Das Pathengeschenk.
Bertha hatte ausser einer Taufpathin in ihrem Wohnort, auch noch eine auswärts, welche die vertraute Freundin der Majorin in früherer Zeit war. Auch jezt noch wechselten sie zuweilen Briefe, und keiner wurde gegenseitig abgesendet und empfangen, in welchem nicht des lieben Pathchens Erwähnung geschah. Nach der Schilderung der zärtlichen Mutter hatte Frau v. Weißmann eine sehr gute Meinung von Bertha gefaßt, und ihr Bildniß, das sie einst von den Aeltern derselben erhalten hatte, war ihr ein recht werthes Besizthum. Gerne hätte auch sie öfters Jener einen Beweiß ihres liebenden Andenkens zugeschickt; allein die Entfernung betrug viele Meilen, wodurch der Transport einer Sendung sehr erschwert wurde. Doch es ergab sich, daß ein, in Weißmanns Hause bekannter Officier in Berthas Wohnort versezt wurde. Diese Gelegenheit durfte nicht unbenüzt vorbeistreichen, und Hauptmann Halten wurde recht schön gebeten, einen Auftrag zu übernehmen. Gerne verstand sich dieser dazu, denn er war überdieß ein großer Kinderfreund; und Frau v. Weißmann brachte bei seinem Abschiedsbesuch Berthas Bildniß herbei, und suchte ihn zu bewegen, dasselbe recht anzuschauen, damit ihr liebes Pathchen, das für sie bestimmte Geschenk gewiß erhielt, und nicht die, ihr sehr ähnliche Emma, obgleich für diese auch Etwas beigepackt worden war. Halten glaubte sich des Portraits Züge recht eingeprägt zu haben, und reiste mit der Zusicherung, Alles aufs Beste zu übergeben, ab. Als er an dem Ort seiner Bestimmung angelangt war, überfiel sogleich den, nicht mehr jungen Mann eine bedeutende Krankheit und er mußte längere Zeit, das Bett hüten; durch jemand Anderm aber wollte er nicht die ihm anvertraute Gabe Falkensee's beiden Töchterchen einhändigen lassen, behielt sie also bis zu seiner Wiederherstellung zurück; der Hauptmann war ein frommer Krieger, daher besuchte er, nach wieder erhaltener Gesundheit vor Allem das Gotteshaus, um daselbst dem Höchsten für seine Hülfe zu danken. Von einer Emporkirche herab bemerkte er in einem untern Kirchenstuhl zwei Mädchen, die er sogleich für die Zwillingsschwestern erkannte, und nun sah er aber erst ein, wie schwer eine bezeichnende Verschiedenheit bei ihnen zu finden sey; Er nahm sich vor, die Mädchen auf eine Probe zu stellen, und glaubte sicherlich die, welche darin am besten bestehen würde, müsse Frau v. Weißmanns Pathin seyn, so sehr hatte er für Letztere, durch die Schilderung jener ein günstiges Vorurtheil gefaßt. Aber es zerstreute ihn der Anblick der Mädchen selbst in der Predigt ein wenig, denn er beobachtete immer dazwischen ihr Benehmen, und da entging es ihm nicht, daß das eine still und voll Aufmerksamkeit schien, hingegen das Andere unruhig hin- und herrückte, bald da, bald dorthin schaute, das Sacktuch, das Gesangbuch fallen ließ, und von dem Schwesterchen erst darüber getadelt wurde. Beim Herausgehen aus der Kirche, wo Halten den Kindern auf dem Fuße folgte, sah und hörte er, wie ein armer Greis dieselben um ein Almosen ansprach. Das fromme stille Kind schlug das Gesangbuch auf, nahm eine darin befindliche kleine Münze heraus, und reichte sie mit freundlicher Miene dem Armen; ihre Gefährtin suchte auch in ihrem Gesangbuch nach, doch – o weh! als sie es in der Kirche fallen ließ, mußte das Geld dadurch verloren worden seyn, – sie fand es nicht, schien sich aber leicht darüber zu trösten. Dies Alles gab dem Hauptmann Aufschluß über den Charakter der beiden Schwestern, und sein Liebling, die verständige und milde, mußte nun auch nach seiner Meinung das vielgeliebte Pathchen seyn, dem er ein so schönes Geschenk zu übergeben hatte. – Noch an demselben Tag begab er sich in Falkensee's Wohnung, und begrüßte den Major als seinen Kriegskameraden, ohne der Weißmännischen Familie und seines Auftrags zu erwähnen; aber als die beiden Mädchen nach einer Weile Hand in Hand ins Zimmer traten, begrüßte er sie freundlich, und sagte: »Ich habe schon heute Morgens in der Kirche eure Bekanntschaft gemacht, meine Lieben!« Beide schauten ihn fragend und zweifelnd mit großen Augen an. Er aber fuhr fort: »Ja, ja, so ist es; und ich glaubte, meine andächtige Kleine von dem unruhigen Schwesterchen bei einem Wiedersehen genau unterscheiden zu können, allein eure wunderbare Aehnlichkeit macht es mir dennoch unmöglich; daher sagt mir ehrlich, welche von Euch betrug sich so ruhig und anständig im Hause Gottes, und welche von Euch erfreute den armen Greis mit einer Gabe?« Die Mädchen standen verlegen vor ihm; eine Purpurröthe übergoß ihre Wangen, und ihr Blick senkte sich zur Erde. Endlich hub Bertha an, und sagte halbe laut: »ich war die Unruhige, meine Schwester ist viel artiger als ich.« Halten über diese Offenheit gerührt, stand einige Augenblicke zweifelnd, welchen der Kinder er den Vorzug einräumen, welches er für das Pathchen seiner Freundin erklären sollte. Da fiel ihm erst die Schilderung jener bei, welche ihm Bertha als ein lebhaftes, Emma als ein ruhiges Geschöpfchen bezeichnete, und schon wollte er Ersterer die bestimmte Gabe einhändigen; aber nun kam ihm der Gedanke: die Kleinen noch strenger zu prüfen. Er zog zwei Packette aus der Tasche, übergab das Größere der sanften Emma, und das Kleinere der muntern Bertha, indem er sagte: »meine Freundin Weißmann, Euch wohl bekannt, sendet Euch durch mich viele herzliche Grüße, und diese Geschenke.« Begierig öffneten die Kinder die Päckchen, und Emma fand in dem ihrigen ein schönes seidenes Halstuch, ein goldnes Ringchen mit Haargeflecht, und in einer hölzernen Frucht, die man öffnen konnte, niedliche kleine Kämmchen, Täßchen, Tellerchen, Töpfchen, u. s. w. von blendend weisen Elfenbein. In Bertha's Packett war ein etwas geringeres Halstuch und ein Kästchen voll Dewisen. Als der Hauptmann den Namen, Weißmann, nannte rief Bertha hoch erfreut: »Ach von meiner Pathin, von meiner guten Pathin!« und die Mutter, die während des Gesprächs ihrer Kinder mit Halten, an einer andern Stelle des Zimmers ein Geschäft vorzunehmen hatte, kam auch herbei, und war, gleich den Kindern, begierig, welchen Beweiß ihres Andenkens die entfernte Freundin gesendet haben würde. Als nun die schönen Sachen ausgepackt waren, überzeugte sich Emma sogleich, daß sie das unrechte Packett erhalten habe, und äusserte bescheiden gegen den Hauptmann: »Sie haben sich geirrt, lieber Herr! dies Geschenk gehört Bertha.« »Nein, nein!« fiel ihr diese in die Rede. »Der Herr hält Dich für vorzüglicher, und meint also, Du verdienst das schönere Geschenk. Er hat auch Recht, und da Du es einmal erhielst, so gehört es Dein, ich trete es Dir feierlich ab.« Emma wollte nichts davon hören, und der edle Wettstreit dauerte noch eine Weile. Endlich entschied Halten dahin: daß Emma, das ihr zugefallene Tuch und Spielzeug behalten, Bertha aber das Ringchen annehmen solle, da die Haare von ihrer Pathin, und durchaus ihr bestimmt seyen. Aber tief bewegt, setzte er noch hinzu: »Eure Bekanntschaft liebe Kinder rechne ich zu den angenehmen Erfahrungen meines Lebens, denn eure Schwesterliebe, und edle Uneigennützigkeit hat mich wahrhaft gerührt. O bleibt dieser schönen Denk- und Handlungsweise stets getreu, und seyd gewiß, daß Gottes Segen sie begleitet.« Nach diesen Worten umarmte er die Mädchen herzlich, wandte sich dann an die Baronin und sagte: »Jetzt erst, nachdem ich mein Vorhaben ausgeführt, und den Werth und Charakter Ihrer Töchterchen selbst geprüft habe, kann ich meinen erhaltenen Auftrag ganz genügen, und von ihrer Freundin, deren Abgesandter ich bin, Ihnen viel, recht viel erzählen, so wie von deren würdigem Gatten, meinem lieben Major. Wo ist er denn hingekommen?« dieser war vor einer Weile aus dem Zimmer gerufen worden; kehrte aber eben wieder zurück; seine Gattin bereitete darauf den Theetisch, und daran wurde in traulicher Runde Plaz genommen. Dann begann eine, für den ganzen kleinen Kreis wichtige Unterhaltung, deren Hauptgegenstand die Weißmännische Familie war. Bertha blickte dabei nicht selten auf den, an ihrem Fingerchen schimmernden Ring, und sie und Emma vergnügte oft späterhin in Friede und Eintracht das niedliche, von der gütigen Pathin erhaltene Spielzeug.