Der kranke Zahn.

»Ach Mutter!« jammerte an einem Morgen Emma. »Diese Nacht ließen mich meine bösen Zähne wieder gar nicht schlafen, sage mir doch ein Mittel, das mich von dem argen Schmerz befreit.« »Warte mein Kind;« tröstete sie die Baronin; »heute ist Rasiertag, wenn Herr Ziegler zum Vater kommt, wollen wir ihn um Rath fragen.« Kaum konnte ihn Emma erwarten, und hoffte zuversichtlich Hülfe von ihm. Allein sie hatte sich einigermassen getäuscht; denn jener war ein großer Liebhaber vom Zahn ausnehmen, vor dieser gewaltsamen Operation schauderte aber die zarte Emma zurück, und ließ sich durchaus nicht bewegen, sich derselben zu unterwerfen. »Haben sie den gar kein anderes Mittelchen?« fragte Frau v. Falkensee; und Ziegler erwiederte: »Zu Hause steht wohl eine Tinktur, die zuweilen den Schmerz hie und da gestillt hat, aber immer nur auf kurze Zeit, das Beste ist, wie ich schon sagte, man macht mit dem Friedensstörer kurzen Prozeß, und giebt ihm den Laufzettel.« »Nein, dazu versteh ich mich nicht,« entgegnete Emma und der Chirurg ging seiner Wege. Doch im Lauf des Tages wurde es immer ärger mit dem armen Mädchen. Der Schmerz preßte ihr bittere Thränen aus dem Auge, und sie vermochte weder zu arbeiten, noch zu spielen, sondern lag größtentheils auf dem Sopha und klagte laut. Bertha, die zärtliche Schwester, fühlte das tiefste Mitleid mit der Leidenden, und sagte unter andern: »Ich habe auch einen dienstuntauglichen Unterthan in meinem Mund, und herzlich gerne wollte ich mir ihm auf der Stelle herausziehen lassen, ob er sich gleich nicht rebellisch beträgt, wenn es meiner Emma etwas nützte.« Die Mutter kam herzu, hörte diese Aeusserung, und sagte: »Dies Opfer verlange ich nicht, aber Du könntest zu Ziegler gehen, und ihn um seine Tinktur bitten; ich weiß nicht warum der wunderliche Mann dieselbe nicht schickt, da ich ihn doch beim Weggehen darum bat.« Ungesäumt eilte Bertha fort, blieb aber ziemlich lange aus. Endlich erschien sie, und trat unter herzlichen Lachen ins Zimmer. »Rathet einmal rathet, was mich so lange aufhielt!« rief sie, »es lebe Herr Ziegler der geschickte Zahnarzt!« darauf brach sie wieder in Lachen aus, und konnte kaum zur Erzählung kommen, so sehr belustigte sie die Erinnerung an das bestandene Abentheuer. Doch der Mutter Gebot: ernsthaft zu seyn, und ein Blick auf die leidende Schwester, mäßigte ihre muthwillige Laune, und sie wickelte nun aus ihrem Sacktuch das kranke Zähnchen, dessen sie vorhin erwähnte. »Wie?« fragte die erstaunte Mutter. »Du hast dir ohne alle Ursache den Schmerz zugezogen, und den Zahn herausnehmen lassen?« »Freilich,« erwiederte das muthvolle Mädchen. »Zwar geschah es von meiner Seite nicht freiwillig, aber ich bereue es nicht, hat der faule Schelm doch zu nichts mehr getaugt; hier ist vor Allem die Tinktur, und nun will ich erzählen, wie es mir erging.« Sie fuhr fort, indem sie sich zu Emma wandte, während die Mutter bei derselben das mitgebrachte Mittel anzuwenden suchte. – »Unsere schon oft angestaunte Aehnlichkeit mein liebes Zwillingsschwesterchen hat mich um meinen armen Zahn gebracht. Es war wohl nichts an ihm gelegen, allein es ist doch eine eigene Sache, so mir nichts, dir nichts, eine solche Strafe vollziehen zu lassen. Indeßen als mich Herr Ziegler erblickte, rief er mir gleich zu: »Aha mein liebes Kind, ich errathe, was Sie zu mir führt; der Bösewicht in ihrem Mäulchen läßt ihnen keine Ruhe: Nun, nun, setzen Sie sich nur, sie sollen gleich von ihm befreit werden.« »Hollah« dachte ich. Der grimmige Helfer hält mich für mein Schwesterchen. Nun es sey! Er wird mir den Kopf nicht mit dem Zahn abreißen, und ich kann dann meiner lieben Emma beschreiben, wie es thut, kann ihr zu oder abrathen meinem Beispiel zu folgen. Unter diesen Betrachtungen hatte Herr Ziegler seine Instrumente herbeigeholt und ein kleines Sesselchen auf welches ich mich geduldig setzte, und ruhig erwartete, was über mich ergehen würde. Seine Magd sollte mir den Kopf halten, dies verbot ich mir aber, auch war es nur ein Ruck, ein Augenblick, und die ganze Geschichte hatte ein Ende; dann kam ein bischen Blut, und als dies auch vorüber war, erklärte ich dem guten Freund seinen Irrthum. Er lachte laut auf, prieß meinen Muth, und meinte, Du liebe Emma solltest ihm nun auch das ungeheuere Vergnügen machen, und dich von deinem schlimmen Zähnchen auf solche Weise befreien.« Emma schüttelte das Köpfchen, obgleich Bertha ihr versicherte: daß der Schmerz der Operation schnell vorübergehend sey, der ihrige sie aber noch lang quälen würde. So war es auch, sie litt' noch mehrere Tage und Nächte, und zuletzt mußte sie sich doch noch den Händen des allzeit fertigen Zahnausnehmer anvertrauen, welcher das muthige Schwesterchen ihr lobpreisend zum Muster aufstellte; und auch die Mutter konnte Bertha ihren Beifall nicht versagen, da sie durch die entschloßene Aufopferung des kranken Zahn's die übrigen gesunden vor Ansteckung schützte, und Zahnschmerz auch in Zukunft zu den Uebeln gehörte, die sie fast gar nicht aus Erfahrung kennen lernte.