Der wichtige Fund.
Der lezte Winter war hart und streng, und die Armuth hatte viel zu leiden. Wenn nun Franz und seine Schwestern mit ihren gewöhnlichen Gespielen zusammen kamen, dort ein Knabe in die rothen Hände hauchte und durch Reiben ihre Erstarrung zu mildern suchte, hier ein Mädchen zum Ofen eilte, und seine wohlthätige Wärme prieß; wenn wohlschmeckender Thee die Frierenden labte, oder gebratene Aepfel ihnen gespendet wurden, dann meinten sie; der Winter sey doch so übel nicht, und habe auch seine eigenen Freuden. Einstmals aber, als dies wieder zur Sprache kam, wandte Franz ein: »Ihr habt wohl Recht liebe Freunde, so lange ihr bei unserm Schicksal verweilt, wenn ihr aber die armen Leute und Kinder bedenkt, welche jede Erleichterung, die uns dargeboten wird, sich versagen müssen, und deren Noth durch die anhaltende und strenge Kälte furchtbar steigt und sich vermehrt, dann werdet Ihr mit mir doch die beßere Jahrszeit herbei wünschen.« »Ja, wohl, ja wohl!« riefen die Kinder. »Wer nur das Elend aller Hülfsbedürftigen mildern könnte!« fügte ein mitleidiges Mädchen hinzu. »Allen Armen können wir freilich nicht helfen;« begann ein guter und verständiger Knabe in der kleinen Versammlung. »Aber etwas für Jene zu thun, steht doch in unserer Macht. Hört meinen Vorschlag lieben Freunde, der so eben durch Franzens Aeußerung in mir seine Entstehung erhielt. Wir alle, genießen wie ich glaube, durch die Veranstaltung unserer lieben Aeltern viel Gutes zu Hause, wahrscheinlich auch ihr, wie ich und meine Schwestern, immer zum Frühstück und zum Vieruhrbrod weißes, oft gar mürbes Brod. Beim Mittageßen öfters Wein, oder auch Bier, und an Namens- und Geburtstägen manche überflüßige Leckerei und Süssigkeit, ists nicht so meine Lieben?« – Die Knaben und Mädchen antworteten durch einander: »Du hast Recht Adolph! dies alles was du anführtest, wird mir zu Theil.« – »Nun wohl,« versezte dieser. »Meine Meinung nach, wäre es kein großes Opfer, wenn wir die Wintermonate hindurch, uns statt mit weißem, mit schwarzem Brod, statt mit Wein und Bier mit Wasser begnügten, auf alle Süssigkeiten verzichteten, und uns für das, was wir entbehren wollen, von unsern lieben Aeltern mit Geld entschädigen ließen, welches wir in eine Büchse sammelten, wöchentlich es gemeinschaftlich berechneten, und unter Arme vertheilten.« »Ja ja, das wollen wir thun; o das ist ein herrlicher Plan, ein köstlicher Einfall!« So äusserten sich alle Glieder der kleinen Gesellschaft, und stimmten auch darinn Adolphen bei, daß keine menschliche Seele, ausser den Aeltern um die Sache wissen dürfe. Gerührt vernahmen die Väter und Mütter den Entschluß der Kinder, und billigten nicht nur denselben, sondern sie nahmen es auch bei der Entschädigung nicht so genau, sondern schlugen z. B. ein Gläschen Wein oder Bier viel höher an, als es werth war, so daß die vereinten Gaben, welche die Kinder wöchentlich zusammen trugen, ziemlich bedeutend wurden, und sie damit mancher augenblicklichen Noth erfolgreich abhelfen konnten. Als kleine Engel erschienen sie in den ärmlichen Wohnungen, und wurden öfters fast angebetet. Aber eben durch die Dankbarkeit der durch sie Gespeisten, Erwärmten, Geretteten kam ihr schönes Unternehmen doch an Tag. Auch plauderte ein kleines Plappermäulchen unter ihnen, und schwazte einmal irgendwo die getroffene Verabredung aus; wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Sage davon in der Stadt, und kam auch zu den Ohren des städtischen Senats. Dieser hielt eine eigene Sitzung über die Sache, und es wurde darinnen beschloßen: die edle Jugend für ihre stille Wohlthätigkeit zweckmäßig zu belohnen.
Aber dieser Beschluß blieb ein Geheimniß, bis der Frühling seine Reize über die Erde ausgebreitet hatte, bis die Wiesen mit sammtartigem grünen Teppich, die Bäume mit Blüthenschnee, und die Gartenbeete mit duftenden Blumen bedeckt waren. Die Armen sahen nun einer sorgenfreiern Zeit, die Reichen wieder neuen Vergnügungen im Schoose der Natur entgegen. Ein würdiger Geistlicher aber verkündigte einmal vom Predigerstuhl herab: daß am nächsten Sonntag auf einem, dazu bestimmten großen Wiesenplan ein Jugendfest gefeiert werden sollte, zu Ehren der wohlthätigen Kinder, welche mit Aufopferung mancher Genüsse im verfloßenen Winter viel Gutes übten, oft die Thränen des Kummers trockneten, oft dem Hunger und Frost in den Hütten der Armuth durch ihre mildthätigen Gaben wehrten, und dies Alles anspruchlos, und im Stillen vollbrachten. »Nun mögen sie sich,« so schloß oder Pfarrherr, »nun mögen sie sich auch schuldlos freuen, und ihre Lust wird das innere lohnende Bewußtseyn erhöhen. An sie ergeht vor Allem die Einladung zu jenem Fest, doch darf demselben jeder gutartige Knabe, jedes gesittete Mädchen, welche die allgemeine Freude nicht stören werden, daran Antheil nehmen, so wie selbst arme Kinder, die mit Gottes und edler Menschenhülfe den harten Winter überstanden haben, welche reinlich und anständig dabei erscheinen, und die nicht durch ein rohes Benehmen sich der Gefahr aussezen, abgewiesen zu werden. Auch durch schuldlose Lust wird Gott gepriesen, und so wollen wir den Freundlichen auf solche Weise ebenfalls loben und danken!« – Die Glieder des schönen Bundes, welche in der Kirche waren, und diese Aufforderung mit anhörten, schlugen erröthend den Blick zu Boden, und getrauten sich, als sie das Gotteshaus verließen, kaum aufzusehen. Aber süße Gefühle regten sich in ihrer Seele, so wie in der ihrer Gespielen, welche die geistlichen Worte nicht selbst vernahmen, sondern durch treue Mittheilung erfuhren. Man versäumte nicht am bestimmten Tag auf der großen Wiese zu erscheinen; wohin ausser den enger verbundenen Freunden, noch eine Menge Knaben und Mädchen strömten, so wie die meisten Aeltern und Verwandten. Nach der erhaltenen Erlaubniß fanden sich auch arme Kinderchen ein, und fühlten in den Stunden allgemeiner Lust einmal nicht den schmerzlichen Unterschied zwischen ihnen und der reichen Jugend. Auch für sie war der Glückshafen errichtet, und sie konnten sich eines für sie unschäzbaren Gewinns, in einem Halstüchlein, in einer Rechentafel, in ein paar Hemderknöpfchen u. s. w. erfreuen. Auch sie durften sich in dem anwesenden Caroussel schauckeln, oder nach der hübschen Musik im fröhlichen Tanze drehen.
Ihre Eßlust wurde mit Obst und mürben Brod, mit leichtem Backwerk, oder auch mit einer Bratwurst ebenfalls gestillt, – kurz es war ein Festtag für sie, und seine Genüße sollten in ihnen, nach dem Willen des Senat's; die Dankbarkeit gegen ihre jungen Wohlthäter vermehren, da um dieser Willen und zum Gedächtnis ihres guten Werks das Fest veranstaltet wurde. Jene Kinder selbst, so wie überhaupt die Jugend der höhern Classe belustigten sich auch auf mancherlei Art, im freundlichsten Einverständniß, und auf bescheidene artige Weise. Ja die Stunden enteilten im Fluge dahin, und mit Wehmuth sah man die Sonne sinken, welche den Tag über im reinen Himmelsblau gestrahlt und eine milde Wärme verbreitet hatte, die durch sanfte kühle Lüftchen nicht zur brennenden Hize werden konnte. Die blasse Sichel des Mondes, und der flimmernde Abendstern erinnerte endlich die Theilnehmer an dem fröhlichen Feste in die Stadt und in ihre Wohnungen zurückzukehren, wo man sich lange Zeit an der Erinnerung labte, welche jene schöne Stunden oft in die Seele zurück rief.
Nur Bertha konnte sich nicht ungetrübt dem Andenken an dieselben überlassen, denn sie hatte an dem frohen Abend ein theures Gut, ihr Haarringlein von der geliebten Pathin verloren. Sie trug es selten, denn noch war es ihr ein Bischen zu weit; doch damals konnte sie dem Verlangen, es anzustecken nicht widerstehen, und wie bereute sie es nun, dies gethan zu haben! So bald sie es auf der Wiese vermißte, suchte sie ängstlich darnach, und wer sich in ihrer Nähe befand, bemühte sich es zu finden, allein vergeblich. Besonders waren die anwesenden armen Kinder sehr geschäftig, Bertha wieder in den Besitz des verlorenen lieben Eigenthums zu sezen, und betrübten sich sehr, daß es ihnen nicht gelang. Bertha aber konnte es lange, lange nicht verschmerzen.
Nach einiger Zeit begab sich Emma zu einem, in der Nachbarschaft wohnenden Schuhmacher, der im lezten harten Winter ganz verarmt, jezt mit seinem Weibe und 6 Kindern nur von Wohlthaten guter Menschen lebte. Jene brachte ihm, wie schon öfter, eine kleine Gabe der Aeltern, und hatte noch überdies ein Körbchen Kirschen mitgenommen, um sie unter die Kinder auszutheilen, denn diese erhielten gewöhnlich auch etwas von ihr, und waren daher, besonders das 8jährige Lieschen recht zutraulich gegen sie. Diesmal aber entwischte bei Emma's Eintritt Leztere in die Kammer, erschien auch auf dem Ruf der Mutter nicht, um ihren Antheil Kirschen zu empfangen, und als Erstere sich wieder entfernte, bemerkte sie wie Liese durch die Spalte der Thüre, welche auf den Vorplaz führte, lauschte, bis Emma das Häuschen verließ. Dieser entging es nicht, und des Mädchens ganzes Betragen fiel ihr gewaltig auf; ja, je mehr sie darüber nachdachte, desto unerklärbarer war es ihr, denn sie hatte Lieschen immer nur Liebes und Gutes erwiesen, und konnte daher nicht begreifen, woher ihre plözliche Schüchternheit und Furcht rühre. Indessen kam es ihr doch wieder aus dem Sinne, bis Meister Simon durch eine erhaltene reiche Unterstüzung in den Stand gesezt wurde, von Neuem sein Handwerk zu treiben. Eine gelungene Sammlung für ihn, welche Herr v. Falkensee veranstaltete und durch den eigenen großen Beitrag begründete, brachte Jenen wieder empor, und von nun an durfte er auch unter andern, die Falkensee'sche Familie durchgehends bedienen. Liese aber vermied auch jezt ängstlich mit Emma oder Bertha in nähere Berührung zu kommen, und floh vor ihnen wo sie nur konnte. Dies ärgerte besonders Emma, und sie beschloß der Sache auf den Grund zu kommen; deswegen trug sie einmal schadhafte Schuhe selbst zu Meister Simon, und zwar zu einer Zeit, wo sie wußte, daß jener eine kleine Reise wegen Leder-Einkauf unternommen hatte, und die Frau auf den Markt, der ältere Bruder Lieschens in die Schule gegangen, und diese mit den jüngern Geschwistern alleine zu Hause war. Nun mußte sie ihr zur Rede stehen, und wohl mit sanfter Freundlichkeit, aber mit forschendem Blick drang sie in das Mädchen, ihr die Ursache von ihrem seltsamen Benehmen zu gestehen.
Roth wie Blut im Gesichte, schlug Liese die Augen zu Boden, und unter den gesenkten Wimpern träufelten große Thränen hervor. Endlich brach sie in lautes Weinen aus, rang die Hände und geberdete sich trostlos. Noch dringender verlangte Emma Aufklärung über Alles; und zulezt gestand das Mädchen, daß sie an dem bewußten Kinderfest ein Ringlein gefunden habe, welches Emma gehöre. »Ich habe wohl,« fuhr sie unter Schluchzen fort, »damals gesehen und vernommen, wie Sie liebes Fräulein ängstlich dasselbe gesucht, und um seinen Verlust gejammert haben, und doch war ich so gottlos, dasselbe zu behalten. Allein es ist wundernett, und das Vergismeinnicht von blauen Steinchen, welches das Schildchen vorstellt, gefiel mir so gar wohl, daß ich mich nicht von ihm trennen konnte, und es wie einen Schaz in meinem Nähpultchen aufhob. Aber ganz vergnügt konnte ich doch niemals seyn, wenn ich mich auch an seinem Anblick ergözen wollte; besonders ist, wenn ich Sie sehe, und Sie so gütig gegen mich waren, mein Gewissen aufgewacht, und hat mich mit Vorwürfen gepeinigt. Nein, ich mag das Ringlein nicht behalten, sondern will es gleich holen, und Ihnen geben, dann werde ich hoffentlich wieder ruhig werden.« Mit diesen Worten lief sie fort, und brachte das vorenthaltene Gut. Dabei flehte sie aber mit heißen Thränen: Emma möchte keiner menschlichen Seele von ihrem Vergehen sagen, und steckte jener das Ringlein an den Finger; doch war es Bertha schon weit, so paßte es an Emma's noch zarteres Fingerchen gar nicht, und Lieschen verwunderte sich darüber. Jene war eben im Begriff ihr zu sagen, daß nicht sie, sondern Bertha die Eigenthümerin sey, da kam die Mutter nach Hause, und so eilte Emma fort, um dem Mädchen die sonst gewiße, und harte Strafe zu ersparen: Wie groß war Bertha's Freude, als sie wieder im Besitz ihres lieben Ringleins war, doch als Schwesterchen erzählte, wie es dazu gekommen sey, da beklagten Beide das gewissenlose Kind, das schon so frühzeitig anfange, sich fremdes Eigenthum unrechtmäßig anzueignen. Auf einmal wurde Bertha still, und schien über etwas nachzudenken. Nach einer Weile sagte sie: »Wie wäre es Emma, wenn wir uns um des Mädchens Charakter verdient machten? Mir fällt ein Plan ein, den ich dir mittheilen muß.« Und nun schlug sie jener vor: mit der Mutter Bewilligung Lieschen im Nähen und Stricken zu unterrichten, und ihr dabei recht gute Lehren und Ermahnungen zu geben, damit sie die Rechtschaffenheit schäzen lerne, und sich nicht, wenn sie älter würde, ins Verderben stürze. Von Herzen stimmte Emma in diesen Plan ein, der auch bald ausgeführt, und Lieschen durch Lehre und Beispiel ihrer Wohlthäterinnen ganz für die Tugend gewonnen wurde. Um keinen Preis hätte sie je mehr eine Unredlichkeit begangen; und als sie älter wurde, und in Dienste trat, erwarb ihre gewißenhafte Treue ihr die Achtung aller Guten und Edlen, und es fehlte ihr nie an einer Unterkunft, welche ihren bescheidenen Wünschen genügte, ja oft dieselben übertraf. So oft sie aber an Bertha's Finger das verhängnisvolle Ringlein erblickte, so entschlüpfte ihr immer der Ausruf: »Welch ein wichtiger Fund war dieser!«
Die Blumenfreundin.
Meine lieben Leser und Leserinnen werden sich doch wohl noch der freundlichen Gärtnerin und ihres Bärbchens erinnern, welches lezteres Bertha's Muth dem verlezenden Huf des flüchtigen Schimmels entzog. Erstere wenigstes konnte die erwähnte Begebenheit und die Retterin ihres Töchterchens auch lange nicht vergessen, und wurde nach einigen Jahren wieder lebhaft daran erinnert, als Emma bei ihr erschien, und ein paar Blumenstöcke kaufen wollte.
Es war nämlich Schwester Bertha von einer bedeutenden Krankheit überfallen worden, und Emma hatte viel Angst und Jammer um sie ausgestanden, auch treue Pflege ihr gewidmet, und alles aufgeboten, sie, als die Gefahr vorüber war, zu erheitern und zu zerstreuen. Wir wissen, daß Emma eine große Blumenfreundin war, und so nahm sie es von sich ab, daß der Kranken ein Blumengeschenk die größte Freude bereiten würde. Sie begab sich in den, früher einmal erwähnten Garten, und suchte 2 gewürzhafte Nelkenstöcke von brauner und rother Farbe, und ein blühendes, niedliches Orangenstöckchen, heraus, welche sie aushandeln wollte. Der Preis überstieg den damaligen Zustand ihrer Kassa, und sie beschloß, nur die Nelken zu nehmen. Während dem betrachtete sie Frau Anna lange und schweigend, und endlich rief sie freudig aus: »Ach mein Gott! Sie sind ja die Retterin meines Mädchens! O daß ich Sie nur einmal wieder sehe! Wie groß sind Sie unterdessen geworden, bald hätte ich Sie nicht mehr erkannt! Komm Bärbchen!« rief sie den Garten hinunter. »Komm und küsse diesem guten Jungferchen die Hand; Sie hat dir einstens das Leben gerettet, wie ich dir schon oft erzählte.« – Das Kind that, wie die Mutter gebot, und Emma – nicht um mit Bertha's Verdienst zu prahlen, aber in der Hoffnung: daß sie durch den Wahn der Frau, von ihr aus Dankbarkeit das Orangenstöckchen um billigeren Preis erhalten würde, ließ sie in demselben ohne die Sache aufzuklären. Sie hatte sich nicht geirrt; nicht nur die Nelkenstöcke, auch das Orangenbäumchen, und noch zwei ausländische schöne Blumen erhielt Emma, und die dankbare Gärtnerin nahm gar keine Bezahlung dafür an. Sie packte ohne Aufschub die Blumenschäze ihrer Magd auf, welche Emma nach Haus begleiten mußte. Falsche Scham gestattete dieser nicht, den kleinen Betrug den Ihrigen zu gestehen, aber sie konnte es nun kaum erwarten, bis die Kranke aus dem Schlummer, in dem sie eben lag, erwachen, und die mitgebrachten Herrlichkeiten von ihr empfangen würde. Zu ihrem Leidwesen äusserte Jene ihre Freude nicht in dem Grad, wie sie es erwartet, und Emma hatte nun nichts angelegentlicheres zu thun, als die fremden Gewächse, und das Orangenstöckchen in ihre Pflege zu nehmen. Unbeschreiblich ergözte sie sich daran, doch der Genuß war nicht von langer Dauer. Troz aller Sorgfalt, die sie auf ihre Kleinode wandte, welkten sie – o Himmel! – dennoch dahin; so wie auch die Nelken. Diese waren von Bertha, als sie wieder hergestellt war, nach ihrer, immer noch zuweilen bei ihr obwaltenden Unachtsamkeit öfters zu gießen vergessen worden, und so war ihr kurzer Lebenslauf wohl kein großes Wunder; aber warum Emma's Pflegkinder dahin starben, – das konnte sie sich nicht erklären. Sie war recht betrübt darüber, und überdies flüsterte oft eine Stimme in ihrem Gemüthe: »Du hast es verdient, daß deine Freude so vergänglich ist, du bist unwahr gewesen; dies ist die Strafe dafür,« und diese innere Unruhe konnte sie auch nicht lange ertragen. Nein, so wie sie während des Aufenthalts der Tante Hildegard einstens den schönen Sieg über sich gewann, ihr Unrecht zu gestehen, so entstand wieder in ihr plözlich der Entschluß: durch ein aufrichtiges Geständnis die Schuld von sich zu wälzen, die sie drückte. –
An einem schönen Herbsttag beredete sie die jezt vollkommen genesene Schwester zu einem Spaziergang, und führte sie in jenen Garten. Erstaunt sah nun die Gärtnerin die Zwillingsschwestern vor sich, blickte eine nach der andern an, und konnte die Retterin ihres Bärbchens nicht erkennen. Da sagte Emma, auf Bertha deutend: »diese ists liebe Frau; sie darf mir's glauben. Neulich aber verführte mich ein böser Geist, meiner Schwester den verdienten Ruhm zu entziehen, und sie, gute Mutter, in den Wahn zu lassen: ich sey es gewesen, welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr Töchterchen ihr erhalten habe; aber so ist es nicht; ich war damals die Furchtsame, Bertha die Muthvolle, und nur die Hoffnung, für mein Schwesterchen recht schöne Blumen zu erhalten, konnte mich veranlaßen, mich neulich für Bertha auszugeben. Aber es war Unrecht, und der Unwahrheit folgt die Strafe auf dem Fuße nach. Auch ich ward gestraft: Bertha äusserte nicht die Freude, welche ich vermuthete. Ach es hat dir geahnt, daß es keine reine Gabe war! und dann – denke sie nur liebe Frau,« sprach sie, wieder zur Gärtnerin gewendet. »Denke sie nur, alle die schönen Blumen sind dahin gestorben. O die herrlichen, köstlichen Blumen. Ich möchte mich halb zu tod grämen. Aber es ist mir schon Recht geschehen, warum war ich so pflichtvergeßen. Vergieb mir Schwesterchen; und sieh meine Reue!« sagte sie unter strömenden Thränen, und weinte lang an Bertha's Halse, welche sie zärtlich zu trösten suchte, und von keiner Schuld wissen wollte. Dann reichte Jene der Gärtnerin die Hand, und bat auch diese um Verzeihung. Frau Anna trocknete sich mit der weißen Schürze die Augen und erwiederte: »Ach gehen Sie doch; Sie machen einen ja ganz weichmüthig, es war ja nicht böse von Ihnen gemeint.« Emma wandte sich nun, um fortzugehen, da erblickte sie hinter dem Gatterthor eine männliche Gestalt, und stieß erschrocken einen lauten Schrei aus. Es war aber keine furchterregende Erscheinung; sondern der alte wackere Hauptmann Halten, der Alles mit angehört und angesehen hatte. Er trat nun in den Garten, umfaßte beide Mädchen mit Liebe und sagte: »Abermals habe ich durch einen Zufall tiefe Blicke in Euer Inneres geworfen, und nichts als Erfreuliches entdeckt. Deine Reue Emma, dein offenes Bekenntniß und deine Schwesterliebe wiegen den begangenen Fehler auf, und von meiner Bertha hörte ich auch wieder Gutes. Kommt liebe Kinder! Ich führe Euch durch den Garten, und Ihr müßt ein Andenken an diese Begebenheit mit nach Hause nehmen.« – Er suchte unter einer Menge Blumen eine Nachtviole und ein Granatbäumchen heraus. Ersteres erhielt Bertha mit dem Zusaze: daß sie immer wie bisher geräuschlos Gutes thun möge, gleich der Nachtviole; welche im Dunkeln ihre süßesten Gerüche verbreitet. Emma aber beschenkte er mit der Granatenblüthe, und sagte: »Sie trägt die unvergängliche Farbe der Wahrheit, und erinnere dich immer daran, daß diese Tugend ewig besteht, während Trug und Täuschung untergeht.« –
Die Mädchen dankten dem väterlichen Freund innig für seine Geschenke, und versprachen ihren Sinn wohl zu erfassen, und treu in demselben zu handeln. Bei dieser Gelegenheit erfuhr aber Halten Emma's Blumenliebhaberei, und von Zeit zu Zeit erfreute er sie nun immer mit ein paar Blumenstöcken, und die freundliche Gärtnerin mußte die Verwelkten und Alten oft mit frischen und neuen verwechseln. Bertha jedoch, welche die Blumen nicht so liebte, entschädigte er durch schöne Musikalien, und verpflichtete auf solche Weise beide Schwestern zur herzlichsten Dankbarkeit. Ja sie waren tief betrübt, als ein Regimentsbefehl ihren Freund wieder von hinnen, und in eine andere Garnison rief.