Erster Abschnitt.

Der Freier. — Jacobinens Geheimniß. — Das Senators Tröster. — Georg Birsher. — Tischgespräche. — Häuslicher Sturm. — Justinens Opfer. — Abendunterhaltungen. — St. Sebastian und die heilige Pulcheria. — Das Gespenst. — Der Superior. — Seine Philosophie. — Wuth der Leidenschaft. — Qual der Schuld. — Neues Ungewitter. — Der Heilige unter den Myrthen. — Die Geisterbannerin. — Verlobung. — Vorträge auf der Mailbahn. — Plaudern zur Unzeit.

Nothhaft war schon seit den ersten Frühstunden im Hause des Senators herumgegangen, — glänzend, strahlend, hoffärtig wie ein Pfau. Feiertäglich geputzt, vom Tressenhute bis zur schweren Silberschnalle am Korduanschuh mit dem leuchteten Absatze, hatte er mehrere Male an die Thüre des Principals geklopft, und murrend von der Verschlossenen Abschied genommen. So hielt er Schildwachtposten und Schildwachtgang durch's ganze Haus, getraute sich aus Respekt nicht den Fuß in der Senatorin Zimmer zu setzen, und hielt es unter seiner Würde, in die Schreibstube zu treten, durch deren Fensterchen Berndt den geputzten Wandler mit neugierig neidischen Augen betrachtete. Endlich, — von mancher Priese Tabak gestärkt, und an dem Glauben haltend, daß Geduld Alles überwinde, besiegte der Commis, der nichts Geringes im Schilde führte, die schleichende Zeit und seinen Unmuth. Die Hausthüre ging auf; der Senator kam heim. Mit einer vertraulich patzigen Verbeugung empfing ihn Nothhaft an der obern Treppenstufe, und sein Herz lachte im Stillen, denn sein Benehmen schien zu wirken. Der hochfahrende Senator hatte völlig die Miene eines betretenen Kindes angenommen. Seine Stirne lag zwar glatt und freundlich, aber in den Augen saß eine gewisse unerklärliche Demuth, und seine Stimme war lammfromm und gemäßigt.

»Was verlangt Er, mein Sohn?« fragte der Senator, nachdem er den Commis in seine Stube gewinkt; und stolzer hielt Nothhaft sein Haupt, und nachlässiger spielte er mit dem Uhrbande.

»So geputzt?« fuhr Müssinger fort, mit niedergeschlagenen Augen den umherschweifenden des Dieners ausweichend: »Ich wette darauf, der junge Herr will mich besänftigen, daß ich nicht zürne, weil Er bereits zween Tage lang gefaullenzt hat? Danke Er Gott, Monsieur, daß ich nicht so strenge wie der Buchhalter bin, und mich überhaupt heute in einer Laune befinde, die mich nicht zum Zanken kommen läßt. Es sei Ihm Alles vergeben, aber continuire Er dafür in Seinem vorigen Fleiße.«

»Es hat sich hier Nichts zu vergeben, Herr Senator und geschätztester Principal,« antwortete Nothhaft ziemlich dreist und nachdrücklich; »die Ursache meiner Abwesenheit von Dero Comptoir wird mich, — so hoffe ich, — sehr genügend entschuldigen. Ich bin hier, um dieselbe gebührend vorzutragen, da Ew. Edeln Geschäfte gestern und vorgestern mir Solches unmöglich gemacht. Freilich sollte ich gebührenderweise schwarz wie ein Tintenfaß vor Ihnen stehen; allein, erstens hat der saumselige Schneider mich noch nicht mit Kleidern versorgt, — und — zweitens — will sich's wohl ziemen, — da eine fröhliche Botschaft an der traurigen hängt, daß ich ihrer im fröhlichen Kleide gedenke. Wissen Sie demnach, Hochzuverehrender, daß mein Herr Vater, — bis dato Kaufmann und Rathsherr in meiner Geburtsstadt, am verwichenen Freitage im 70sten Jahre seines Alters das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat. Ich bin sein einziger Erbe in Haus und Gewölbe geworden, und — wie mir schmeichelhafte Verwandte versichern, — würde der Magistrat sich nicht lange sperren, mir auch den Rathsstuhl des Verewigten als vollgültiges wohlerworbenes Erbe zu überlassen.«

Der Senator war unwillkürlich vom Stuhle aufgestanden, hatte einen nebenstehenden Sessel herbeigezogen, und winkte lächelnd und verbindlich dem Commis, Platz darauf zu nehmen. Nothhaft ließ sich nicht lange bitten, und indessen sprach Müssinger sehr freundschaftlich: »Sehen Sie, bester Herr Nothhaft; der Tod ist so eigentlich kein Unglück, sondern ein Soll, das früher oder später jeder Lebensnegoziant zu saldiren hat. Trösten Sie sich demnach über den herben Verlust, und genehmigen Sie den wärmsten Ausdruck meiner Theilnahme an Ihrem fernern Wohlergehen. Dieses wird nun freilich lediglich von Ihnen abhängen, denn Sie haben in meinem Geschäfte von der edeln Handels-Wissenschaft ohne Zweifel so Vieles profitirt, daß Sie ganz gut auf Dero eigenen Füßen werden stehen können. Behalte mir demnach nur die Fortdauer Ihrer freundschaftlichen Anhänglichkeit vor, und bitte mir zu nächstem Sonntag die Ehre aus, Ihnen mit einem Löffel Suppe aufwarten zu dürfen, wie ein Handelsfreund dem Andern.«

Müssinger hätte hier gerne, nachdem er der Förmlichkeit ihr Recht gegeben, das Gespräch beendet, aber Nothhaft saß immer noch breit und lästig im Stuhle, nickte vornehm dankend mit dem Kopfe, und hob an, den Zweisprach weiter fortzuspinnen.

»Eben darum, geehrter Herr Senator,« — sagte er — »weil ich weiß, wie förderlich mir Ihre Freundschaft ist, und gewesen, so wie auch die Meinige vice versa, so unterstehe ich mich, an obige Trauer-Nachricht ein artiges Vergnügen zu knüpfen, indem ich auf ein Band hinweise, das unsre bisherige Freundschaft-Societät zu befestigen geschickt sein möchte. Mein seliger Herr Vater hat jeden Albus sechsmal umgewendet, ehe er ihn ausgab, und vermittelst dieses Grundsatzes einen ansehnlichen Kasten voll harter Thaler zusammengespart: ein Tuchgeschäft in vollem Gange, eine Wein-Fabrik, ein wohleingerichtetes Haus, Gartenland und Ackerfeld, Brunnen und Stall, Geschirr von Silber und Ringe von Gold. Alles dieses ist mein, und mir geht nichts ab, als ein Weib. Ich halte demnach, geziemend und gebührend, um Ew. Edeln Tochter an. Jungfer Justine ist zwar ein schwieriges, schnippiges Ding; aber ich mag sie doch wohl leiden, und hat man erst ein Dutzend Wochen im Ehestande zugebracht, so findet sich Alles hinterdrein.« —

Der Senator saß verstummt da, und lächelte vor sich hin; ob aus Spott oder aus Ueberraschung? Dann erwiderte er ziemlich treuherzig: »Lieber Herr Nothhaft! Sie thun mir unläugbar eine Ehre an, so wie Justinen. Aber, Bester! — sollte es Ihnen denn unbekannt sein, daß meine Tochter noch immer versprochen ist? Bevor Herr Birsher junior nicht sein Wort und das meinige aufgegeben ...«

»Täuschen Sie sich noch beständig mit dem Bräutigam aus New-York?« fragte Nothhaft achselzuckend; »geben Sie um Gotteswillen die Anwartschaft auf. Der junge Herr wird an Deutschland gedenken, und über kurz oder lang wohl die Brautgeschenke wieder einfordern lassen, die sein armer Papa hieher bringen mußte; aber sicher nicht die Braut

»So?« — fragte Müssinger etwas gereizt. »Woher wissen Sie das? Sind Ihre Briefe sicher?«

»Hm!« antwortete Nothhaft ruhig und bedeutend; »ich meine nur ...; wenn ich der Sohn wäre — ich könnte nimmer in das Haus heirathen, worinnen man meinen Vater ... begraben hätte.«

Des Senators Mundwinkel zuckten krampfig. »Man muß es darauf ankommen lassen,« sagte er trotzig.

»Lassen Sie's nicht ankommen,« fuhr Nothhaft fort: »verkennen Sie Ihren Vortheil nicht. Eine Verbindung mit mir ist Ihnen heilsamer, als eine Verwandtschaft mit dem Amerikaner. Ich habe zwar keine Million in Cassa; aber einen Mund, der schweigen kann, und einen milden Verstand, der mit dem Mantel der Liebe allzeit fertig und bereit steht, wenn gewisse Menschen-Irrthümer zur Sprache kommen wollen.«

»Wie so? Wie begreife ich, was Sie mir sagen?«

»Denken Sie an des alten Gastfreundes Sterbetag. Gedenken Sie des seltsamen Sterbefalls ...«

»Und nun, Monsieur? Was will Er ... was wollen Sie damit sagen?«

»Der Pistolen auf der Diele, der verzettelten, gerade noch vor Thorschluß, möchte man sagen, quittirten Wechsel ... oder Verschreibungen ...«

Der Senator wurde weiß wie die Wand, stand auf, schöpfte tief Athem, und sagte mit gepreßter Stimme: »Sie sind ein schauerlicher Patron, und verstehen's, solche unangenehme Todes-Auftritte recht täuschend zu schildern, daß man sich unwillkürlich fürchten möchte.«

»Herrlich!« rief Nothhaft, »um so schneller werden Sie mit der Heirath in Ordnung kommen. Schlagen Sie ein: Allianz! Respect dann vor Ihrer Firma!«

»Ei! den müssen Sie auch haben, junger Mensch!« fuhr der Senator auf: »haben ohne Allianz! Sie thun absonderlich vertraut mit mir; mehr als sich's schicken dürfte! Werden wohl berathen sein, wenn Sie dieses unterwegs lassen!«

Nothhaft sah den Aufblitzenden stutzig und verblüfft an. Die auflodernde Hitze reute indessen den Senator im Augenblicke. Er beruhigte sich gewaltsam, murrte ein finsteres: »Pfui!« gegen sich selbst gerichtet, in den Bart, und fuhr fort: »Verzeihen Sie mir den Ausfall. Ich habe mir vorgenommen, mich nicht zu erzürnen; aber die Zunge läuft manchmal wie ein toller Deserteur davon. Mit Permiß! so wir uns alterirten, wollen wir wieder Freunde sein. Das Schätzbare Ihrer Werbung ist mir nicht entgangen; aber sagen Sie selbst: ist es möglich, Ihnen etwas, das geringste aufmunternd zuzusagen, da der junge Birsher selber hier eingetroffen ist?«

Nothhaft sprang überrascht vom Sessel. Er studirte lange an dem Ernste in des Senators Augen; dann sprach er hitzig, wie ein Pfeil schwirrt: »Wenn's in der That also ist, Herr Senator, so heißt's: Kurz resolvirt. Ueberlegen sie genau, wie's anzufangen sein möchte, damit der Herr von New-York nicht an's Ueberlegen komme. Parbleu! Ihr Jawort ist so gut als schon in meiner Tasche. Justinens wird sich dann schon finden. Apropos indessen, Ew. Edeln: dem ehrlichen Freiersmann kann es nicht angenehm vorkommen, wenn sich die Braut an ein fremdes, leider malhonnettes Volk hängen will. Jungfer Justine ist in der Education sehr vernachlässigt.«

»Monsieur Nothhaft!« sagte Müssinger erstaunt, und wieder böse werdend. —

»Na! ruhig im Gemüthe, Herr Senator! Ich hab's aus guter Quelle. Der englische melancholische Junker, der hier im Hause den Sprachmeister abgiebt — der verdient's, daß Sie ihm böse, gram und giftig werden. Er hat Justine gekirrt; Parbleu! ich weiß es sehr genau. Morgen-Promenaden — im Frühroth — Berndt hat's mit angesehen, wie sie plauderten, wie sie Abschied nahmen. Solche Lustwandeleien im Morgenthau mögen vielleicht unter den grobhäutigen Engländern gäng und gäbe sein, aber der gute Ruf unsrer deutschen Töchter und Schwestern bekömmt leicht davon den Schnupfen.«

»Ich werde die Sache untersuchen,« erwiderte der Senator strenge; wendete sich aber von dem Freiwerber ab, damit er nicht die Röthe der Schaam auf seiner Stirne bemerke: »Verlassen Sie sich darauf: ist's wahr, — soll's gewiß nicht mehr geschehen!«

»Dann bin ich um meiner Jungfer Braut willen bereits content!« äußerte Nothhaft, den Weg zum Abschiede suchend. Der Senator ermangelte nicht, dem Zuversichtlichen zu bemerken, daß seinem Ansuchen bei weitem noch kein Amen gesprochen worden, aber unwillkürlich nahm seine Rede einen trügerischen Schein an, und Nothhaft — wäre er auch nicht der alte dumm-dreiste und hochmüthige Geck gewesen, wie sonst, — hatte Ursache, mit mancher Hoffnung von dannen zu gehen.

»Verzeihe mir der Himmel die Sünde, wie er mir heute bereits die schwereren vergab!« sagte der Senator leise vor sich hin, wie im Gebet; »ich konnte mir in der Verlegenheit des Augenblicks nicht anders helfen. Der freche Tölpel, der ein Endchen meiner Geheimnisse kennt, muß berücksichtigt werden, — wenigstens, bis er die Stadt im Rücken, den Weg nach seiner Heimath unter der Sohle hat.« Er ging hin und her in der Stube, musterte seinen Schreibtisch, seine Bücher, — zuckte auf wie vor dem Anblick einer Schlange, als er die bestaubte Hauspostille darunter gewahr wurde, schob sie mit unmuthiger Hand in einen klaffenden Wandschrank, und reinigte dann die Finger vom Staube. — »Wie dieser Anblick mich plötzlich an die Jugend erinnert hat!« sagte er mit wehmüthigem Vorwurfe zu sich selbst; »dieses Buch, woraus ich meinen Eltern den Abendsegen lesen mußte, dessen Haupt-Predigt- und Erbauungsstellen ich auswendig gelernt hatte, trotz dem Vater-Unser ... Dieses Buch, worein der Vater alle Begebenheiten unsers Hauses verzeichnete, wie eine Geschlechterchronik, — dieses Buch soll mir von nun an ein Gräuel sein!« Er seufzte, drückte jedoch den Wandschrank entschlossen zu, und zog ein kleines Büchlein aus dem Busen, das er mit einer seltsamen Mischung von Neugierde, Zuversicht und Zweifel betrachtete. »Du sollst in Zukunft mein Hort sein?« fragte er flüsternd und setzte, darin blätternd, hinzu: »Ihr Heiligen Alle, deren Häupter aus diesen Bildern, mit Dornen und Blut bekränzt, schauen! nehmt Euch meiner an, daß ich nicht vergehe in muthlosem Schwanken! wahrt mir doch den Frieden, den ich kaum durch einen beispiellos raschen Entschluß gewonnen!« Sein Blick fiel auf den Rand eines Kupferstichs, und in dem Blicke ging es auf wie ein Freudenfeuer. »Münzner! Münzner! ist das nichts Claras Weltname? Und ist sie nicht der Engel, der heute mein Pathe gewesen? Und ich sollte friedlos bleiben, da sie für mich zu den Füßen des Heilands betet? Muth, mein Herz!« Die Glocke, die zum Frühstück rief, ertönte.

Der Senator versteckte das Gebetbuch, zog sein Gesicht in die gebieterischen Alltags-Falten, und begab sich zur Wohnstube. Der Kaffee dampfte von dem blaudamastenen Tafeltuche, das glänzende goldgeringelte Porzellan, berührt von dem schweren silbernen Geräthe, erklang hell; im Uebrigen blieb es stumm in dem kleinen Kreise. Die Senatorin, die kaum den Morgengruß des Mannes erwidert hatte, saß, zwar ihm zur Seite, aber dennoch halb von ihm gewendet, und genoß, die Tasse in der bequem ruhenden Hand haltend, das Frühstück und den Morgenstrahl, der durch's Fenster schlug, zugleich. Justine hütete mit besorgten Blicken bald den stillen Vater, bald die feindselige Mutter, und bestellte die Frühstücks-Angelegenheit; schenkte ein, bediente, nöthigte wie es der Brauch war. Berndt saß unfern, wie ein Lämmchen, unfähig, ein Wässerchen zu trüben, unterrichtete bald den Principal von den Arbeiten, die er heute schon gethan, bald schoß er lauernde Blicke nach dem Mädchen. Der ernste Buchhalter, gegen jede Kaffebedienung deprecirend, zum zwanzigsten Male behauptend, daß er bereits in aller Frühe seine Portion genossen, stand hinter dem Herrn, und producirte eine eingelaufene Missive nach der Andern, eine Reihe abzusendender, und eine Menge der Unterschrift bedürftiger Papiere.

Müssinger las und unterschrieb schweigend, sandte den Buchhalter hinunter, beschied Berndt in einer Stunde auf seine Stube, und fragte, nachdem auch dieser feuerroth hinweggegangen, mit ungewöhnlich sanftem Tone: »Wie nun, Jacobine, und du, mein Justinchen? Ist denn schon die Tafel für den zu erwartenden Gast geordnet?« — Justine wollte die Mama antworten lassen, aber die Senatorin hatte dazu keine Lust. Mit einem tiefen Seufzer setzte sie die Tasse geräuschvoll hin, kehrte dem Senator völlig den Rücken, und starrte in's Blaue. — »Ei, Jacobine ...!« — sagte Müssinger hierauf staunend und gereizt, — näherte sich der Schmollenden, und wollte die Hand auf die Lehne des Stuhles legen, um sich vertraulich zu ihr herabzubücken; aber wie vor einem Scorpion fuhr die Senatorin empor, wischte schnell mit ihrem Schnupftuche die Stelle ihres Kleides ab, woran zufällig sein Finger gestreift hatte, und schritt trotzig und stumm in's Seitenzimmer. Die Thüre ging krachend hinter ihr zu. — »Was bedeutet das?« — fragte Müssinger, seine Jast kaum bezwingend. Justine erzählte schüchtern und verlegen, daß sich der Mutter Betragen seit ihrem Spaziergange von gestern nach dem Ritterhofe geändert habe; daß sie nichts über die Veranlassung zu diesem stummen Groll geäußert, und daß sie, Justine, von der Sache nicht das Geringste begreife. — »Mit wem hat deine Mutter draußen gesprochen?« — fragte der Vater mit krauser Stirne. Justine gestand, daß sie, in Scherz und Gelächter mit andern Personen ihres Alters und ihrer Bekanntschaft vertieft, es nicht bemerkt habe.

»Welche unselige Grille beherrscht das Weib nun wieder!« — sagte der Senator empört, aber wie mitleidig die Achseln ziehend. — »Ist denn wohl ein Hausvater in dieser Stadt, der unglücklicher wäre, als ich? Diese stumpfsinnige Xantippe, die mein Leben verbittert ...«

Justine flog mit thränendem Auge an seinen Hals, und fragte: »Lieber Vater! Sind Sie denn auch mit mir böse? Verdiene auch ich Ihren Unwillen?« —

Der Senator sah sie gerührt an, schob sie dann, plötzlich verfinstert, von sich, und antwortete: »Unter deinen Fehlern vermißte ich wenigstens bis heute die Heuchelei. Nun tritt auch diese hervor. Ungerathene mit dem Unschuldsblick! Wohin hast du dich verirrt? Mit einem jungen Manne, der mein Vertrauen verräth, bist du am frühen Morgen auf den Gassen der Stadt gesehen worden. — Bekenne! wohin führen diese Gänge? und seit wann?« —

Justine erbleichte ein wenig; allein sie war bald wieder gefaßt. »Berndt hat mich verläumdet,« — sagte sie ruhig; — »der Schleicher trat auf meinen Fersen in das Haus. Glauben Sie dem Menschen nicht. Verlangen Sie jedoch nicht, daß ich Ihnen mehr von dem Morgengange sage, als daß er nur ein einzig Mal — Gestern — statt gefunden, und daß ich die Hütte einer Armen aufgesucht. Um Alles Uebrige befragen Sie, wenn es Ihnen gefällt, den Monsieur White selbst.«

»Welch ein kühnes Vertrauen!« — rief Müssinger. — »Ich will glauben, daß noch die Sünde nicht mit Euch ging. Was soll aber daraus in Zukunft werden? Du wirst, hoffe ich, nicht den thörichten Gedanken hegen, den bettelarmen Baronet, — obendrein zu einer Zeit, wo dich noch andere Bande fesseln, die vielleicht fester zu knüpfen, dein Verlobter kam ...«

»Vollenden Sie nicht, Herr Vater,« versetzte Justine; »lernen Sie mich besser kennen. Ihre Besorgnisse sind grundlos. Da Herr Birsher hier angekommen, schickt sich's ohnehin nicht, daß ich den Besuch eines Mannes ferner annehme. Sie werden mich verbinden, wenn Sie Herrn White heute schon entlassen. In Frieden, denke ich, wenn Sie meinen Ruf schonen wollen. Was Berndt betrifft....«

»Das ist meine Sorge!« ergänzte der Senator, und eilte auf seine Stube, wo sich Berndt demüthig und bald einfand.

»Er hat sich erlaubt,« fuhr ihn der Principal mit Strenge an, »meine Tochter durch böse Nachrede zu verunglimpfen, und ihr einen Spaziergang zum Verbrechen zu machen, von dem ich unterrichtet war, und der einer Armen galt. Verläumder und Züngler dulde ich nicht in meinem Hause. Er hat sich um einen andern Dienst umzusehen, und mit Ablauf des Quartals von meiner Schreibstube abzuziehen. Bon Dies.«

Stumm und niedergeschlagen entfernte sich Berndt, und murmelte zwischen den Zähnen: »Das kommt von Nothhaft, dem neidischen Bengel! Das gedenk' ich ihm!«

Der Geist der Verdrossenheit hatte sich auf Müssingers Dach gelagert. Ein dumpfes Mißbehagen bedrängte Alle, die darunter wohnten, Justine ausgenommen, die mit unbefangenem Herzen, mit klaren Augen die Zukunft musterte. Freilich mischte sich auch in diese unbefangene Klarheit dann und wann ein wenig Unruh, wenn sie an den Verlobten dachte, der so plötzlich erschienen war; von dessen Wollen und Wünschen noch nichts verlautet hatte. »Wie wird er die Sache entscheiden?« fragte sie sich, »und will er mich noch heimführen, oder hat der Tod seines Vaters seinen vielleicht erzwungenen Vorsatz geändert? Aber: wie sieht wohl der junge Mann aus?« fragte sie sich noch weit öfter, und erbebte ein Bischen, dachte sie sich des alten Birshers Corpulenz, seine Perücke, seine Manieren, die sich vielleicht alle, wenn auch nach verjüngtem Maßstabe, in dem Sohne wiedergaben, wie im Spiegel. Werde ich ihn heirathen? — war natürlich die letzte, die bedeutendste Frage, die Justine an ihren Verstand, an ihr Herz richtete. Der Verstand, der den Reichthum und das daraus entspringende heitere Leben zu schätzen wußte, sagte allerdings: Ja! aber das Herz? In diesem verborgensten Winkel tauchte von Zeit zu Zeit, einem spielenden Geist zu vergleichen, ein Bild auf, — angenehm in seinen Zügen, unangenehm jedoch in seiner Bedeutung: James. — Justine wurde nun sehr ernsthaft, sehr unruhig, und dankte dann dem Himmel von ganzer Seele, als dieses Bild nach kräftigem Bedenken mit einem Male verschwand, und nimmer wieder kam. — So halte ich dem besorgten Vater Wort, und meiner eigenen Würde! — sagte sie gleich einer Siegerin, und ging, eines hellen Entschlusses voll, die Schlüssel des Hauses einzufordern, um das Gastmahl zu rüsten.

Frau Jacobine machte gar keine Schwierigkeit, auch heute die Wirthschaft dem Mädchen anzuvertrauen. »Du wälzest einen Stein von meinem Herzen!« — sprach sie, die Schlüssel hinreichend, und wieder in die Kissen des Kanape's versinkend, in denen sie sich ausnahm, wie eine im Nachdenken Verlorne.

»Darf ich nicht wissen, was Sie beängstigt oder ärgert, liebste Mutter?« — fragte Justine mit sanfter Theilnahme. Die Mutter schlug die Hände zusammen, und schüttelte den Kopf mit Heftigkeit. »Frage mich nicht, Justine!« — sagte sie alsdann mit phlegmatischem Pathos: »Es wird die Zeit kommen, da sich Alles enthüllen wird. Armes Kind! und ich ... eine arme Mutter! Mir bleibt nichts übrig, als zu überlegen, wie wir beide einer großen Seelengefahr zu entrinnen haben. Gott wird ja einen Engel schicken! Behalte indessen die Schlüssel dieses unseligen Hauses! In meinem Leben rühre ich sie nicht mehr an!«

Sie schwieg verstockt, und Justine fürchtete für den Verstand der Mutter.

»So werden Sie mir doch erlauben,« — sprach sie, — »eine Gehülfin zu erwählen; denn in der Zeit, als Herr Birsher hier aus- und eingehen wird, dürfte es viel zu thun geben, dem ich allein nicht gewachsen wäre.«

»Wie du willst. Gott segne den Herrn Birsher! Er hätte aber besser gethan, zu New York zu bleiben. Wen willst du jedoch dir zur Seite setzen?«

»Eine Freundin: Madame Laynez, eine Französin.« — »Wer ist die Person? Ich kenne sie nicht.« — »Die Frau Syndikus empfahl sie mir,« — versetzte, um eine Antwort etwas verlegen, Justine. — »So?« — erwiderte Jacobine mit großen Augen; — »meinethalben dann. Die Syndikussin empfiehlt sicher kein Gesindel; sonst möchte ich wohl gerathen haben, auf der Hut zu sein. Die Franzosen machen gerne lange Finger, und bei Gelegenheiten, wie die heutige ...« — »Lassen Sie mich walten, Mutter; und erheitern Sie sich. Dieser unbegreifliche Mißmuth würde den Gast verschüchtern und den Vater erzürnen.« »Den Vater?« — rief die Mutter zusammenfahrend aus; — »schweige von ihm. Ich will nichts von ihm wissen, nichts von ihm hören! Ich wollte, ich hätte ihn nie gesehen. Du wärest nie geboren worden!« — »Mutter!« — »Ich wollte, meine Augen müßten den fremden Gast nicht sehen. Aber — nicht wahr, es wäre unschicklich, wenn ich bei Tische fehlte?« — »Gewiß, liebe Mutter! Bedenken Sie selbst, — die Frau vom Hause ...«

»Mein Heiland, ja! Was muß man nicht thun, um der Schicklichkeit willen? Was muß man nicht verschweigen und verbeißen um der Schande willen! Ach, liebste Tochter, ich werde viel leiden an dieser Tafel! Jeder Bissen wird mir im Munde quellen. Ach Gott! verzeihe mir meine Sünden; womit hab' ich aber all' diese Noth verdient?«

»Ich fürchte mich bei Ihnen, Mutter!«

»Bei mir?« ächzte das Weib, das sich mit Gewalt in eine Aufregung versetzte, die sich lächerlich und peinlich zugleich ausnahm; »bei mir, du gottloses Kind? Und ich bin doch ein Lamm, wie Schnee so rein; und ich habe dich zur Welt geboren, und ich sinne und sinne seit gestern, daß mir der Kopf schwindelt, wie ich dich, meinen Herzensschatz, mit mir zugleich erretten kann. An mir sollst du dich halten, und nur Gott fürchten in Demuth, und ... deinen Vater in Angst! Fürchte dich vor dem Vater, wie das unschuldige Lamm vor dem Wolf! Thue von heute an nie mehr, was er begehrt, denn er begehrt nur unser Verderben.«

Justine sah die Frau, die sich wie eine in Wahnsinn fallende zerängstigte, mit großen Augen, dann mit Mitleid, dann mit Geringschätzung an, drehte sich endlich kurz und gut um, und sah nach ihren Pflichten.

»Was ich versprochen, kann ich heute schon mit dem Segen Gottes beginnen,« — schrieb sie in Eile an die Laynez: »Kommen Sie, gute Frau. Versuchen Sie es für's Erste auf ein Paar Tage, wie es Ihnen gefallen möchte bei Ihrer herzlichen Freundin Justine.«

Sie sendete diesen Zettel durch den dümmsten Packknecht ihres Vaters in den Johanniterhof an die Adresse, und verlor im Drang ihrer überhäuften Geschäfte bald die seltsamen Launen ihrer Mutter, — sogar den eingeladenen merkwürdigen Gast aus den Gedanken.

Indessen hatte sich bereits ein anderer Geladener in des Senators Stube eingestellt. Müssinger erkannte selbst beinahe den Eintretenden nicht, so sehr veränderte diesen der schwerbetreßte Rock, die ansehnlich bauschende Halsbinde und die große weiß erglänzende Perücke.

»Im Namen des Herrn und Heilands!« sagte der Kommende — Doctor Leupold — mit leiser Stimme.

»Amen, und willkommen, hochwürdiger Herr!« antwortete der Senator ebenso, und ging dem Doctor entgegen, ihm die Hand zu küssen, eine Ehrenbezeugung, deren sich Leupold weigerte.

»Lassen Sie diese Förmlichkeit der Jugend und dem Volke, die in Respect gehalten werden müssen, mein werther Beicht- und Taufsohn,« sprach der Doctor. »Unser Verhältniß sei das eines Freundes zum Freunde. Ich finde Sie mit den Büchern beschäftigt, deren Studium ich Ihnen empfahl, und frage nicht, ob die heutige bedeutungsvolle Frühstunde Frucht getragen, oder nicht. Im Herzen des Frommen gedeiht stets die himmlische Speise, und der schnellste Entschluß belohnt sich am schnellsten. So wären wir denn nun eins in Gott und seiner Kirche, bester Herr, und Sie haben ohne Zweifel die Gnade recht empfunden, die unser Heiland und Erlöser in Ihnen erweckte? Die Huld unsrer barmherzigen liebreichen Mutter-Kirche, die Ihnen erlaubt hat, alle Vorübungen, Prüfungen und Bräuchlichkeiten zu überspringen, um sich so schnell als möglich in ihre Arme zu werfen? Das Glück, das ich genoß, ich, eines der geringsten Rüstzeuge, die im Felde des Herrn zu seiner größern Ehre streiten, — Ihr Führer zur Himmelsleiter sein zu dürfen, erfüllt mein Herz mit seligem Behagen. Und auch in Ihrem Herzen, mein Sohn, ist nunmehr Friede; nicht wahr?«

»Wenn Glaube an unbedingte Erlassung Friede ist, so genieße ich des Friedens,« antwortete Müssinger.

»Glaube ist allerdings der schützende Schild, und seine Wohlthat zögert nicht. Ich wette darauf, Herr Senator, Sie erwarten nun mit sicherem Fuße den Gast, vor dem Ihnen gestern noch gegraut.«

»Ihres Beistands versichert, ohne Zweifel.«

»Des Beistands des Herrn und seiner Schaaren, deren Engelfittich auch den Gedanken der Sünde von Ihrem Bewußtsein scheuchte. Halten Sie sich an dem Bewußtsein Ihrer nunmehrigen Reinheit fest, und Sie werden nicht straucheln. Der Versucher naht wohl zuweilen dem Menschen; am häufigsten dem Gottgefälligen. Ich habe Ihnen den Lebenslauf unsers heiligen Ordensstifters und des herrlichen Heidenapostels Xaver in die Hände gegeben. Sie werden meinen Reden als Belege dienen. Aber — je gefährlicher die Versuchung, je herrlicher der Sieg der Beständigkeit. Und auch das ist Versuchung, wenn dem Neubekehrten der Teufel ketzerischen Zweifelmuths ins Ohr raunt: bist du denn nun auf dem rechten Wege? Und auch das ist herrlicher Sieg, wenn der gottselige Jünger ihm antwortet: Ja, Satan! Trotz dir und deinen Schrecken! — Sie verstehen mich. Ihre früheren Sünden sind nicht mehr, denn das Blut unsers Herrn hat sie getilgt, und mein Priesterwort ist Ihnen dafür Bürge. Muth also, und ein klares Auge! Sie haben Gottes Gnade gewonnen; — gewinnen Sie auch jetzo das Vertrauen des Ordens, der Ihnen Genesung brachte. Ein Thron ist schön, aber ein Coadjutor unser Gesellschaft selbst in weltlichen Dingen zu sein, ist ein weit schönerer Beruf.«

»Verlassen Sie sich auf mich, sobald Sie mir über die gefährlichste Brücke geholfen haben, in allen Dingen, die nicht mit meiner Bürger- und Vaterpflicht in Widerspruche stehen.«

»Verfängliche, aber unnöthige Klauseln!« lächelte der Doctor; »Vaterpflicht? Die Kirche ist ja selbst die liebendste Mutter. Bürgerpflicht? Ein relativer Begriff. Halbheit, mein Bester, führt nur zu Trostlosigkeit. Man muß, was man sein will, ganz sein, und auf dem Wege der Religion kommen unsere Pflichten nie ins Gedränge, wenn man ohne des Vorurtheils Brille um sich schaut. Die Wahrheit ist immer nur Eine: das Recht ist stets nur Eines. Menschliche Satzungen fehlen; die göttliche Wahrheit nimmer. Sind Sie überzeugt, Ihrer Mitbürger Bestes zu wollen, so gehen Sie muthig zum Ziel. Wüthende Parteien und schielende Gesetze schelten gar zu oft Hochverrath, was man mit allen Bürgerkronen nicht aufwiegt, — die Rettung des Vaterlandes. Ich behalte mir vor, Ihnen diese unerschütterlichen Grundsätze deutlicher auszuprägen, wenn sie zur Anwendung reifen sollten.«

»Zur Anwendung?« fragte der Senator gedehnt, denn sein Kopf ging im wirbelnden Kreise.

»So ists, mein Sohn,« erwiderte der Doctor ruhig; »die Gestirne wandeln ihre Bahn; folglich auch die Schicksale der Welten, der Völker, der Gemeinden, der einzelnen Menschen. Lassen Sie uns den Fall setzen, es wäre dem Himmel gefällig, in dieser Stadt die Anarchie des Lutherthums zu beendigen, die von dem unerforschlichen Rathschluß nur aus dem Grunde zugelassen worden ist, damit der erschlaffende Christussinn sich an dem Widerstande wetze und siegend wieder auflebe. Noch mehr: der Allmächtige hätte Sie ausersehen, das Panier des wahren Glaubens, dem Sie freiwillig sich unterworfen, kühn und frei zu erheben. Würden Sie sich dessen weigern? Gott durch eine schimpfliche Feigheit beleidigen? Oder gestehen, daß Sie sich selbst belogen, als Sie sich dem Meßopfer zugewendet?«

»Wahrlich, ich erstaune ob Ihrer Rede,« sagte der Senator mit Angstschweiß auf der Stirne: »welch einen Kampfplatz thun Sie mir in diesen Worten auf?«

»Keinen gefährlichen; denn Gott würde mit dem Beharrlichen sein, und sein Engel den Satan stürzen. Beruhigen Sie sich indessen. Das Heldenbild eines solchen Kampfes lebt nur in der Einbildungskraft, nicht in der Zeit, die eine gemessene, mathematisch schleichende ist. Wir bekehren nicht mehr mit Feuer und Schwert, sondern mit dem kraftvollen Honig der überzeugenden Rede. Wir dringen uns nicht mehr den Völkern auf. Die Völker werden aber, vom geheimen Zuge ergriffen, alle zu unserm Tische treten. Die Wunder der grauen Judenzeit geschehen nicht mehr, sondern langsam, still webend, wie der Trieb der Natur, bereitet der Schöpfer seine Ereignisse vor; Mirakel, nicht kleiner als die der heiligen Bücher, aber mystischer als sie. Durch göttliche Schickung rüttelte sich der Wolf der Ketzerei los; aber mit dem Gifte erstand zugleich das Gegengift. Der Ursprung unserer Gesellschaft, ist er nicht ein Wunder? erzeugt im Staube, und herrlich fortblühend an der Brust der Könige? Zeigen Sie mir ein ähnliches Beispiel in der Geschichte aller Völker, und bezweifeln Sie den Fingerzeig des Herrn, der uns, seine Streiter erweckte; nicht zum blutdürstigen Morde, wie jene Dominikaner, die ihren Beruf, die Unseligen, verkannten; nicht zum faulen Bettel, wie jene schmutzigen Mönche des Franziskus von Assisi, welche ihre Sendung mit Füßen treten; sondern zu der schweren Arbeit, wie sie die Noth der Zeit erfordert. Warum wüthet man gegen uns? Weil man uns ungemessen fürchtet. Warum verläumdet man uns? Weil wir heller sehen, als alle Welt. Wie kömmt es aber, daß wir das können? Weil die hunderttausend Augen meiner Brüder nur ein Einziges sind, und ein scharfes; ihre hunderttausend Arme nur ein Einziger, und ein thätiger; beseelt von einem Willen, von einer Kraft. Ein Ziel ermißt unser Blick, nach dem Einen greifen unsere Hände; nach dem Einen schreitet unser Fuß: Ehre dem Herrn in der Höhe! Nachfolge dem Menschgewordenen Sohne und seinem Kreuze! Belehrung der Gläubigen, Zurechtweisung der Verirrten und der noch nicht im Geiste Gebornen! Aufrechthaltung der allein seligmachenden Kirche! Krieg auf Tod und Leben dem Satan der Zeit, welcher da ist der der Unvernunft, der der Hartnäckigkeit der des Lasters! — Hier nannte ich Ihnen in Kürze die Grundlagen unserer Bestimmung, die Zwecke unsers Daseins. Giebt es vortrefflichere auf Erden? Verdienen Sie nicht die größte Theilnahme, und den göttlichen Schutz, der ihnen so offenbar zu Theil geworden? Ueberall verbreitet, in jedem Welttheile angesiedelt, predigen wir die wahre, reine Religion. Wir haben ganze Völker dem Heile zugewendet; wir haben Halbthiere zu Menschen gemacht. Wir leiten das Gewissen der Fürsten; wir bewachen den Stuhl des Statthalters Jesu Christi. Unsere Schulen — wer lobte sie nicht als die Vollkommensten! Unsere Zöglinge — wer rühmte sie nicht als die Gelehrtesten? Meine Brüder — wer hätte sich nicht an ihrer heitern Freundlichkeit, an ihrem milden Ernste, an ihrer Weisheit erquickt? Um jedoch ausgezeichnet und allumfassend wirken zu können, mußten wir umfassende Hilfsmittel wählen und schaffen: ein Band der Religion, der Wissenschaften, der Künste, der Gewerbe, des Handels um die Erde und die fernsten Meere legen. Für alle Bedürfnisse des Menschenwohls Sorge zu tragen, haben wir uns verbindlich gemacht; wir besitzen in unserm Ordensschooße alle Elemente dazu; die Mittel muß die Außenwelt geben, die uns freilich gern und oft zurückstoßen möchte, während sie uns danken sollte. Die kanonische Armuth der Kirche, die Kargheit der meisten Fürsten, versagt uns bedeutende Unterstützungen, und unsere Spekulation muß aushelfen; daher — im Vertrauen — unsere Colonien in fernen Welttheilen; daher Schiffe mit unserer Fracht auf dem Meere; daher das Bedürfniß, Stapel-, Lager- und Ausladungsplätze in allen Gegenden der Windrose zu besitzen. Ich komme jetzt ganz natürlich auf unser hiesiges Etablissement, das im Anbeginn einen solchen Lagerplatz ganz allein bezwecken sollte. Einige Vertraute waren nöthig; mein Vorgänger entdeckte jedoch viel Glauben, viel fromme Sehnsucht, und pflanzte die Reben des Herrn mit gutem Gedeihen an, so daß ich, sein unwürdiger Nachfolger, schon eine ansehnliche Zahl von Sprößlingen vorgefunden. Auch mit mir war der Segen des Herrn und das Glück, das mich berief, Ihnen zu dienen; dem alten bereuenden Freunde, dem nievergessenden Freunde Clara's. Ihr Einfluß, mein Sohn, wird, hoffe ich, viel Gefahr von unserer stillen Gemeinde abwenden, und ein guter Wächter für den Handelsvertrieb der Gesellschaft sein, die hingegen stets bereit sein will, ihre müßigen auf hiesigem Platze liegenden Capitalien in Ihre vertrauten Hände zu legen, und gegen billigen Zins zu lassen; so wie sie Ihnen auch bereits, — gänzlich uneigennützig, und mit Ihren frommen Gesinnungen nicht bekannt — die bewußten Wechsel auf Brasilien angeboten: so wie ein Freund dem andern zu dienen verpflichtet sein sollte.«

»Ihrem Orden meinen Dank;« sagte der Senator erheitert: »ich will zu vergelten suchen, wie ich kann. Treue Freunde thun heut zu Tage Noth. Sie haben mein Ohr bezaubert durch Ihren kurzen Bericht und Ueberblick Ihrer Wirkungskreise. Wahrlich! ein solcher Verein ist ein Wunder, ein noch nie gesehenes, nie erhörtes; und Sie, hochwürdiger Herr, müssen sich im Paradiese wähnen, wenn Sie stündlich sich erinnern, auch ein Glied an dieser großen edeln Brüderkette zu sein!«

Der Doctor sah bei dieser Wendung ernst und wehmüthig auf die stumpfen Spitzen seiner Schuhe, lehnte das Kinn auf den Rohrstock, und entgegnete nach einem verhaltenen Seufzer: »Je nun, Herr Senator! Jeder Beruf hat seine Last! und ich gehöre zu den Lastthieren unseres Ordensberufs. Herr Senator! um ein gläubig Gewissen, um ein ungeschwächtes Vertrauen auf die Unfehlbarkeit eines vorgesetzten Endzwecks ist's eine schöne Sache. Dieses Vertrauen auf Gott, meine Obern und meiner Pflicht wohlthätige Früchte ist mein Reichthum, mein Paradies. Die Pflichten selbst sind gar oft schwer, widern oft an; allein man tröstet sich mit der Fürsicht, die das Alles befiehlt und ordnet, und wissen muß, zu welchem guten Zweck Alles so befohlen und geordnet werden soll. Lichtpunkte in meinem Berufe und Treiben sind Vereinigungen, so erwünscht, so freundlich, wie die mit Ihnen im Namen der sanftesten Religion eingegangene. Clara betete für Ihr Glück! Clara's Freund feindlich mir gegenüber zu sehen, der Verdammniß verfallen, der Hoffnung bar, einst mit Claren, mit mir vereinigt zu werden!... Der Gedanke schmerzte mich tief, und indem ich Sie für unsere Lehre gewinnen durfte, gewann ich selbst einen Schatz tröstenden Bewußtseins!«

Der Senator war bewegt, da er in die bewegten Augen des Doctors sah, und auch die seinigen gaben Thränen, und in einer herzlichen Umarmung erkannten sich Priester und Neophyt als höhere Würdenträger der Menschheit; als verwandte Gemüther, als Freunde.

Der Senator sagte hierauf, indem er sich die Augen trocknete, und des Doctors Hand ergriff: »Was mir einfällt, mein würdiger Freund! Ihr Pflegesohn scheint Lust zu haben, ein Proselyt meiner Tochter zu werden, denn umgekehrt läßt sich bei des Mädchens Starrköpfigkeit die Sache nicht denken. Allein ... Sie begreifen ... und ersparen mir wohl fernere Erläuterung.«

»Allem ist schon vorgebaut;« unterbrach ihn der Doctor: »mir ist's nicht entgangen, und dem jungen Menschen ist bereits Ihr Haus untersagt. Ihn binden frühere Pflichten, und Zeit ist's, daß sein Schwärmen endige.«

»Welch ein Mann sind Sie!« rühmte der Senator, freudig des Doctors Hand schüttelnd: »solch' ein Scharfsinn — solch' feine verhütende Moral lernt sich wahrlich nur in Ihren Collegien. Was sind dagegen unsere trockenen, dürren Gymnasien, wo man nur Buchstaben lernt, und nicht Menschenkenntniß? — Was unsere Schreibstuben, in denen man den Charakter unserer Geschäftsfreunde, wie der Welt, nur nach den Zahlen taxirt, die sie in Gold oder Papieren aufzustapeln vermögen! Was Ihnen der klare Forscherblick schon verrathen, das mußte mir der Mund eines schleicherischen Handlungdieners ...«

Die Schelle am Hause wurde gezogen: einmal, zweimal, dreimal, bescheiden, aber steigend, wie sich dazumal geladene Fremde anzumelden pflegten, während Hausfreunde nur zweimal läuteten und Hausgenossen das ganze mit einem derben Riß an der Schelle abzuthun gewohnt waren. Der Senator erblaßte; das Wort erstarrte in seinem Munde, ein heftiges Zittern überkam ihn.

»Herr ... Birsher ...!« stammelte er. Der Doctor rüttelte ihn zurecht, und sagte ihm tröstend und ermahnend: »Sie sind entsündigt. Im Namen der Dreieinigkeit! gehen Sie hin; trauen Sie auf meinen Beistand, und geben Sie nicht Anlaß zum Argwohn, noch Aergerniß!«

Ein nachfolgender Zug an der Comptoirschelle benachrichtigte den Hausherrn, daß der Fremde hereingelassen worden, — daß der Besuch nicht dem Kaufmann allein gelte. Seine Pflicht zu erfüllen, nahm sich Müssinger zusammen, und ging dem die Treppe Ersteigenden höflich entgegen. Der große junge in Schwarz gekleidete Mann mit dem wenig gefärbten ernsten Gesichte und den hellen geradausschauenden Augen hätte den Senator beinahe wieder aus der Fassung gebracht; was indessen der erste Anblick verderben zu wollen schien, brachten die ersten Worte des Fremden wieder ins Geleis. Der junge Mann streckte, ohne den Hut zu rücken, aber mit offenem Gesichte dem Wirthe die Hände entgegen, und sagte: »Ei, herzlich willkommen, Herr Senator. Freue mich, Sie endlich zu sehen. Vor Allem Entschuldigung, daß ich mich gestern, von der Reise ermüdet, durch den Kellner anmelden ließ. Hierauf verbindlichen Dank für die Einladung, und — das Beste kömmt zuletzt — meine herzlichste Erkenntlichkeit für die Bewirthung meines armen Vaters.«

Der Senator bückte sich äußerst verlegen, und öffnete die Thüre des Tafelzimmers. Ohne sich jedoch unterbrechen zu lassen, fuhr der junge Mann ruhig und behaglich fort: »Das Grab meines guten Vaters war das Erste, was ich hier besuchte. Meine Thräne ist darauf zurückgeblieben, und mein Segen nicht minder. Wir wollen uns jedoch, nach diesem Berichte, die Hände darauf geben, daß wir kein Wort mehr über sein Schicksal verlieren wollen. Sie übersehen gütigst die Farbe meiner Kleider, so wie ich selbst den eigenen Kummer übersehen will, um Ihnen nicht ein unerträglicher, unwillkommener Gast zu sein.« Der Senator sah den Doctor verwundert, aber mit erleichtertem Herzen an. Leupold studirte in dem Gesichte Birshers. Er erkannte seinen gestrigen Tischnachbar im Schwan. Dieselbe ruhige Unbefangenheit, die ihn im Gasthause ausgezeichnet hatte, verließ ihn auch heute nicht. Der ungewöhnliche Prunk, von welchem die Tafel strotzte, nöthigte ihm keinen Blick der Verwunderung ab, und, als sei er schon seit geraumer Frist ein Genosse dieser Tafelrunde, begrüßte er ohne förmliche Umschweife die geputzte Senatorin, die sich endlich einfand, und Justine, die im Kleide der Hausfrau erschien, um, der Küche entsagend, bei Tische das Ehrenamt zu verrichten. Nachdem Doctor Leupold von dem Senator den Seinigen und dem Fremden vorgestellt worden, begann das Mahl, dem heute im Uebrigen kein anderer Gast als der ernsthafte Buchhalter beiwohnte. Die Unterhaltung war anfänglich geschraubt. Der Senator bewachte mit ängstlichem Auge Herrn Birsher, die Senatorin saß mit stummem verzogenem Munde und niedergeschlagenen Augen, der Buchhalter schwieg nicht minder devot, und der Doctor allein führte mit dem New-Yorker ein unbedeutendes Gespräch. Justine beobachtete, und ihre Aufmerksamkeit, — sobald es ihre Geschäfte erlaubten — theilte sich zwischen Herrn Birsher und dem Doctor. Die Züge des Letztern hatten für sie etwas Bekanntes, mancher Anklang seiner Stimme war ihr ebenfalls nicht fremd, und dennoch hatte sie ihn im Cabinete des Vaters nur ein einzigmal — beinahe nicht gesehen, keine Sylbe aus seinem Munde gehört. Sie grübelte in der Erinnerung, gelangte jedoch zu keinem Ergebniß, weil ihr des Doctors Nachbar interessanter erschien. Wider Willen kehrte ihr Auge immer häufiger auf den jungen Amerikaner zurück, und sie mußte sich gestehen, daß ihre Phantasie an dem Manne eine Sünde begangen. Nicht die müde Behaglichkeit des Vaters, — die entschlossene Ruhe eines mit sich selbst auf's Reine gekommenen Menschen, redete von dieser Stirne, aus diesen Blicken, die manchmal hell und fest den ihrigen begegneten, — die ihr eine freundliche Bewunderung, verbunden mit einer beinahe ehrfurchtsvollen Scheu, einflößten. Sie horchte neugierig auf jedes seiner Worte; sie lächelte unwillkürlich und beifällig, als der Zurückhaltende endlich gesprächig wurde. — Nach der dritten Speise schob Birsher mit einer leichten Verbeugung den Teller etwas zurück, und sagte: »der Hunger ist gestillt, und zum Vergnügen esse ich nicht. Ich erbitte mir daher die Vergünstigung, unangefochten und nachsichtsvoll beurtheilt, ein unthätiger Zeuge der fernern Mahlzeit sein zu dürfen.«

Die Senatorin, viel auf Tafelgenüsse haltend, und dieselben sogar in ihrem jetzigen gereizten Zustande nicht vernachlässigend, warf dem Redner einen mißbilligenden, verwunderten Blick zu. Birsher bemerkte denselben, fuhr aber, ruhig und verbindlich zu der Frau vom Hause gewendet, fort: »Ein Paar Worte, hochzuverehrende Gastfreundin, werden hinreichen, den Verdacht einer Unschicklichkeit von mir zu entfernen. Ich habe es wohl erfahren, daß man in Deutschland die freundschaftlichen Mahlzeiten hochschätzt und sie verlängert; daß man den Grundsatz hegt, dem willkommenen Gast könne nie zu viel angeboten werden, und er könne hinwieder nie zu viel genießen. Bei uns in Amerika ist die Lebensart viel einfacher, so wie unsere Wohnungen, unser Tafelgeräthe und unsere Kleidungen einfacher sind. Drei Gerichte, eine Flasche Bier oder Wein, ein herzliches Tischgespräch von einer halben Stunde, ein aufrichtiges Gebet zum Beschluß — das sind die Bestandtheile unserer Sonntags- und Feier-Tafeln. Lassen Sie mich bei dieser Gewohnheit, die meine Landessitte mir einprägte, die mir immer wohl bekam. Ich will, da ich meinen Theil von diesem überprächtigen Gastmahle nicht gehörig annehmen darf, meinen Antheil zu der Unterhaltung geben, und fange damit an, Ihnen unumwunden zu bekennen, weßwegen ich im Grunde hierher gekommen bin.«

Alle Anwesende neigten höflich das Haupt, und der Senator, um eine Erwiderung verlegen, sagte mit zweifelhaft schwankendem Tone: »Ew. Edeln kommen unsern Wünschen zuvor. Ich darf gestehen, ... daß ... so höchst angenehm mir auch Dero Ankunft erschienen, ich nicht begreife, wie es möglich wurde, Sie schon jetzt hier zu begrüßen. Meiner erprobten Berechnung gemäß könnte das schnellst segelnde Schiff kaum die Nachricht nach New-York gebracht haben, daß ...«

»Ihre Berechnung täuscht nicht, Herr Senator,« antwortete Birsher: »das dänische Kauffahrteischiff Kiöbenhaven, das vom Texel abging, mit der Depesche des Herrn van den Höcken befrachtet, kann erst seit drei Wochen, fiel die Fahrt vollkommen günstig aus, zu New-York angekommen sein. Doch hatte ich nicht auf eine Nachricht aus Europa gewartet. Eine Ahnung — man möchte sagen, wie mein schottischer Faktor zu sagen pflegt: ein zweites Gesicht hat mich über's Meer getrieben!«

»So?« fragte Doctor und Buchhalter. Des Senators Gesicht verlängerte sich. Die Frauen hingen mit ihren Blicken an dem Munde des Erzählers. Dieser bemerkte die gespannte Neugier, und sprach lächelnd weiter: »Erwarten Sie keine Gespenstergeschichte. Nichts Ungewöhnliches. Ein einfacher Traum ist's nur, der sich leicht erklärt, wenn man erfährt, daß Vater und ich uns unaussprechlich lieb gehabt. Um ein Capital zu retten, das in Ostfriesland unsicher stand, und um mir — wovon nachher — einen Schatz mitzubringen, unternahm der alte Herr die mühevolle Reise. Eine Art von Heimweh gesellte sich zu den obigen Motiven. Er hatte früher in Holland und Deutschland gelebt. Es war ihm in diesen Ländern wohl ergangen. Er wollte das Paradies seiner Jugend noch einmal sehen vor seinem Ende. Er hoffte, seine lästige Corpulenz auf der Seefahrt zu vermindern. Er bestand — eigensinnig von jeher — auf seinem Vorhaben, und segelte ab. Das Schiff hatte einen bedeutungsvollen Namen: Fare well! Mein Glück- und Segensruf hing sich an des Schiffes Wimpel, und — setzte ich mich gleich stracks wieder vor die Bücher und die Correspondenz, so schaukelte sich doch meine Seele neben dem Vater auf dem fern hingleitenden Fare well! Diese Einbildung verwuchs, so zu sagen, mit mir, und gab sicherlich Anlaß zu dem Traume, der mir einst, geraume Zeit nach des Vaters Abfahrt, vorkam. Ich saß im Comptoir und schrieb. An die Thüre klopfte es. »Herein!« rief ich. Alles still. Nun stand ich auf und sah selbst nach. Vor der Thüre stand mein Vater: gekleidet, wie wohl sonst, aber blaß. Willkomm! sagte ich, und streckte die Hand aus. Er aber sprach: Beileibe, Freund Georg; ich bin ja gestorben, und muß in Europa bleiben. — Ich fuhr auf, und das nächste Schiff nahm mich mit nach Holland. Van den Höcken sagte mir bei der Ankunft in Amsterdam nichts Neues. Ich war von der Wahrheit meiner Ahnung innig überzeugt.«

»Das ist eine entsetzliche Geschichte!« sagte die Senatorin, und erhob sich, von Gespensterfurcht ergriffen, vom Stuhle, um mit starren Augen und bebendem Kinn von hinnen zu wanken. Der Senator, der auf glühenden Kohlen gesessen, beeilte sich, der Frau seinen Arm zum Weggehen anzubieten. Mit einer Geberde schaudernden Abscheu's stieß ihn jedoch Frau Jacobine zurück, griff mit heftiger Gewalt nach Justinens Hand, und verließ, auf dieselbe gestützt, das Eßzimmer.

»Die Frau Senatorin scheint reizbarer zu sein, als ihre Constitution errathen läßt,« versetzte Birsher, etwas aus der Fassung gewichen; »ich habe dennoch nur Alltägliches erzählt, um einen Beitrag zur Seelenkunde zu geben.«

»Ein merkwürdiger Beitrag allerdings,« hob der Doctor an, um des Senators betretene Beschämung zu bemänteln; »die Geschichte zeugt von Ihrer außerordentlichen Liebe zu dem Vater, dessen Tugend ein späteres Lebensziel verdient hätte.«

»Ich habe beschlossen, daß er in seinen Vorsätzen, in seinen Wünschen fortlebe,« entgegnete Birsher: »sein Wille ist mir ein schätzbareres Vermächtniß als seine beträchtlichen Güter. Ich bin weniger gekommen, um hier das mir zustehende Erbtheil zu holen, als um den hochachtbaren Herrn Senator zu fragen, ob er die Freundschaft, die er für meinen Vater hegte, auf mich fortpflanzen, und mich, wie der Selige gewünscht, zu seinem Schwiegersohne an- und aufnehmen will.«

»Herr Birsher,« stammelte der Senator, höchlich überrascht: »Ihr wackerer Sinn spricht sich so unerwartet aus, da ...«

»Was der Vater beschloß, will ich gehorsam ausführen! — Von seinen Händen hätte ich blindlings die nie gesehene, ungeliebte Braut empfangen. Was soll ich nun thun, da ich die liebliche Jungfer gesehen, da ich aus jedem Munde nur ihr Lob vernommen? Ich bin kein Freund von vielem Reden. Ja oder Nein, Herr Senator? obschon unter Männern von Wort ein »Nein« nicht wohl denkbar ist. Ueberlegen Sie nicht, grübeln Sie nicht. Der Brautschmuck ist in Ihrem Hause. Das Capital, das mein Vater, es schon verloren gebend, zu Emdes rettete, hat er verwendet, gewisse Verbindlichkeiten, die Ew. Edlen gegen van den Höcken hatten, aufzulösen; die quittirten Verschreibungen zu der Jungfer Nadelgeld bestimmt. Mein Vater hat Alles im Voraus geleistet und besorgt.... werden Sie nun nicht auch das Ihrige gegen mich thun?«

»Ich wills, ich werde es!« rief der Senator ausbrechend, weil ihm ein Felsenberg von der Brust fiel: »ich heiße Sie doppelt willkommen, als meinen lieben Sohn und Handelsfreund.«

Er und Birsher schüttelten sich treuherzig die Hände. Der Buchhalter, mit dem Glase an das des Doctors klingend, rief eine jubelndes »Gratulor, gratulor von Herzen!« Der Doctor stieß wohl an, neigte sich wohl glückwünschend, aber auf seiner Stirne saß nicht das zufriedene Einverständniß. Wie hätte sich jedoch die Falte auf des welterfahrenen Mannes Antlitz lange halten können?

Nun wurde der Senator lebendig. Die Spannung seines Gemüths schien wiedergekehrt zu sein, eine heftige Freude ihn zu beleben. Die silberne Schelle ertönte in seiner Hand. »Alicante!« rief er dem eintretenden Burschen zu: »vier Flaschen! Das Siegel mit den vier Thürmen! Frisch! Schnell! nicht gezaudert! die spanischen Kelchgläser mit den Lilien dazu! den Nachtisch herein! Justine soll kommen; sie soll kredenzen!«

Und so ging es fort in Feuer und Leben. Der Niersteiner, der gerade auf dem Tische kreiste, floß in ungeduldigen Bächen in die traulichen Römer. Gesundheit auf Gesundheit wurde getrunken. Unter den fröhlichen Bewegungen der Gäste erzitterten beständig die silbernen Glöckchen an dem prächtigen spiegelverzierten Aufsatze, der, einen chinesischen Tempel vorstellend, mitten auf der Tafel stand; aber das Funkeln dieser schillernden Spiegel und bewegten Perlen war todte Asche gegen Müssingers strahlendes Auge; das Schellengetön verklang unter der tönenden Sprache seiner erweiterten Brust.

Die Thüre ging auf. Einen silbernen Präsentirteller in der Hand, auf welchem sechs Kelche voll des köstlichen Alicante schimmerten, neben der geöffneten Flasche, die nun mit einer prachtvollen Blume verschlossen war; — gefolgt von dem dienenden Burschen, der im Korbe die drei übrigen Flaschen nach sich schleppte, — trat eine schöne Frau herein, in einfachem aber angenehmem Kleide, mit Wirthlichkeit kündender Florschürze angethan, und die zierlichen Hände von saubern Handschuhen bedeckt. Die Herren fuhren überrascht und grüßend auf. Der Senator blickte überraschter als die Uebrigen auf die ihm Unbekannte.

»Mademoiselle Justine ist nicht zu finden,« sagte die angenehme Wirthin, den Wein mit einem Anstande umherreichend, als bediene sie eines Königs Tisch. »Um die verehrten Herren nicht allzu lange warten zu lassen, mußte ich also selbst ... entschuldigen Sie gütigst.«

So eben trat Justine aus der Seitenthüre. Mit einem Blicke begriff sie die Verlegenheit der Helferin, die Ueberraschung des Senators, und sagte mit der freundlichsten Betonung, zu der ganzen Gesellschaft gewendet: »Madame de Lainez, die Wittwe eines im Felde gebliebenen königlich französischen Hauptmanns, meine sehr liebe Freundin, die sich heute erbitten ließ, meine häusliche Pflicht zu theilen und mir zu erleichtern.«

»Freut mich unendlich,« versetzte der Senator mit einem Bückling, und wies der Erröthenden den ledigen Stuhl Jacobinens an. Die Lainez wollte sich, stumm versagend, empfehlen. Justine hielt sie aber zurück, sagte ihr viele schmeichelhafte Worte und behauptete: durch eine plötzliche Unpäßlichkeit der Mutter würde sich die Tafel verwaist sehen, wenn nicht eine liebenswürdige Frau den Platz einnehme. — Leise flüsterte sie indessen der Lainez zu: »Bleiben Sie um Gotteswillen, meine Beste, und unterhalten Sie die Herren. Ich finde noch kein Wort, das nicht meiner Seele wehe thäte.«

So fügte sich Madam Lainez endlich. »Bei Denain fiel Ihr Gemahl?« fragte nach einigen vorläufigen Erkundigungen der Senator: »er ist in einem rühmlichen Kampfe gefallen gegen ehrenhafte Feinde. Man muß gestehen, daß des Kaisers Truppen in den Niederlanden einen Schauplatz vielen Ruhms, und nur weniger Niederlagen gefunden haben. Meine Herren! der Prinz Eugen soll leben!«

»Ich bitte, unsern Marlborough nicht zu vergessen,« sprach Birsher in den Gläserklang: »das Heldenpaar hat sich zu Malplaquet unsterblich gemacht. Ich habe mich oft gesehnt, Flandern zu besuchen, wo so viele Tapfere gefochten. Ich will es thun, und bei dieser Gelegenheit nicht versäumen, das ehrenvolle Bette Ihres Gemahls zu betreten, Madame. Wissen Sie aber, daß Ihr Name weniger militärische Erinnerungen als vielmehr geistliche erweckt? Wenn ich nicht irre, so nannte sich der zweite Ordensgeneral der Jesuiten Lainez. Er war ein ausgezeichneter Mann; seine Feinde selbst müssen es eingestehen, denn seiner rastlosen Bemühung verdankt diese furchtbare Gesellschaft ihren raschen Aufschwung.«

Die Lainez schlug die Augen nieder und erwiderte: »mir ist von jenem Manne nichts bekannt. Auch hörte ich nie von meinem Manne, daß einst in seiner Familie ...«

»Wünschen Sie sich Glück, Madame,« unterbrach sie der junge Birsher mit freundlicher Bestimmtheit: »so floß in seinen Adern auch kein Tropfen jenes herrschsüchtigen Alles verachtenden Uebermuths, der in den Jüngern des Loyola und des Lainez sich hervorthut.«

»Ja wohl! ja wohl!« äußerte der Buchhalter, besorgt den Kopf schüttelnd: »die Jesuiten! die Jesuiten! Wer diese Firma zuerst auf den Markt brachte ...«

»Man macht, denke ich, die Leute gefährlicher als sie sind,« sagte der Doctor gutmüthig lächelnd: »was meinen Sie, Herr Senator? Unser hochgeehrter Tischgenosse hat sich, wie ich glaube, mehr mit der verrufenen Gesellschaft Jesu abgegeben, als bei einem Kaufmann bräuchlich ist ...«

»Freilich,« sagte Birsher aufrichtig: »es ist ganz natürlich. Wir Leute zu New-York hören an jedem Sonntage den Prediger über den Papst und sein Reich den Bann aussprechen, und der Jesuiten, dieser Trabanten des Stuhls Petri, wird allerdings dabei auch nicht geschont. Ferner lesen wir historische Schriften. Und spräche nicht die Weltgeschichte zu uns, — würde auch unser Prediger der Schildhalter des Papstthums nicht erwähnen, — die Zeit würde es von selbst thun. Dieser gefährliche Orden ist unsers Standes Nebenbuhler, Herr Senator. In den katholischen Staaten sitzen Jesuiten am Ruder, und lenken die Zügel des Handels und der Gewerbe. In Westindien, in Südamerika vorzüglich haben sie ihre Commanditen. Ihre Habsucht trachtet alle Monopole, von welchen die Handelswelt niedergedrückt ist, in ein Einziges zusammen zu ziehen, und dieses Einzige selbst auszubeuten.«

»Ei, ei, Ew. Edeln gehen verzweifelt weit,« ermahnte der Senator lächelnd, und ungeduldig wegen des Doctors, der unruhiger wurde.

»Keineswegs,« fuhr jedoch ohne Bitterkeit und Animosität der Amerikaner fort: »ich gestehe ein, daß ich die Katholiken nicht liebe. Unser Mutterland hat viel durch sie gelitten. Ich liebe eben so wenig den Orden, den wir berührten. Allein Parteilichkeit leitet mich auch nicht, indem ich ihn verdamme. Die ledige Erfahrung spricht für mich. Was haben wir, was hat die ganze Welt von einer Stiftung zu erwarten, die den Fürstenmord begünstigt? von einem Orden, dessen Glieder, als Beichtväter der Könige, Zwietracht säen zwischen den Herrschern und ihren Völkern? Man weiß, wer in den letzten Zeiten die abscheuliche Mörderei in den Cevennen, wer den Widerruf des Toleranzedikts von Nantes verschuldet hat, der Tausende der besten Bürger mit ihren Familien der Heimath entfremdete. Wer dem Vaterlande in seinen Söhnen das Mark aussaugt, wer es in seinen Söhnen ermordet, begeht Hochverrath an der ganzen Natur und an ihrem Schöpfer. Vielleicht sind Sie nicht meiner Meinung, Madame, aber ich denke nicht anders.«

»Die Aufhebung des Edikts von Nantes machte mich mit meinen Eltern unglücklich,« erwiderte die Lainez mit feinem Doppelsinn.

»Eine Vertriebene also? eine Gemißhandelte?« fragte Birsher mit warmer Theilnahme; »nun wahrlich, so freut es mich, hier unter ehrlichen Protestanten zu sitzen, vor denen mein Herz reden kann, wie ihm zu Sinne ist. Ich hasse die Heuchelei, und diese Aufrichtigkeit ist nicht meine Tugend, sondern Sitte in Amerika.«

»Eine schöne Sitte!« meinte der Buchhalter: »in Deutschland selbst verschwindet nach und nach die deutsche Treue und Offenheit. Wohl unsern Nachkommen, wenn sie wenigstens solche Qualitäten dann in Amerika wieder finden mögen!«

»Es ist Schade,« begann der Doctor mit einem spitzigen Lächeln: »daß Sie, hochzuverehrender Herr Birsher, nicht den Beruf in sich empfunden, ein Weltumsegler zu werden. Vor Ihren Ansichten und Ihrer seltenen Aufrichtigkeit hätten alle fremde Götzen weichen, alle anders Glaubende sich bekehren müssen.«

»Meine Reden sind zu harmlos, als daß sie vielleicht die feine Zurechtweisung verdienen,« erwiderte Birsher freundlich, aber ernst: »indessen muß ich mich rechtfertigen. Ich bin nicht unduldsam; ich verabscheue jeden Glaubenszwang. Wir Amerikaner denken in diesem Punkte freier, als man es in England darf. Mit Freuden würde ich's sehen und erleben, was mein Vater einst in einer halb prophetischen Stunde voraussagte: daß einstens allenthalben in Amerika jeder Glaube neben dem andern wohnen werde, friedlich, ungestört, wie in dem Schooße von Brüdern: wie Penn's Bruderstadt das Beispiel schon gegeben: wie bereits des Königs Duldungsakte dieses Beispiel unterstützt.«

»Diese Aeußerung wirft Ihre frühere um!« sagte der Doctor triumphirend. »Oder lieben Sie Ihre Mitmenschen alle, den katholischen Bruder ausgenommen?«

»Weil ich sagte, daß ich den Katholiken nicht liebe, sagte ich damit, daß ich ihn hasse und verwerfe?« entgegnete Birsher, warm werdend: »ich werde ihn vielleicht nicht rufen, daß er neben mir sein Haus baue: das thut man nur lieben Freunden. Aber, wenn er aus eigenem Antrieb seine Hütte an die meinige lehnt, und zu mir spricht: Bruder, wir wollen versuchen, wie wir gute Nachbarn sein mögen! so werde ich ihm antworten: gern, Bruder, laß es uns versuchen. Und fügten wir uns Beide in Güte und nachbarlicher Geduld, so würde ich ihn am Ende wohl noch lieben, herzlich lieben lernen, und ihn nicht aus seinem Eigenthum jagen, und nicht von ihm begehren, daß er zu Gott bete wie ich. Allem Begehren, allem Uebertritte bin ich Feind. Bleibe Jeder auf der Seite, wohin ihn der Zufall, der ja auch unsere Geburt leitet, gestellt hat. Glaube Jeder, was er kann, und folge er den Gebräuchen seiner Lehre, damit die Schwachen kein Aergerniß nehmen, und die Schadenfrohen jenseits nicht triumphiren. Ich könnte dem Menschen nimmer trauen, der seine Religion verändert hat. Er hat den Rock seines Herrn weggeworfen, um keinen Herrn zu haben, und verdient kein Zutrauen, weil er sein Heiligstes verrieth.«

»Und nun genug, mein Herr, von solch abnormem Gespräche,« sagte der Doctor verbindlich: in der That aber erschreckt von dem bleichgewordenen, nachdenkenden Gesichte des Senators: »Ihre Grundsätze sind redlich gedacht; wohl leichter anzugreifen, als Sie glauben; aber wir befinden uns hier nicht vor einer Synode, sind Beide, — ein Kaufmann, ein Jurist — nicht berufen, solche Streitigkeiten durchzufechten. Die Damen zumal finden an unsern Reden nur Langeweile.«

»Nicht doch; wir hören gerne zu,« nahm Justine für sich und die Lainez, welche schwieg, das Wort: »eine Duldungspredigt aus Ihrem Munde, hochgeehrter Herr Birsher, müßte sich gut ausnehmen. Ich wünsche Ihnen den Sieg gegen den Herrn Doctor, obgleich derselbe schwere, uns unbekannte Waffen in den Streit führen möchte.«

»Wünschen Sie mir wirklich den Sieg, schöne Jungfrau?« fragte Birsher verbindlich, und Justinens Wangen wurden Gluthrosen vor seinem Blick: »o dann habe ich meine Sache schon gewonnen, und dem Herrn Senator bleibt nichts übrig, als seinen und meinen Wunsch Ihrer Entscheidung vorzulegen.«

Die Männer standen alle auf, und ergriffen die Gläser. Der Senator räusperte sich, um auf eine zierliche Weise seinen Spruch anzuheben, der der Tochter galt. Justine stand wie auf Nadeln, und wünschte eine Gelegenheit herbei, die Rede, deren Inhalt ihr Scharfsinn und ihre Eitelkeit ahnten, zu verhindern, zu unterbrechen. Siehe, da erhob sich auf dem Gange ein Getöse. Eine ferne Thüre flog auf, man hörte gellendes Geschrei.

»Um Gotteswillen! der Mutter Stimme!« rief Justine erschrocken und erfreut zugleich, aus der Angst zu kommen. Sie enteilte schnell durch die Thüre. Die Lainez folgte. Staunend blieben die Herren zurück. Der Senator, von Groll gegen das Betragen seiner Frau erfüllt, verweigerte es kalt, zum Beistand der Hülferufenden zu gehen. Bald brachte die Lainez die Nachricht, daß ein lebhafter Traum Frau Jacobine ihrer Sieste entrissen, und ihre Unruhe erregt. Man habe die wieder zur Besinnung Gekommene zu Bette gebracht, und Justine wollte sie nicht verlassen. Sein Beileid bezeugend, wie seine Erzählung verwünschend, die vielleicht Anlaß zu der Senatorin Zustand gegeben haben durfte, beurlaubte sich Georg Birsher, mit dem Versprechen, Morgen bei Eröffnung der versiegelten Habe seines Vaters gegenwärtig sein zu wollen. Dem Ceremoniell schicklicher Sitte zu Folge begleiteten ihn Buchhalter und Doctor nach seinem Gasthause, und ließen den Senator nachdenkend allein.

Der Drang, den Beweggrund so mancher unbegreiflichen Erscheinung in dem Benehmen seines Weibes zu erforschen, vermochte ihn, sich nach dem Schlafzimmer desselben zu begeben. Er trat leise in die dunkle Stube. Jacobine schien zu schlummern. Am Fuße ihres Bettes, den Kopf in beide Hände gestützt, saß Justine. Der Senator näherte sich der Kranken, ohne von Jemand bemerkt zu werden; er bückte sich lauschend über das Bette. Jacobine schlug die Augen auf, und fuhr mit dem Geschrei: »Alle gute Geister loben Gott den Herrn!« empor. Justine erwachte aus ihrem Nachdenken. »Der Vater, liebe Mutter!« — sagte sie sanft zu derselben.

»Weg, weg aus meinen Augen!« lautete die gellende Antwort: — »Weg! weg! willst du mich umbringen? weg, entsetzlicher Mann!«

Sie drehte den Kopf nach der Wandseite, und schwieg hochathmend. »Jacobine!« stammelte der von heftigem Zorn ergriffene Gatte, und faßte ihre Schulter: »Weib! was hast du vor? Was soll dies Alles?«

Er mochte aber der Worte, so viele es ihm beliebte, verschwenden; umsonst.

Die Senatorin beharrte wieder in dem dumpfen Unheilkündenden Schweigen.

»Nun so strafe dich Gott, lästerndes, nichtswürdiges Weib, daß du also mit mir verfährst!« brach er in jäher Wuth aus, und hob die Hand zu einer Mißhandlung. Justine verhinderte diese ängstlich, und bat mit Lippe und Auge den Vater, hinwegzugehen.

»Nun, so folge du mir; scheide von dieser Rabenmutter, die mein Leben zwecklos vergiftet!« sagte der Senator, zu sich selbst kommend, und ergriff ihre Hand. Justine zögerte. Die Senatorin erhob sich, bleich vor Aerger und Ungeduld. Sie drohte der Tochter mit dem Finger. Justine zog unschlüssig die Hand aus der des Vaters. Mit dem bittersten Gefühle der innern Empörung sagte dieser: »wie? auch du mein Kind, bist in dieses gräuliche unbegreifliche Complott gegen mein Herz verwickelt? Ich befehle dir, mir zu folgen; — soll ich fremde Autorität anrufen, daß mir mein einziges Kind gehorsam bleibe?«

Mit erneuter Gewalt ergriff er Justinens Hand und zog sie nach der Thüre. Die Senatorin winkte der Gehenden, legte den Finger auf den Mund, und rief ihr dann nach: »Du bist die elendeste Creatur, Justine, wenn du meine Befehle vergissest!« Justine ging nun mit dem Vater auf dessen Zimmer. Wie eine arme Sünderin stand sie vor ihm; er ruhte auf einem Lehnstuhl von den Bewegungen seines Gemüths aus, und sammelte seine Gedanken; sah die Tochter unverwandt an, seufzte, schüttelte öfters mißmuthig das Haupt, und sagte endlich mit angegriffener Stimme:

»Gott weiß, Justine, daß ich mich immer bemüht habe, ein guter Hausvater zu sein; daß ich oft mit der äußersten Anstrengung meinen Jähzorn im Zaume gehalten habe, um Weib und Kind nicht weh zu thun, hatten sie gleich meinen Zorn verdient. Aber solch Betragen, wie es seit gestern Abend sich entwickelt, muß endlich ein Lamm in einen Wolf verkehren. Sieh, Justine, vor einer Stunde war ich noch so fröhlich! Es war mir Diverses wider Erwarten dergestalt nach Wunsch gegangen, — es hatte sich so Manches, das ich befürchtete, anders und befriedigend gestaltet und gedreht, daß ich die Welt hätte umarmen mögen, und meinen liederlichsten Schuldner die Quittung geschrieben hätte. Da erhebt sich wieder auf's Neue dieser häusliche Sturm, dessen Ursprung mir ein Räthsel ist. Auch du, Justine, bist mir Eines. Am heutigen Morgen — zu Anfang der Mittagstafel noch — das fröhliche starke Mädchen, wie sonst, bist du plötzlich ein betrübtes, finsteres geworden. Läugne nicht; ich habe helle Augen, welche sahen, daß die deinigen verweint waren, als du beim Nachtisch wieder zu uns kamst, nachdem deine blödsinnige Mutter sich vor den Gästen zum bedauerlichen Spektakel gegeben hatte. Gezwungen, unbeholfen war deine Rede, und du zwangst dich, meinen Blicken zu entgehen. Jetzt bemerke ich wieder Thränen in deinen Wimpern. Sprich, Justine, woher diese Veränderung? Sei aufrichtig, mein Kind!«

Justine öffnete den Mund, aber dennoch schwieg sie kopfschüttelnd und mit gesenktem Blicke. Der Senator sprang ungeduldig auf, spielte mit seiner Tabaksdose, pfiff einige Töne des Marlborough-Lieds, und stellte sich mit hochgerötheter Stirne vor die Tochter. »Undankbares Geschöpf!« sagte er mit unterdrücktem Grimme: »Wirst du reden? Soll ich wie ein Bube um die Gnade eines Worts von dir betteln? Heraus mit der Wahrheit, verlarvte Person! Du weißt, was deine stätige Mutter im Schilde führt. Du hast auf den Grund ihres Steinherzens gesehen; du hast erfahren, was in ihrem vertrockneten Gehirne spukt; heraus damit, oder ... Gott strafe mich!...«

Er warf im Ausbruche der Wuth die porzellanene Tabatiere so stark zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang. Justine fuhr zusammen, faßte des Vaters rechte Hand so kräftig, als sie konnte, und sagte zu ihm, zwischen Thränen der Angst und einem plötzlichen Entschlusse schwankend: »Um's Himmelswillen! keinen Schlag, mein Vater! ich bin solcher Begegnung nicht gewohnt; Sie würden mich durch diese Entwürdigung umbringen. Ich kann die Zwischenträgerin nicht machen. Ein schimpflicher Zwang würde mich vollends nicht bewegen! Hüten Sie sich, Vater! daß Sie nicht noch mehr des Fluchs auf Ihr Haus laden!«

»Mehr des Fluchs!« versetzte der Senator, und ließ ohnmächtig die Hände sinken; »wahr gesprochen, meine Tochter; es lastet auf mir schon genug des Unsegens. Geh' hin!«

Vor dem Bekümmerten ließ sich das gerührte Mädchen auf die Knie nieder, und redete mit gefaßten und bewegten Worten zu ihm: »Ach, wenn Sie gut und ruhig sind, mein Vater, will ich Alles thun; nur nicht ausplaudern, was die Mutter mir errathen ließ; was meine Zunge aus Ehrfurcht und Angst nicht aussprechen will. Sie sollen aber wissen, was die Mutter zuletzt so gewaltig aufregte. Ob es eine Täuschung ihrer gereizten Sinne gewesen — ob Wirklichkeit — ich weiß es nicht. Doch sie behauptet, es habe sich langsam die Thüre ihrer Kammer geöffnet, und die Erscheinung des in unserm Hause verstorbenen Birsher auf der Schwelle stehend sich gezeigt, mit trüb wankendem Haupte und drohender Geberde. Die Gestalt sei einige Augenblicke sichtbar geblieben, bis sie unter der Mutter Schreckgeschrei verschwunden.«

»O des fratzenhaften Unsinns!« versetzte der Senator, obgleich sein eigen Gesicht länger und schmäler wurde: »Gaukelspiel eines verwirrten Weiberkopfes! Und daher die Mißhandlung, die mir von der Unverbesserlichen angethan wurde!«

»Was im Uebrigen die Mutter verbittert,« fuhr Justine seufzend fort, »ich will es nicht ergründen; ich will daran nicht glauben! ich müßte ja an der Tugend des Mannes verzweifeln, den ich als Vater bis hieher geehrt habe, und noch ferner von Herzen ehren will. Ich überlasse es Ihnen, den Zwist mit Sanftmuth zu beenden und die Eintracht wieder herbeizuführen, denn es ist nicht gut, wenn sich das Kind als Mittler zwischen die Eltern stellen muß.«

Der Senator trocknete sich kalten Schweiß von der Stirne. »So geh' hin,« sagte er ermattet. »Geh' hin, ich will nicht in dich dringen. Die Zeit mag lösen, was mir weibischer Eigensinn noch verhehlt.«

Justine wollte bekümmert weggehen.

Der Senator rief sie zurück. »Du bist meine Feindin geworden,« sagte er bitter und gekränkt; »ich verzweifle daran, deinen Starrkopf für ein Projekt zu gewinnen, in dem ich alberner Thor dein und mein Glück zu sehen vermeine. Ich hätte gewünscht, ich hatte es schon besprochen, meinem alten Vorhaben Kraft und Vollendung zu geben; — dich mit Herrn Georg Birsher zu verheirathen, wie es schon beschlossen war. Aber ... nun wird wohl nichts daraus werden. Die abergläubische Mama wird dir's verbieten, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil ich eine Hoffnung darauf gesetzt. Du wirst dich weigern, weil du dein Loos an Jacobine bindest. O, bewege nicht die Lippen, mir ein versagendes Nein zuzurufen. Ich lese es schon in deinem scheuen Auge. So sei es darum. Ich werde tragen, und du — gehe hin!«

»Sie täuschen sich, bester Vater,« erwiderte Justine fest und bescheiden: »Ihr Wille ist hier mein Gesetz; ich bin bereit, den Herrn zu heirathen, wenn Sie es befehlen.«

Der Senator betrachtete sie mit großen Augen, und ein lächelnder Schein spielte um den bitter geklemmten Mund. Er streichelte Justinens Gesicht mit wiederkehrender Zärtlichkeit. »Belügst du mich nicht, Mädchen? Oder hältst du mich nicht etwa hin, um im Augenblick, wo es darauf ankömmt, wahr zu sein, dein Wort zurückzunehmen?«

»Ich lüge nicht, lieber Herr Vater,« bekräftigte Justine mit offener Stirne; »ich will des Herrn Birsher Frau werden, wann Sie es haben wollen.«

»Und deiner Mutter unvermeidliche Einsprache?«

»Die Mutter ist damit einverstanden, lieber Vater.«

»Einverstanden?«

»Die hat mich sogar mit Thränen gebeten, den Antrag nicht zurückzuweisen, wenn er mir gemacht werden sollte; und ich darf Sie ersuchen, Herr Vater, daß Sie mit der Hochzeit eilen, wie es nur die Schicklichkeit verstattet.«

»Unverständliche Sybille! ich fasse dich nicht.«

»Mir ahnt, Herr Vater, als ob in diesem Bunde viel Besorgniß ihr Grab finden müßte,« erwiderte Justine mit Bedeutung: »wann Sie wollen, demnach, mein Vater.«

»Wie ist es dem ruhig verständigen Mann gelungen, in so kurzer Zeit dein gepanzertes Herz zu erobern? Er hat nicht einmal deiner Eitelkeit geschmeichelt.«

»Sie halten mich noch für ein Kind. Herr Birsher mißfällt mir nicht. Ich liebe ihn indessen eben so wenig. Ob sich die herzliche Zuneigung finden wird? — ich weiß es nicht. Aber ich opfre mich gerne einer zweifelhaften Zukunft, um Sie und Ihr Haus zu beruhigen.«

»Beruhigen? Du beglückst mich, Gold-Justine. Ich fange an, vor dir Respekt zu haben. Verlange für die Freude, die du mir so unvermuthet machst, was du willst.«

Justine besann sich eine Weile, ernst und in sich versunken. »Wenn ich nun zweierlei verlangte?« fragte sie mit klarerem Auge.

»Begehre.«

»Daß Sie für's Erste die Mutter ganz ihren Gedanken überlassen, Friede mit ihr halten, und meine Heirath beschleunigen wollen?«

»Zugestanden. Böses Mädchen! Du eilst, mein Haus zu verlassen und deinen verwaisten Vater!«

»Sie ahnen nicht, wie schmerzlich dieses Scheiden mir sein wird; aber Mama wünscht Herrn Birsher so schnell als möglich aus der Stadt zu entfernen.«

»Wie so? Weshalb denn, zum Donner?«

Justine überging diese Frage mit Schweigen. »Für's Zweite,« fuhr sie fort: »geben Sie mir die Erlaubniß, Sie zu warnen. Monsieur White hat sich falsch gegen mich bewiesen; und ich fürchte, sein Pflegevater meint es auch nicht ehrlich mit Ihnen.«

»Der Doctor?« Dem Senator schlug das Gewissen.

»Wenn ich meinen Augen — einer gewissen Erinnerung trauen darf, so ist der Doctor nicht, was er zu scheinen vielleicht Ursache hat.«

»Unglückliche!« — fuhr Müssinger auf. Justine unterbrach ihn:

»Ich will meinen Scharfblick nicht über den Ihrigen stellen. Ich überlasse es Ihnen, auf der Hut zu sein. Es ist nicht unmöglich, daß ich mich getäuscht. Die Wahrheit muß sich jedoch bald auf diese oder die andere Weise enthüllen.«

»Du treibst Gauklerkünste,« sagte der Senator verlegen lächelnd: »Und auf's Wort und deine vielleicht grundlose Ahnung hin, soll ich dir in einer Sache folgen, deren Bewandtniß mir völlig unbekannt ist?«

»Der Tag, an dem ich mit Herrn Birsher abreise, wird Ihnen meine Vermuthung enthüllen. Ich fühle mich jetzt nicht aufgelegt, durch eine Unbesonnenheit einem Andern, oder Ihnen selbst Unrecht zu thun. Ich habe Ihre Klugheit gewarnt. Angeberin kann und will ich nicht sein.«

Sie verließ heiterer, erleichterter den Vater. Die Dämmerung war schon eingebrochen. Die Thüre ihrer Mutter war verriegelt. Das Dienstmädchen berichtete, die Frau Senatorin hätte Thee begehrt, und hierauf das Zimmer verschlossen, um ruhig zu schlafen. Die alte Marthe wache an ihrem Lager.

»O welch' eine Zerstörung alles häuslichen Friedens!« seufzte Justine, da sie an dem offenen Eßzimmer vorüber ging, das, verödet, vom blassen Mondlicht erhellt, die gemüthlichen Abendgäste nicht aufwies, die sich vor Zeiten wohl öfters darinnen einfanden. Justinens Schritte wurden schneller, als sie an der verschlossenen Thüre des Zimmers hinschlüpfte, welches der verstorbene Birsher eine Nacht hindurch bewohnt hatte. Mit beengtem Athem betrat sie ihr eignes Zimmer. Die Lainez saß darinnen, lesend, und erhob sich bei Justinens Ankunft.

»Sie blieben recht lange, meine Verehrte,« sagte die Französin mit einem freundlichen Vorwurfe im blühenden Gesichte. »Die Pflicht allein, mein Amt in Ihre Hände niederzulegen, stärkte mich mit Geduld. Hier, meine Beste, ist all das kostbare Silberwerk, das man in der Verwirrung auf der Tafel gelassen — eine Beute für jeden kecken Dieb. Zählen Sie die Stücke, Mademoiselle. Ferner empfangen Sie die Schlüssel zu Speisekammer und Keller, die Sie mir anvertrauten, und entbinden Sie mich meiner Verantwortlichkeit.«

Justine küßte die Hülfreiche dankbar auf die Wange, erstaunte aber, als diese nach dem Mäntelchen und den Handschuhen griff. »Wollen Sie nicht bei mir bleiben?« fragte Justine verwundert: »ich bat Sie ja, mit unserm Hause verlieb zu nehmen.«

»Ach, diese Güte! meine beste Jungfer, darf ich sie annehmen? Besinnen Sie sich wohl. Welche Figur würde ich in Ihrem Hause darstellen, worein ich so unvermuthet, unvorhergesehen kam? Das Staunen Ihres Vaters, der gar nicht ermuthigende kalte Empfang Ihrer Mutter, das Glotzen der Domestiken ... Ach der Spott dieser Letzteren, bei Allem, was ich anordnete, — und ich verstehe doch, ein anständiges Haus zu verwalten, — er schnitt mir in's Herz. Seht doch die Französin! hieß es rings um mich, und ich hatte Mühe, meinen Verdruß zu verbeißen; ein Unglücklicher ist ja doppelt reizbar! Erlauben Sie daher, daß ich Ihr freundliches Anerbieten ausschlagen darf.«

»Ei mit nichten,« versetzte Justine sehr erbittert: »Sie erzählen mir da von Schändlichkeiten, denen ich ein schnelles Ende machen werde. Verzeihen Sie, liebe Frau, unserm dummen Mägdevolk vom Lande, dem Alles lächerlich vorkommt, das nur ein wenig aus dem Geleise schreitet, welches diese Gänse Tag für Tag auszutreten gewohnt sind. Morgen sollen Sie schon ernsthafter sein — ich stehe ihnen dafür. Sie kennen mich, und wissen, wie man mit mir verfährt, wenn ich ungnädig bin. Ich verstehe die Mittel, solch' unbescheidenes Gesindel zur Ordnung zu bringen. — Nein, Madame, Sie müssen bleiben; meine Ehre steht auf dem Spiele: denn, was ich mir einmal vorgenommen, muß ich durchsetzen, ... und wenn ...! lächeln Sie nicht; man nennt mich allgemein die tolle Justine, und manchmal hat man Recht.«

»Welche kindliche Naivität!« rief die Lainez, und streichelte Justinens Hände: »eine Königin, so schön, so liebenswürdig, so lebhaft wie Sie auf Frankreichs Throne, und meine Landsleute würden Sie vergöttern!«

Justine sah plötzlich mit großen und sehr unmuthigen Augen in die Höhe. »Warum nicht gar?« sagte sie kurz abbrechend: »welche Schmeichelei. Sie können Ihr Vaterland nicht verläugnen, Madame Lainez!«

Die Französin war betreten, dann erwiderte sie mit dem schmachtenden Augen-Aufschlag, den sie vollkommen in der Gewalt hatte: »Verzeihen Sie Mademoiselle. Entschuldigen Sie die fade Uebertreibung, womit sich mein Mund versündigte, mit der herzlichen Anhänglichkeit, die ich für Sie hege, und die etwas Besseres sagen wollte.«

Justine bereute schon das harte Wort, und glaubte um so leichter dem Bittworte. »Das lasse ich mir gefallen,« sagte sie, der Lainez versöhnt die Hand reichend: »lernen sie immerhin in Deutschland, das Ihr zweites Vaterland werden soll, sich deutscher aussprechen.«

Sie zog die Wittwe vertraulich neben sich auf einen Stuhl, und fuhr fort: »Hören Sie, wie ich mir Alles, was Sie betrifft, klar und baar ausgesponnen habe. Sie bleiben vor der Hand bei mir, — unter dem Schutze Ihrer Königin,« setzte sie lächelnd bei. »Aber leider kann dieser unmittelbare Schutz nicht lange dauern, da mein eigenes Schicksal eine rasche Wendung nehmen, — mich für immer von hier entfernen wird. Daher — nebenbei gesagt, darf Ihnen vor Vater und Mutter nicht bange sein; ich heiße Justine und stehe für Alles, — daher lasse ich an einem der nächsten Sonntage unsre Karosse einspannen, und bringe Sie, meine gute Frau, nach einem Städtchen in der Nachbarschaft, wo eine alte Base meines Vaters lebt; — etwas taub, etwas stumpf, aber wohlhabend, gottesfürchtig, und mir mit uneigennütziger Liebe ergeben, ob sie gleich eine veraltete Jungfer ist. In ihrem Hause erhalten Sie Kost und Wohnung, und besuchen fleißig den Pfarrer der wallonischen Gemeinde in jener Stadt, wenden sich von der aufgedrungenen Religion zu der Angebornen, und treten, da hoffentlich Ihr Wille ernstlich ist, öffentlich in den Schoos Ihrer Gemeinde zurück. Sind Sie so weit gekommen, so bedürfen Sie meiner Unterstützung nicht mehr. Ihre Verwandten zu Berlin werden Sie alsdann mit offenen Armen aufnehmen; — mir bleibt das Bewußtsein einer rechtschaffenen Bemühung, und Ihnen — so Gott will — ein freundliches Andenken an ein unbedeutendes Mädchen, das man böse nennt, das sich aber schmeichelt, von Herzen gut zu sein.«

Die Lainez umarmte das zauberische Geschöpf mit Thränen in den Augen. »Ich bin Ihrer Wohlthaten nicht würdig,« — sagte sie, das Gesicht an Justinens Busen verbergend: — »wo werde ich jemals ein Gemüth wie das Ihrige wiederfinden?«

Justine hielt ihr den Mund zu. »Wo werde ich jemals — —?« — parodirte sie, aber aus dem Scherze wurde Ernst. Sie ließ den Kopf sinken, und wiederholte langsam: »Wo werde ich jemals finden, was mir Glück bringt? Ach meine Liebe, ich habe heute ein recht traurig Gemüth, und meine Seele ist müde, wie mein Körper. Ich will gehen, und den Vater fragen, ob er noch etwas wünscht. Dann wollen wir zu Bette. In jenem Cabinete habe ich Ihr Lager aufzuschlagen befohlen.«

»Heute noch nicht,« — bat die Lainez: »ich habe zu Hause noch Einiges zusammen zu räumen und zu packen. Morgen, wenn Sie's erlauben, will ich Ihrem Anerbieten nachkommen.«

»Ich werde Ihnen keinen Zwang auferlegen,« — sagte Justine, wie wohl etwas verdrüßlich: — »morgen also. Aber es ist schon nahe an neun Uhr. So spät wollen Sie durch die Straßen gehen?«

»Die Wittwe eines tapfern Soldaten fürchtet sich nicht.«

»Ei, wenn auch. Christine soll mit der Laterne vorausgehen. Aber — Morgen, nicht wahr? so bald als möglich? Ich sehne mich nach Ihrer Gesellschaft. Ich bedarf jetzt der Aufheiterung. Sie werden nicht zaudern, oder gar Ihr Wort zurücknehmen. Die Franzosen, sagt man, halten die Parole nicht zum Allerbesten. Geben Sie mir ein Pfand, daß Sie gewiß kommen.«

»Ein Pfand, sonderbares, eigensinniges Mädchen? Ich würde Ihnen mein Herz schenken, wenn es möglich wäre. Nehmen Sie jedoch, was meinem Herzen zunächst ruht.«

Die Lainez zog ein Medaillon, das an einem schwarzen Sammetbande um ihren Hals hing, hervor, nahm es ab, und überlieferte es lächelnd der mißtrauischen Gläubigerin.

»Sieh doch!« rief Justine, als sie das Medaillon empfing, und es von allen Seiten betrachtete; »welche schön gearbeitete Bilder! Erklären Sie mir, liebe Frau! Wer ist dieses herrliche Weib im Purpurmantel, mit der blitzenden Krone auf dem Haupte, und dem noch strahlenderen Scheine um dasselbe?«

»Es ist die fromme und selige Kaiserin Pulcheria, meine Patronin,« versetzte die Lainez: — »ihre Schönheit war das Wunder ihrer Zeit; und ihre Tugend war ihren Reizen gleich, und die dankbare Erinnerung der Nachwelt versetzte sie unter die Heiligen!«

»Welche Anmuth! welche Lieblichkeit!« fuhr Justine fort: »ja, wer so schön wäre! Diese Strahlen ...«

»Sind der Heiligschein, mit welchem die römische Kirche das Haupt der Gepriesenen umgibt. Die Bilder dieser Heiligen schmücken heiter und lebendig die Gotteshäuser, und es läßt recht angenehm, wenn Weihrauchwolken sie umnebeln, Kerzen davor flammen, Blumenbüsche um sie blühen und das Volk sich vor den Geehrten fromm verneigt.«

»Mit andern Worten: die Götzen anbetet. Ich weiß, unser Pastor hat schon oft dieses Thun in seinen Streitpredigten berührt, und einen heidnischen Gräuel genannt.«

»Vielleicht ging er darinnen zu weit. Die Katholiken haben in diesen Bildern nur das Andenken frommer Tugendfürsten zu verehren: nicht das Holz, nicht den Stein.«

»So? Dann lasse ich mir's gefallen. Ich finde die Sitte sogar hübsch. Man stellt ja auch Bildsäulen berühmter Männer in Städten auf. Wir haben z. B. hier auf dem Rathhause das Reiterbild eines Bürgermeisters aus der alten Zeit, der einst mit Opferung seines Lebens die Vaterstadt von Schimpf und Untergang gerettet hat. Das Bild steht wohl schön anzuschauen an der großen Treppe, aber die Leute gehen kalt vorüber, und beachten's nicht. Stünde es in einer Kirche, würde es besser geehrt.«

Sie wendete das Medaillon um, stutzte etwas, und fragte kleinlaut: »Das ist ein Mann? nicht wahr? Der Maler hätte ihm allenfalls einen Mantel um die Schultern werfen können.«

»Der Zweck wäre gefehlt gewesen; die Pfeile seines Märthyrthums müssen dem Gläubigen sichtbar sein. Man nennt den schönen Jüngling den heiligen Sebastian.«

Justine sah das Bild noch einmal flüchtig erröthend an, legte es dann still auf den Tisch, warf ein Tuch darüber, und wünschte der scheidenden Lainez eine ziemlich einsylbige Gute Nacht!

Indem die Wittwe aus Justinens Thüre trat, vernahm man in dem schräg gegenüber liegenden Zimmer des Senators ein starkes Geräusch, und Müssingers halberstickte Stimme, welche nach Leuten rief. »Mein Gott! was ist da wieder vorgefallen?« sagte Justine, auf das Gemach zueilend, und winkte der Lainez und der Magd, die derselben mit der Laterne vorausgehen sollte, sich zu entfernen, ohne weiter dem Geräusch nachzuforschen. Die Französin, der es in dem Hause unheimlich vorkam, trieb selbst die gaffende Magd zur Eile an. Sie erreichten Beide, ohne sich umzusehen, die Treppe, und stiegen schnell hinab. Doch unten am Geländer stand unbeweglich und lautlos eine breite weiße Gestalt, welche drohend den Arm gegen die Kommenden erhob, und alsdann im Dunkel niederzutauchen schien. Die erschrockene Lainez und die erschrockenere Magd stießen einen Schrei des Entsetzens aus. Die Letztere ließ die Laterne fallen, welche zusammenklirrte und erlosch. Das Dienstmädchen rannte schreiend über die Treppe zurück; die Lainez aber, welche im Mondstrahl, der durch ein vergittertes Fenster fiel, die Hausthüre wahrnahm, eilte schaudernd auf dieselbe zu, fand sie zu ihrer größten Freude nur angelehnt, riß sie auf und entfloh. Scheu zurückblickend, glaubte sie die grausende Erscheinung wieder auf der Schwelle des Hauses zu erblicken, auftauchend wie ein weißer Blitz, verschwindend wie dieser, und von Gespensterfurcht bedrängt, flüchtete sie auf's Gerathewohl in die Gassen. Allenthalben waren diese leer; von ferne her hörte man die Schnarre eines Nachtwächters, — endlich den geschwinden Schritt eines Kommenden; ... eine Handlaterne näherte sich, — ihr blendender Schein führte die Flüchtige gerade auf den Mann los, der sie trug ... Der Doctor war's. »Ei, Madame! woher um diese Stunde? auf welchem Wege finde ich Euch?« Die zitternde Lainez bat um seine Hülfe, indem sie mit ein Paar Worten ihre Angst schilderte.

Der Doctor, lächelnd bald, bald ernst und zweifelnd den Kopf schüttelnd, erbot sich, sie nach Hause zu führen. »Um Gotteswillen, nein!« bat die Lainez dringend; »in dem alten Gebäude allein ... von aller Welt geschieden ... würde mich heut nach diesem Auftritte die Angst umbringen. Ich schwöre darauf, daß mir mein Mann erschienen ist. Seine weiße Uniform ... sein drohendes Gesicht ... meine Sünden ... Hochwürdiger! nur unter Ihrem Schutze kann ich meine Seele beruhigen.«

»Bedenkt meinen Stand, liebe Frau,« versetzte Leupold beschwichtigend; »Eure Phantasie ist erhitzt; Ihr bedürft der Sorgfalt; ... was kann ich jedoch für Euch thun? Doch, wenn Ihr's wünscht, will ich meine Wirthin bewegen, Euch diese Nacht zu beherbergen.«

»Gleichviel!« rief die Lainez; »nur bringen Sie mich unter Menschen, oder ich sterbe an dem Schreck!«

Der Doctor winkte ihr, nebenher zu gehen, und förderte, dann und wann sie unterstützend, seinen Weg. »Ich kehre soeben von einem Kranken zurück,« sagte er, »den ich seit Abends Einbruch mit geistlichem Troste und endlich mit dem Leibe des Herrn erquickte.« Er zeigte auf die Saffiantasche, die er, unter seinem Oberrocke verborgen, auf der Brust trug, und in welcher er die Hostie insgeheim zu überbringen pflegte. »Ein Glück, daß Ihr gerade mir begegnen mußtet. Meine fromme Hausmeisterin wird ein Uebriges thun, und morgen sollt Ihr mir mit gesammelten Kräften den Hergang der ganz absonderlichen Erscheinung mittheilen.«

Die Eigenthümerin des Quartiers, welches der Doctor bewohnte, eine eifrige Anhängerin der im Verborgenen waltenden Kirche, welche wußte, daß sie in der Lainez eine Verbreiterin dieser Kirche vor sich hatte, machte nicht die mindesten Umstände, in des Doctors Begehren zu willigen, und dieser Letztere, Mitleid mit der Niedergeschlagenheit der Französin fühlend, lud sie ein, auf seinem Zimmer, — bis die Wirthin ihr Lager bereitet haben würde, — eine Tasse Kräuterthee zu genießen, den er selbst auf's Beste zu bereiten versprach. Die Lainez nahm mit Dank den Antrag des Mannes an, der, aus Theilnahme für sie, die strenge Grenze, die sein Anstands- und Schicklichkeits-Gefühl zwischen ihm und der Mitarbeiterin gezogen hatte, in etwas erweitern wollte. Als sie jedoch an des Doctors Hand dessen Wohnzimmer betrat, wurde ihr Auge von einem Besucher überrascht, der in dem Großvaterstuhl am Fenster saß, und kaum merklich mit dem Kopfe nickte, als James den Doctor mit seiner Begleiterin einließ.

»Gelobt sei Jesus Christus!« sprach der Fremde, und der Doctor, im höchsten Grade überrascht, erwiderte mit kaum hörbarer Stimme, sich tief verneigend: »In Ewigkeit. Der Herr segne Ihren Eingang, Pater Superior. Ihr Besuch ist eine unerwartete Freude.«

Der Superior, ein hagrer Mann mit ganz blassem Gesichte, aus welchem ein Paar dunkle Augen sprühten, lüftete ein wenig das Käppchen, das seinen Scheitel bedeckte. »Ich bin vor gar nicht langer Zeit angekommen,« sagte er, — »bin herzlich müde, und habe mir die Freiheit genommen, bei Ihnen, mein Vater, meine Schlafstelle zu suchen, indem ich hier unbemerkt und sichrer zu sein glaube, als in dem verstecktesten Gasthofe. Es thut mir indessen leid, wenn ich hier stören sollte.«

Er warf einen zweideutigen Blick auf die Lainez. Der Doctor errieth dessen Sinn, und sagte empfindlich: »Ich hoffe, Ew. Hochwürden bewiesen zu haben, daß mein sittliches Betragen kein Mißtrauen verdient. Der Zufall nur ...«

Mehr als seine Worte beruhigte die Französin selbst den argwöhnischen Geistlichen. Sie ging demüthig auf ihn zu, küßte seine Hand, bat um seinen Segen, und erbot sich, alsbald das Zimmer zu verlassen. Der Superior schenkte ihr einen günstigen Blick, klopfte ihre Wange. »Lasse Sie's nur gut sein,« sprach er mit dem empfindlichen Uebergewicht, welches häufig von Priestern, den ihnen ganz ergebenen Weibern gegenüber, fühlbar gemacht wird: »ich kenne Sie ja, und hoffe in Ihr kein unwürdiges Rüstzeug vorgeschlagen zu haben. Vater Münzner wird mir Alles genügend erklären. Sie kann sich indessen wegbegeben, denn wir haben hier noch allerlei zu bereden, das nicht für Sie ist.«

Noch ein gnädiger Schlag auf die Wange, und die Lainez, feuerroth und betreten, war entlassen. James sperrte das äußere Gitter, und wollte den Herren eine gute Nacht wünschen. Der Superior verhinderte dieses; sprechend: »Verbleibe Er immer noch ein Weilchen, junger Mensch. Ab initio wird von Ihm die Rede sein.«

James bückte sich, und stumm stand er neben seinem Pflegevater vor dem Superior, der gemächlich seinen Platz fort und fort behauptete.

»Ich habe den Juvenem allhier examiniert,« hob der Bequeme an, zu dem Doctor gewendet: »habe denselben doch noch nicht weit vorgerückt gefunden. Er scheint seine Studia oberflächlich betrieben zu haben, und — was am übelsten — das ernste und äußerst wichtige Ziel seiner künftigen Bestimmung nicht genug in's Auge zu fassen. Die Petulanz, so ich in seinem Wesen und seinen expressionibus wahrnehme, wird in seinen gegenwärtigen Beschäftigungen nur wachsen können. Es ist daher unumgänglich nothwendig, daß er unter die Disciplin des Novizialmeisters genommen werde.«

James erröthete erbebend; der Doctor verneigte sich stumm. »Ich werde ihm vorläufig die exercitia Spiritualia unsers heiligen Ordensstifters und Regulators in die Hände geben,« fuhr der Superior fort, »und Er mag sich bereit halten, mir in das für Ihn bestimmte Collegium zu folgen, sobald meine Geschäfte in hiesiger Gegend beendigt sein werden. Ich habe mit dem Pater Rector schon die nöthige Rücksprache genommen, wie es Ihr letzter Brief, Pater Münzner, verlangt hat. Quod erat demonstrandum.«

James küßte des Superiors Hand, und ging niedergeschlagen nach seiner Kammer. Der Doctor blickte ihm mitleidig nach, und sagte nach einer Pause leise und demüthig zu dem Superior: »Es kömmt mir beinahe vor, ehrwürdiger Herr, als ob ich mich in den Anlagen des jungen Mannes getäuscht hätte. Seine Geisteskräfte sind wohl scharf, allein noch schärfer ist der Trieb seines Herzens. Er begehrt, er verlangt wie ein kräftiger sinnlicher Jüngling. Er zeigt dann und wann Widerspruchsgeist, Grübelei ... es wird schwer halten, seine Vernunft in die wohlthätigen — Ketten des Glaubens zu legen, und ich würde mir's zum ewigen Vorwurf machen, — gestaltete sich aus diesem — in die Welt berufenen Jüngling ein schlechter Priester.«

Der Superior sah den Doctor hoch und mißbilligend an: »Sie reden jetzt ganz anders, mein Vater, als Sie vor kurzer Zeit geschrieben. Welche unzeitige kränkelnde Philanthropie! Wären auch Sie von der Lüstelei, von dem empfindelnden Wahnsinn des Jahrhunderts ergriffen worden? Haben nicht auch wir begehrt und verlangt, und sind wir deshalb schlechte Priester geworden? Die Disciplin bändigt den Widerspruch; die rastlose Thätigkeit der Novizen steuert der Grübelsucht. Vernunft? — Glauben? — Sie sind nicht klar über die Grundsätze unsrer Institutionen, ob Sie gleich Prozeß und Gelübde gethan haben. Fähige Geister gewinnen, — dieselben nach ihrer Richtung beschäftigen, — das ist unsere Aufgabe, und deren Erfüllung sichert das Gedeihen unserer Gesellschaft. — Der nützliche Schwärmer, der ein begeisterter Apostel werden will, glaube. Der rein Vernünftige, geeignet, die politischen Zwecke unsers Daseins zu erreichen, gehorche, wo er nicht glauben kann. Und dieses Gehorsams Triebfeder ist sein Vortheil, — das Interesse, das man ihm an seinem auferlegten Streben beizubringen hat. Und nach den geschickten Combinationen unsers herrlichen Staats ist der Vortheil des Einzelnen der Vortheil des Ganzen. Darum herrschen wir, darum siegen wir; darum beneidet man uns. Glauben Sie mir: Ihr Pflegling wird noch gut werden, und reichliche Zinsen tragen, für das Geld, das wir an seine Bildung verschwendet haben, und noch verschwenden werden. Nun zur wichtigern Sache, Pater Missionär. Ich habe Ihre Bücher durchblättert. Unser Commerz über hiesigen Platz rentirt sich nicht besonders. Ob die Pariser uns Schaden bringen? oder ob die Schiffscapitäne, die unsere Frachten besorgen, Betrüger sind? Ist das Erstere, so müssen wir die Augen zudrücken. Das Zweite kann nur an Ort und Stelle erforscht werden. Ich erwarte darüber Befehle von dem Pater Provinzial. Ein geschickter Ordensmann hat zugleich mit meiner Eingabe ein Projekt eingesendet, das, wird es angenommen, dem Handelsfond unserer Gesellschaft unbegränzten Vortheil bringen wird. Es wird darinnen vorgeschlagen, den Sklavenhandel für Brasilien unter billigern Bedingungen zu übernehmen, als ihn bisher unsere unverschämten Schiffsmeister nebenbei getrieben haben.«

»Den Sklavenhandel?« fragte der Doctor erschrocken.

»Ja,« versetzte der Superior gleichgültig: »der Trafik mit denen schwarzen Negern bringt immense Dividenten.«

»Aber die Menschlichkeit, Pater Superior?« fragte der Doctor schaudernd weiter.

Der Jesuit lächelte vornehm. »Floskeln, lieber Pater Münzner. Diese Schwarzen sind eine untergeordnete Race; an schmutzigen Heiden, wie sie sind, ist nichts verloren. Ueberdies ist ihr Sklavenleben reicher an Genüssen, als ihre Freiheit.«

»Das Naturrecht, Pater Superior ...«

»Sie sind Doctor juris utriusque;« sagte dieser gähnend: »man hört es Ihnen an. Satis über diesen Punkt. Der Verfasser jenes Projekts wird belobt werden, und es noch weit bringen. Wie weit ist's aber mit der heiligen Christenverbesserung gediehen?«

Der Doctor berichtete in Kürze; legte die Liste der kleinen Gemeinde vor; ihre Beiträge zum Kirchendienst; die Berechnung des Ueberschusses. Der Superior durchging die Liste schmunzelnd und zählend. »Viele Leute,« sagte er hierauf: »aber nichts Besonders. Die meisten ex infima plebe.«

»Unser Herr Jesus Christus fand unter dieser Classe seine ersten Jünger.«

»Hm! ja. Sehr viele Weibspersonen finde ich hier aufgezeichnet; zum Theil wohl aus den bessern Ständen. Nun ja; das sind die Lämmlein, die zum Paradiese locken. Aber ... aber ... ich vermisse denn doch die Männer von Gewicht. Ein paar Kaufleute, ... ein Recheneiverwalter ... ein quiescirter Fünfzehner, ... heilige Maria! was will das im Ganzen heißen? Den Beschluß der Reihe macht doch endlich ein Senator. Wer ist der Mann? Derselbe, von dem Sie schon ein Wörtlein fallen ließen?«

»Derselbe, Pater Superior.«

»Hat seine Bekehrung sich so schnell gemacht? Gelobt sei der Herr. Dürfen wir von ihm hoffen?«

»Vieles. Er ist durch ein besonderes Verhängniß ganz der Unsrige geworden.«

»Favente Deo. Recht. Wie hat sich die Lainez gemacht?«

»Sie hat Einiges gethan; doch Unwichtiges. Das Weib ist zu eitel, leichtsinnig und verliebt.«

»Bene dixisti, Pater Münzner. Eitel und verliebt. Die Französin sieht überall hervor, und ihr Mann hat nicht so viel an ihr verloren. Es hat ihr indessen eine Zeitlang mit Proselyten recht geglückt. Sie ist sehr fromm und möchte die ganze Welt in's Paradies bringen. Eine lustige, schnackische Frauensperson im Uebrigen; nimmt nichts übel, und hat dem Pater Provinzial, der sie mir empfohlen, viele trübe Grillen verscherzt. Sie weiß allerlei von Sr. Hochwürden zu erzählen, und hält sich damit oben, so daß ihr Sub manu eine ewige Versorgung aus der zu ähnlichen Zwecken bestimmten Kasse versprochen wurde. Hierin wurde aber eine kluge Reservatio mentalis beliebt. Ködert sie nicht mehr, so steckt man sie in ein Kloster, und damit gut. Die Schwestern mögen sie dann füttern. Also hier hat sie wenig genützt?«

»Das Wichtigere hat sie vor kurzer Zeit übernommen: die Bekehrung der Tochter jenes Senators. Aber ein unseliger Zufall reißt hier alle Hoffnung ab.«

»Wie so?«

Der Doctor erzählte von der Ankunft des Verlobten, der seinen Heirathsantrag erneuernd, im Begriff stehe, das Mädchen unwiderruflich in ein protestantisches Land zu führen.

»Pessime!« rief der Superior: »das darf nicht geschehen. Das Mädchen, als einzige Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens muß der Kirche zugewendet, und von dem Anglikanen abgezogen werden. Wir hätten pro Studio et labore nichts als das leere Nachsehen? Nein, lieber Pater Münzner! lassen Sie uns in die Fußstapfen unserer würdigen Vorgänger treten, die auch nicht vom Heller des Armen ihre Collegia und Prozeßhäuser erbaut haben.«

»Wie wollen Sie aber vorbauen, Pater Superior? Ich mißbillige die Sache, weil es mich schmerzt, ein unschuldiges Schäflein auf ewig von der Heerde, der es sich näherte, getrennt zu sehen, — aber ich begreife nicht, wie....«

»Sie begreifen nicht? Sind Sie nicht der Beichtvater des Senators? Pressen Sie sein Gewissen in die Schrauben ihrer gerühmten Dialektik. Einem gewandten Beichtvater ist nichts unmöglich. Experienta docet. Während Sie sein Herz mit den Sturmblöcken einer zerschmetternden Rhetorik belagern, ihm sein Kind im Feuer der Verdammniß zeigen, — mag die Lainez von der andern Seite dem Mädchen kräftig, schlagend zusetzen. Ich habe schon Meisterstücke in dergleichen Angelegenheiten, — Caeteris paribus, — verrichten gesehen, selbst verrichtet.«

»Der Glaube ist in dem Senator nicht sonderlich stark genug, um ...«

»Res indifferens! So greifen Sie seine schwachen Seiten an. Cum auxilio divino muß Alles gehen. Die Lainez soll nicht saumselig sein! periculum in mora! Das Mädchen wird allerdings auch seine schwachen Seiten haben. Die Weiber sind gebrechlich. Ist unsere liebe Tochter in Hoffnung nicht etwa verliebt? Da könnte Ihr Pflegesohn benützt werden.«

»O weh! Steh uns der Himmel bei. Er ist in das Mädchen verliebt. Justine zeigt aber keine Spur von Empfänglichkeit. —«

»Ein kalter Frosch? Desto besser. Sie muß in's Kloster; unserer Gesellschaft alles zuwenden, bis auf ein Pflichttheil für die Schwestern. Sie sagen, man schätze den Senator auf dreimal hunderttausend Thaler? Und diese Summe sollte uns entgehen? Minime, Pater Münzner. Alles zur größern Ehre Gottes!«

»Sie legen mir da ein hartes Probestück auf,« versetzte der Doctor seufzend: »um des Eigennutzes willen....! ja, wenn es einzig die Sorgfalt für des Mädchens Seelenheil gälte! —«

»Bilden Sie sich das ein, Pater Münzner. Ich erlaube es Ihnen. — Aber, lassen Sie ja den goldgefiederten Vogel nicht aus. Und, — beharrt das Mädchen auf Widerspenstigkeit, so muß es möglich gemacht werden, daß sie der Vater enterbt. Es muß möglich gemacht werden, Pater Münzner! Verstehen Sie mich wohl?«

»Ich verstehe;« antwortete der Doctor niedergebeugt.

»Nie sind die Zeiten schwieriger gewesen, als jetzt;« fuhr der Superior ruhig fort: »die langen Kriegsjahre haben das flammende Verlangen der Gläubigen, der Kirche wohl zu thun, gedämpft. Der Handel hat durch Kapereien gelitten. Viele fähige Studenten werden auf Kosten der Gesellschaft erhalten, gebildet, versendet. Man muß zu allen Hülfsmitteln greifen, um die überschwenglichen Kosten unserer Arbeiten zu decken. Die dreimal hunderttausend Thaler dürfen nicht nach Amerika! Der Wiklefit soll abziehen, oder — wenn Alles nichts hilft ... nun, wir werden sehen. Ich verpflichte Sie, Pater Missionär, Morgen alsobald Ihre Bemühungen, mir zu gehorsamen, anzutreten. Thun Sie die ersten Schläge, während ich mit dem verschmitzten Tormerpick Abrechnung halte. Wenn Ihrem Scharfsinn, was ich Ihnen andeutete, gelingt, — und es muß gelingen, — so sein Sie der vortrefflichsten Note in meinem vierteljährigen Censurbericht an den General vergewissert.«

Der Doctor, wenn schon im Herzen tief verwundet, verbeugte sich, wie es der Gehorsam erforderte, und brachte eine qualvolle Nacht unter dem Kampfe seines Gewissens, und der Pflicht, die er beschworen, zu. — James, der ihm am nächsten Morgen mit rothgeweinten Augen entgegentrat, zerriß seine Seele noch mehr.

»Mein Vater!« sagte ihm der junge Mann, auf dessen Zügen der Schmerz saß: »ich kann nicht in das Noviziat treten. Ich kann nicht, und sollte es mein Unglück sein!«

»Du mußt!« erwiderte ihm der Doctor streng, und drehte sich von ihm, daß er das Mitgefühl nicht in den Zügen des Pflegers lese.

»Ich muß nicht, mein Vater!« fuhr James mit kalter Entschlossenheit fort: »ich bin kein Leibeigener. Ich will Ihnen im Orden keine Schande machen. Ich tauge nicht dazu; ich verabscheue mich selbst, um der Winkelzüge, zu welchen ich mich brauchen ließ. Haben Sie Mitleid mit mir, Sie, mein zweiter Vater!«

»Der Pater Superior nimmt mir meine Pflichten gegen dich, sammt meinen Rechten auf deine Person ab;« erwiderte der Doctor, wie oben: »fasse und füge dich.« —

»Ich mich fassen? ich mich fügen?« rief James, wie außer sich: »Ich soll mich in Klosterfesseln schmieden ...? ich, der die Fesseln dieses Lebens nur mit Mühe trägt?«

»Mensch!« sagte der Doctor hierauf erschrocken, und sah dem Jüngling aufmerksam ins Auge: »Was sollen diese Worte bedeuten?«

»Meinen Ueberdruß an der Welt, Vater; meinen Ekel am Dasein. Ich bin zum Unglück geboren, wie die Meinigen zum elendesten Tode. Hier lächelte mir, dem Spion, dem elenden Hehler und Helfershelfer ein Stern der Wonne; ... ich fühlte Seligkeit!«

»Die Seligkeit eines Thoren! Die Verzuckung des heidnischen Bildhauers vor einem Marmorbilde!«

»Nein, mein Vater! ich war kein Thor; ich bin es nicht! Noch jetzt erhält mich der Gedanke, daß Galathee im Innern der kalten Brust Leben für mich empfindet! Aber — wenn das Geschick befiehlt, — wenn sich erwahrt, was die Lainez mir so eben vertraute, — wenn Justine einem Andern angehören soll, — dann höre ich auf, zu leben; bei Gott! ich höre auf, zu sein!«

»Wohlan!« entgegnete der Doctor bitter und verletzt: »so höre auf, wie tausend Narren deines Nebellandes, deren leeres Gehirn sich an der Leere ihres Lebens langweilt; höre auf, wie ein insolventer betrügerischer Schuldner, und überlasse mir, dem Getäuschten, die Last, deine Schulden an deine Ernährer zu bezahlen!«

»Mein Vater!« stammelte James, von Scham ergriffen: »Was sagen Sie? O, Sie haben Recht! Ich gehöre ja nicht mehr mein. Ich bin Ihnen und den Obern verschuldet! ich bin Ihr Sklave! O, so machen Sie mich zu Gelde! Verkaufen Sie mich, damit ich mein Leben hindurch unter Blut und Thränen arbeiten muß, um das Jahr zu bezahlen, das mir Ihre Wohlthaten fristeten!«

»Undankbarer, roher Mensch!« sagte der Doctor unwillig: »So gehe hin und suche den Tod in eitlem Wahne. Du sollst mir nicht noch einmal vorwerfen, wie wenig ich für dich gethan.«

Der erschütterte Ton des Doctors machte den besten Eindruck. James stürzte reuevoll vor ihm nieder, weinte auf seine Hände. »Ich soll leben? ich will leben!« schluchzte er; »aber wie wird es möglich sein, wenn Justine des Amerikaners Weib wird?«

Den Doctor traf's durch's Herz. Er blickte nach dem Gemache, in welchem der Despot seiner Handlungen noch schlief, erinnerte sich seines qualvollen Geschäfts, neigte sich zu James und — um wenigstens eine gute Frucht aus der hinterlistigen That zu gewinnen, die er vollbringen sollte: die Beruhigung einer verzweifelnden Seele — sagte er ihm: »Justine wird nicht des Amerikaners Weib!«

Somit ging er von dem Staunenden, um den Senator zu besuchen. Ein finsterer, wolkenumzogener Tag paßte vortrefflich zu seiner Gemüthsstimmung. Während des Gehens wollte er beten, — aber dunkle Gedanken durchbrachen in Massen sein Gebet. In sich gekehrt, betrat er Müssingers Haus. — »Sind der Herr Senator oben?« fragte er mit gesenktem Auge einen Menschen, der ihm entgegenkam. — »Ja, Monsieur;« antwortete man ihm kurz und unhöflich. Der Doctor sah auf. Nothhaft war der grobe Bescheidgeber, und nicht wenig erstaunt, den Mann vor sich zu schauen, mit dem er vorgestern einen Handel hatte abschließen wollen. Auch der Doctor erinnerte sich seiner. »Sieh da, Monsieur!« sagte er: »finden wir uns hier? Sie blieben aus, Verehrter?« — »Ich weiß nicht, was Sie wollen!« schnauzte ihn der Andere überrascht, verlegen, und unerkannt zu sein wünschend, an: »Ich kenne Sie nicht, Monsieur!«

Er zum Hause hinaus; der Doctor die Treppe hinan. Des Senators Gesicht trug alle Spuren einer mühselig durchwachten Nacht, und kaum verzog sich seine Lippe zu einem matten Willkommslächeln, als der Beichtiger eintrat.

»Sie finden mich schwach und krank,« sagte Müssinger, wieder in die Kissen seines Ruhebetts zurücksinkend; »doch ist mir Ihre Gegenwart von hohem Werthe. Ein stürmisch rollendes Geschick hat mich, so zu sagen, an Sie gebunden, während alle Wesen, welche die Natur mit mir verband, von mir abfallen zu wollen scheinen, und selbst übernatürliche sich in mein Verhängniß mischen. Eine Frage, hochwürdiger Herr: glauben Sie, daß zwischen Sterblichen und abgeschiedenen Geistern von Sterblichen ein Rapport eintreten kann?«

Der Doctor stutzte. »Die Philosophie unserer Religion, und häufige, von Zweiflern vergebens bestrittene Erfahrungen weisen mich an, Ihre Frage zu bejahen.«

Der Senator seufzte tief, und stützte das wankende Haupt in die kraftlose Hand. »Hören Sie an,« erwiderte er alsdann: »was mir in den Spätabendstunden des gestrigen Tages begegnet ist. Von den mancherlei Gemüthsbewegungen, die mich erschüttert hatten, wie von quälenden Mißverständnissen in meiner Häuslichkeit ermüdet, war ich in meine Stube gegangen, um zu ruhen und einen erquickenden Schlaf zu thun. Ich las in dem Gebetbuche, das ich Ihrer Fürsorge verdanke, die Lampe brannte dunkel; aus meinen Betrachtungen erwachend, erhebe ich mich, den flackernden Docht zu putzen, — da schaue ich zufällig nach der Thüre, und diese steht halb offen, — und zeigt mir eine Gestalt, die mich erbeben macht, die leichenhafte Gestalt des seligen Birsher in seinem weiten weißen Ueberrocke, den er zuletzt trug, — mit hohlen, starrenden Augen. Ich will rufen, — die Kehle ist mir zugeschnürt. Die Erscheinung öffnet dagegen den schaurigen Mund, und ich vernehme die dumpfen Worte: Du hast mich umgebracht, und willst auch die Tochter tödten? — Nicht nach Amerika! Wehe sonst! — Wie Todtenglocken sausten die Töne in mein Ohr, und im Nu verflimmerte das Gespenst vor meinen angstvollen Blicken. Sein Abschied löste die Bande meiner Zunge. Außer mir stürzte ich in einem Sessel um, rief nach Hülfe; Justine kam, Leute kamen. Die Erscheinung ist von einigen gesehen worden, und spurlos verschwunden. Ich befinde mich im gräßlichsten Seelensturm. Rathen Sie, reichen Sie mir den Anker des Heils!«

Der Doctor combinirte, still vor sich hinschauend, des Senators Aussage mit dem Behaupten der Lainez, und betrachtete diesen Zwischenfall als einen Fingerzeig aus hohen Wolken zur Erreichung des ihm aufgegebenen Zwecks.

»Eine seltsame Begebenheit!« sagte er bedächtig und ernst: »der innigsten Prüfung werth. Es scheint, als ob in der Zukunft Unheil brüte, ... als ob der Geist des Abgeschiedenen, der Ihre Tochter lieb gewonnen hatte, dieselbe zu retten, seinen Wohnort verlassen, ein nothwendiger, warnender Helfer!«

Der Senator nickte stumm mit dem Kopfe. »Was würden Sie an meiner Statt thun, ehrwürdiger Mann?« fragte er.

Der Doctor zuckte die Achseln. »Fragen Sie lieber,« sprach er, »was ich vor jener bedeutungsvollen Erscheinung gethan haben würde. Ich hätte meine Tochter nicht mit dem Amerikaner verlobt. Diese Leute sind Ihnen verderblich. Mit dem Vater zog ein bedauerliches Unheil in Ihre Wohnung. Der Sohn wird nicht viel Besseres bringen. Nennen Sie dieses Vorurtheil. So wie es in der Natur Elemente gibt, die sich ewig Widerpart halten, so verflicht das Schicksal öfters gewisse Menschen in gegenseitige Feindseligkeit, ohne daß sie es ahnen. Wenn wir annehmen, daß mancher Tag, manche Stunde wichtiger ist, als die übrigen,-warum nicht auch ein Menschenloos vor dem andern? Ich hätte Justinen dem jungen Manne nicht versprochen, nicht dieses Einschreiten einer unbekannten Macht herbeigerufen!«

»Ich war so heiter geworden,« versetzte der Senator, »ich sah eine furchtbare Wildniß, die mich entsetzt hatte, plötzlich geebnet. Sie wissen es: wir hatten uns zu offenem und heimlichem Krieg gegen den gefürchteten Gast gerüstet. Statt des Zürnenden, Argwöhnischen erschien jedoch ein Friedensengel, ein Johannes an milder Güte und Vertrauen. Ich konnte ihm die Tochter nicht weigern ... ich mochte es nicht,« setzte Müssinger stockend bei, »um oben den Schatten des Vaters zu versöhnen.«

»Unglücklicher!« sagte der Doctor mißbilligend: »Kaum in den Schooß der wahren Kirche aufgenommen, verkennen Sie deren Wohlthaten? War nicht schon jede Sünde von Ihnen gewichen durch meine Absolution? Bedurften Sie noch eines Sühngedankens, der an heidnischen Irrthum gränzt? Mehr noch, Herr Senator: dieser Vorsatz ist ein Verbrechen gegen die liebende Allmutter unserer gottseligen Herde. Sie werfen durch die Verbindung mit dem Protestanten Ihre Tochter in den Pfuhl der Verdammniß, statt sich Ihrer väterlichen Gewalt zu bedienen, sanft und ernst die Unbekehrte auf den Pfad des Heils zu bringen!«

»Mein Vater! das kann ich nicht,« entgegnete Müssinger entschlossen: »ich bin zum Bekehrer verdorben. Mein Kind wandle seinen Weg unter der Obhut des allbarmherzigen Vaters. Ist es dessen Wille, so wird meine Tochter selig werden — so wird sie zum wahren Hirten gelangen; so Gott will, ohne, wie ich, von einem grausamen Zusammentreffen aller Schrecknisse zu einem Uebertritt gezwungen zu werden, den ich ...«

Er schwieg plötzlich. Der Doctor ergänzte mit strafendem Blicke, »den ich jetzt schon von Herzen bereue. Sprechen Sie es nur aus. Ihre Verhältnisse haben sich ja so gestaltet, daß, was Sie gethan, ganz unnöthig war. Sie bedurften der Lossprechung nicht, weil der Sohn des Todten Ihnen freundlich entgegentrat; Sie bedurften meines Rathes nicht, weil er Ihnen sogar die Gelder schenkte, vor deren Rückzahlung Ihre Oekonomie, vor deren Bewahrung Ihr zartes Gewissen schauderte. Sie bedurften meiner Hülfe gegen den Feind nicht, weil sich dieser selbst in Ihre Hände lieferte. Ihr Uebertritt war zwecklos. Sie wünschten ihn ungeschehen zu machen; beinahe wünschte ich es auch, weil Sie meine Theilnahme und mein Vertrauen auf eine unwürdige Weise mißbraucht haben.«

»Hochwürdiger Herr ...«

»Ich gehe von Ihnen; wohl! Bedenken Sie jedoch, daß, indem ich auf immer von Ihnen scheide, mein Segens- und Lösespruch zu nichte wird. — Sie werden in Ihre Irrthümer, in Ihre Zweifel, in Ihre Gewissensqualen zurückfallen; eine Beute der mahnenden Geisterwelt werden, Ihre Tochter mit Ihnen in's Verderben reißen, und, statt einst mit Clara vereint, himmlische Wonne zu genießen, in Ohnmacht und Pein vergehen, weil Ihr Ohr taub geblieben, — weil Sie die irdischen Stimmen und die Stimmen von Jenseits nicht gehört!«

»Ach! welch' ein Abgrund von Trostlosigkeit und Furcht!« klagte der Senator, den Doctor, der zu gehen Miene machte, zurückhaltend: »Verlassen Sie mich nicht! rathen Sie mir; helfen Sie mir! Mich verläßt der Verstand und Gott, wenn Sie von mir scheiden!«

»Wo bleibt Ihre Entschlossenheit, Herr Senator? Ihr unbiegsamer Charakter?«

»Ich bin nicht mehr Müssinger,« versetzte der Senator tiefgebeugt; »ich kenne mich selbst nicht mehr. Wenn Sie verlangen, will ich, wo möglich, alles zurücknehmen; aber ... der Betrag jener Wechsel, ... wird Georg denselben nicht fordern, wenn aus der Hochzeit nichts wird?«

»Sind denn die Wechsel nicht in Ihren Händen? Ich bevollmächtige Sie, zu beschwören, daß Sie an Birsher, den Vater, das Geld gezahlt. — Sie leisten den Eid mit dem stillschweigenden Sinnesvorbehalt, daß Sie die Nothausflucht auf dem Wege wieder ausgleichen wollen, den ich Ihnen bereits angegeben, und Alles ist in völliger Richtigkeit; Ihr Heil bewahrt.«

Der Senator stand entschlossen aber unzufrieden auf, und entließ mit den Zeichen einer völligen Sinnesänderung den Doctor, an welchem Justine hastig und kalt grüßend vorüber zum Vater ging.

»Verhüten Sie doch Unheil, bester Vater,« sagte sie schnell und mit Thränen des Unmuths in den Augen: »Erklären Sie sich gegen die Mutter. Sie räumt ihre kostbarsten Sachen zusammen, — sie verschließt ihre Schränke, — sie will heute Abend das Haus verlassen. Welch' eine Schande für uns, wenn das geschieht! Reden Sie mit ihr, und ein grausames Mißverständniß wird sich heben!«

Des Senators bleiches Gesicht verwandelte sich in ein zornrothes. Erschrocken und verletzt zugleich eilte er, dem Justine zuredend und ermahnend folgte, dem Gemach seines Weibes zu. Jacobine war gerade beschäftigt, aus Schubfächern und Commoden ihre Kleider, ihre Wäsche zu nehmen, und die ungeheuern Schränke damit anzufüllen, die sie, voll von ihrer Aussteuer einst in's Haus gebracht. Sie zuckte etwas zusammen, als sie den Senator wahrnahm, ließ sich jedoch nicht stören, drehte ihm den Rücken, und kramte, ohne ein Wort zu reden, weiter fort.

Auf die dreimal und immer heftiger wiederholte Frage des Gatten: »Jacobine! Was machst Du da?« antwortete sie endlich, der Anrede überdrüssig, kurz und verächtlich:

»Du siehst's.«

»Du packst ein?«

»Ja.«

»Warum?«

»Ich gehe fort; heute noch.«

»Jacobine! von deinem Ehemanne? aus deinem Hause? von deinem Kinde?«

»Ist Justine ein brav Mädchen, so geht sie mit. Wo nicht, desto schlimmer für sie.«

»Lieblose! Blödsinnige!« donnerte Müssinger, kaum seiner mächtig: »Wiegelst du wieder mein Kind gegen mich auf? Was that ich dir, Besessene? Rede endlich!«

Die Senatorin schwieg in galligem Stumpfsinn. Justine, den bebenden Vater betrachtend, und Alles fürchtend, lief auf die Mutter zu, fasste deren Hände, und bat weich und flehend: »So reden Sie doch, Mutter. Beendigen Sie doch diesen gräulichen Zwist. Justine bittet Sie herzlich darum!«

Die Senatorin schob sie heftig von sich, und trieb ihre Geschäfte weiter. Justine folgte ihr ins andere Zimmer, versuchte noch ein Bittwort, und da auch dieses nicht fruchtete, stellte sie sich der ausweichenden Mutter in den Weg, und sagte mit geschärftem Nachdruck: »Sie werden jetzo dem Aergerniß im Hause auf eine oder die andere Weise ein Ende machen, Mutter. Sie werden es, so wahr ich Justine heiße. Sollen die Dienstleute noch mehr des schändlichen Geredes unter die Leute bringen? Soll mein — der Unschuldigen Wohl unter Ihrer übeln Laune leiden? Geben Sie jetzt noch nicht dem billigen Verlangen meines Herrn Vaters nach, so nenne ich Sie nie mehr meine Mutter!«

»Unglückskind!« zürnte Jacobine: »hätte ich dich nicht geboren!«

»O du Rabenmutter!« rief der Senator, der ihnen gefolgt war, und nun voll Wuth auf Jacobine zuging: »Bist du denn werth, daß dich die Sonne bescheint?« Seine Hand suchte und fand das spanische Rohr am Kamin. Justine hielt ihn mit aller Kraft zurück. Die Senatorin jedoch, ohne die drohende Bewegung zu fürchten, stellte sich ihm trotzig entgegen, und rief herausfordernd: »Nun, so komm' an! Schlage mich todt, wie den alten Birsher, dessen Gespenst schauderlich im Hause herumgeht, und mit dir, dem Schuldigen, alle Unschuldigen quält, daß sie unmöglich ausdauern können!«

Wie Bildsäulen standen der Senator vor dem Donnerworte seines Weibes, — Justine vor dem Erschrecken des Vaters. Er hatte die entsetzliche Entwicklung nicht geahnt. Justine hatte sie geahnt, — aber nicht das Verstummen des Beschuldigten, den ihr Gemüth bisher frei gesprochen. Mit Mühe gewann Müssinger seine Sinne wieder und die Sprache. »Lasse mich mit diesem Weibe, deiner Mutter, allein!« sagte er mit erlöschender Stimme, blaß wie der Tod und winkte dem Mädchen zu gehen.

»O du mein Herrgott!« kreischte das Weib: »Er will mich mißhandeln!«

»Bleibe, tolles Weib!« entgegnete der Senator, und zog sie mit solcher Gewalt in einen Sessel nieder, daß sie plötzlich verstummte, sich nicht mehr regte.

Justine wich nun auf ein zweites Zeichen ihres Vaters der traurigen Scene aus, die sich unter ihren Augen entsponnen hatte. In der Wohnstube kam ihr Georg Birsher entgegen: freundlich, offen, ruhig wie gestern.

»Ich sehe Sie gerne, liebe und gute Miß,« sagte er: »Ihr Anblick ist mir ein Trost vor dem traurigen Geschäfte, das mich erwartet. Die Commissarien des Gerichts werden erscheinen, und mir den Nachlaß des Vaters übergeben. Schenken Sie mir zuvor das Köstlichere: Ihre Gewogenheit.«

»Ich habe nichts gegen Sie, Monsieur,« versetzte Justine, verlegen an der Schürze zupfend: »Was wird aber Ihnen an der Gewogenheit einer Jungfer, wie ich bin, liegen?«

»Viel; weil aus der der Gewogenheit herzlichere Freundschaft werden kann. Sehen Sie, Miß: Als mein Vater sagte: Georg! du wirst heirathen, und das Mädchen nehmen, das ich dir bestimme: ein deutsches wirthliches Mädchen, das mein Correspondent sehr lobt an Eigenschaften und Vermögen! — Da dachte ich bei mir selbst: In Gottesnamen! Der Vater wills; aber ich kann's schon erwarten. — Als ich Europa betrat, und hörte, daß mein Vater gestorben, dachte ich: Sein Verlobungswort lebt zwar noch. Wird es mir jedoch zurückgegeben, ist mirs gleichviel. — Als ich aber hier ankam, in Ihr leuchtendes Auge sah, und tief in Ihr Herz; — da wurde es anders. Seitdem denke ich: es würde ein Unglück für mich sein, wenn ein solches Capital mir entginge. Ohne Umschweife denn, meine werthe Jungfer! Ihr Herr Vater wird mit Ihnen geredet haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, suche eine ehrliche Frau, und wünsche Sie an dieser Stelle. Was antworten Sie hierauf?«

Justine sah auf die Spitzen ihres Aermels, dann fest und sicher in Georgs festes und sicheres Auge, und sprach ohne Umstände: »Was mein Herr Vater will, ist mir, einer gehorsamen Tochter recht. Ich kann Sie, glaube ich, wohl leiden, mein Herr. Ich will mit Ihnen gehen, wenn sie es wünschen; als Ihr Weib und Ihre treueste Freundin.«

Birsher verbeugte sich sehr erfreut, und versetzte: »Wollten Sie mir nicht erlauben, holdselige Braut, einen Kuß auf Ihre Wange drücken, und Ihnen ein Pfand dieser Stunde verehren zu dürfen?«

Justine nickte freundlich, und duldete den verschämten Kuß. Georg zog hierauf einen schlichten goldenen Reif vom Finger, steckte ihn an ihre Hand, und sprach:

»Amerikanisches Gold, ächt und klar wie amerikanische Treue! Der Brautschmuck von brasilianischen Steinen, den mein Vater Ihnen zugedacht, und den ich Ihnen bald überreichen werde dürfen, ist zwar zehnmal schöner als dieser Ring. Ich bilde mir jedoch ein, daß der Ring mehr Werth für Sie haben werde, weil er von mir kömmt, und nicht vom freiwerbendem Vater eines willenlosen Sohnes.«

»Sie charmiren mich durch das artige Präsent!« versicherte Justine lächelnd, und entfernte sich mit dreimaliger Verbeugung, weil die Commisarien sich hören ließen. Im Begriff, dem Vater diese Nachricht zu bringen, begegnete sie ihm, der aus der Mutter Zimmer trat. Er schien gefaßt. Die Senatorin saß, wie die klaffende Thüre sehen ließ, mit gefalteten Händen, stumpf brütend und niedergeschlagen auf einem Stuhle. Justine wünschte dem Vater schüchtern Glück, zur Beruhigung der Mutter.

Die Albernheit hält in ihrem Kopfe offne Bank; sagte der Senator eiskalt und verächtlich: Man muß sie verblüffen, da mit Raison nicht anzukommen ist. Ich habe ihr geschworen, daß ich sie als verrückt ins Irrenhaus bringen lasse, wenn sie noch einen Schwank macht, wie gestern an dem tollen Teufelstage. Du stehst mir dafür, daß sie mittlerweile nicht aus dem Hause geht. Die Verläumder, die ihr solche Schandmücken in das Ohr gesetzt, will ich schon finden, schon züchtigen.

Justine freute sich der Ruhe ihres Vaters. Sie schien ihr ein Bürge seiner Schuldlosigkeit. Sie wollte seine Zufriedenheit erhöhen, und sagte: »Sie werden mich loben, Herr Vater. Justine ist gehorsam und eilig, Ihren Wünschen zu entsprechen. Monsieur Birsher kam vor einer Viertelstunde; er hat mit mir geredet; ich trage seinen Verlobungsring. Hier ist er, lieber Vater!«

Des Senators Gesicht verzog sich düster und unwillig. »Warum diese Eile?« brauste er auf: »Alles zur Unzeit! Das Donnerwetter soll ... Welche Plage mit unbesonnenen Weibern!«

»Mein Vater ...« fragte Justine scheu: »welche Aenderung? sagten Sie nicht gestern?...«

»Heute ist nicht gestern, und gestern war nicht heute!« versetzte Müssinger: »Der Ring muß zurück! Ich wills; ich befehle es dir!«

»Sie befehlen mir Ungerechtigkeiten!« — sagte Justine von kränkender Beschämung gepeinigt: »was müßte Herr Birsher glauben? Ich will nicht als wahnsinnig ausgeschrieen werden! besinnen Sie sich doch, mein Vater!«

»Ihr seid wahnsinnig; du und deine Mutter!« antwortete ihr in der höchsten Aufregung der Senator, und rannte dahin, wo die Commissarien seiner warteten.

Justine schlug staunend die Hände zusammen, fühlte sich an die Stirne, um sich zu überzeugen, daß sie in der That wache und alles Vorige gehört habe. —

»Ich soll nicht fort?« fragte sie sich schmerzhaft! »O nicht doch! fort nach Amerika, wenn das Leben daselbst hundertmal einförmiger wäre, denn hier! Fort! hinaus in die Ferne! hinaus nur aus diesem Hause, in dem sich alles Unheil vereint, um uns sammt und sonders nach und nach um den Verstand zu bringen, wie es uns schon um Herz und Gemüth und Sorglosigkeit und Frieden brachte. Ich wollte ja lieber unter Fremden mein tägliches Brod verdienen, als es unter solcher Seelenangst verzehren zu müssen; ich wollte lieber ... gleich einer Flüchtigen ...«

Sie hielt inne. »Ei, die Lainez!« fuhr sie fort; »wo bleibt die gute Frau, deren Umgang allein jetzo meinen Geist erheitern könnte? Sollte sie, ihrem Pfande zum Trotz, wortbrüchig werden?...«

Sie zog langsam, zögernd und erröthend, das Medaillon der Lainez aus der Tasche, und trat, von jungfräulicher Scheu und Neugierde zugleich befallen, aus dem Vorsälchen der Mutter in einen kleinen Versteck, kaum einen Kreuzstock breit — ein Altänchen nach dem Hofe bildend, auf welchem eine Anzahl von Blumenstöcken an Geländer und Wand hingereiht war; von freierer Luft heimgesucht, und durch ein schirmendes Dach vor Sonnenhitze und Regen beschützt. Dieser Blumenwinkel am äußersten Ende des Hauses, stand mit dem, ebenfalls von Küche, Wohnstube und Gesindzimmer entlegenen Vorsaale der Senatorin vermittelst einer Thüre in Verbindung, in der eine drathvergitterte Glasscheibe angebracht, vor welcher ein Vorhang befestigt war. In der Mitte der Blumentöpfe, auf einem leeren Fleck des Gestells derselben, kauerte sich Justine nieder, und betrachtete, sich zu zerstreuen, und ihrem Vorwitze zu genügen, die Heiligenbilder der Lainez. Der heiligen Pulcheria wurde indessen kaum ein Blick geschenkt; der schöne Sebastian fesselte ihre Aufmerksamkeit. Der Maler hatte in dem kleinen Bilde ein großes Stück geliefert, und der Beschauer wußte nicht, was er vorzüglich daran preisen sollte: die männliche Formenschönheit des Märtyrers, die zu den Sinnen sprach; oder die himmlische Verklärung, die sowohl in seinem Gesichte, als auf seinen Gliedern lag, und jeder Sinnlichkeit wehrte, ... oder den magischen geheimnißvollen Farbenzauber, der aus den Blumen hervorging, die aus den stürzenden Blutstropfen des Heiligen sproßten; oder endlich das herrliche Schauspiel des aufgeschlossenen Himmels, der seine Goldstrahlen um das jugendlich schöne Haupt des Sterbenden legte, — aus dessen Wolkenkranze die heilige Mutter sah, und der Heiland und ihre dienenden Engel!

Justine konnte sich nicht satt sehen an dem lieblichen Meisterwerke, und so oft eine seltsame innere Beklemmung sie zwang, den Blick wegzuwenden, flugs kehrte er zu dem Bilde wieder zurück. Sie stellte es endlich, verschämt und dennoch zu kleinem Frevel versucht, in die Zweige einer jungen, grün und glänzend aufsprossenden Myrthe. Sie dachte sich den Altar hinzu, — nicht den violettbehangenen der Johanniskirche, sondern den roth und weiß geschmückten aus der Johanniterkapelle; die Kerzen und den Weihrauch, von denen die Lainez gesprochen. Das Bild jener heimlichen Messe gesellte sich zu dem ganzen Begriff, und — siehe da! in blühende schmeichelnde Formen gestaltete sich vor dem Mädchen der römische verpönte Gottesdienst, und es dachte bei sich: die Mittagsländer mit ihren heitern Tempeln müßten doch schön sein, wie ihr Kirchendienst fröhlich; glänzend und begeisternd, wie ihre Heiligenbilder zart, rührend und ideal. Da wurde der schweigend überlegenden und prüfenden Jungfrau plötzlich zu Muthe, als sei Herr Georg Birsher an ihre Seite getreten, und frage sie mit seiner ruhigen und männlichen Stimme: »Wozu das alles, liebe Miß? Ich fürchte: was Sie da treiben, sieht einer kleinen Sünde ähnlich auf ein Haar. Lassen Sie den raschbewegten Mittagskindern ihren bunten lustigen Schauspieldienst, und das Heer ihrer Heiligen und Seligen, zu denen man betet. Ihr wandelbarer Geist verlangt einen Blumenflor, auf dem er flattere und wühle, und schaue und genieße wie die Biene; denn der Süden zeugt rasches Blut und glühende Sinne. Bleiben Sie jedoch, gute Miß, in der Bahn des Nordens, des gemüthreichen, lang und beständig Empfindenden, zufrieden mit einem Gotte, mit einem treuen Herzen. Und dieses Herz — bin ich gleich nicht schön wie der pfeildurchbohrte Sebastian, — nicht Theilnahme erregend, wie ein Anderer, der mir gefährlicher wäre, als der todte Heilige — dieses treue Herz finden Sie in mir!«

Justinens Phantasie hatte ihr eine eben so artige Täuschung vorgemacht, daß sie jetzt selbst verwundert aufsah, ob Birsher wirklich zugegen. Nein! er war nicht da. Ihr Auge sank zu Boden, aber ihr Ohr wurde von einem kreischenden Schrei erreicht, von der Stimme. »Das Gespenst!« flüsterte sie erschreckend, und hob mechanisch obgleich schaudernd den Vorhang von dem Thürfensterchen. Der Mutter Zimmer war offen; auf dem Sofa lag Jacobine, wie von Convulsionen durchschauert; über den Vorsaal nach der Ausgangsthüre schlurfte langsam eine weiße Gestalt. Vom Schrecken zu einer heldenmüthigen Entschlossenheit übergehend, sprang Justine aus ihrem Versteck, eilte der schnell sich fortbewegenden Gestalt, die diese Dazwischenkunft nicht vermuthet hatte, um so hastiger nach, faßte auf der Schwelle das fliegende weiße Gewand, und rief ihr wacker zu: »Halt! ergieb dich! du allzeit fertiges Gespenst!«

Dieses Letztere hielt nicht, sondern ließ den Oberrock in den Händen der tapfern Angreiferin; ein Mann entsprang dieser Hülle, ließ Perücke und andern Ballast, der ihm zu beliebiger Ausstopfung gedient hatte, feig im Stich, und floh, da von der großen Treppe sowohl der Senator, als mehrere Domestiken auf Jacobinens Geschrei herbeikamen, eine schmale Wendelstiege hinab, die zum Magazin und Brunnen des Hauses führte. Der Geist rannte hier dem zufällig herankommenden Berndt in die Hände.

»Halt! wer bist du, Deserteur?«

»Laß mich! Bruder Berndt! um Gottes willen!«

»Was? Dort oben schreit man nach Hülfe? und was gilt's? ich habe hier den Dieb! Halte still, und komm' mit.«

»Kennst du mich denn nicht? Parbleu ... sei kein Kind!«

»Eben deshalb, guter Freund! Weil ich kein Kind bin, und weil ich dich kenne, komm' mit. Deine Zwischenträgerei hat mich um den Dienst gebracht; meine Unerbittlichkeit soll dich zu Schanden machen, du Baalssohn!«

So sanftmüthig auch Berndt diese Rede sagte, so derb packten seine Fäuste den Gegner, und trugen ihn beinahe in die Höhe. Justine, Senator und Gesinde empfingen den Ertappten, und führten ihn vor die Senatorin. Nachdem der Senator hierauf die Domestiken entfernt hatte, um ihnen nicht die Vapeurs seiner Frau und die Scham des entlarvten Geistes länger zum Schauspiel zu geben, sagte er zu Jacobine: »Sieh hier das übernatürliche Wesen, das seit gestern unser Haus umzuwälzen sich bemühte, das aus dem Grabe wiederkehrte, um Einspruch in eine Hochzeit zu thun, die ihm mißfiel, und denke daran, daß deine Ungerechtigkeit gegen mich aus eben so nichtiger Quelle fließt.«

»Nothhaft!« rief die Senatorin, plötzlich ihre Krämpfe vergessend, und zornig aufspringend: »Nothhaft! Er niederträchtiger Bursche! Was bedeutet die schändliche Maskerade? Man hätte den Tod davon haben können! Am hellen Tage zu spuken! Den Amerikaner wieder aufleben zu lassen! Meinen armen Kopf zu verwirren! Ich hoffe, daß Herr Senator Müssinger Ihn exemplarisch zur Rechenschaft wird ziehen lassen! Auf dem Rathhause, vor allen Richtern und Volk!«

»Ich hoffe, daß der Herr Senator das unterlassen werden,« entgegnete Nothhaft mit einem giftigen Drohblicke auf denselben. »Was in diesem Hause nur als ein unschuldiger Jokus passirte, könnte am geeigneten Orte zum Ernste werden! und Ihre Beleidigungen, Frau Senatorin, muß ich mir eben so ernstlich verbitten. Ich bin nicht mehr der Commis in Ihrem Hause; ich bin mein eigner Herr, und alle Tage fähig, einen Rathsherrn abzugeben, wie Ihr Herr Liebster.«

»Ach Gott! das Lästermaul!« seufzte die Senatorin weinerlich und aufhetzend: »Ich zittere noch vor Schreck an allen Gliedern, und Er thut, als ob Er Fug und Recht gehabt hätte. Müssinger! wenn du das leidest....«

»Ein Wort, Herr Ex-Principal!« sagte Nothhaft unverschämt, und zog den Senator bei Seite: »wir wollen uns nicht über die Gründe verbreiten, die mich zu der Vermummung bestimmt haben. Ich thue Ihnen damit einen Gefallen, so wie ich den ganzen Plan zu Ihrem Besten allein angelegt habe. Vor der Hand lasse ich Ihnen noch die Wahl, mich als Schwiegersohn anzunehmen, und den Amerikaner aus dem Hause zu weisen, oder versichert zu sein, daß meine schonende Freundschaft für Sie ein Ende erreichen wird.«

»Er ist ein schlechter Mensch!« polterte der Senator hitzig: »was werde ich auf seine elenden Drohungen geben? Packe Er sich aus meinem Hause! Ich habe Nichts mit Ihm gemein. Setze Er sich in seine Heimath hin, und rathe und verkaufe und spucke Er fort so viel als Er will. Ich warne Ihn, sich ferner hier betreten zu lassen. Ich würde sonst meine Anklage bei dem Polizeiaufsichter anbringen müssen, während ich jetzt noch den Scandal, den Er verursachte, mit Schweigen übergehen will.«

Nothhaft schnitt ein grimmig saures Gesicht. »Na!« sagte er trotzig: »ich gehe, Herr Senator. Schreiben Sie das heutige Datum in's Kamin, Wünsche allerseits wohl zu leben. Und Sie, meine beste Jungfer! bittet Sie nicht ein wenig um Pardon für mich, da Sie mich doch eigentlich in die saubere Patsche versetzt hat?«

»Ich freue mich, Monsieur, Ihn ertappt zu haben, während sich Männer vor dem Popanz fürchteten,« versetzte Justine spöttisch: »ich bin nicht vergnügt, daß nun auch die ganze Stadt von Ihm glauben wird, was ich schon längst von Ihm behauptete: daß Er eine bösartige Kröte ist, und damit Punktum.«

»Damit noch nicht Punktum!« erwiderte Nothhaft frech und ergrimmt: »ich werde die Ehre haben, so Gott will, ein Weiteres von mir vernehmen zu lassen. Er aber, Mosje Berndt! Er wahre seine Ohren! Gott befohlen!«

»Du ruchloses Höllenkind!« rief Berndt dem Davoneilenden nach: »der leidige Gott sei bei uns muß wenigstens dein Großvater gewesen sein!«

Der Senator hatte indessen seine Partie genommen. Die alte Energie schien in den Mann zurückgekehrt zu sein. »Keine unnöthige Bethbruderei!« sagte er scharf, aber freundlich zu dem Augenverdreher: »wir müssen vor der Natter auf der Hut sein. Seh' Er nach, daß der Bengel seine Effekten noch in dieser Stunde aus dem Hause schaffe. Dann laufe Er, und zeige Er auf der Börse an, daß Nothhaft nicht mehr in meinen Diensten steht. Lasse Er merken, daß er mit Schimpf und Schande aus dem Hause kömmt. Aber von der Gespenstergeschichte kein Wort. Sonst bleibt's beim Quartalabschied. Unterdessen bedanke ich mich bei Ihm schönstens.«

Berndt eilte, vergnügt über seine gesicherte Existenz, den Befehlen des Principals zu genügen. Der Senator wendete sich zu Justine: »Dir, mein Mädchen, danke ich in's Besondere. Dein Muth hat uns die Augen geöffnet. Der Bursche wußte, mit wem er's zu thun hatte. Zu mir kam er in der melancholischen Nacht, — meiner leichtgläubigen, schreckbaren Frau erschien er am Mittage, — wahrscheinlich, weil das Gespenst am Abend nicht durch die verschlossene Thüre dringen konnte. Auf den Aberglauben der Dienstleute konnte er's bei Tage wie bei Nacht wagen. Allein zu Justine kam er nicht. Er hat das Mädchen mit Recht gefürchtet. Mir bleibt jetzo noch Einiges zu thun. Meine Gegenwart ist im Hause entbehrlich. Ich war bei Eröffnung der Schränke. Man hat sich überzeugt, daß alle Siegel unverletzt geblieben. Ich will ausgehen, Justine! meinen Hut, meinen braunen Rock mit der schmalen Stickerei. Den Mantel, den Degen! Ich muß zum zweiten Bürgermeister gehen. Der Kerl von Nothhaft muß aus der Stadt, ehe die Sonne untergeht, ehe er mir Stänkereien macht: ich fürchte, der Bursche hat tausend Kniffe im Kopfe. — Ich werde auch dem Steuercommissär meinen Besuch machen. Ich werde ihn ernstlich wegen des Geschwätzes seiner Frau bedrohen. Beruhige dich, Jacobine! du sahst, daß der Geist des Verstorbenen ein Posse war. Du wirst einsehen, daß die Commissärin in dem, was sie dir auf dem Ritterhofe vertraute, eine Lüge gesagt hat.«

»Das gebe Gott!« entgegnete die Senatorin phlegmatisch und die Hände in dem Schooß faltend: »ich reiße mich nicht gerne aus meiner Ruhe, und verlasse nicht mit Plaisir dieses Haus. Aber, wenn du in der That ein so schlechter Mensch wärst, wie die Leute sagen....«

»Schweig!« unterbrach sie der Senator finster, denn Justine kam mit Rock, Mantel, Hut und Degen. Während Müssinger sich in den Interimsstaat der Rathsherren warf, kam auch Georg Birsher hinzu. »Ich komme, Ihnen für die Bewahrung meines Eigenthums zu danken,« sagte er zu dem Senator: »welche Gerüchte haben sich jedoch zu meinem Ohr gefunden? Meines Vaters Geist soll sich gezeigt, und sich endlich, von einer muthigen Amazone ergriffen, in einen Ladenschwengel verwandelt haben?«

»Dummes Zeug!« erwiderte der Senator verdrießlich: »das Domestikenvolk hat doch tausend Zungen. Beruhigen sich Ew. Edeln. Es war ein einfältiger Nebenbuhlerstreich.«

»So?« versetzte Birsher lächelnd: »die Bosheit scheiterte sicherlich an Ihrem Ringe, beste Jungfer Braut. Die Wilden meines Vaterlandes beschenken sich mit solchen Talismanen, und vielleicht ist dieser Ring ein solcher. Erlauben Sie, Verehrteste, daß ich Ihren Heldenmuth und Ihre Treue mit diesem Diamantschmucke belohne, der freilich schon Ihr Eigenthum ist. Die Rose von Edelsteinen, die ich ebenfalls in dieses Kästchen gelegt habe, bitte ich, Ihrer Frau Mama, meiner allerwerthesten Schwiegermutter, als ein dürftiges Pfand meiner Ergebenheit zuzustellen.«

Er hielt dem Mädchen freundlich das geöffnete Etui hin, aus welchem ein Meer von Demantenglanz strahlte. Die Senatorin zwinkerte lüstern mit den Augen; Justine, ein weigerndes Compliment machend, las in dem Gesichte des Vaters, dessen Sinnesänderung sie beunruhigte. Der Senator bemerkte ihre Verlegenheit, und fuhr rasch und lebendig dazwischen: »angenommen meine Tochter!« sagte er freundlich und dringend: »alles geht wieder im rechten Gleise! Die Stimmen aus der Unterwelt haben gelogen, und im Uebrigen.... will ich schon fertig werden. Ew. Edeln werden also mein Schwiegersohn!«

Die Senatorin hatte sich der Diamanten bemächtigt, und bekräftigte des Mannes Wort mit einem tiefen verbindlichen Knix. Der Amerikaner umarmte den Senator, küßte der Senatorin beide Hände, der beruhigten Justine beide Wangen und die Stirne.

»Eine Bedingung indessen!« fuhr der Senator zwischen beide Verliebte tretend fort: »ich trage an Sie, bester Sohn und Handelsfreund, eine heilige Schuld ab, indem ich Ihnen meine Liebste gebe. Ich habe jedoch meine Gründe, warum ich die Heirath für's Erste ganz geheim gehalten, und endlich in Bälde und Stille gefeiert wissen will, damit nicht ferner eine Albernheit dazwischen komme. Mein Buchhalter und —« hier seufzte er — »Doctor Leupold schweigen wie beeidigte Männer. Knall und Fall! heute über acht Tage die Copulation in Liebkirchen; und dann, mein Brautpaar, zu Schiffe, und fort, in Gottes Namen! Jetzo aber Gott befohlen!«

»Wenn Justine mein wird,« sagte Georg, »so bedarf ich keines Gepränges, und so wenig ich mir's nehmen lassen werde, zu New-York mit einer hübschen Frau groß zu thun, so wenig dringe ich hier — in der fremden Stadt — auf diese Befriedigung meiner Eitelkeit. In vierzehn Tagen ungefähr geht ein holländisches Schiff, das auf dem Texel liegt, nach Amerika unter Segel. Ich werde an van den Höcken schreiben, daß er dessen Cajüte für uns miethe. Bis dahin sind wir zu Amsterdam und reisefertig. Nicht wahr, Justine?«

Justine nickte stumm aber bewegt mit dem Kopfe. In der Senatorin Gesicht zeigte sich sogar ein flüchtiger Wehmuthsschatten des Gedankens an Justinens Scheiden. Dem Senator gingen die Augen über. Er drückte Allen hastig die Hände, und entfernte sich rasch, seinen Geschäften nachzugehen.

Das Herz wurde ihm leichter: er sah Nothhafts Koffer von den Packknechten nach dem Gasthause schaffen. Sein Herz wurde ihm schwerer: der Doctor begegnete ihm bald hierauf.

»Nun, mein verehrter Herr?« fragte der Jesuit zutraulich und forschend: »Ihr Gesicht trägt das Gepräge eines reuigern Sinns? Gewiß haben Sie Ihren Entschluß gefaßt, und sind mit Ihrem Gewissen auf's Reine gekommen.«

»Das bin ich, hochwürdiger Herr,« sagte der Senator hierauf muthig, und zu der Waffe des Doppelsinnes greifend: »ich werde in Bezug auf meine Tochter thun, was Recht ist.«

»Dafür segne Sie Gott und der Dank Ihres Kindes!« erwiderte der Doctor mit Salbung, und verließ den ungeduldig Fortschreitenden. Während dieser zum Bürgermeister wanderte, um bei demselben gegen Nothhaft zu procediren, und hierauf den Steuercommissär aufsuchte, ihm zu sagen, daß dessen Weib sich unterstanden, gegen seine Ehefrau schändliche Injurien und Calumnien über ihn an den Tag zu legen, — und dem Commissär zu drohen, im Wiederholungsfalle seine geschärfte Klage vor den Gerichten anzubringen, — während dessen traf der Doctor Leupold sehr zufrieden mit Superior und dem Schiffscapitän auf der Mailbahn am Schwanenmarkte zusammen. Der Capitän war in seiner Uniform, der Superior als Quäcker gekleidet. Die Anhänger dieser Secte waren dazumal selten zu schauen, und von dem Volke sehr geehrt, weil die sonderbare Einfachheit des Aeußeren Vieles von dem Innern hoffen ließ. Der Lakonismus dieser Leute, die Gewohnheit derselben, den Hut auf dem Kopfe zu behalten, ihre schmucklose Kleidung und ihr schulmeisterlicher Gang sagten dem Superior als Larve vorzüglich zu, um darunter Tonsur und Priesterschaft zu verbergen. So zufrieden der Doctor zu den Herren trat, so unzufrieden waren diese gegenseitig, wie Leupold bemerkte. Der Superior blickte sehr vornehm und niederschmetternd vor sich hin. Der Capitän sah verdrüßlich aus, und ungeduldig mit dem Stocke in dem Sand stochernd, rief er den nahenden Doctor an, sagend: »Sehr recht, mein würdiger Herr, daß Sie kommen. Der sehr geehrte Herr und Freund zu meiner Seite hat mich auf's Korn genommen, und will mir den Spiegel sammt Mast und Korb und Raaen mit einer Ladung zerschmettern. Helfen Sie mir auf. Bezeugen Sie, daß ich der ehrlichste niederländische Schiffscapitän bin, der jemals die See befuhr. Ist es wahr, daß ich schmutzige Procente von meiner Fracht nehme? Ist es wahr, daß ich Seelen-Verkäuferei und Negerspedition nebenbei betreibe, und somit meine Fracht an Qualität und Quantität in Gefahr setze und schmälere?«

»Ich habe keine Beweise dafür,« versetzte der Doctor: »die Correspondenten melden bisweilen dergleichen, mein guter Herr Tormerpick, und wenn der sehr ehrwürdige Herr an Eurer Seite dasselbe behauptet, so muß er wohl genauer unterrichtet sein!«

»Den Donner auch!« sagte Tormerpick mit galligem Ausdruck: »Es sollen mich hunderttausend Tonnen voll Teufel regieren, wenn es wahr ist; so wahr ich Jahn Tormerpick heiße und mein Vater, der wackerste Steuermann, von einem Hai gefressen wurde; Gott habe ihn selig. Wahr ist's, daß die Verläumdung am besten Rufe am eifrigsten nagt, und ich will gar nicht läugnen, daß darauf hin meiner Redlichkeit mancher unpassende Antrag gemacht wurde. Wie ich ihn aber stets zurückgewiesen habe? Bei allen Signalen: dort läuft just einer, der mir gestern Abends in der Schenke eine dito Eröffnung machte!«

Der Kapitän deutete auf Nothhaft, der in der Ferne quer über die Straße ging. Der Doctor lächelte, an seine Unterredung mit dem Menschen gedenkend. Der Capitän nahm's für ein ungläubiges Lächeln, und betheuerte seine Aussage mit einem seemännischen Kraftworte.

»Es waren ihrer zwei beisammen,« sagte er ausführlicher: »der Mensch dort — wie er mir sagte: ein Ladenschwengel aus einem vornehmen Hause allhier; und ein Anderer, ein Hamburger Ellenreiter, der von seinem Principal weggejagt worden sein mußte, so abgerissen und liederlich sah er aus. Die Burschen tranken Bier und schwatzten von Hamburg, von dem Lotto, ... weiß Gott! wovon? Endlich schlief der Hamburger, der am Meisten geschrieen hatte, ein, und der Andere kam auf mich zu, und erzählte mir von einem jungen englischen Rindfleischesser, dessen er gern gerathen möchte, wenn ich demselben eine Kommißbrodpfarrei zu Batavia verschaffen wollte. Nun wissen Sie wohl, meine geehrten Herren, daß man für einen achtzehnjährigen englischen Burschen, der noch obendrein von guter Familie sein soll, einen ordentlichen Batzen Handgeld bekömmt, und daß mancher Capitän im Dienste unserer hochmögenden Herren eingeschlagen haben würde, — wäre es nur aus Tück und Tort gegen die Hallunken von England, und weil sogar die Transportkosten bezahlt werden sollten; — aber Capitän Tormerpick hat den Werber derb heimgeschickt, daß er nicht mehr anfragen soll!«

»Armer James!« dachte der Doctor bei sich, der nun den Zusammenhang begriff; dann setzte er laut bei: »ich möchte Euch wahrhaftig nicht rathen, Capitän, in den Handel einzugehen. Ich kenne den bezeichneten Jüngling und prophezeie Euch schlechte Folgen, wenn Ihr Euch an demselben vergreifen solltet.«

Der Capitän machte ein sehr langes und albernes Gesicht; der Superior setzte mit einem sehr finstern hinzu: »Ueberhaupt, Capitän, gebe ich Euch noch die Weisung in den Kauf, in Zukunft Eure Taxe, Zoll-Listen und Spesen billig einzurichten. Die Gesellschaft möchte ansonst leicht dazu bewogen werden, unter den holländischen Capitänen einen Stellvertreter für Euch zu erwählen. Quod notandum!«

Tormerpick führte sich mit verschiedenen Gemeinplätzen und oberflächlichen Bereitswilligkeits-Versicherungen ab. Der Superior sandte ihm noch einige Anmerkungen nach, und sagte alsdann zu dem Doctor: »Pater Münzner! ich bin nicht sehr mit Ihnen zufrieden. Sie sehen dem Schiffs- und Speditoren-Volk nicht genugsam auf die Finger. Sie schaden dadurch den Benefizdividenden unserer Gesellschaft; sind auch zu nachsichtig gegen mangelhafte Zahler, sind auch zu freigebig gegen Arme. Ihr Almosenbuch, das ich heute durchblätterte, strotzt von Ausgaben aus Ihrer Cassa. Das geht nicht. Almosengeben mit billigem Maaß und Ziel ist nützlich; es empfiehlt; es bindet. Die diesem Zwecke entsprechende Quelle muß jedoch aus den Taschen christlicher Wohlthäter in den Sack der Armuth geleitet werden; nicht aus dem Vorrathe der Gesellschaft, die nur verstattet, größere Summen herzuleihen, welche doppelten und dreifachen Zins zu tragen versprechen. Ich glaube, wir thun ohnehin schon genug an der Menschheit. Nebenbei, mein lieber Pater, verschwenden Sie Ihre Freigebigkeit an Unwürdige. Was soll zum Beispiel die namhafte Unterstützung bedeuten, die Sie einem Comödianten zugewendet haben? In der That, — wäre mir Ihr reiner Sittenwandel nicht bekannt, ich würde vermuthen, der Comödiant sei im Besitze eines hübschen Weibes.«

Der Doctor, seinen Verdruß bezwingend, erzählte sein Zusammentreffen mit Litzach. Der Superior beruhigte sich. »Ein Zögling der Gesellschaft?« sagte er alsdann: »das ist etwas Anderes. Das war ein Ehrenpunkt. Was soll aber mit dem liederlichen Subjecte werden? Es darf nicht faullenzen. Man muß ihm Beschäftigung geben. War er ein guter Akteur, so muß er in zwanzig Kleider passen. Ich werde darauf denken. Nun aber ein Weiteres, mein Bruder und Freund im Herrn. Sie sind einer großer Lauheit im Bekehrungsgeschäfte angeklagt worden. Sie wollen nur diejenigen, wie ich höre, in den Bund der Kirche aufnehmen, an welchen Ihr Gemüth einigen Antheil nimmt. Sie haben verschiedene Bekehrungen der Lainez getadelt, stehen sich überhaupt mit der artigen Wittib nicht zum Besten. Nehmen Sie sich in Acht. Die Lainez hat sich bitter beschwert. Sie wissen, was die Person bei dem Provinzial gilt; Sie stellen sich einer empfindlichen Demüthigung blos. Der Lainez darf Nichts geschehen; weder von Ihnen, noch von dem jungen White, der sie quasi verächtlich behandelt. Es ist freilich, in Betreff des Provinzials, gut, daß der junge Mensch sie nicht liebt, allein hassen soll er sie eben so wenig. — Kein Wort der Erwiderung, Pater Münzner. Wir sind völlig über obige Punkte aufgeklärt worden, und es sollte uns leid thun, Ihrer in unserem Berichte nach Rom ungünstig erwähnen zu müssen. Den Provinzial ... hunc tu amice caveto! wie der Heide sagt. Satis von obigem Gegenstande. Ein Weiteres. Wie steht es mit dem Senator?«

»Wohl;« versicherte der Doctor mit freierer Brust: »Die projektirte Heirath wird in sich selbst zerfallen. Ein seltsamer Gespensterglaube hat sich in's Mittel geschlagen, um —«

»Gleichviel;« schaltete der Superior ein: »jedes Mittel taugt. Für's Erste, natürlicher Weise, lehrt die Klugheit, alle Umstände so zufällig als möglich zu combiniren; hilft aber der Alltagsgang zu nichts, dann mögen spanische Fliegen angewendet werden. Ich habe der Lainez die Instruction gegeben, in dem Hause des Senators alle Minen anzuzünden, um das sonderbare Gänschen von Tochter zu stimmen. Ich habe, im Namen der Gesellschaft, eine wahre Passion auf ihr Vermögen.«

»Zu Ihrem Troste darf ich Ihnen also sagen,« — versetzte der Doctor, über des Vorgesetzten heißhungrigen Geiz seufzend, »daß Justinens Vater mir sein Wort gegeben, daß der Amerikaner nicht sein Schwiegersohn werden soll.«

»Quod sufficit. Indessen geht die Zeit hin, und die Lainez wird schon das Uebrige thun.«

Während Beide nun hingingen, völlig überzeugt, der Senator folge ihren Eingebungen unbedingt, fertigte dieser einen Brief nach Liebkirchen an den Prediger ab, um die Hochzeit geheimnißvoll vorzubereiten. Nothhaft schien von der Erde verschwunden, und das Schweigen über die Heirathssache wurde vortrefflich bewahrt. Die Senatorin, welche befürchtete, um der Geistergeschichte willen ausgelacht zu werden, sah ihre Muhmen nicht bei sich. Die Männer beobachteten das Geheimniß unverbrüchlich. Justinens Zunge, — sie konnte wohl sonst verschweigen — brach zuerst das Siegel. Mit der Lainez, die in dem Hause eingezogen war, auf ihrem Zimmer arbeitend, und über die Geisterhistorie lachend, sagte sie im Uebermuthe ihrer neu erwachenden Zufriedenheit: »Mit der Entlarvung des Spucks kam Alles wieder in's Geleise, und diese Wäsche, an welcher wir arbeiten, meine Beste, ist mein Brautzeug. Ich werde Herrn Birshers Frau. —«

Die Lainez erschrak; faßte sich, und erfuhr nach ein Paar gleichgültigen Fragen auch das Nähere aus dem Munde der Braut.