Die Kirmes zu Moosdorf.
Werthlieb war Geistlicher auf dem Lande geworden, und das Dorf in dem er lebte, lag in einer wunderlieblichen Gegend; besonders gab es in derselben viele Weinberge, welche dieses Jahr eine sehr reiche Lese versprachen. Die Kirmes, oder Kirchweih jenes Orts fiel auch im Herbst, und man versprach sich daher in Moosdorf zu dieser Zeit eine ganze Kette von Lustbarkeiten.
Werthlieb war mit dem Falkensee'schen Hause im herzlichsten Verhältniß geblieben, denn er vergaß es nie, welche würdige und freundliche Behandlung er daselbst genoß, und der Major und seine Gattin erinnerten sich immer dankbar, an die Verdienste, die sich Ersterer um ihre Kinder, namentlich um Franz erworben hatte; denn daß derselbe in eine, für sein Alter hohe Classe aufgenommen wurde, und hier einen der ersten Pläze behauptete, und das er und seine Schwesterchen Sinn für manches Gute in sich trugen, das schrieben mit Recht die Aeltern dem Beispiel, und den Lehren des wackern Werthliebs zu. Man nahm also fortwährend aufrichtig Theil an dem gegenseitigen Geschick, wechselte zuweilen Briefe, und selbst die Kinderchen legten von Zeit zu Zeit einige schriftliche Zeilen, an ihren geliebten ehemaligen Lehrer, dem Schreiben der Aeltern bei. An seinem lezten Geburtstag aber hatte Jener von Bertha und Emma einen seidnen Geldbeutel, und von Franz eine hübsche Zeichnung und einen schön geschriebenen Glückwunsch erhalten. Der Pastor, hoch erfreut darüber, wollte seinen Lieblingen thätig die Dankbarkeit, die er fühlte, beweisen, und lud Emma und Bertha zur nächsten Kirmesfeier, Franz jedoch in seinen, spätereintretenden Schulfeiertagen zur Weinlese ein. Welch einen Jubel veranlaßte dies bei den Geschwistern; sie träumten wachend und schlafend von dem bevorstehenden Vergnügen, denn sie waren noch nicht weiter, als in die nächste Umgegend der Stadt gekommen. Die Reise nach Moosdorf also, die ohngefähr 4 Stunden betrug, erschien ihnen ungeheuer groß und wichtig; und Emma versprach der Mutter ein getreues Tagebuch zu halten. Werthlieb hatte verheißen, seine kleinen Freundinnen selbst zu holen, und beide waren sehr geschäftig, all ihre Habseligkeiten bereit zu halten, um dann gleich abreisen zu können.
Den Abschied aus dem älterlichem Haus, so wie den Aufenthalt in Moosdorf, und der Kinder dort gemachten Erfahrungen soll uns die, jezt 10jährige Emma in ihrem Tagebuch selbst erzählen.