Das Gartenbeet.
Es war aber auch eine seltene Liebe und Treue, welche Bertha an Emma kettete, und um keinen Preis hätte sie das geringste Lob, welches sie, ihrer Aehnlichkeit, wegen, statt Jener erhielt, sich zugeeignet. Schon bei Veranlassung des Diplom's überzeugten sich meine lieben Leserinnen davon, doch kann auch folgende Erzählung zum Beweiß dienen:
An der Wohnung des Major's befand sich ein kleiner Garten, welcher der Familie manche Genüsse bot; besonders lag er der Baronin sehr am Herzen, und so viel sie Zeit erübrigen konnte, widmete sie dieselbe der Pflege ihres Gärtchens. Doch mußte auch zuweilen ein Gärtner Nachhülfe leisten, und einmal nahm das Unkraut so sehr überhand, daß jener mit Schmerzen von Frau v. Falkensee erwartet wurde, um gründlich dem Uebel zu steuern.
Emma welche der Mutter die Wünsche aus den Augen zu lesen verstand, sagte zu Bertha, als Meister Niklas erschien: »Höre Schwesterchen! ich glaube, Mutter würde sich sehr freuen, wenn wir heute nach geendigter Schule statt zu spielen, dem Gärtner Unkraut jäten hälfen. Meinst du nicht auch.«
Bertha fiel ihr mit ungestümer Zärtlichkeit um den Hals und rief: »Ja, ja! das wollen wir thun. Du bist eben meine gescheite Emma, die immer kluge Einfälle hat. Mütterchen wird sich gewiß darüber freuen, und der Gärtner unsere fleißigen Händchen spüren; ich will mich nicht dabei umsehen.« – Wirklich glaubte man Anfangs, Bertha würde die meisten Beete vom Unkraut reinigen, so eifrig war sie daran; allein es dauerte nicht lange. Bald wurden die Hände loß; sie überschaute knieend diese und jene vergraßte Stelle, und sagte klagend und gähnend: – »mein Himmel wie viel Unkraut! Es graußt Einem vor der entsezlichen Aufgabe.« Dann sah sie einen bunten Schmetterling fliegen, und nun mußte sie sich schnell erheben und jenen verfolgen; dabei kam sie in die Nähe der Schauckel, schwang sich auf das Brettchen, das an 2 Seile befestigt war, und schob sich mit ihm in Bewegung; auch wurde hie und da ein Beerchen von der Hümbeer-Hecke gepflückt, oder auf dem Rand der Fontaine künstlicher Weise herum spaziert, – kurz unsere Bertha war überall zu sehen, nur nicht beim Unkraut jäten. Emma hingegen half stille und beharlich dem ehrlichen Niklas, und förderte wirklich seine Arbeit um ein Großes.
Als er den folgenden Tag wieder kam, war Bertha im Zimmer bei der Mutter; der Gärtner hielt sie für Emma und sagte zur Majorin: »O gnädige Frau! gestern sollten sie zu Hause gewesen seyn, und das fleißige Töchterchen hier gesehen haben. Die half mir jäten, daß es eine Lust war, und sie hat mir für heute auch wieder ihren Beistand versprochen, nicht war Kind?« – Frau v. Falkensee streichelte Bertha's Wange und sagte: »Ei wie höre ich so Gutes von dir, das ist brav; aber meine Emma, – hat diese nicht auch geholfen?« Der Gärtner zuckte die Achsel und versezte: »könnte nicht rühmen, der Fleiß war nicht heftig.« Da konnte Bertha nicht länger schweigen; hoch erröthend fiel sie der Mutter um den Hals und flüsterte: »Niklas irrt, Emma war die Fleißige, und sie verdient das Lob; ich aber hatte die Arbeit bald satt, und versprach auch für heute nichts; indessen sollst du dennoch mit mir zufrieden seyn.« Sie flog in den Garten, wo sie Emma schon wieder beschäftigt fand, und arbeitete nun mit ihr in die Wette, so daß Meister Niklas am Abend nicht wußte, welcher von beiden Schwestern er den Preis, der in einem, von der Mutter geflochtenen Blumenkranz bestand, zu erkennen sollte. Doch Bertha entschied, daß er Emma gebühre, weil sie ihn schon Tags zuvor durch ihren Fleiß verdient habe.