VIERTER AUFTRITT

CHRISTIAN tritt auf:

Die Komtesse hofft vorbeifahrend Sie gegen zwölf Uhr hier abholen zu können.

Graf Augustus von Palen, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter Marianne.

GRAF:

Da Sie den Antrag so bündig stellen, haben Sie ihn nach jeder Richtung hin reiflich erwogen.

CHRISTIAN:

So reiflich, Graf, wie Sie mit Ihrer Tochter die Antwort.

GRAF:

Nicht doch. Ich kenne die Entscheidung der Komtesse nicht unbedingt.

CHRISTIAN:

Wie lautet sie bedingt? Verzeihung, erst Ihre eigene Meinung.

GRAF:

Ich selbst bin gegen die Verbindung. Doch wird meine Ansicht nur gehört und bleibt ohne entscheidenden Einfluß. Haben Sie mit meiner Zustimmung gerechnet?

CHRISTIAN:

Ich fühlte Ihre starken Widerstände.

GRAF:

Sie bewundernd, mußte ich mich doch fortgesetzt stärker zu Ihnen distanzieren. Die Komtesse dagegen scheint, der Wahrheit die Ehre, einigermaßen von Ihnen emballiert.

CHRISTIAN:

Soll ich meine äußeren Umstände näher auseinandersetzen?

GRAF:

Ich kenne Ihre Laufbahn aus eigener Anschauung, alle überraschenden Erfolge finanzieller und gesellschaftlicher Art. Von Ihrer großen Zukunft bin ich felsenfest überzeugt.

CHRISTIAN:

Gab mein Charakter Grund zu Bedenken?

GRAF:

Er gab keine Angriffsfläche.

CHRISTIAN:

Darf ich fragen?

GRAF:

Ganz offen: Standesvorurteile.

CHRISTIAN:

Danke. Das muß sein. Eben diese innerliche Abgeschlossenheit ist eine Eigenschaft Ihrer Kreise, die ich verehre. Nur gegen meine Person gerichtet, hätte es mich stärker berührt.

GRAF:

Aber Sie können nicht Verehrer eines Prinzips und zugleich Angreifer desselben sein.

CHRISTIAN:

Ich liebe Ihre Tochter.

GRAF:

Sie heirateten sie auch, wäre sie nicht Gräfin Palen?

CHRISTIAN:

Das weiß ich nicht; sie ist als Reiz unteilbar.

GRAF:

Mit der Voraussetzung, die Komtesse nähme Ihren Antrag an.

CHRISTIAN macht eine unwillkürliche Bewegung, die seine Erschütterung verrät.

GRAF:

Bis eben meinte ich, Sie zu kennen. Jetzt, da die Möglichkeit auftaucht, Sie uns näher attachiert zu finden, sehe ich, wie fremd Sie noch blieben.

CHRISTIAN:

Man hat unsereinem gegenüber nicht die Mittel, sich aus einem Buch über den Stall, aus dem er kommt, zu belehren. Tappt gegen eine dunkle Sache.

GRAF:

Wirklich läßt, mit geringen Ausnahmen, der bürgerliche Name seinen Träger anonym. Unaufgezeichnet ist er ungemerkt und in seinen Handlungen unbeaufsichtigt. Wir, die in dieses Buch verzeichnet sind, handeln unter den Augen unserer Sippen das Leben ab, und der Verzicht auf die Wollüste eines freien Lebens in namenloser Masse gibt uns ein Recht, unsere Verdienste bemerkt und belohnt zu sehen.

CHRISTIAN:

Ohne Frage. Doch müßte dem Mann, der den nicht zu beugenden Willen hat, die Konsequenzen solcher Anschauungen zu tragen, der Eintritt in die Gemeinschaft frei sein.

GRAF:

Unbeugsamkeit beweist erst die Zeit an Geschlechtern.

CHRISTIAN:

Die Disposition ist auch aus bürgerlichen Vorfahren zu erkennen.

GRAF:

Ihre Eltern, Voreltern?

CHRISTIAN:

Beamte. Durch das Bewußtsein, dem Staat zu dienen, vorbereitet. Kleine Beamte nur — mein Vater ...

GRAF:

Die schlichte Abstammung offenbart persönliches Verdienst um so bedeutender, wie uns der allerhöchste Herr erst kürzlich wieder belehrte. Der Fall unseres Postministers, der aus ähnlichem Milieu wie Sie stammt, ist der einleuchtendste.

CHRISTIAN laut lachend:

Überhaupt beginnt das ärmlich, aber reinlich gekleidete Elternpaar allenthalben aufzukommen.

GRAF:

In der Tat. Wir kennen nun uns're Ansichten. Die Entscheidung hängt von uns nicht ab — warten wir. Ich muß aber noch hinzufügen: meine Tochter bringt keine Mitgift in die Ehe. Sie wurden reich, wir verloren bis auf Reste unser Vermögen und schränken uns ein, meinem Sohn den Zuschuß zu gewähren, den das Regiment verlangt.

CHRISTIAN verneigt sich:

Darüber ist kein Wort zu verlieren.

DER DIENER tritt auf:

Der Wagen der Komtesse.

GRAF exit:

Ich übermittele Ihnen die Entscheidung.