Die kleine Heldin.
Emma erhielt wegen ihrer Furchtsamkeit manchen Verweiß, oder wurde vom Bruder Franz tüchtig geneckt, allein es war Alles vergeblich; die Kleine hätte sich nicht bewegen lassen, im Dunkeln ohne Licht aus dem Zimmer, geschweige weiter zu gehen. Auch konnte sie ein beißender Hund, eine Heerde Kühe, Schweine oder Gänse, welche ihr irgendwo entgegen kam, in Angst versezen. Bertha aber war gewaltig muthvoll, übernahm daher jeden Auftrag statt des Schwesterchens, wenn am Abend in der Küche, oder da und dort, Etwas geholt werden sollte; auch ging sie unerschrocken ihres Wegs, wenn Emma bei einer Begegnung, wie sie oben erwähnt wurde, zitterte und bebte. Die zwei folgenden Beispiele werden meine lieben Leserinnen die Eigenthümlichkeit der beiden Schwestern in dieser Hinsicht schildern.
Einst befanden sie sich bei einer Freundin der Majorin, welche Besuch von entfernten Verwandten erhalten, und Frau v. Falkensee mit ihren Töchtern eingeladen hatte. Erstere war schon anderwärts versagt, Emma und Bertha aber folgten dem Ruf, und brachten einen vergnügten Abend bei Jener zu; denn unter den Freunden befand sich auch ein wundernettes Mädchen, im Alter der beiden Schwestern, mit welcher sie sich besonders gut unterhielten; auch waren ausserdem, noch mehrere Gespielen versamelt. Nachdem schon viel Gutes genossen, und schon Mancherlei gespielt worden war, kam die Reihe an das beliebte – Sträußchen binden. Bekanntlich muß dasjenige Glied der Gesellschaft, das den Strauß erhält, bis die Blumen dazu gewählt sind, sich aus dem Zimmer entfernen, um dann unbefangen bestimmen zu können, was sie mit jenen Blumen, welche jede eine Person vorstellt, beginnen will. Mußte nun Emma auf den Vorplaz wandern, so bat sie immer ein Licht mit hinaus nehmen zu dürfen, hielt sich dennoch in der Nähe des Zimmers, und ihr Herzchen pochte gewaltig; ja sehnsüchtig harrte sie auf den Ruf: »herein!« und folgte ihm eilig und froh. Ausser Emma ging jedes von der Gesellschaft im Dunkeln hinaus, und besonders Bertha spazirte dann immer ohne Furcht den großen Vorplaz auf und ab, und war oft von der Zimmerthüre so weit entfernt, daß jener Ruf ein paarmal wiederholt werden mußte, bis sie ihn hörte. Als sie sich wieder einmal aussen befand, vernahm sie von der Seite her eine leise, wehklagende Stimme; entschlossen ging das 8jährige Mädchen dem Schalle nach, mußte über einen langen Gang im finstern tappen, und kam endlich an eine Thüre, die nur zugelehnt war, aber aus deren Spalte der Ton und ein Lichtstrahl hervor ging, Bertha riß Jene auf, da lag eine Weibsperson auf dem Boden, mit blutender Hand, halb ohnmächtig; der Leuchter mit dem Lichte neben ihr, und ein Hühnchen flatterte ängstlich hin und her. Es war die Köchin vom Hause, welche in diesem Kämmerchen das Huhn töten sollte und wollte; ungeschickt aber mit dem Messer in die Hand fuhr, und bewußtlos niederstürzte. Bertha hob das Licht auf, flog ins Wohnzimmer, verkündete was geschehen war, und bat flehentlich um schleunige Hülfe für die arme Magd. Sie wurde auch dieser sogleich zu Theil und Bertha wegen ihres furchtlosen Betragens sehr gelobt; indem ja, wäre sie nicht beherzt dem klagenden Tone gefolgt, Rosine noch länger in dem hülflosen Zustand geblieben seyn, und sich noch mehr verblutet haben würde. Nun aber war sie schon wieder erholt, als die Gesellschaft aus einander ging, und sie ließ es sich nicht nehmen, Emma und Bertha mit der Laterne nach Hause zu begleiten. Dabei konnte sie nicht aufhören, ihrer kleinen Wohlthäterin zu danken, verwechselte indessen immerwährend beide Schwestern. Bertha ließ dies nicht nur geschehen, sondern bat auch heimlich aber dringend die Schwester: den Ruhm auf sich ruhen zu lassen, indem die Aeltern die größte Freude darüber fühlen würden, wenn sie glauben dürften, daß Emma von ihrer Furcht geheilt sey. Ja als Rosina Frau v. Falkensee die ganze Begebenheit erzählte, Emma lobpreisend erhob, und die Mutter erstaunt aber erfreut zuhörte, da zupfte Bertha das Schwesterchen immer insgeheim am Arm, um zu verhindern, daß diese widerspräche. Allein jezt kam auch Franz nach Hause und hörte ungläubig Rosinens wiederholte Schilderung des stattgefundenen Ereignißes zu. Dann sagte er lachend zur Mutter, während er forschend beide Schwesterchen betrachtete: »Siehst du denn nicht lieb Mütterlein, wie Bertha Emma immer zuwinkt, daß sie das Lob, das ihr nicht gehört, für sich behalten soll? sprich Häschen« – fuhr er zu lezterer gewendet fort – »sprich ehrlich, verdienst Du es?« »Nein, nein!« rief Emma. »Aber Ihr laßt mich ja nicht zu Worte kommen. Ich mag keinen erborgten Ruhm, und diesen könnte ich mir auch um keinen Preis erwerben. Hu! mich schauderts, wenn ich bedenke, was Bertha sah, hörte und that.« »Und doch Emma,« versezte Frau v. Falkensee – »und doch mußt du deine Furcht bemeistern, es koste was es wolle. Sie ist deine Quälerin, und würde Dich überdies hindern, in einem ähnlichen Fall die Pflicht der Menschenliebe auszuüben, und dir ein so lohnendes Bewußtseyn zu verschaffen, wie gewiß Bertha jezt besizt.« – Diese, besorgt, daß das Schwesterchen durch der Mutter ernste Ermahnung gekränkt seyn könnte, sezte, dasselbe liebkosend im schmeichelnden beschwichtigenden Tone hinzu! »Ja ja liebe Emma, nach und nach wird's schon gehen, nicht wahr? halte dich nur« – raunte sie ihr ins Ohr – »halte Dich nur an mich, wenn wir im Finstern sind, ich lasse Dir kein Leid widerfahren.« Die Mutter jedoch fügte bei: »Halte Dich lieber an den guten, allgegenwärtigen Gott, welcher fromme Kinder auch im Dunkeln beschüzt, und versprich mir: an Deiner Besserung zu arbeiten.« Mit gesenktem Blick reichte Emma der Mutter die Hand; Bertha aber schlug halb böse, halb lachend den leichtfertigen Bruder, der mit allerlei losen Reden »vom Hasenherz, und von dem mächtigen schwesterlichen Schutz,« die Mädchen neckte, auf das spottende Mäulchen; welchem Schlag bald ein herzlicher Kuß von ihr zur Vergütung folgte.
Bald darauf erhielten beide Schwestern die älterliche Erlaubniß ein Stündchen ums Thor gehen zu dürfen. Es war ein schöner Herbst-Nachmittag, der blaue Himmel hatte kein Wölkchen, die Luft wehte mild, ja die Strahlen der Sonne brannten noch heiß dem Wandelnden auf den Rüken, und aus den schönen Gärten, die vor der Stadt lagen, trug ein sanfter Wind die köstlichen Gerüche der Reseda, der bunten Wicke, und der Herbsthyazinthe den Vorübergehenden zu. Auch Emma und Bertha labten sich daran, und fühlten sich dadurch noch mehr angezogen, hier durch ein schwarzes Gitterthor, dort durch die Spalte einer Dielenwand, oder über eine, schon etwas entlaubte Hecke in jene Gärten zu schauen. Zulezt kamen sie an ein offenes Thor, und das 2jährige Kind des Gärtners lief aus und ein, sezte sich endlich mitten im Fahrweg, faßte in ein Nöpfchen den lockern Sand ein, den es wieder ausgoß, und lange auf diese Weise spielte. Emma und Bertha jedoch traten in den Garten, baten die Gärtnerin, die ihnen entgegen kam, um die Genehmigung ein wenig in jenem herum spazieren zu dürfen, erfreuten sich nun, als es ihnen gestattet wurde, über die schönen Parthien und Anlagen die sie antrafen, und mit lüsternem Blick stunden sie lange vor einem Basquet manigfach blühender Gyranien, welches ein Heckchen von Monatrosen umgab, von denen eine Menge Knospen entfaltet waren, und einen recht schönen Anblick gewährten. »O wer sich hier ein Sträußchen pflücken dürfte!« sagte Emma sehnsüchtig, denn sie war eine sehr große Blumenfreundin. Bertha aber zog sie nach einer Weile hinweg, und meinte: »je länger man das hübsche Beetchen betrachtet, je mehr wünscht man sich, mit seinen Blüthen bereichern zu dürfen: Auch ist gewiß die Stunde schon verflossen, die uns zum Spaziergang zugestanden war, wir wollen also nach Hause wandeln, komm Emma und folge auch einmal deiner Bertha, die sonst immer dein gehorsames Schwesterchen ist.« »Könnte die ausserordentliche Folgsamkeit eben nicht besonders rühmen;« wandte jene ein; »doch du hast diesmal Recht; wir haben uns gewiß schon verspätet.« Eilig schritten die Mädchen den Gang hinauf dem Gartenthore zu, das noch immer offen stand, denn es saß das kleine Bärbchen fortwährend auf der Straße, und spielte nun mit 2 Gefäßen, indem sie aus einem in das andere den Sand laufen ließ. Doch als gerade die Schwestern aus dem Garten traten, hörten sie den schnellen Hufschlag eines Pferdes, und sahen am Ende der Strasse einen Schimmel ohne Reiter im vollen Lauf daher sprengen. Emma nahm ängstlich rufend Reisaus, und lief wieder in den Garten hinein; Bertha hingegen zog das Kind schnell in die Höhe, und ein wenig auf die Seite, dann lief sie mit ihrem aufgespannten Sonnenschirmchen gegen das Pferd, um dieses zum umwenden zu bewegen. Wirklich erreichte sie ihre Absicht, und den Leuten welche dem ausgerissenen Thier nach eilten, wurde es nun leichter, dasselbe aufzufangen. Auf Emma's Schreien, war unterdessen die Gärtnerin herzugesprungen, und zitterte am ganzen Leibe, als sie von Jener im Vorüberrennen vernahm, in welcher Gefahr sich ihr Kind befinde. Doch als sie es zwar weinend, aber gerettet fand, und Bertha, dasselbe mit freundlichen Worten beschwichtigend, bei ihm erblickte, da brach sie in Dank und Freudenäusserungen aus, und rühmte des wackern Fräulchens Muth und Entschlossenheit. Diese aber suchte nun Emma auf, welche sich ganz am Ende des Gartens, hinter ein Gewächshaus verkrochen hatte, und sagte lächelnd: »Nun wahrhaftig Du hast ein sicheres Pläzchen gewählt; hieher wäre freilich der Schimmel nicht gallopirt, aber hätte ichs auch so gemacht, so würde vielleicht jezt das arme Bärbchen von jenem zertretten worden seyn.« Emma konnte sich ihr albernes Betragen nicht abläugnen, und schämte sich dessen wohl, doch sie vermochte es nicht über sich, sich anzuklagen, und schweigend kehrten beide Schwestern zur Stadt zurück.
Bertha hatte Emma viel zu lieb, um sich auf ihre Kosten mit ihrer That zu rühmen; sie verschwieg sie, und verschmerzte auch den Verweiß, den beide über ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten, ob sie gleich in der erlebten Begebenheit einen großen Entschuldigungsgrund hätte anführen können.
Am folgenden Tag erschien die erwähnte Gärtnerin, und händigte Emma, diese für Bertha haltend, die gerade auf dem Vorplaz war, ein Körbchen köstlicher Pflaumen und einen großen Strauß Monatrosen und Gyranien ein; welches Geschenk sie mit den Worten begleitete: »Der Lebensretterin meines Bärbchens gehört dieß Alles. O könnte ich nur noch mehr geben; aber vergessen werde ich es in meinem Leben nicht, was Sie gethan haben. Ich vernahm gestern wohl in einiger Entfernung Ihr Gespräch mit dem Schwesterchen und Ihren Wunsch von diesen Blumen welche pflücken zu können, allein ich konnte in dem Augenblick nicht von meiner Arbeit weg, und gleich darauf folgte ja die Begebenheit, die mich fast zum Tod erschreckte.« »Welche Begebenheit denn? und was soll dies Alles bedeuten?« fragte Frau v. Falkensee, die dazu gekommen war. Nun mußte Emma beichten, und es geschah mit glührothen Wangen und niedergeschlagenen Blicken. Die Mutter schüttelte misfällig den Kopf, und nahm vor der Hand das ganze Geschenk in Beschlag, freundlich der Geberin dankend. Als nun Bertha, die mit Franz, einen Auftrag des Vaters auszurichten weggegangen war, nach Haus kam; übergab ihr die Mutter obiges Geschenk, und sagte: »Du hast es verdient Bertha, es ist Dein;« und verbot Emma daran Theil nehmen zu lassen, um sie für das Verschweigen des Ereignisses zu strafen. Doch Jene ließ mit Thränen und Bitten nicht nach, bis Frau v. Falkensee den strengen Urtheilsspruch zurück nahm, worauf dann Bertha fröhlich und redlich Alles mit der Schwester theilte.