Emma's Tagebuch.

Den 10ten September Morgens 9 Uhr.

Gestern war ich von der Reise, und von Allem was ich erlebt hatte, so ermüdet, und so schläfrig, daß ich mein, der Mutter gegebenes Versprechen, alle Abend in mein Tagebuch zu schreiben, unmöglich erfüllen konnte. Es soll jezt geschehen, während Schwesterchen Bertha noch tüchtig schnarcht. Aber sie hat sich auch gestern mit Schullehrers Suschen recht abgetummelt. Ich hätte das nicht gekannt; ach trotz aller Liebe, die wir hier erfahren, quält mich das Heimweh! – Schon wieder muß ich weinen, und das Herz ist mir recht schwer. – O Ihr guten Aeltern! – Wenn Ihr nur da wäret! oder doch wenigstens mein munteres Fränzchen; mit seinen Schnacken würde er mich erheitern.

So leichtfertig er oft ist, so ging ihm gestern der Abschied von uns doch recht nahe; ich merkte es wohl, ob er es gleich verbergen wollte; und der guten Mutter Auge schwamm ebenfalls in Thränen als ich weinend an ihrem Halse hing. Der Vater aber war standhaft, und meinte: eine so kurze Entfernung und Trennung wäre nicht der Thränen werth, und wir gingen ja frohen Tagen entgegen. Er hat freilich Recht der liebe Vater, allein es ist die erste Trennung von ihm und lieb Mütterlein; und noch nie legte ich mich zu Bette, ohne Jene vorher noch oftmals geherzt und geküßt zu haben. Da dies gestern Abend nicht geschehen konnte, so weinte ich mich, ehe ich einschlief, recht satt. Auch jezt will es mir nicht zu Sinne, daß ich meinen lieben Aeltern, Bruder Franz, und unserer ehrlichen Anna keinen guten Morgen wünschen kann. – Wenn nur Bertha die Langschläferin aufwachte! die Frau Pastorin wird bald zum Frühstück klingeln; dann geht mirs wieder besser, denn so wohl gestern auf der Reise vergaß ich mich durch all das Neue, was ich sah, als auch hier; so lange wir unter unserer lieben Hauswirthin waren. Beide, so wie Rosalie, die Schwester der Frau Pfarrerin sind gar freundlich und gut; und das nette kleine Dingelchen in der Wiege macht mir auch recht viel Spaß. Ich werde mir es heute öfters ausbitten, Luischen auf den Schoos nehmen zu dürfen. Eine solche lebendige Puppe wäre mir lieber, als alle die welche ich besitze. Aber wie schön die Aussicht von unserm Schlafstübchen hinaus ins Freie ist! Ach die köstlichen reich beladenen Weinberge! – ich muß wirklich ein Bischen näher ans Fenster treten, und mich an ihren Anblick ergözen. Herr Pfarrer hat uns auch für heute einen weiten Spaziergang versprochen. Wie freue – Nun da schellts! Geschwind muß ich die faule Bertha weken. –

Den 12ten Abends 10 Uhr.

Ei ei! Wieder ist der gestrige Abende verflossen, und ich habe nicht die erlebten Tagsbegebenheiten aufgezeichnet. Ungesäumt will ich es jezt thun; sonst würde mein gutes Mütterchen mit Recht schmälen, wenn sie von ihrer Emma ein unvollständiges Tagebuch erhielte und ich kann viel, recht viel erzählen.

Zuerst von dem wunderschönen Spaziergang, den wir vorgestern mit unserm theuern Pastor machten. Er führte uns durchs hübsche, reinliche Dörfchen, am Wirthshaus vorüber, wo eben der hohe Maienbaum unter einem großen Zulauf der Dorfsjugend aufgerichtet, und als er stund, von jener umtanzt wurde. Sie scheuten sich dabei nicht vor der Gegenwart ihres Pastors; hatten es aber auch nicht nöthig, den er war gar liebreich, und ermunterte sie selbst zur schuldlosen Fröhlichkeit; Schwester Bertha und ich mußten uns gleichfalls auf sein Geheiß ein wenig im Kreise Drehen. Dann ging es weiter; immer an Weinbergen fort, bis wir bei dem anlangten, welcher das Eigenthum des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie – Frau Werthlieb blieb bei ihrem Luischen zu Hause – führten uns nun an die besten Weinstöcke, und wir durften nach Herzenslust Trauben abschneiden und sie verzehren, auch einige in unserm Körbchen mitnehmen, um unter Wegs uns damit zu laben. Dann verließen wir den Weinberg, und schlenderten über einen frischen Wiesgrund, den ein klarer Bach, von Erlen umpflanzt, munter durchströmte, welcher wie Silber glänzte, wenn die Sonne darauf schien. Nach einer Weile erreichten wir eine Mühle; deren Besitzer sehr wohlhabend sind, und eine große Freude äusserten, über die Ehre, die ihnen durch den Besuch des Herrn Pastors und der Jungfer Schwester zu Theil würde. Die Müllerin wollte uns Kaffe machen, und Gebackenes vorsezen; unser lieber Begleiter verbat es sich aber, und nun kam eine Schale herrliches Obst, gutes schwarzes Hausbrod, und frische Butter auf den Tisch. Wir thaten uns gütlich damit, und dann wurde uns die Einrichtung des Mühlwerks gezeigt. Ich habe nun wohl Alles genau betrachtet, und recht aufmerksam der Erklärung zugehört, aber, du lieber Himmel zum niederschreiben würde ich eine lange Zeit brauchen, das kann ich nicht. Mütterchen soll es mündlich von mir hören, was ich mir gemerkt habe.

Mit der sinkenden Sonne kamen wir von unserm Spaziergang nach Hause, und den Abend über spielten Pfarrers mit uns, nämlich: »Weil und warum; Hast Du deine Lektion gut gelernt, und Salz schneiden« da gab es vielen Spaß. Bertha war beim zweiten Spiel immer gleich mit ihrem – Ja oder Nein – bei der Hand, und mußte viele Pfänder geben. Ich nahm mich wohl recht in Acht, doch kam ich auch nicht ungerupft durch. Dabei, so wie überhaupt seit wir hier sind, verwechselt uns Schwestern die gute Pfarrerin immerwährend, bald heiße ich bei ihr Bertha, bald Emma, und Rosalie wird auch zuweilen irre, noch mehr die Magd im Hause, und die andern Leute die aus und ein gehen; ich streite mich nicht darüber ab, denn Schwesterchen Bertha beträgt sich recht gut, warum sollte ich nicht für sie gelten wollen? – Doch wieder zu meiner Erzählung zurück. Gestern war der erste berühmte Kirmestag; den ich jezt beschreiben will; allein wo fange ich an? Ich möchte gleich Alles zu Papier bringen; aber nein, hübsch in der Ordnung Emma! sonst wird Mütterchen böse, wenn sie ein Quodlibet lesen muß. Also früh in die Kirche – o weh! ich mußte schon einigemal recht gähnen, der Schlaf kommt mit Macht, ich kann ihm nicht widerstehen.

Den 13ten Morgens 8 Uhr. – Gescheuder ists, ich nehme die Morgenstunde bei meinem Tagebuch zu Hülfe; am Abend ist wenig Kluges mit mir anzufangen; daher will ich lieber jezt meine Erzählung fortsetzen: Am Sonntag also ging es in die Kirche; sie war mit vielen jungen Birken, mit Kränzen und Blumengewinden geschmückt, und der Herr Pfarrer predigte recht schön davon, wie man sich im Gotteshaus betragen soll. Ich habe mir manches gemerkt, und will z. B. gewiß nimmer in der Kirche meine Augen so viel herum spazieren lassen, wie es zuweilen geschah. Am Schluß der Predigt bat Herr Werthlieb so rührend für einen kranken und armen Mann im Dorfe, daß mir die Thränen über die Wangen liefen, und ich gleich wußte, was ich thun wollte. Nach der Predigt wandelten wir Schwestern mit Amtmanns Lotte und Schullehrers Suschen auf den, mit feinen Kieß und rothen Sand bestreuten großen Tanzplan, der auch mit Birken umpflanzt war, um welche sich Blumengewinde schlangen. Die Eßglocke rief uns endlich nach Hause, wo es ein herrliches Mittagsmahl gab; Gänsebraten, Schinken, Bratwürste, Obst und köstliche Weintrauben, auch Wein, zu Ehren der Kirchweih. Nachmittag kam Besuch aus der Gegend; meist Geistliche mit ihren Familien; wir lernten sehr artige Kinder kennen, Knaben und Mädchen, und ich dachte oft an Bruder Franz, der gewiß auch recht vergnügt gewesen wäre; doch er kann jene in der Weinlese besuchen. Nach dem Kaffe trinken begaben wir uns Alle auf den Tanzplan, wo schon 2 Geiger und ein Schalmeibläser lustig mussicirten. Nun wurde frisch getanzt, und Herr Werthlieb hatte seine größte Freude an unserm Vergnügen; auch die Dorfsjugend tanzte mit, betrug sich aber so gesittet, daß man sich ihrer nicht zu schämen brauchte. Nach einem Stündchen gebot unser lieber Herr Pfarrer, daß wir nicht mehr tanzen, sondern in einem nahstehenden Gartenhäuschen uns langsam abkühlen sollten. Dann besahen wir die aufgeschlagenen Buden, wo hübsche Sachen zu finden waren, und Bertha kaufte sich von dem Geld, das die guten Aeltern einer Jeden von uns mitgaben, nette Herzen von Perlenmutter in die Ohrringe, und allerliebstes kleines Geschirr von feinem Porzellan. Gerne hätte ich mir auch eines gekauft, und Bertha bat, zürnte, und bot Alles auf, um mich dazu zu bewegen; allein es half nichts, ich blieb standhaft. Warum? – ach, soll ich es denn erzählen. Ei wohl! ließt doch dieses Tagebuch niemand als mein Mütterchen, und dieser darf und will ich nichts verschweigen. In der Dämmerung schlich ich mich nämlich in das, von Herrn Pastor bezeichnetes Häuschen zu dem armen Mann, und brachte ihm mein Geld. Ach Gott! welch Elend traf ich hier! Ein noch nicht betagter Mann lag abgezehrt, gleich einem Todtengerippe auf einem elenden Bette, die Frau und 2 Kinderchen von ohngefähr 4 und 7 Jahren saßen betrübt in einer Ecke, jene spann Wolle, der Knabe nagte an einer harten Rinde Brod, und das Mädchen verbarg ihr Köpfchen in den Rock der Mutter, und schluchzte leise, wahrscheinlich aus Hunger. Denn die Gaben, welche die Gemeinde, nach der Aufforderung ihres Seelsorgers, gebracht hatte, und die in Geld bestanden, wurden zur Belohnung des Arztes aufgespart, nach dem in die nächste Stadt geschickt worden war. Ich hatte mir vorgenommen, all mein Geld her zugeben; nun drückte ich aber nur 3 viergroschen Stück der Frau in die Hand, und lief unter dem Versprechen, bald wieder zu kommen hinweg. Mein Vorsatz war, Küchen- und Spielzeug für die armen Kinder zu kaufen, und ihnen zu bringen, doch o weh, die Krämer hatten schon eingepackt, es war nichts mehr zu bekommen, betrübt schlich ich nach Hause; da begegnete mir die alte Liese, welche im Pfarrhaus mancherlei Dienste thut; dieser klagte ich mein Leid und erhielt von ihr den Trost: daß die Buden am folgenden Tag wieder aufgeschlagen würden, wo ich dann mein gutes Werk, wie sie sagte, vollenden könnte. So war es auch, und die Freude, welche Paul und Gretchen über meine kleinen Geschenke hatten, machte mich glücklicher, als alle Herrlichkeiten, die ich mir selbst gekauft hätte. Der Mutter rannen die Thränen über die eingefallenen Wangen, als sie ihre Kinderchen so vergnügt sah, und selbst der kranke Mann lächelte auf seinem Schmerzenslager; und reichte mir die knöcherne Hand. Ach ich war so innig froh, so selig, daß ich es nicht beschreiben kann; und daß ich die Freude so still in mir hatte, daß Niemand davon wußte, als ich, das war mir doppelt lieb; – aber oft versezte ich mich mit meinen Gedanken in die ärmliche Hütte, und dann fand mich Bertha und die Andern zerstreut und einsilbig, und erstere zankte mich darüber recht ordentlich aus, wenn mir das gesellschaftliche Gewühl lästig wurde, und ich mich ein wenig absonderte; denn gestern ging es im Haus und im Dorfe noch recht lustig zu, es wurde geschmaußt und getanzt; und wieder andere Freunde der Pfarrleute erschienen schon zu Mittag, weshalb abermals viel mehr Gerichte auf den Tisch kamen als gewöhnlich. Es gelang mir, von meinem Teller Eines und das Andere unbemerkt wegzunehmen, und dies trug ich meinen Armen Abends wieder zu.

Den 13ten Abends 9 Uhr. Die alte Plaudertasche die Lies' die mir gestern Abend wieder begegnete, als ich nach Clausens Hütte ging, hat gewiß dem Herrn Pfarrer Alles geschäftig hinter bracht, was sie von mir wußte, aber wieder mich mit Bertha verwechselte; denn heute bemerkte ich von ihm und seiner Frau, sowie von Rosalien eine ausgezeichnete Freundlichkeit gegen Jene. Auch sprach Herr Werthlieb ein paarmal mit großem Ruhm von der stillen Wohlthätigkeit, sah dabei lächelnd und bedeutend auf Bertha, und streichelte ihr die Wange. Sie aber schaute ihn mit großen Augen an, und wußte nicht, wie sie das nehmen sollte. Was soll ich nun thun, soll ich Schwesterchen die Sache erklären oder schweigen? – Diese Frage beschäftigte mich heute immer, und da ich nicht mit mir einig werden konnte, und überdies ein ununterbrochener Regen uns ins Zimmer bannte, war ich oft ganz verstimmt. Rosalie benahm sich aber recht gütig gegen uns, lehrte uns viele künstliche Sachen aus Karten ausschneiden und zusammenlegen, zeigte und erklärte uns köstliche Bilderbücher aus ihres Bruders Bibliothek, und erzählte uns auch einige schöne Geschichten, dazwischen tändelte und schäckerte ich mit dem kleinen dicken Luischen, und so verstrich der heutige Tag. Morgen aber – ja Morgen geht es wieder in die liebe Heimath und so vergnügt ich auch in Moosdorf war, so freue ich mich doch unbeschreiblich die guten Aeltern und Bruder Franz wieder zu sehen. Wenn ich nur wüßte, ob ich schweigen, oder Bertha aus dem Traum helfen soll; – nein, ich will ihr die gute Meinung, welche Pfarrers von ihr hegen, gönnen und – stille seyn. –