Zweiter Abschnitt.
Verdacht. — Der Pastor der Johanniskirche. — Sein Nachfolger bei dem Senator. — Der Doctor in seinem Hause. — Die Kupferstecher-Familie. — Justinens geheimer Ausgang. — Die Messe. — Die Wittwe des bei Denain gebliebenen Offiziers. — Die Beichte. — Des Doctors Tagewerk. — Geschichte eines Schauspielers. — Der unerwartete Fremde. —
Es bestätigte sich durch den von Amsterdam eingelaufenen Brief, der den Commissarien des Gerichts schuldigerweise vorgelegt wurde, daß der in des Senators Hause verschiedene Fremde nicht van den Höcken gewesen; aus dem Inventarium dagegen, welches über den an Creditbriefen, Empfehlungsschreiben, kostbarem Leibgeräthe und beträchtlichen Pretiosen reich ausgestatteten Nachlaß des Verstorbenen aufgerichtet wurde, schien nicht undeutlich hervorzugehen, daß Herrn Birsher den Aeltern von New-York selbst das Unglück betroffen. Vor Allem rechtfertigte diese Muthmaßung ein reicher Frauenschmuck, der sich vorfand, in ein artiges Etui gepackt, auf welchem mit Goldschrift die Worte standen: »Meiner vielgeliebten künftigen Schwiegertochter und Freundin, Justine Müssinger, zum Hochzeitsgeschenke.« —
Der Anblick dieses Schmucks, den ein galanter Commissarius der Verlobten vorwies, regte in derselben erst deutlich die Beziehung an, in welche sie zu dem Dahingegangenen hatte treten sollen. Seine letzten Worte vergegenwärtigten sich ihr wieder aufs Neue, und ihr Gemüth ergriff eine stille Wehmuth, wie sie noch nie empfunden. Sie wäre selbst krank geworden, wenn die Umstände eine längere Pflege an des Vaters Bette erheischt hätten. Der Senator genas indessen wie durch ein Wunder, plötzlich am Tage der Bestattung seines Gastes. Durch die tobenden Vorzeichen einer furchtbaren Nervenkrankheit hatte sich seine starke Natur gearbeitet, aber der fliehende Feind rächte sich demungeachtet. Die Paar Tage streiften die Schärfe und klare Bestimmtheit seines cholerischen Temperaments von ihm. Haltung und Gang, Gesichtsfarbe und Rede, — Alles war anders geworden; aus dem heftigen, gerade durchgehenden Manne ein scheuer schwermüthiger Mensch, der seiner Arbeiten nicht mehr froh wurde, nicht mehr polterte und lärmte, aber dafür gern innerhalb seiner vier Wände für sich allein brütete und glossirte.
Dieses Benehmen, das schon am Begräbnißtage deutlich hervortrat, ermangelte nicht die gebührende Aufmerksamkeit zu erregen. Die plötzliche Schreckensbegebenheit hatte Aufsehen gemacht; die vorangehenden Ereignisse, wie der Ort, die Stunde und alle Einzelnheiten des Sterbefalls, waren geschickt, zu allerlei Verarbeitung zu dienen. Ein entehrendes Gerücht hatte sich plötzlich auf tausend Zungen verbreitet, und selbst im Senate seinen Sitz gefaßt. Die Mehrzahl des Rathes jedoch, — eifersüchtig auf dessen Vorrechte, und die Bewahrung eines unbefleckten Rufs der Glieder desselben, — bemühte sich, jede Ahnung, jede Vermuthung niederzuschlagen, die der bürgerlichen Existenz des Collegen Müssinger hätte schädlich werden können; und jede Angabe, und jede noch so leise Hindeutung auf obige Begebenheit wurde mit Gewalt unterdrückt, während der Gegenstand dieser Anklagen durch sein auffallend verändertes Betragen, dem bloßen Verdacht einen Dolch nach dem Andern in die Hände gab. Die wenigen Besucher mieden das Haus des Senators; er erschien am nächsten Sonntage mit seiner Familie in der Kirche: nach seinem Betstübchen starrte die gaffende Menge, aber aus seiner Nähe entfernten sich alle diejenigen, die sonst während des Gottesdienstes gute Nachbarschaft mit ihm gehalten hatten. Frau Jacobine merkte es nicht, Dank ihrer Stumpfsinnigkeit; Justine nicht, denn ihre Unbefangenheit hatte keine Ahnung von dem gräßlichen Verdacht; aber dem Senator, der dieses wohl verstand, zehrte es, wie ein Wurm am Herzen. Er wurde immer verschlossener. Zwischen ihm und der Mutter fielen die Worte immer seltener; Justine litt unter den Folgen dieser übeln Verstimmung, und ihr einziger Trost wurde jetzt, da sie — ihr unbegreiflich — keine ihrer Freundinnen mehr bei sich sah, oder zu Hause fand, die englische Lehrstunde, zu der sich James wieder, nach den drei Tagen, eingefunden hatte. Mit keiner Sylbe der vorangegangenen Mißhelligkeit gedenkend, suchte Justine durch ein sittlich mildes Betragen ihre Uebereilung gut zu machen, und James war nicht unversöhnlich. Es stellte sich ein gewisses Vertrauen zwischen den beiden jungen Leuten her. Justine benutzte den ersten Augenblick, in welchem sie ungestört waren, es zu befestigen. Ernst und nachdenkend saß sie dem vortragenden Lehrer gegenüber, und sagte, indem sie ihn bat, das Buch wegzulegen: »Wir wollen plaudern, mein Herr, und uns gegenseitig wundern, wie wir so plötzlich für einander passend geworden sind. Ich habe Eurer Prophetenkunst schreiendes Unrecht angethan, und muß dieselbe leider jetzo anerkennen. Der Abend jenes Samstags war der letzte glückliche in unserm Hause. Heiterkeit und geräuschvolles Leben sind daraus entschwunden, und es kommt mir beinahe vor, als wenn man von außen her unser Unglück uns recht fühlbar zu machen suchte.«
»Dem Unglücklichen ist Mißgunst näher, als der Trost;« meinte James. »Ich selbst habe, als Flüchtling, diese Erfahrung oft genug gemacht. Indessen haben auch die Blumen der Freude ihre Zeit der Wiederkehr. Der Sturm zernichtet nicht immer; er entwickelt auch Blüthen.«
»In unserm Hause?« fragte Justine ungläubig: »O nein, mein guter Herr. Die Mutter, — Ihr kennt sie. Der Vater ist heute noch einmal so finster und verdrossen geworden. Uns wurde durch einen Amsterdamer Brief die Gewißheit, daß Herr Birsher in unserm Hause verblichen.«
»Was ihn nur bewogen haben mag, die fremde Maske vorzunehmen?« —
»Er wollte uns kennen lernen, selber unerkannt. Ein Scherz, der, sich unbewußt, den Trauermantel auf den Schultern trug.« —
»Der Mensch sei auf sein Ende gefaßt, jederzeit,« entgegnete James! »Genug indessen von dem traurigen Gegenstande. Fröhlichkeit steht Ihnen besser, als Betrübniß; und die Braut hat ja den Bräutigam nicht verloren!«
»Ich verbitte mir die Anspielung,« sagte Justine lebhaft: »Herrn Birsher's Sinn wird sich wohl anders wenden. Mir vergingen auch alle Heirathsgedanken, stünde ich am Sarge meines Vaters. — Mein guter Vater!« setzte sie seufzend hinzu, in die stille Wehmuth versinkend, die, in ihrem Schmerze selbst, uns wohl thut.
»Erheitern Sie sich!« erwähnte James, sich zu ihr beugend. »Hören Sie mich. Der Schmerz bedarf nur eines Ableiters, um gemäßigt und ruhig hinzufließen, wie ein geräuschloser Strom in seinem Bette. Was wäre wohl zu diesem Zwecke geeigneter, als eine gute That? Im Ungemach ist ja ohnehin das Herz weicher, geneigt zum Mitgefühl, weil der Kummer ihm nicht mehr ein fremder ist. Ich nehme mir daher den Muth, Ihrem Tiefsinn eine andere Richtung gebend, im Namen einer sehr bedrängten Frau Ihr Mitleid, Ihre Freigebigkeit aufzufordern. Fürchten Sie keinen Mißbrauch Ihrer Güte, hoffen Sie aber auf den Segen von Oben.«
»Nicht so viel Worte, Monsieur,« sprach das Mädchen, bereitwillig, der neuen Wendung des Gesprächs zu folgen: »Man überredet mich selten, wenn nicht schon mein Kopf und mein Gefühl gewonnen sind. Ich helfe gern, bin auch nicht hart, wie oft die Leute sagen; ich bin auch nicht so leichtsinnig, fremde Noth nicht zu bemerken und zu bedauern. Redet, wer ist die Frau?«
»Eines französischen Offiziers Wittwe. Ihr Mann blieb in dem Treffen bei Denain. Villars empfahl die unglückliche Frau der königlichen Gnade, aber Ludwig vergaß der Armen. Der Regent mißhandelte sie sogar, als sie es wagte, nach des Königs Tode bittend und flehend ihr Recht geltend zu machen. Aus der Hauptstadt verwiesen, fristete sie in ihrer Heimath durch Handarbeit kümmerlich ihr Leben. Endlich schien ihr das Glück wieder zu leuchten. Eine sächsische Herrschaft, rückkehrend aus den Bädern zu Aix schlug ihr vor, sie als Gouvernante der Kinder nach Dresden zu nehmen. Von allen Hülfsmitteln entblößt schlug Madame de Laynez willig ein, schied vom Vaterlande, um in Sachsen eine neue Lebensbahn zu betreten, kam aber nur bis in diese Mauern. Von einer heftigen Krankheit befallen, mußte sie hier zurückbleiben. Ihre Gebieter hinterließen ihr eine dürftige Geldsumme, und sagten sich von ihr los. Mehrere Monden hindurch schwebte die Verlassene zwischen Tod und Leben. Das Mitleid gefühlvoller Menschen rettete sie endlich vom Grabe, aber ihre völlige Genesung geht langsam von Statten. Mangel drückt sie, und es bleibt ihr nichts übrig, als auf's Neue sich an die Theilnahme wahrer Christen zu wenden.«
James hatte kaum geendet, und schon lag Justinens ansehnlich gefüllte Börse in seiner Hand. — »Kein Wort!« gebot sie, da er sprechen wollte: »nichts davon. Gebt, helft, rettet! Es soll nicht dabei bleiben, wenn es mir gelingt, den Vater in günstiger Stunde für die Bedrängte zu gewinnen.« —
Eilig ging sie davon, damit James nicht die Bewegung sehen sollte, die sich auf ihrem holden Antlitz kund gab. Aber der junge Mann hatte scharfe Augen. Es war ihm nicht entgangen, daß die ganze Fülle der herrlichen Seele aus Justinens Zügen gesprochen, und, selig überrascht von einem Anblick, wie er ihn noch nie gehabt, sah er der Fliehenden sehnsüchtig nach.
»Welch ein Mädchen!« seufzte er: »und ich — täglich fühle ich mein Unglück mehr, und darf nicht wanken und nicht weichen von der Stelle, die mir so gefährlich wird.«
Justinens Gabe im Busen verbergend, schied er, um heim zu kehren. Unten im Hause war viel Geräusch. Geldsäcke wurden gewogen, Thaler klangen; die Diener gingen geschäftig hin und her; Nothhaft stieß im Vorbeigehen mit dem Ellenbogen an James Arm, und machte ein sehr herrisches Gesicht, als der Engländer sich befremdet nach ihm umsah. — »Der muß mir auch aus dem Hause, und wenn's mich tausend Gulden kosten sollte!« murmelte der Diener, dem Engländer nachsehend, zwischen den Zähnen. Berndt, der eben in's Haus getreten war, hörte die Rede. »Warum so giftig, lieber Bruder?« fragte er lächelnd: »giftig und freigebig obendrein? Du wirfst mit Tausenden um dich? Glück zu!« — »Ist's ein Wunder?« sagte Nothhaft hierauf: »Baar Geld macht Muth. Wir schwimmen ja in Geld, siehst du. Laß uns daher auch in Gottes Namen davon reden, und lüderliche Schmeißfliegen damit todt schlagen.«
»Ich verstehe dich nicht, Herr Bruder,« versetzte Berndt achselzuckend, »aber ich sehe, daß deine Prophezeihung nicht falscher hätte sein können. Statt des Bankerotts strömt der Segen Gottes in das Haus.«
»Erbschaft! unverdientes Glück!« versicherte Nothhaft leise: »Wer weiß, ob ich so Unrecht hatte;.... doch — Stille! —« Er schlug sich bedeutend auf den Mund. »Wer weiß auch« — fügte er hinzu, wichtig und geheim — »wem's die Firma verdankt, daß sie noch mit Ehren steht?«
»Wichtigkeitskrämer!« lächelte Berndt ungläubig: »Du spreizest dich so absonderlich, daß — wer nicht wüßte, welch' ein Windbeutel du bist, — glauben sollte, du errathest auf's Haar, was unser Herr denkt und beschließt. Glück auf, zu dem Vertrauen, Herr Geheimhorcher! empfehle mich zu Gnaden!«
»Ei, des breitmäuligen Augenverdrehers!« schalt Nothhaft verächtlich: »wir wollen sehen, wer am Ende hier im Sattel bleibt. Du bist ein Esel, sonst hättest du schon gemerkt, daß meine Aktien um 200 Prozent besser stehen, als ehedem.«
»Gott sei mir vor dem Prahler gnädig,« sagte Berndt, den Kopf schüttelnd: »der Prinzipal redet mit dir so wenig, als mit mir, und die Jungfer macht dir immer ein verdrüßlich Gesicht.«
»Soll bald ein freundlicheres machen,« versicherte Nothhaft hochmüthig.
»So?« fragte Berndt, dessen Neid allgemein rege wurde: »Du mein Jesulein! darf man schon Glück wünschen, Herr Hochzeiter?«
»Narren sagen oft die Wahrheit;« erwiderte Nothhaft, noch patziger als zuvor, und Berndt versetzte giftiger: »Gratulire also, Herr Associé und Schwiegersohn. Wird bald heißen: Müssinger und Compagnie? Charmant. Nun begreife ich erst, warum ich den Pastor Lammer zum Herrn habe bitten müssen. Das Aufgebot wird gewiß bereits bestellt? Nun, viel Succeß und geneigte Protektion, werthester Herr College! Vergessen Sie Dero getreusten Diener nicht im Glücke!«
»O du miserabler, kothiger Adam!« spottete Nothhaft. Der Buchhalter klopfte aber an's Comptoirfenster, und rief: »Soll ich euch Stühle hinaussetzen zu bequemerer Conversation, ihr Lungerer? Herein, hier giebt's zu thun, ihr, des lieben Herrgotts Müssiggänger!«
Berndt schwenzelte, der Amtspflicht getreu, schnell in die Schreibstube, Nothhaft zögerte stätig. Indessen trat bereits der Pastor der Johanniskirche im Amtsrock in das Haus. — »Der Herr Senator oben?« fragte er vornehm und schleppend. Nothhaft bejahte freundlichst, und schlich mit einem bedeutenden: »Aha!« an sein Pult.
Der Senator empfing den Pastor an der Thüre seines Zimmers, und bewillkommte ihn so freundlich, als ein im Gemüth Verletzter nur vermag. Der Geistliche nahm dieses Entgegenkommen als eine ihm gebührende Huldigung an, und antwortete darauf ohne sichtbare Herablassung.
»Ich bin wahrlich neugierig, Herr Senator,« sagte er, »zu erfahren, zu welchem Endzweck ich hier bin. Unter allen den, meiner geistlichen Pflege Empfohlenen, haben Sie mir noch am wenigsten zu schaffen gemacht. Mein Amt legt mir indessen die Pflicht auf, einem Jeden Gehör zu schenken; dem Sterbenden, dem Frommen und dem Sünder. Das Erste sind Sie nicht; das Zweite?.. will ich nicht beschwören. Was befehlen Sie?«
»Sündig sind alle Menschen vor Gott und seiner Kirche;« entgegnete der Senator melancholisch und achselzuckend: »Die Frömmigkeit ist dagegen nur ein Gnadengeschenk. Ich habe Sie, würdiger Herr, für jetzt ersuchen wollen, der Spender einer Gabe zu sein, die ich der Armuth bestimme. Vertheilen Sie nach Ihrem Gutdünken diese Summen unter diejenigen Bedürftigen, die Ihnen der Unterstützung am würdigsten scheinen.«
Der Pastor wog die ansehnliche Rolle in der Hand, und ein Schimmer von Behagen flog über sein düstres Gesicht. Im nächsten Augenblicke war es jedoch wieder Stein, wie zuvor. »In Gottes Namen,« sprach er, und ließ das Geld in die weite Tasche seines Priesterrockes gleiten: »Der Armuth sei dies Scherflein gesegnet. Ew. Hochedlen Freigebigkeit kömmt mir unerwartet.«
»Der Himmel hat mich mit einer reichen Erbschaft bedacht,« antwortete der Senator seufzend: »ich opfere einen kleinen Theil derselben auf den Tisch der Dürftigen. Sie mögen für einen Unglücklichen beten.«
Der Prediger faßte den Handelsherrn scharf in's Auge. »Für einen Sünder?« fragte er betonend, und da keine Antwort erfolgte, fuhr er gemessen und drohend fort: »Der Unglückliche, von Gott gewichene, betrüge sich nur nicht. Geld und Gut ist eine schöne Sache, insoferne man damit Christum speist; aber eitel Schlacken vor dem großen Richter der Welt, will man damit eine Missethat abkaufen. Die Buße ist unfruchtbar, wenn nicht herzliche Reue die Brust des Verirrten erfüllt; unfruchtbar, und wenn er Millionen in Klingelbeutel oder Armenbüchsen wärfe.«
Der Senator sah den Pastor erstaunt und erbleichend an, bedachte sich einen Augenblick, und erwiderte alsdann mit niedergeschlagenen Augen: »Ich begreife Ew. Ehrwürden nicht. Man kann unglücklich sein, ohne gesündigt zu haben. Der Sünder selbst jedoch kehrt sich freudig zur Reue, wenn man ihm nur glauben will; wenn er nur das Vertrauen haben darf, daß ihm einst vergeben werde.«
»Einst? einst?« versetzte der Pastor mit überlegendem Blick gen Himmel: »Ja, einst vielleicht; denn Gottes Barmherzigkeit ist ein tiefer Brunnen. Das entscheidet sich indessen — nach meiner Meinung — erst am letzten Tage des Zorns und der Strafe. Ich halte nämlich dafür, daß kein Mensch auf Erden, selbst nicht ein ordinirter, sich anmaßen dürfe, die Sünden eines Anderen hinwegzunehmen, — sobald sie unter die Schweren gehören. Nur der Herr prüft Herzen und Nieren. Das Gewand der wahren Reue ist ein feines Kleid, aber es muß das Leben hindurch getragen, in's Grab genommen, und dem Herrn am jüngsten Gerichte untadelhaft vorgewiesen werden. Dann mag allerdings seine unendliche Milde vergeben.«
»Sie entfalten eine traurige Zukunft vor meinen Augen,« erwiderte der Senator schwerbekümmert, und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl nieder: »Ihre Kollegen —«
»Sprechen vielleicht anders,« fiel der Geistliche ein: »ich betheure aber, daß sie im Irrthume tappen, und bin bereit, meine Meinung vor jeder Synode durchzufechten. Meine Mitarbeiter im Weinberge sind zum Theil junge Leute, denen der philosophische Kram unserer Zeit den Kopf verwirrt hat. Der alte Lammer geht jedoch nicht ab von seinen Grundsätzen, die er seit fünfzig Jahren gelehrt hat. Er läßt kein Schäflein seiner Heerde davon abgehen, so lange er noch ein rüstiger Hirt ist. Er ist Keiner von den Sanften und Süßen, die nur schmeicheln, wo sie packen, — nur einlullen, wo sie donnern sollten. Trost dem Unglücklichen, denn er ist zu seinem Heil! Krieg dem Sünder, denn er ist wieder zu seinem Heil. Unablässig, bis an seinen Tod, schneide ich ihm das wilde Fleisch aus der Wunde, daß sie frisch blutend vor Gottes Thron komme, und ich dann sagen darf: Sieh, Herr, dein unwürdiger Knecht hat dir nicht in's Amt gegriffen. Er hat nicht gepfuscht, da, wo Du nur heilen kannst; aber er bringt dir den Kranken, dürstend nach der Genesung, wie in der Stunde, da ihm zuerst sein Uebel unerträglich wurde!«
Eine heftige Unruhe bemeisterte sich Müssingers, und sein von Schwermuth in Fesseln geschlagener Jähzorn rüttelte gewaltsam an seinen Banden. »Ich weiß nicht,« sagte der Senator, mit Mühe an sich haltend: »wie Sie dazu kommen, Herr Pastor, mir Ihr System so schonungslos darzulegen. Ich kann diejenigen blos bedauern, die, in einem Fehltritt befangen, von Ihnen Trost und Erlassung begehren, und wünsche Ew. Ehrwürden recht wohl und lange zu leben!« —
Der Pastor bückte sich, und versetzte spitzig: »Alles, wie Gott will, Ew. Hochedeln. Der alte Lammer stirbt gern, wenn seine Uhr abgelaufen ist. Der Herr schenke Allen einen sanften Tod. Meine Worte bereue ich jedoch nicht, denn ich glaubte sie hier vonnöthen. Uebrigens hat unsere Unterredung sicherlich ein anderes Ende erreicht, als wir beide hofften, Herr Senator, nicht wahr? Ich bin nicht böse deshalb, und wünsche kein Vertrauen, das ich nicht mit der sündlichen Willfährigkeit vergelten könnte, die man von mir erwartet. Die offne Beichte in der Kirche steht Ihnen frei. Werde mit seinem Gewissen fertig, wer da kann. Sapienti sat, Herr Senator, und: Gott bess're Sie!«
»Was ist das? Was sagen Sie da?« fuhr der Senator auf. Lammer zog aber bereits die Thüre hinter sich zu. Müssinger schritt im Zimmer auf und nieder, und rang die Hände. Steht mir denn das Zeichen auf die Stirne gebrannt? fragte er sich mit erstickter Stimme: Die blöden Augen dieses Wolfs im Hirtenkleide selbst scheinen errathen zu haben, ... o gewiß!... und der Mensch kann so unbarmherzig sein!... und der Mann ist Protestant? O der herzlosen, steifen Eiferer! was sie berühren, wird Eis oder Thräne. Hätte ich, wie ein altes Weib, auch in der Woche die Kirche besucht, keine Nachmittagspredigt, keine Bet- und Vorbereitungsstunde versäumt, dem Klingelbeutel reichlicher gegeben, und den Schwarzröcken Ueberfluß in Küche und Kasten geliefert, — der harte Mensch würde nun nicht so widrig mit mir gesprochen haben, da ihm sonst Worte weit wohlfeiler sind, als der Heller, den der Geizige, selten genug, einem Bettler spendet! Warum habe ich auch nur einen Schritt versucht, mich der Kirche wieder zu nähern, die Alles gethan zu haben glaubt, ist die trockene Predigt und das Geplärre des Lieds vorüber! — Warum? setzte er fragend und gemäßigter bei: Warum? Ach! drückt nicht hier auf meiner Brust eine Last, unter welcher ich erliege? Ist es nicht verzeihlich, daß ich in der Angst meiner Seele Linderung suche und Trost? Aber nun fehlt mir der Muth, und ich fürchte ...
Ein bescheidenes Klopfen unterbrach seine Betrachtungen. Fast erschreckt eilte er an die Thüre, öffnete, und sah, sehr überrascht, den Doctor Leupold draußen stehen. Er konnte sich nicht Rechenschaft geben, warum der Anblick des Mannes ihn freundlicher ansprach, als er wohl zuweilen gehofft hatte, wenn er sich die Möglichkeit gedacht, ihm wieder zu begegnen. Er bewillkommte ihn mit einiger Auszeichnung, und führte ihn bei sich ein. Der Doctor entschuldigte sich tausendmal um der Störung willen, die er vielleicht verursache, und ließ im freundlichsten Tone das Wort fallen, daß sein Besuch wohl eben so gut hätte unterbleiben können.
»Mein Herr Doctor,« sagte der Senator hierauf verbindlich: »die Besuche werther Freunde, denen wir Dank schuldig sind, sollten nie unterbleiben. Sie lehren mich ohnehin, was ich schon längst hätte thun sollen. Sie verzeihen jedoch; eine Fluth von Begebenheiten raubte mir die Muße, Ihre Wohnung aufzusuchen.«
»Unnöthig,« versicherte der Doctor: »ich dachte nicht daran, Sie an einen sehr erläßlichen Besuch mahnen zu wollen. Mein Gang in Ihr Haus hatte einen anderen Zweck; ... allein — und ich darf sagen — mit Vergnügen sehe ich, daß er wohl vereitelt ist.«
»Ein Zweck?... vereitelt?...« fragte Müssinger. »Wie so? erklären Sie sich.«
»Sie setzen mich durch Ihre Frage in Verlegenheit,« sagte Leupold hierauf zögernd: »indessen darf der Mensch, wenn er sich seines Wollens nicht zu schämen hat, wohl reden, ohne den Vorwurf der Ruhmredigkeit auf sich zu laden. Ich habe hier einige Wechsel auf St. Sebastian und Brasilien. Das Haus Minhaô ist solid, die Summen sind nicht unbedeutend, bald fällig. Ich hatte den Auftrag, Ihnen dieselben auf eine gewisse Zeit zum Genuß gegen äußerst billige Preise anzubieten. Allein, — wie ich beim Eintritt in Ihr Haus bemerkte, so hat der Ueberfluß Ihnen auf's Neue die Hand gereicht, und durch ihn wird meine wohlgemeinte Hülfe überflüssig.«
Der Senator erhob bewundernd seine Augen, ergriff beide Hände des Doctors, schüttelte sie, und sprach: »Mein Herr, Sie bereiten mir den frohsten Augenblick meines Lebens! Da ich gerade an allem Trost verzweifle, richten Sie, ein Fremder, mich wieder auf. Gott sei Lob, ich bedarf Ihres freundlichen Darlehens nicht; aber — glauben Sie mir, — demungeachtet habe ich's doppelt empfangen.«
»Und somit keine Sylbe mehr davon,« setzte der Doctor ruhig hinzu: »Sie preisen mich unverdient. Eine Gesellschaft von Menschenfreunden wollte Ihnen Ihre Theilname beweisen, und hatte keine Gefahr dabei, da sich Ihre Geschäfte etablirt haben.«
Der Senator nickte seufzend mit dem Kopfe und entgegnete: »Ja, mein Herr, so ist's. Nicht minder jedoch meinen wärmsten Dank der Gesellschaft, von welcher Sie sprachen, und die ich wünschte kennen zu lernen.«
»Das ist Ihnen — hier — unmöglich,« sagte der Doctor: »lassen Sie uns, da ich einmal Ihnen zur Last falle, von etwas Anderem reden. Wie gesagt: Fortuna ist bei Ihnen eingekehrt, und ich freue mich, Ihnen damals auf der Promenade ein gutes Prognostikon gestellt zu haben; allein — Sie selbst — Herr Senator, — scheinen sich nicht im Geringsten zu freuen.«
»Einem Manne gegenüber,« entgegnete Müssinger, »der sich mir als verschwiegener und hülfreicher Freund erwiesen hat, kann ich keine Lüge sagen. Die ... Erbschaft, die mich wieder auf den Gipfel meines vorigen Reichthums hebt, ist mir ganz gleichgültig. Ich bin ein armer, armer Mann. Mein Gemüth ist krank, meine Seele sehnt sich vergebens nach Genesung.«
»Und Religion, — die sicherste Trösterin?« fragte der Doctor mitleidig.
»O, lassen Sie das!« erwiderte der Senator still ergrimmt: »Die Religion ist entartet in ihren Dienern. Weiß Gott, — Herr! wir haben uns in einer sehr bedeutenden Stunde kennen gelernt, — aber — ob ich nicht vielleicht Ursache hätte, jetzt dem Flußbette näher zu stehen, als damals?«
»Ich würde Sie alsdann nicht mehr zurückhalten,« erwiderte der Doctor kalt und ernsthaft: »Sie verdienen hier und jenseits das traurigste Loos, wenn Sie zum zweitenmal wagen, wovon die Vorsehung Sie einmal schon gerettet.«
»Sie wissen nicht ...!« entschlüpfte dem leidenschaftlichen Senator: »Es giebt noch drückendere Schmerzen, als die des Mangels und der Schaam. Die Stimme des Innern ...«
»Sagen Sie nur frei heraus: das Gewissen,« unterbrach ihn der Doctor sanft aber fest: »Um das Gewissen ist es eine kitzliche Sache; freilich. — So lange aber Gott die Quelle aller Liebe, die Kirche eine freundliche Mutter ist, so lange darf selbst der trotzigste Sünder unverrückt auf Gnade und Verzeihung rechnen. Im Zeitlichen wie in der Ewigkeit. Soll denn der Mensch, der ein Verbrechen beging, das er vielleicht in der nächsten Minute bereut, an diesem Unglück verkümmern, rettungslos daran verzweifeln, während sein frisches Leben noch viel des Guten schaffen könnte? In der Strafe selbst liegt Vergebung, und ein Augenblick der Reue des Sünders wiegt manches schuldlose Menschenleben auf.«
»Sie sprechen von Gott, dem Quell aller Liebe?« fragte der Senator scheu. — »Er ist's!« bekräftigte der Doctor. — »Von der Kirche, einer freundlichen Mutter?« — »Sie ist's.«
Der Senator seufzte tief beim Angedenken an Lammers Worte. Der Doctor sagte aber nun mit gemessenem Tone: »Unsere Ansichten weichen ab, wie ich sehe. Es befremdet mich nicht, da ich mich zu einer andern Kirche bekenne, als Sie.« — Dem Senator starb die weitere Frage im Munde, da der Doctor ganz ruhig fortfuhr: »Ich bin Katholik. Von meiner Kirche hab' ich gesprochen: und — wahrlich — sie erfüllt ihre Mutterpflichten tüchtiger als Eine.« —
Müssinger bückte sich verlegen. Der Doctor sprach unbefangen weiter: »Von unserer Kirche Schwelle geht kein Vertrauender ungetröstet, kein Leidtragender unerquickt, kein Verirrter ungelöset. Alle ihre Gebräuche deuten in ihrer mystischen Form auf die heiligsten Pflichten hin; auf die der Versöhnung, der Menschenliebe. Doch, wem sage ich das, und zu welchem Endzweck?« fügte er, sich besinnend bei: »Sie mein verehrter Herr, haben nie die apostolische Lehre näher prüfen gelernt, da die Gesetze Ihrer freien Stadt die Ausübung jenes Cultus und die Ausbreitung unsers Lehrbegriffs auf ihrem Gebiete aufs strengste untersagen; gewiß ist es Ihnen auch völlig gleichgültig, wie ein Katholik von seinem Glauben denkt.«
»Ich habe zu Augsburg meine Lehrzeit verlebt,« versetzte nachdenkend der Senator: »Ich habe mich oft hinter dem Rücken meiner Vorgesetzten in die katholische Kirche geschlichen, mich an der feierlichen Pracht des Gottesdienstes, an der herrlichen Musik ergötzt, ... ich kann nicht läugnen, daß ...«
Justinens Stimme störte die Herren. Das Mädchen trat ein, und berichtete dem Vater, — sich vor dem Fremden sittsam verbeugend — über eine nicht besonders bedeutende Angelegenheit der Wirthschaft. Der Doctor betrachtete während dessen sowohl den Senator, als seine Tochter mit der größten Aufmerksamkeit. Als Justine wieder hinausgegangen war, sagte Leupold mit fast bewegter Stimme: »Wahrlich, Herr Senator! Wüßte ich nicht durch meinen Pflegesohn, daß Ihre Tochter sich Justine nennt, ich würde darauf schwören, sie müsse Clara heißen.«
Der Senator richtete schnell und fragend die Augen auf den Doctor.
»Clara?« fragte er: »Wie kommen Sie zu diesem Namen?«
»Clara war, wie Justine.«
»Welche Clara?«
»Clara Münzner.«
»Mein Gott! Sie wissen ...?«
»Ja, mein Freund.«
»Woher? — Herr, Sie reißen eine Vergangenheit vor mir auf, die jetzt doppelt schmerzlich mein Gefühl verletzt.«
»Das soll sie nicht. Eines Engels Gedächtniß bringt Segen.«
»Ja, sie war ein Engel!... ein Engel, wie ihn diese Welt nicht verdient.«
»Der Engel ist in seine Heimath gegangen.«
»Barmherziger! versteh ich Sie?«
»Clara ist todt.«
»Todt?... todt?... Und ich lebe noch; ... wie lebe ich?...«
»Bis an ihr Ende hat sie in Ihnen gelebt, wenn gleich Länder und ein Jahrzehend sie von Ihnen trennten. Jetzt wird sie, sollte es Noth thun, für Sie beten bei dem unsterblichen Vater!« —
»Oh!« seufzte Müssinger, und lehnte sich mit vor das Gesicht gehaltenen Händen zurück. Dann fragte er jedoch lebhaft: »Erklären Sie mir, räthselhafter Mann! wie können Sie von dem unterrichtet sein, was außer mir ...«
»Ich bin Clarens Bruder!« flüsterte der Doctor dem Senator in das Ohr ...
»Xaver?«
»Derselbe, mein Freund. Ich höre, daß man uns wieder unterbricht. Ihr Zimmer, dem Drang der Geschäfte Preis gegeben, ist nicht geeignet, daß wir uns darinnen der wohlthätigen Erinnerung ungestört hingeben könnten. Macht Ihnen die Vergangenheit Freude, so besuchen Sie mich. Ich wohne eng, aber niedlich und einsam, in der Rahmgasse. Das Haus ist zum Apfel geschildet. Fragen Sie im zweiten Stocke nach dem Doctor Leupold. Sie werden mir willkommen sein.«
Indem der Buchhalter eintrat, verbeugte sich der Doctor gelassen und fremdthuend gegen den unbeweglich hinstarrenden Senator, und ging.
Langsam und sinnend durchstrich er die Stadt, und machte geflissentlich einen Umweg nach seiner Wohnung, um seinen Gedanken nachhängen zu können. Hie und da nickten ihm aus Hütten oder wohlanständigen Bürgerhäusern freundlich grüßende Gesichter zu. In einem armseligen Gäßchen schlich eine bettelhaft gekleidete Frau, nachdem sie sich vorher überall umgesehen, geheimnißvoll an ihn, und küßte seine Hand. Er reichte ihr dagegen eine kleine Münze, und ermahnte sie für die Ruhe eines Sünders zu beten. Hierauf schlug er sich rechts durch ein Paar Durchgänge nach der Rahmgasse, und stieg im bezeichneten Hause in sein Quartier hinauf. — Eine sauber angekleidete Magd öffnete ihm ehrfurchtsvoll die Gitterthüre an der Treppe. James, der in der Wohnstube schreibend saß, richtete sich grüßend auf, und brachte dienstfertig dem Pflegevater den Steifrock herbei, gegen den der Doctor eilig den unbequemen Schlafrock vertauschte. Er nahm seinen Platz im Lehnstuhle am Fenster, das, auf einen Garten aussehend, selbst einen Garten vorstellte, geschmückt mit würzigen Blumenstöcken. In der Stube sah es so reinlich, so friedlich und traulich aus; sie stellte ein reizendes Stillleben dar. Der Boden, sauber wie ein Spiegel; die Geräthschaften blank und rein. Ordnung überall; keine Falten in den Teppichen der Tische, kein Stäubchen auf dem grünen Vorhange, der eine kleine Büchersammlung barg; ein niedlicher Vogel im luftigen Bauer von der weißen Decke schwebend; eine tickende Schwarzwälderuhr an der Wand; viele summende Mücken auf dem Blumenflor am Fenster. Das Schweigen wurde lange nur durch der Thierchen Geschwätz, den Perpendikelschlag, und die knarrende Feder des jungen Engländers unterbrochen, der sich gleich wieder an seine Arbeit gesetzt hatte. Der Doctor saß mit gefalteten Händen, rückwärts gelehntem Kopf und geschlossenen Augen in seinem Lehnstuhle. Seine Lippen trugen das Lächeln einer freundlichen Gedankenwelt, die unter den zugezogenen Augendeckeln vorüber schwebte, und er schwieg wie ein Träumender, bis er einen leisen Hauch an seiner Wange fühlte, und forschend die Augen aufschlug. Schon dämmerte es. James stand bei ihm, und hatte sich über sein Gesicht gebeugt.
»Ich wollte mich überzeugen, ob Sie schliefen, mein Vater,« sprach der Jüngling. »Meine Arbeit ist vollendet; die Feierstunde da. Sie sind aber heute nicht so munter und gesprächig, wie wohl sonst. Darf Ihr Pflegesohn nach der Ursache fragen?«
»Die Ursache, mein Sohn, ist nur eine kleine Geschichte aus der Zeit, da ich dein Alter hatte;« antwortete der Doctor, freundlich ihm zunickend; »setze dich zu mir, und höre sie, wenn du willst. Ich sage dir aber im Voraus, daß die Geschichte so kurz und einfach und natürlich ist, wie nur eine in der Welt. Den Jüngling befriedigt freilich nur ein Labyrinth von Abenteuern. Dem greisen Manne jedoch schließt gerade die klarste Begebenheit einen Zaubertempel auf. Versetze dich mit mir nach Augsburg, wo du zwar niemals warst, von dem du aber manches gelesen. In jener alten, weit berühmten Stadt ist eine abgelegene Gegend an der Stadtmauer, unfern von einem kleinen Thore. Durch diesen leicht zu übersehenden Winkel soll, heißt die Sage, der Teufel den Doctor Luther in's Freie geführt haben, da demselben große Gefahr drohte, und alle anderen Ausgänge von Feinden besetzt waren. Obgleich nun diese Geschichte durchaus Fabel und unhaltbar, so führt doch noch zu heutiger Stunde der Platz den Namen: Dahinab! — In diesem Dahinab nun stand unter andern kleinen Häusern ein von einem Gärtchen umgebenes; reputirlich anzuschauen, und die Wohnung eines braven Mannes. Der Fleiß desselben hatte das Haus gebaut, und die Heiligen, — buchstäblich zu verstehen, — hülfreich dazu gethan. Der Fleißige war nämlich Kupferstecher, und hat — durchaus dem Fach sich hingebend, — viele hundert Heiligenbilder gestochen und geätzt, die zu damaliger Zeit in großen Ladungen über die Berge nach Italien gingen. Der Künstler war fromm und still, wie seine Bilder, arbeitete unverdrossen von früh bis spät, und seine einzige Erholung außer dem Hause war am Sonnabend ein Ruhe-Stündchen auf der Schießstatt, bei einem Krug Bier und freundlichem Geschwätze. Den Sonntag nahm die Kirche und — bei schönem Wetter — ein Spaziergang mit dem Weibe nach dem Ablaß oder nach Göggingen hinweg. Diese Lebensordnung machte auch, daß es im Hause fein und ordentlich aussah, und der Friede doppelt mit den Kindern einkehrte, die der Himmel dem einfachen Künstler schenkte. Der Bube hieß Xaver, die Tochter Clara. Der Erste, zugleich der Aeltere, sollte anfangs Kupferstecher werden, wie der Vater; die Zweite ein braves Weib, wie die Mutter. Es ergab sich indessen bald, daß Xaver, um schwacher Augen willen, der Kupferstecherkunst nicht gewachsen war, und, noch in der Wahl verharrend, was einst aus dem Jungen werden möchte, schickte ihn der Vater in die Schulen, damit er etwas Tüchtiges lerne. Clara wuchs arbeitend und blühend auf, besuchte kein anderes Haus, als das Haus Gottes, und ahnte nicht, daß an jener Stätte ein sehnsüchtiger Jünglingsblick die verborgene Blume ausgespäht hatte. Die Eltern ahnten's um so weniger. Der Bruder allein, der oft, um zu studiren, im Gärtchen sich befand, merkte das Erste von der Sache. Eine Bastion der Festungswerke, die gerade, — senkrecht fast, — in die Höhe stieg, und die Ansicht über die Häuser des Dahinab frei gab — bildete die Schlußwand des Gartens. Auf dem Rand dieser Bastion stand einmal um die Mittagszeit ein blutjunger Mann, und sah immer so steif und unverrückt in den Garten hinab, daß dem studirenden Xaver, — als dieser, durch die Blätter der Laube schielend, zum zweiten oder dritten Male das Unwesen wahrnahm, — bang um den Verstand des jungen Menschen wurde. Bald kam er jedoch dahinter, daß die Schildwache auf der Bastion eigentlich der Schwester gelte. Denn so oft diese, blühend und frisch wie eine Rose, um die Mittagsstunde aus dem Hause hüpfte, den Bruder zu Tisch zu rufen, — so oft zog der auf der Schanze ein Fernrohr aus der Tasche, und richtete es so scharf und fest auf das Mädchen, als ein Constabler nur mit seinem Geschütz thun kann. Der Bruder hütete sich wohl, der unbefangenen Schwester das Geringste von seinen Beobachtungen, — die er eine ganze Woche hindurch fortsetzte, mitzutheilen. Endlich eines Vormittags, aus dem Collegium kommend, wandelt ihn die Lust an, der Sache auf den Grund nachzuspüren. Er steigt auf die Bastion, und findet den Bewußten bereits am Posten. Er schlägt ihn auf die Schulter, und fragt ihn: Was hat Er dahinab zu spioniren, mein Freund? — Der Andere erröthet, antwortet aber vornehm: Das geht Ihn nichts an, mein Freund. — Er ist ein Narr! sagt ihm hierauf Xaver, und der Andere antwortet mit einem »unverschämten Menschen.« Für einen Studenten von neunzehn Jahren ist das zu viel. Er antwortet ebenfalls mit einer nachdrücklichen Beleidigung. Der Andere greift nach seinem Degen. Xaver bedeutet ihm, er selbst dürfe als angehender Theolog keine Waffe tragen; er werde aber nur hinunter in's Haus gehen, sich einen Degen holen, und sicherlich binnen wenig Minuten auf die Schanze zurückkehren, um die Sache auszumachen. »Was hat Er in jenem Hause zu thun?« fragt der Andere verwundert. — Es ist das meiner Eltern; entgegnete Xaver. — Und das Mädchen? — Meine Schwester. — Nun lacht der Mensch ausgelassen, steckt die Klinge ein, fällt dem Studenten um den Hals, und ruft: Wir müssen Kameradschaft trinken. — Wie so? — Ich bin in deine Schwester verliebt, mein Junge; fährt der Andere fort: ich sterbe, wenn ich nicht wenigstens bald zu ihr sagen kann: Wie befinden Sie sich, Jungfer? Du mußt mich bei deinen Eltern einführen, als einen Mitstudenten, als einen Freund aus dem Gasthause, — als was du willst. — Nun erzählte der heftige närrische Mensch weiter, und es kam heraus, daß er Kaufmannsdiener sei, vor wenigen Wochen erst die Lehre verlassen habe, und in einer der ersten Handlungen Augsburgs conditionirte. Ein Zufall hatte ihm meine Schwester gezeigt. Dazumal wurden gerade Bittgänge gehalten und Gottesdienst gefeiert, zum Besten und Frommen der unglücklichen Rheinländer und Pfälzer, die unter dem Mordschwerdt des Königs von Frankreich bluteten. Bei einer dieser Processionen war der Kaufmannsdiener an Clara's Seite gekommen, und sie hatte ihm schnell gefallen, obwohl sein Mund keine Sylbe mit ihr gesprochen. — Xaver, der in dem fremden jungen Mann einen Sohn wohlhabender Eltern aus einer entfernten Stadt erkannte, dem derselbe gefiel, ließ sich endlich bereden, gab den sonderbaren Gesellen für einen Bekannten aus, und brachte ihn in der Eltern Wohnung. Ach, nun beginnt eine schöne Zeit; sie umfaßt beinahe ein Jahr. Die Eltern gewannen den Fremdling lieb; Clara theilte seine Gefühle. Xaver sah eine schöne Zukunft für die Schwester leuchten. Die Mutter betete zu diesem Endzweck im Stillen. Harmlos flossen die Tage, von Vertrauen, von Freundschaft und Liebe getragen, dahin! In dem engen Häuschen, in dem kleinen Garten waren alle glücklich. Aber — der Friede, das Glück hat seine Grenzen, und somit endigte auch dieses.«
Der Doctor sammelte sich hier, wehmüthig werdend, und sprach nach einer langen Stille, gefaßt und trocken weiter: »Der junge Mensch hatte nicht redlich an der Familie gehandelt. In dem Augenblick, als alle, — Clara selbst — im Stillen auf eine baldige Erklärung und Werbung hofften, verließ er Augsburg, heimlich, schnell, um in die Heimath zurückzukehren. Ein Brief belehrte uns, daß er als Protestant, — er hatte sich für einen der Unsern ausgegeben — nicht daran denken könne, aus der Neigung seiner Jugend Ernst zu machen, und mit blutendem Herzen sich von der Stelle losreißen müsse, die ihm theuer und lieb geworden, wie das Vaterhaus. — Wir weinten; Clara verzweifelte fast. Die Jahre beruhigten zwar ihr Herz, aber — an dem Entfernten treu und eigen hängend, blieb sie Jungfrau, legte als fromme Wärterin die Eltern in's Grab, und folgte ihnen dann, zehn Jahre, nachdem er sie verlassen, — mit seinem Namen auf den Lippen. Hiermit, mein Sohn, endigt sich die Geschichte, deren erster Theil noch jetzt meine Seele mit angenehmen Bildern füllt. Du hast meine Eltern, meine Schwester und mich kennen gelernt. Vor achtzehn Jahren habe ich Claren verloren, und heute — bewundere die Wege der Allmacht! heute finde ich ihn wieder, der sie verließ, der vielleicht ihr Leben abkürzte; finde ihn wieder, unglücklich, darniedergedrückt von schweren, schweren Aengsten, wie ich fürchte; ein armer, elender Mensch, im Schooße des Ueberflusses der eiteln Welt!«
»Errathe ich?« fragte James ungestüm: »Der Senator?«
Der Doctor nickte mit dem Haupte. — »Beinahe,« sagte er, »hätte mich die Schwachheit überrascht, ein Wohlbehagen zu empfinden, als ich ihn so erbarmenswürdig vor mir stehen sah, und jetzt erst bestimmt in's Reine kam, daß er jener Walter sei, den ich — seltsam fürwahr — beinahe vergessen hatte. Kein Zug der Jugend mehr in seinem Gesichte; keine Zufriedenheit in seinem Hause; keine Ruhe in seiner Brust. Die Vergeltung hat an dir gearbeitet! wollte ich sagen; doch Gott hielt meine Zunge im Zaume. Clara hat mir ja auf dem letzten Lager ihre Liebe zu ihm als Vermächtniß hinterlassen, und ich muß ihn oder die Seinen glücklich machen, wenn ich's vermag; schon darum, weil ihn Clara geliebt, weil ihn Clara gesegnet hat! —«
»O ein heiliges Gefühl, ein heiliges Erbe ist die Liebe!« versetzte James mit einer wehmüthigen Innigkeit. Der Doctor ergriff ihn fest bei der Hand, und redete: »Mein Sohn, hüte dich vor Sophismen, wie sie nur gar zu gerne die Leidenschaft gebiert, wenn sie sich in Fesseln spürt. Denke deines Versprechens, der Zusage, die du mir gegeben. Du gehörst nicht mehr dir selbst an, du gehörst nicht mir. Und wäre dies Alles nicht, so sollte meine Erzählung dir bewiesen haben, daß Ungleichheit des Glaubens Verderben bringt.« — James schwieg mit bitterem Gefühle. — »Ich sehe, daß es Zeit ist, deine Besuche in des Senators Hause abzukürzen,« fuhr der Doctor sorglich fort: »die letzte Aufgabe vollende noch. Vielleicht begründest du dadurch das Heil einer Person, die du liebst, wie ich fürchten muß.« — »Und gelänge es mir,« fragte James, Muth fassend: »dürfte ich alsdann hoffen, mein Vater?«
»Dein Schicksal hängt nicht von mir ab,« antwortete der Doctor: »wäre dieses aber auch, — Sohn! hätten wir uns in dir getäuscht ...? Laß mich das nicht ahnen!«
»O, welch' ein Schicksal ist mir bereitet worden?« seufzte der junge Mann: »Zu welchem Gewerbe, — mir widerstrebend, meinen Sinn empörend, wurde ich bestimmt! und zum Dank dafür verbietet man mir grausam, zu fühlen wie ein Mensch!«
»Dafür rasest du wie ein Thor,« unterbrach ihn der Doctor heftig: »zur Strafe wirst du deine bisherigen Andachtsübungen verdoppeln, bis ich es anders bestimme! —« Milder fuhr er, und plötzlich besonnen fort: »Was wäre dein Schicksal unter den dänischen Dragonern gewesen, du Verblendeter? Du schlägst die Hand, die dir wohl that. Dein Gewerbe empört dich? Das heißt: Deine Pflicht gefällt dir nicht. Glaube mir: Oft ist auch mir die Meinige zuwider, aber ich erfülle sie dennoch ohne Murren, weil ich überzeugt bin, daß zu einem vollkommenen Bau der geringste Dienst vonnöthen ist, wie der edelste. Die Leute, die im finstern Schacht den Keller wölben, haben durch ihre lichtscheue Arbeit mehr gethan, als der Meister, der das leichte Prunkgetäfel anschlägt, und den Blumenstrauß stecken auf den fertigen Bau kann vollends jeder Lehrjunge. Bescheide dich also dankbar vor dem Höchsten, zu dessen größerer Ehre wir handeln, und bemeistre flüchtige Aufwallungen der Jugend, die immer nur eitel sind, und denen im vorliegenden Falle ohnehin nicht entgegengekommen wird.«
Dieses letzte Argument entschied. James fühlte wohl, was er empfand, aber die Empfindung der Geliebten war ihm mehr als zweifelhaft geblieben. Er schwieg daher halb unterwürfig, halb gekränkt, und waffnete sich mit starrer Kälte, als er am folgenden Tage des Senators Haus betreten mußte. »Wo will Er hin?« schnauzte ihn mit unerträglicher Grobheit der verdrießliche Nothhaft an, der ihm just entgegen kam.
»Zur Jungfer Justine.« — »Die Jungfer hat Kopfschmerzen. Komm Er ein Andermal.« — James wollte, nachdem er mit leichtem Achselzucken den Ungeschliffenen gemessen, still davon gehen, als sich Justinens Stimme von oben vernehmen ließ: »Kommt nur herauf, werther Monsieur; für Euch bin ich zu Hause, nur für den Neidhammel nicht, der Euch sans façon belügt, wie ein Schelm!« — James stutzte erfreut. Von Zorn brennend, und mit einem: »Verdammter Naseweis!« lief Nothhaft in das Comptoir.
»Laßt Euch meine Sprache nicht befremden,« sagte Justine ohne Umstände in Gegenwart der Mutter zu dem jungen Engländer: »Wir Deutsche haben — wie wir denn in allem derb sind — ein derbes Sprichwort, das man wohl sonst nur in Pöbels Mund hört, das aber stets wohl angebracht ist, wenn man vom Pöbel redet: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil! — Ich zweifle nicht, daß in Eurer Sprache sich ebenfalls ein ähnlicher Spruch vorfinden werde. Der Bursche, der Euch belog, ist der Klotz, der sich sogar einmal unterstanden hat, sich in mich zu verlieben. Ich bitte Euch! damals noch ein Kind von fünfzehn Jahren, sollte ich an dem blatternarbigten Ungeschickt eine Freude finden! Ich habe ihm das Zärtlichthun abgewöhnt; nun verfolgt mich jedoch der holde Amadis mit tausend Tücken und Nücken, die mir, — wider seinen Willen, — Spaß machen, weil ich sie gewöhnlich vereitle. Seit der letzten Horcherei hat er auch auf Euch seinen hohen Zorn geworfen. Fürchtet Euch aber nicht, Monsieur: Ihr steht unter meinem Schutze.«
»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Mademoiselle,« antwortete James lächelnd: »Doch wüßte ich schon selbst mir den Ueberlästigen vom Halse zu schaffen, wenn er mir ernstlich zur Last fallen wollte.«
»Das meine ich auch,« ließ sich die Senatorin breit und förmlich vernehmen; »Er hat starke Knochen, Monsieur, und mag sich durchhelfen. Für dich, Justine, schickt es sich indessen ganz und gar nicht, einem jungen Mann solche Promessen zu geben. Die Chapeaus sind doch — so Gott will, — dafür in der Welt, uns zu beschützen, und es ziemen sich folglich solche cavaliere Redensarten keineswegs für eine schon verlobte Tochter. Ich werde also ...«
»Uebergenug, beste Mama,« fiel Justine kurz abfertigend ein; »Sie verstehen es, mich zum Schweigen zu bringen, und Ihr, Monsieur, beginnt die Lehrstunde!« — James gehorchte, doch Justinens Geist war keineswegs bei der Grammatik. Ungeduldig zählte ihr Auge die Minuten auf der Wanduhr, und sie machte Schicht, sobald die Glocke schlug. Ein Vorwand wurde bald gefunden, den Lehrer zu begleiten, und schnell raunte sie ihm zu: »Wie ist's, Herr? habt Ihr der armen Französin das Geschenk gebracht? Lindert es ihr Elend? Was ist ferner zu thun?« — James erwiderte verlegen: »Ich bringe Ihnen der Unglücklichen heißen Dank, Ihre reichliche Gabe hat sie in Ueberfluß versetzt, und zu ihrem Glücke fehlt nur noch Eines: Sie, freundliche Geberin, von Angesicht zu sehen; Ihnen mündlich danken zu können!« —
»Rathet der guten Frau ab,« versetzte Justine ängstlich; »sie soll ja nicht hierher kommen. Der Vater, — er ist ohnehin mürrisch — würde es nicht gerne sehen. Die Mutter gibt in ihrem Leben kein Almosen, und ich hätte nur Verdruß, wenn es herauskäme, daß ich mein Taschengeld ...«
Sie stockte, besann sich einen Augenblick und setzte dann hinzu: »Die arme Frau soll sich deshalb nicht so grämen. Ich wünsche selbst, sie zu sehen, mich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen, aber Ihr begreift, es geht nicht an, daß sie komme. Ja, — wenn ich ein Mittel wüßte, ... ich würde mich gerne selbst einmal zu ihr schleichen ... ich helfe gar zu gern; ... aber ... ich weiß nicht ...«
»Das Mittel wäre leicht,« entgegnete James, etwas zögernd: »Vertrauen Sie sich mir an; ich führe Sie; in einer Stunde sind wir hin- und zurückgegangen.«
Justine blickte ihn neugierig und strenge forschend an: »Ich halte Euch für einen Ehrenmann, Herr White. Ich würde mich nicht fürchten, mit Euch zu gehen. Aber wann? Ich will nicht mit Euch gesehen werden, und am Abend gehe ich nicht aus, mögt Ihr wissen.«
»So bleiben uns die frühen Morgenstunden,« meinte James, und der Vorschlag gefiel Justinen. »Schön!« rief sie, »das paßt. Mutter schläft fest bis um neun Uhr. Vater ist vor acht nicht sichtbar, und kümmert sich nicht um mich. Um sechs Uhr also. Dann sind die Straßen noch ziemlich leer von den Leuten, die mich nicht sehen sollen. Wartet meiner morgen um diese Stunde am Neumarkte. Wollt Ihr das thun, so wird mir das artige Abenteuer Freude machen.«
James versicherte seine Bereitwilligkeit, und ging, nicht mit leichtem Herzen, aus dem Hause. Justine schwelgte dagegen in dem Genusse ihres kleinen Geheimnisses. Der Umstand, die Wohlthäterin einer Bedrängten geworden zu sein, schmeichelte ihrer Eitelkeit, und schien ihrem Leben eine gewisse Bedeutung zu verleihen. Sie sah sich nicht mehr verdammt, zwischen einer stumpfsinnigen Mutter und einem schwermüthigen Vater den freudenlosen Pfad zu gehen; sie wirkte nach Außen hin, und diese Idee erquickte ihren Geist, der ihr zu etwas Besserem geschaffen schien, als zu der Einklammerung in alltägliche Hausverhältnisse. Justine war so gut und liebevoll, als sie sich manchmal schroff und ungestüm geberdete. Sie hätte gewünscht, die Pflegerin der Welt zu sein, alle Schätze der Goldminen Amerikas zu besitzen, um sie an die Armuth zu vertheilen. Sie konnte darum der Neugierde nicht widerstehen, das dankbare Geschöpf ihrer Milde zu sehen, dessen Noth mit eigenen Ohren zu vernehmen, ihm Trost zu geben durch Worte und durch die freigebige That. Mit Ungeduld erhob sie sich, als der bezeichnete Tag angebrochen, von ihrem Lager. Ein Blick durch's Fenster belehrte sie, daß das schönste Wetter ihre heimliche Wanderung begünstige; schnell war sie in ein unscheinbares Gewand gehüllt, ihr Haar, ihr Antlitz von einem dichten Schleier bedeckt, und, bevor noch der Zeiger auf sechs Uhr wies, die Thüre ihrer Schlafkammer leise, leise geöffnet. Ein Geräusch hielt sie auf der Schwelle zurück. Am Ende des Ganges öffnete nämlich auch der Senator behutsam die Thüre seines Gemachs, und trat, wie auf den Zehen, heraus; völlig angezogen. Langsam schritt er die Treppe hinab, und ging aus dem Hause. Justine war betroffen. Sie hatte den Vater gestern am ganzen Tage nicht gesehen. Eine Sitzung des Senats hatte ihn, seinem Vorgeben nach, fern gehalten. Und heute, dieses leise, schleichende Ausgehen ... es kam ihr seltsam vor. Allein, was war denn, seit jener unglücklichen Begebenheit, nicht seltsam in dem Benehmen ihre Vaters? Schnell gefaßt trat Justine ihren Weg an, um die Zeit nicht zu versäumen, und ihren Begleiter nicht warten zu lassen.
James hatte sich schon seit geraumer Zeit auf dem Neumarkte eingefunden. Auch an ihm war der Senator, tief in Gedanken, vorbeigekommen. Mit klopfendem Herzen begrüßte er Justine, die eiligst herbei hüpfte, den Schleier nur leicht lüftete, mit dem Kopfe nickte, und zur Eile antrieb. Stumm ging James neben der Holden her, die ihre Schritte immer munterer förderte. Der Weg war jedoch weit. James führte seine Schülerin in ein entlegenes Quartier der Stadt, wohin sie noch nie gekommen war. Stutzig sah sie sich auf einer Kreuzstraße um, und sagte englisch zu dem Führer: »Hat hier nicht die Ehrlichkeit ein Ende, Sir? und wie steht's mit der Euern? —« James lächelte etwas verlegen, deutete jedoch auf eine Thüre, und antwortete: »Wir sind am Ziele!«
Justine betrachtete diese Pforte aufmerksam. Nur eine Mauer stellte sich dar, über welche sparsame Epheugewinde herabhingen. Das Pförtchen, ohne Seitenfenster oder Lücke, war enge, niedrig, und sehr fest, von Eichenholz gezimmert. In der Umgegend, durch Gartenmauern und Gehäge von dem Pförtchen abgesondert, standen nur einige halbverfallene, elende Wallhäuschen, deren Bewohner, im Taglohne arbeitend, schon beim Grauen des Morgenlichts ausgingen, und in später Nacht erst wieder heimkamen. Alle Thüren und Fenster zu; nur hie und da schrie aus dem Innern ein eingesperrtes Kind, oder bellte ein angeketteter Hund. — Mit fragendem Blicke deutete Justine auf die bezeichnete Thüre. James nickte, und wollte an dieselbe pochen. Rasch hielt ihm das Mädchen die Hand, und sagte mit gedämpfter Stimme: »Wo führt Er mich hin, Monsieur? Da hinein gehe ich nicht.« James betrachtete einen Augenblick ihre Miene. Die seinige verfinsterte sich nicht. »Nach Belieben!« entgegnete er schnell, »so gehen wir zurück, weil Sie sich fürchten.«
Der Vorwurf der Furcht, so wenig er verwunden sollte, traf sein Ziel. Justine maß von neuem mit dem Auge die verschlossene Thüre, den zum Gehen gewendeten Jüngling, die menschenleere Nachbarschaft. »Glaubt Ihr, daß ich ein Kind sei?« fragte sie alsdann mit Vorwurf. »Furcht kenne ich nicht, Monsieur, aber ich muß darauf sehen, daß mein Vorwitz mich nicht an einen Ort bringe, der vielleicht meinem Geschlecht und meiner Familie gleich unangemessen wäre.«
»Wie, Mademoiselle?« fragte James mit flammenden Augen: »Glauben Sie, daß ich fähig sei, Sie an einen solchen Ort zu führen? O wenden Sie schnell um, ich will Ihre Erniedrigung nicht.«
Justine machte ihm rasch ein Zeichen, zu schweigen, und faßte, an ihn tretend, seinen Arm. Sie hatte eines Mannes Schritt gehört, und in der That kam ein Herr um die Ecke der Mauer, den Hut tief in's Gesicht gedrückt, und zum Ueberfluß einen Mantel um das Kinn geschlagen, daß auch kein Zug von ihm zu erkennen war. Einen flüchtigen Blick warf er auf die verhüllte Dame und ihren Begleiter, klopfte dann ziemlich vertraut zweimal an die räthselhafte Thüre. Ein Mensch von gemeinem Ansehen öffnete sie, und schob hinter dem Eintretenden die Riegel vor. Justine hatte eben in dem Moment des Oeffnens die Aussicht auf einen Hof mit Bäumen, und ein darin stehendes Gebäude erhascht. — »Kennt Ihr den Mann?« fragte Sie ihren Führer. Er verneinte. »Es sieht doch da drinnen nicht wie in einer Mörderhöhle aus!« fuhr sie lächelnd fort: »wäre es Euch noch gefällig, mich zu begleiten?« »Ihr wollt es?« versetzte James: »in Gottes Namen denn!« — Er klopfte zweimal wie der Vorgänger. Derselbe Pförtner schloß auf, bückte sich wie ein Bekannter vor dem Engländer, und begrüßte auch auf ein Zeichen desselben die Dame. Der Hof war bald durchschritten, das Gebäude bald erreicht. Tiefe Stille herrschte rund um das alterthümliche Haus, das ehedem ein Kloster gewesen zu sein schien. Die in der Hausflur aufgeschichteten Geräthe ließen vermuthen, daß hier früher ein Magazin gewesen. Die halbdunkle, halbverfallene Treppe knisterte unter den Schritten der Kommenden. Neue Besorgnisse stiegen in Junstinens Seele auf. Da pochte James an eine recht unscheinbare Thüre. Sie ward geöffnet, und der Engländer mit seiner Begleiterin trat rasch hinein. »Mein Gott!« flüsterte nun James der Letzteren zu: »wir sind am unrechten Orte!« Aber schon hatte der Oeffnende, ein Pförtner, wie jener am Hauptthore, die Thüre zugemacht, und wies die Kommenden in einen hölzernen Verschlag, der zur Seite stand. Eine Bank war in dem dämmerigen Versteck zu sehen, und ein hölzernes Gitter gab die Aussicht auf das Gemach, in welches die Senatorstochter gerathen war. Ein Spitzgewölbe, dem Ansehen nach eine verwitterte Kapelle, mit Grabsteinen auf dem Fußboden, und ausgebrochenem Ziegelpflaster. Die Fenster waren theils zerfallen, theils von Spinneweben umflort. An den Mauern liefen zu beiden Seiten Verschläge hin, dem ähnlich, in welchem sich Justine befand; theils mit vergitterten, theils mit offenen Fensterlucken; Betstübchen aus sehr lang verwichener Zeit. Durch die Oeffnungen waren tief verhüllte Männer, Weiber in Schleierhauben, Kaputzmänteln und anderer Vermummung zu sehen. — »Wir sind in der ehemaligen Kapitelstube der Johanniter!« sagte James leise und verlegen zu der staunenden Freundin: »Verzeihen Sie mein Ungeschick. Schweigen Sie aber zu Allem, was hier vorgehen möchte. Sie haben nichts zu befahren.«
Justine sah ihn starr an, und wendete sich, ohne eine Sylbe zu erwidern, zu dem Gitter, um zu beobachten, was der Thürsteher beginnen würde, der durch die Kapelle auf einen großen Kasten zuging, welcher am obern Ende derselben stand. Er öffnete das Schloß, hob den Deckel, schlug die vordere Wand herab, und siehe, es gestaltete sich unter seinem Geschäfte ein Altar mit zwei hölzernen Stufen, und belegt mit einem sauberen weißen Linnen. Zwei Leuchter mit Wachskerzen, die der Diener anzündete, und einige Gefäße mit Blumen standen zu den Seiten eines Kruzifixes. Schmucklos war im Uebrigen der Altar. Der Diener nahm einige zinnerne Kännchen nebst Schlüssel und Serviette aus einer Lade, setzte eine kleine Schelle auf die Stufen nieder, und entfernte sich durch eine enge Thüre hinter dem schnell errichteten Opfertische. Justine sah nun deutlich, wie von den Leuten um und um Gebetbücher und Rosenkränze aus den Taschen genommen wurden, und sie ahnte, was hier geschehen würde. Diese Ahnung wurde zur Gewißheit, als die enge Thüre wieder aufging, der Diener heraustrat, mit einem großen Buche in der Hand, aus welchem viele bunte Bänder herabhingen, und ihm ein ansehnlicher, ehrwürdig aussehender Mann folgte, in einem funkelnden, wunderlich geschnittenen Gewande, einen vergoldeten Kelch tragend, und in ernstes Sinnen und Gebet versunken. Justine hatte einigemal auf Bildern und in Kupferstichen römisch-katholische Priester in solchen Kleidern gesehen, und zweifelte nun nicht, sich an einem Orte zu befinden, wo man den römischen Gottesdienst unter'm Schleier des Geheimnisses feierte. Welch ein Gefühl in ihrer Brust entstand, läßt sich nicht beschreiben. Unwillig gegen die ihrem Glauben widerstrebende Form, gegen den dienstfertigen Führer, gegen ihren eigenen Leichtsinn, hätte sie den Ort verlassen, aber die verriegelte Thüre, die Furcht vor dem Aufsehen, das entstehen würde, — mehr noch als das — ihre Neugierde hielt sie fest.
Das Meßopfer begann mit der größten Ruhe, und der Anstand des Geistlichen versöhnte bald die Protestantin mit den Gebräuchen, die sie nicht faßte. Sie sah den Priester demüthig vor den Stufen des Altars auf die Kniee sinken; sie fühlte, daß er vor dem Einigen seine Schuld bekenne, für sich und seine Gläubigen; und geheimnißvoll vorbereitend drangen die halblaut gesprochenen lateinischen Worte zu ihrem Ohr. Unwillkürlich machte sie die Geberden der übrigen Zuhörer nach. Sie hörte stehend das Evangelium, beugte das Haupt bei der Wandlung. Sie genoß im Geiste das Abendmahl des Priesters mit, und als derselbe dem Volke verkündete, die Messe sei vorüber, als er wieder hinter der Thüre entschwand, durch welche er gekommen, — da bedauerte fast Justine, daß das seltsame, nie gesehene Schauspiel vorüber gegangen. Um den Eindruck, den dasselbe auf sie gemacht, noch aus dem baufälligen Hause mit sich in die freie Luft zu retten, drängte sie rasch den Begleiter, der sie zurückhalten wollte, nach der Thüre, und trat, — beinahe die Erste der Davongehenden, aus der Kapelle.
»Was thun Sie?« flüsterte ihr James besorglich zu: »Sie werden sich verrathen, erkannt werden! Wir hätten die Letzten sein sollen!«
Von der triftigen Einrede erschüttert, stand Justine verlegen still, zog den Schleier fester zu, und sah kaum nach den Vorübergehenden, die, vermummt wie sie, mit flüchtigem Seitenblick von dannen zogen.
»Hier herein!« sagte mittlerweile der junge Engländer, und zog Justine in eine andere, nur angelehnte Thüre: »Hier finden wir, was wir gesucht, und indessen wird Haus und Hof von den neugierigen Gästen rein.«
Justine sah sich in dem Gemache um, und ward angenehm überrascht, ein ziemlich junges und hübsches Frauenzimmer, in prunkloser, aber sorgfältiger Kleidung, vor sich zu haben.
Dieses Letztere bewillkommte sie demüthig freundlich, mit einem wohlgesetzten Gruße in ausländischem Deutsch.
»Darf ich fragen ...?« äußerte Justine. —
»Mein Name ist Lainez;« versetzte die junge Frau: »wie glücklich machen Sie mich, indem Sie mich eines Besuchs würdigen, und einer Gelegenheit, Ihnen zu sagen, wie dankbar ich für die großmüthige Hülfe bin, die Sie mir durch den uneigennützigsten Wohlthäter, durch Herrn White, angedeihen ließen.«
»Die Offizierswittwe, von der ich Ihnen sagte;« schaltete James ein: »Nur ein Zufall ließ uns die rechte Thüre verfehlen.«
»So?« erwiderte Justine trocken, indem sie einen mißfälligen und mißtrauischen Blick auf den Engländer warf, sich aber dann schnell zu der Französin wendete:
»Sie leben in einer geheimnißvollen Nachbarschaft, Madame.«
»Ich kenne meinen nächsten Nachbar nicht;« antwortete die Wittwe unbefangen, und sah Justinen furchtlos in das Auge; »der Verwalter dieses ehemaligen Magazinhauses hat viel von dem bedeutenden Gelasse, in dem er befiehlt, an arme Miethsleute gegeben, und die Armuth verkriecht sich gern. Die Hausgenossen sind mir fremd, bis auf eine alte, beinahe taube Frau, die mich mit Wasser und Holz versieht.«
»Ich glaube Ihnen,« versicherte Justine, indem sie der Freundlichen die Hand reichte: »Monsieur White wird um desto bekannter mit den Leuten sein, die ich so eben verließ.« —
»Ein Zufall, wie gesagt, Mademoiselle, brachte uns in die Mitte einer Versammlung, von der ich unter der Hand Einiges vernommen, zu welcher ich mich jedoch nicht zähle.«
Justine betrachtete ihn ungläubig, und erwiderte rasch und drohend: »Gleichviel, Monsieur, wie's Euch gefällt, mich zu belehren. Die Herrn und Frauen mögen unterdessen sorgen, daß nicht auch der Senat unter der Hand Einiges von ihrem Thun vernehme. War mein Vater heute an meinem Platze, so war ein Unheil fertig. Wer bürgt übrigens dafür, daß ich nicht plaudre?«
»Ihr Herz,« versetzte James ruhig und zuversichtlich: »Sie sind ein zartfühlendes Weib. Sie werden nicht vorsätzlich Unglück über Menschen bringen, die es wagen, im Verborgenen eine Feier zu begehen, welche ihr Gewissen zu seiner Beruhigung verlangt, obgleich ein hartes Staatsgesetz sie verbietet.«
»Was ist denn hier im Werke? Was ist vorgefallen?« fragte Madame Lainez verwundert und neugierig.
Justine sagte: »Das kümmert Sie nicht, liebe Frau. Noch ein Wort zu Herrn White: Ich bin Euch für die gute Meinung verbunden, Monsieur. Ihr fangt an, in meiner Seele zu lesen. Was wünscht diese wohl gerade jetzt?«
»Die Heimkehr;« antwortete James gefällig: »darf ich Ihnen wieder meinen Arm bieten?«
»Mit nichten, Monsieur. Ich werde ohne Euch den Weg nach dem Hause meines Vaters finden. Ich fürchte weitere Zufälle an Eurer Seite. Eure völlige Entfernung ist mein Wunsch, und bis Ihr diesen erfüllt, werde ich schon der Dame hier zur Last fallen müssen.«
»Welche Ehre!« betheuerte die Lainez: »Wie schmeichelhaft diese Güte!«
»Sie zürnen?« fragte James gekränkt und bestürzt.
»Die ganze Stadt spricht von Justinen's Launen;« erwiderte Müssingers Tochter; »ich habe heute die Caprice vorsichtig zu sein; ich werde sie auch Morgen und Uebermorgen haben, und bitte Euch daher, dieses heutige Zusammensein als unser Letztes anzusehen.«
»Sie verstoßen mich?« rief James mit den Lauten des tiefsten Grams, wollte heftig auf das Mädchen zugehen, — faltete jedoch, sich besinnend, die Hände, warf noch einen seelenvollen Blick auf Justine, und empfahl sich dann rasch mit einer Verbeugung.
Justine hatte den schnellen Abschied nicht erwartet, und ihr aufgeregtes Mißtrauen machte einem wärmern, mildern Gefühl Platz. »Ich habe dem Monsieur vielleicht Unrecht gethan,« sagte sie langsam zu der Offizierswittwe, die neugierig auf ihrer Stirne las; »allein was soll ein Mädchen thun, dem ein Mann Ursache zu gerechtem Argwohn gab? Aengstlich auf der Hut sein, denn die Männer sollen lieben, uns mit Schlingen zu überziehen, und jenes Engländers Zufälle scheinen mir ein Netz. Nun aber zu Ihnen, meine Gute. Ihr Gesicht gefällt mir, wie Ihr Benehmen, das von keiner gewöhnlichen Herkunft zeugt. Lassen Sie mich wissen, worin ich Ihnen noch gefällig sein könnte.«
»Meine junge Dame! ich habe schon so Vieles von Ihrer Güte genossen, daß ich unbescheiden sein würde, wenn ich ein Mehreres verlangte. Ihre Hülfe reichte hin, die Wohnung, in welcher Sie mich finden, wie ein anständiges Wittwenzimmer auszuschmücken, und Sie würdiger aufzunehmen. Darf ich noch begehren, daß Sie Ihrer Milde Etwas hinzufügen, so flehe ich Sie nur an, dem guten Herrn White, der trostlos von Ihnen ging, zu verzeihen, wenn ich gleich nicht weiß, wodurch er Ihren Unmuth verschuldet hat.«
Justine bewegte ungeduldig das Haupt. »Warum reden Sie von ihm?« fragte Sie: »Ich habe Krieg mit ihm, nicht Sie; Sie scheinen viel von ihm zu halten.«
»Mademoiselle!« erwiderte die Lainez: »Ich lebe eigentlich nur in meinen Wohlthätern. Von der übrigen Welt habe ich Abschied genommen, seit ich meinen Mann verlor, der bei Denain den Tod eines braven Soldaten starb. Gott sei gelobt, daß die Handlungen eines wackern Mannes noch für dessen Wittwe und Nachkommen Früchte tragen. Mademoiselle! mein Gatte, Victor Lainez, machte, — wir waren kaum einige Monate verbunden, — an der Spitze seiner Grenadierkompagnie, die Schlacht bei Malplaquet mit. Der Himmel wollte, daß er den tapfern Boufflers aus der drohendsten Gefahr retten konnte, worein ein scheu gewordenes Pferd den Marschall versetzt hatte; ferner, daß er den kühnen Ritter St. George, der die Reiterei gegen die Feinde führte, durch einen heldenmüthigen Angriff aus dem Gedränge riß. — Villars belohnte freilich die seinem Nebenbuhler Boufflers geleistete Hülfe nur mit Geiz und Verdruß, aber des Marschalls Familie verließ mich doch nicht in meiner Noth. Und als ich, vom Mißgeschick dem vaterländischen Boden entfremdet, hier in Krankheit verfiel, erwarb mir des Ritters St. George Rettung einen Freund in dem guten James White. Das Ungefähr machte ihn mit meiner Lage bekannt: kaum hörte er, daß mein seliger Mann dem Stuart, den er mit vielen tausend Engländern als König verehrt, einen Ehrendienst geleistet, als auch sein Beistand sich verdoppelte. Er wußte, selbst mittellos, seinen Pflegevater, den Doctor, in mein Interesse zu ziehen, — mein Schicksal zu erleichtern, und endlich in Ihnen nicht minder einen guten Engel für mich zu gewinnen.«
»So?« versetzte Justine, beinahe mit einem Anstriche von Eifersucht: »Es muß Ihnen peinlich sein, Madame, von einem jungen Mann abzuhängen. Frauen sollten billig wieder nur Frauen die Erleichterung eines unverdienten Mißgeschicks verdanken. Welches ist denn Ihr weiteres Ziel? Ohne Zweifel sehnen Sie sich, in die Heimath zurückzukehren?«
Die Lainez schüttelte traurig den Kopf. »Ich finde nur Gräber dort, die mir werth sind,« antwortete sie: »meine Lieben sind alle hinüber. — Weitläufige Verwandte, die die Aufhebung des Edikts von Nantes aus ihrer Heimath verwiesen, leben zu Berlin. Ich kenne diese fremden Vettern und Basen nicht, und fürchte, sie werden auch mich nicht kennen wollen.«
»Ihre Furcht möchte gegründet sein,« begann Justine, nach einigem Nachdenken. Die Lainez fuhr fort:
»Und ist es nicht grausam, daß ich diese Ueberzeugung hegen muß? Trage ich denn die Schuld, daß mein Vater, seiner Familie Vortheil berücksichtigend, den katholischen Glauben für sich und die Seinigen annahm? Die Auswanderung hätte uns zu Grunde gerichtet, um Gut und Leben gebracht. Im Grunde ist es ja doch gleichviel, unter welchen Gebräuchen wir Gott verehren. Wir sind die Kinder Eines Vaters, und, so gut von ihm die zahllosen Sprachen verstanden werden, in welchen die Welt zum Himmel betet, so gut versteht er auch des Herzens frommen Willen von der Form zu sondern.«
Justine sah ihr bewegt, scheu und dennoch freundlich in's Auge. — »Sie sprechen gut, Madame!« sagte sie: »Sie erregen meine lebhafte Theilname. Ich werde Sie wieder sehen; ganz gewiß, Madame. Ich will über Ihre Zukunft mit Ihnen reden. Verlassen Sie sich auf mich. Ich bin ein junges Mädchen, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Ich dürfte Ihnen von größerem Nutzen sein, als der Monsieur White. Es wäre mir lieb, wenn Sie sich seinem Beistande entzögen, und mir erlaubten, Ihnen schicklichere Dienste zu leisten. Ich muß überlegen, ... mein Gott! ich habe diesen Morgen schon so Vieles gehört und gesehen;.... sagen Sie mir aufrichtig: Sie wissen in der That nicht, was in Ihrem Hause — Ihrem Zimmer gegenüber, vorzugehen pflegt?«
»Wahrlich: Nein, Mademoiselle.«
»So bleibt mir nichts übrig, als die Delikatesse zu bewundern, womit sich augenscheinlich eine Gesellschaft Ihrer annimmt, zu welcher Sie eigentlich gehören, — die es aber vermeidet, Sie in ihren Kreis zu drehen, um Sie der Gefahr einer möglichen Entdeckung zu entziehen. Oder.... will man erst Ihrer Verschwiegenheit gewisser werden.«
»Noch einmal, Mademoiselle, ich verstehe Sie nicht.«
Justine rieb sich ungeduldig die Stirne. — »Ich werde ganz verwirrt,« sagte sie: »Ihre Unwissenheit.... White's räthselhaftes Betragen.... ist der Monsieur Protestant oder nicht?«
»So viel ich weiß: ja. —«
»Und Sie, Madame, sind, wie Sie sagten, Katholikin?«
»Aufrichtig zu sein, Mademoiselle, muß ich Ihnen bekennen, daß mein Vater, ob er gleich zur Messe ging, dennoch Protestant geblieben. Wir Kinder folgten, größer geworden, seinen Grundsätzen. Herr von Lainez ließ mir freien Willen in Religionssachen. Meine Verwandten zu Berlin werden freilich nie glauben, was ich Ihnen so eben gestand, aber es ist nicht minder wahr, daß ich einem Rücktritt mich entgegen sehne.«
»Dann müssen Sie aus diesem Hause!« rief Justine lebhaft: »ja Madame. Sie müssen, — ehe Sie erfahren ...«
»Was, Mademoiselle?«
»Ich werde überlegen, — nachdenken, Sie dieser Lage entreißen. Glauben Sie mir; ich will nur Ihr Heil, Ihres Lebens Wohl.«
»Erklären Sie sich....«
»Ein Andermal ... Morgen oder Uebermorgen! So eben schlägt die Stunde, in der ich schon zu Hause sein sollte. Ich verlasse Sie jetzt, um Sie bald gefaßter wieder zu sehen. Veranstalten Sie indessen, daß ich den Engländer hier nicht finde. Leben Sie wohl, meine Beste. Keinen Dank für die Kleinigkeit, die ich Ihnen reichen durfte; ich wünsche, ich hoffe, ein Mehreres für Sie thun zu können. Adieu.«
Justine ging in der heftigsten Bewegung von dannen. Die Lainez folgte ihr verlegen über den Hof; öffnete ihr die Pforte, und des Senators Tochter eilte die Gasse hinauf. James, der an der Ecke ihrer wartete, wie ein armer Sünder seines Richters, hätte zu keiner unpassenderen Zeit in ihren Weg treten können.
»Was wollt Ihr?« fragte sie ernst und hastig, und streifte an ihm vorüber.
»Mademoiselle!« entgegnete er verschüchtert: »hassen Sie mich nicht! ich wollte meine Reue ... ich hatte nicht Ruhe; ... darf ich nicht ein Wort ...?«
»Incommodirt Euch nicht, Monsieur,« sagte Justine kurz: »Schleicht nicht an meiner Seite hin. Bleibt zurück. Ihr wißt bereits wie ich denke. Adieu.«
Der niedergedonnerte James blieb in der That, an der Geduld der Zornigen verzweifelnd, zurück, und schlug den Weg in eine andere Straße ein. Er rannte an einer bekannten Figur vorbei; an dem Kaufmannsdiener Berndt, der ihn von der Seite mit einem Blicke, ohne ihn zu grüßen, maß, und dann eiligst der Jungfer folgte, die er wahrscheinlich von ferne, mit James redend, gesehen.
White hatte indessen nicht Zeit, nicht Besonnenheit genug, über diese Begegnung nachzudenken. Die, wie er sich bewußt war, verschuldete Mißbilligung und Verachtung eines geliebten Mädchens, auf dessen Gedanken-Consequenz nicht gehörig gerechnet worden war, bekränkte ganz allein sein Herz, erfüllte sein Gemüth. Er verwünschte im raschen Laufe nach seiner Wohnung seine Bestimmung, sein Geschick, seine Liebe, und den Zwang, dem er unterworfen. Mit thränendem Auge und hochschlagender Brust erreichte er sein Stübchen, und warf sich, wie trostlos auf das Lager. Er hatte nur wenige Minuten mit geschlossenen Augen seine Sinne gesammelt, als er hinter der Bretterwand, die sein Gemach von dem Schlafkabinete des Doctors trennte, das Geräusch einer aufgehenden und zufallenden Thüre vernahm. Er horchte, und unterschied die Stimme des Doctors, die Stimme des Senators Müssinger.
»Erholen Sie sich,« sagte der Erstere: »in allen Verhältnissen des Lebens ist uns Fassung am nöthigsten. Der Mensch ist seiner Herr, sobald er über seinem Schmerze, wie über seinem Glücke steht. Die Erinnerung an das Jahr 1690 hat Sie übel angegriffen. Hier stört uns niemand; hier lauscht niemand.«
»Arme Clara!« seufzte der Senator: »nach neun und zwanzig Jahren muß sich Dein Andenken so grell in meinem Gehirne erneuern! In welcher bösen Zeit, mein Freund! O, in welchen betrübten Stunden!«
»Clara ist im Himmel, Herr Senator. Sie sitzt zu den Füßen der Gebenedeiten, und sieht gewiß segnend auf uns herab, denn dort oben löscht jeder Groll aus, und Clara grollte Ihnen auch hienieden nicht.«
»Welche Reden, würdiger Herr! das sind Worte des Trostes, der unendlichen Zuversicht auf unendliche Barmherzigkeit! Aber — was hilft es? Ein stummer Fluch verfolgt mich, — und weil mein frevelhafter Leichtsinn ein unschuldig Herz gebrochen, bricht die Schuld das Meine. —«
»Der Schatz göttlicher Liebe ist groß, unermeßlich. Vertrauen Sie dem Heiland. Ich darf seine Stelle auf Erden vertreten, wenn ein reuiges, nach Versöhnung lechzendes Gemüth sich vor dem Kreuze in Staub wirft. Sie erschraken beinahe, Herr Senator, als ich, Vertrauen mit Vertrauen vergeltend, Ihnen bekannte, daß ich die Weihen meiner Kirche trage. Wollte die heilige Mutter Gottes, daß Sie auch derselben angehörten! um zu erproben, ob ich den Beruf und die göttliche Gnade zu meinem Stande besitze.«
»O!« — stieß der Senator nach einigen Augenblicken mit Gram und Kummer heraus: »fast wünschte ich auch, einer der Ihrigen zu sein, daß ich auf Milde und Vergebung rechnen dürfte. —«
»Die Sonne scheint dem Bösen, wie dem Guten;« antwortete der Doctor mit Salbung: »Der Verirrte hat in seinem Irrthum selbst Anspruch auf die Gnade seines Schöpfers: um wie viel mehr der Bereuende? der Entfremdete, der einen Bild des Sehnens nach der traurenden Heimath zurückwirft? Beruhigen Sie sich, bester Freund. Das Wort, das Sie so eben gesprochen haben, macht Sie schon gleichsam zu den Unsrigen. Ich trage daher, — die Macht benützend, die unsere frommen Väter im Namen des Statthalters Gottes auszuüben begannen, — kein Bedenken, Ihnen die Tröstungen unsrer Religion anzubieten, da Ihnen, wie ich bemerke, diejenigen, welche Ihre bisherige Lehre Ihnen zu geben vermag, nicht zulänglich scheinen. Sammeln Sie Ihr Gedächtniß, mein werther Sohn, und erleichtern Sie Ihr Herz. Mein Ohr ist Ihnen offen, und meine Hand bereit, jeden Kummer aus Ihrer Brust zu nehmen, und den Balsam der Versöhnung dafür hinein zu legen.«
Der Doctor schwieg, und James hörte Stühle rücken, den Senator verlegen husten, und endlich mit unsicherer Stimme erwidern:
»Ich danke Ihnen, würdiger Herr, für die Wohlthat, die Sie mir zu erzeigen bereit sind. Allein, — obgleich mein Herz sich nach der himmlischen Speise sehnt, und ich nicht läugnen mag, daß es noch empört ist von der starren Härte, mit welcher der Diener meiner Kirche meinem kindlichen Vertrauen entgegen kam, — so muß ich doch nicht minder bekennen, daß die in der Jugend eingesogenen Grundsätze und Lehren mir zu verbieten scheinen, von Ihrer barmherzigen Freundschaft Gebrauch zu machen. Ich bin nie ein Kopfhänger gewesen, — leide nur seit einiger Zeit an den schweren Scrupeln meines Gewissens, — ich darf nur von der mildesten aller Religionen Milderung meines Zustandes erwarten, — aber — das ist die Macht des Vorurtheils, wenn Sie es so nennen wollen, daß ich in meiner Angst nicht weiß, ob ich in Ihren Vorschlag eingehen darf, wenn ich gleich sonst an jeder Tröstung verzweifle.«
»Herr Senator!« lautete des Doctors ruhige und alsobald folgende Antwort: »Sie gebrauchen das rechte, das wahre Wort. Vorurtheil! so heißt die schwere Kette, die das Herz an die Erde bindet, während es sich umsonst bestrebt, sich zu Gott zu erheben. In der heidnischen Fabel von dem Vogel Phönix finden Sie den Zustand einer muthigen Seele angegeben, die, über Zeit und irdische Hinfälligkeit hinaus verlangend, sich durch ein heilig Feuer reinigt, um mit Gott vermählt zu werden. Die Heiden verstanden selbst die Fabel nicht, die sie dichteten, aber dem wahren Christen muß sie verständlich sein. Er verbrenne in der Anschauung des Höchsten den vom alten Adam umsponnenen Körper, und mit ihm alles Irdische, damit er in Gott verjüngt werde. Er lasse sich nicht von weltliche und irrthümlichen Fesseln halten, um das Wahre zu finden. Er verschmähe nicht die herrlichste Frucht, weil ihm etwa von Kindheit auf aberwitzige Leute gesagt haben, sie sei ungesund.«
»Indessen,«, fuhr der Doctor fort, nachdem er einen Augenblick inne gehalten: »indessen rottet man das Vorurtheil, für welches der arme, irrende Mensch nicht kann, nicht mit Gewalt aus. Die zarten Blumen verlangen von ihrem fürsichtigen Gärtner eine kluge, treue und sanfte Pflege. Welche Milde entwickelt daher unsere Kirche, die, allen Lästerungen zum Trotze, dennoch die weißeste, sanfteste — und freudigste Gärtnerin im Paradiese des Herrn ist? Sie spricht also zu Ihnen, mein werther Freund und Beichtsohn: Es ist nicht zu läugnen, daß gebieterische Umstände das Abweichen von der gewohnten und vorgeschriebenen Regel entschuldigen. So gilt zu Zeiten das mündliche Testament eines vom gerichtlichen Testiren abgehaltenen Sterbenden; — so gilt die Nothtaufe des Vaters, der Wehmutter, und im dringenden Fall tauft Wein oder Sand wie das reinigende heilige Wasser. — Soll ich noch von den Begräbnißgebräuchen reden, die der Capitän eines Schiffes, in Ermangelung eines Geistlichen an den verschiedenen Matrosen verrichten darf? oder von der Absolution, die im Augenblicke der Schlacht der Soldat seinem Nebenmanne ertheilen darf, als komme sie aus Priesters Munde? Es wäre überflüssig, mich weiter darüber zu verbreiten. Ihre Seele liegt in Extremis, Herr Senator, und ob ein katholischer Priester oder ein Prädikant ihr beisteht, — gleichviel! wenn sie nur gesundet!«
»Wahr, ehrwürdiger Herr!« versetzte Müssinger: »jedoch ...«
Der Doctor unterbrach ihn alsobald: »Mit wie viel größerem Rechte aber bietet Ihnen meine Kirche ihre tröstende Hand! Sie dringt sich Ihnen nicht auf, sie bettelt auch nicht um ihre Genehmigung zu Ihrem Heil! Sie will Sie nicht erst überreden, sich zu ihr zu wenden; sie macht alte Rechte auf Sie geltend. Wahrlich, mein Herr Senator, was auch Ihre Partei sagen mag: Die katholische Kirche ist Ihre Mutterkirche. Sie haben ihren Schooß verlassen; aber die Mutter hat Sie nicht aufgegeben, Sie sind, indem Sie zu den Gebräuchen der katholischen, der Allgemeinen Kirche zurückkehren, kein Proselyt für diese Letzte, kein Abtrünniger von Ihrer Sekte; — Sie sind ganz einfach nur dem verirrten Kinde zu vergleichen, das wieder ins Vaterhaus zurückkommt, und sich an die gewohnte Stelle am Tische setzt. Die römische Kirche ist Ihr Haus, auf welches sich Ihre Ansprüche nicht verjähren, so wie sich hinwiederum das Recht derselben auf Sie nicht verjährt; ob es anerkannt werde, oder nicht. Darum begehen Sie nicht nur keine Sünde, sondern Sie üben eine Tugend, wenn Sie dem Zuge Ihres Herzens ohne Zweifelmuth folgen, da es Ihnen selbst sagt, daß ich wahr geredet habe.«
»Ihre Worte rühren und ergreifen mich,« erwiderte der Senator, »verlangen Sie aber nicht, daß mein so befangener geängstigter Geist sich davon überzeugen lasse. Ich bin keiner der Frommen in meiner Kirche, aber wenn es darauf ankömmt, die dem Knaben eingepflanzte Lehre zu vertauschen, so rasch, so unüberlegt ...«
»Verlange ich denn dieses?« fragte der Doctor sehr sanft, »Hat denn der Mensch seinen freien Willen umsonst? Ist denn die Kirche neidisch auf den Pflegling, der einer irrthümlichen Idee nachjagt? Keineswegs. Dem Vater ist es Freude genug, wenn der Sohn einmal wieder nach Hause kommt, unbekümmert, ob ihn der nächste Augenblick wieder von dannen reiße. Weil die Mutter nur um Seinetwillen das Kind liebt, füllt sie dem Scheidenden die Reisetasche mit köstlicher Speise und mit Ruhe die Brust. Mag es dann wieder fremdem Zuge folgen; sie liebt es nicht minder zärtlich.«
»Sie meinen also, daß der Seelentrost, den Sie mir verheißen, von mir genossen werden kann, ohne daß ich aus der Glaubensbahn treten müßte, die ich bisher beschritt?«
»Nichts faßlicher, als dieses. Soll ich von Ihnen einen Eid verlangen, der Sie um nichts näher dem Vater bringt, dem Sie doch einmal angehören? Werde ich von Ihnen erst ein Glaubensbekenntniß fordern, das von dem Verlangen Ihrer Seele schon ausgesprochen wurde? Ohne es zu wissen, waren Sie schon wieder der Unsrige geworden, — und ist, mein werther Beichtsohn, in Ihrem Sünden-Bekenntnisse und der daraus entspringenden Vergebung, der erneuerte Bund mit der wahren Kirche erst aufgegangen, so ist Alles geschehen, was Sie im Grunde bedürfen. Sie sind im Innern wieder geworden, wozu Sie Gott erschuf, und das genügt uns. Von Ihrem Gutdünken, und der Forderung Ihrer Seele allein wird es abhängen, ob Sie nicht in der Befolgung aller Gebräuche unsrer Kirche eine größere Beruhigung finden möchten. Die Weisheit Gottes und seines Stellvertreters auf Erden ermächtigt uns, in den Fällen, deren Gewicht unsre Nachsicht verlangt, den Rücktretenden, den heimkehrenden Söhnen und Töchtern, jede öffentliche Aussprechung dieser Handlung zu erlassen, damit die Vereinigung mit der allgeliebten Mutter, dem Vater und dem Sohne, und dem Geiste, nicht durch weltliche Rücksichten und Bedenklichkeiten aufgehalten oder gar verhindert werde. Doch dieses berührt Sie vor der Hand nicht, mein werther Beichtsohn, den ich als einen Gast freundlich zum Tische des Allbarmherzigen lade. Machen Sie sich demnach keine weitere Gemüthsbewegung; sammeln Sie Ihre Gedanken, und beginnen Sie, im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit, die ungeschmückte schlichte Schilderung des Kummers, der Sie bedrängt, und der Sünden, von denen Wir Alle nicht rein sind, in meinen Schooß niederzulegen.« —
James hörte, wie hierauf der Senator mehreremale heftig auf und ab ging, wie er sich alsdann mit einem tief aus der Brust geholten: »Ach! in Gottesnamen denn!« neben dem Doktor niederließ, — wie er mit gedämpfter Stimme begann, demselben sein Herz zu eröffnen. Ein unbehagliches Gefühl, mit dem Gedanken verbunden, daß es edler und gewissenhafter sein würde, nicht länger den Horcher abzugeben, — die Scheu endlich, ein Beichtgeheimniß zu erlauschen, vermochte den Jüngling, ohne Geräusch vom Lager zu entweichen, und sich an das Fenster zurückzuziehen, das in den Garten eine friedlich reizende Aussicht gewährte. Er verlor sich in den Träumen seines Verstandes, in den Bewegungen seines Herzens, und sein wachendes Auge theilte sich mit dem Letztern in das Geschäft: eine Täuschung zu geben, die dem Hellsehen ähnlicher ist, als dem gewöhnlichen Spiele aufgeregter Einbildungskraft. Die Bohnenlaube des Gartens gestaltete sich zu dem Hause des Senators, und darinnen waltete ein liebliches, wohlbekanntes Bild, das, einem Zauberwerke gleich, den Beschauer durch unendliche Anmuth fesselte, durch unendliche Seltsamkeit abstieß. Dem jungen Engländer kam es vor, als sei es ihm vergönnt, in das Innere Justinens einen scharfen Blick zu werfen; als sei er auf dem Punkte, dieses holde und quälende Räthsel zu entziffern. Justinens Blicke sprachen Empfindung für den Freund, Liebe für den Liebenden aus, und vergebens schien der trotzige Mund es zu leugnen, das fremde Wort es zu verneinen. James sah sein Bild in ihrem Herzen leben, während ihre Hand es muthwillig von sich warf. Warum wehrst du dich gegen das Gefühl, das uns verbinden möchte? fragte seine Zunge stille vor sich hin: Siehst du denn nicht, daß ich dennoch im Grunde deiner werth bin? daß mein Herz nicht böse, meine Seele ohne Falsch ist? Betrübe dich doch nicht um meiner Handlungen willen! Verachte mich doch nicht um ihretwillen! Sie sind mir ja von einem harten Loose aufgegeben: noch bin ich zu schwach, den Bann zu zerreißen, der mich zu einem Maskenspiele zwingt, das ich Muth haben möchte, zu verabscheuen, und zu endigen! Ich kann ja nur durch deine Liebe zum Manne werden, nur in dir meine Stütze finden, so wie du in mir, denn verwaist stehen wir beide: Du, einsam im Vaterhause zwischen den lebendigen Eltern, — ich, in der Fremde, zwischen dem Schaffot, das meinen Vater, und dem öden Grabe, das meine Mutter verschlang! Wenn ich dich rufe, damit du mich zu kühner That begeisterst, — wirst du mich nicht hören? Wenn ich meine Arme nach dir ausstrecke, um dich an mein Herz zu ziehen, — wirst du dich ewig sträuben? — Das Bild der Geliebten entzog sich den Armen des Jünglings nicht; es beugte sich aus den spiegelhellen Fenstern, — heller, klarer als diese; seine Brust pochte vor Entzücken, seine Hand zitterte vor Wonne, und doch blieben der Sehnende und die Gewährende getrennt. Ein dunkles Feld schob sich zwischen Beide. Ein Thurm schoß auf aus der Tiefe, und trug Justinens Gestalt bis zu den Wolken, daß der Zurückbleibende bald ihre Züge nicht mehr unterscheiden konnte. Statt ihres glänzenden Auges blinkte ein vergoldeter Thurmknopf auf die Wasserwüste hernieder, die auf ihren unstäten Wellen den Jüngling fortzureißen schien. Wie vorhin die Laube zum Hause, so wurde nun die hochstrebende Tanne zum Maste, von welchem schwarze Wimpel flatterten. Je frischer der Wind über des Gartens Blumenbeete strich, und deren Häupter bewegte, je drohender schienen die Wasser zu schwellen, und James ängstigte sich, von Heimweh und Sehnsucht gemartert, auf der reißenden Fahrt. Wohl klärte sich der betäubende Schwindel wieder in ein helles Bewußtsein auf; — wohl warf an den Ufern eines reizenden Landes die Hoffnung den Anker aus, und es rastete der fluthenschneidende Kiel ... wohl winkte aus dem Myrthengebüsch am Strande, aus den Palmenwipfeln der Höhen ein reizendes Weib, verführerisch in ihrer Anmuth und in fremder Tracht und Sitte ..., James konnte nicht weilen im herrlichen Gebäude, durfte nicht rasten, wie das verlassene Schiff. Justine schwebte ja über den blauen Bergen des Horizonts; ihre versagende Geberde, ihr strenges Lebewohl, riß ihn ja dahin wie mit Göttergewalt, — bis unter den Blätterbehängen eines lautlosen Waldes ihre Huldgestalt verschwand, ihr abmahnender Ruf verhallte. James konnte ihr nicht mehr in das Innre jenes geheimnißvollen Waldes folgen, denn seine Sinne endigten, erschöpft von den übermenschlichen Hindernissen, die ihre eigene Laune gebar, das trügerische, peinliche und dennoch angenehme Spiel. Es war mit einem Schlage Alles um ihn her, wie zuvor; der Thurm zur kleinen Laube, der schwarzgewimpelte Mast zur düster belaubten Tanne geworden. Das wogende Meer hatte sich wieder in ein Blumenfeld, die myrthenbekränzte Küste in des Nachbars wohlgeschmückte Orangerie verwandelt; der blaue Gebirgsrücken in das hohe Schieferdach der Paulskirche; der schweigende Wald in die Pappelspitzen des zu St. Paul gehörenden Friedhofs. Das Schauspiel war vorüber, und den Gedanken des Jünglings wurde sogar verwehrt, ihm einen grübelnden Epilog zu halten, denn die Herren im Nebenzimmer, die wieder angefangen hatte, laut zu sprechen, erregten des fast unwillkürlich Lauschenden Aufmerksamkeit.
»Sie können von der Sünde, die Sie sich zuzurechnen haben, nur in Ihres Gewissens Buße und im Gebete Befreiung finden,« hob der Doctor ernst und mit bewegter Stimme an: »Gott und die Barmherzigkeit sind Eins: ich darf Ihnen im Namen des Allbarmherzigen Vergebung zusichern, und muß jetzo doppelt beklagen, daß Ihre Eltern Sie den Gebräuchen der wahren Kirche entfremdet haben; ein Irrthum, woran Sie unschuldig sind; der aber nichts desto weniger störend auf Ihren Seelenzustand in vorliegendem Falle einwirken muß.«
»Wie das, mein würdiger Vater?« fragte der Senator mit zerknirschter und erschöpfter Stimme.
»Hätten Sie den Muth, den Willen, mein Sohn,« — begann der Doctor wieder, — »mehr als ein Gast am Tische Ihres Vaters, in den Armen Ihrer Mutter zu sein, — würden Sie aufhören, die heiligen Glaubenslehren wegzuweisen, die allein unsere Glückseligkeit ausmachen, — in einem Augenblicke würde Ihr Herz beruhigt, glücklich sein. Ich würde Sie los sprechen; das Vergangene gänzlich ungeschehen machen. Vermittelst einer kleinen Buße, die den Armen zu Gute käme, und einiger geistlichen Betrachtungen könnte ich jedweden Fehler von Ihrem Haupte nehmen, während ich jetzo nur als Freund Sie auf des Ewigen Liebe zu verweisen habe. Ihre Prediger, mein Lieber, sind gut und böse, wie die Welt; aber die Besten unter ihnen, die Gelehrtesten, wie die Spitzfindigsten, die Tugendhaftesten, wie die Klügsten, ermangeln des Stempels, der ihrem Thun die Weihe aufdrücken könnte. Gewandtheit in der Rede und in der Dialektik ist nicht die Gelehrsamkeit vor Gott, dem das Opfer lieber ist, als ein wohlgesetzter Sermon. Ihre Prediger, Herr Senator, sind nicht Priester, und gleichwie ihr Gewand sich dem Weltlichen nähert, so ist leider ihr Geschäft nur ein Weltliches. Uns ist vom Heiland die Macht vertraut, zu lösen. Darum sprechen wir mit voller Zuversicht die zuversichtigen Glaubensbrüder los, während Ihre Geistlichkeit, indem sie dem Gewissen des Pönitenten und einem oberflächlichen sorglosen Vertrauen auf den Höchsten alles Sündenwesen anheimstellt, an jedem Beichttage eine Sünde mehr auf das Haupt derjenigen ladet, die ihr glauben.«
»Sie sprechen hart ab, würdiger Herr.«
»Nicht so hart, als man über uns das Verdammungsurtheil fällt. Gott duldet aber diese Schmähungen seiner Kirche, damit ihr Sieg einst glänzender werde. Seine Langmuth kennt nur die weitesten Grenzen. Hin und wieder warnt sie scharf, aber der taube Irrende überhört den Ruf der Warnung. Ein Beispiel, mein Lieber: Es sind kaum sechs Monden verflossen, seit an einem Vorbereitungs- und Beichttage in der Johanniskirche, plötzlich, wie aus heiterem Himmel kommend, ein Blitzstrahl in die Emporkirche schlug, die Orgel beschädigte, das in Marmor gehauene Evangelienbuch über dem Altare zertrümmerte, und durch ein offenstehendes Fenster in's Freie fuhr. Sehen Sie hierin einen Fingerzeig des Ewigen, der in seinem Gewitter warnte, und dennoch nicht strafte, da kein Mensch beschädigt wurde, und der Organist mit einer leichten Betäubung davon kam.
Der Tag, an welchem dieser merkwürdige Vorfall Statt hatte, das kecke Sinnbild, das der Blitz zertrümmerte, Alles erregte die gerechten Bedenklichkeiten der Menge, die immer mehr bereit ist, Gottes Willen zu erkennen, als ihren Führern lieb ist. Ihre Geistlichen verkündigten freilich von den Kanzeln, daß man den Schöpfer beleidigen würde, wollte man in der reinen Zufälligkeit jener Naturerscheinung den Ausdruck seines Zorns erkennen. Was soll man jedoch von den gelehrten Männern denken, die am folgenden Tage vielleicht mit aller Wärme den Satz vertheidigen, daß kein Sperling von dem Dache, kein Haar von unserem Haupte fällt, ohne den Willen des Allmächtigen? — Den schlechten Vogel auf dem Dache also, das dünne Haar auf unserem Scheitel vermag er zu halten, aber nicht das Gewitter, auf dem er daherfährt? nicht den Blitzstrahl, seinen fürchterlichen Macht- und Zornboten?«
»Ich sehe Sie in Gedanken vertieft,« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher sich der Senator ganz ruhig verhielt: »Lassen Sie uns abbrechen. Die Gnade des Herrn arbeitet an Ihrer Wiedergeburt. Folgen Sie Ihr. Jeder Mensch ist zur Gnade reif, wenn er nur will, und die Wege zur Besserung einschlägt. Jeder Sünder oder Irrende, der das Heil sucht, hat Theil an demselben, weil Christus es für Alle durch sein Blut erworben hat, und man muß gerade nur Jansenist sein, um diesen Trost läugnen zu wollen. Gehen Sie hin: ich bin überzeugt, daß Sie nach den acht Tagen Bedenkzeit, die ich Ihnen hiermit erlaube, freudig zu mir zurückkehren werden, um das Kleid der Unschuld völlig anzuziehen.«
Der Senator seufzte wieder schwer, und setzte zögernd hinzu: »Was die Summen betrifft, würdiger Herr, welche den Betrag der Wechsel ausmachten ... mich peinigt der Betrug des Augenblicks. Ich könnte freilich, — Dank sei es jenem blinden Glückszufall, — dem Erben die Summen abtragen, allein schon zirkuliren sie im Handel. Mein gesunkener Credit bedurfte starken Aufschwungs, — jetzt kann ich das Geld nicht wohl ermangeln. In einigen Jahren allenfalls, ... der Himmel behüte mich, es gänzlich abläugnen zu wollen ... aber ... wie gesagt..«
»Ich weiß bereits,« versetzte der Doctor: »ich glaube, daß Sie vor der Hand die fraglichen Summen gar wohl behalten dürfen. Wären Sie unsers Glaubens, ich würde unumwunden sagen: Behalten Sie das Geld, mein Sohn. Ihr redlicher Wille, es einst wieder zurückzuzahlen, genügt der Moral vollkommen, da — Erstens — Sie sich durch die einstweilige Verwendung der Summen aus der bedenklichsten Lage retten, und Selbsterhaltung die erste Pflicht ist; da — Zweitens — der jetzige Creditor in seinem Reichthume des Geldes nicht bedarf. Bei Ihnen ist periculum; die Gelder, einst mit Interessen zurückgegeben, werden ihm doppelt erwünscht kommen. Sollte hingegen zu jener Frist er selbst nicht mehr leben, und keine Familie hinterlassen, so befreien Sie, der Kirche eine Stiftung von dem Gelde machend, Ihr Gewissen völlig. Wären etwa Hinterbliebene vorhanden, so genügen Sie den Anforderungen der Moral, wenn Sie unter diese und die Kirche den Betrag gleich vertheilen: denn, da die Erben persönlich kein Unrecht erlitten, so entschädigt sie hinlänglich die Hälfte, während die andere, zu milden Stiftungen verwendet, am zweckmäßigsten die Rechnung mit dem Verstorbenen ausgleicht.«
»Sie sind ein wackerer, kluger Mann,« versicherte der Senator mit leichterem Herzen: »Ich fühle Vertrauen zu Ihnen, wie zu keinem Menschen auf der Welt. Sie beruhigen meine Seele durch einige Worte mehr, als alle unsere Geistliche durch ihre strengen Forderungen und schwülstigen Reden. Ihre Sittenlehre paßt in die Welt, wie sie ist. Sie verstehen die Bedürfnisse eines Hausvaters und Geschäftsmannes zu beachten. Wenn nur die Gestalt des armen Birsher von mir weichen wollte!«
»Die Absolution ist der beste Exorcism gegen die Gespenster des Gewissens. Nur die Lossprechung wälzt den Fels, den verschuldeten, von Ihrer Brust. Sie wissen den Weg zur Gnade. Wählen Sie in Zeiten.«
»Wenn mich nur die Furcht vor Sünde nicht abhielte, meine Sündhaftigkeit zu heilen!« sagte der Senator ängstlich: »Ich armer Mensch!«
»Wir halten häufig für Sünde und Verbrechen, was eine gleichgültige Handlung ist. Menschensatzung ist immer voll von Fehlern, und das Lutherthum ist eine solche. Der heilige Petrus konnte uns wohl Worte vom Himmel bringen, er vernahm sie aus dem Munde seines himmlischen Meisters. Der Augustinermönch von Wittenberg konnte Ihnen nur Weltliches lehren. Wir öffneten ihm die Arme, er stieß uns verstockt zurück. Wer handelte hier im Geiste des versöhnlichen Gottes? Ein Cardinalhut hätte den ehrgeizigen Mönch beschwichtigt und zahm gemacht; die demüthige Kutte behagte ihm nicht mehr. Am römischen Hofe nannte man es Verbrechen, den Widersacher durch heilige Würden kirren zu wollen. Er nannte es zu Worms ein Verbrechen, der milden Mutter reuig entgegen zu kommen. Was ist also Sünde, so lang die Welt es mit Recht und Unrecht zugleich hält? Würde man zu Hamburg Ihnen ein Verbrechen daraus machen, daß Sie in der Lotterie spielten, und das große Loos gewannen? Gewißlich nicht, während man Sie hier, würde es bekannt, aus dem Senate stoßen würde. — Wird ein unbefangener Mensch Sie eines Verbrechens beschuldigen, weil Sie nun wissen, daß ich ein katholischer Geistlicher bin, und weil Sie nicht hingehen, um mich zu denunciren, damit man mich aus der Stadt bringe? Sicher: nein. Und doch würden Sie Ihrer Würde verlustig und in starke Geldbuße verfallen sein, erführe es die Stadt. Thun Sie Recht, bereuen Sie das Vergangene, damit Gott Ihnen vergebe. Werden Sie einer der Unsern, daß ich die Freude haben kann, Ihr Gewissen gänzlich zufrieden zu stellen. Dahin gehe Ihr Trachten. Besuchen Sie mich, wie Nikodemus den Herrn, im Stillen: Sie sollen immer in mir den verschwiegensten, den treuesten Freund finden.«
»Der Engel Clara spricht für Ihre Tugend und Ihre Liebe!« rief der Senator unter Thränen, die an des Doctors Brust zu fließen schienen.
»Um Clara's willen also, Herr Senator,« versetzte der Doctor eindringlich: »Muth! heilsamer Entschluß! Vertrauen zu mir und meinen Worten. Um Clara's willen, armer zweifelnder Mann!«
Nach einer kurzen Stille hörte der junge Engländer den Senator fortgehen. Der Doctor rief nach seinem Frühstück, sang seinem Lieblingsvogel eine Melodie vor, und als James die Tasse klirren hörte, glaubte er, es sei an der Zeit, dem Pflegvater sich vorzustellen.
Der Doctor hatte die Gewohnheit, sich zur Zeit des Frühstücks in sein Cabinet zurückzuziehen, um daselbst ungestört sein Brevier beten zu können. James fand ihn damit beschäftigt. Leupold legte das Buch indessen alsobald weg, und sagte heiter: »Guten Morgen, mein Sohn. Du findest mich erfreut, denn Gott will erlauben, daß ich wieder eine Seele zu dem Freudenreiche der alleinseligmachenden Mutter zurückführen darf. Wie hat sich deine Bemühung belohnt, James? Ich glaube, dich in der Kapelle gesehen zu haben.«
James berichtete mit Bedauern und Achselzucken. Der Doctor hörte aufmerksam zu. »Recht gut!« sagte er alsdann. »Ich finde keinen Grund zum Verdruß und zur Mißbilligung. Das Mädchen hat, wie du sagst, mit gespannter Neugierde die Messe abgewartet? folglich hat die heilige Handlung Eindruck auf dasselbe gemacht. Der Reiz des Mysteriösen vollendet die gegebene Richtung. Plaudern wird Justine nicht. Sie scheint fester und verschlossener zu sein, als Mädchen gemeinhin zu sein pflegen. — Die Lainez soll hier ihr Meisterwerk machen. Seitdem sie hier ist, hat sie, den jungen Pahlens ausgenommen, keine Seele gewonnen. Die Frau ist noch zu jung, zu hübsch, zu eitel, um mit Vortheil wirken zu können. Sie wirft ihre Netze nach Männern aus, während sie die Frauen erobern sollte. Die Kunst, die sie besitzt, ihr Aeußeres zu formen, wie es die Nothwendigkeit erheischt, — ihre Geschicklichkeit, den Protestantismus auszuhängen, um eben durch diese List für die gute Sache zu werben, — diese lobenswerthen Eigenschaften sind mir wohl bekannt; aber ich wünschte dennoch, der Pater Superior hätte mir eine andere Mitarbeiterin, älter, gediegener, zuverlässiger, an die Seite gestellt. Eine solche würde auch dich, mein Sohn, mehr zu begeistern vermögen, als diese Lainez kann, von der du dich augenscheinlich abwendest.«
»O, mein Vater;« entgegnete James mißmuthig: »die heuchlerische Lainez, wie ich, wir spielen eine recht gehässige Parthie.«
»Wieder die alte Klage?« fragte der Doctor finster: »Du wirst mich zwingen, dich vor Beendigung meiner Mission in's Noviziat abgehen zu lassen. Schweige, wenn du nichts Verständigeres vorzubringen weißt. Dort liegen Frachtbriefe, Rechnungen, und zu beantwortende Missiven. Schreibe ab, trage in's Buch und auf mein eigenes Register. Vergiß nicht nachzurechnen, mein Sohn. Der Ansatz der Medizinalkräuter und Farbehölzer, den mir der Pater Thomas Cosedro von Assumption beigelegt hat, scheint mir übertrieben. Sieh vorläufig nach, bis der Capitän selbst angelangt sein wird. Ich erwarte ihn bald. Ich werde nun ausgehen, und mein Brevier im Freien lesen, und bei Spaldinger Wechsel für das Provinzialat negoziren, und dem Himmel danken, daß er unsers Ordens Bemühungen in hiesiger Stadt mit außerordentlichem Gedeihen segnet. Wir zählen bereits mehrere bedeutende Männer zu unserer kleinen Gemeinde, und der Beitritt eines einflußreichen Rathsherrn soll unserer Mission, mit Christi Hülfe, größere Sicherheit und ein erfreuliches Bestehen erleichtern. Gott erleuchte dich, mein Sohn, und behüte dich, bis zum Wiedersehen!«
Wie der Doctor, nachdem er sein Haus verlassen, seine Wechselgeschäfte verrichtet, wie er sodann unter den Bäumen der sogenannten Brunnenhaide seine Gebete mit geflügelter Zunge abgethan, — im Voraus weglesend, was noch zum Nachmittag aufbehalten hätte bleiben sollen, bedarf keiner weitläufigeren Beschreibung. Zufrieden, von Niemand in seiner Andachtsübung gestört worden zu sein, schob er das Buch in die Tasche, und ging zur Stadt zurück, berichtigte an der Brücke auf's Pünktlichste den Zollpfennig, grüßte freundlich und ergebenst alle Gutgekleideten, die an ihm vorüber kamen, und nickte mit verstohlener Herablassung einigen gemeinen Arbeitsleuten zu, die eben so verstohlen beim Läuten der Mittagsglocke ihre Kappe zogen. Die Höflichkeit des klugen Mannes erstreckte sich sogar auch auf leblose Gegenstände. Vor dem Schilderhause an der Thüre des ersten Bürgermeisters, vor dem Stadtwappen über dem Thore des Rathhauses, vor den Kanonen der Hauptwache, zog er den Hut ab, und entblößte sein Haupt beinahe vor jedem ansehnlichen Hause, wenn gleich aus dessen Fenstern Niemand sah. Sobald er wieder in die engen Straßen seines Viertels kam, machte die Demuth dem Selbstbewußtsein Platz, und in der That war eine in jener Gegend vorfallende Begebenheit ganz dazu geeignet, seinen Ideen eine andere Richtung zu verleihen. In einem engen Gäßchen standen alle Bewohner vor den Thüren. Viele fremde Nachbarn aus den anliegenden Straßen erfüllten den Eingang des Gäßchens, und all' die zerstreuten Gruppen gafften nach einem Hause, das auf seinem Aeußern schon das Gepräge der Armseligkeit trug, hätte man auch nicht an dessen Fenstern die blassen, von Schmutz und Hunger entstellten Kindergesichter gesehen, die daraus auf die schwatzenden Leute starrten. Schon hatte sich der Doctor zu einem Trupp plaudernder Schustergesellen gewendet, um Erkundigungen einzuziehen, als aus dem Hause, nach welchem alle Blicke sahen, der Pastor der Johanniskirche trat; im Amtskleide zwar, aber mit dem feindseligsten Gesichte. Dem heftig ausschreitenden und schnaubenden Manne folgte der gutmüthige Arzt Häckel, den das Volk gemeinhin nur den Armendoctor nannte, und verschwendete manches gutgemeinte Wort des Zuredens. Mehr noch indessen, als des Arztes Fürsprache griff das Gesicht und das Aeußere eines andern Mannes, der hinter dem Arzte einherschlich, an jedes halbmenschliche Herz.
Der Prediger in seinem Unmuthe wurde jedoch nicht gerührt.
»Keine Begleitung, keine Nachrede!« sagte er heftig: »Verehrtester Herr Doctor Häckel! kein Jota weiter! und Er, Monsieur, schweige Er vollends. Ich mag kein Wort an Ihn verlieren. Er hat mich betrogen, mir und der Bürgerschaft ein Scandalum gegeben. Hätte ich von Anfang gewußt, mit welchem nebulone, mit welchem Gelichter ich's zu thun haben sollte, ... nicht einen Schritt weit wäre ich gegangen! nicht Seine Schwelle hätt' ich betreten!«
»Aber, ehrwürdiger Herr Pastor! eine Sterbe ...« stammelte der so unsanft Zurechtgewiesene.
»Was kümmert das mich?« eiferte der Geistliche mit größerem Unwillen: »Wie gelebt, so gestorben. Wem Ihr Leute im Leben angehörtet, dem bleibt auch im Tode. Helf Euch der, dem Ihr Euch übergeben, Ihr Auswurf!«
Er ging mit allen Zeichen fortdauernden Zorns aus der Gasse, und die Mehrzahl der Gaffenden zog hinter ihm drein. Der Doctor sah noch, wie der gutmüthige Arzt Häckel dem in seiner Betrübniß verstummenden Bewohner jenes Häuschens ein Stück Geld in die Hand drückte, wie er, mitleidig, aber ohnmächtig die Achseln zuckte, und sich dann eiligst entfernte.
»Dem hat's der Pfarrer recht gesagt!« lachten einige rohe Bursche im Vorübergehen; und auf Leupolds Fragen erwiderte ihm ein alter Bürger, der, traurig den Kopf schüttelnd, sich ebenfalls zum Gehen wendete:
»Lieber Herr, Sie glauben nicht, welch ein Jammer das ist! Der Pastor mag wohl im Grunde Recht haben, aber hart ist's, wenn man bedenkt, daß die Armen doch Menschen sind!«
»Erkläre Er sich genauer, mein Freund.«
»Sie müssen wissen, lieber Herr, daß der blasse Mensch, der eben wieder wie ein Verzweifelter in's Haus geht, ein Komödiant ist. Er gehört zu der Bande, welche mit Erlaubniß des preislichen Magistrats in der Bude auf dem Schwanenmarkte spielt. Vor acht Tagen sind die Leute erst angekommen, und jener Mann, der eine schwerkranke Frau und vier oder fünf Kinder mit sich führt, hat bei dem Wagenmeister Ulrich eine Wohnung gefunden. Die Menschen behelfen sich gar kümmerlich in der feuchten Stube und schlafen, so zu sagen, auf der schwarzen Erde. Da ist die Frau nun kränker geworden, und bis an's Sterben gekommen. Der Armendoctor, der um Gotteswillen zu ihr kam, und die Arznei aus seiner Tasche bezahlte, hat dem armen Mann vertraut, wie schlimm es mit dem Weibe steht, und ihn aufgefordert, sich nach geistlichem Zuspruch umzusehen. Der Pastor ist zwar wie der Blitz bei der Hand gewesen, aber kaum hat er gehört, daß die Frau eines Komödianten Weib sei, und — wie ich meine, — demselben nicht einmal angetraut, als er ihr das Abendmahl versagte. Wie es alsdann mit dem Begräbnisse gehen wird, das weiß Gott.«
Der Doctor ging, an der entsetzlichen Lage der Armen Antheil nehmend, auf das elende Häuschen zu, blickte durch's Fenster, und übersah eine Scene des Jammers, die sich jedes fühlende Herz versinnlichen mag. Das Weib lag, von Verzweiflung und Schwäche gleich erschöpft, auf dem elendesten Strohlager, und lallte die Worte: »Ach, Joseph! Joseph! warum sind wir nur geboren worden? Ach, wie verläßt uns Gott! Ach! was soll aus den Kindern werden!«
Und die Kinder schrieen, und der Mann stand im Winkel, drückte beide Hände vor die Augen, und das eiskalte, bleiche, abgezehrte Gesicht sprach mehr, als Worte vermocht hätten. Des Doctors Herz wurde aber noch einmal so schwer, als er in des Mannes Zügen, besonders dann, als er wieder die Augen öffnete, und wild zum Himmel hob, die Züge eines bekannten Gesichts erblickte. Er klopfte rasch an's Fenster. Langsam öffnete es der Trauernde. Der Doctor reichte ein Scherflein hinein, und fragte leise: »Wie ist Euer Name, mein Freund.«
»Ich heiße Wohlgemuth, mein Herr«
Der Doctor schüttelte den Kopf. »Das ist nicht Euer wahrer Name, Mann Gottes. Sagt mir den rechten.«
Der Mensch sah ihn verwundert an, und rieb sich verlegen die Hände.
»Ich wundre mich, daß ich meinen ächten Namen nicht schon vergessen habe,« sagte er schmerzlich: »aber weil Sie so bestimmt fragen, will ich ihn doch wieder einmal aus dem Gedächtniß hervorholen. Ich hieß einmal Joseph Litzach.«
»Weiß Gott! er ist's!« sagte der Doctor, wie vor sich hin. »Ich kenne Euch,« setzte er bei: »ich wünsche mit Euch unter vier Augen zu sprechen.«
Der Mann deutete kummervoll auf die dahinschmachtende Frau. »Bevor es nicht hier vorüber ist ...« sagte er leise, »kann ich nicht ausgehen. Der Doctor meint: um die dritte oder vierte Stunde Nachmittags ... der Pfarrer wird's wohl noch um ein Stündchen beschleunigt haben ...«
Dem Doctor traten die Thränen in die Augen. »Vertraut auf Gott!« sprach er: »Ich will Morgen wieder vorbeikommen.«
»Bewahre!« entgegnete Litzach hastig: »Sagen Sie, mein Herr, wo ich Sie antreffen kann. Ich kann heute noch zu Ihren Diensten sein, wenn nicht Gott an meiner Alten ein Wunder thut. Um vier Uhr haben wir ohnehin Komödie ...«
»Wie? und Ihr agirt mit, an diesem Trauertage?«
»O, mein Herr, darnach fragt der Principal nicht. Ich käme um den Wochenlohn, um's ganze Brod. Wir agiren heute eine Schnurre, und ich muß darinnen den Hanswurst machen, lustig, recht lustig, damit das verehrte Publikum lacht, wenn mir auch das Herz unter der bunten Jacke entzwei ginge.«
Der Doctor fand keine Worte. Litzach fuhr aber bald wieder fort: »Um sechs Uhr stehe ich zu Diensten, mein Herr. Wenn Sie allenfalls um diese Zeit auf der Mailbahn am Schwanenmarkte lustwandeln wollten ... ich will mir aus des Principals Kleiderkammer einen reputirlichen Rock borgen, damit ich Ihnen keine Schande mache. Jetzt aber ... entschuldigen Sie. Meine Alte ruft ihren Joseph. Vielleicht muß ich ihr jetzo schon Lebewohl sagen ...«
Leupold nickte stumm mit dem Kopfe, und ging betrübt weiter, während der Schauspieler wieder sein Fenster zumachte.
Der Doctor benützte den Umstand, daß er an einigen Häusern heimlicher Glaubensgenossen vorbeikam, um mit einem Worte Litzachs arme Familie ihrem Mitleid zu empfehlen. Die Leute waren alsobald bereit, einiges Essen und ein Paar Pfennige hinzuschicken. Der Dürftige ist am Ersten geneigt, dem Dürftigen beizustehen.
Dem Doctor war es lieb, durch die Begegnung eines andern Bekannten aus seinen trüben Gedanken gerissen zu werden. Aus seinem Hause trat ein rüstiger Seemann in braunem Rocke und manchesternen Beinkleidern, tüchtigen Schuhen mit großen silbernen Schnallen, das Halstuch nachlässig in den Schifferknoten geschlungen, und ein derbes spanisches Rohr in der Hand. Der bordirte Hut mit der auszeichnenden Schleife verrieth den Capitän.
»Grüße Sie Gott, Ew. Hochw ... Herr Doctor, wollt' ich sagen!« rief der Capitän in tiefem Basse: »Ich wollte eben ein Paar Dutzend Tonnen Teufel reklamiren, weil ich Sie nicht zu Hause gefunden. Sie müssen, Gott bessre mich! mit mir zu Mittag speisen; später als gewöhnlich, aber gut und herzhaft, wie's ein Seehund gerne hat. Um elf Uhr bin ich aus der Kalesche gestiegen, und habe im goldnen Schwan mein Absteigquartier genommen oder, besser gesagt, Anker geworfen.«
Somit nahm er den Doctor vertraulich, aber ergebenst unter dem Arm, und steuerte mit ihm in anderer Richtung weiter.
»Sie haben mich wohl früher erwartet?« fuhr er fort: »Aber, — Sturm und Segel! ich mußte laviren, bald auf Osten, bald auf Westen halten, ehe ich hier anlegen konnte. Mein Schiff ist frisch und gut im Havre eingelaufen, und das würdige Collegium zu Paris hat bereits seine Contanti empfangen. Der Handel blüht im Stillen, und er Vater Lavalette, der, so jung er noch ist, bereits eine ungemeine Spekulationsgabe entwickelt, hat mir schon von neuen Etablissementen und neu auszurüstenden Fahrzeugen gesprochen. Ich habe Briefe von Paris und Lissabon an den Pater Superior, und wünsche, daß Sie mir nach Vidimirung der eingesandten Rechnungen und Bescheinigung des Geldes, das ich bei Ihnen niederzulegen habe, einen Empfehlungsbrief an den wackern Herrn mitgeben möchten.«
Der Doctor versicherte ihn seiner Bereitwilligkeit, und die Herren setzten sich im Gastzimmer des Schwanen zum Speisen nieder. Leupold war hier auf wohlbekanntem Felde. Die Gastwirthin, eine noch ziemlich junge und rasche Frau, hatte, von andächtigen Freundinnen bestürmt, von dem Doctor in's Geheimniß gezogen, ihren heimlichen Uebertritt zur verborgenen Kirche nicht schwer gemacht. Der Wirth, ein schwerfälliger Reichsstädter von wenig Scharfsinn, war leicht zu täuschen gewesen, und ahnte nicht das Mindeste von der Religionsveränderung seines Weibes. Er schätzte den Doctor, der häufig das Haus besuchte, als tüchtigen Politiker hoch, und die Frau benutzte jede unbewachte Minute, um aus den salbungsvollen Worten ihres geheimen Beichtigers Trost und Ruhe zu schöpfen. Ihre unerfreuliche Ehe, wie die immer neu erwachsenden Zweifel ihres Gewissens machten ihr Trost zum Bedürfniß. Nebenbei sprach die Stadt auch Vieles von ihrem weichen gefühlvollen Herzen, und der Nachbarn Zunge bezeichnete ziemlich genau diejenigen junge Männer, die sich der Theilnahme der hübschen Frau zu schmeicheln gehabt.
Die Gesellschaft in dem Schwan war nicht zahlreich. Der Capitän und der Doctor, tafelnd in der einen Ecke. In der andern die Wirthin, am Schenktische und an dem Küchenfenster beschäftigt, durch welches die Speisen hereingereicht wurden. In der Stube auf und niederwandelnd der Herr des Hauses selbst, — bald mit der Fliegenklatsche arbeitend, bald von Belgrads Einnahme, vom Reichstag zu Saragossa, und den schlechten Zeiten posaunend. Am Fenster zwei Kartenspieler: ein pausbäckiger Sensal, und ein Offizier der Stadtmiliz: beide der Frau vom Hause zärtlich zugethan; beide nicht von ihr erhört. Die Unterhaltung war, wie gewöhnlich, wenn Einer allein spricht, wie hier der Wirth, — nicht sehr glänzend und erbaulich. Der Capitän aß stark und trank nicht wenig; der Doctor beobachtete seine Umgebung, die Wirthin tranchirte, die Spieler trieben ihre Belustigung fort. Eine Reisekalesche, die vor dem Hause hielt, brachte alle Köpfe in Bewegung. Sie fuhren an's Fenster; nur die erfahrnern Tafelgäste blieben ruhig. Der Reisende, ein junger Mann, trat langsam in die Stube, während er befahl, Mantelsack und übriges Gepäck nach dem besten Zimmer des Hauses zu liefern. Die von dem Anblick des hübschen Mannes freundlich angesprochene Wirthin machte denselben zum Nachbar des Doctors, und gebot, das verlangte Diner eiligst herbeizuschaffen. Der Fremde grüßte Capitän und Doctor höflich, und streckte sich dann bequem auf dem Stuhle aus. Der Wirth setzte sich gegenüber, und stierte den Gast neugierig an. Die Spieler setzten das Spiel fort. Der Capitän brach das Schweigen.
»Gute Reise gehabt, mein Herr?«
»Sehr gut.«
»Kommen weit her, ohne Zweifel?«
»Sehr weit.«
»Durchreisend?«
»Nein.«
»Geschäfte auf hiesigem Platze?«
»Ja.«
»Wären wir Landsleute? Ich bin ein Friese.«
»Ich nicht.«
»Darf man fragen, mein Herr ...«
»O ja.«
»Woher die Reise ...«
»Kellner! eine Flasche Wein!«
Hiermit brach der einsilbige Fremde ab. Der Capitän biß sich versehentlich in die dicken Lippen. Der Doctor lächelte und betrachtete den Lakonischen genauer. Er sah gar nicht aus wie ein Spaßvogel, sondern wie ein ernsthafter, sehr besonnener Mann. Sein regelmäßiges Gesicht war ruhig, die Augen groß, und blickten fest vor sich hin. Keine Freudigkeit, aber eine eiserne Fassung sprach von der Stirne, und der ganzen Gestalt. Das Trauerkleid, das der Fremde trug, entschuldigte allerdings den Ernst, welcher der natürlichen Heiterkeit der Jugend Abbruch that. Der Fremde aß mit vielem Anstande, was ihm vorgesetzt wurde, und trank den Wein stark mit Wasser vermischt. Den Doctor, dem seine früheren Verhältnisse Mäßigkeit zur ersten Pflicht gemacht hatten, freute das regelmäßige, abgewogene Betragen des Fremden, und er richtete auf die Gefahr hin, eben so zurecht gewiesen zu werden, wie vorhin der Capitän, einige artige Worte an den Nachbar, die auch verbindlich und kalt erwidert wurden. Indessen sprang der Offizier, der so eben seine Partie gewonnen hatte, mit Getöse von dem Stuhle, und riß die Fensterflügel auf.
»Mort de ma vie!« rief er: »Sensal! Wechselbote! schau er auf! ein Kernmädel giebt's hier zu schauen!«
Der Sensal sah hin, und sagte ziemlich lau: »Die Jungfer Müssinger! Aha! benebst Frau Mama!«
»Thu' Er nicht so kalt und vornehm!« zankte der Offizier; »Parole d'honneur! das Mädel ist das Liebenswürdigste in der ganzen Stadt! Seh' er nur, was sich die Flegel von Sänftenträgern einbilden, daß sie eine so artige Last, wie diese, aufzunehmen gewürdigt sind.«
»Wohl bekomme ihnen die Mama von vier Zentnern!« sagte der Sensal spöttisch, und nippte an seinem Glase. »Sie und ihr federleichtes Töchterlein gönne ich Ihnen von Herzen.«
»Das spricht der Neid aus Ihm, Sensal.«
»Ei nu, Herr Lieutenant,« hob die Wirthin an, die es nicht leiden konnte, daß andere Frauenzimmer hübsch gefunden wurden: »das absonderliche Wunderwerk finde ich nun auch nicht an der Mamsell. Ein putziges Dingelchen, recht keck, recht unverschämt, und geschminkt, ich lasse mir's nicht nehmen. Geht sie nicht am Sonntage wie ein Pfau auf ihren hohen Absätzen über die Gasse? Ist wohl ein Mensch, der sich nicht über ihren Stolz ärgerte? Die Mama ist auch grob und hochmüthig, das weiß Gott! aber dabei ist sie dumm wie eine Henne. Das Töchterchen hingegen versteht Antworten zu geben, — so spitzig und witzig, und giftig und triftig, daß allen ehrlichen Leuten die Galle steigt. Das leichte Töchterchen mag froh sein, daß sie schwere Geldsäcke aufzuweisen vermag.«
Der Sensal schnippte mit den Fingern.
»Das spricht der Neid aus Ihnen, Frau Gasthalterin!« schaltete der Lieutenant ein, spaßhaft und impertinent zugleich: »Der Himmel verdopple mir die Gage, wenn ich nicht gleich zugriffe; — die Jungfer dürfte nur die Hälfte ihres Geldes haben. Meine Schulden zu bezahlen fände ich doch genug: auf Ehre.«
»Ew. Gnaden sprechen in's Blaue hinein,« versicherte kaltblütig der Sensal: »O! der Himmel hängt in diesem Hause voller Geigen, aber die Baßgeige wird doch am Ende ein Loch bekommen. Sie hätte es jetzt schon, wenn der dicke Holländer nicht so artig gewesen wäre, ... na! ich will klüger thun, und schweigen.«
»Hm!« begann die Wirthin: »es wurde allerlei gemunkelt, das einem die Haut schaudern machte, und das ...«
»Das gefährlich ist, wiederzukauen!« fuhr der Wirth dazwischen: »ich bitte mir's aus, Frau Schwanenwirthin, daß Sie kein Wort mehr darüber verliert. Der hochpreißliche Senat hat's allen rechtschaffenen Bürgern befohlen. Auf allen Zunftstuben wurde es verblämt, und den Plaudermäulern angedeutet; und ich bin auch Zunftmeister, und muß auch auf Ordnung halten.«
»Wohl geredet!« rief der Lieutenant beifällig: »Wie die Zunft, muß auch die Frau pariren und Subordination muß sein. Bei alledem möchte ich wissen, wohin die Damen sich begeben haben. Auf Ehre, ich möchte es erfahren. Wäre ihres Spazierwegs Ziel der Kuchengarten oder die Windmühle, ich ließe flugs meinen Polen satteln, um die reizende Jungfer von Mund zu Mund zu begrüßen.«
Der Sensal zuckte bei den prahlerischen Aeußerungen des Windbeutels die Achseln, sah aber beinebst durch's Fenster, und erwiderte: »Da kommt Einer, der Ihnen, gnädiger Herr Lieutenant, ganz gewiß die beste Auskunft zu geben vermag: der übergeschnappte Thürmer von St. Paul, der zum Rasendwerden in des Senators Tochter verliebt ist, ohne daß er je ein Wort mit ihr gesprochen hätte. Brüstet sich nicht der Geck in seinem betrodelten Kleide wie ein Graf, und wer sollt es dem geputzten Affen ansehen, daß er zu Posaune und Glockenstrang geboren und gebildet wurde?«
Der Mann Quaestionis flatterte in das Zimmer, geschmückt wie der albernste Zierbengel seiner Zeit.
»Sieh da, Monsieur Pahlens,« rief ihm der Offizier entgegen: »Magnifiquester aller Thürmer! Woher, wohin, guter Freund? Ist Ihnen der Stern unserer Stadt, die wonnevollste und freudenbringendste der Grazien begegnet?«
»Ach, gnädiger Herr!« versetzte Pahlenz mit schwärmerischem Ausdruck: »Des Lebens Licht hat mir gefunkelt auf meinem Seufzerpfad! Ich habe sie gesehen, in deren Aug Cupido mit gespanntem Bogen sitzt; das Götterkind. Zum Ritterhof begibt sich die Schöne, wie ich höre. Wäre ich doch der Kaffee, den sie schlürft, der Kuchen, den sie genießt. Gleich dem Zwieback, das ihre Hand zerbricht, zerbröselt sich mein Herz in eitler Sehnsucht!« —
»Abgeschmackter Gimpel!« brummte der schwarze Fremde leise vor sich hin, stand auf, und entfernte sich, langsam, wie er gekommen.
Niemand, den Doctor ausgenommen, bemerkte seinen Abgang, denn der verliebte Thürmer ergoß sich in blumenreichen und geschraubten Redensarten, schnitt Jedem das Wort von Munde, betäubte das Ohr eines Jeden. Der Offizier unterbrach ihn endlich ziemlich brüsk, schnallte sich den Degen um, setzte sich den Hut martialisch auf, fuhr in die Handschuhe, und bereitete sich, den Damen zum Ritterhofe zu folgen.
»Geht Er mit, Sensal?« fragte er barsch.
»Ich habe auf der Niederlage zu thun. Auch besitze ich kein Pferd, das mit Ihrem Polen gleichen Schritt halten könnte.«
»Mort de ma vie! ich besinne mich so eben, daß mein armer Polak sich den Fuß zertrat, und den Stall hüten muß. Ich werde zu Fuß gehen müssen. Begleiten Sie mich etwa, Monsieur Pahlens?«
»Das würde sich nicht schicken, Ew. Gnaden. Ohnehin schlägt um 4 Uhr meine Stunde. Mein armer Teufel von Gesell ist ziemlich krank, und kann die Abendluft nicht vertragen. Ich muß also selbst ...«
»Die Posaune zur Hand nehmen, und tuten?« fiel der Offizier spottend ein: »Parole d'honneur! Schade um den jungen galanten Mann! Das ignoble Handwerk paßt wenig zu seinen feinen Gewohnheiten. Nicht wahr, meine Herren? nicht wahr, Madam? A revoir! Adieu!«
Er empfahl sich unter lautem Gelächter. Nach einigen Anmerkungen über den Offizier und dessen Schulden ging auch der Mäckler. Den Capitän riefen seine Geschäfte, die Wirthin die Hauswirthschaft; der Gastwirth schlief, der Doctor und Pahlens gingen zusammen auf die Straße.
»Wie habe ich mich gesehnt, einmal mit Ihnen allein zu sprechen,« begann Pahlens vertraulich, aber ehrfurchtsvoll: »Seitdem Sie mein geistlicher Vater wurden, kenne ich niemand auf der Erde, vor dem ich mein Herz auszuschütten geneigter wäre.«
»Das gehört in den Beichtstuhl, mein Sohn;« erwiderte der Doctor leise.
»Nicht doch, Herr Doctor;« versetzte Pahlens: »Rathen Sie mir als Freund. Meine Lage wird mir unerträglich. Ich bin zu etwas Besserem geboren, als auf dem abscheulichen Thurme zu verblühen, und den Lutheranern zu ihrem Gottesdienste hülfreiche Hand und Lunge zu leihen. Was werden Sie denken, wenn ich Ihnen sage, daß mir in verwichener Nacht die heilige Mutter im Traume erschien, und zu mir sprach: »Mein lieber Sohn; allzulange schon verkümmerst Du im Ketzerdienste. Geh hinaus, und suche Dir ein bessers Glück. Ich und alle heiligen Engel werden dir den nöthigen Beistand leisten.« Sofort erwachte ich, und konnte nicht mehr einschlafen. Wie sehr ich jedoch grübelte, ein Mittel zu finden, die gnädigen Absichten des Himmels zu erfüllen, so stumpf blieb dennoch mein Geist. Rathen Sie mir, was soll ich thun? Als Geiger oder Lautenschläger in die Welt ziehen, oder etwa als Apostel der wahren Lehre? Das Letztere wäre mein Wunsch, allein mich fesselt hier ein Sehnen und Wähnen, ein Hangen, ein Verlangen, das vielleicht sündlich ist, weil es eine Ketzerin zum Gegenstande hat.«
»Was soll ich Euch sagen, mein Sohn?« antwortete der Doctor: »Ich will die Erscheinung, die Ihr gehabt, nicht bezweifeln. Wunder sind allerdings möglich, und es wäre Frevel, sie zu läugnen. So wahr es ist, daß der göttliche Mittler dem heiligen Franziskus, die göttliche Mutter dem preiswürdigen Loyola in Person erschienen, so läßt sich's gar wohl denken, daß die unbefleckte Mutter auch zu Euch im Traum gesprochen; denn — was Euch an der Heiligkeit jener Männer mangelt, das ersetzt Ihr durch gläubige Zuversicht, und kindlichen Gehorsam. Jedoch, gerade, weil ich an diese Erscheinung wahrhaft glaube, dächte ich, Ihr fordert durch eifrige Gebeterweckung den Himmel auf, Euch einen nähern Fingerzeig zu geben; bevor Ihr Euer jetziges Amt von Euch werft, um in die Welt ohne Plan hinauszugehen. Ein besserer Redner als ich, würde Euch sagen, daß Euer Loos kein böses ist; daß Ihr besser thätet, gerade auf Eurem einsamen Thurme sitzen zu bleiben, und Euere Seele, gleich der eines Einsiedlers, zum wahren Christenthum immer mehr zu erwecken und anzufeuern, als daß Ihr jetzo wie ein Irrwisch im Weltgetümmel umher fackelt. Er würde Euch sagen, daß Ihr jetzo, als ein, Gottlob zur Mutterkirche Bekehrter, auf Eurem Thurme ein wahres Sinnbild der siegenden Kirche vorstellt, wie sie, im Verborgenen triumphirend, oben sitzt, während zu ihren Füßen die Baaldiener orgeln, schreien und ihre Possen treiben. Ich sage Euch blos: Schweigt, betet, und erwartet mit Geduld, wie es der Himmel mit Euch zum Guten lenken wird. Was ist's aber mit der Neigung, von der Ihr spracht? Hat sie nicht die Tochter des Senators Müssinger zum Gegenstand?«
»Ach! Sie lesen in den Falten meines Herzens!« entgegnete der Geck; »Ich muß meine Schwachheit gestehen. Gehen Sie aber nicht strenge mit mir in's Gericht. Mein Herz ist so weich und empfänglich, als mein Mund blöde. Durch das Auge ist das Mädchen in meine Seele gedrungen. Geredet habe ich noch nicht mit ihr, und werde es auch nie, wenn Sie mir's nicht erlauben.«
»Das darf ich nicht,« entgegnete der Doctor; »Zu welchem Endzweck auch? Ihr seid arm, die Jungfer ist reich. Ihr Vater ist Senator; Ihr seid Thürmer. Das paßt nicht. Aber die Hauptsache ist, daß Ihr Katholik seid, daß sie Lutheranerin ist. Zwar arbeitet die Gnade des Höchsten, wie ich vernehme, an ihrer Wiedergeburt, wie denn überhaupt, Dank sei es der Fürbitte unserer hohen Patronin, unsere Gemeinde täglich im Stillen zunimmt, bis sie laut wird reden können. Aber man rechne nicht auf das, was noch nicht ist. Ich weiß nun zwar, daß ein Jünglingsherz ein weiblich Gemüthe sucht, an das es sich bindet, wie die Rebe an die Ulme. Die reine Verschwisterung tugendhafter Seelen mag und darf ich nicht hindern. Ihr dankt der würdigen und gottseligen Frau Lainez die Erleuchtung in Eurem frühern Irrthum. Weiht ihr Euer dankbar Gemüth, und vergeßt das Weib, das nicht für Euch auf der Welt ist.«
Pahlens verneigte sich, etwas unbefriedigt jedoch, und schied von dem Doctor, der sich zur Mailbahn begab. Auf und niederschreitend überlegte er sein heutiges Tagewerk, horchte verdrüßlich auf die Trommel, die von Zeit zu Zeit von der Komödienbude herüber schallte, auf das Geschrei des Lustigmachers, der vor der Thüre des Schauplatzes sein Publikum einlud; auf das Gejauchze der Gassenjungen, die den Possenreißer umschwärmten. Die Mailbahn, von Spazierengehenden angefüllt, wurde leer, weil die Neugierigen nach der Bude rannten, und bald befand sich der Doctor allein mit einem Frauenzimmer, das schon lange auf den Augenblick, mit ihm unter vier Augen zu reden, gewartet zu haben schien. Die Frau, in bürgerlichem Kleide, näherte sich ihm schüchtern, und sagte nach einem tiefen Knix: »Ich bin des Schreiners Buttler Frau, Ew. Hochwürden: Ihr eifriges Beichtkind.«
»Was will Sie? Ich kenne Sie. Nun?«
»Ich kann es mit meinem Mann nicht länger aushalten.«
»Wie so?«
»Er mißhandelt mich.«
»Warum?«
»Weil ich, eine Krankheit vorschützend, mich weigere zur Kirche zu gehen, und die Predigt zu hören, wie er's verlangt. Und dennoch fürchte ich mich vor der Sünde.«
»Ohne Noth. Ich spreche Sie los. Gehe Sie in die Kirche, damit der Schein bewahrt werde. Singe Sie mit, hört Sie aufmerksam der Predigt zu; aber bewahre Sie Ihr kaum genesenes Seelenheil mit geistlichen Stärkungsmitteln. So wird Ihr Mann beruhigt, und die Gemeinde schöpft nicht Verdacht.«
»Aber, Ew. Hochwürden: ich fürchte, das ist Heuchelei!«
»Um einen guten Zweck zu erfüllen, ist auch eine gewisse Heuchelei erlaubt. Beruhige Sie sich, gute Frau. Wie steht's mir Ihren Kindern? Spürt Sie in diesen keine Anlagen zum Heil?«
»Ach Gott, nein, Herr Doctor. Die Buben sind so roh, und die Tochter hat kaum die Confirmation überstanden.«
»So lasse Sie ab von ihnen. Keine voreilige Vertraulichkeit, damit die Kirche nicht in Gefahr komme. Sie muß wachsen, im Verborgenen, wie die Saat des Feldes. Uebergebe Sie die Kinder ihrem Schicksale. Gott wird die Seinigen schon herausfinden.«
»Aber mich jammert, daß sie verdammt sein sollen. Sie sind doch meine Kinder, meine ehelichen Kinder.«
»Die Frage wäre erst noch aufzustellen. Ist Sie nicht katholisch? Ihr Mann Protestant? Abgesehen, daß solche paritätische Verbindungen an und für sich nichts taugen, so könnte man gerade Ihre Ehe nicht gültig erklären. Sie wurde von keinem katholischen Priester eingesegnet.«
»Herr Doctor ...!« stotterte die arme bestürzte Frau.
»Gräme Sie sich nicht. Ich will es so genau nicht nehmen. Aber lasse Sie die Kinder den eigenen Weg gehen, und erwarte Sie alles von der Zeit.«
Die Frau verneigte sich wieder demüthig, und entfernte sich. Der Doctor setzte sich auf eine Bank, lehnte sich an die dahinter stehende Linde, und schloß, wie er zu thun pflegte, nachdenkend die Augen. Der heutige Tag war jedoch ganz dazu gemacht, ihm die Unterhaltung der verschiedensten Art zu bereiten. Ein rasch daherkommender Mann nahm geräuschvoll neben ihm Platz.
Der Doctor erkannte, aufblickend, in dem Nachbar des Senators Comptoirdiener Nothhaft. Der Mensch, dem der Doctor als solcher unbekannt war, befand sich heute in gar aufgeregter Stimmung, und eine händelsüchtige, tückische Weinlaune sprach aus seinen Augen und seiner Haltung. Um ein Gespräch anzuknüpfen, das er zu wünschen den Anschein hatte, bot er dem Doctor eine Priese Tabak. Dieser versagte.
»Brauchen sich nicht zu geniren!« redete Nothhaft ziemlich barsch: »s'ist nichts Giftiges, nichts Schlafmachendes darunter.«
Der Doctor, um den Grobian nicht zu beleidigen, nahm eine Priese, ohne davon Gebrauch zu machen. Nothhaft besänftigte sich, und versetzte:
»Freue mich, Dero Bekanntschaft zu machen. Ew. Edeln sind ohne Zweifel fremd auf hiesigem Platze?«
»Nicht doch, mein Herr; und dennoch mögen Sie Recht haben.«
Nothhaft stierte ihn verlegen an, lächelte dann, und fuhr fort:
»Recht gut gesagt, mein Herr. Justissime! Optime! Das ist all' mein Latein! Wie finden Sie das? Wenn man indessen Geld hat, — er klopfte auf die klingende Tasche, — so braucht man die Schulfüchserei nicht. He?«
Der Doctor nickte.
»Um aber wieder auf den Tabak zu kommen, so ist eine prudente Vorsicht wohl vonnöthen. Da kommt oft ein Mensch daher, bietet Ihnen Tabak; Sie schnupfen, schlafen ein, und finden sich am andern Morgen entweder im Werbhaus, oder auf einem holländischen Transportschiffe. Nicht so, mein Herr?«
»Ich weiß das nicht.«
»Sie wissen das nicht? Parbleu! das ist zum Lachen. Nun, nun! Sie haben freilich nichts mehr zu riskiren. Junge Seelen sind die besten. Na! wie gehen hier die Geschäfte?«
»Welche?«
»Sapperment! die Ihrigen. Wie läßt sich die Kaperei an? Ja, bei uns gibt's einen tüchtigen Menschenschlag, wie gemacht zum Matrosen und Soldaten. Wie viel Seelen haben Sie schon auf dem Korne? Na, Männchen! machen Sie mir doch aus Ihrem Handel kein Geheimniß. Parbleu! ich bin auch schon in Amsterdam gewesen. Ich kenne die Vögel an den Federn. Thun Sie nicht so unschuldig. Unser Magistrat kann einen Puff vertragen, ist seelenfroh, wenn man ihn ungeschoren läßt, drückt beide Augen zu. Damit Sie aber sehen, wie redlich meine Absicht ist, so bin ich bereit, Ihnen ein bedeutenderes Pfand meines Vertrauens zu geben.«
»Monsieur! Wofür halten Sie mich?«
»Ei, Liebster! wozu die Umstände? Für ein kluges Holländerchen, für ein pfiffiges Seelenverkäuferchen. Machen Sie mir doch nichts weiß. Ich hatte noch nicht die Ehre, Sie zu kennen, aber wie ich Sie heute mit dem Capitän Tormerpick aus dem Schwanen treten sah, vertraulich, Arm in Arm, von Geschäften redend, — ich war im Kaffeehause gegenüber, — da hatte ich's auf der Stelle weg. Der Capitän hat den Ruf, mit Seelen zu handeln, und nach dem Sprüchlein: »Gleich und gleich ...««
»Sie erzeigen mir viel Ehre, mein Herr!«
»Noch mehr, mein werthester Geschäftsfreund. Ich will Ihnen Credit geben: ein Capital; solid und unverzinslich; im Gegentheil: ich will die Deposit-Interessen tragen.«
»Ich begreife Sie nicht.«
»Werden's alsobald. Sub dato Morgen oder Uebermorgen liefre ich Ihnen eine Seele: kerngesund, jung, von denselben Schultern und Fäusten; etwas naseweis zwar und ungezogen, allein in den Colonieen hat man vortreffliche Schulen aufgerichtet. Soll mich der Teufel holen, wenn die gute Seele nicht ihre 2000 spanische Taler werth ist, wie einen Albus. Nun, acceptiren Sie? Die Emballirkosten trage ich noch obenein aus meinem Beutel ...«
»Erklären Sie sich deutlicher.«
»Parbleu! ich habe schon Alles gesagt. Als ich Sie da so allein und brütend sitzen sah, fuhr mir's gerade durch den Kopf. Mit einem Worte: ich weiß einen Burschen, den diverse Leute gern vom Halse haben möchten. Er hat Bärenkraft, und der Stock wird seinen harten Kopf schon zurechte bringen. Meinen Namen sollen Sie indessen gut behalten, aber ich garantire Ihnen meine Solvabilität. Ich bezahle die Fang- und Transportkosten bis an das Schiff. Schlagen Sie ein, und sagen Sie mir, wann die Promesse liquidirt werden soll.«
»Das ist noch sehr zu überlegen, mein Herr,« versetzte der Doctor lächelnd: »wenn Ihnen morgen noch eine Unterredung beliebt, so finden Sie sich um dieselbe Stunde hier ein. Für heute muß ich meiner Unterhaltung ein Ende machen, da, wie ich sehe, ein Freund, den ich hierher beschied, uns zu stören kommt.«
»Meinetwegen!« sagte Nothhaft, des Doctors Hand schüttelnd: »Auf Morgen also. Ew. Edeln, fehlen Sie nicht, ich werde auf dem Platze sein.«
Er ging, und Litzach, der schon vor einigen Minuten auf der Mailbahn erschienen war, kam. Der Doctor hatte Mühe, den Mann unter der übertrieben großen Perücke, dem pfirsichblüthfarbigen Sammetkleide mit Seidenstickerei verbrämt, zu erkennen. Das hagere, kummervolle Gesicht des Schauspielers paßte so wenig zu dem Staatsrocke, als die unscheinbaren Strümpfe, der zerknitterte Hut und die unmäßige Bandschleife, die vom kurzen Degen in verblichenen Farben herniederhing.
»Setzt Euch, mein Herr!« sagte der Doctor voll mitleidiger Höflichkeit: »Für's Erste: erzählt mir, wie es in Eurem Hause steht!«
»Meine Alte lebt noch,« antwortete Litzach: »der Doctor meint jetzo, sie werde am Leben bleiben, und Gott sei gepriesen dafür. Mitleidige Menschen haben meine Hütte mit ihren Wohlthaten erfüllt, und der Principal machte mir so eben das schmeichelhafte Compliment: ich hätte meine Lazzi noch nie so gut gemacht, als heute. Die Leute haben viel gelacht, und der extemporirte Spaß floß mir nur so vom Munde. Gottlob! ich darf hoffen, daß mich der Impresar behält.«
»Das Alles macht mir Freude,« versetzte der Doctor: »Ihr möget wissen, Monsieur, daß ich Euch schon lange kenne, wenn Ihr der Litzach seid, der auf der Jesuitenschule zu Augsburg studirte.«
»Der bin ich,« sagte Litzach seufzend: »und Sie, mein Herr?«
»Ich bin Münzner,« erwiderte der Doctor.
»Münzner?« wiederholte Litzach, wie sich besinnend, ergriff dann des Doctors Hände, sah ihm lange ins Gesicht, drückte dann einige Augenblicke, wie von Erinnerung verklärt, die Augen zu, öffnete sie wieder weit, und rief mit einem tiefen Athemzuge: »Weiß es Gott: das ist Xavers redliches, ehrbares Antlitz! Ach! habe ich denn das fröhliche Angedenken an Schul- und Jugendfreundschaft verdient? Wir haben uns »Du« genannt, mein lieber, alter Xaver! fürchte jedoch nicht, daß ich noch jetzt, wenn fremde Leute zugegen sind, das »Du« gebrauchen werde! du bist gewiß ein gelehrter und reicher Mann geworden, ich hingegen nur ein armer, verachteter Comödiant. Aber, erlaube mir, dich wenigstens in der ersten Stunde des Wiedersehens mit dem vertraulichen Namen zu begrüßen. Erlaube, daß ich dich nur jetzo Bruder nennen darf; das wird mich erheben auf lange Zeit.«
»Rede, mein armer Litzach! Erzähle mir, was dir seit unserer Trennung begegnete.«
»Ich könnte hierauf antworten: Unglück, Unglück, Unglück! und Alles wäre gesagt; aber du willst, ich soll weitläufiger sein, und so will ich dir folgen, obschon ich dennoch nicht viel Worte machen werde. Ich hatte meine Schulen perfekt durchgemacht, viel im Kopfe, und auch, Dank meiner sparsamen Eltern, viel im Beutel. Das war ein Unglück. Ich hing die Wissenschaften an den Nagel, lebte in Hülle und Fülle, versuchte es im Kriege bei einer Freipartie, und kam endlich ganz herunter. Der Kasten war leer, der Kopf wüst geworden, und in meinen besten Jahren stand ich da, und fragte mich, wie ich mich als zehnjähriger Bube gefragt hatte: »Was willst du werden? Was anfangen? Was unternehmen?« Zu jener Zeit kam die Merseburgische Comödiantenbande nach dem Orte, der meinen letzten Heller verschlungen hatte, und ich erinnerte mich plötzlich, daß man uns im Collegium auch hin und wieder hatte Comödie spielen lassen. Wenn du dich erinnerst, so wirst du wissen, daß man mich um meines glatten Gesichts und meiner schwächlichen Gliedmaßen willen, vorzugsweise erwählt hatte, die Weibsbilder zu agiren. Ich habe die Judith gespielt und die Herodia, und sogar einmal die Lalage in dem Schäferspiele: »Der treue Hirt,« womit der junge Professor der Rhetorik einst zu Augsburg so viel Aergerniß anrichtete. — Ei! dachte ich bei mir; wenn die Väter der Gesellschaft Jesu das Comödienspiel bei ihren jungen Leuten einführten, warum soll ich nicht mein Brod verdienen, wie andere verdorbene Studenten und reducirte Soldaten? Gedacht, gethan. Der Principal Richter nahm mich an, und eine recht fröhliche Wanderzeit begann für mich. Damals, lieber Münzner, machte ich nicht den Hanswurst, sondern die Amanten. Ich stellte vornehme Leute auf der Bühne vor, und trug mich auch nobel außer derselben, in Tressenröcken und sorgfältiger Wäsche. Hätte ich mich nur nicht verliebt!«
»Bis hieher war ich frei, und hatte nichts geliebet;
Doch, daß mir diese Pein die Sinnen nie betrübet,
Kam nicht von Tugend her. Weil mich der Wahn verkehrt
Schätz' ich aus Uebermuth nicht eine meiner werth,
Bis ich das Wunderbild beschauet,
Das mich vor dem ergötzt, ob dem mir jetzund grauet.«
»Ich rede von meiner Frau, eines herrschaftlichen Beamten Tochter zu Halberstadt. Wie sehr empfand ich den Dichter, als ich sie sah:«
»Die als ein Wirbelwind mich hin und her gerückt,
Und mein zerscheitert Schiff in langem Sturm zerstückt!
Ich sah sie, und entbrannt'! sie fühlte neue Flammen!
Kurz: ihr und mein Gemüth, die stimmten wohl zusammen!«
»Ich entführte die Liebste. Der Fluch ihres Vaters folgte uns nach, und, sobald meines Weibes Eltern in die Grube gesunken, fiel das Elend über uns her. Der lustige Name, den ich mir beigelegt, war ein schneidender Spott auf unsere traurige Lage. Katharine hatte nicht ein bischen Geschick zu der Comödie. Man lachte sie aus, sobald sie sich nur zeigte: der Principal zankte, und ich antwortete gallebitter, und wir wurden von der Gesellschaft weggeschickt. Eine schwere Brustkrankheit warf mich nieder, und verschlang Alles, was wir hatten! Am Stabe schleichend, von Katharinen geführt, die unser erstes Kind auf dem Rücken trug, bettelte ich mich weiter, von Kloster zu Kloster, von Spital zu Spital, von Bande zu Bande. Endlich fanden wir einen gutmüthigen Principal, der uns einen Wochenlohn anbot. Mein Weib sollte für die Truppe waschen, ich sollte agiren. Aber mit dem Amoroso war's vorbei! Ich hatte keine Stimme mehr, und keine Kraft. Der Principal richtete mich zum Rüpel ab. Ach, Münzner! wie war mir zu Muthe, als ich zum ersten Male als Narr auf die Bretter trat! Daheim lag mein Jüngstes im Sarge, meine Katharine, der Niederkunft gewärtig, auf dem Strohlager, und sie war allein, und nur Hunger und Mangel saßen an ihrer Seite, und ich mußte Possen reißen, und die bittern Thränen der Verzweiflung flossen aus meinen Augen über die geschminkte Narrenlarve in den Kienrußbart!«
Litzach wischte sich eine Zähre von der Wange, und fuhr gepreßten Herzens fort: »Ich machte den Lustigmacher schlecht. Die Zuschauer meinten, ich sei ein betrübter weinerlicher Narr; sie warfen mich mit verdorbenen Aepfeln, und der Principal zog mir die Jacke aus, und schickte mich fort. Als ich heimkam, brachte mir die Wehmutter einen Buben entgegen, den sie um Gotteswillen empfangen hatte, und ich brachte der Mutter meine Kindes sechszehn Groschen — und — den Abschied.«
»Herr Gott!« seufzte der Doctor. Litzach fuhr fort: »Ja, mein lieber, alter Freund: wer nur als Zuschauer vor dem gemalten Vorhange der Comödie steht, weiß nicht, wie viel gebrochene Herzen unter dem Tand der Flimmer-Kleidung schlagen. Ist es gerade nicht Kummer, der die Brust der Maskenspieler zerreißt, so ist es der giftige Neid, so ist es die brütende Unzufriedenheit, die hinter dem bunten Spiele eine fröhliche Welt suchte, und nur kümmerliche Lappen und eine trostlose Zukunft fand. Der Leichtsinn nur, dem Alles gleichgültig geworden, mag ruhig in diesem Getobe niedriger Leidenschaften schlafen; auf diesem wankenden Boden, den Prahlerei und Jammer beherrschen. Was uns Geschicklichkeit erwirbt, raubt uns auf der anderen Seite die Ungewißheit unserer Lage, und die Verachtung, die auf uns lastet. — Ich überspringe nun manches Jahr des Unheils, und bemerke blos, daß ich in der Zeit einen Theil jenes Leichtsinns mir errang. Ich wurde stumpf, fühllos; ich lernte seltsame und lächerliche Grimassen machen und Capriolen schneiden, ob mir schon der Tod an der Kehle säße. Ich errang den Ruf eine guten Comödianten, eines possierlichen Burschen, ich fand ein besseres Brod. Ich hatte gespart: ich hatte meinen Kindern ganze Kleidungsstücke angeschafft, meine Katharine mit dem Nöthigsten versehen; ich hatte ein Bett gekauft, und beinahe schon die Summe zu einem Plüschrocke beisammen, der mich in den Stand gesetzt hätte, reputirlich unter die Leute zu geben, als Katharine in die langwierige Krankheit verfiel. Unser Wohlstand verging wie eine Seifenblase, und ein Dienst, den ich bei der Gesellschaft des sel. Velten antreten sollte, mußte ebenfalls aufgegeben werden. So kam ich hierher, so fandest du mich. Nach langen Jahren erregt dein Anblick, Münzner, wieder das erste lebhaft frohe Gefühl in meinem Herzen. Die Hoffnung, daß meine Katharine leben wird, und dein Wiederfinden, macht mich glücklich. Ach, wie wahr redet der unvergleichliche Lohenstein in einem seiner Trauerstücke:
Je finsterer die Nacht, je heller ist das Licht:
Je öfter man die Hand an spitz'ge Dörner sticht,
Je mehr bekränzt man sich mit blutbemilchten Rosen:
Je mehr die Mittagshitz uns sticht, je süßer tosen
Die feuchten Abendlüft'; ist Wetter, Sturm und Well'
Und Wolke trüb und schwarz, so dünkt uns noch so hell
Und lustig Sonn' und Port. Die steinern harten Ketten,
Die Felsenlast, die uns zu Boden schier getreten,
Des Lebens steter Tod, der jeden Blick uns schreckt,
Das dunkel-grause Loch, in das wir eingesteckt,
Der Trauerrauch hat sich verkehrt in sanfte Wonne,
Die Nacht hat sich verstellt in eine lichte Sonne!«
Nach diesen pathetisch hergesagten Worten schüttelte der Schauspieler des Doctors Hand noch einmal herzlich, und ein warmer Tropfen fiel auf diese Hand.
»Du bist mit dem Weibe, das du deines nennst, nicht copulirt?« fragte der Doctor.
»Die Ehen in unsrer Gilde,« erwiderte Litzach beschämt, »sind meistens wild, und leider ist's auch die meinige. Jedoch thut es mir und Katharinen sehr wehe, daß, unsern unablässigen Versuchen zum Trotz, sich noch kein Geistlicher unterstanden, unsern Bund zu segnen.«
»Ich will es thun;« erwiderte der Doctor: »aber, die Hand auf den Mund, mein Freund, und eine Bedingung zugesichert.«
»Ach, Ew. Hochwürden ...« stammelte Litzach entzückt: »Ich will schweigen, wie das Grab, ... ich verstehe Sie wohl ... aber — welche Bedingung?«
»Eure Kinder müssen katholisch sein. Vermuthlich sind sie lutherisch getauft, da Euer Weib es ist, wie ich glaube.«
»Ew. Hochwürden,« stammelte Litzach verlegen, »die armen Würmer sind noch gar nicht getauft. Die Kosten — und dann die Scheu der meisten Geistlichen, ... wie gerne will ich ...«
»Gut;« versetzte der Doctor: »ihnen soll geholfen werden. Ich will Euch zu mir berufen lassen, Freund; die Seelen müssen gerettet sein, und Eure Noth gemildert. Ich will mehr für Euch thun, wenn Ihr verschwiegen seid und bereitwillig, das zu erfüllen, was ich im vorkommenden Falle von Euch verlangen werde. Entsagt indessen der Hanswurstjacke: ich will Euch eine Empfehlung auf das nächste Dorf, Breitenbach, mitgeben. Kost, Lagerstätte und Geborgenheit werden Euch dort nicht entstehen. Dann will ich weiter sehen, was zu Eurem Besten gereichen möchte.«
»Ach, Engel Gottes!« rief Litzach: »wie soll ich danken ...? Aber — ich soll acht Tage vorher dem Principal aufkündigen, — und dann ... bin ich in seiner Schuld. Mein Wochenlohn beträgt zwei Thaler und acht Groschen extra, was man gewöhnlich in der Kunstsprache Rekreation oder Biergeld zu nennen pflegt. Ich habe indessen einen Vorschuß von drei Thalern etlichen Groschen abzuzahlen, und ...«
»Mein Jesus! welch' betrübte Rechnung!« seufzte der Doctor voll Mitgefühl, und reichte dem Schauspieler eine Hand voll Geldes: »Sagt dem filzigen Direktor auf: im Augenblicke, und zahlt ihm den Bettel von drei Thalern. So soll nicht gesagt sein, daß ein Zögling der Väter von der Gesellschaft Jesu länger in solcher Dienstbarkeit bestehe. Geht, mein Freund. Ich werde Euch rufen lassen. Erquickt Eure Kranken und Hungrigen, und danket dem Herrn!«
Litzach jauchzte: »Ja, mein Wohlthäter! Den Herrn und Sie werde ich preisen, — dem Principal sein Geld und seine Kleider vor die Füße werfen, und voll Hoffnung erwarten, was Sie über mich beschließen. Von diesem Gelde kann ich mit den Meinen einen Monat lang durchkommen, und mein Glück ist gemacht!
Wir Menschen irren stets. Wo wir uns sicher trauen,
Sinkt unser Schiff in Grund. Wenn man's verloren hält,
Hat das Verhängniß oft das beste Glück bestellt!«
So rief er noch mit allem Aufwande seiner rhetorischen Kunst, und eilte mit geflügelten Schritten der Bude zu, aus welcher die befriedigten Zuschauer gerade nach Hause strömen. Der Doctor fand sich, da die größte Menge über die Mailbahn zog, in seinen Betrachtungen gestört, und wanderte, mit seinem Tagewerke wohl zufrieden, gegen seine Wohnung. James berichtete ihm: Der Senator Müssinger sei vor wenigen Minuten plötzlich bei dem Doctor eingetreten, habe sich eilig und zerstreut nach demselben erkundigt, und darauf mit zitternden Händen ein Billet geschrieben, das der junge Mann dem Doctor wohl unversiegelt zustellte.
Der Senator sagte darin mit bebend gezeichneten Schriftzügen: »Mein einziger mitfühlender Jugendfreund! Ich verzweifle, Ew. Edeln nicht in loco zu finden. Kommen Sie eiligst, sobald Sie können, in meine Schreibstube. Wir werden ganz allein sein. Ich stehe am Rande einer Seelen-Crida; Sie nur vermögen mir zu rathen. So eben erhalte ich den Aviso: der junge Birsher von New-York ist in Person hier angekommen!«