SECHSTER AUFTRITT
Sybil tritt auf.
CHRISTIAN:
Kind, ich bin froh. Weißt du, wer kommt?
SYBIL:
Die Eltern.
CHRISTIAN:
Wer sagt dir das?
SYBIL:
Notwendigkeit. Zwei Jahre, seit ihrem Abschied, zappelst du an dem Haken deiner Sehnsucht. Ich wußte, an wen du beim Einschlafen dachtest. Warum, wenn du von großen Gewinsten sprachst, dein Auge hochzuckte. Durch die räumliche Trennung hast du dich auf deine Art völlig in die beiden alten Menschen verrannt. Schließlich brachtest du nichts mehr vor, ohne gleichnishaft einen von ihnen zu erwähnen.
CHRISTIAN:
Ich entbehrte sie schwer.
SYBIL:
Am Ende hattest du dir die Überzeugung beigebracht.
CHRISTIAN:
Mutter und ich waren stets eine Seele. Sie kannte sich gar nicht außer mir. Wie ein kleiner König stand ich zu ihr. Meine große Zukunft bejahte sie im voraus. Wir brauchten uns in dem Gedanken nur anzusehen und lachten. Vater war wie die Begleitung im Kontrabaß dazu.
SYBIL:
Hast du nicht dasselbe Vertrauen unbedingt bei mir gefunden?
CHRISTIAN:
Doch wolltest du Dank. Hier aber war ein Mensch stets unbedankt, stets durch mich glücklich.
SYBIL:
Dafür hat sich dein Vater während dieser Zeit schamlos gegen dich betragen. In der Überzeugung, dich durch sein Erscheinen schrecken zu können, hat er ein über das andere Mal von dir die Summen erpreßt, die er brauchte.
CHRISTIAN:
Insgesamt nicht viel mehr als ein paar Tausender.
SYBIL:
Hätte er eine Vorstellung von deiner geänderten Lebensführung, er wäre anders ins Zeug gegangen. Er würde sich, sähe er die Wirklichkeit, gütlich tun.
CHRISTIAN:
Er soll's. Nichts anderes wünsche ich. Das ist das Dämonische an diesen Geschlechtern, deren Wurzeln noch auf dem Erdboden laufen, die Gesamtheit fühlt nicht einheitlich, atmet und bewegt sich nicht mit einem Ruck von einem Zentrum aus. Es praßt der eine, wo der andre darbt. Ist aber der Gedanke lebendig, von einem Stamm entsprossen, mit ihm durch feinste Adern noch verbunden, ist unser Wohl von seiner Gesundheit abhängig, so freut uns jedes Glück, das ihn in irgendeinem Ast trifft.
SYBIL:
Der Gedanke ist schrecklich altertümlich, nicht aus unserer Zeit heraus.
CHRISTIAN:
Darfst du das behaupten, Mädchen? Weißt du mehr von den Erschütterungen der Epoche als ich? Weil du dich an Phrasen der Sozialdemokratie berauschst, die dir mit dem Recht, das noch der Jämmerlichste hat, die Ohren vollbläst.
SYBIL:
Ich sehe Wirklichkeit. Millionen, die den Hunger zu stillen über den, der den Weg zum Brot sperrt, müssen.
CHRISTIAN:
Kämpfe ums Dasein. Die habe ich auch durchgemacht und dabei ganz anders als Myriaden den Boden in mir aufgerissen; von Trieben geschnellt, flog ich durch den Brei der Bequemen, weil ich wußte, jenseits fängt erst das Leben an. Du sahst ja, wie ich ankam, die Fetzen mir vom Leibe riß und das flatternde Band am Halse zu einer festen Krawatte knüpfte. Mich allmählich zur Form erzog, der der höhere Mensch im Zusammenleben bedarf.
SYBIL:
Nie ruht der Kampf. Auf jeder nächsten Stufe, auf der höchsten, steht der Stärkere, der Todfeind, den du besiegst, oder er vernichtet dich.
CHRISTIAN:
Das ist proletarisch gedacht. Generationen hast du noch zu laufen, bis dir die Wahrheit schwant.
SYBIL:
Und dabei war ich es, die ihn lehrte ...
CHRISTIAN:
Den Fisch nicht mit dem Messer zu fressen, daß ich nicht in den Zähnen stocherte! Über all den äußeren Kram bist du nicht hinweggekommen. Dein Anzug ist der Anzug der Frau von Welt. Aber in welcher inneren Notwendigkeit bist du ihr inzwischen angenähert?
SYBIL:
Das war nicht mein Ziel.
CHRISTIAN:
Ressentiment.
SYBIL:
Und du, weil du dich zu dem Entschluß verstiegst, deine Eltern zurückzuholen ...
CHRISTIAN:
Die ich liebe.
SYBIL:
Da es in der Welt plötzlich Beispiele schlichter Erzeuger gibt.
CHRISTIAN:
Vergöttere!
SYBIL lacht:
Weil es schick wird. Nie würde ein liebender Sohn dulden ...
CHRISTIAN:
Kein Wort mehr!
SYBIL:
Daß deine neuen Kreise sich an der famosen Strohkapotte deiner Mutter, an deines Vaters Schmierstiefeln berauschen. Deine erste Tat, die sie vor Entwürdigung und dich vor Demütigung schützte, war zarteste Rücksicht für sie und klug dazu, wie dein Erfolg lehrt.
CHRISTIAN:
Ich erwarb Geld und muß nicht mehr vor den Nöten des Lebens flüchten. Endlich darf ich verweilen und die irdischen Güter betrachten. Der erste Luxus, den der reiche Mann treibt, ist seine Familie.
SYBIL:
Dein Vater, deine Mutter sind nicht Luxusgegenstände. Liebst du sie wirklich, treibe den Kult im Kämmerlein. Doch opfere sie nicht der Eitelkeit, daß bei dir alles sein muß, wie der gute Ton es vorschreibt. Du willst die Gräfin heiraten. Tu's. Aber gib ihr mit deinen Eltern kein Gleichnis, aus dem sie dich beurteilen kann. Bleib ihr fremd und geheimnisvoll. Du hast so viel, was keiner außer dir besitzt, du mußt nicht auch noch Eltern haben.
CHRISTIAN:
Närrisch bin ich mit dem Gedanken. Meine gesamte Ziffernmacht, allen Einfluß strenge ich bis zum äußersten an, meinem Vater Geltung zu verschaffen. Keine Widerworte! Ich will! Das sind Dinge, für die in dir jede Voraussetzung fehlt, da von deiner Geburt an alles Zufall in dir war.
SYBIL:
Du möchtest eine Kluft zwischen uns aufreißen.
CHRISTIAN:
Sie ist seit langem da. Im Handeln und Denken. Wir sind Fremde. Geh!
SYBIL:
Wirklich so fremd, Junge? Du warst doch der, der Zwanzigmarkstücke von mir nahm?
CHRISTIAN:
Du träumst. Ich bin der, der dich bezahlte, und der dich in diesem Augenblick ablohnt. Spare alle Worte.
SYBIL:
Ein einziges — mein Leben dafür —, das dich kennzeichnete und ausdrückte, wie niedrig ich dich empfinde.
CHRISTIAN:
Finde es zu Haus. Entstellst du mich mit Verdächtigungen wie den eben geäußerten vor dir selbst, zerstörst du dir das Andenken deiner großen Leidenschaft. Doch bleibt das deine Sache. Wagst du sie vor anderen, drohen dir unnachsichtlich die Gerichte.
Sybil steht ihm gegenüber, starrt ihn an und stürzt hinaus.