ERSTER AUFTRITT

GRAF:

Er muß nach Worten des Dieners sofort zurück sein.

MARIANNE:

Wir kamen zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. — Da ist der Corot.

GRAF:

Der den Vorwand für unseren Besuch gibt.

MARIANNE:

Ein schönes Bild. Glück, mit solchen Dingen leben zu dürfen.

GRAF:

Es kann dir werden.

MARIANNE:

Als seine Frau? Ist es dein Ernst, Vater?

GRAF:

Ernst, Marianne. Beschäftigt uns beide nicht seit Wochen der Gedanke, ohne daß wir ihn erörtern? Des Mannes Auftreten ward letzthin so dringend ...

MARIANNE:

Liebt er mich?

GRAF:

Wollen wir nicht anders fragen? Nähmst du ihn auch, besäße er seine Reichtümer nicht, die uns aus einer Reihe schwieriger Umstände retten?

MARIANNE:

Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Als du ihn die ersten Male brachtest, wußte ich kaum, wer er war; nichts von seiner Situation. Mein Gefühl entschied frei. Ich empfinde, wie jedes Ding, auf das er seinen Willen wirft, sich mit dem Glück, aus dem heraus man sich einer Naturkraft beugt, schließlich hingeben muß.

GRAF:

Tiens!

MARIANNE:

Ja, Väterchen, hier liegt Entscheidung für Marianne.

GRAF:

Ich hatte vorausgesetzt, du würdest Widerstände in dir zu besiegen haben.

MARIANNE:

Sie sind noch sämtlich unbesiegt. Wir kamen uns nicht nahe, unser Gespräch verließ die Konvention niemals, doch fühlte ich, trat er zu mir, und meine Person richtete sich angegriffen hoch, wie er, just er, mich völlig niederwerfen konnte.

GRAF:

Mich juckt's mit ihm.

MARIANNE:

Warum? Ist dir ein Zug von ihm bekannt, der nicht korrekt war?

GRAF:

Nein.

MARIANNE:

Lebt er nach unseren Gesetzen?

GRAF:

Durchaus. Doch gerade dagegen sträubt sich letzten Endes mein Sinn. Ich beobachte ihn seit zwei Jahren, und was mich anfangs rührte, entsetzt mich jetzt beinahe. Folgt wirklich dieser Bürgerliche seiner Natur, lebt er unser Leben, wodurch unterscheiden wir uns von ihm? Du weißt, ich halte Adel für ein Produkt der Züchtung im Hinblick auf Werte, die ihr Wesen in der Zeit haben, also nicht in einer Generation zu erringen sind. Wie der Herzog von Devonshire, von einem Heraufkömmling um die Pracht der Rasenflächen in seinen Gärten beneidet, und wegen der Pflege um Rat gefragt, zur Antwort gab, man müsse, um solche zu erhalten, nichts tun, als den Rasen früh morgens ein paar Jahrhunderte lang tüchtig bürsten. Voilà. Ich habe in meinem Leben Sonderliches zustande zu bringen nie versucht, war nur ein Adliger mit dem Bewußtsein angeborener Besonderheiten. Offenbart dieser Mann, es bedarf keiner Vorfahren, um gewisse unschätzbare Güter zu besitzen, bin ich in meiner Bedeutung vor mir selbst geleugnet.

MARIANNE:

Kann von einem außerordentlichen Verstand die Summe des uns Eigentümlichen nicht erfaßt, mit Eindringlichkeit der Arbeit an sich selbst langsame Veredelung durch Generationen nicht eingeholt werden?

GRAF:

Besitz, welcher Art er auch sei, wird ersessen. Fehlt ihm dieses Merkmal, ist er erborgt, und es kommt der Augenblick, wo ungünstige Beleuchtung, irgendein Mißgeschick, die Vorspiegelung aufdeckt. Den Moment erwarte ich bei diesem Manne.

MARIANNE:

Mithin stehst auch du in sein Leben verstrickt.

GRAF:

Doch nicht, um mich von ihm besiegen zu lassen, sondern um an ihm die klaffende Wunde zu entdecken, die ihn hinwirft. Ja, selbst um sie ihm bei Gelegenheit beizubringen.

MARIANNE:

So könnte es das Schicksal fügen, ich stünde gegen dich.

GRAF:

Das verhüte Gott!

MARIANNE:

Verhüte du's. Von diesem Manne empfange ich die erste volle Empfindung meines Lebens. Noch schwärmt sie ungeklärt, und mit Glück ist Abwehr gemischt. Ein seliges Geheimnis, das sich natürlich entdecken, doch nicht führen lassen will.

GRAF:

Entlarvt er sich aber vor unseren Augen selbst?

MARIANNE:

Er wird uns im Gegenteil immer undurchdringlicher und überraschender kommen. Die wenigen Zeichen, die ich von seiner Person habe, geben mir Gewißheit, er ist außerordentlich und steht über unserer Voraussicht.

GRAF:

Marianne!

MARIANNE:

So glaube, so fühle ich, Vater. Aber was auch kommen mag, du hast mich eine herrliche Jugend leben lassen. Fünfundzwanzig glückliche Jahre habe ich durch deine Güte gehabt.

GRAF:

Ich war zu nachgiebig.

MARIANNE:

Und wirst es ferner sein.

GRAF:

Nur bis an die Grenze des Möglichen.

MARIANNE eindringlich:

Liebe steckt die Grenzen weit.