Die Entdeckung.
Wirklich hatte Emma den Sieg über sich gewonnen, den Ruhm, welchen Bertha, ohne es zu wissen und zu verdienen, sich bei Werthliebs erworben hatte, durch keine Erklärung ihr zu entziehen; doch ein Zufall stellte die Sache ins wahre Licht. Emma hatte am lezten Morgen noch einen kurzen Besuch in Clausens ärmlichen Häuschen abgestattet, und dessen Bewohnern versprochen: ihnen durch Franz, wenn dieser zur Weinlese nach Moosdorf kommen würde, einen Beweiß ihres Andenkens zu schicken; die dankbare Rührung der Leute, mit der sie von dem guten Mädchen Abschied nahmen, bewegte Emma selbst so sehr, daß sie sich der Thränen nicht enthalten konnte. Noch unter der Thüre trocknete sie sich die Augen, und wollte dann das Sacktuch in ihr Körbchen schieben, indem kam ein Hund aus einem Seitengäßchen bellend auf sie zugesprungen, und unsere furchtsame Emma lief wie ein gejagtes Reh dem Pfarrhause zu. In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen, Liese, die nahe – bei Clausen wohnte, dasselbe gefunden, und der Frau Pastorin mit der dazu gehörigen Erläuterung gebracht. Emma's Name, der ins Sacktuch gezeichnet war, sagte Jener nun, daß nicht Bertha, sondern ihre Schwester die kleine Wohlthäterin der armen Leute war, und sie theilte ihrem Manne, so wie Rosalien die Entdeckung mit. Der Pastor vermochte es nicht, Emma sein Wohlgefallen, so wohl über ihre Mildthätigkeit, als auch über ihr anspruchloses edelmüthiges Verschweigen ihrer Handlungsweise vorzuenthalten; aber er nahm sie dabei alleine mit in sein Gärtchen, um ohne Zeugen ihr sein Lob zu ertheilen; denn er wollte weder ihre Bescheidenheit verletzen, noch Bertha wehe thun; Ja er bat Emma: das Schwesterchen nun ganz in Unbekanntschaft mit der Sache zu lassen, »denn« fügte er hinzu; »an deiner Stelle liebe Emma, hätte ich Bertha den Antheil an der schönen That gegönnt. Ihr macht es auch Freude, Armen Gutes zu thun, vereint hättet ihr die Wohlthat noch vergrößern können; und so verschloßen gegen eine Schwester zu seyn, ist nicht recht. Jezt kannst Du nur deinen, gegen Bertha begangenen Fehler dadurch mindern, daß Du die Begebenheit als ein Geheimniß so lange bewahrst, bis Du einmal in einer vertrauten Stunde der guten Schwester Verzeihung wegen deiner Verschlossenheit nach suchen, und ihr dann Alles aufrichtig erzählen kannst und wirst.« Diese Rüge, so sanft sie war, wollte Emma auf das erhaltene Lob gar nicht behagen; aber sie trug für Werthlieb zu viel kindliche Ehrfurcht und Liebe im Herzen, als daß sie ihm ihre Empfindlichkeit gezeigt hätte, auch mußte sie sich sagen, daß er Recht habe. Nach kurzem Nachdenken entschloß sie sich Moosdorf nicht zu verlassen, ohne den Vorwurf, den sie sich selbst zu machen hatte, von sich weggewälzt zu haben. Stillschweigend war sie mit dem Pastor noch ein paar Gänge im Garten auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine Hand, führte sie an ihre Lippen und sagte: »Ich will auf der Stelle mein Unrecht wieder gut machen, schicken Sie mir Bertha, ich werde ihr Alles gestehen.« Werthlieb versprach es mit einem herzlichen Kuß, und bald hatten sich die Schwestern unter sich verständigt, denn Bertha konnte nicht zürnen; aber sie untersuchte den Inhalt ihres Geldbeutelchens, fand noch 2 Groschen darin, kaufte Brod, und brachte es, von Emma hingeleitet den Armen. Mit innerer Zufriedenheit verließen nun beide Schwestern Moosdorf, und schieden mit Dankesthränen von der freundlichen Pfarrerin und von Rosalien. Der Pfarrherr aber hatte den Aeltern versprochen, die geliebten Töchterchen wieder selbst zurückzubringen, und so hielt er auch Wort. Groß war die Freude des Wiedersehens in der Familie Falkensee, und noch an demselben Abend übergab Emma, ehe sie sich schlafen legte, der theuern Mutter das versprochene Tagebuch.
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Die Entdeckung.
Die Schlittenfahrt.
So wie Bertha, (was meine lieben Leser und Leserinnen sich erinnern werden,) der Liebling bei der reichen Banquier Krause war, so stand Emma bei der Rath Sinthal, vor dem Schwesterchen hoch in der Gunst; denn Frau Krause liebte die muntere Jugend, Jene die sanfteren Kinder, und sie hoffte durch den Umgang mit Emma, ihrer, etwas wilden Thekla, mehr Ruhe und Stille anzugewöhnen. Emma durfte also nicht nur zu Sinthals unaufgefordert kommen wann sie wollte und wurde immer mit Liebe empfangen, sondern es erging auch noch manche besondere Einladung an sie. Mitunter wohl auch an Bertha, jedoch seltener, da Thekla gleichfalls dem andern Schwesterchen mit mehr Liebe zugethan war, ja nach ihrem Wunsch sollte Emma jeden Festtag in der Familie mit verleben, jedes ausgezeichnete Vergnügen mit genießen. Dies konnte jedoch nicht immer geschehen; denn Falkensee's lebten noch in gar manchen freundschaftlichen Verbindungen, an denen die Kinder Antheil nahmen; und dann durften sich, nach der Baronin Grundsäzen, ihre Töchterchen nicht gewöhnen, täglich ausser dem Hause zu seyn; deshalb blieb mancher Wunsch von Thekla in jener Hinsicht unbefriedigt. Aber auf der Erfüllung eines derselben bestund sie einstmals sehr fest. Es fiel nämlich Schlittenwetter ein, und Emma hatte früher hin geäussert: daß sie kein größeres Vergnügen kenne, als in einem Schlitten über die beschneiten Straßen und Fluren hinweg zu fliegen, und dabei das Geläute der kleinen Glöckchen und Schellen zu vernehmen. Nun wurde bei Sinthals eine Schlittenfahrt nach einem entfernten Dorf angeordnet, und Thekla bat flehentlich: Emma daran Antheil nehmen zu lassen. Wohl war der Schlitten schon besezt, denn ausser den Aeltern und dem Töchterchen fuhr noch ein Freund des Vaters mit; indessen hielt man davor, daß ein so kleines und zartes Persönchen wie Emma war, noch einzuschieben wäre, und es wurde bewilligt, sie einzuladen. Die Magd der Räthin war noch nicht lange im Hause, hatte jedoch, da sie sich die Winterabende hindurch mit ihrem Spinnrädchen im Wohnzimmer aufhalten mußte, die Namen der beiden Zwillingsschwesterchen schon öfters nennen hören, und verwechselte sie bei jener Einladung. Bertha hüpfte gerade über den Vorplaz als die Dienerin in ihrer Wohnung erschien, und diese glaubte, als sie die ähnliche Schwester erblickte, nun gar nicht zu irren, indem sie ihren, von der Herrschaft erhaltenen Auftrag an Bertha richtete. »Ach nein,« entgegnete leztere. »Emma ist darunter gemeint, und nicht ich.« »Heißen sie denn nicht Bertha?« fragte die Magd. »Ja das ist mein Name« antwortete das Mädchen, und jene bestättigte ihre Aussage mit der Versicherung: »mir wurde befohlen Fräulein Bertha einzuladen, und so kann ich es nicht anders sagen.« Auch gegen Frau v. Falkensee, die dazu kam, und kopfschüttelnd der Magd zuhörte, wiederholte diese ihre Aufforderung, und blieb hartnäckig auf dem Namen Bertha. Was war zu thun – so sehr Emma sich im Stillen darüber betrübte, und die Mutter und Bertha zweifelten – Leztere mußte doch zur bestimmten Zeit sich auf den Weg nach Sinthals Wohnung machen. Thekla hatte sehnsüchtig am Fenster auf Emma geharrt, und sah nun schon von Weitem Bertha herbei kommen. Erschrocken lief sie zur Mutter, und klagte ihr die Verwechslung. Sie theilte ihres Töchterchens Trauer über die erlittene Täuschung, verbot ihr aber strenge, sie Bertha entgelten zu lassen, ja diese sollte nach der Räthin Willen es nicht erfahren, daß sie nicht gemeint war. Sie wurde also recht freundlich empfangen, und da der Schlitten gleich vorfuhr, so hatte man gar nicht Zeit, sich viel zu besprechen. Es war ein köstlicher Wintertag. Die Sonne stand klar und heiter im reinen Himmelblau, und von ihren Strahlen beglänzt, funkelte der Schnee auf den Fluren und Feldern, gleich Diamanten, und die Bäume und Gesträuche waren mit Reif, wie mit feinem Sammt verbrämt. Der Schlitten flog pfeilschnell dahin, und das Geläute des Pferdgeschirrs tönte lieblich und hell. Die Kinder jubelten vor Lust, nur in Bertha stieg zuweilen der Wunsch auf: wenn nur Emma dies Vergnügen mit genießen könnte. Auch gesellte sich zuweilen der Zweifel dazu: und wie – wenn doch eine Verwechslung Statt gefunden hätte! – Zwar die Art, wie sie empfangen wurde, hatte in Bertha so ziemlich jene Vermuthung verscheucht; nur auf Thekla's Stirne glaubte sie einige Falten wahrgenommen zu haben; allein es war überhaupt ihre Sache nicht, lange einer ernsten Betrachtung nachzuhängen, und das Vergnügen der Fahrt zerstreute noch mehr ihre Bedenklichkeiten; nur die Liebe zu Emma rief sie zuweilen auf kurze Zeit wieder hervor. Dies geschah auch, als sie, in Hainfeld angelangt, in der wohl durchwärmten Wirthsstube, beim duftenden Kaffetrank saßen, und sich denselben, nebst dem, von Frau Sinthal, mitgenommenen mürben Kuchen trefflich hatten schmecken lassen; es schlenderten darauf beide Mädchen Arm in Arm im Zimmer auf und ab, und plauderten von diesem und Jenem. Da trat wieder Emma's Bild vor Bertha's Seele, und sie flüsterte der Freundin traulich zu: »Sage mir liebe Thekla recht ehrlich: bin ich nicht heute wieder mit meinem Schwesterchen verwechselt worden?« Jene wurde über und über roth, und wußte vor Verlegenheit nicht, was sie antworten sollte. »Ja, ja so ist es! Emma hat dies Vergnügen genießen sollen, und nun ist die Arme um dasselbe gekommen!« rief Bertha und brach – heftig, wie sie war – in lautes Schluchzen aus. Erschrocken eilte Frau Sinthal hinzu, und fragte was ihr fehle. Thekla erzählte, und Bertha wollte sich nicht trösten lassen, bis der Rath, der so eben ins Zimmer kam, und sich auch nach der Ursache von Berthas Betrübniß erkundigte, sie mit der Versicherung beruhigte: daß, wenn die Schlittenbahn noch einige Tage währte, er eine zweite Fahrt unternehmen, und Emma mitnehmen wolle. Dies Versprechen troknete die Thränen der zärtlichen Schwester, und bald kehrte ihre vorige Fröhlichkeit wieder zurück. Als die Sonne tiefer sank, als sie einen rosigen Schleier über die ganze Flur verbreitete, und bei den gegenüberstehenden Häusern und Hütten, die Fenster von dem Wiederschein der feurigen Himmelskugel in vollen Flammen zu stehen schienen, wurden von unserer Gesellschaft Anstalten zum Aufbruch getroffen, und die Mädchen freuten sich herzlich auf die Rückfahrt. Jedoch bald, bald wäre ihnen diese sehr verbittert worden.
Der Kutscher hatte nämlich, ohne Wissen des Raths, zur Erwärmung noch ein paar Gläser Brantwein, neben dem Bier, das er von Jenem erhielt, getrunken, so daß er etwas berauscht war, und die muthigen Rosse nicht recht zu bändigen vermochte. Der Schlitten schien kaum den Boden zu berühren, so rannten jene mit ihm davon, und schon sah man die Stadt ziemlich nahe vor sich liegen, als die Pferde vor einer an ihnen vorbeigehenden Frau, und vor ihnen, mit Wäsche hoch aufgethürmten Korb, den sie noch zur Stadt trug, scheu wurden, ausrissen, und durch die Gewalt, mit der dies geschah, den Schlitten umwarfen, und zerbrachen. Glüklicher Weise nahm Niemand Schaden bei dem Fall, und die Pferde wurden mit dem Theile des Schlittens, den sie mit fort nahmen, auch bald aufgefangen. Aber Bertha's erster Ausruf war, als man sich wieder erhoben hatte: »Gottlob daß Emma nicht dabei gewesen ist!«
Auch schickte sie, bei ihrer Nachhausekunft, die Erzählung des erlittenen Unfalls, der, von der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fügte des Raths Zusicherung einer zweiten Schlittenfahrt gleich hinzu, um dem Schwesterchen die heutige unangenehme Erfahrung verschmerzen zu machen. Noch nie war aber Bertha ein solches Wetterhähnchen als in diesen Tagen. Immer prüfte sie Wind und Wolken, ob sie doch kein Thauwetter mitbringen würden. Doch der Himmel erfüllte ihren schwesterlichen Wunsch, und Emma genoß dasselbe Vergnügen, das ihr zu Theil gewordene war, und noch ungetrübter, da auch die Nachhausfahrt glüklich vorüberging.