Die Maskerade.

»Ich möchte doch einmal einen Maskenball sehen!« äusserte die fröhliche Bertha gegen die Mutter; als diese verschiedene Anstalten traf, um einer Aufforderung von mehreren Freunden zu folgen, welche Herrn und Frau von Falkensee zu einer gesellschaftlichen Verkleidung für die nächste Redoute eingeladen hatten. –

»Nun in 5 oder 6 Jahren ist's immer noch Zeit genug für Dich, eine solche Lustbarkeit mit zu machen,« erwiederte die Baronin dem Töchterchen; aber in ihrem Herzen dachte sie anders. Franzen Geburtstag fiel in die Zeit des Carnewal's, und der wackere Sohn erfreute die Aeltern fortwährend durch Fleiß und Lerneifer, so wie durch ein gesittetes Betragen, darum sollte auch ihm, nach dem Wunsche der Mutter, auf seinen Geburtstag ein ausgezeichnetes Vergnügen bereitet werden. Franz tanzte sehr gerne; da führte Bertha's ausgesprochenes Verlangen, Jene auf den Gedanken: an dem erwähnten Tag einen maskirten Kinderball zu veranstalten. Sie erwog Alles hinlänglich, holte sich auch des Gatten Rath und Meinung, und schritt zulezt wirklich zur Ausführung des entworfenen Plans. Alle Kinder aus ihrem Verwandtschafts- und Bekanntschaftskreis wurden eingeladen, und gebeten, mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen; Auch Emma und Bertha erhielten Leztere, doch keine Masken vor das Gesicht; denn die Majorin wollte sehen: ob der fremde, aber ganz ähnliche Anzug der Töchterchen mehr oder minder zu ihrer Verwechslung beitragen würde, besonders bei Bruder Franz, welcher von der ganzen Veranstaltung nur so viel erfuhr; daß mehrere seiner und der Schwestern Gespielen den Abend mit ihm feiern würden. Wie erstaunte er aber, als er von den Aeltern in das große, hellerleuchtete Zimmer geführt wurde, als bei seinem Eintritt die Musik ertönte, und lauter vermummte kleine Gestalten ihn begrüßten. Da näherte sich ihm ein schlankes Bauern-Bürschchen und reichte ihm mit einem Krazfuß ein Sträußchen dar; dort brachte ihm ein nettes Gärtner-Mädchen ein Körbchen mit ausgesucht schönen Aepfeln; dann kam ein kleiner Harlequin und ließ Franz, ihn neckend, seine leichte hölzerne Pritsche fühlen; ein Türke stolzirte langsam auf ihn zu, und bot ihm an, aus seiner langen Pfeife einige Züge zu thun; ein Pastetenjunge trug sein Backwerk zum Verkauf herum, das, in ein reines weißes Tuch geschlagen, sein Korb enthielt, und mit dem der Geburtstäger, so wie die ganze Gesellschaft damit beschenkt wurde. Ein Zigeunermädel prophezeite Franz aus seiner Hand viel Gutes, und auch viel drolliges; und 2 niedliche Mädchen, nebst 2 Knaben, die 4 Jahreszeiten vorstellend, überreichten Jenem folgende Verse:

Der Winter.

Verachte nicht den Wintersmann,

Bei ihm fing einst dein Leben an;

Auch deine Freunde ehren ihn,

Und lässt er schöne Blumen blühn

Am Fensterglas, dann gehts hinaus

Zur Schlittenbahn, in Saus und Braus!

Der Frühling.

Neues Leben regt sich auf der Flur

Und in Kinderherzen, denn – seht, die Natur

Streut auf unsre Wege Blum' und Blüthen.

Der Sommer.

Trockne die Stirne geduldig; es reift

Nur an der Sonne heis glühendem Strahl,

Was uns erquicket beim köstlichen Mahl;

Nichts ohne Müh' hier gedeihet.

Der Herbst.

Wenn die Jugend reiche Saat,

In das Feld gesenket hat,

Lohnt die Erndte jede Müh;

Darum denke oft an sie. –

Ausser diesen genannten Masken waren noch Schäfer und Schäferinnen, Pilger und Pilgerinnen, Ritter und Nonnen u. a. m. zu sehen. Manche Kinderchen konnten ihre Sprache, und andere Eigenthümlichkeiten nicht genug verstellen, diese wurden dann natürlich gleich erkannt. Bei Manchen aber rieth man lange hin und her, und immer falsch, so, daß sogar einige aus kindischer Ungeduld die Masken vom Gesicht nahmen, und sich selbst zu erkennen gaben. Daß viel dabei gelacht wurde, werden meine lieben Leser und Leserinnen leicht glauben. Endlich trat ein Kellnermädchen in baierischer Tracht vor Franzen hin, und presentirte ihm auf einem Teller schweigend ein Glas süße Mandelmilch. Das Mädchen trug einen dunkeln Rock, nebst kurzer weißer Schürze, weite lange Hemdermel, ein schwarz-samtnes Leibchen, mit rothem Brustlaz, welches eine silberne Kette schnürte; inwendig einen fein gefälteten Hemdkragen, und ein seidnes Halstüchlein darüber herumgeschlungen; Auf dem Kopf ein kleines silbernes Häubchen; Nach kurzem Anschaun rief Franz lachend: »Ei meine Bertha! seht doch! seht wie schmuck das Mädel aussieht! Nun gieb mir nur deine gute Erfrischung, und nimm dafür meinen schönsten Dank.« Schnell entfernte sich die Kleine, um sich nicht durch Lachen zu verrathen, denn es war – Emma. Ihr folgte die Schwester, Jenem eine Schale Zwieback hinreichend, von welchem er dankend nahm, sich über den schwesterlichen Anzug freute und nun Bertha für Emma hielt, bis beide vor ihm standen, und schäckernd eine jede fragte: »Wer bin ich? Sprich, wer bin ich?« – Die holden Kellnermädchen tanzten anfangs wenig, sondern spielten ihre Rolle recht natürlich, indem sie sich geschäftig der Bewirthung annahmen, wo aber beständig eine Verwechslung der Schwestern zu Schulden kam. Nach einer Weile entfernte sich Franz auf einen Wink der Mutter, und kam im Anzug eines Tyrolers, der Teppiche zum Verkauf über der Achsel trug, ins Zimmer zurück. Bald warf er jedoch die Decken ab, und fing an zu Tanzen. Sein Herz zog ihn vor Allem zu den lieben Schwesterchen; er holte sich Bertha, ob er gleich Emma der Ältern den Vorzug zugedacht hatte; sprach jene aber immer als diese an; und das lose Mädchen ließ ihn lange auf seinen Glauben, redete wenig und schlug den Blick zu Boden; denn noch immer waren die Schwestern an den Unterschied der Stimme und Augen am kennbarsten. Endlich hielt Bertha im Tanzen inne, rief Emma zu sich und sagte: »Franz will mit Dir Tanzen, und nur durch einen Irrthum ist die arme Bertha des Glükes theilhaftig geworden. Zur Strafe für seine Partheilichkeit wollte ich nun den Herrn Bruder ein Weilchen zum besten haben. Doch Bertha's Zorn ist gar schnell verraucht, und also auch dem Herrn Geburtstäger in Gnaden vergeben.« –

»Was, Du bist nicht Emma?« fragte dieser erstaunt. »Ja wirklich!« fuhr er fort; »und ich hätte nur in Deine muthwilligen Augen schauen dürfen, dann würde ich gleich gewußt haben, woran ich bin; doch laß uns nur noch ein wenig fort waltzen, es geht ja auch mit Dir wie auf einem Schnürchen, und Emma tanzt nachher mit mir, nicht wahr?«

Wie dem eigenen Bruder, widerfuhr es den fremden Knaben und Mädchen; immer waren sie zweifelhaft, wenn sie mit den Schwestern tanzten oder plauderten, welche Emma oder Bertha sey; bis Jene ihnen oft selbst zu Recht halfen. Indessen machten sich Beide durch ihr Betragen allgemein beliebt, also störten die vorfallenden Verwechslungen die gesellige Freude nicht, welche diesen Abend in einer besonders freundlichen Gestalt im Kreise der Kinder waltete. Ja beim Abschied versicherten Alle dem Major und seiner Gattin: daß sie nicht leicht so froh und glücklich gewesen wären als heute. Franz aber fiel am Schluß der Lustbarkeit den geliebten Aeltern um den Hals, dankte ihnen gerührt für ihre genuß- und liebevollen Veranstaltungen zur Feier seines Geburtstags und gelobte für das neue Jahr auch durch neues Streben ihrer Liebe werth zu bleiben. – Er hielt getreulich Wort.

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Die Maskerade.