorps vom Kreuzer Habicht, dann durch das Seebataillon; bald erscheint eine kriegsstarke Division, gebildet aus Freiwilligen des ganzen deutschen Heeres.
1904. 11. u. 12. Aug.
Sieg des Generals v. Trotha am Waterberge; er drängt die Hereros nach Osten in die Kalahariwüste, wo viele umkommen. Darauf allmähliche Unterwerfung des nördlichen Landesteils, aber im Süden erhebt sich nun Witboi gegen die Deutschen.
1905.
Hartnäckige Kämpfe um die Wasserstelle bei Groß-Nabas, dann in den Karasbergen und am Großen Fischfluß; Witboi †. Der deutsche Reichstag bewilligt den Bau der Eisenbahn Lüderitzbucht–Kubub (100km).
1906.
Kämpfe am Oranjefluß; Oberstlt. v. Estorff drängt die Hottentotten nach Osten. Ihr Führer Morenga flüchtet auf englisches Gebiet, versucht 1907 nochmals in das inzwischen unterworfene Land einzudringen, wird in einem Gefecht mit englischen Truppen getötet. Der Reichstag bewilligt 5 Mill. Mark für die Verluste der Ansiedler.
Gesamtbevölkerung 1911: rund 14000 Weiße und 72000 Farbige, also nur 0,1 Einwohner auf l qkm. Jede Selbständigkeit der Häuptlinge hat aufgehört. Regierungssitz: Windhuk. Wassererschließung schreitet fort. Eisenbahnen: 1909 km im Betrieb, 217 km im Bau. Ausfuhr vornehmlich: Diamanten und Kupfererze, ferner Blei, Häute, Straußenfedern und Vieh. Handelsergebnis 1910: Ausfuhr für über 34½ Mill. Mark. Einfuhr für rund 44½ Mill. Mark.
2. Ostafrika (995000 qkm). Verkehr nach Sansibar seit etwa 1860; Landerwerbungen 1884 im Auftrage der Gesellschaft für deutsche Kolonisation durch K. Peters, Jühlke, Graf Pfeil, 1885 vom Sultan von Sansibar anerkannt nach dem Erscheinen deutscher Kriegsschiffe.
1888–1890.
Aufstand der Eingeborenen, veranlaßt durch arabische Sklavenhändler (Buschiri), niedergeworfen durch Kriegszüge des Reichskommissars Major Wißmann unter Mitwirkung von Kriegsschiffen.
1889.
K. Peters dringt nach Uganda vor (Nordufer des Victoria-Nyanza) und schließt dort Verträge; die Ostafrikanische Handelsgesellschaft erwirbt das Wituland (nördlich von Sansibar); beide Gebiete werden 1890 an England überlassen (S. 407).
1905–1906.
Aufstände im Süden durch die Schutztruppe niedergeschlagen.
Gesamtbevölkerung 1911: 4230 Weiße und etwa 10 Mill. Farbige. Gute Häfen, hierunter der Regierungssitz Daressalam und Tanga, welche Ausgangspunkte der beiden Bahnlinien sind (1199 km im Betrieb, die Zentralbahn wird von Tabora nach dem Tanganjika-See weitergeführt). Die Siedelungen am Viktoria-See sind noch auf Karawanenstraßen und die englische Ugandabahn angewiesen. Die Sultane westlich des Sees stehen unter Kaiserlichen Residenten.
Wirtschaftlich maßgebend sind Ackerbau und Viehzucht. Der Hauptertrag wird im Lande verzehrt. Zur Ausfuhr kommen vornehmlich: Kautschuk, Hanf, Häute, Kopra. Handelsergebnis 1910: Einfuhr für fast 38½ Mill. Mark, Ausfuhr für 20¾ Mill. Mark.
3. Kamerun, bisher 495600 qkm mit rund 1450 Weißen und über 2½ Mill. Farbigen, also 5,4 Einw. auf 1 qkm. Regierungssitz Buea, Hafen Duala. Eisenbahnen 160 km im Betrieb, 360 km im Bau. Zur Ausfuhr kommen vornehmlich: Kautschuk, Palmkerne, Kakao, Palmöl, Elfenbein. Handelsergebnis 1910: Ausfuhr für rund 20 Mill. Mark, Einfuhr für rund 25½ Mill. Mark.
1911.
Nordmakas Aufstand (Major Dominik †). Erweiterung usw. durch das Marokkoabkommen (s. S. 405).
4. Togo, 87200 qkm mit rund 360 Weißen und 1 Mill. Farbigen. Regierungssitz und Haupthafen Lome, von wo drei Bahnen ausgehen (im Ganzen 323 km im Betrieb). Vornehmliche Ausfuhr: Palmkerne, Palmöl, Kautschuk, Baumwolle. Handelsergebnis 1910: Ausfuhr für rund 7¼ Mill. Mark, Einfuhr für rund 11½ Mill. Mark.
5. Neu-Guinea, Regierungssitz Rabaul (Neupommern). a) Altes Schutzgebiet, erworben 1884/85: Kaiser Wilhelmsland und Bismarck-Archipel: zusammen 240000 qkm mit rund 750 Weißen und 530000 Farbigen. Friedrich Wilhelmshafen, keine Eisenbahnen. Vornehmliche Ausfuhr: Kopra, Paradiesvögel, Perlmutter, Kakao. Handelsergebnis 1910: Ausfuhr für fast 3¾ Mill. Mark, Einfuhr für fast 4 Mill. Mark; b) Inselgebiet seit 1898 erworben: Ost- und Westkarolinen, Palau, Marianen, Marschall-Inseln, zusammen 2476 qkm mit rund 1000 Weißen und 65000 Farbigen (Insel Guam gehört zur Union).
1910–1911. Dez. Febr.
Aufstand auf Ponape und Dschokadsch (Ostkarolinen) niedergeworfen durch Landungstruppen von 4 deutschen Kriegsschiffen. Vornehmliche Ausfuhr: Phosphat, Kopra, Trepang. Handelsergebnis 1910: Ausfuhr für rund 10 Mill. Mark, Einfuhr für rund 2 Mill. Mark.
6. Samoa-Inseln (2572 qkm) mit 491 Weißen und 40000 Farbigen (1911). Schon 1879 erwarb das Deutsche Reich hier eine Marinestation, um den von Hamburger Kaufleuten begründeten Handel zu schützen. 1889 Vertrag mit England und Nordamerika, um den Parteikämpfen der einheimischen Könige ein Ende zu machen; 1899 Aufhebung des Königtums. Deutschland erwirbt die vier westlichen Inseln (S. 407). Hafenstadt Apia auf der Insel Upolu. Fruchtbares Land; Ausfuhr von Kopra und Kakao. Handelsergebnis 1910: Ausfuhr und Einfuhr für je rund 3½ Mill. Mark. Das Christentum schon seit 1830 eingeführt durch englische Missionare.
7. Kiautschou (550 qkm), 1898 auf 99 Jahre gepachtet, jetzt 1680 Weiße (ohne Truppen) und 162000 Eingeborene. Hafenstadt Tsingtau, gute Handels- und Flottenstation, Ausgangspunkt der nordost-chinesischen Eisenbahnen. Im Hinterlande reiche Steinkohlenlager.