Versuchung und Reue.

Frau von Wellenfells, eine Schwester des Majors, hatte ihren Gatten vor 2 Jahren verloren, und ihr schon länger kränkelnder Körper erlag fast unter dem Schmerz jener Trennung. Als sie sich nach und nach wieder etwas erholt hatte, riethen ihr die Aerzte Wohnung- und Luftveränderung, und sie beschloß eine Reise zu ihrem Bruder zu machen, und einige Zeit bei ihm zu bleiben. Man nahm sie gerne auf, denn sie besaß viele Vorzüge, und besonders gewann sie bald die Gunst der Kinder, da sie die Gabe hatte, sie auf allerlei artige Weise zu unterhalten. Sie spielte trefflich den Flügel, wußte viel aus ihrem Leben, so wie auch andere nette Geschichtchen zu erzählen, und in ihrer reichhaltigen Bibliothek befanden sich manche werthvolle Jugendschriften. Wenn sie recht guter Laune war, so lehrte sie Franzen verschiedene kleine Taschenspielerkünste, mit und ohne Karten; und dann war sie auch nicht abgeneigt, mit den Mädchen in ihren Feierstunden zu kochen, und aus frischen und getroknetem Obst, und andern Süssigkeiten, herrliche Gerichte zu verfertigen. Doch, wie gesagt, dies geschah nur, wenn sie sich ganz wohl fühlte, und dann recht heiter war. Oft aber störte ihre Zufriedenheit wirkliches Unwohlseyn; nicht selten auch eingebildetes. Ja dies war eine ihrer Schwächen, daß ihr körperliches Befinden sie viel beschäftigte, und sie immerwährend an sich kurirte. Sie fragte dabei selten einen Arzt, sondern ihre Hausapothecke, die sie mit sich führte, enthielt für alle Arten Uebel ein Mittelchen, dessen sie sich noch obwaltenden Umständen bediente. Es gab darinnen niederschlagende Pulver, Magen- und Nervenstärkende Tropfen, heilsame getrocknete Kräuter, Latwergen, kräftige Wasser, zusammengesezter Essig, und ausser dergleichen Dingen noch viel Gutes zur Erfrischung und Labung in krankhaften Zuständen. – Als sie in Falkensee's Wohnung anlangte, und ihr Zimmerchen ihr angewiesen war, so ließen sich's Emma und Bertha nicht nehmen, sie dahin zu begleiten, und waren sehr geschäftig beim Auspacken und Einrichten ihr zu helfen. Dabei kam den nun auch das kleine Schränkchen mit der erwähnten Apotheke zum Vorschein, und Tante Hildegard wieß ihr den Plaz in einem Wandbehälter an, der unversperrt, und nur mit einem Griff zum Auf- und Zumachen versehen war. Auch ihre Bücher stellte sie in einem zweiten ähnlichen Schrank, der sich in einer andern Seite der Wand befand. Diese getroffene Maßregel war Bertha höchst angenehm; den Neugierde war ein Hauptfehler des Mädchens, und diese regte sich mächtig beim Anblick der Besitzthümer Hildegardens in ihr; ja sie flüsterte der Kleinen zu: »in diesen unverschlossenen Schränken kannst Du ungehindert öfters alle die Gegenstände und Bücher, die sich darin befinden, genau untersuchen und durchblättern, und Dich damit recht angenehm unterhalten.« Eine bessere Stimme in ihrem Innern widersprach Jener, und ermahnte Bertha: »der Aeltern oft erhaltenen Befehl, ihre Neugierde zu besiegen, Folge zu leisten.« Allein die Lockung war zu groß, denn zufällig waren ihr bei der Einrichtung manche, schon dem Aeußern nach, köstliche Bücher in die Hand gekommen, die sie gar zu gerne näher und länger betrachtet hätte, sie war jedoch gegen die Tante noch zu schüchtern, dieselbe darum zu bitten; auch stack ihr gewaltig das niedliche Schränkchen im Kopf, dessen Inhalt sie zu kennen wünschte. Als daher einmal Hildegard mit der Mutter ausgegangen war, um einige Besuche abzustatten, schlich sich Bertha in ihr Zimmer, kam an den Bücherschrank, nahm eines der Bücher nach dem andern heraus, und in welchem Bilder waren, mit dem unterhielt sie sich eine geraume Zeit. Sie hatte sie noch nicht alle durchgesehen, als sie Tantens Stimme hörte. Eilig stellte sie das Buch, das sie gerade in Händen hielt, an seinen Ort, schlug den Schrank zu, und begab sich an das Fenster, vor welchem schöne Blumen in Töpfen standen, womit man Hildegarden bei ihrer Ankunft beschenkt und überrascht hatte. Bertha ergriff ein Glas Wasser, das in der Nähe stand, begoß damit ein paar der Blumen, und Jene traf sie bei diesem Geschäft. »Das ist schön,« sagte die Tante, »daß Du für meine Blumen Sorge trägst;« und Bertha verbarg das Gesichtchen in einen buschigten Gyranienstock, denn das erhaltene unverdiente Lob jagte ihr das Blut ins Gesicht. »Ich will noch mehr Wasser holen,« sagte sie, und eilte fort, ihre Verlegenheit nicht bemerkbar werden zu lassen. Sie hatte jedoch den Griff des Bücherschrank's vorhin nicht hinreichend herum gedreht, und als sie zur Zimmerthüre hinausstürmte, flog vom Zug der Luft die Schrankthüre auf, und Hildegard sagte, indem sie dieselbe wieder zu machte: und dann daran rüttelte, »Ei, ei! mein Nichtchen hat sicherlich in meinen Büchern gekrammt, den heute früh, als ich mein Gebetbuch hinein stellte, verschloß ich den Schrank ganz fest, wie auch jetzt wieder, wo er nicht so leicht auffahren kan.« Sie frug bei Käthe – ihrer Kammerjungfer – nach. Diese aber konnte keinen Aufschluß geben, da sie eine Wäsche für ihre Gebieterin zu besorgen hatte, und deshalb mehrere Stunden im Hofraum beschäftigt war. Nach einigen Tagen, als Tante mit ihrem Lieblings-Nichtchen, Emma, abermals ausgegangen war, begab sich Bertha, vom unwiderstehlichen innern Drang getrieben, wieder in Hildegards Zimmer, um das kleine Schränkchen, wegen dem ihre Neugierde sie nicht ruhen ließ, in der Nähe zu beschauen. Sie fand, die schon früher angegebenen Gegenstände darin, las die Aufschrift jedes Glases, jedes Schächtelchens, stellte und legte Alles ordentlich wieder an seine Stelle, und als sie ihre Neugierde vollkommen befriedigt hatte, wollte sie sich aufs Neue mit dem Bücherschrank unterhalten; aber sie vernahm Tritte, und verließ also eilig das Zimmer. Wirklich war es Käthe, welche die Treppe herauf kam; doch da die Kinder auf demselben Stockwerk auch ihre Spielzeugkämerchen hatten, so konnte Bertha eben so gut von diesem herkommen, und Jene dachte nichts arges dabei. Am Abend dieses Tages, als die Schwestern im Bette lagen – (sie hatten ihr eigenes Schlafstübchen) – und nach Gewohnheit noch eine Weile plauderten, seufzte mitunter Bertha tief auf, und Emma fragte sie besorgt, was ihr fehle? »Ach Gott!« erwiederte sie: »mich quält die Reue! Ich war den guten Aeltern heute, und auch vor ein paar Tagen recht ungehorsam. Oft schon verwiesen sie mir ernstlich meine Neugierde, und geboten mir, sie zu beherrschen, und dennoch folgte ich der Lockung derselben, statt ihren Ermahnungen.« Nun erzählte sie Emma Alles was meine Leser schon wissen, und schloß mit einer lebhaften Schilderung der Hausapothecke. Sie sagte: »O Schwesterchen in dieser sind gute Sachen! Nach der Aufschrift der Gläser und Schachteln giebt es Himmbeersaft, Hagenbuttensulze, Brustzelten, Magenmorsellen, süße Latwergen, von verschiedener Art und noch eine Menge herrlicher Erquickungen, für Kranke, die ich darnach gar nicht mehr weiß.« »Ei da wässert auch Gesunden der Mund!« versetzte Emma, die ein gewaltiges Leckermäulchen war. Ja ihre Neigung zur Naschhaftigkeit hatte ihr schon manchen Verdruß zugezogen, ohne daß sie dadurch von Jener ganz befreit worden wäre. Bertha's Erzählung machten den erwähnten Hang wieder ungemein in ihr rege, und er raubte ihr sogar noch eine Weile den Schlaf. Immer sah sie im Geiste die gefüllten Gläser, Tiegelchen und Schachteln vor sich, und das Gelüsten nach ihrem Inhalt überwog das Vermögen, der Stimme der Vernunft und Pflicht, die sich in ihrem Innern erhob, Gehör zu geben. Auch am andern Morgen war bei Emma's Erwachen die Hausapotheke ihr erster Gedanke, und als sie die Tante im Laufe des Tag's zu einem Spaziergang aufforderte, schützte sie eine Arbeit, die sie für den Lehrer zu verfertigen habe, vor, und bat: daß Hildegard lieber Bertha mitnehmen möchte. Erstere prieß ihren Fleiß, ihre Schwesterliebe, und that was sie wünschte. Auch die Mutter schloß sich an Jene an, und so hatte Emma freien Spielraum, den sie, trotz ihres mahnenden und strafenden Gewissens zu benützen sich vornahm. Allein noch, als sie schon vor dem Wandbehälter stand, der das Ziel ihrer Wünsche verschloß, war sie im Zwiespalt mit sich selbst, ob sie der Versuchung folgen, oder ihr muthig widerstehen sollte.

»Ach nur sehen will ich die köstlichen Sachen, und mich an ihrem Anblick weiden;« sagte die Stimme der Verführung in ihr. »Nein, es ist Sünde!« sprach das Gewissen. »Allein das Anschauen ist eine Freude, die Du dir doch erlauben kannst;« wandte Erstere ein, und so öffnete denn Emma den Behälter, und auch das kleine Schränkchen. Nun war es aber um jede Kraft zum Widerstand geschehen. Zu lockend blikten ihr alle die Süssigkeiten entgegen, sie mußte sie kosten. Ja sie nahm von jeder einen Mundvoll, doch so geschickt, daß man es nicht bemerken konnte; brachte dann alles wieder an seine Stelle, und schlich sich davon. Diesmal aber hatte Käthe des Mädchens Thun und Treiben bemerkt, wußte indessen nicht, ob es Emma oder Bertha war, welche sie ohnehin immer verwechselte.

Bald nachher offenbarten sich die Folgen von Emma's Vergehen; denn sie hatte von allen Sulzen, Latwergen und Zelten genoßen, schnell alles verschluckt, und die vielen Leckereien erregten ihr heftige Ueblichkeiten und Magenbeschwerden. Ueberdieß kam Mittag ihr Leibgericht, eine Stockfischpastete auf den Tisch, und ob sie gleich schon nicht ganz wohl sich fühlte, so konnte sie sich's doch nicht versagen, ihre Gelüste darnach zu stillen, und ziemlich viel davon zu eßen. Ihr nachheriges vergrößertes Uebelbefinden wurde nun auf Rechnung jener Speise geschrieben, und Niemand forschte weiter darnach. Aber als am Abend Käthe, die Kammerzofe, ihrer Herrschaft beim Auskleiden behülflich war; sagte sie: »Ich weiß wohl, wo Fräulein Emma's Unwohlseyn hauptsächlich herrührt, die arme Stockfischpastete ist nicht allein Schuld.« Hildegard erwiederte strenge: »Nun so sage was du weißt.« Käthe erzählte ihre gemachten Beobachtungen, und Tante schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, nein,« entgegnete sie, »du verwechselst die Schwestern. Emma, meine gute Emma ist einer solchen Handlung nicht fähig; eher die leichtfertige Bertha, die noch überdies recht neugierig ist, denn neulich gerieth sie sicherlich über meinen Bücherschrank.« Die Dienerin versezte: »Auch mir begegnete gestern eine der Schwestern auf der Treppe, doch welche es war, kann ich unmöglich angeben, sie sehen sich zu ähnlich.« Am andern Tag theilte Hildegard der Majorin Kätchens Erzählung mit, und Bertha wurde vor das mütterliche Gericht berufen. Auch die Tante war bei dem Verhör gegenwärtig, und das ehrliche Töchterchen gestand augenblicklich den zweimal begangenen Fehler, wofür sie den verdienten Verweiß erhielt, und ruhig denselben hinnahm. Aber als Hildegard in sie drang, auch zu bekennen, daß sie genascht habe, da braußte die, dem Mädchen eigene Heftigkeit auf, und nur der Mutter drohende Stimme, brachte sie wieder ins Geleise. Die Tante äusserte: »sie wolle es dahin gestellt seyn lassen;« schien jedoch ihren Argwohn nicht ganz aufgegeben zu haben, was Bertha innig schmerzte. Zwar hatte Jene am Morgen, als sie ihre Hausapotheke untersuchte, keine Spur von irgend einem unberufenen Besuch derselben entdeckt, und da Käthe ihr schon einigemal Beweise eines verläumderischen Charakters gegeben hatte, so wußte sie nicht, was sie von der Sache denken sollte, und ließ sie scheinbar beruhen. Ihre geliebte Emma sprach sie in ihrem Herzen ganz frei von Schuld, da ja Bertha eingestanden hatte, zweimal in ihrem Zimmer gewesen zu seyn; gegen diese aber war sie, seit dem Vorfall auffallend kälter, denn sie zweifelte immer noch daran, ob sie Wahrheit gesprochen habe, und die Lüge haßte sie mit Recht, als das schändlichste Vergehen. Beide Schwestern bemerkten ihre veränderte Stimmung und Bertha sprach sich gegen Emma recht tief betrübt darüber aus. Sie kannte des Schwesterchens Fehler, und hielt dafür, daß es gemaußt habe, allein sie konnte es nicht über sich gewinnen, dasselbe darum zu befragen. Emma jedoch kämpfte mit ihrem Innern zwei Tage lang, und fühlte sich immer nicht fähig den bessern Entschluß, der in ihr entstand, auszuführen. Länger aber vermochte sie es nicht, die unverdienten zärtlichen Liebkosungen der Tante anzunehmen, und zu ertragen, daß Bertha's Augen bei der sichtlichen Unfreundlichkeit Hildegardens in Thränen schwammen – sie fiel, als dies einmal wieder der Fall, und sie mit der Schwester alleine war, dieser weinend um den Hals, und entdeckte ihr, was sie gethan hatte. Von ihr aus flog sie an das mütterliche Herz, und bekannte auch da ihre Schuld, so wie sie dieselbe der Tante nicht verschwieg. Natürlich ließ man der kleinen Näscherin den wohlverdienten Unwillen fühlen; aber ihr aufrichtiges Bekenntniß und Bertha's dringende Fürbitten erwarben ihr auch wieder Verzeihung. Sie gelobte Besserung, und hielt was sie versprach. Entschlossen besiegte sie künftig jede Versuchung zu naschen, wich aber dabei auch der gefährlichen Schaulust aus, und gewann dadurch in einem noch höheren Grad die Liebe der Ihrigen. Die Tante aber bat Bertha förmlich den, im Stillen gegen sie gehegten Argwohn ab, und suchte ihr denselben durch verdoppelte Erweisungen ihres Wohlwollens zu vergüten. –