VIERTER AUFTRITT
Christian und Luise Maske treten auf.
THEOBALD:
Setz deinen Hut gerade, Luise. Der steht dir in die Stirn wie ein Studentenstürmer. Wir wollen hierher in die Großstadt ziehen, ich werde mich mit ihr in irgendeiner Beziehung einlassen und mich inwendig lebendig erhalten.
LUISE:
Es ist so eine Idee von Vater.
CHRISTIAN:
Zu einer Zeit, da meine angestrengte Aufmerksamkeit dem Ziel gilt, das ich vorhabe, könnte ich für euch keinen freien Augenblick aufbringen.
LUISE:
Dann freilich — ich dachte es schon.
THEOBALD:
Wir sind letzthin gewöhnt, du kümmerst dich wenig um uns. Was ist das für ein Ziel?
CHRISTIAN:
Ich habe Aussicht, Generaldirektor der Gesellschaft zu werden, für die ich arbeite.
LUISE:
General!
THEOBALD herrscht sie an:
Direktor!
CHRISTIAN:
Soll ich es zu Außergewöhnlichem bringen, müßt ihr Rücksicht nehmen, und diese Rücksicht fordert vor allem ...
THEOBALD:
Erlaube ... Wir haben uns zwanzig Jahre lang krumm gelegt, gaben dir eine Bildung, die sich sehen lassen kann. Oft unterblieb ein Sonntagsbraten. Denn wir liebten dich affenartig.
LUISE leise zu sich:
Generaldirektor.
CHRISTIAN:
Dúm da da ...
THEOBALD:
Wir duckten uns, damit du in bessere Welt kommen konntest. Darüber sind wir zu Jahren gekommen, und heute steht es so: wollen wir noch etwas von dir haben, müssen wir uns beeilen.
CHRISTIAN:
Ich will sofort einen groben Irrtum beseitigen: seit meinem sechzehnten Jahr ist mir kein einziges Opfer deinerseits für mich bekannt.
THEOBALD:
Das ist stark!
LUISE:
Vater!
CHRISTIAN:
Ich habe dich von jeher in der Erinnerung, wie du im Haus vierfünftel des Platzes einnahmst, jeder Gedanke um dich kreiste. Schon auf dem Gymnasium erhielt ich mich durch Stundengeben, mein Studium und ferneres Leben bezahlte ich selbst.
Wer einen siebzehnjährigen Sohn zwang, das Mittagsmahl in Gegenwart des Vaters stehend einzunehmen ...
THEOBALD:
Affenartig liebte ich dich. Du warst ein leckerer kleiner Kerl. Ist's wahr, Mutter?
LUISE zeigt:
So klein.
CHRISTIAN:
Du hast, stets mit dir selbst beschäftigt, mein Leben bis zum heutigen Tag nicht angeschaut. In letzter Zeit mag dir eine sehr deutlich ins Auge springende Veränderung, meine breitere Lebensführung aufgefallen sein.
THEOBALD:
Das ist langweilig. Kurz — was soll sein?
CHRISTIAN:
Ihr trefft mich an einem Tag, an dem ich vergangenes Leben bilanziere. Da nehme ich keinen falschen Posten auf.
LUISE:
Was meint er?
THEOBALD:
Wirst du schon hören.
CHRISTIAN:
Was an Aufwendungen wirklich für mich geleistet ist, habe ich nach bestem Erinnern in dieses Buch aufgezeichnet. Dazu wurde die Summe mit fünf vom Hundert verzinst.
THEOBALD:
Du willst eine Abrechnung?
CHRISTIAN:
Ja.
THEOBALD setzt sich:
Laß sehen.
Er setzt eine Brille auf.
LUISE:
Was meinst du?
CHRISTIAN:
Es kommt schon, Mutter.
THEOBALD liest:
Unterhalt vom ersten bis zum sechzehnten Jahr — pro Anno sechshundert Mark. Sechshundert Mark einschließlich Doktor und Apotheker ist etwas mager.
CHRISTIAN:
Ich war nicht krank.
THEOBALD:
Masern und Stockschnupfen fallen mir aus dem Kopf ein. Ich sehe deine ewige Rotznase vor mir. Wir wandten Kamillenspülungen an.
LUISE:
Eines Morgens hattest du vierzig Grad Fieber, ich fühlte mein Herz nicht mehr.
CHRISTIAN:
Die eingesetzte Summe reicht aus.
LUISE:
Kreisrunde rote Flecken auf dem ganzen Leibchen.
THEOBALD:
Sechzehnmal sechshundert ist neuntausendsechshundert Mark. Sieh mal an. »An einmaligen Zuwendungen.« Wie willst du dich sämtlicher Zuwendungen durch sechzehn Jahre erinnern? Die sind Legion. Der Posten ist von vornherein dubios.
CHRISTIAN:
Du findest von meiner Seite euch besonders in der letzten Zeit Gegebenes nicht gegenvermerkt.
THEOBALD:
Das wäre noch schöner.
CHRISTIAN zu sich:
Ich gäbe etwas für das Wort.
Er starrt in den Brief auf dem Schreibtisch.
LUISE schüchtern zu ihm:
Und einmal das Geschwür am Hals.
CHRISTIAN:
Richtig, Mütterchen.
THEOBALD:
Ein halbes Dutzend Hemden von Hemdentuch nebst Kragen, zwei Paar Stiefel, als ich zur Universität ging — fünfzig Mark. Ein goldener Ring — da hört sich alles auf! Hat die Frau dem Burschen doch den Ring gesteckt. Und ich kehrte damals das Unterste zu oberst, ihn wiederzufinden.
CHRISTIAN:
Er war Mutters Eigentum und ihr Geleit ins Leben.
THEOBALD:
Mit hundert Mark ist er bezahlt.
LUISE:
Trägst du ihn noch?
CHRISTIAN zeigt ihn am Finger:
Obwohl er mir täglich enger wird.
THEOBALD:
Immerhin eine tolle Angelegenheit und echt Luise. Endsumme rund elftausend. Samt Zinsen elftausendachthundert Mark.
CHRISTIAN mit Betonung:
Elftausendachthundert.
Räuspert sich.
THEOBALD:
Verstehe; die du mir zahlen willst?
CHRISTIAN:
Die ich dir schulde.
THEOBALD:
Du willst dich dieser Schuld entledigen?
CHRISTIAN:
Ich werde bezahlen.
LUISE seine Hand in Händen:
Man kann ihn weiter machen.
THEOBALD:
Sieh einmal an! Das nenne ich nobel, mein lieber guter Junge. Apart, wie du die Geschichte behandelst.
Er umarmt ihn:
Es liegt etwas Forsches darin, und wir wissen das durchaus zu würdigen. Man wäre also auf die vollkommenste Weise einig.
CHRISTIAN:
Du sprachst die Absicht aus, deinen Wohnsitz hierher zu verlegen. Das will ich nicht.
THEOBALD:
Machst du mir Vorschriften?
CHRISTIAN:
Ich erweise dir mit der Auszahlung des Geldes eine Gefälligkeit und erwarte eine andere von dir.
THEOBALD:
Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt.
LUISE:
Der Junge muß doch Gründe haben.
THEOBALD:
Das Weib bringt mich um den Verstand! Es ist in ihrer Gegenwart kein vernünftiges Wort möglich.
CHRISTIAN geleitet Luise zur Tür:
Willst du dir ansehen, wie ich sonst wohne und schlafe, Mutter?
LUISE leise:
Bleib nur ruhig. Es geschieht alles, wie du willst.
Exit.
CHRISTIAN:
Euer Hiersein würde, wie gesagt, Kräfte brechen, die ich insgesamt brauche.
THEOBALD:
Ist es die Bedingung für die elftausendachthundert und so weiter?
CHRISTIAN:
Voraussetzung.
THEOBALD:
Da heißt es einfach überlegen: wo liegt schließlich unser Vorteil? Denn Affenliebe einmal beiseite, man muß in gesicherten Bezirken leben. Was wirft die Summe für eine Rente?
CHRISTIAN:
Sechshundert Mark in Industriepapieren.
THEOBALD:
Bist du von Gott verlassen! Mein Geld bekommt die Sparkasse.
CHRISTIAN:
Rund fünfhundert.
THEOBALD:
Das ist nicht üppig. Elftausend läßt sich an. Fünfhundert ist für die Katze, und dafür soll ich meine Freizügigkeit hergeben, das einzige Gut des bescheidenen Mannes? Darüber mußt du mal ruhig nachdenken, Gründe und Gegengründe erwägen. Nein — verspräche ich dir wirklich auf Manneswort, wir bleiben, wo wir sind ...
CHRISTIAN:
Das will ich nicht.
THEOBALD:
Das willst du nicht; dies nicht und jenes nicht? Um alles in der Welt, was soll denn hier vor sich gehen?
CHRISTIAN:
Dein heutiger Überfall beweist, ich wäre auch in Zukunft vor euren Besuchen nicht sicher.
THEOBALD:
Überfall — das ist ja!
CHRISTIAN:
In dem erörterten Sinne gemeint. Mein Leben steht vor einer vollkommenen Wendung. Ich muß, für die nächste Zeit vor allem, von verwandtschaftlichen Rücksichten frei sein.
THEOBALD:
Das ist in der Weltgeschichte beispiellos! Und wir, die sich deinetwegen die Butter vom Brot sparten, Opfer auf Opfer häuften trotz deiner Einrede? Sind denn Eltern ohne Opfer denkbar? Bedeutet nicht jeder Atemzug einer so kleinen Range Schmälerung irgendeines Genusses der Alten? Stört sie nicht im Schlaf, am Mittagstisch, in jeder Bequemlichkeit? Hat sie doch immer einen Defekt, den man mit Ärger und Kosten ausbessern muß. Bald bläst sie vorn, bald hinten nicht. Dazu eine Reihe alberner Feste, um die man sich inkommodiert.
Zu Christian, der schweigend in einem Lehnstuhl sitzt, laut:
Schöne Kindesliebe das!
Schlägt mit geballter Faust auf einen Tisch:
Schöne Kindesliebe!
LUISE steckt den Kopf durch die Tür und macht, von Theobald ungesehen, Christian beruhigende Zeichen:
Ich sorge schon.
THEOBALD:
Wie?
Da Christian still bleibt, wirft er sich entfernt von ihm in einen Stuhl und sagt ruhig:
Hätte ich das gewußt, im ersten Bade wärest du ersäuft.
Pause.
THEOBALD:
Und sind doch mehr als hundert Kilometer von dir entfernt. Das ist die vielgerühmte Kindesliebe. Ja, ja.
Er lacht auf:
Ha!
Und praktisch? Wie denkst du dir denn praktisch die Angelegenheit? Kommen wir auch in den gewohnten Verhältnissen mit meiner Pension und den fünfhundert zur Not aus, kein Mensch wird uns zumuten, die Unbequemlichkeiten der Übersiedlung, Schwierigkeiten neuer Wohnsitzgründung ohne ein Äquivalent auf uns zu nehmen.
CHRISTIAN:
Das wird kein Mensch euch zumuten.
THEOBALD:
Ohne ein bedeutendes Äquivalent. Wer will es leisten?
CHRISTIAN:
Unter Umständen ich.
THEOBALD:
Sieh mal an.
CHRISTIAN:
Wir haben eine ganze Reihe durch landschaftliche Reize und ökonomische Vorteile ausgezeichneter Städte auch in Europa, ziehst du nicht von vornherein Amerika vor.
THEOBALD:
Was?!
CHRISTIAN:
Gut, gut.
Er hat einen großen Atlas und einen Baedeker zur Hand genommen:
Es käme zum Beispiel Brüssel in Frage.
Liest aus dem Buche:
Brüssel, des Königreichs Belgien Hauptstadt, mit achthunderttausend Einwohnern. Die Stadt liegt in fruchtbarer Gegend an den Ufern der Senne, eines Nebenflusses der Schelde. Die Oberstadt mit den Staatsgebäuden ist Sitz der Aristokratie und der vornehmen Gesellschaft.
THEOBALD, der bequem sitzt und andächtig zuhört:
Nicht übel, zeig das Buch.
Er liest vor:
»Und der vornehmen Gesellschaft. Sprache und Sitte französisch.« Und du glaubst, ein Deutscher von Schrot und Korn läßt sich dazu herbei, welsche Sitten anzunehmen? Basta!
CHRISTIAN:
Wohin ich in allererster Linie dachte, ist Zürich. Ein völlig idealer Aufenthalt, ein kleines Paradies in jeder Hinsicht. Und die Sprache ist Deutsch.
THEOBALD:
Laß etwas davon hören.
CHRISTIAN liest aus einem anderen Bande vor:
Mit annähernd zweihunderttausend Einwohnern ist Zürich die bedeutendste Stadt der Schweiz am Züricher See und der immergrünen Limmat.
THEOBALD:
Immergrün sagt man sonst vom Tannenbaum.
CHRISTIAN:
An der Westseite fließet die im Frühjahr reißende Sihl.
THEOBALD:
Die ist schon überflüssig, Wasser wär's genug. Bedauerlich, daß ich nicht schwimmen kann.
Christian liest:
Die Lage der Stadt ist herrlich an dem kristallklaren See, dessen sanft ansteigende Ufer mit hohen Häusern, Obst- und Weingärten besät sind.
THEOBALD:
Niedlich.
CHRISTIAN liest:
Im Hintergrund die schneebedeckten Alpen, ganz links grüßt der gewaltige Rücken des Glärnisch.
Er zeigt im Atlas:
Hier das Weiße!
THEOBALD:
Teufel!
CHRISTIAN liest:
Die Küche ist gut. Die Bevölkerung derb und bieder.
THEOBALD:
Sozusagen.
CHRISTIAN:
Dazu Ausflüge in die hinreißende Umgebung.
THEOBALD:
Das reine Kanaan.
CHRISTIAN:
Luzern und Interlaken, ja das gesamte Alpenland wird dir unmittelbar erreichbar, gewissermaßen Eigentum. Ahnst du, was ein Alpenglühen bedeutet?
THEOBALD:
Was denn weiter?
CHRISTIAN:
Ein Naturschauspiel von fulminanter Großartigkeit, ein Nonpareille. In Zürich könnte ich mit der Bedingung, ihr überlaßt mich die nächsten Jahre durchaus mir selbst, deine Bezüge zu einer ausreichenden Rente aufrunden.
THEOBALD nach einer Pause:
Ich habe rein menschliche Bedenken.
CHRISTIAN:
Unterlaß alle Anmerkungen.
THEOBALD:
Man soll sich aussprechen.
CHRISTIAN:
Das Leben eines Menschen meiner Art setzt sich aus Fakten zusammen. Mit Gesprächen hältst du mich auf. Hinter diesem wartet ein anderes Wichtiges.
THEOBALD:
Sechzig Jahre bin ich heute, deine Mutter fast ebenso alt. Wir haben im Leben nicht viel Gutes gehabt, bleiben auch nicht mehr lange in dieser Welt mit dir beisammen.
CHRISTIAN:
Spürst du nicht, dieser Ton ist machtvolleren Dingen gegenüber eindruckslos? Kommt schon die Stunde, wo wir, einzelnes erläuternd, bequem davon reden können. Jetzt gehts Schlag um Schlag. Zweitausendvierhundert Franken kommen von mir aus jährlich zu deinen Einkünften. In drei Wochen seid ihr übersiedelt. Hurtig, Vater, mir brennt's in den Eingeweiden. Der Kampf um die sichtbare Stelle im Leben ist gewaltig, der Menschen unzählige. Wo ich einen Fußbreit auslasse, drängt eine Legion den Schritt ein.
THEOBALD:
Ich bin ganz paff. Habe nie so eine Kreatur gesehen. Wie soll ich über all diese Novitäten ins reine kommen, wann einsehen, wo für mich der höhere Sinn darin sich zeigt?
CHRISTIAN:
Hier, jetzt. Fünf Minuten gebe ich dir.
THEOBALD:
So folge ich dir unentschieden und werde wie ein Begossener und Halbertrunkener sein.
CHRISTIAN:
Vertraue!
THEOBALD:
Wo soll für mich der höhere Sinn stecken?
CHRISTIAN:
Später. Abgemacht, Vater?
THEOBALD:
Donner und Doria! Meine ganze Welt ist durcheinander.
CHRISTIAN:
Zweitausendvierhundert, das ist neunzehnhundert Mark.
THEOBALD:
Und fünfhundert — macht mit dem Meinen annähernd fünftausendsechshundert.
CHRISTIAN:
Siebentausend Franken.
An der Tür: Mutter!
THEOBALD:
An der Limmat? Ich bin starr.
CHRISTIAN reicht ihm Atlas und Reisebücher:
Informiere dich.
LUISE tritt auf, leise zu Christian:
Ich sorge schon, daß alles geschieht. Dies Tuch auf deinem Nachttisch, solche Wäsche, Spitze und Batist — ach Christel, sei vorsichtig mit den Frauen. Verführung zum Genuß, ich weiß, jedem kommt es einmal. Aber hat man dann Kinder, und wird Generaldirektor und kann stolz vor Gott sagen: meine Mutter war makellos!
THEOBALD fassungslos:
Unter Tirolern!
LUISE:
Das ist auch etwas. Ein herrlicher Lohn.
CHRISTIAN:
Gewiß, Mutter.
Umarmt sie.
LUISE im Hinausgehen:
Mein Christel.
Luise, Theobald, Christian exeunt.