Zweiter Abschnitt.
Die Unglücksprophetin. — Das Bild in der Kapsel. — Gewitter im Brautstande. — Der Magister. — Morgenbesuch bei der Braut. — Trauliche und böse Stunde. — Angst des Senators. — Er und seine bösen Engel. — Das schreckliche Billet. — Todesschrecken; übereiltes Versprechen; listige Hülfe. — Seelenverkauf. — Birsher und Nothhaft. — Hiobsposten. — Die Predigt mit Donner und Blitz. — Schande und Arrest. — Wundergleiche Rettung. — Die Lainez erscheint. — Der Thurm von St. Paul. — Hoffnung durch den Freund. — Der Balsamhändler. — Zehn Uhr.
Das Leben im Hause des Senators hatte sich anders und besser gestaltet. In den Familienvater war die Spannung und Kraft zurückgekehrt, die auf einen bestimmten Zweck hin arbeitete: auf das Glück seines Kindes, auf seine eigene Beruhigung zugleich. — Die Senatorin schien in die ehemalige Lebensweise zurückgetreten; apathisch wie vordem, allein der begonnenen Feindseligkeit gegen den Ehegatten entrathend. Justine war zufrieden. Sie begriff, daß Georg Birsher, wenn sie ihn auch nicht mit jener Leidenschaft liebte, welche das Ziel jugendlichen Sehnens ist, nicht ermangeln würde, ihre billigen Ansprüche auf eheliches Glück zu erfüllen, und daß er geeignet sei, mit seinem besonnenen, ruhigen und klaren Wesen Hand in Hand mit ihr, der starken, nicht an Schwärmerei noch Idealen hängenden Jungfrau zu gehen. Ein Gedanke trug noch Vieles zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit bei. Sie fühlte in ihrem Innern, daß sie sich als Opfer für irgend eine Ungerechtigkeit, die ihr Vater an dem alten Birsher begangen, hinzugeben habe; sie fühlte, daß der Senator mit Verlangen ihrer Verbindung entgegensah; er hatte von einer heiligen Schuld gesprochen, und sie war stolz darauf, die Zahlerin derselben zu sein. Die Besuche, die ihr Herr Georg Tag für Tag zweimal abstattete, machten sie immer mehr und mehr mit den edeln Eigenschaften bekannt, deren sich sein Herz rühmen konnte, und wenn gleich Schüchternheit und Convenienz ihr verboten, dem Verlobten die volle Achtung zu zeigen, die sein Benehmen ihr abzwang, so entschädigte sie sich dafür in ihren Gesprächen mit der Lainez, die gutmüthig und freundlich dem Lobe zuhörte, das die Braut dem Bräutigam spendete, und ihr eine Theilnahme zeigte, welche die Mutter nicht äußerte, weil sie dieselbe nicht empfand. Unbemerkt nahmen indessen die Unterredungen eine andere Wendung. Die Lainez, obgleich die Verbindung mit dem Amerikaner höchlich billigend, stimmte allgemach das Lob des ungebundenen fessellosen Lebens an.
»Glauben Sie nicht,« sagte sie einst, da Justine sich mißbilligend dagegen ausgesprochen hatte, »daß ich den mindesten Zweifel wider den Beruf hege, den der gute Herr Birsher verspürt, Ihr Mann zu werden. Ich halte ihn für einen rechtschaffenen Mann; für denjenigen, der das Glück zu schätzen weiß, das ihm in Ihnen zu Theil wird. Aber, — beste Mademoiselle, — erlauben Sie, daß meine Erfahrung Sie nicht ungewarnt lasse. Ich lebte in einer glücklichen Ehe, geliebt von einem jungen, schönen, mit Rang und Ehre begabten Manne; ich wurde von ihm auf den Händen getragen; aber dennoch fühlte ich oft recht schmerzlich den Verlust meiner Freiheit. Die Gattin, der Gewalt des Mannes unterworfen, darf keinen Schritt mehr nach ihrem Kopfe thun; denn die Männer haben die Gesetze gemacht. Die Frau bleibt vor den Augen der Welt nichts mehr und nichts weniger als eine ledige Zugabe des Gatten, der sie mit seiner Ehre bekleidet; eine trügende Sonne, die ihre Strahlen von dem Gestirne, woran sie geknüpft ist, entlehnt, und untergehen muß, sobald der Herrscherstern verlischt, oder ... was nicht selten geschieht, — eine abweichende Bahn zu beschreiben für gut findet. Unvermählt, gibt Jugend und Schönheit uns einen Rang, auf welchen oft Fürstinnen neidisch herniedersehen; verheirathet, legen wir den Scepter der Reize nieder, um die Sklavin eines — wenn auch geliebten — Herrn, unsrer Wirthschaft, unserer Kinder, unsers Rufs zu werden, und in Dunkelheit ein Leben zu enden, das oft so reizend, so vielversprechend begann.«
»Ei, gute Frau, welche Reden?« sagte Justine verwundert und empfindlich: »Ihre Gedanken fliegen hoch. Ihre Prophezeihung soll aber an mir zu Schanden werden. Halten Sie mich für das schwache Geschöpf, das sich unterjochen lassen, oder Herrn Birsher für den Mann, der solche Erniedrigung begehren würde? Wenn, — verzeihen Sie mir, — der Capitän Lainez, gewohnt, anderthalbhundert Menschen mit Sack und Pack nach seinem Wort zu leiten, diese militärische Tyrannei in sein Hauswesen übertrug, — so machen's die Herren vom Degen nicht anders. Ich soll jedoch die Associée eines friedlichen Kaufmanns werden, die Gefährtin seines Glücks, nicht die Magd seiner Bequemlichkeit, und, wenn die Wagschale einer gewissen Herrschaft auf eine Seite schwanken sollte, so müßte es die meinige sein; darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«
Die Lainez lächelte, zuckte die Achseln. »Wir werden ja sehen!« sagte sie einsylbig. — Justinen genügte dieses nicht.
»Sie sollen die Sache nicht unentschieden lassen,« sagte sie lebhaft: — »Sie müssen sich mir gefangen geben, oder mich gefangen nehmen. Mein Charakter ist leicht zu erkennen, zu ergründen. Glauben Sie etwa, er passe, trotz seiner Gewohnheit, Alles durchzusetzen, unter das Joch, dessen Sie erwähnten?« —
»Fürchten Sie sich vor einem härtern, unerträglichern,« entgegnete Lainez hastig: »Sie gehen mit der Unbefangenheit, — ich möchte sagen, — Unbesonnenheit einer zuversichtlichen Jugend einem Bunde entgegen, zu welchem, wie Sie es auch läugnen wollen, das Herz, die Neigung, Sie nicht zieht. Sie werden blindlings die Frau eines Mannes, der Ihnen nicht mißfällt, den Sie aber auch nicht lieben. Diese Leidenschaft bleibt jedoch nicht aus. Wehe Ihnen, wenn in Ihr beschränktes, einförmiges Leben einst der Mann tritt, der Ihre Gefühle mit Siegergewalt an sich reißt; der es versteht, Sie, die Unbewachte, zu bezwingen. Hätten Sie auch die Obergewalt in Ihrem Hause errungen — vor dem Fremdling müßten Sie dieselbe niederlegen!«
Justine sah, bis unter die Haare erröthend, die Lainez starr und verwundert an: verzog dann spöttisch den Mund, und erwiderte: »Sie sprechen Dinge aus, woran meine Seele bis jetzt noch nicht gedacht. Sollten auch diese zu Ihren Erfahrungen gehören? Sorgen Sie nicht für mich: die Ehre ist der Harnisch, der mich gegen den Versucher wappnen soll.« —
Die Wittwe verstand sehr wohl die rauhe Antwort; sie erhob sich schnell und gekränkt von ihrem Stuhle, schob die Arbeit von sich, und trat an's Fenster, Justinen stumm und beleidigt den Rücken kehrend.
Das Mädchen bemerkte, schnell bereuend, den Eindruck, den seine Worte gemacht. Es näherte sich — den Vorwurf fühlend, einen unglücklichen Gast gekränkt zu haben, — der Französin. Zaudernd überlegte Justine, wie sie wohl die Verletzte anzureden habe; — da gewahrte sie, an dem Stuhle der Lainez niederblickend, ein Papier, das der Aufstehenden entfallen war. Sie hob es auf, trat zu der Wittwe, und sagte ihr freundlichernst: »Hegen Sie keinen Groll gegen mich. Ich bedenke nicht lange, was ich sagen will. Es that mir aber leid, Ihnen so unsanft geantwortet zu haben. Vergeben Sie, und nehmen Sie ihren Platz wieder, wie dieses Papier, das Sie verloren.«
»Sie sind ein heftiges, liebes Kind,« entgegnete die Lainez, und wendete die Augen voll Thränen der Reuigen zu: »Wer wollte Ihnen nicht vergeben?« Sie umarmte dabei Justine, und drückte, zum ersten Male, Küsse auf die Stirne, die Augen und den Mund des Mädchens, die wie Flammen brannten, und Flammen auf Justinens Antlitz riefen. Dann fuhr die Französin, ruhig werdend, zu der Errötheten fort: »es ist möglich, meine liebliche Freundin, daß ich mich, von Besorgniß für Ihr Wohl ergriffen, mancher Ausdrücke bedient habe, die Sie auf den Argwohn führen konnten: es sei mir darum zu thun, Ihren Geist, Ihr Herz in Unruhe zu versetzen, und gewissermaßen den Versucher selbst zu spielen. Verbannen Sie dieses Mißtrauen! Glauben Sie an meine harmlose Zuneigung. Dieses Papier, das Sie mir reichen, das mir entfiel, führt den Beweis für mich. Es ruht seit vorgestern in meiner Tasche, und ich zeigte es Ihnen nicht, um Ihre Ruhe zu erschüttern. Jetzt aber, da der Zufall es in Ihre Hände gegeben, da ich nun weiß, wie fest Ihre Entschlüsse stehen, mögen Sie es eröffnen, und sich von meiner Diskretion überzeugen.«
Justine that neugierig und gespannt, wie ihr die Lainez hieß. Bekannte Schriftzüge. Sie las dieselben. Ihre Hand zitterte, aber ihr Auge, verrätherischer vielleicht, als ihre Hand, wich nicht von der Schrift, bis sie zu Ende war. James, der aus Justinens Nähe verwiesene James schrieb:
»Wie auch immer Ihre Gesinnung, Madame, sich gegen mich entschieden, — ich sende Ihnen diese Zeilen: Saatkörner, die auf ein wirthliches Feld fallen mögen, wenn Gott es will. Sie leben, wie ich höre, bei Ihr! Sie wohnen in dem Paradiese, aus dem mich leichte Schuld und eine allzustrenge Tugend verbannt hat! Sie athmen die Himmelsluft, und ich erstickenden Nebel, der mein Glück mit dem Trauerflor eines ewigen Scheidens bedeckt. Wollen Sie, die Reiche im Schooß der Seligkeit, dem Armen in dem Gefühle der Verzweiflung einen kühlenden Tropfen versagen, daß seine brennende Lippe sich labe? eine einzige Wohlthat, die Ihnen nur ein Wort der Fürsprache vor dem Throne der Gnade kostet? Madame, Sie retten mich vom zeitlichen, wie vom ewigen Tode, wenn Sie mir mit einer Sylbe sagen, daß Sie mir vergiebt!«
Justine legte das Blatt auf den Tisch, zog ihr Schnupftuch hervor, und ging schnell in das Cabinet. Nach einigen Augenblicken kehrte sie wieder; sie hatte geweint, aber die Thräne getrocknet; ihre Wange war blaß, aber ihr Gang sicher. Sie sagte zu der Lainez: »Nehmen Sie diesen Brief wieder zu sich; und erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie hart und grausam handelten, indem Sie mir den Brief nicht mittheilten. Was besorgten Sie für mich? Meine Brust ist ruhig, völlig ruhig; ich versichere es Ihnen. Aber das Gehirn des jungen Schwärmers, der von seiner trügerischen Gelassenheit völlig Abschied genommen zu haben scheint, ... welche Marter hat er vielleicht in den Paar Tagen ausgestanden — eine Antwort ersehnend, und keine erhaltend? Schreiben Sie ihm, gewissenhafte Frau. Sagen Sie ihm, daß ich versöhnlich bin: unter der Bedingung, daß er vernünftig sei, und ferner rechtschaffen handle. —«
»Sie sind ein Engel!« erwiderte die Lainez mit vielem Aufwand von Affekt: »ich wagte nicht, hier Fürsprecherin zu sein, und nun ... ja wahrlich: mein Brief wird Balsam für den Armen sein. Gut indessen, daß er, — wie die Sachen abgeredet sind, — nicht erfahren kann, daß, und wie bald schon Sie sich vermählen. Welch ein Sturm auf seine heftigen Gefühle! Vernimmt er die Nachricht, nachdem sich bereits Alles begeben, wird er sie leichter tragen. Denn was einmal geschehen ...«
»Ich verstehe Sie nicht,« unterbrach sie Justine, die Augen starr auf die Arbeit geheftet: »Sie reden wieder in Räthseln.«
»Ei, Mademoiselle,« versicherte die Lainez lustig: »Ihr Scharfsinn und Ihre Weiblichkeit wären mir ein Räthsel, wenn Sie nicht errathen hätten, daß der junge Mann sterblich in Sie verliebt ist.«
»Madame Lainez!«
»Mademoiselle Müssinger! Sie werden abermals heftig und ungerecht. Ich will lieber schweigen.«
»Was halten Sie von Monsieur White?« fragte Justine, nach einer langen Pause; »Sie kennen ihn, glaube ich, genauer.«
»Wie Elias seine Versorger in der Wüste. Er war mein Wohlthäter; kam und ging, je nachdem sein Pflegevater meiner Armuth gedachte.«
»Diesen Pflegevater,« nahm Justine schnell das Wort auf: »diesen Pflegevater — Sie kennen ihn?«
»Ich habe ihn nie gesehen.«
»Er war neulich ein Gast meines Vaters; der Doctor mit der großen Perücke war's.«
»So? hätte ich das gewußt! Und der edle Mann, der doch meinen Namen hörte, verrieth sich gegen mich mit keine Sylbe....!«
»Das war sehr männlich und gut. Ich gäbe jedoch etwas darum, könnte ich von dem Doctor etwas Näheres erfahren.«
»Welche Theilnahme! Wenn Sie es wünschen, so soll Herr White uns morgen schon die nächste Auskunft geben.«
»Welch' ein Gedanke! Monsieur White wäre der Letzte, den ich zu diesem Zwecke auffordern würde.«
»Ihre Gründe?«
»Mein Geheimniß.«
»Ich bescheide mich. Wenn Sie jedoch an der Bereitwilligkeit des jungen Herrn zweifeln sollten, so bürge ich Ihnen, diesem Brief zufolge, dafür. Aus diesen Zeilen spricht viel Hingebung. Ich bin überzeugt — Ihnen zu Gefallen — würde er sich den Pfeilen einer amerikanischen Horde mit so vielem Muthe aussetzen, als der heilige Sebastian es that, um den Himmel zu gewinnen.«
»Welch' ein Gleichniß! Madame: Ihre Scherze sind stumpfe Pfeile.«
»Eine Braut findet Alles langweilig. Uebrigens, meine gute Dame, werde ich wohl meinen armen Sebastian und die wunderschöne verlassene Pulcheria nimmer zu sehen bekommen? Finden Sie Geschmack daran, meine Bilder zu behalten?«
»Warum nicht gar?« versetzte Justine ein bischen verlegen: »ich muß gestehen, daß ich das Medaillon gänzlich vergessen habe.«
»Geben Sie es mir zurück.«
Justine suchte verlegen in den Taschen. »Ich habe den Schlüssel zu meinem Schranke verlegt. Ich werde ihn holen.«
Die Lainez lächelte. »Recht, meine Liebe,« sagte sie: »bringen Sie nur zugleich das Bild mit. Ich will Ihnen sagen, wo es sich befindet. Sie haben es zwischen Myrthen aufgestellt, und ihm ein liebliches Tempelchen hergerichtet; traulich, ungestört, denn Mama und Papa lieben die Blumen nicht sonderlich, und der Wärterin dieser Sommertöchter ist es unverwehrt, dort im sichern Versteck ihren stillen Gottesdienst zu halten.«
»Abscheulich!« rief Justine: »bin ich eine Götzendienerin? Auf der Stelle sollen Sie das Bild haben, das ich in der That an jenem Platze vergessen habe.« — Sie eilte rasch davon, und brachte, etwas verdrießlich und gereizt das Medaillon.
»Hier, Madame, haben Sie Ihr Pfand zurück.«
Die Lainez nahm es gleichmüthig, und ging damit zu einem Kästchen, das ihre Papiere, und einige aus dem Sturme ihrer Verhältnisse gerettete Angedenken einer bessern Zeit enthielt, und öffnete es. Während sie ein Futteral hervorholte, in welches sie das Medaillon verschloß, und dasselbe in die Chatouille niederlegte, sagte sie scherzend: »Es ist gleichwohl besser gewesen, daß dieses Bild unter jenen Myrthensträuchern und nicht an Ihrem Busen vergessen wurde, Mademoiselle.«
»Wie so?«
»Hm! es soll eine Eigenschaft besitzen, die ...«
»Und welche?«
»Die alle diejenigen, welche das Bild tragen, zwingt, katholisch zu werden, oder es zu bleiben.«
»Welche Posse!«
»In der Kapsel liegt eine Reliquie des heiligen Kreuzes. Diese mag das Wunder wohl bewerkstelligen. Aber die Wirkung soll unläugbar sein. Darum wird es,« setzte die Lainez ernsthafter hinzu, »besser sein, wenn ich das Zauberbild nicht mehr am Halse trage. Es möchte sonst aus meiner Bekehrung zu Liebkirchen nichts werden.«
»Sie sprechen etwas leichtfertig von der Wohlthat, wozu ich Ihnen verhelfen will, meine Schutzbefohlene. Um Sie von dem Aberglauben, wovon Sie sprachen, zu heilen, wollte ich wohl dieses Bild auf meiner Brust tragen, so lange Sie es begehren, ohne von dem thörichten Schwindel ergriffen zu werden, dessen Sie erwähnten.«
»Es käme auf die Probe an,« sagte die Lainez leichtsinnig: »hier ist das Bild;« sie nahm es aus dem Kästchen: sammt der geweihten Kapsel. »Getrauen Sie sich, das übermüthige Wort zu bewähren?«
»Geben Sie her!« erwiderte Justine eben so leichtsinnig und trotzig: »ich verspreche Ihnen sogar, nicht einmal die Kapsel zu öffnen, und die Wunderkraft der Reliquie, wie die Neugierde zumal zu besiegen: ein doppelter Triumph, der Sie von meiner Ausdauer überzeugen soll!«
»Recht so, meine kleine Heldin!« rief die Lainez, und hing dem Mädchen das Bild um den Hals. »So reizend sich nun wohl dieses rabenschwarze Sammetband auf dem prachtvollen Nacken ausnimmt,« setzte die Schmeichlerin scherzend hinzu, »so wollen wir das Medaillon sammt Band doch sorgfältig unter dem Schleiertuche des Mieders verstecken. Mama könnte neugierig und ungehalten werden — erführe Sie den Scherz!«
Justine gab ihr Recht und ließ die Wittwe gewähren. Der bald darauf eintretende Bräutigam unterbrach das fernere Gespräch über obigen Gegenstand.
Die Lainez, um die Unterhaltung der Brautleute nicht zu stören, ging aus, und nach und nach versammelten sich der Senator und seine Frau in Justinens Stube. Die Mama belobte die feine Arbeit der Französin, die Geschicklichkeit, mit welcher dieselbe die Spitzengarnitur angebracht; der Vater pries die stille Anspruchslosigkeit der neuen Hausgenossin; Georg schüttelte jedoch den Kopf und sagte: »Die Unglückliche, Heimatlose verdient mein Mitleid und meine Achtung. Mir ist es jedoch angenehmer, daß sie nach Berlin zieht, während ich und Justine nach Amerika ziehn. Französische Nachbarschaft thut weder der Deutschen noch dem Engländer in die Länge gut. Mich freut es indessen, bei dieser Gelegenheit die Herzensgüte meiner tugendsamen Braut kennen gelernt zu haben. Wer sich so freundlich einer Fremden, Hülfsbedürftigen anzuschließen versteht, wird den Verwandten nimmer fremd werden, den Gatten stets lieben, die Kinder stets sorglich pflegen. Ich billige es auch sehr, daß Sie, Herr und Frau Senatorin, diesem Hang zum Wohlthun keinen Zwang entgegensetzten.«
»Sie ist das einz'ge Kind;« sagte der Senator lächelnd.
»Sie thut immer, was sie will;« fügte Jacobine langweilig hinzu: »wir sind es schon an ihr gewöhnt, und es wäre nicht mit ihr auszukommen gewesen, hätten wir nicht die Landstreicherin, von der Niemand das Geringste weiß, im Hause geduldet. Freilich hat die Syndikussin sie empfohlen, wie das Töchterchen sagt; aber ihr Köpfchen hatte der Empfehlung nicht bedurft.«
Die Senatorin schwieg, von der langen Rede erschöpft, und alle schwiegen mit ihr. Justine grollte über die ihr zugefügte Beschämung; der Senator über die geringe Lebensart seiner Frau; Georg überlegte, und sinnend ruhte sein Auge auf Justinen.
»Sind Sie so herrschsüchtig?« fragte er plötzlich, und legte seine Hand auf Justinens arbeitende Rechte: »spricht Ihre Mutter wahr?«
»Monsieur....« stammelte Justine, nach einer Antwort suchend.
»O gewiß,« fuhr Georg offenherzig fort: »gewiß scherzte Ihre Mutter nur. In diesen Augen, in diesem Gesicht, das nur Ruhe und Festigkeit ausdrückt, suche ich vergebens nach Trotz und Eigensinn. Nachgiebigkeit und Sanftmuth schmücken ja die Frau. Durch diese Eigenschaften regiert sie den Mann, und erhält ihre Reize.«
»Sie predigen frühzeitig, mein Herr!« versetzte Justine, ihn scharf von der Seite anblickend.
»Man verständigt sich nie früh genug;« sagte er hierauf ohne Heftigkeit: »es ist besser, sich zuvor zu kennen. Unser Brautstand ist kurz: wir können ihm nicht vertrauen. Wir sind riskirende Kaufleute, schließen einen Handel auf Treu und Glauben, ohne Assekuranz. Sein Sie daher offenherzig, wie ich, meine Liebe. Despotismus in der Ehe werde ich nicht tragen, der Launen Knecht nicht sein. Ich biete Ihnen keine Eisenketten. Wollen Sie mich damit binden? Sagen Sie mir's, damit wir Beide unser Glück und unsere Freiheit retten.«
»Sie führen seltsame Discurse, worauf ich nicht antworten kann;« antwortete Justine sehr spitzig, erhob sich und verließ mit ihrer Arbeit das Zimmer.
Georg sah die Zurückbleibenden verdüstert und fragend an. Die Eltern schlugen beschämt die Augen nieder. »Sehen Sie, mein Werthester,« begann der Senator sich räuspernd: »das Frauenzimmer ist hier zu Lande der Galanterien, die von den Wälschen kommen, mehr gewöhnt, als der amerikanischen Freimüthigkeit. Ich möchte Ew. Edeln nicht das Consilium geben, auf dem durchgreifenden Tone zu beharren, sintemalen das Kind noch in der Welt so fremd und unerfahren ...«
»Ich merke wohl, wo es hier fehlt;« sagte Birsher lächelnd: »es thut jedoch nichts, wenn nur das Herz gesund und gutgeartet ist. Sie wird sich an meiner Fassung, an meiner Aufrichtigkeit ein Beispiel nehmen, und alsdann die Härten mildern, die ihr noch aus der früheren Jugend ankleben. Könnte ich das Gegentheil voraussehen, so würde ich es, so weh mir es thäte, vorziehen, Ihnen, Herr Senator, Ihr Wort zurückzugeben.«
Der Senator erschrak: »Ew. Edeln scherzen wohl;« sagte er, von dem Gewissen angeregt.
»J nu;« entgegnete Georg lächelnd: »wer weiß, ob Justine mir das Meinige nicht zurückzugeben gedenkt. Das arme Kind ging sehr böse von hier, und scheint eine hartnäckige Feindin zu sein, wenn sie den Krieg erklärte.«
Der Senator war verlegen. Die Senatorin versetzte jedoch sehr ruhig und treffend: »Sorgen Sie nicht, geehrter Herr Schwiegersohn. Justine ging nicht, ohne das Brautmieder, woran sie arbeitet, mit sich zu nehmen. Mit diesem beschäftigt, ist's den Mädchen mit dem Groll nicht Ernst.«
»Sie beruhigen mich, geehrteste Frau,« entgegnete Birsher: »ich hoffe wieder, will aber, da ich das Scharwenzeln um die Jungfern nicht leiden kann, auf morgen die Versöhnung verschieben.«
Ein Weibel des Raths erschien, und überbrachte dem Senator die Weisung, am folgenden Tage Punkt neun Uhr auf dem Rathhause zu erscheinen.
»Ist denn morgen eine außerordentliche Sitzung?« fragte Müssinger verwundert; »warum eine Stunde früher, als sonst?«
»Der wohlehrsame und weise Herr Senator sollen zuvor vor Sr. Magnificenz dem amtirenden Herr Bürgermeister privatim vernommen werden,« lautete die Antwort des abgehenden Rathsboten. Der Senator schwieg sinnend und staunend; die Senatorin wurde bald bleich, bald roth, und sah ihren Mann scheu von der Seite an. Georg sah sich hier überflüssig, und empfahl sich, nicht minder gedankenvoll.
Er begab sich nach seinem Gasthofe zurück. Die Reden der Senatorin, das Betragen der Braut hatten auf den geraden Mann einen gefährlichen Eindruck gemacht. Das Ideal häuslicher Glückseligkeit, das er sich in einsamen Stunden entworfen, das er an Justinens Seite zu finden gehofft, schien ihm plötzlich eben nur Ideal zu sein und zu bleiben. So manche schielende Bemerkung, die er aus dem Munde der Gastwirthin über Justine sowohl, als das Hauswesen des Senators überhaupt vernommen und bis jetzt überhört, gewann mit einem Male Gewicht und Bedeutung. Ein schmeichelnder Traum, der seine Sinne und sein Urtheil umzogen, fiel stückweis vor ihm, der zu erwachen vermeinte, zusammen. In großen Mißmuth versunken, betrat er sein Zimmer, und suchte an seinem Fenster, das die Aussicht auf die vom Abendstrahl beleuchtete unferne Mailbahn mit ihren Spaziergängern gewährte, Unterhaltung, Zerstreuung. Ein leises Klopfen an der Thüre erregte seine Aufmerksamkeit, zog sie von der Aussicht ab. Auf sein »Herein!« kam demüthig grüßend und gebückt, ein ältlicher Mann mit kummervollen Zügen, in schwarzen Kleidern, mit einem schüchternen: »Guten Abend, mein Herr!« in das Zimmer.
Georg hatte nicht so bald den unbekannten Besuch mit dem Blicke gemessen, als er auch in ihm einen jener reducirten Schullehrer oder grau gewordenen vacirenden Candidaten zu sehen glaubte, die dazumal häufig von Stadt zu Stadt wanderten, ein ärmlich Stück Brod suchten, und sowohl auf den Kanzleien, bei Pfarrern und Gutsbesitzern, als auch in Gasthäusern bei wohlhabenden Fremden ein Viaticum zu erbetteln pflegten. Der Amerikaner, dem ähnliche Figuren bereits in Deutschland vorgekommen waren, griff mitleidig in die Westentasche. Der Fremde verstand diese Geberde, und eine versagende Bewegung seines Kopfes und seiner Hand verrieth dem Freigebigen, daß es hier auf seine Geldwohlthat nicht abgesehen sei. Er ließ daher die milde Hand sinken, und fragte artig und zuvorkommend, was denn wohl zu den Diensten des Schwarzgekleideten stehe. Der Mann richtete sich besser empor, trat näher, und fragte mit einer sehr weichen Stimme entgegen, ob er die Ehre habe, mit Herrn Georg Birsher von New-York zu sprechen.
»Ich bin's, Herr. Ihr Anliegen?...«
»Ist lediglich ein Anliegen, das sich an Ihre Großmuth richtet. Ich frage nicht nach Ihrem Gelde, mein Herr; ich erkundige mich nur nach Ihrem Herzen.«
Birsher staunte, und wies dem Fremden einen Sessel. Der Mann setzte sich und fuhr fort: »Man hat Sie als einen wackern, streng rechtlichen Herrn geschildert, der wenig Worte zu machen, aber desto mehr zu handeln pflegt. Da habe ich den Muth gefaßt, Sie auf die Probe zu stellen.«
»Sonderbar! wie so?«
»Ich befand mich gestern zu Liebkirchen; wohne eigentlich zu Faldern, und habe den Herrn Pfarrer und Inspektor in ersterem Orte besucht. Se. Ehrwürden, die gerne lustig und guter Dinge sind, und einen frohen Schmaus so sehr liebend, als es sich mit Ihrer Würde verträgt, sagten zu mir: Magister, wenn Sie sich bene thun wollen, — so kommen Sie nächsten Dienstag. Es giebt hier eine Copulation, die sich fideliter endigen wird. Der Bräutigam ist reich, der Brautvater nicht minder, und lustig obendrein. Ein splendides Carmen von Ihrer Hand würde seinen Zweck nicht verfehlen, und Ihnen silberne Früchte und Wein und Kuchen nach Herzenslust eintragen. — Sie wissen vielleicht, mein Herr, daß wir stellenlose Magister unser Zeitliches sauer und schmal zu verdienen haben, und daher Hochzeiter und Kindtaufen nachziehen, wo sich solche auch begeben. Ich freute mich daher und fragte nach den Namen des verehrtesten Brautpaars, damit ich solche in dem Epithalam gebührender Weise einfließen lassen möchte. Da nannte mir der ehrwürdige Herr Inspektor die Namen: Herr Georg Birsher, Kauf-und Handelsmann aus New-York, und die tugendbelobte Jungfer Justine Müssingerin, des Kaufherrn und Senators eheliche Tochter allhier. Ich stutzte zwar, verbarg jedoch dem Herrn Pfarrer mein Erstaunen, habe mich indessen eiligst auf den Weg gemacht, um, Verehrtester, aus Ihrem Munde zu hören, ob sich wirklich die Sache also verhalte.« —
»Der Herr Pfarrer, auch Inspektor, ist ein Schwätzer; Herr Magister. Er sollte nicht plaudern. Da Sie jedoch einmal unterrichtet sind, so mag ich's nicht läugnen, unter der Bedingung, daß Sie verschwiegener sind, und ein recht fröhliches Hochzeitlied liefern. Sie sollen dann zufrieden sein.«
»Zufrieden?« sagte der Magister, indem er seufzend und mit gefurchter Stirne aufstand: »wie kann ich lächeln, da ich traurig bin? heißt es in irgend einem Psalm. Zu dieser Copulation kann ich kein Hochzeitcarmen fertigen.« —
»So? Und warum nicht, wenn's beliebt?«
»Ich will lieber ein Leichengedicht machen, und einen Sarg bestellen. —«
»Herr! Sie sind ohne Zweifel im Kopfe nicht gesund.«
»Doch; doch, Verehrtester. Allein ein Mensch, der mir nahe angehört, steht am Rande des Wahnsinns, am Rande des Grabes; und er taumelt hinein, sobald der Inspektor zu Ihrer Trauung läuten läßt. —«
Dem Bräutigam wurde immer unheimlicher zu Muthe. Er starrte den seltsamen Magister an, rieb sich die Hände, — faßte sich nun gewaltsam, und versetzte: »erklären Sie sich, Herr. Ich bin kein Kind, sondern ein Mann, mit dem sich das ernsteste Wort deutlich und ohne Umschweif reden läßt. Von welchem Menschen sprechen Sie, und welchen Bezug hat meine Ehe auf denselben?«
»So hören Sie. Mein ehemaliger Zögling, der junge hoffnungsvolle Mann, ein Engländer von Geburt, — ein Baronet — unglücklich, aber brav — liebt — liebt Dero Jungfer Braut.«
»So? das thut mir leid um meines Landsmanns willen. Er lasse sich indessen die Thorheit vergehen. Wo nicht Ansprüche sind, gilt die einseitige Leidenschaft nichts.«
»Keine Ansprüche? Ach, er hat die gültigsten; denn Jungfer Justine hat ihm ihr Herz geschenkt. —«
»Herr!« fuhr Georg auf.
»Er war ihr Lehrer; Amor mischte sich in's Spiel. Ein Verständniß erwuchs. Der Vater schlug es nieder. Daher ohne Zweifel das Geheimniß, worein er diese Hochzeit verschleiern will. —«
»Wahrlich; ich besinne mich, von einem jungen Engländer gehört zu haben — aber — Justinens Unbefangenheit....«
»Ihre Neigung unterwarf sich dem strengen Willen des Herrn Senators. Es ist aber nur Asche über die Glut gedeckt. In der letzten Zusammenkunft der jungen Leute ...«
»Zusammenkünfte? Schöne Entdeckungen!«
»Sollte Abschied genommen werden; aber Jungfer Justine wollte nichts davon wissen. Sie ermuthigte meinen James, ihr binnen einer gewissen Zeit nach Amerika zu folgen.«
»Wahrhaftig?«
»Dieser Vorschlag war der eines heftigen unbesonnenen Mädchens. Mein Zögling verwarf ihn. Glaubst du, sagte er, daß ich einen Landsmann, einen wackern Herrn, wie Herr Birsher ist, hintergehen möchte? — Lieber sterbe ich, hier zurückbleibend, vor Gram.« —
»Sieh doch! Der Landsmann hat mehr Ehrgefühl, als die Jungfer Braut.«
»Die Jungfer bereute auch alsbald, und weinte, und letzte sich mit dem Freunde. Ich wußte von Allem nichts. Der Jüngling hatte mir Alles verschwiegen. Seine Liebe hatte ich jedoch gemerkt. Darum kam ich zur Stadt, zu erfahren, ob er wohl wisse, was sich zu Liebkirchen begeben sollte. Da gestand er mir Alles, und weinte und verzweifelte, und ich fürchte: er thut sich ein Leides.« —
»Nein, nein! das soll der Landsmann nicht. Was wollten Sie aber eigentlich bei mir?«
»Ich komme ohne Vorwissen meines James. Ich wollte Ihnen Alles entdecken, und Ihre Großmuth fragen, ob sie es über sich gewinnen kann, zwei Menschen unglücklich zu machen, die sich lieben? ein kaltes Herz an sich zu binden?«
»Wahrlich! das will und werde ich nicht. Eine heuchelnde Gattin, die sich nach einem fernen Freunde sehnt? Nimmermehr. Einen Nebenbuhler der sich eine Kugel vor den Kopf schießt, und meine Frau zur Grube welken macht? Gott behüte mich vor solchem Verdruß und Jammer!« —
»Gott lohne Ihnen diesen Entschluß!« — rief der Magister gefühlvoll, und führte ihn an das Fenster: »sehen Sie auf jener Bank den blassen jungen Mann, der tiefsinnig vor sich nieder sieht? Er ahnt nicht, daß hier von ihm geredet wird, aber das tiefe Weh, das seine Brust empfindet, läßt ihn auch Alles um ihn her vergessen. Das ist James. Ueber sein Leben haben Sie nun zu entscheiden.« —
»Ein ansprechendes Gesicht!« versetzte Georg, mitleidig herniederblickend: »wenn ich nun aber Ihrer Zuversicht auf meine Rechtlichkeit entspreche, und dem Glück, das ich geträumt, entsage? was wird es dem jungen Unbemittelten nützen? der Senator wird nicht zu bewegen sein.«
»Was wäre der ausdauernden Liebe unmöglich?« fragte der Magister: »sie bändigt Löwenbrut; warum nicht ein zur glücklichen Stunde überraschtes Vaterherz?«
»Ei, Herr Magister! Sie scheinen die Liebe studirt zu haben!« sagte Georg Birsher gedankenvoll lächelnd: »Ihre Beredsamkeit überzeugt jedoch den soliden Geschäftsmann nicht. Wo ist die Caution für Ihre Aussage? Sie sind der Magister..«
»Liebhold aus Faldern.«
»Ganz recht. Ihr Zögling ist in meine Braut verliebt. Woher der Beweis, daß ihn meine Braut wieder liebt? Frage ich gerade und offen wie ein Mann, so erröthet sie wohl, und läugnet nachher, des Vaters Zorn fürchtend, in den sie sich gehorsam gefügt. Der Vater wird mir, rede ich mit ihm, die Sache als eine jugendliche Thorheit schildern, und ich führe mißtrauisch, aber dennoch beim Wort gehalten, einen trügerischen Handel aus. Von der andern Seite kann aber Alles nur Trug sein. Man hat schon eine gewisse Comödie auf meine und eines Verstorbenen Rechnung versucht. Wer weiß, ob Sie, Herr Magister, nicht ein Fuchs sind, der mich irre leiten soll? der Urheber eines neuen Possenspiels, mir Lust und Neigung zur Ehre zu rauben?«
Der Magister bückte sich ergebenst. — »Ich habe wie ein Mensch zum Menschen gesprochen,« sagte er mit dem Ausdruck tiefer Resignation: — »mein Stand erlaubt mir nicht, öffentlich als Ehestörer aufzutreten. Ich hätte die Rache des Senators zu fürchten, und bin ein alter Mann, der den Rest seiner Jahre in Frieden zuzubringen wünscht. Meine Worte sind Ihnen vielleicht verdächtig. Ein gültigerer Zeuge ist wohl das Bildniß des Geliebten, das Jungfer Justine behielt, das sie, wie mir James vertraut, noch auf ihrer Brust trägt, das sie geschworen hat, auch ferner zu tragen, so oft ...«
Es wurde dem Amerikaner heiß vor der Stirne. Er sprang auf, unterbrach den Redner heftig. »Sein Bildniß!« rief er: »Gott verzeihe mir die Sünde! bald wäre mir ein unbescheidenes Wort entschlüpft! O ja, Herr Magister! das ist ein unverwerflicher Zeuge; ich werde ihn an's Licht ziehen! ich werde sehen ... und ... finde ich's so, wie ich jetzo beinahe fürchte ... Sie sollen von mir hören. Gehen Sie aber jetzo, mein Herr, denn ich bin etwas aus dem Gleichmuth getreten, der zu einer comfortablen Conversation gehört. Auf Wiedersehen ... wann und wo Sie wollen!«
Er schob, ohne viele Umstände zu machen, den komplimentirenden Magister zur Thüre hinaus, und verriegelte diese hinter ihm. Ein stummer, aber heftig grollender Sturm bewegte seine sonst so ruhige Brust, und er mußte, zum Erstenmale in seinem Leben, sich bittere Gewalt anthun, um den Sturm zu beschwören. Er sah an diesem Abende keinen Menschen mehr, und suchte vergebens den wohlthätigen Schlaf. Der Morgen fand ihn jedoch wieder gelassener. Er machte sich Vorwürfe, seine Ruhe vergessen zu haben. Eine stille ahnungsvolle Wehmuth stellte sich bei ihm ein, während sein der Ungewißheit und dem Zögern feindlicher Charakter ihn ermahnte, den quälenden Verdacht, den marternden Zweifel, gegen baare unverfälschte Münze umzusetzen. Er warf sich in die Kleider, er verließ das Haus, er suchte des Senators Wohnung auf, zu einer Zeit, die für einen Besuch nicht die gewöhnlichste war, denn die Glocke auf dem Rathhause hatte kaum halb zehn Uhr geviertelt.
Er fand Justine allein, in einem reizenden Hausgewande. Die Braut, erröthend vor der unerwarteten Ueberraschung, hatte kaum die Zeit, einen Blick in den Spiegel und ein seidenes Flortuch um den Busen zu werfen, der noch von keiner Schnürbrust beengt war. Ihre Locken fielen natürlich, unfrisirt um das Haupt. Das anliegende Gewand, günstiger als die steife Visitenrobe, zeigte die schönsten Formen. Die Flor-Enveloppe verhüllte nur schwach die schönen Arme, und schöner als je malte die Wange der Verlobten die Zufriedenheit, sich ohne künstlichen Schmuck, dem schmeichelarmen Spiegel gegenüber, schön zu wissen. Birshers Herz klopfte unruhig und sehnsuchtsvoll bei ihrem Anblicke; er hatte seine Vorsätze durcheinander geworfen. Streng wollte er sein und kalt, und wurde milder und wärmer als je. Justinens Gesicht sprach Sieg, aber auch zugleich die zarte Hoffnung, die Sanftmuth einer milden Siegerin. Justine hätte dem frühen waglichen Besucher gezürnt, wäre sie sich nicht des gestrigen Unrechts bewußt gewesen. Sein wehmuthsvolles Antlitz, nur leicht von Rosenschimmer überstrahlt, schien ihr die Leiden zu bekennen, die ihre Härte in ihm erzeugt. Sein frühes hastiges Erscheinen schmeichelte ihrem eiteln Stolze. So empfing sie ihn doppelt zauberisch; triumphirend und beschämt; vergebend und reuig; hoffärtig, also geliebt zu sein, und geneigt, liebend zu umfangen. Verlegen antwortete ihr Mund den verlegenen Entschuldigungen des Bräutigams. Sie schien seinen Muth tadeln zu wollen, und bekannte fast, daß er ein Recht dazu habe. Noch nie hatte sie den Gedanken an das innigere Verhältniß von Verlobten so lebhaft aufgefaßt. Noch nie war ihr dieser Vorhimmel das glückliche Mittelding zwischen Fremd- und zu Bekanntsein, klar geworden; und indem ihre Lippe lächelnd zürnte, verlobte sich erst und wurde erst bräutlich ihr Herz. Birsher hing, wohlthuend erregt, an ihren Augen, die lebendiger glänzten als die Diamanten des Brautschmucks, der vor ihr auf dem Tische stand; in dessen Beschauung der Bräutigam die Braut gestört hatte.
»Ich hatte nicht gehofft, Sie mit diesem Gegenstande beschäftigt zu finden,« sagte der junge Mann leichter athmend: »Sie äußerten gestern unverdienten Groll gegen mich.«
»Sind Sie überzeugt, daß er unverdient gewesen,« — erwiderte Justine gefällig, und näherer Erläuterung feind, — »so war er von meiner Seite ungerecht. Trauen Sie mir zu, daß ich es eingesehen, und sind Sie nun zufriedener?«
Birsher küßte entzückt ihre Fingerspitzen, und in den Hintergrund seiner Erinnerung waren Argwohn und Vorsatz zurückgetreten. »Dieser Empfang bürgt mir für mein künftig Glück,« sagte er freudig: »so zarte Versöhnung macht lüstern nach der veranlassenden Zwietracht. Hoffen auch Sie, beste Jungfer, mit mir glücklich zu werden?«
»Ich hoffe es,« antwortete Justine freundlich, und reichte ihm ungeziert die weiche Hand: »nun aber keine Zweifelsfrage mehr. Ich glaube, daß vernünftige Leute sich in den Vortagen ihrer Ehe anders zu benehmen haben, als die Amanten in den Romanen gewöhnlich zu thun pflegen. Das Schäferleben und das Seufzen der Doris, und Corydons Klagen sind mir nicht angenehm, und Ihnen ebenfalls nicht sehr, mein werther Monsieur. Wir wollen uns demnach fein gescheit benehmen, und den Anstand wahren. Erlauben Sie daher, daß ich Sie ersuche, einstweilen die Bilder an den Wänden zu betrachten, bis ich Ihnen in geschickterer Kleidung aufzuwarten die Ehre haben werde. —«
Die Listige wollte wie ein glatter Aal entschlüpfen. Birsher hielt sie sanft auf. »Neidische Braut!« sagte er: »Sie wollen mir den schönsten Anblick rauben, dessen sich meine Augen jemals rühmen konnten? Thun Sie es nicht. Ich bin kein langweilig girrender Corydon und suchte nicht eine seufzende Doris, aber ich liebe das Ungezwungene trotz den Schäfern Arkadiens. Der steife Haarputz, die umfangreichen Damastkleider, die martervollen Corsetts, welche Ihnen die Mode aufzwingt, sind eben so viele Beleidigungen der Natur, die Ihnen ihre schönsten und seltensten Gaben nicht verweigert hat. Gewähren Sie daher Ihrem treuesten Freunde ein ferneres trauliches Beisammensein mit Ihnen, der Ungeschmückten, aber desto Reizendern!«
»Das schickt sich nicht!« hieß die Antwort der Widerstrebenden. Birsher ließ ihre Hand nicht los, und bat: »So lassen Sie mich wenigstens die erste Hand an Ihren Schmuck legen. Vergönnen Sie, daß ich Sie ersuche, heute mir zu Liebe diese Halskette, gleichsam zur Probe zu tragen. Erlauben Sie, daß ich selbst diesen schönen Nacken damit schmücken darf?«
»Ei, welche Zumuthung!« versetzte Justine, und wickelte sich schamhaft in die Enveloppe. Birsher drang noch mehr auf die Erfüllung seiner Bitte, und der gesetzte Mann bat diesmal so sanft, so dringend, so freundlich, daß es dem Mädchen vorkam, als müsse es dem liebenden Freunde nachgeben. Sittsam die Enveloppe um einen Zoll vom Kinn sinken lassend, neigte sie das Köpfchen, schloß erröthend die Augen, und lispelte: »Sie sind ein arger Schalk, werther Herr! indessen, damit Sie mir nicht böse werden.... meinetwegen!« —
Georg ergriff freudig die blitzende Kette. Die blinzelnde Justine sah mit Entzücken, wie seine Hand zitterte, da sie das Schloß öffnete: schon berührte das kalte Gold, der eisige Diamant ihren zarten Hals. Das Flortuch sank tiefer, und ein staunendes »Ha!« entfuhr Birshers Lippen.
»Was ist? Was haben Sie?«
»Sie tragen bereits einen Schmuck, dessen Stelle ich beneide!«
»Wie so?«
Birsher zeigte auf das schwarze Sammetband, das sich aus dem verhüllenden Tuche gestohlen. Justinens Wange wurde Purpur.
»Lassen Sie den Schatz sehen, der sich solchen Vorzugs freuen darf ...«
»Mein Gott! nein!«
»Warum denn nicht?«
»Ich ... ich darf nicht ...«
Birsher heftete einen starren verdüsterten Blick auf Justine. Sie gewahrte es; aber — wie ein Blitz fuhr's durch ihr Herz: dem strengen Protestanten durfte sie, selbst im Scherze, das katholische Heiligenbild auf ihrer Brust nicht zeigen. Sie sträubte sich entschieden gegen sein Verlangen, es zu sehen. Er begehrte es freundlich, dann ernstlicher, dann mit kalter Bestimmtheit. »Nimmermehr!« rief sie: »Monsieur trauen mir zu, daß sich nichts Böses in diesem Medaillon befindet; aber ich bestehe nun einmal auf meinem Geheimniß!«
Mit diesen Worten reißt sie das Band von ihrem Halse, um es in ihrer Tasche zu verbergen. Das Medaillon fällt von dem Bande, stürzt zu Boden. Die Kapsel springt. Justinens unsichere Hand erfaßt diese. Georg rafft das Bild auf, betrachtet es, ehe Justine es verhindern kann, mit bitterm Lachen und giebt es dann der Trägerin zurück. »Ich gratulire zu dem geliebtern Freunde!« sagte er, und Justine glaubt vor Scham und Bestürzung in die Erde zu sinken: das Bild ist James in der vollen Blüthe seiner Jugend: sprechend ähnlich; herrlich gemalt. Sie verstummt, das ungeheure Mißgeschick nicht begreifend. Der Amerikaner sagt aber mit zitterndem Tone zu ihr: »So ist es denn wahr, Jungfer Justine? ich war der Betrogene? sollte der Betrogene bleiben? Armes Geschöpf! ich bemitleide Sie!«
Ohne noch ein Wort hinzuzufügen, verließ er Justine, die — ebenfalls ohne ein Wort der Entschuldigung beizusetzen, ihm sprachlos und beklommen nachstarrte. Indem er eilig und außer sich dahin schoß, begegnete ihm — zu seinem Entsetzen — der Mensch, den er gestern gesehen, den das Bild vorstellte.
»Sind Sie ein Engländer?« fragte er hastig, den Jüngling bei der Brust fassend.
»Ja, Herr.«
»Heißen James?«
»James White.«
»Sie lieben meine Braut, Justine Müssinger?«
»Mein Gott! was soll das heißen? woher wissen Sie?«
»Ihr Pflegvater hat mir Alles entdeckt.«
»Wie? Doctor Leupold?«
»Derselbe. Sie werden geliebt!«
»Mein Herr!«
»Sie trägt Ihr Bild auf der Brust ...«
»Ach, mein Herr! Sie sind ein Engel, wenn Sie ...«
»Stille. Warum ließen Sie mich im Dunkeln tappen? damit ich schmerzlicher erwachen mußte? das war Unrecht von Ihnen. Brav jedoch, daß Sie nicht nach Amerika folgen wollten. Darum renne ich Ihnen auch nicht den Degen durch den Leib. Sein Sie glücklich! Ich sage mich von ihr los!«
Er ließ den Staunenden, Bebenden stehen, und eilte, seine aufwallende Wehmuth zu unterdrücken, weiter. Unfern vom Rathhause stieß er auf den Senator, der, schwankend und blaß wie ein Geist, einherkam. Kaum rückte er vor demselben den Hut, und stürzte davon, sich in sein Zimmer zu verschließen. Der Senator sah ihm verwundert, aufgebracht, niedergeschlagen nach; setzte dann seinen Weg nach Hause fort, und kam sehr verdrüßlich daselbst an. Frau und Tochter saßen still beisammen. Jacobine kämmte ihr Hündchen; Justine saß an seiner Arbeit, und that dennoch nichts. Der Senator warf sich seufzend in einen Stuhl.
»Der Satan ist los!« sagte er: »Wenn ich mich aus dem Unglück losreiße, das mich jetzo niederschlägt, so will's etwas heißen. Mein Ruf, mein Amt, meine Würde stehen auf dem Spiele!«
»Mein Gott!« sagten die Weiber; die Senatorin rückte weit ab von dem Senator; Justine rückte ihm dagegen näher.
»Ihr wißt,« fuhr der Senator mit gedämpfter Stimme fort, »daß ich auf's Rathhaus beschieden wurde. Der Bürgermeister hat mich förmlich verhört. Ich denke, mein Kopf macht Bankerott, als er vom Lotto anhebt, und behauptet, ich hätte neulich das große Loos in dem Hamburger Glücksspiele gewonnen. Auf die Verschwiegenheit meines Correspondenten bauend, leugne ich Stein und Bein. Da wird er ernsthaft, nennt mir, als wäre er ein Hexenmeister, den Tag der Ziehung, die Nummer, die ich gespielt, den Gewinnstbetrag und die Prämie, den Kaufmann, der meine Angelegenheit besorgt, und endigt damit, mir frei zu erklären, ein Comptoirdiener jenes Mannes, der in Unfrieden von ihm gegangen, habe eine Collekturliste hieher gebracht, und dieselbe hin und wieder indiskret zur Schau gelegt. Mein Name sei von ihm genannt, der Senat stutzig geworden. Ich sei mit dem bestehenden Verbote bekannt, müsse mich diskulpiren, oder gewärtig sein, daß man Rechtens gegen mich verfahre. Der Angeber sei schon abgereist, die vidimirte Collekturliste liege aber vor; ich müsse erklären, woher mir damals das viele Geld gekommen, und die Erbschaft nachweisen, die ich dazumal vorgeschützt. Er, der Bürgermeister, könne mir nicht helfen, und müsse mir noch überdies bemerken, daß diverse Gerüchte über mich und mein Haus neuerdings in Schwung gekommen, die dem ganzen Corpori Senatus nachtheilig werden könnten. Vor Allem wolle er mich aufmerksam machen, daß der Pastor Lammer öffentlich über meine Saumseligkeit, die Kirche zu besuchen, lästere, und daß es von der äußersten Nothwendigkeit sei, hierüber den Menschen den Mund zu stopfen, worauf man allerdings im Uebrigen gelinder und gnädiger untersuchen wolle, um keinen Anstoß zu geben. Hierauf entläßt mich Se. Magnificenz sehr kalt und sehr unwillig, indem sie mir noch aufgiebt, binnen vier Wochen die Beweise beizubringen, wie es sich mit jenem Gelde verhalte. Da habt ihr mein Elend, ihr Weiber! mir ist's ein Trost gewesen, es in eurem Busen niederzulegen, aber ich wünsche, daß es darinnen, und ein Geheimniß bleibe.«
»Das versteht sich,« sagte die Senatorin, die wieder zutraulicher geworden war; »die Bürgermeisterei hat sich im Geringsten nicht um die Art und Weise zu bekümmern, wie man zu Gelde kommt. Der saubere Bürgermeister sollte selber gar nicht den Großen spielen. Man weiß sich noch sehr wohl zu erinnern, wie er — ein armer Schlucker — zu den Schweden ging, um zu marketendern. Dann kam er an die Heulieferung, dann an die Spitalverwaltung, und endlich als reicher Mann hieher zurück. Wenn man seinem Reichthum nachfragen wollte ... pfui!«
»O des unnöthigen, vergeblichen Geschwätzes!« versetzte der Senator ungeduldig. »Bei dem Allen,« fügte er bei, »ist es nothwendig, daß ich auf Mittel denke, das Gewitter abzuwenden. Ich bedarf des Raths.... und wer soll mir rathen?...«
»Du nimmst von mir den besten Rath nicht an,« sagte die Senatorin gähnend; »darum gehe ich. Weißt du dich jedoch nicht aus der Fatalität zu wickeln, und sie wollen dich nicht mehr im Rathe haben, so lasse ich mich scheiden. Ich muß Frau Senatorin heißen bis ans Ende. Der Titel ist ohnehin der einzige Gewinn, den ich aus der Ehe mit dir gezogen habe.«
»Abscheuliches Weib!« murmelte der Senator der Abgehenden zwischen den Zähnen nach: »Rathe du mir, Justine. Mit wem soll ich mich bereden? wen beschicken? der Augenblick drängt. Ich will mich dem Buchhalter nicht anvertrauen: der Mann ist zu streng und ... nun heraus damit! zu ehrlich mit einem Worte. Berndt ist eine philadelphische Schlafmütze. Wünschte ich mir doch fast wieder den vermaledeiten Nothhaft herbei! Er war ein geriebener Kniffespinner. — Aber wie wäre es, wenn dein Bräutigam ...? er ist die gute Stunde selbst, und gäbe vielleicht in aller Unschuld einen Ausweg an die Hand? was fehlt dir denn, Mädchen? du bist ja weiß wie eine Sternblume? hast nasse Augen? was hat's gegeben?«
Justine läugnete. Der Senator besann sich nun, Birsher gesehen und sich über dessen Unhöflichkeit geärgert zu haben. »Ich verstehe,« rief er: »ein verliebter Zwist! Deine Hartnäckigkeit wird dir noch böses Spiel machen, Justine! was den Bräutigam betrifft: der ist gut zu lenken, — aber ... der Ehemann ist ein ganz anderer Herr. Zu viel Sonnenschein in dem Brautstand: finstre Wolken in der Ehe. Versöhnt Euch. Herr Birsher wird jedoch nicht geeignet sein, den besten Rath zu ertheilen; — darum — sende nach dem Doctor Leupold, mein Kind ... ich ließe mir die Ehre ausbitten ...«
»Das thue ich nicht gerne, Herr Vater!« antwortete Justine.
»Warum nicht? — Ach! ich besinne mich: du hast einen Widerwillen gegen den Mann. Mische dich doch nicht in unsere Angelegenheiten, Justine.«
»Lassen Sie den Doctor nicht zu tief in die Ihrigen blicken,« ermahnte Justine: »ohne mich Ihnen ganz deutlich machen zu können, warne ich Sie noch einmal vor ihm.«
Der Senator seufzte tief, und wendete sein Auge ab.
»Er ist gewiß ein doppellarviger Mensch!« fuhr Justine fort: »überhaupt, mein Vater, kömmt es meiner Ahnung vor, als hätte uns ein immer enger werdendes Netz umfangen und umspannt; — als sollten wir die Beute eines böslich bereiteten Verderbens werden.«
Der Senator sah die Tochter betroffen und starr an.
»Der Doctor,« sprach diese weiter, — von der Unruhe ihres Herzens wie von dem vortheilhaften Augenblicke begeistert, — »erscheint wie eine Hauptgestalt, bemüht, dieses Netz, das ich nicht kenne, nicht durchschaue, wohl aber fühle, zu bereiten. Mit jedem Tage wird mir klarer, was mir einst der Zufall enthüllte. Der Doctor ist nicht der einfache Jurist, der simple Privatmann, mein Vater; er ist ... wie ich beschwören möchte, ... er ist ...«
»Halt!« donnerte ihr der Senator, von Angst und Unruhe geschüttelt, zu: »ich will nichts hören! ich darf nichts aus deinem Munde erfahren! du machst mich unglücklich, Justine, und wirst es selbst, wenn eine Sylbe deiner ungereimten Vermuthungen unter die Leute kommt! Justine ... wir wären ja alle zu Grunde gerichtet!«
Justinens Begeisterung schauderte vor dem außerordentlichen Schrecken des Vaters zurück. »Wie Sie befehlen!« stammelte sie verschüchtert: »beruhigen Sie sich nur. Ich habe mit der Mutter nicht geredet, und Gott wird wohl Alles gut machen. Ich aber will nach dem Doctor schicken.«
Es wurde ihr erspart. Die Schelle des Comptoirs erklang, und der Doctor, wie von einer Ahnung gerufen, kam mit einem Fremden, den Senator zu besuchen.
Dieser Fremde gab sich in einer salbungsvollen Begrüßung dem Senator als Superior eines Profeßhauses der Gesellschaft Jesu zu erkennen, und freute sich, in ihm ein bereitwilliges Werkzeug der göttlichen Gnade zu finden. Der Senator erwiderte das Compliment etwas lau, und sagte, die niedergeschlagene Verlegenheit des Doctors bemerkend, ohne besondere Umschweife, daß es ihm fast leid thue, sich durch seine sonderbaren Verhältnisse in Verbindungen verwickelt zu sehen, die seiner bürgerlichen Existenz nachtheilig werden könnten. »Ich hätte wenigstens gehofft,« sprach er, »nicht compromittirt zu werden, aber ich habe mich getäuscht. Indem ich heute vom Rathhause komme, nähert sich mir ein Mann; der Krämer Ernst, übel berüchtigt in der Stadt durch seine lockre Lebensweise und die Vergehen seines Bruders, wegen welcher derselbe im Gefängniß sitzt. Der Mensch redet mich an, und fordert mich ziemlich unverschämt auf, bei der Kriminalkammer dahin zu arbeiten, daß sein Bruder auf freien Fuß gestellt werde. Da ich es ihm nun natürlich abschlage, und mich wunderte, daß er sich gerade an mich gewendet, den er kaum kennt, so sagt mir der Mann im Vertrauen: ich kenne Niemand, der geeigneter und verbundener wäre, mir in dieser Sache beizustehen. Ich weiß ja, daß Sie eben so gut Katholik geworden sind, wie ich; und man hat mir den Anschlag gegeben, Sie zum Beistand aufzufordern. Ich war wie vom Donner gerührt, und hatte kaum Fassung genug, den Menschen mit einigen Drohungen der Lüge zu zeihen, und ihn von mir zu weisen; worauf er sich ärgerlich und stumm entfernte. Was soll ich nun denken? Kaum habe ich seit wenigen Tagen — wie in einen Strudel hinabgezogen — mich zum Uebertritt anregen lassen, und schon stehe ich blosgegeben da! verrathen an Menschen, für deren Verschwiegenheit kein Dreier zu verbürgen ist!«
Der Doctor sah verwundert den Superior an; dann betheuerte der dem Senator, dessen Aufnahme geheim gehalten zu haben — vor der ganzen Gemeinde. Der Superior versetzte dagegen hochmüthig und zuversichtlich: »Beruhigen Sie sich, Herr Senator. Ich war's, der den armen Teufel auf Sie aufmerksam machte. Er suchte bei mir den Beistand eines geistlichen Vaters, und ich verwies ihn an Ihren weltlichen Schutz. Ein gutes Wort aus Ihrem Munde kann Vieles fruchten, und setzt Sie keinem Verrath aus; der Krämer ist mir als ein eifriges Glied der wachsenden Kirche geschildert worden, und ich habe durchaus keine Ursache gefunden, dieser Angabe zu mißtrauen. Sehen Sie, lieber Sohn: Eintracht, gemeinsames Wirken führt stets zum ersehnten Ziele. Concordia parvae res crescunt! Wie nun eine Gemeinde, die sich im Schooße der Verborgenheit bildet, einem Bruderverein im schönsten Sinne zu vergleichen ist, so ist auch jeder der Brüder dem andern Schutz und Hülfe schuldig. Leisten Sie daher dem Supplikanten nur einen leichten Beistand, wie er gerade in Ihren Kräften steht, und zählen Sie dagegen auf jeden Beistand des Ganzen.«
»O, daß ich mich in diese mißliche Speculation eingelassen habe!« sagte der Senator mißmuthig, und achtete nicht der zornig aufsteigenden Wolke auf des Superiors Stirne, noch des bekümmerten Angesichts des Doctors. »Wenn Sie es vermögen, meine Brüder, beweisen Sie mir den Ernst Ihrer Worte. Rathen Sie mir in meinem äußerst kritischen Verhältnisse.« — Er erzählte von dem Verhöre des Morgens.
Der Doctor schüttelte mitleidig und besorgt den Kopf. Der Superior lächelte aber gleichmüthig und erwiderte, fast spöttisch: »das versetzt Sie in Unruhe? Gilt das Zeugniß eines verlaufenen Ladenburschen gegen Ihr Rathsherrnwort? Und hat man nicht Mittel, den Nothbehelf der Erbschaft klar darzuthun, als wäre er wahr wie die Sonne? Ich verpflichte mich, Ihnen Zeugen zu schaffen, und der Pater Münzner, der zugleich Doctor beider Rechte ist, wird Ihnen mit einem in allen Formen ausgestellten Testamente auszuhelfen nicht ermangeln.«
»Pater Superior!« versetzte der Doctor stutzig: »bedenken Sie! ein fingirtes Testament! ein falsum!«
»Nun?« fragte der Superior kalt: »was weiter? Es gilt hier, einen christlichen Bruder aus der Verlegenheit zu ziehen. Ich behaupte sogar, daß ein Testament, dessen Aussteller eine persona fictitia ist, gar kein falsum darbietet. Es sei übrigens Ihre Ansicht, welche sie wolle, so wird hoffentlich der Befehl Ihrer Obern hinreichend sein, alle Bedenklichkeiten zu heben.«
Der Doctor bückte sich mit unterdrücktem Widerwillen. Der Senator schauderte ein wenig vor der Leichtigkeit, womit der Superior eine so trügliche Maßregel durchgehen ließ; aber da sein System, sollte es ihn vor Schande retten, auf Lügen beruhen mußte, ließ er sich's gefallen, daß es der kühne Pater übernahm, eine Zusammenstellung von Begebenheiten und Dokumenten — beide in der Ferne geschehen und aus der Ferne gesendet — zu erdichten, die dem Unbefangenen jeden Zweifel an des Senators Aufrichtigkeit rauben mußte, da man der Verschwiegenheit des Correspondenten in Hamburg versichert sein konnte.
»Sie unterscheiden jetzt, bester Sohn,« sagte der Superior, »wie redlich wir es mit Ihnen meinen, und werden uns eine kleine Bitte Ihrerseits nicht abschlagen. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich gefunden, daß unsre Handelsbücher und Register über kirchliche Angelegenheiten im Hause des ehrwürdigen Paters Münzner zu exponirt erscheinen. Ich ersuche Sie deshalb, diese acta in Ihren Verschluß zu nehmen, und zu erlauben, daß der Pater sich täglich etwa eine Stunde in irgend einem abgelegenen Winkelchen Ihres Hauses damit beschäftige, wenn es einzutragen oder abzuschließen gibt. In einem Lokale, wie das Ihrige sich darstellt, wird solches Ab- und Zugehen unbemerkt bleiben; Sie sind außer Gefahr, und wir können völlig ruhig sein.«
Der Senator antwortete: »Da ich mich bereits so offen in Ihre Hände gegeben habe, meine Väter, so mag es darum sein. Ich will Ihnen auch im gegebenen Falle meine Bereitwilligkeit nicht entziehen. Ich will in aller Stille ein Cabinet, an den Hof stoßend, zum Gebrauch des Herrn Doctors einrichten lassen, und die nöthige Sorge tragen, daß er nicht gestört werde.«
»So werde ich noch heute Abend die Bücher herbringen lassen,« setzte der Doctor bei: »da der ehrwürdige Pater Superior sie bei mir nicht sicher glaubt.«
»Quidquid agas, respice finem!« bemerkte der Superior mit dem schlauesten Gesichte: »ich danke Ihnen für die schöne Bereitwilligkeit, womit Sie unserem Antrage entgegengekommen. Ich gestehe, daß derselbe mich mit dem Mangel an Aufrichtigkeit versöhnt, den Sie meinem würdigen Freunde, dem Pater Münzner beweisen.«
»Wie so?« fragte der Senator, und fixirte den Doctor, der wie beschämt die Augen niederschlug. Der Superior fuhr, wie scherzend, fort: »Der würdige Herr hat Ihnen Gründe der Freundschaft, der Moral und der Pflicht angegeben, die eine Heirath zwischen Ihrer einzigen Tochter und dem protestantischen Amerikaner dringend verbieten. Er hat, wie er behauptet, Ihr Herz gerührt, indem Sie versprachen, seinen Gründen nachzugeben. Aber leider ist solche Rührung nur ein Phantasma gewesen, das eben so schnell zerstiebte, wie mancher gute Vorsatz. O, mein Sohn! in Ihrem Gemüthe liegt noch viel des ketzerischen Sauerteigs verborgen, von welchem Sie nur eine reine und reife Andacht zu dem geheiligten Herzen Jesu befreien kann! Wie könnten Sie es ansonst über sich genommen haben, Ihr Versprechen zu widerrufen, und, mit Fleiß ihre Wege vor uns versteckend, auf dem alten erwiesenen Unrecht zu beharren?«
Da der Senator, seiner Verstellung überführt, kein Wort redete, so hob der Doctor sanft und eindringlich zu ihm an: »Ja, bester Herr Senator! wir wissen, — da uns nichts in die Länge verborgen bleibt, — daß Sie dennoch Ihre Tochter mit Herrn Birsher zu vermählen gedenken, ... wann und wo Sie es thun wollen; und ich frage Sie noch einmal freundschaftlichst: haben Sie auch Alles erwogen und überlegt?«
»Ich bin meinem Gewissen und meinem Worte Erfüllung schuldig;« antwortete der Senator auf's Aeußerste gebracht: »ich hasse jede Einmischung Unberufener in mein Hauswesen. Ich habe mir nur die Schwäche vorzuwerfen, daß ich vor Ihnen verhehlte, wie es mir darum zu thun sei, recht zu handeln. Können Sie das nicht vergeben, meine Väter, so dispensiren Sie mich von jeder weitern Gemeinschaft mit Ihren Kirchen und Gesellschaftsverhältnissen!«
»O welche bedauerliche Hitze!« sagte der Superior, die Augen wehmüthig gen Himmel richtend: »Saule! Saule! cur me persequeris? Verblendeter, heftiger, geliebter Sohn! Glauben Sie denn, daß das heilige Herz unsers Heilands sich so schnell von Ihnen reißen werde, als Ihr Unmuth sich von ihm zu trennen begehrt? Mit nichten, mein Sohn! Der Heiland wird Sie nicht verlassen, da Sie sich ihm einmal ergeben! Wir, seine unwürdigen Diener, Ihre innigen Freunde, werden es auch nicht thun, und sollten wir immer vergebens warnen, und immer vergebens ausrufen: Durch diese Verbindung machen Sie Ihr Kind des Himmelreichs verlustig! durch diese Verbindung bringt der Protestant Unglück in Ihr Haus, das erst kürzlich in Ihnen der Herr gesegnet hat mit Gnade, mit Erweckung, mit dem zukünftigen Paradiese!«
Die Herren schwiegen allesammt, da sich vor der Thüre Schritte vernehmen ließen. Berndt schaute demüthig herein, und langte dem Principal ein Billet hin. Der Kellerbursche aus dem Schwan hat's gebracht, sagte er, grüßte höflich, und verschwand. Der Senator sah in der Ueberschrift Georg Birshers Hand. Seine Seele war so schreckhaft und argwöhnisch geworden, daß er unter jedem Siegel eine giftige Schlange fürchtete. Darum löste er auch dieses mit Herzklopfen, und — wie sehr seine Ahnung die Wahrheit gesprochen, — wie giftig die Schlange sei, die sich aus dem kleinen Briefe in seine Augen und sein Herz bohrte, — das bezeugte das Erbleichen seiner Wangen, das Erstarren seines Blicks, die physische Vernichtung, die aus den schlaffen Zügen trat. Mit einer Bewegung der Verzweiflung aufspringend, reichte er mit zitternder Rechte das Briefchen an den Doctor, und sank mit dem Ausrufe: Nun bin ich ohne Rettung verloren! in den Stuhl zurück. Der Doctor las, während der Superior dem mit Ohnmacht Kämpfenden beisprang, für sich, was folgt:
»Unglücklicher Müssinger! — Meine Hand bebt, aber mein Herz erbebte noch heftiger, da ich erfuhr, was mich und Sie elend macht. Elender! Sie haben meinen armen Vater gemordet! der mir's entdeckt hat, ist fast Zeuge der schändlichen That gewesen! um mich vor dem schauerlichen Bunde mit Ihnen zu warnen, hat er's mir gestanden! aber ich weiß, wozu die Rache den Sohn auffordert. Die Gerechtigkeit anzurufen, ist meine Pflicht! um drei Uhr fahre ich bei dem Bürgermeister vor. Ich will nichts von dem wissen, was Sie bis dahin unternehmen!
Birsher.«
Der Senator schlug die verwirrten Augen wieder auf, sandte einen trostlosen Blick nach dem Doctor, der schnell das Briefchen wieder zusammenfaltete, dem Senator zurückgab, und sagte: »Fassen Sie sich, Sie sind nicht verloren. Nothhafts Beschuldigung — gewiß durch die transpirirende Neuigkeit von Justinens Vermählung veranlaßt — richtet Sie nicht zu Grunde. Ihre Seelenangst ist Ihr mächtigster Gegner: darum — obschon Sie gegründete Hoffnung haben dürften, von den Gerichten erledigt zu werden — ist es gerathener, das Unheil in der Geburt zu ersticken. Birsher scheint großmüthig handeln zu wollen. Er will Ihre Flucht begünstigen. Hüten Sie sich jedoch. Weichen Sie keinen Fuß breit. Halten Sie sich ruhig! überlassen Sie uns, für Sie zu handeln. Bevor es drei Uhr wird, denke ich, müßten Sie aller Gefahr enthoben sein!«
»Wenn Sie das könnten!« rief der Senator, und warf sich dem Pater in die Arme: »mein Vater! Bruder meiner Clara! thun Sie das Möglichste! der Verdacht! mein Ruf! die Schande! Gott stehe mir bei, wenn Sie mich verlassen!«
»Hier muß dieser Mann helfen!« versetzte der Doctor, auf den Superior zeigend, der aufmerksam und erwartend da stand. »Pater Superior! als Beichtvater dieses unglücklichen Mannes fordere ich Sie, einen der Vorsteher unsrer heiligen Gesellschaft, in Ihnen den ganzen Orden auf, ihn vor einer dringenden Gefahr zu retten, mit der ihn Birsher bedroht. Der Grund derselben ist ein Beichtgeheimniß, aber ich beschwöre Sie bei Ihrer priesterlichen Würde, den Folgen vorzubeugen.«
»Ich werde mich mit Ihnen bereden,« antwortete der Superior gleichgültig; »ich werde Ihre Meinung hören, und thun, was ich mit Gottes Hülfe vermag. Verspräche aber wohl der Herr Senator, jeden fernern Gedanken an eine Verbindung seiner Tochter mit einem Protestanten aufzugeben? das unschuldige Kind unsrer alleinselig- und glücklichmachenden Mutterkirche zuzuwenden? es für ein erbauliches Jungfrauenleben zu bestimmen, damit es im Verein mit andern gottseligen Chorschwestern die Sünden des Vaters abkaufe mit Gebet und Ergebung? sein Vermögen nach seinem Hinscheiden der Kirche zu vermachen, der liebenden und helfenden Gesellschaft Jesu ins Besondere? Respondeas, mi fili! und dir soll geholfen sein!«
Der Senator nickte sprachlos mit dem Kopfe, winkte mit der Hand, und der Superior ergriff dieselbe, ihn beim Worte nehmend. »Sie sind Zeuge, Pater,« sagte er feierlich, »und nun kommen Sie, damit wir das widrige Geschäft in Ordnung bringen. Ich bin sanfter Natur, wähle gewöhnlich leichte Mittel; hier aber, fürchte ich, wird es auf dasjenige ankommen, was ich schon einmal vorgeschlagen, und das Sie als zu hart verworfen haben.«
Der Doctor winkte dem Pater, zu schweigen, indem er auf den Senator deutete, welcher aus seiner Betäubung erwachte. Die Jesuiten gingen bedächtig und stille von dannen. »O, der sauern Pflichten!« seufzte der Doctor, aber sein Mund sprach keine Sylbe, die seinem Vorgesetzten hätte mißfallen können.
Die Herren fanden in ihrem geheimen Convente die Lainez und den ehemaligen Schauspieler Litzach. »Unser Plan scheitert!« sagte die Erstere, indem sie dem Doctor das gefährliche Medaillon zurückgab; »behalten Sie das Bild Ihres Zöglings, mein Vater; es hat Aufsehen genug gemacht, aber die Liebesleute vertragen sich nach dem heftigsten Zanke. Vor der Hand hat mich Jungfer Justine der Mühe, ihr Gesellschaft zu leisten, enthoben, und alle meine Entschuldigungen gingen in den Wind.«
»Unser Plan glückt im Gegentheile, kurzsichtige Frau!« sagte der Superior stolz lächelnd. »Sie hat Ihre Commission ganz gut verrichtet, und es kommt nur darauf an, ob Er, Litzach, dasselbe thut.«
Er führte den Unterthänigen in das Nebengemach. Indessen hatte der Doctor James Porträt in seinen Schrank verschlossen, und die Thränen waren ihm in die Augen gestiegen, und er lehnte sich über die in schwüler Hitze welkenden Blumen seines Fensters hinaus, in's Freie, und betete: »Du heilige Mutter! vergieb mir, daß ich ein Bild, welches von einem treuen Mutterbusen getragen wurde, bis das Herz darunter stille stand, daß ich es — das heilige Geschenk jugendlicher Dankbarkeit — mißbrauchen ließ, zu einer Betrügerei. Der Obere befahl es jedoch, und um der Pflicht willen wirst du die Sünde vergeben, gebenedeite Mutter!«
Die Augen trocknend, fragte er die Lainez, ob sie den jungen James nicht gesprochen habe. Die Lainez wußte nichts von ihm, als daß er ihr mit dem fröhlichen Gesichte, das sie noch je an ihm gesehen, begegnet war, im Begriff, gegen das Thor zu eilen. Capitän Tormerpick, der hinzu kam, hatte den jungen Menschen ebenfalls auf dem alten Glacis angetroffen. James hatte ihn umarmt, hatte ausgerufen: »Capitän! sehe ich denn aus, wie der glücklichste Mensch in der Stadt?« und hatte sich dann entfernt — wie sich der Capitän ausdrückte — tanzend, wie ein Matrose, der nach sechs Monden wieder zum ersten Male festes Land betritt. Der Doctor schüttelte ernsthaft und betrübt den Kopf, und verfügte sich in das Seitenzimmer, aus welchem bald nachher Litzach schlüpfte, und dem Capitän bemerkte: die Herren erwarteten nun ihn. Während Litzach davon eilte, sprach Tormerpick mit den Vätern. »Ich nehme Abschied von Ihnen,« sagte er: »Schlag zwei Uhr fahre ich ab. Ein dringender Brief ruft mich nach dem Hafen. Das Schiff wird geladen. Ich bitte mir weitern Bericht oder anderwärtige Aufträge aus.«
Der Superior gab ihm ein Paket, mit dem Bedeuten, daß sich darinnen alles befinde, was auf Handelsangelegenheiten Bezug hätte. »Wir hätten Euch noch Jemand mitzugeben,« schloß der Pater, listig lächelnd: »einen Engländer, wohl gewachsen, stark, robust; ein gutes Capital, in Batavia anzulegen.«
Der Capitän runzelte die Stirne. »Wollen Sie mich foppen, meine frommen Väter?«
»Nicht doch, Capitän. Versteht uns wohl! wir hassen die Seelenverkäuferei, wenn unsere Waarentransporte dadurch Noth leiden. Wo es aber auf eigene Rechnung geht ...«
»Ich verstehe,« erwiderte der Capitän grinsend: »Sie sollen Ihren Willen haben. Wann? wie? wo? Ich habe zwei Matrosen bei mir, die auf einem Kaperschiffe gedient haben. Den Burschen bangt vor dem Teufel nicht.«
»Haltet um zwei Uhr auf dem Damme« instruirte der Superior: »dort ist's abgelegen und einsam. Der Mensch, welcher vorhin wegging, wird den Bewußten zum Damme bringen; einen großen tüchtigen Mann; nicht wahr, Pater Münzner?«
»Unsern Tischnachbar im Schwan,« entgegnete der Doctor. Der Capitän lachte hell auf. »Den stummen Oelgötzen?« fragte er: »der mich so unverschämt anlaufen ließ? Hoho, den kenne ich, und werde ihn wohl von dem dürren Magister unterscheiden. Brav! ich habe dem naseweisen Flegel eine volle Lage zu geben! ich hab's ihm geschworen. Gut so! ein Pechpflaster auf den Mund, Strick um Arm und Beine! wie der Teufel nach dem Kanal gefahren; die Nacht durch gerudert, mit Tagesanbruch an der Küste.... binnen zwei Tagen im Schiffe! herrlich! die Moorländer sind wenig und nur von lockerem Gesindel bevölkert! ich bringe den Passagier glücklich durch, oder fülle ihm den Kopf mit Blei, wenn er mich durch ein unanständiges Spektakel in Gefahr setzen wollte. Gott behüte Ew. Ehrwürden! sollen von mir hören!«
Der ungeschlachte Mensch ging wiehernd weg, aß im Schwan noch so tüchtig, als ob er sich auf ein Heldenwerk vorzubereiten hätte, ließ unter seine Matrosen viel Branntwein austheilen, und bestieg mit ihnen jubelnd den verdeckten Korbwagen, der ihn zum Damme, von da zum Kanal bringen sollte. Dem Kutscher wurde noch tüchtig mit Rum zugetrunken und bei'm Abfahren schwenkte der Capitän in frechem Uebermuthe den Hut gegen den Amerikaner, der oben aus dem Fenster sah, und brüllte ein: »Auf Wiedersehen!« Georg zog sich, ergrimmt über den widrigen Seemann, vom Fenster zurück, warf sich auf das Kanapee, stützte den Kopf eine Weile in die Hand, sprang dann wieder auf, legte mit erhabener Würde die Hände auf seine Brust, und sagte, mit einem freien Athemzuge, zu sich selbst: »Bist doch eine wackere Seele, Georg, und hast einen schweren aber um so rühmlicheren Sieg erfochten! Ach du mein lieber, lieber Vater! Siehst du nicht aus den Wolken, und freust dich meines Entschlusses? Ist gleich mein Auge zu schwach, dich zu erschauen, so ist doch gewiß der himmlische Friede, der in mein Herz einzieht, dein Werk! Ja! Vergebung ist eine süßere Rache für dich, als das Blut des Elenden, der denn doch sein Leben ferner nur wie eine Pestbeule mit sich umherschleppen kann!«
Er warf einen Blick auf die Speisen, die unangerührt auf dem Tische standen, auf die Seitenthür. Er ging hastig auf dieselbe los, öffnete sie mit dem Schlüssel, und sagte ernst: »Komm' Er heraus, Monsieur!«
Eine blasse, ängstliche Figur kam gebückt hervor: Nothhaft, wie ein armer Sünder.
»Setze Er sich, und esse Er!« fuhr der Amerikaner fort: »vergesse Er seine Schrecken. Ich habe mich besonnen, und halte dafür, es sei besser, die ganze Anklage zu unterlassen.«
»Ach, wenn Sie das im Ernste wollten,« — stammelte Nothhaft — »ich würde neu aufleben.«
»Lerne Er, Mensch« sprach Birsher weiter, »daß es nichts Gemeines mit solchen Anschuldigungen auf sich hat. Er hat mir auf die Bibel zugeschworen, daß Alles, was Er mir heute entdeckt, reine Wahrheit sei; ich will es glauben; nicht um Seinetwillen, denn der erbärmliche Spuck in des Senators Hause verdächtigt ihn, aber um des seltsamen Benehmens des Senators willen; um der Voraussetzung willen, daß ein Mensch, der nur einen redlichen Blutstropfen in sich verspürt, nicht auf eine Lüge hin seinen Nächsten in's Grab und in Schande stürzen werde. Er hatte nicht darauf gerechnet, daß mir es einfallen könnte, die Anklage öffentlich zu machen; Er hat mich beschworen, es zu unterlassen: das ist ein guter Zug von Ihm; Er hat mir gestanden, daß Er nur, um mich von der Ehe mit Justine abzuhalten, mir die Eröffnung gemacht, die aber demungeachtet eine völlig wahre sei. Er hat sich endlich gutwillig in jenes Zimmer verfügt, wo ich Ihn inne zu halten für gut befand, damit es mir bei der Klage nicht an dem Gewährsmanne fehlen möchte. Bedenke Er aber selbst, wohin meine Klage führen würde: zu Seiner eigenen Haft, zu Seiner eigenen Schmach, als Hehler der begangenen Blutthat. Der Senator würde eines schimpflichen Todes sterben, seine Familie würde zu Grunde gehen, mein Schmerz wieder tausendfach erneut, meines Vaters Gebeine in ihrem Grabe gestört werden; und zu welchem Endzweck? Würde diese Genugthuung mein Herz befriedigen, den geliebten Todten wieder in's Leben rufen? Und die Unglücklichen, die — ihren schuldigen Gatten und Vater beweinend — mir, dem unglücklichen Verfolger fluchen würden!... ach, welch' eine Zukunft! Darum will ich lieber schweigen, wie das Grab über dem Todten, und verlange dasselbe von Ihm: schwöre er mir's abermals auf die Bibel, und dann gehe Er hin, von wannen er gekommen, so wie ich nach der Heimath zurückkehren will: vergessend — und rein von Fluch!«
Nothhaft vernahm mit innigem Wohlgefallen Birshers Worte. Er hätte tausend Eide geschworen, nur um den Folgen eines Schritts zu entgehen, den er weniger aus unverbesserlicher Bosheit, als, von frechem Trotze und Eifersucht bewegt, gethan hatte. Er entlief mit Riesenschritten dem Gasthause und suchte den Weg nach seinem Städtchen. Birsher war mit seinen Entschlüssen zufrieden, und überlegte gerade, wie er dem Senator, wenn derselbe sich nicht bereits auf der Flucht befände, seinen edelmüthigen Vorsatz kund zu geben hätte — wie er von Justine Abschied nehmen sollte, als der Magister aus Faldern zu ihm trat.
»Was wollen Sie, Magister?« fragte Georg hastig und verdrüßlich, gestört zu werden.
»Der Ueberbringer des Dankes sein, welchen Ihnen zwei redliche getröstete Herzen zollen,« antwortete der Magister freundlich und zutraulich.
»Zwei getröstete Herzen? — Schon gut!«
»Und der Bitte zugleich, diesen Dank aus dem Munde der Getrösteten selbst hören zu wollen.«
»Ihr Zögling soll zu mir kommen. Ich will ihn kennen lernen.«
»Und Justine, die sich sehnt, Ihnen ein dankbares Wort zu sagen.«
»Welche Zumuthung? Will sie sehen, wie mich die Entsagung kleidet?«
»Und Justine, die sich vor Ihnen rechtfertigen möchte?«
»Falschheit, sich rechtfertigen? Ich mag sie nicht beschämen!«
»Und Justine, die Ihnen etwas Wichtiges anzuvertrauen hat, das nur Ihrem theilnehmenden Herzen vertraut werden kann; das auf das Glück Ihres Lebens den größten Einfluß haben wird?«
»Magister! Sie schlagen die rechte Saite an. Justine soll einen Mann in mir finden, den Liebeskummer nicht niederbeugt; einen Mann, der das Gute nicht halb thut. Ich bedarf dieser Prüfung, um mich zu einer edeln That würdig zu stärken. Ich folge Ihnen; ich will dem Mädchen ebenfalls eine Nachricht bringen, die wohl manches Herz beruhigen dürfte. Wo, wann harrt meiner das Paar, das ich durch meinen Rücktritt so sehr beglückte?«
»Wenn Sie mir folgen wollten?... ich führe Sie.«
»Recht; geschwinde mein Freund! Sie noch einmal zu sehen — sie zu beruhigen, und dann schnell wiederzukehren, um meine Abreise anzuordnen. —«
Georg ging mit dem Magister weg, ohne wiederzukehren. Die Stunden gingen vorüber, der Abend war da. Der Gast im Schwan blieb aus. Die Wirthin, die den jungen, stillen Mann wohlwollend in's Auge gefaßt hatte, wurde unruhig. Mit einbrechender Nacht sendete sie in des Senators Haus, um nach dem Amerikaner fragen zu lassen. Er war dort nicht gesehen worden. Der Senator schickte den Kellner mit dem kühlen Bescheide zurück; ging dann auf seine Stube, heimlich seinem Gott zu danken, und den Zettel wieder durchzulesen, den ihm um die zweite Stunde des Nachmittags der Doctor geschickt hatte, mit den lakonischen Worten: »Fassen Sie Muth, Gebeugter! Wir verlassen Sie nicht. So eben ist er fort, um nicht wieder zu kommen. Er wird Sie ewig in Ruhe lassen!«
Der Senator küßte, seiner Angst entledigt, den kurzen Brief; trat dann zu seiner Familie und sagte: »Mein armes Bräutchen Justine! Dein Verlobter scheint auf Abwege gekommen zu sein. Wir wollen morgen, am Tage des Herrn sammt und sonders zur Johanniskirche wandeln, um den Segen Gottes anzuflehen, daß er den Handelsfreund wieder gesund zu uns zurückbringe!«
»Endlich wieder ein frommer Vorsatz,« erwiderte die Senatorin: »nur Schade, daß der Bürgermeister dich heute zur Gottesfurcht bekehren mußte. Bei alle dem finde ich's ungezogen, daß Herr Birsher heute gänzlich ausbleibt. Wenn nur die leichtfertige Französin, die sich auch seit dem Morgen nicht sehen ließ, den zu täppigen Sans façon nicht berückte!«
Justine schwieg; aber in ihre Augen traten unwillkürlich Thränen: unwillkürlich seufzte der Mund. »Ja, Vater,« sagte sie, als dieser am Abend freundlicher und ruhiger als seither Abschied von den Seinen nahm: »wir wollen morgen aus dem Grunde des Herzens beten, damit Eintracht und Friede nicht von uns weiche!«
Am nächsten Morgen stand Pater Münzner sehr frühe auf, um sich zu dem Gottesdienste vorzubereiten. In dem Garten kam ihm bereits sein Pflegesohn entgegen. Leidenschaftlich faßte ihn dieser bei der Hand, und rief: »Wohl mir, daß ich Sie endlich allein finde, mein Vater! Des Superiors Gegenwart hat meine Zunge gebunden, sonst hätte ich Ihnen gestern schon gestanden, wie sehr ich's bereue, daß ich Sie verkannte! Ja, mein würdiger Pfleger! Sie wollen mein Glück; Sie wollen es, wenn Sie mir es auch verhehlen; meinen ewigen Dank dafür!«
»Verstehe ich dich, Unbegreiflicher?« fragte Münzner staunend.
»Ihre Güte war mir unbegreiflich,« fuhr James heftig und entzückt fort: »aber die Wege der Vorsehung sind es ja auch, und dennoch gut und dennoch beglückend! Mögen Sie es doch wissen, daß ich Alles erfuhr, aus Birshers edelmüthigem Munde erfuhr!...«
»Birsher? um's Himmels willen! was weißt du?«
»Daß Sie mit ihm geredet, daß Sie sein Herz gerührt!.... daß Justine — das herrlichste Glück! daß Justine mir gut ist, daß sie, die so schlau ihre Liebe zu verbergen wußte, mein Bild, — vielleicht hat ihre liebe Hand es selbst entworfen — mein Bild auf ihrer Brust trägt, — daß der gefürchtete Bräutigam zurücktritt!...«
»Mensch! du fabelst!«
»Läugnen Sie nicht, mein Vater! Ist es denn ein Verbrechen, einen liebenden Jüngling zu beglücken? Ich bin verschwiegen! Ich sehe ein, daß Sie Gründe haben können, vor dem Superior, der mich in's Noviziat schleppen will, Ihr menschenfreundliches Bestreben zu verbergen, daß Sie nur Zeit gewinnen wollen!... Legen Sie jedoch uns gegenüber das Geheimniß ab, und hören Sie meinen Plan. Ich werde nicht Priester! Der Soldatenstand allein kann und wird mich Justinen näher bringen. Ich habe gestern des letzten Schwedenkönigs Leben gelesen — es hat mich begeistert! Noch bin ich jung; noch wetterleuchtet es am Horizonte Europa's! Ich liebe, ich hoffe! das Glück muß mir zur Seite stehen!«
»Jesus Christus!« versetzte der Doctor blaß und betrübt: »Du lässest mich nicht zu Worte kommen, und dennoch muß ich dir mit blutendem Herzen betheuern ...«
Rasche Schritte von Annähernden unterbrachen ihn. Der Superior mit allen Zeichen des Schreckens — die Lainez, wie ein Schatten folgend — eilten herbei.
»Hannibal ante portas!« rief der Erstere, der einen dicken Brief in der Hand trug: »Hochwürdiger Herr! Jetzt gilt's, zum Streit sich rüsten!«
»Wie so? wie das?« fragten der Doctor und James.
»Erzählen Sie, während ich dies Schreiben durchlaufe;« versetzte der Superior zitternd und bebend. Die Lainez sprach mit erlöschender Stimme:
»Wir sind verrathen; Alles kömmt an den Tag. Des Schreiner Ulrichs Frau ist in der Nacht krank geworden; der Mann hat unser Gebetbuch unter ihrem Kissen gefunden. Die Drohungen des Mannes, wie der Schmerz ihres Körpers haben Sie zugleich bedrängt; sie hat gebeichtet, daß sie katholisch geworden, — daß eine stille Gemeinde bestehe, — daß in dem Johanniterhofe ...«
»Gott stehe uns bei!« riefen die Zuhörer.
»Vor einer halben Stunde ...« fuhr die Lainez erschöpft fort, — »läßt der Rottmeister, bei dem der Schreiner Alles angezeigt, den Hof umringen, — das Thor aufsprengen, den Verwalter fest nehmen, Alles durchsuchen. An meiner Thüre vorüber dringen die Schergen in die Kapelle. Unsre heiligen Zierden fallen in ihre Hände. Man bemerkt mich nicht im Tumulte: ich entspringe, um hier das Unglück anzusagen!«
Litzach stürzte in den Garten. »O meine Herren! meine heiligen Väter! was wird daraus werden?« rief er: »ich erfahre so eben, von dem Dorfe kommend ... der Verwalter ist verhaftet, läugnet indessen noch fest; hat nichts gestanden; der Johanniterhof wird verschlossen gehalten, damit nichts vor der Zeit verlaute: vor dem Polizei-Aufsichter soll um neun Uhr erst Alles klar werden! Der Sigrist, der entsprang, sagte mirs, es Ihnen mitzutheilen!«
»Das Interdikt über die Bübin, die den Herrn verrieth!« zürnte der Superior: »das Etablissement, die Mission ... Alles geht zu Grunde! Schande kommt über uns! Lassen Sie uns Hand an die Rettung legen, Pater Münzner! Wir müssen fort, ehe der Lärm um sich greift.«
»Unsere Bücher liegen bei'm Senator;« tröstete der Doctor: »kein Mensch sucht sie dort. Die Translation war zweckmäßig.«
»Zweckmäßiger als Ihre Verwaltung, Pater Münzner!« entgegnete der Superior zornig: »solche Leute, wie die Schreinersfrau, an- und aufzunehmen ...! plaudernde Gänse ...!«
»Mein Vorgänger hat schon ...« wollte sich Münzner entschuldigen. —
»Schweigen Sie!« befahl der Superior heftig: »Marsch, auf die Beine! ihr Uebrigen! Er, Litzach, tummle sich schnell um einen Wagen um. Vor dem Friederthore will ich einsteigen. Er, James, wird auf der Stelle alle Habseligkeiten des Paters compendiös zusammen packen. Cito! citissime!«
James eilte hinweg. Litzach rang die Hände; »ich bin der Unglücklichste!« seufzte er: »was wird aus mir, — was aus meinen Kindern, und was aus meiner kranken Frau werden?«
»Was Gott will!« antwortete der Superior hart und rauh: »packe Er sich fort, und besorge Er den Wagen!« — Litzach gehorchte, fast weinend. —
»Laufe Sie, Lainez!« sagte der Superior dringend zu dieser: »ein Weibsbild mengt sich ohne Gefahr unter Gaffer und Pöbel! Horche, laufe Sie. Wenn etwas Ungerades sich verspüren läßt, ... schnelle Post hieher!« —
Die Lainez eilte weg. »Pater Münzner!« fuhr der Superior fort: »unsers Bleibens ist in diesem Hause nicht. Der Doctor Leupold wird bald aufgesucht werden! Schändlicher Baalstreich! Wir flüchten uns einstweilen in des Senators Haus, wo man uns sicherlich nicht sucht.«
»Ich Unglücklicher!« rief Münzner, wie in Verzweiflung; »daß dieses Unglück unter meiner Verwaltung geschehen mußte! Welch ein Empfang wartet meiner in unserm Hause und beim Provinzial!«
»Erkennen Sie, ob ich Ihr Freund bin!« erwiderte der Superior, indem er ihm den Brief reichte, den er vorhin gelesen; »ich will Sie der Traufe entziehen, weil Sie mir ein wohlgefälliger Mitbruder gewesen. Der Provinzial trägt mir auf, ein tüchtiges Mitglied nach Assumption im Paraguay zu schicken, um den Handelsangelegenheiten vorzustehen. Ihre Mission allhier ist leider nun erledigt; verbergen Sie Ihre Scham in Amerika, bis der General Sie zur Rechenschaft rufen läßt. Es verfließen indessen Jahre, die Sache schlummert ein, und ein simpler Verweis tritt an die Stelle der harten Pönitenz.«
Der Doctor nahm mechanisch die Commission, ohne ein Wort zu erwidern. Der Superior sowohl, als die Hauswirthin, die ängstlich herbeikam, drangen in ihn, sich in Sicherheit zu setzen. Kaum, daß ihm die Zeit verblieb, seinen James zu umarmen. »Ich gehe nach Paraguay!« sagte er weinend zu ihm; »das Schicksal macht hier ein schnelles Ende mit uns. Wir sehen uns vielleicht nie wieder. Folge darum dem ehrwürdigen Pater Superior, der dein Glück will! Vergiß, armer Getäuschter, und zürne mir nicht!« —
Der Jüngling war von dem Augenblicke zu sehr erschüttert, um auf die Rede seines Pflegevaters merken zu können. Der Superior riß den Doctor unwillig mit sich fort, und ermahnte den jungen Engländer im Novizenmeisterton, seine Packarbeit zu fördern, die Effekten vor das Friederthor zu schaffen, und bei dem Wagen seiner zu warten, um mit ihm sich zu entfernen. Hierauf schlugen die geistlichen Herren, die Hüte tief in die Stirne gedrückt und herabgekrempt, den Weg nach Müssingers Wohnung ein. Ein heftig niederstürzender Regen begünstigte ihre schnelle Wanderung. Die Kirchenglocken riefen von allen Seiten die Gläubigen zum Gottesdienste, und leerten die Straßen. Ohne Aufenthalt waren die Väter an des Senators Thüre gekommen. Sie war verschlossen.
»Der Senator ist in der Kirche!« sagte der Superior, sich besinnend. »Wir erlaubten ihm ja gestern, als wir die Register brachten, das Possenspiel mitzumachen, um seinen Leumund wieder zu heben.«
»Ich habe glücklicher Weise den Schlüssel zu der Hinterthüre in der Tasche,« versetzte der Doctor; »er gab mir ihn, um unbemerkt zu kommen, wann ich wollte; es ist sonderbar, daß es heute zum ersten und letzten Male sein muß.«
Sie traten in das Gäßchen; der Schlüssel paßte, und die Herren stellten sich unter das Gewölbe des Hauses, um zu berathschlagen, ob der Senator zu erwarten, oder vielmehr rathsam sei, daß der Superior oder der Doctor zuerst sich auf die Flucht mache. —
Während dieses in seinem Hause vorging, saß der Senator, noch von Allem ununterrichtet, mit den Seinigen im Betstübchen der Johanniskirche. Das Gebäude war gedrängt voll. Das schlechte Wetter hatte es ungewöhnlich angefüllt. Die Orgel schmetterte die Melodie des Liedes, und nachdem einige Verse desselben verklungen, betrat Pastor Lammer die Kanzel. Sein Gesicht war feurig, seine Augen sprühten und rollten in der Runde umher. Auf dem Oratorium des Senators haftete ein drohender staunender Blick, dem alle Augen der Anwesenden folgten. Heftig zerrte des Predigers Hand an der faltenreichen Krause; er hustete; er öffnete den Mund, ...da fiel ein Donnerschlag ein, dessen Vorgänger unter dem geräuschvollen Orgelspiel nicht gehört worden waren, und ein Blitz leuchtete durch die grauen Fensterscheiben, die der Stromregen peitschte. Lammer sah, während ein Laut des Schreckens durch die Kirche ging, furchtlos nach der Seite, wo der Blitz erschienen, ...seine Mienen nahmen eine gewisse Begeisterung an, — verächtlich schob er das Concept seiner Predigt, das vor ihm auf dem Kanzelrande lag, hinunter, und begann plötzlich aus dem Stegreife mit aller Kraft seiner Stimme:
»Du donnerst, Herr der Welten? Du starker zorniger Gott? ja, Barmherziger, entziehe mich heute der schweren Pflicht, deine Gebote zu erklären! Nimm selbst das Wort, damit gerade am heutigen verhängnißvollen Tage die Sünder zittern und ächzen, wenn du in deinem Zorne sagst: »Ich bin der alleinige starke Gott, und du sollst keine Götter haben neben mir!« Laß deine Gewitter rollen und den grauen Schleier vom Himmel nieder fallen, damit die Natur in Sack und Asche traure; schreibe einen außerordentlichen Bußtag aus für außerordentliche Sünden! denn sie haben dein erstes Gebot mit Füßen getreten! denn sie haben andere Götzen neben dir! denn sie haben dich geschändet, als wärst du nicht der starke eifrige Gott, sondern das elende Heidenbild Dagon, ein zerbrechliches Stück Koth! aber sie täuschen sich, denn sie knieen vor den faulen Götzen! sie betrügen sich, denn sie haben keine Bundeslade, vor welcher du den Staub küssen müßtest! sie haben sich belogen, denn ihnen ist die Hölle worden; meine Brüder! vernehmt, daß das Weib aus Babylon auferstanden war, daß es sich gelagert hatte an den Thoren dieser Stadt, und daß es gesprochen: kommt her, die ihr mich heimlich lieben wollt, und sündigt mit mir! — O der Schande! o des Gräuels! o der verfluchten Ueppigkeit! sie sind nicht vorübergegangen an dem frechen Weibe! sie haben ihr Ohr nicht vor der Schlange verstopft! sie haben mit ihr gebuhlt! ja, meine Freunde! ja, meine Brüder! das römische Pabstthum hat eine Winkelstube in unserer Stadt errichtet; es hat vielen Eurer Mitbürger das ewige Seelenheil gegen falschen Tand abgetauscht. Doch nicht alle Sündige waren verstockt; ihrer waren etliche, die Reue fühlten. Sie haben bekannt. Die Kapelle ist entdeckt, die Hülle ist von der abscheulichen Verschwörung der Finsterniß gefallen! sie sind entlarvt, und harren angstvoll der verwirkten Strafe!«
Eine Bewegung der Unruhe, des Abscheus, der Bestürzung, durchlief die Versammlung, und jedes Ohr horchte neugierig auf die Fortsetzung der Predigt. Der Senator konnte sich kaum vor Schrecken an der Brüstung des Betstübchens erhalten; die Senatorin starrte dumm und nicht begreifend auf den Prediger; Justine, ahnungsvoll und beklommen, behielt den Vater ängstlich im Auge. — Der Prediger fuhr mit erhöhtem Kraftaufwande fort:
»O, wie zittern jetzo die Herzen der Sündigen! wie werden sie wünschen, gar nicht geboren zu sein! und dennoch selig noch diejenigen, die Schaam und Reue empfinden! seliger noch diejenigen, die ihre schweren Verbrechen durch ein aufrichtiges Geständniß versöhnten! aber dreimal verworfen diejenigen, so in ihrem Irrthume, in dem Laster beharren! dreimal verworfen die gottlosen Priester aus Babel, die das Volk des Herrn verführt haben, und Unkraut gestreut unter den Waizen! — Wie soll ich euch aber nennen, Gottesläugner! was soll ich euch prophezeihen, ihr Verstockte! die mit der Abtrünnigkeit noch Heuchelei verbinden? die mit glatter Stirne den Tempel des wahren Christenthums besuchen, und das falsche im Busen tragen? besser wäre es, ihr bliebet aus dem Hause Gottes, das ihr durch eure betrügerische Gegenwart verunreinigt! — wie soll ich aber denjenigen nennen, der — selbst ein Richter im Volke.... der — selbst ein Erhalter der Gesetze — das Volk verräth, indem er dessen Verführung begünstigt?... das Gesetz schändet, indem er thut, was es in seiner Weisheit verbietet ...? den ehrwürdigen Senat, dem er angehört, brandmarkt durch seine entsetzlichen Frevel? ihn, der schamlos genug ist, sich allen Augen im Tempel des wahren Gottes Preis zu geben, sich heuchlerisch darinnen zu brüsten, nachdem er, geschweige anderer Unthaten, die erst an's Licht kommen werden und müssen, in dem teuflischen verbotenen Lotto sein Hab und Gut gewagt, und satanisches Handgeld damit gewonnen?... nachdem er ... ich spreche es mit Schaudern aus, meine Brüder, — nachdem er katholisch geworden?«
Der von dem Feuer der tadelnswerthesten Heftigkeit ergriffene Geistliche deutete mit Blick und Finger auf den Senator unverholen hin, der, von Beschämung und Wuth gepeinigt, in den Schatten seiner Betloge zurücksank, nach welcher murmelnd und blasphemirend die Menge gaffte, auf die der wüthende Prediger noch einen Hagel von Verwünschungen niederrauschen ließ. Der Auftritt sollte noch gräulicher werden. Der Senator, an seinem Stuhle nierdergleitend, hatte unbewußt den Arm seiner Frau ergriffen. Diese, die endlich mit abergläubischem Entsetzen begriff, wo hinaus der Prediger wollte, fühlte kaum die Hand ihres Mannes, als sie dieselbe lautschreiend zurückstieß, aufsprang, mit dem Gesangbuche nach dem Ohnmächtigen warf und kreischte: »Weg von mir, elendiger Mann! das fehlte noch, katholisch zu werden! Gott erbarme sich unser! Ich bleibe keinen Augenblick mehr an deiner Seite!« —
Vergebens warf sich Justine ihr bittend in den Weg. Schluchzend, wüthend, wie eine dem Teufel Entlaufende, drängte die Senatorin ihre Tochter von der Thüre. »Weg, Satanskind!« rief sie aus vollem Halse: »helft mir, ihr guten Christen! Ich gehe nicht mit einem Schritte mehr in das Haus der Abtrünnigen!«
Auf der Treppe von einem Schwarme von Betschwestern umringt, die fragten und schimpften, und bedauerten, ging das Kreischen des unvernünftigen Weibes in ein widerliches Heulen über, das der Menge Gemurre und des Predigers Stentorstimme gewältigte. »Ich unglückliches Weib!« schluchzte sie: »wer führt mich zu meinen Verwandten, damit ich sicher sei vor dem Teufel, an den man mich verheirathet hat? Ich habe zu Allem geschwiegen, aber nun kann ich's nicht mehr. Der elende hat im Lotto gespielt, hat den Holländer umgebracht, und nun erst ... katholisch zu werden ...! ich armseliges Geschöpf!«
Endlich wurde sie fortgebracht, und mit ihr ging die Steuercommissärin und viele Freundinnen. »Da haben wir's ja!« sagte die Erste triumphirend. »Da hören Sie's selbst, meine Lieben! den Holländer umgebracht, ... wahrscheinlich nicht minder dessen Sohn, der seit gestern verschwunden ist ...! Lotterie gespielt ... katholisch geworden! und mit alle dem that der schlechte Mann als wie ein Tugendspiegel! Aber mein Mann soll auf der Stelle zum Bürgermeister, und dann wollen wir sehen, ob noch Recht im Lande ist!«
Während dessen schritt, von einem angsterregenden Menschengedränge umgeben, von Justine unterstützt, der todtenähnliche Müssinger durch die Kirche und über die Gassen. Es regnete entsetzlich. »Warum gehst du nicht zu der Mutter?« fragte er die Tochter leise und ohne die Augen zu ihr aufzuheben. »Ich bleibe bei Ihnen,« erwiderte sie sanft: »ich kenne die Mutter nicht mehr. Ich habe im Stillen geahnt, was Ihre Vernichtung mir bestätigt! Ach, ich habe nicht falsch gesehen,.. der Doctor!.. Aber ich liebe Sie jetzt mehr, um Ihres Unglücks willen, und begehre nicht, von Ihnen mich zu trennen.« — »O mein armes, einziges, liebes Kind!« sprach der Senator unter Wehmuthswellen, und schauderte sichtbar zusammen, weil eine Menge Volks vor seinem Hause sichtbar wurde, und die Hellebarden und rothen Röcke der Rathshatschiere von der Thüre daher blinkten. — »Ich werde in Arrest gebracht!« seufzte der Beängstigte. Justine erschrack; ihre Thränen fielen auf seine Hand. Der Senator erhielt im Gedränge einen Stoß auf die Brust; er sah zur Seite und erblickte sein schweres Portefeuille, das ihm eine hülfreiche Hand in den Busen schob. »Einen Gruß von den Herren!« sagte der blasse Litzach zu ihm, der sich wieder niederduckte: »Sie sollen das bewahren und fliehen. Die Bücher sind verbrannt und zerrissen. Ernst hat Sie verrathen, fliehen Sie nach Amsterdam, der Doctor erwartet Sie.«
Die Worte waren wie im Fluge gesprochen worden, und der dem Senator unbekannte Bote verschwand. Der Senator verbarg mechanisch das Taschenbuch, das seine Wechsel und Obligationen enthielt, ohne darüber nachzudenken, wie es wohl aus dem verschlossenen Hause in die Hände jenes Menschen gekommen. Zwei Senatoren, Commissarien des Bürgermeisteramts, die in ihren schwarzen Kleidern und weißen Perücken ungeduldig im Regen warteten, riefen dem verdächtigen Collegen zu, die Thüre schnell aufzumachen. Müssinger gehorchte; Commissarien, Hatschiere, Volk drangen in das Haus. Justine wurde von des Vaters Arm gerissen, und flüchtete in das obere Stockwerk, dessen Treppe von den Hatschieren besetzt wurde. »Ihre Papiere!« hieß es unterdessen zu dem Senator. — Er bückte sich, die Thüre seines Cabinets zu öffnen. Sie war schon offen. Man trat ein. Der Pult war gewaltsam geöffnet ... von den Büchern der Jesuiten, die darinnen verwahrt gewesen, sah der Senator, selber staunend, keine Spur. Unglücklicherweise jedoch fand ein Spürhund in einem Winkel die Legenden der Heiligen Ignaz und Xaver. Als ein Beweis des Gesuchten wurde das Buch mit Jubel empfangen. »Unwürdiger Mann!« sagte ein Senator zu dem verstummenden Müssinger; »die Schlüssel zu der Kasse, damit sie für's Erste in Beschlag genommen werde!« »Oeffnen Sie die geheimsten Fächer des Bureau's!« sagte der Zweite; »man hat Sie mit Seelenverkäufern umgehen gesehen; nach der Aussage Ihrer eigenen Comptoirbedienten Nothhaft und Berndt. Wo ist die Correspondenz über diesen schändlichen Trafik?« —
Müssinger läugnete und verwies auf seine Handelsscripturen.
»Wer seinen Gott verläugnen kann, lügt auch vor Menschen!« sagte Einer der Commissarien: »wie kömmt es aber, daß Ihr Pult bereits geöffnet, gewaltsam geöffnet ist?« —
Müssinger bezeigte seine Unwissenheit.
Indessen kamen zwei Personen herbei, die viel Verwirrung in den Auftritt brachten. Der Erste, ein Schwager der Senatorin, zu dem die bösartige Frau sich geflüchtet und welcher erschien, um deren Eingebrachtes zu reklamieren; der Zweite, der Comptoirdiener Berndt, den Neugierde und Schrecken zu kommen vermocht hatten. Der Schwager der Senatorin mischte sich mit vielem Lärm und aufgeblasenem Benehmen in die Geschäfte der Commissarien, und diese hielten es für gut, den Diener Berndt verhaften zu lassen, weil gegen ihn der Verdacht obwalte, auf vorläufigen Befehl seines Principals aus der Kirche entwichen zu sein, und das Pult gesprengt zu haben, um die schwersten Indicien, sowohl des Katholicismus, als des Lottospiels, als der Seelenverkäuferei, aus dem Wege zu räumen. Während nun der unschuldige Comptorist deprecirte, und die Hatschiere Gewalt brauchen mußten, den jungen Mann, der seiner philadelphischen Sanftmuth gänzlich vergaß, festzuhalten, — während der Senatorin Verwandter seinerseits schrie und die Commissarien übertäubte, die Zuschauer sich um diese Scene drängten, stießen, und kleine Debatten unter sich selbst hielten, erwischte Jemand den Senator Müssinger beim Kleide, und zog ihn mit kecker Faust in das Gedränge, durch das Gedränge, und Niemand bemerkte es im Tumult. James war der Kühne. »Kommen Sie!« flüsterte er dem Staunenden dringend zu, riß ihn durch den Ausgang, unfern von der bewachten Treppe vorbei in den Hof, nach der Hinterthüre, klinkte sie auf, und nun stracks mit dem Geretteten fort durch das öde Gäßchen.
»Wohin, wohin, mein Freund?« fragte Müssinger athemlos.
»Still! kein Wort!« versetzte der Jüngling, und lief, so schnell der Senator selbst konnte, nach einer Querstraße, wo er in ein Haus schlüpfte, das ein Werbschild über der Thüre trug. Er hieß den Begleiter folgen, und trat mit ihm rasch in die niedrige Stube, wo einige Reiter, in bunten Uniformen, saßen und tranken.
»Kameraden!« rief James, als wie begeistert: »Ihr seid Katholiken! Es gilt hier, einen Katholischen zu retten! Einen Helm, einen Reitermantel, ein Pferd für den Verfolgten! Zwei von Euch zur Bedeckung, die ihn geleitet, bis zum Weichbilde geleitet, und nehmt dafür mich hin, mit Leib und Seele! Ich begehre kein Handgeld als den Liebesdienst!«
»Was thut Ihr, mein Freund?« fragte Müssinger verweisend, sank aber erschöpft auf eine Bank. Ein Reiter bot ihm Wein. Die Andern überlegten; endlich, einig geworden, daß ein hübscher Bursche hier zu werben stehe, und wohlfeil, so wie nie, sagte der Wachtmeister: »Meinetwegen, Monsieur. Geb Er mir die Hand, und trink' Er aufs Wohlsein unsers Herrn!« — James stieß eiligst an. — »Pressirt's mit dem armen Mann?« fragte der Unteroffizier weiter. James bestätigte es dringend, erzählte, er habe gehört, man wolle die Thore schließen, um sich der heimlichen Gemeinde desto gewisser zu versichern. Der Unteroffizier lachte der ungeschickten Maßregel. »Unsrer Uniform stehen, so Gott will, alle Thore offen!« sagte er, trotzig den Bart streichend: »schafft nur für den Herrn Stiefel, Mantel und Helm herbei, ihr Bursche. Mit ihm auf's Pferd dann, in Gottes Namen! scharfen Trab! ich bleibe indessen bei dem jungen Rekruten da!«
Während Einer ging, die Monturstücke herbeizuschaffen, und der Andere, die Gäule aufzuzäumen, umarmte Müssinger kraftlos schwankend den Jüngling. »Nehmt die Hälfte meines Geldes!« sagte er, die Brieftasche hinreichend. James stieß sie mit glänzendem Auge von sich. »Ich will schon meinen Lohn fordern, wann es Zeit sein wird!« antwortete er, half dann dem willenlosen Senator seine Verwandlung vollenden, drückte ihm an Statt der Perücke den Helm auf den Kopf, und empfahl ihm, das bartlose Kinn tief in den Radmantel zu stecken. Indem er ihn unterstützte, um ihn zum Pferd zu geleiten, rief Müssinger, wie aus einem Traume auffahrend: »Justine! Meine Tochter! Sie bleibt zurück; und hat doch geschworen, sich nie von mir zu trennen! Edelmüthiger Mensch! wollt Ihr die Krone auf Eure That setzen, und die Angst meiner Tochter endigen? Mein Buchhalter soll sich ihrer annehmen,..... er soll sie mir nachführen..... nach Amsterdam, zu van den Höcken, wo ich ihrer sehnsuchtsvoll warte!«
»Es soll geschehen, Ew. Edeln,« versicherte James: »ich werde sie aufsuchen; — will's Gott! auch sie retten, Ihnen nachsenden. Gott geleite Sie....«
»Armer Mensch!« klagte Müssinger: »wie lasse ich dich zurück? Du hast deine Freiheit, dein Leben um meinetwillen verkauft. Schreibe, melde mir, ob Geld dich wieder befreien kann, und ich....«
»Possen!« rief der Wachtmeister ärgerlich dazwischen: »war er ein Paar Wochen zu Pferde, so begehrt er's nicht mehr anders. Aber zu Pferde, Herr, zu Pferde, müssen auch Sie, damit meine Bursche um Mittag zurück sein können. Der Trompeter bläst. Steigen Sie auf, und machen Sie meinem Gaul keine Schande. Er geht auf's Wort.«
Indessen hatte James dem Senator zugeflüstert: »Ich brauche kein Geld, lieber Herr, und indem Sie mir das trauliche »Du« gaben, haben Sie die Hälfte Ihrer Schuld abgetragen. Leben Sie wohl! Gott mit Ihnen!«
Der Senator wurde auf's Pferd gehoben, und trabte majestätisch zwischen den Reitern durch Stadt und Thor, welches die Stadtsoldaten gefällig und gehorsam vor dem gefürchteten Feldzeichen aufrissen.
Justine wußte von all' diesen Begebenheiten nicht das Geringste. Einer schüchternen Unentschlossenheit hingegeben, hatte sie in ihrem Zimmer sich verborgen, um sich zu fassen. Der scandalöse Auftritt in der Kirche, die Verhaftung ihres Vaters, die Ungewißheit ihrer zukünftigen Lage, bestürmten zugleich ihre Sinne, daß sie auf einen Augenblick die Selbstständigkeit ihres Charakters vergaß. Die Stimme ihres Vetters, der endlich sich vernehmen ließ, — der die Treppen heranstieg, um die Effekten seiner Schwägerin in Beschlag zu nehmen, der von Verschließung aller Gemächer redete, der rauh und ungeschliffen sich bei allen Domestiken nach seiner Verwandten Justine erkundigte, um sie in sein Haus, zu ihrer Mutter zu führen, — diese Stimme raffte Justinens Muth zusammen. Dem eigenwilligen Mädchen erschien plötzlich nichts auf Erden schrecklicher, als unter die Vormundschaft dieses Menschen treten zu sollen, den es längst gehaßt hatte; unter die Leitung einer Mutter, die es von ganzem Herzen mißachten mußte. Justine zauderte nun nicht mehr; sie hoffte nicht ferner auf eine Eingebung von Oben: ihr Entschluß war plötzlich gefaßt. Ihr Vater im Kerker? Welcher andere Ort wäre wohl ihre Stelle gewesen? Ihr Vater verbannt? Welche Pflicht erschien ihr theurer, als die, den Urheber ihrer Tage zu begleiten? Sie ließ, in ihre Stube eingeriegelt, den im Hause herumstöbernden Schwager ihrer Mutter seinem überlästigen Geschäfte obliegen. Sie packte während dessen ihr erspartes Geld, ihre Kleinodien zusammen; sie erwartete mit Herzklopfen den Augenblick, in welchem die Wege zur Flucht rein sein würden; er kam. Sie entschlüpfte; sie eilte die Treppe hinunter. Nirgends mehr eine Wache; das Comptoir verschlossen, und den Vater auf dem Bürgergewahrsam aufzusuchen ihre Aufgabe.
Das Gewitter des Morgens sendete noch immer fürchterliche Regengüsse, Ihrer nicht achtend, trat Justine aus dem Hause. Eine Frau stürzt ihr entgegen; die Lainez. »Wohl mir, daß ich Sie finde!« sagt diese athemlos: »Sie glauben mich im Unrecht. Aber Sie sollen sich vom Gegentheil überführen. Ich habe den Moment erspäht, Sie zu retten. Kommen Sie mit mir, wenn Sie nicht nach Ihrer Mutter verlangen!«
»Ich verlange auch nicht nach Ihnen!« antwortet Justine, und will sich von der Französin losmachen: »lassen Sie mich! mein Vater ist im Gefängniß! ich will — ich muß zu ihm!«
»Zu ihm? Sie wissen aber nicht?...«
»Was, Madame?«
»Ihr Vater ist entwischt; Niemand weiß, wohin!«
»Entflohen? Gott sei gelobt! Adieu, Madame, ich folge ihm!«
»Wie? ohne Spur? ohne Nachricht?«
»Der Herr wird mich erhören. Meine Angst wird ihn finden! Lassen Sie mich!«
»Sie machen sich unglücklich! Der Senator hat ohne Zweifel die Stadt verlassen!«
»Gleichviel! Ich suche ihn auch nicht in dieser Stadt!«
»Sie sind aber hier eingesperrt. Alle Thore sind geschlossen; Niemand wird ohne die strengste Untersuchung hinaus gelassen. Man kennt Sie! man wacht sorgfältig über die Angehörigen des Senators. Man wird Sie zu Ihrer Mutter bringen!«
Diese Nachricht lähmte Justinens Kräfte. Mit einem tiefen »Ach!« griff die Wankende nach der Hand der Französin, die mit ihr indessen an die Ecke der Straße gekommen war, und dringend weiter redete: »Aufschub ist's, den Sie gewinnen müssen! Lassen Sie die ersten Tage der Unruhe vorübergehen! Sie werden ohne Zweifel Nachricht von dem Vater erhalten! Rauben Sie sich jedoch nicht die nöthige Freiheit, ihm alsdann folgen zu können. Vertrauen Sie sich mir. Auch ich bin verfolgt, fürchte ich; auch mich verdächtigt mein Aufenthalt im Johanniterhofe, obgleich meine Seele rein an jenen Umtrieben ist, rein wie ein Sonnenstrahl. Ich weiß einen Ort, der uns Beide verbirgt, der uns für's Erste den nöthigen Schutz verleiht. Folgen Sie mir. Sie werden daselbst sichrer sein, als unter den Augen Ihrer Mutter, die vielleicht Schuld an dem ganzen Unheile trägt, das Ihren Vater betroffen hat.«
»Lieber in den Tod als zu dem despotischen Onkel, — als zu der Mutter, deren Vorwürfe mich umbringen würden!« rief Justine; »ich will noch einmal an Ihre Aufrichtigkeit glauben. Bringen Sie mich von hier!«
»So eilen Sie!« ermahnte die Lainez, und führte Justine schnell mit sich von dannen; weit vom Vaterhause, auf dem Paulsplatz, wo sie sehr durchnäßt ankamen, allein doch unbeachtet. Rasch schritten die Frauen auf die Kirche los; heftig zog die Lainez die Glocke an dem Pförtchen des Thurms. Die wenigen Minuten, deren der Thürmer bedurfte, um herabzukommen und aufzuthun, wurden den Harrenden zu Ewigkeiten. Endlich ... Schlüsselklang ... das Pförtchen geht auf. Pahlens empfängt verwundert, freudig erschreckt, die Einstürmenden. »Gott grüße Sie, Herr Pahlens!« ruft die Lainez in Eile; »oben ein Näheres!« und mit flüchtigem Fuße eilen die Frauen über die hölzernen Stiegen; an Glocken und Uhr vorüber, über die finstern Wendeltreppen, durch die finstern Gangschluchten, und an den hohen Luken vorbei, die eine schwindelerregende Gruft vor dem Aufsteigenden eröffnen; und nimmer ruhen und nimmer rasten sie, bis der letzte Treppenabsatz erklimmt, und die Plate-Forme des Thurms erreicht ist, wo der heftig ziehende Luftstrom sie zwingt, in des Thürmers Stübchen einzutreten, Platz zu nehmen, Odem zu schöpfen, und endlich dem nachgefolgten Pahlens die Absicht ihres Kommens zu erklären. Die Französin faßt sich hierin, so wie in Allem kurz.
»Sie wissen, Monsieur, was in der Stadt vorging,« sagt sie mit vertraulichem Tone zu dem Thürmer; »wir sind ebenfalls das Opfer jener traurigen Ereignisse. Wir fordern von Ihnen Schutz und sichern Aufenthalt für wenige Tage, und erwarten von Ihrer Galanterie die Erfüllung unsers Begehrens!«
Ein Strahl von Freude und Behagen fuhr über Pahlens Gesicht; vergnügt rieb er sich die Hände, und versetzte: »Sie kommen zur besten Stunde, meine Damen. Mein Gehülfe wurde gestern in das Landkrankenhaus gebracht, und ich bin allein. Mehrere Tage hindurch kann ich mich wohl allein behelfen, und der Magistrat wird mir die Schonung seiner Kassa danken. Ueber diesem Zimmer, in der Kuppel des Thurms, befindet sich das schönste Belvedere; ein Plätzchen, wie geeignet, die Göttin Venus mit ihren Grazien und Amoretten zu beherbergen. Sie werden daselbst wohnen, ungestört sein, und nur die Vorsicht beobachten müssen, sich nicht sehen zu lassen, wenn sich Neugierige oder Leute, die hier oben Geschäfte haben, auf dem Thurme einfinden.«
Justine, von dem albern galanten Wesen des Thürmers unangenehm berührt, drang darauf, das gerühmte Kuppel-Zimmer auf der Stelle zu beziehen. Ihrem Wunsche wurde also willfahrt, das Frauenpaar in sein Asyl eingeführt, das in der That eine gewisse Eleganz darbot, und eine vielversprechende Fernsicht; heute freilich von Regenschleiern verhüllt. Pahlens, nachdem er sich in seinen besten Putz geworfen, trug seinen Schutzbefohlenen Alles auf, was die beschränkte Speisekammer des Junggesellen vermochte, und lud seine Gäste ein, seine Gaben nicht zu verschmähen. Die Lainez ließ sich nicht nöthigen. Justine versagte, setzte sich an's Fenster, sah hinaus in die grauen Wolkenmassen, und weinte und seufzte, und machte Pläne.
Pahlens, nachdem er vergeblich versucht, der Jungfer, die sein Herz erobert, ein Wörtchen abzugewinnen, ging verdrüßlich davon, die Stunde zu schlagen; ließ die Frauen allein.
»Wohin sind wir gerathen?« fragte Justine heftig: »wie sind Sie hier bekannt geworden, Madame? Von der Discretion eines geckenhaften Menschen abzuhängen, der mich durch seine Zudringlichkeiten ärgern könnte, machte ihn nicht seine Albernheit lächerlich! Warum habe ich mich von Ihnen beschwatzen lassen?«
»Wissen Sie einen Ort, an dem man uns weniger vermuthet? an dem wir unbemerkter sind?« fragte die Lainez einsilbig dagegen, und setzte bei: »ich kenne den Herrn dieses lustigen Hauses zwar nur oberflächlich, aber getraue mir, für die redliche Reinheit seiner Gesinnung zu bürgen. Fürchten Sie keine Beleidigung Ihrer Würde, keine Verletzung des Anstands. Was Sie auch von mir halten mögen ... ich bin eine Freundin und Bewahrerin strenger Sitte, und Niemand wird mehr als ich von einer Unbescheidenheit verletzt. Schlafen Sie deshalb ruhig. Morgen leuchtet uns vielleicht ein günstigerer Himmel. Vielleicht sind wir so glücklich, etwas Näheres von Ihrem Vater zu erfahren, und Ihr Zweck ist dann erreicht.«
Dieser Zuversicht sich überlassend, fügte sich Justine in die seltsame ungewohnte Lage. Der Abend kam, und verging bei einsamer Kerze, und bei'm Lautenspiel des Thürmers, der sich's nicht nehmen ließ, die Frauenzimmer zu unterhalten, bis die Zehner-Glocke geläutet werden mußte. Pahlens Fürsorge hatte den Damen auf den Ruhebettchen des Belvedere ein erträgliches Lager bereitet. Er wünschte ihnen gute Nacht, und empfahl ihnen das Licht zu löschen, damit der Wächter, der nach zehn Uhr auf dem Thurme einzutreffen habe, nicht Unrath merke.
Justine verriegelte die Thüre. Die Lainez löschte die Kerze. Die beiden schönen Flüchtlinge versuchten, ohne ein Wort ferner zu wechseln, zu entschlummern. Justinens Augen floh jedoch der Schlaf; ihrer Begleiterin ging's nicht besser, denn Justine, ganz stille ruhend, hörte plötzlich, wie sich die Lainez leise aufrichtete, und in französischer Sprache, — in der Meinung, ihre Gefährtin schlafe, — zu beten anfing. Das Gebet war an die Himmelskönigin, an die heilige Jungfrau gerichtet, und die Flehende forderte die göttliche Mutter auf, durch ihre Gnade den traurigen Zustand zu endigen, in dem sich gegenwärtig die Bittende befinde; ihr es möglich zu machen, den lauernden Feinden zu entgehen, und unter den Schutz der Gläubigen zurückzukehren. Sie fügte hinzu, die Jungfrau möchte diese Gnade auch auf ihre Gefährtin ausdehnen, die um ihrer Eigenschaften willen, zu dem besten Glücke würdig und berufen sei. Sie möchte ein Wunder ihrer Huld thun, um das Seelenheil der Protestantin zu retten, sie auf die Bahn, die ihr Vater betreten, zu führen, ihr alle Sünden zu erlassen, sie frei und glücklich zu machen! Wenn die göttliche Fürsprecherin alles dieses Verlangte thue, so verspreche ihr die Beterin eine neuntägige Bußübung, ein vierzehntägiges Fasten und eine Votivtafel dem wunderthätigen Bilde zu Montserrat. Hierauf begab sich die Lainez wieder zur Ruhe, und entschlief bald in vollkommener Friedseligkeit.
Justine, welche aufmerksam gelauscht hatte, machte ihre besondern Betrachtungen. In dem Grade, als ihr Mißtrauen gegen die Französin zunehmen mußte, in der sie nun eine eifrige Katholikin, und — wie sie im Verlauf des letzten Tages geahnt hatte — ein Werkzeug ihrer beabsichtigten Bekehrung empfand, nahm auf der andern Seite wieder ihr Vertrauen zu der Person zu. Die Lainez hatte ja in ihrem Gebet die Protestantin mehr noch den himmlischen Mächten empfohlen, als sich selbst; sie hatte für Justinens Erleuchtung und Rettung gebetet, sie hatte dafür ein Gelübde geleistet! Justine dankte ihr im innersten Herzen für die Beweise einer liebevollen Theilnahme, und vergab ihr allen Unglimpf. Justine beneidete sogar die Französin um ihr Vertrauen, um ihr gläubiges Gebet, das den ruhigen Schlaf auf die Augen der Beterin goß, erzeugt von der Zuversicht, daß das Gebet erhört, das Gelübde vergolten werden müsse. Justinens Auge blieb wach und munter ihr Ohr. Sie sah die Streiflichter der Wächterlaterne, die um das Thurmzimmergebäude die Runde machte; sie hörte Pahlens und des ablösenden Wächters Stimme, das heisere Gebelle des Wachthundes, die von Stunde zu Stunde gegebenen Posaunenstöße in die weithallende Luft, das erschütternde Ausheben der großen Uhr, die Donnerschläge der allzunahen Stundenglocken. Unwillkürlich dachte sie an die Mährchen ihrer Amme, an das Traumgesicht, das Georg Birsher erzählt hatte. Sie blickte sorglich nach der Gegend der Thüre, ob nicht etwa des alten Amerikaners wahrhaftiger Geist hereinschreiten werde. Aber quälender wurde ihre Angst, marternder ihre Schlaflosigkeit erinnerte sie sich der verflossenen Tage, des Glücksruins ihres Vaters, seiner Verblendung, seiner Flucht, des Verschwindens ihres Verlobten. Eine traurige Zukunft rollte sich vor ihrer Einbildungskraft auf, und sie hätte sich aus den Fenstern des Thurms in das Wolkenmeer geworfen, wenn es möglich gewesen wäre, auf demselben überzuschiffen nach der Weltgegend, in welcher sich ihr Vater befand. Dem Andenken des, gewiß auf immer von ihr getrennten Verlobten weihte ihr Herz nur eine vorübergehende Klage: des Vaters Bild erfüllte es ganz. Seine Führerin, seine Begleiterin in dem Labyrinthe seines Unglücks zu werden, schien ihr Beruf zu sein, und sie sehnte den Tag herbei, der ihr vielleicht Kunde zu geben bestimmt war. Der Tag kam herauf, herrlich und prächtig, wie sein Vorgänger häßlich und stürmisch gewesen war. Justine badete ihre glühende Wange in dem kühl strömenden Glanzmeere, das um des Thurmes Spitzen lag. Die Nebel des Himmels hatten sich zerstreut, waren am Horizonte niedergesunken. Durch die durchbrochenen gothischen Geländer der Plate-Forme schimmerte das tiefe Blau des Himmels, und über dem frei ragenden Gipfel strahlte ein feines durchsichtiges Dach von Azur. Schaaren von munterem Gefieder strichen neckend oder majestätisch vorüber. Der Storch klapperte fröhlich in seinem Neste; mit ihm um die Wette gurrten die Ringeltauben des Thürmers. Eine köstliche Aussicht hatte sich durch die Nacht zum Licht emporgearbeitet. Die weite Fläche um die Stadt, nur in der weitesten Ferne von Gebirgsumrissen begränzt, prangte in der vielfarbigen Fülle des nahenden Herbstes. Städtchen mit glänzenden Thurmknöpfen, Kirchdörfer mit luftigen Ziegeldächern, zwischendurch belebte Landstraßen, oder weite Baumgelände, oder grüne Fluren, oder silberne Ströme, oder abgelesene Felder und frisch umgewühlte Aecker, über deren Furchen wunderliche Herbstseidenfäden ihren weichen, eisgleichen Spiegel gezogen hatten — entzückten das Auge. Die ansehnliche Stadt, von grünen Bastionen, alterthümlichen Warten und dem Strome umzogen, bildete gleichsam den Korb, aus welchem man in's Weite sah. Justine hatte diesen Anblick noch nie gehabt. Sie hatte noch nie hernieder gesehen in die dunkeln Straßen, auf die volkreichen Märkte, auf die Giebel der Häuser, auf die niederer liegenden Kirchen. Sie suchte, sie fand ihr Vaterhaus, die Wiege ihrer Freuden; sie suchte und fand den altergrauen Johanniterhof, die Wiege ihres Leidens und des Unglücks ihres Vaters; sie suchte nicht das Gasthaus, das ihren Bräutigam beherbergt hatte, damit ihr Schmerz nicht erwache; sie suchte aber die Straßen, die von den Thoren in alle Weltgegenden ausgingen; sie versuchte zu errathen, welche ihr Vater wohl eingeschlagen haben mochte, oder ob er vielleicht noch in der dumpfigen Häusermasse athme, deren Bewohner sich gegen ihn und seine Schwachheit verschworen hatten. Sie lief, ohne sich des »Warum?« bewußt zu sein, nach der Thüre, sie öffnete dieselbe unschlüssig, und hörte plötzlich vom Fuße der schmalen Treppe, die in's untere Gemach führte, leise Flüsterworte, eine Unterredung, die sie nahe mit anging. Pahlens und die Lainez, die schon seit einiger Zeit das Gemach verlassen hatte, sprachen zusammen, heimlich und vertraulich — von Justinen.
»Sie können sich leicht denken,« sagte der Thürmer: »wie mich's allarmirt hat, als ich's vernahm. Es ist doch Schade um die magnifique Jungfer. Parole d'honneur! die Mama und der Vormund wollen sie, sobald sie ausfindig gemacht worden, in die Kostschule sperren lassen, weil sie dergestalt an ihrem Vater hängt. Es wird behauptet, sie sei, wie er katholisch geworden, und dieser Schmutz müsse abgekratzt werden.«
»Nichts weniger als das,« versetzte die Lainez: »indessen müssen Sie, Monsieur, uns weiter helfen. Der Superior hat mir das Mädchen auf die Seele gebunden. Ich muß Wort halten, damit auch mir einst Wort gehalten werde.«
»Ich will wohl behülflich sein,« sprach Pahlens wichtig: »aber um den Lohn begehre ich auch nicht zu kommen. Sie wissen, meine Beste, wie mich der blinde Cupido selbst aveugle gemacht hat. Ich bin amoroso dergestalt, daß ich mit Thränen meine Speisen salze, und täglich und nächtlicherweise von Morpheo verlassen werde. Wenn mir die ehrwürdigen Patres die Holdselige zur ehelichen Hausfrau geloben wollten, ... auf das Vermögen thäte ich Verzicht, und baute irgendwo mein stilles Arcadia an. Könnte ich alsdann in irgend einem Dome Organist werden, so sollten die dankbarsten Liebesgötter meine Register handhaben.«
»Sie sind eigennützig, Monsieur Pahlens,« entgegnete die Lainez empfindlich.
»Ich opfere auch Alles auf, bis auf die Braut, die ich adorire,« sagte der Geck: »wenn es herauskömmt, daß auch ich den Staub des Lutherwesens abgeschüttelt, so würde ich's nicht läugnen, und folglich meinen Bündel schnüren müssen, und von denen Musis erwarten, wo ich wieder meinen Unterhalt fände. Nicht wahr? Wäre hingegen Jungfer Justine meine Verlobte.... vraiment! noch heute sagte ich auf, zöge morgen ab, und erhielte alsbald meinen Abschied, weil sich Zehne für Einen um meinen Dienst bewerben.«
»Das Mädchen will seinen freien Willen haben, Monsieur Pahlens.«
»Recht, beste Madame. Sie soll meine Devotion erkennen lernen, und wenn sie meine liebeslustigen Sentiments erfährt, wird sie nicht unempfindlich bleiben. Die Zeiten sind anders. Der Papa davon gelaufen ... die Mama, die sie einsperren will; auf der andern Seite dagegen der niedliche Pahlens, ein Virtuose auf vielen musikalischen Instrumenten und heftig verliebt;.... ich bin gar nicht bange zu reussiren, wenn Sie mir Ihren Beistand nicht versagen, und ein acht Tage hier oben verweilen.«
»Warum nicht gar? Sie müssen uns so schnell als möglich wegbringen. Man gibt vor, ihr Vater habe sie beschieden ... wohin? das ist gleichviel. Sie geht in die Falle. Wir bringen sie in den Bereich des Superiors, und das Zureden desselben, wie Ihre galante Bewerbungen werden das Uebrige thun. Wir Weiber sind schwach, Monsieur, und weichen gerne der Schmeichelei, wenn uns die Stütze eines Vaters fehlt.«
»Wenn Sie meinen.....« fügte Pahlens hinzu, und das Gespräch verstummte.
Justine zog sich, empört und erschreckt von dem, was sie vernommen, zurück. Sie mochte überlegen, wie sie wollte, sie war gefangen und gebunden. Dort, wenn ihre Hartnäckigkeit einen freien Abzug von dem Thurme erzwang, die schimpfliche Einsperrung in die Kostschule, worinnen ungehorsame Töchter oder leichtsinnige Weiber oft Jahrelang ihrer Lossprechung entgegenharrten; und dann die Autorität eines steifen unfreundlichen Familienraths, endlich der Spott, die ehrenrührigen Gerüchte der müßigen Stadtschwätzer. — Hier eine begünstigte Flucht, die Hoffnung, den Ketten zu entrinnen, aber der Zwang einer lügenhaften Verstellung, die Gewalt eines intriganten Weibes, eines affenhaften Liebhabers, und irgend eines Superiors, den sie nicht kannte, nicht begriff, und der entscheiden sollte, ob sie den Thürmer zu heirathen hätte, oder nicht! sie sah sich schon im Netz heimtückischer Katholiken, und wenn hin und wieder ihr die Vernunft schmeichelnd zuflüsterte: sie möchte sich der Verstellung unterziehen, zu glauben vorgeben, was man ihr von Vaters Befehl vorspiegeln werde, und auf der Reise eine Gelegenheit suchen, von ihren falschen Freunden loszukommen, — so sträubte sich doch dagegen sowohl ihr gerader Charakter, als auch die so natürliche mädchenhafte Schüchternheit. Wer wußte, ob sich jene Gelegenheit fände? ob man sie nicht bereits in einen katholischen Zwinger gebracht, ehe sie an ein Entrinnen denken konnte? wer gab ihr auch zunächst die Versicherung, daß sie den Vater finden würde, sie, ein hülfloses unerfahrenes Mädchen ohne Schutz? ja, wenn Georg an ihrer Seite gewesen wäre! auf ihn, den besonnenen und entschlossenen Mann hätte sie jede Hoffnung gesetzt! aber ... allein?
Sie verlor sich in trostlosen Betrachtungen. Die Lainez verließ sie darinnen, um, wie sie vorgab, einen schnellen Gang durch die Stadt zu machen, um zu erfahren, was sich Neues zugetragen. Justine würdigte sie kaum eines Abschiedgrußes, und verschloß vor dem Thürmer, der gern den Anfang seiner Bewerbungen gemacht hätte, die Thüre.
Wie sie nun da saß, und überlegte, und zu keinem klaren Willen gelangen konnte, hörte sie auf der Gallerie schwere klingende Tritte nahen. Ein Blick der Neugierde flog durch die ringsum freien Fenster des Belvedere.
Zwei Männer in Uniform erstiegen die Plate-Forme, und der Voranschreitende, mit leuchtenden Achselbändern und einer vielfarbigen Schärpe geziert, von dessen Kasket eine breite Feder wehte, belobte alsobald die wunderschöne Rundsicht, deren man von dem hohen Standpunkte genoß. Pahlens, die Mütze in der Hand, trat zu ihm, und beeilte sich, dem Besuchenden dienstfertig die verschiedenen Theile des großen Rundbildes zu erklären, nannte ihm die Hauptgebäude der Stadt, die umliegenden Dörfer, und ließ sich eines Breitern in die Erläuterung der bestehenden Wächter- und Feuerordnung ein. Der Offizier hörte freundlich zu, sendete Fragen auf Fragen, und schien mit seiner Expedition auf den Paulsthurm sehr zufrieden. Sein Begleiter indessen, in derselben Uniform, doch ohne Silber und Schärpe und Feder und Achselquaste, ein gemeiner Reiter und dienender Gefährte des Offiziers, nahm keinen Antheil an dem Gespräche, und wanderte einsam um die Gallerie, bis er auf die, dem Offizier entgegengesetzte Seite zu stehen kam. Da legte er beide Ellenbogen auf das Geländer, stützte sich auf diese, und bückte sich nachdenkend hinunter. Justine war dem Menschen gefolgt. Er hatte — so fremd seine Kleidung war, — so viel Bekanntes in seiner Haltung; ... neugierig lauschte sie, verwendete kein Auge von ihm, und ... als er einmal das Kasket abnahm, um sich den Schweiß abzutrocknen, als ein jugendlich melancholisches Gesicht darunter zum Vorschein kam — da bewegte sich Justinens Herz in unentschlossener Freude. Der Soldat war James, seine absichtslose Unbefangenheit ein Bürge, daß er hier nicht auf hinterlistigen Wegen wandle; daß er nicht, mit der Lainez einverstanden, gekommen war, um Justine mit eigner Hand noch tiefer in das Netz zu verwickeln, das sie bereits umgab. Vergessen waren alle Beweggründe, die einst Justinens Unmuth gegen ihn gereizt hatten; sein soldatisches Kleid, für Weiberherzen stets ein Vertrauen erregendes, zeugte von einer gänzlichen Veränderung seiner Lage, sein Gesicht von bekümmertem Ernste. Justine fühlte sich hingezogen zu dem Jüngling, der ihr ein Bekannter, ein ehemals geschätzter Freund gewesen. Da der Vater geflohen, da Georg verschwunden — wo hätte sie eine Seele finden können, ihr verwandter, angehörender als dieser junge Mann? er oder Keiner war dazu gemacht, sie den treulosen Händen, worin sie sich befand, zu entreißen, und ein innerer Zug bestimmte sie zur Zuversicht auf ihn.
Ohne sich ihrer klar bewußt zu sein, hatten diese Gedanken den Sieg in ihrem Verstande, in ihrem Herzen errungen. Leise, aber dennoch nicht ohne Geräusch, hatte sie das Fenster aufgezogen. James sah sich um: Ueberraschung, Freude, Entzücken zogen auf seinem Gesichte die fröhlichen Wimpel auf. Justine, ihm verbindlich zunickend, winkte ihm, behutsam zu sein. Er legte beide Hände auf die Brust, sah sie voll Liebe an, und erwartete ihr Begehren.
»Ich bin gefangen,« lispelte Justine englisch, »wenn Ihr, Herr, kein Verschworner der Lainez seid, befreit mich; doch behutsam.«
James, der bei dem Namen der Französin eine Bewegung des Abscheus nicht hatte unterdrücken können, antwortete rasch und ohne zu überlegen: »Mit Gottes Hülfe, Miß.«
»Mein Vater?« fuhr zaudernd und ahnend Justine fort, »meine Zukunft? erfuhrt Ihr Nichts? darf ich Euch vollends vertrauen?«
Die Sporen des Offiziers erklangen, des Thürmers gellende Stimme erscholl; James winkte der holden Bittenden, sich zurückzuziehen. Sie stellte sich hinter den offenen Fensterflügel, den Engländer im Auge behaltend, der sich wieder an das Geländer lehnte, den Blick gleichgültig gegen Pahlens Taubenschlag kehrte, und nach selbsterfundener Melodie ein Liedchen sang, das — nicht künstlich in Strophen und Reim geschnitten — in seiner Nationalsprache dem Mädchen zu wissen that, was ihm noth war: daß der Senator gerettet, daß er sie nach Amsterdam beschieden, daß James, ihre Spur verlierend, beinahe in Verzweiflung gerathen; daß er die Lainez hasse, Justinens Schicksal bedaure, und Alles zu ihrer Befreiung und zu ihrer Rückkehr zum Vater aufbieten werde. Die Thore der Stadt seien wieder offen, und Justine würde noch am Nachmittage Nachricht erhalten.
Justinens Busen erzitterte von Wonne. Der Offizier machte jedoch dem improvisirten Liede ein Ende. »Brav,« sagte er in ziemlich schlechtem Deutsch; »ich sehe doch, daß Seine Melancholie ein Ziel hat. Wenn der Gesang auf die Zunge hüpft, wird auch das Herz ruhig. Er wird mich vollends zu Seinem Freunde machen, wenn Er aufgeweckt und munter ist.« James bückte sich, und wußte, auf geschickte Weise das Kasket in Stirn und Auge drückend, dem umherfaselnden Pahlens sein Gesicht auf's Beste zu verbergen. Nach einigen Worten empfahl sich der Offizier, und James folgte ihm dienstpflichtig. Der Schlüssel tragende Thürmer geleitete sie hinab.
Wie schnell hüpfte nun Justine aus ihrem engen Zimmer! wie freudig tanzte sie auf der Gallerie umher! wie verächtlich sah sie auf die düstere Stadt, wie wonnetrunken auf die fern hinziehenden Heerwege nach Westen, wohin der väterliche Ruf sie beschied. Sie fürchtete keine Tücke von James! sie rechnete auf das Uebergewicht, das sie über die Handlungen des Jünglings stets behauptet ... und nur nach Freiheit, nach Vereinigung mit dem geliebten — unglücklichen Vater, lechzte, alle Bedenklichkeit vergessend, ihre Brust.
Und als Pahlens zurückkam, mit abgeschmackter Schmeichelei ihr näher trat, und den erbärmlichsten Witz, die traurigste Galanterie an sie verschwendete, — als später auch die Lainez erschien, und ihr in einer wohl gesetzten Lüge erzählte: ihr Vater warte ihrer zu Steinstadt mit dem größten Verlangen, und Pahlens werde sich ein Vergnügen daraus machen, sie hinzubringen, — da lächelte sie kindlich unbefangen; die List sprach nicht aus ihren Augen, die krause Stirn verrieth keinen Ernst, keine prüfende Ueberlegung. Sie schien die Vertrauende zu sein, die Einwilligende, die Zufriedene. Die Verbündeten glaubten ihr Spiel gewonnen, und nie war es so trostlos verloren.
Am Nachmittage führte der von Justinens Nachgiebigkeit bezauberte Pahlens selbst einen Balsamhändler auf den Thurm, dessen verschmitzte Augen wie Blitze aus dem bleichen Gesichte strahlten.
»Der Kerl ist ein Fremder; es hat keine Gefahr!« sagte Pahlens zu den Frauen, die sich sträubten, auf der Gallerie zu erscheinen, um die Galanterien auszuwählen, die ihnen der verliebte Thürmer zu kaufen willens war. —
»Mein Gott! ist das nicht Monsieur Litzach?« fragte die Lainez nach einem Blicke auf den Händler. Dieser bejahte achselzuckend, und freute sich, die Madame hier zu finden.
»Einer der Unsrigen!« flüsterte die Französin dem erstaunten Pahlens zu; »was macht Ihr aber mit diesem Kram?« fragte sie weiter.
»Ei nun, Madame,« antwortete der Schauspieler lächelnd; »da es mit der Komödie nicht fort wollte, und meiner Wohlthäter Waizen auch nicht ferner blühte, gab ich mich einem Parfümeur als Hausirer hin; will sehen, ob das Geschäft Weib und Kind ernährt! — Die Herren werden mich ja für die Zukunft nicht im Stiche lassen,« setzte er bedeutend hinzu.
»Seid meiner Fürsorge gewiß, wenn Ihr diskret seid!« sagte die Lainez mit Beziehung und warnend.
»Ich weiß, was ich meinen Glaubensfreunden schuldig bin,« entgegnete der Hausirer, der die Lainez verstand; und in dem Augenblicke, als die Letztere sich zu Pahlens wendete, um ihm zu betheuern, er könne diesem Menschen vertrauen, hatte auch schon Justine ein Blättchen Papier in der zitternden Hand. Sie dankte dem listigen Ueberbringer mit einem Blicke, und trat bald hinter einen Vorsprung des Thurms, um die Post zu lesen. James schrieb:
»Sein Sie um 10 Uhr Abends an der Pforte des Thurms. Ich mußte meinen Capitän in's Geheimniß ziehen. Er läßt Sie in seinem Wagen fortbringen, weil er ein braver, ritterlicher Mann ist. Es quält mich, daß meine Pflicht mich hier zurückhält. Sie sollen indessen — so Gott will — ein Mehreres von mir erfahren.«
Das Billet flog zerrissen über das Geländer. Nachdem Pahlens seine Geschenke gemacht, — nachdem Litzach hinweggegangen, setzte sich Justine in ein Winkelchen, ging mit sich zu Rathe. »Was in aller Welt hat Herrn White zum Soldaten gemacht?« fragte sie sich; »und darf ich mich wohl der Diskretion des Capitäns anvertrauen?« — Ihre Herzhaftigkeit überwand den Zweifel; sie fühlte sich über Furcht erhaben, und suchte nur nach Mitteln, dem verschlossenen Thurme, den Pahlens stets selber öffnete, um die bestimmte Zeit zu entkommen.
Endlich gelangte sie mit dem Plane auf's Reine. Sie wollte gegen die zehnte Stunde, mit welcher der ablösende Wächter im Thurme einzutreffen pflegte, ihr Lager verlassen, die Treppen hinabschlüpfen, und hinter einer Säule am Eingange den Thürmer erwarten, wenn er kommen werde, dem Wächter zu öffnen. Sie wollte alsdann herzhaft den schmächtigen Pahlens zurückstoßen, und an dem Wächter vorbei durch die offene Thüre entspringen. Pahlens Vortheil, dachte sie, würde ihn bewegen, keinen Lärm zu machen, und der Retter nicht weit vom Thurme ihrer warten. —
Von ihren Hoffnungen ermuthigt, hörte sie mit vieler Geduld die Schmeicheleien der Lainez, die Albernheiten des Thürmers an, womit diese, ihr zu gefallen, den Abend tödteten, und suchte frühzeitig das Lager auf. Die Lainez löschte die Lampe aus, und entschlief bald an Justinens Seite. Diese Letztere versäumte keinen Augenblick. Sie war angekleidet geblieben; sie hatte das Päckchen, das ihren Schmuck und ihre Sparpfennige enthielt, unter ihr Kissen verborgen; dieses und die Schuhe in der Hand, entriegelte sie so leise als möglich die Thüre, fühlte sich das steile Treppchen hinab. — Die Stiege knarrte; Justine erschrak: zum Glücke jedoch klimperte Pahlens, in dem Lehnstuhl seines Zimmerchens hingestreckt, auf der Laute, und kämpfte mit dem Schlafe. Justine bemerkte dies, durch das Thürfensterchen schauend, und dankte dem Strahle des durchschimmernden Lichts, der ihr die ersten Stufen der Wendeltreppe zeigte. Muthig betrat sie den dunkeln Weg, vorsichtig den Strick anfassend, der als Geländer diente. Endlich kam sie in den Bereich der Glockenstube, wo die Wendelsteige aufhörte, und die breiten hölzernen Treppen begannen. Eine falbe Sternenhelle schlug durch die riesengroßen Fenster. Das Uhrwerk webte und regte sich mit wunderlichem Geräusch neben der Fliehenden. Sie enteilte der schauerlichen, in abgemessenem Takte pickenden und schnarrenden Nachbarschaft. Ein schützender Geist führte sie die geländerlosen Stiegen, dicht am Rande einer rabendunkeln Tiefe hinab. Ungeziefer raschelte über ihren Pfad, hüpfte und kletterte auf und ab neben ihr; begleitete sie bis in die unterste Halle, wo sie hochathmend stille stand, hinter die Säule, die sie erfaßte, schlüpfte, und mit hoffender Seele wartete; — denn schon glaubte sie, den herannahenden Wächter zu hören, — doch — das war nicht der Schritt eines Einzelnen; mehrere — immer näher kommend....; »sind's die Retter?« fragte sie sich mit gespannter Aufmerksamkeit....
Und plötzlich wurde es sehr laut vor der Thüre: viele Stimmen; Flinten-Gerassel; rohe Reden; Spott, Gelächter, starker Schellenlärm; der vielstimmige Ruf nach der Höhe endlich: »im Namen des Magistrats!« Laternenglanz fiel durch das Schlüsselloch. Justine schreckte auf. »Das sind Verfolger!« klagte ihre ahnende Seele: ... »sie kommen, dich zu fangen! deine Freiheit soll verloren gehen! Oeffnet die Thüre, so geräthst du mitten in die Feinde!«
Sie wendet sich entsetzt zum Rückwege. Sie eilt die Treppe hinan. — Neue auflodernde Angst. Von oben naht sich Schlüsselgerassel, Lampenschein ... Pahlens unzufriedenes Schelten! — Dem verhaßten Menschen, den Verfolgern zu entgehen ... Wo das Mittel? Ihre Hand tappt nach der Seite der Uhrstube, neben welcher sie wieder ist. Sie findet eine angelehnte Thüre; drückt sie auf; stürzt hinein ... klammert sich bebend an zwei dicke Pfosten fest, neben welchen durch man zum Uhrwerk geht. — Sie läßt Pahlens vorüber gehen, hört ihn die Thüre öffnen, hört, wie man ihn gewaltsam ergreift, festnimmt, zwingt, den bewaffneten Troß hinauf zu führen, während unten sorgfältig die Thüre wieder verschlossen wird. Wenige Minuten, und der Schwarm kömmt zurück. In seiner Mitte jammert der arretirte Pahlens. — »Verdammter heimlicher Katholik!« ruft eine Stimme: »du sollst schon reden lernen!« und fort tobt die Schaar, und verläßt den Thurm.
Die Pforte fällt zu; Schlüssel drehen sich im Schloß; schwere Tritte kommen die Treppen herauf. Der neue Wächter gewinnt die Höhe. Seine Tritte verhallen, seiner Lampe Schimmer vergeht; Alles wird still — todtenstill, und trostlos erräth Justine, daß sie ganz verlassen geblieben. Keine Hoffnung zu entkommen ...; kein rettender Zuruf von Außen. Unter der Last ihrer Angst wanken ihre Kniee, schwindelt ihr das Haupt. Da fängt das Uhrwerk an zu rasseln wie Gewitterlärm, Walzen und Räder knarren, pfeifen und rauschen, und die furchtbar große Glocke schlägt an, als ob jeder Streich Justinens Leben zu vernichten hätte. Die Erschütterte sinkt unter den donnernden Schlägen, die nicht endigen wollen, zusammen. Ihr Bewußtsein schwindet. —