ACHTER AUFTRITT

Treten auf Theobald Maske in Trauer und Christian.

THEOBALD nach einer Pause, während der Christian, gegen die Tür gelehnt, schluchzend steht:

Am Schicksal ist nicht zu deuten. Jetzt soll man der Sache ins Auge sehn. Wäre es nicht wie der Blitz gekommen, hätte ich dich vorbereitet. Aber sie war immer für das Überraschende und hat es noch mit dem Tode so gehalten.

CHRISTIAN:

Wir müssen sie überführen und hier mit gebührendem Pomp ...

THEOBALD:

Auch das ist seit gestern vorbei.

CHRISTIAN:

Nicht einmal dazu riefest du mich!

THEOBALD:

Warum sollte ich dir Umstände machen? Und noch dazu wußte ich nicht, ob's dir hier in den Kram paßte. Beerdigung ist immerhin eine offizielle Angelegenheit. Die Sekunde, in der ihr während der ganzen windschnellen Katastrophe schwante, um was es sich für sie handele, hauchte sie auch: Daß nur Christian nichts davon erfährt. Also ganz in ihrem Sinn. Friert dich?

Christian exit.

THEOBALD:

Es hat doch starken Eindruck auf ihn gemacht. Sieh mal an.

CHRISTIAN kommt zurück, einen schwarzen Anzug über dem Arm. Er kleidet sich während des folgenden, teilweise hinter einem Wandschirm, um:

Du darfst jetzt ruhig berichten.

THEOBALD:

Das ist gleich getan. Sie saß auf ihrer Bank, trank Kaffee, wie sie das so machte, immer das Stück Zucker auf der Zunge. Sie hätte Hitze, sagt sie, und sank hin.

CHRISTIAN schluchzt beherrscht:

Keine Krankheit vorher, kein Leid?

THEOBALD:

Nichts.

CHRISTIAN:

Wie lebte sie letzter Tage? War sie froh?

THEOBALD:

Man hatte immer den gleichen Eindruck: es ist eben Luise.

CHRISTIAN:

Wie standest du zu ihr nach jenem Malheur?

THEOBALD:

Ich habe das nie übertrieben; ihr blieb alles, mit Seltenheit und Regelmäßigkeit geführt, verborgen.

CHRISTIAN:

Du hast damals nicht mit jenem Weibe gebrochen?

THEOBALD:

Sie war mir zu phantastisch dazu. Ich schob es besser auf die lange Bank. So blieb es, nicht aufgebauscht, ganz unwichtig und lief ins Gleichmaß der Dinge. Durch mich hatte deine Mutter letzthin angenehme ruhige Tage.

CHRISTIAN:

Ich werde mit dem Architekten, einem Bildhauer wegen des würdigen Grabmals gleich mich ins Vernehmen setzen. Niemandem kann ich anvertrauen, wie ich an ihr gehangen. Vielleicht findet der Künstler den Ausdruck dafür.

THEOBALD:

Vielleicht.

Pause, während der Christian noch Zeichen seines Schmerzes gibt und sein Trauerkleid vollendet.

CHRISTIAN:

Welch trostlose Verkettung der Umstände. Heute hättest du bei dir zu Haus das Telegramm gefunden, das euch zu den glücklichsten Eröffnungen herrief.

THEOBALD:

Du hast uns telegraphiert?

CHRISTIAN:

Ich erwartete euch mit Ungeduld.

THEOBALD:

Was ist hier Wichtiges vorgefallen?

CHRISTIAN:

Kamst du einige Stunden später, du hättest deinen Sohn verlobt gefunden.

THEOBALD:

Schau! Ist das Mädchen hübsch?

CHRISTIAN:

Es ist — Gräfin.

THEOBALD:

Christian! Wo hast du den Mut her?

CHRISTIAN:

Gehört Mut dazu?

THEOBALD:

Jeder aus seiner Haut; denke ich aber, du steckst ein wenig in meiner — da hast du ja einen tollen Satz gemacht.

CHRISTIAN:

Über uns fort, Vater.

THEOBALD:

Es ist unheimlich. Und jene?

CHRISTIAN:

Das ist alles, was du mir dazu sagst?

THEOBALD:

Aus meiner Natur ist es wie ein Knalleffekt!

CHRISTIAN:

In einer ganz natürlichen Entwicklung eine logische Folge.

THEOBALD:

Ein subalterner Beamter ich, deine Mutter Schneiderstochter — es hat etwas von einer Gewalttat an sich. Und der Vater Graf, die ganze Verwandtschaft — Junge, du bist verrückt!

CHRISTIAN:

Was heißt der Unsinn?

THEOBALD:

Das ist doch toller als alle Komödien der Welt. Da machst du einen ja lächerlich. Kennst du denn gar keine Rücksichten mehr? Einen Grafen habe ich überhaupt noch nicht bei Leibe gesehen. Kann man denn nicht zu dir kommen, ohne daß du das Unterste zu oberst kehrst? Ich sage doch! Ein Subalterner in Pension.

CHRISTIAN:

Das ist Larifari.

THEOBALD:

Ein Unglück ist es! Wie wagst du eigentlich, mir das anzutun? Mit Fingern müssen die Leute auf mich zeigen.

CHRISTIAN betreten:

Aber ...

THEOBALD:

Die Seyfferts! Schon deine Mutter war eine überspannte Person. Ich werde närrisch. Habe ich mich doch nicht so, als du damals die Sperenzien mit uns machtest, über den Tod meiner Frau habe ich mich nicht so aufgeregt.

CHRISTIAN:

Aber Vater ...

THEOBALD immer erregter:

Die Maus mit der Giraffe willst du verkuppeln, Seiltänzerstücke machen, ins Anomalische steigst du ja! Deine Mutter stirbt mir mit sechzig Jahren, ich bin sie gewöhnt, mir war's ein Schlag, aber schließlich flüchtet man in die Natur der Sache. Maskes aber, hier dieser gewisse, allenthalben genau bekannte Theobald und eine ganze Grafenfamilie! Es ist um den Verstand zu verlieren.

Christian hat in Resignation das Florett genommen.

THEOBALD ganz außer sich:

Willst du mich morden? Besser bleibe ich ein normaler Beamter hier auf dem Platz, als daß ich der allgemeinen Belustigung zum Opfer falle. Hast du denn aus der Jugend keine Erinnerung mehr? An unsere Stübchen und den Kanarienvogel; nicht wie wir über den Graben schlurften, und du an unserer Seite den Herrn Kanzleirat ehrfürchtig grüßen mußtest? Was aber kann ein Kanzleirat gegen einen Grafen.

CHRISTIAN ängstlich:

Hör mir doch zu ...

THEOBALD:

Und wer sind wir erst auf der Stufenleiter? Daß ich nicht närrisch werde!

CHRISTIAN:

Mir ist deine furchtbare Aufregung unverständlich.

THEOBALD:

Und die Folgen? Ist dir von unmittelbaren, verhängnisvollen Folgen nichts eingefallen, die jedes Kind sieht? Als du uns beide alte Leute in die Fremde schicktest, schäumte ich vor Wut; allmählich aber sah ich mit Luisens Hilfe eine zwar grausame Vernunft darin, den höheren Sinn des Handels für dich, wenn auch nicht für mich. Und da du es sonst an nichts fehlen, den anderen Teil leben ließest, kam ich zur Ruhe.

Er springt auf:

Und jetzt wagst du solchen ...

CHRISTIAN:

Ich unterbreche dich. Sogar ehe an diese Heirat zu denken war, überwältigte mich ein Begehren, das vom Augenblick unserer Trennung an in mir immer stärker geworden ist. Von nun an dachte ich mit euch, da es anders beschlossen ist, mit dir sehr innig gemeinschaftlich zu leben. Ich wollte dich bitten, deinen Wohnsitz überhaupt hierher zu verlegen.

THEOBALD fällt in einen Stuhl:

Das ist klassisch!

CHRISTIAN:

Du ...

THEOBALD:

Nicht dein Ernst?

CHRISTIAN:

Völlig. Ich konnte diesen Grad der Abneigung deinerseits nicht voraussehen.

THEOBALD:

Dein Ernst?!

CHRISTIAN:

Ich begreife nicht.

THEOBALD auf ihn zu:

Wie?

CHRISTIAN weicht unwillkürlich zurück:

Begreife nicht ...

THEOBALD:

Immer noch nicht?

CHRISTIAN:

Das heißt, verstehe wohl, was du meinst. Halte aber dein Bedenken für übertrieben ... teilweise.

THEOBALD:

Übertrieben?

CHRISTIAN:

Andererseits ...

THEOBALD:

Übertrieben?!

CHRISTIAN eingeschüchtert:

Natürlich andererseits — wenn wirklich — natürlich. Mein Gott, müßte man eben auf seinen Lieblingswunsch verzichten — schweren Herzens. Auf deiner Teilnahme an der Hochzeit bestehe ich aber unter allen Umständen.

THEOBALD:

Darauf noch die Antwort: Entweder du machst diesen Vorschlag unbefangen nur so hin, dann bemerke ich: deinen Vater als Clown bei diesem Witz mitwirken sehn zu wollen, ist Unsittlichkeit. Mit einer Gräfin am Arm in meiner Aufmachung durch die Kirche Spießruten zu laufen, später als Mann aus dem Volk lächerlich bei Tisch zu sitzen ...

CHRISTIAN:

Vater!

THEOBALD:

Danke. Oder du willst an mir niedrige Rache dafür nehmen, daß ich dich in deiner Jugend meine väterliche Gewalt fühlen ließ, indem du jetzt vor aller Welt mein Selbstgefühl demütigst; vielleicht aber soll diese Einladung gar ein Pflaster für Mutters Tod sein. Nein, Christian, um Gottes willen nicht! Tu für mich, was du bisher getan, und ich bin zufrieden, und willst du mehr, so überlege noch einmal gründlich, was du vorhast. In jedem Falle aber mußt du mich als eine bestimmte Größe in deinem Lebensplan einstellen: einer, der mit solchen Sachen nichts zu tun hat, dich aber unter keinen Umständen, nicht im geringsten molestiert. Darum bin ich vorhin die Hintertreppe heraufgekommen.

Und nun will ich mir nur noch etwas Garderobe kaufen.

CHRISTIAN:

Mein Schneider, meine Lieferanten selbstverständlich ...

THEOBALD:

Die sind auf unsereinen nicht eingerichtet. Ich habe andere Quellen. Und abends reise ich heim.

Er nimmt Hut und Stock.

CHRISTIAN ängstlich:

Ein paar Tage solltest du wenigstens bleiben.

THEOBALD:

Ich sollte nicht! Laß doch den Firlefanz. Warum sprichst du überhaupt nicht in dem alten vernünftigen Ton mit mir? Ungesehen verschwinde ich auf dem Wege, auf dem ich kam, brauchst mich nicht zu bringen. In der nächsten besten Kneipe esse ich etwas. Und kommst du mal vorbei, ihr Grab zu sehen, soll's mich freuen. Bist, von diesem Unsinn abgesehen, sonst ein guter Kerl; läßt einen leben.