Der Flüchtling.

»O verbergen Sie mich, verbergen Sie mich!« bat dringend ein hübscher, aber ärmlich gekleideter Knabe, welcher durch die, so eben offenstehende Hausthüre in das Gärtchen drang, das sich an Falkensee's Wohnung befand, und in welchem sich gerade Emma aufhielt; sie las ausdrucksvoll mit melodischer Stimme Schillers Lied von der Glocke, und übte dadurch wiederholt ein Talent, daß sie und Bertha ebenfalls besaßen. So oft sie eine solche Uebung vornehmen wollten, begaben sie sich in ihr Gärtchen, um hier ungestört und laut irgend ein Meisterstück der Dichtkunst zu lesen. Auch gegenwärtig hatte ein solches Vorhaben Emma hieher geführt, als der erwähnte Knabe weinend und zitternd ins Gärtchen stürzte, und Jene bebend um Schuz anflehte. Ohne sich lange zu bedenken, zog ihn Emma mit sich fort, die Stufen des offenen Kellers mit hinunter und ließ über ihnen die Fallthüre zusinken. Indem kam Bertha in den Garten, sah auf einer Rasenbank das Buch liegen, und fing nun auch laut darinnen zu lesen an. Kaum hörte und sah dies der reiche geizige Böttchermeister Ulrich, der als Falkensee's naher Nachbar in das Gärtchen schauen konnte, so erschien er in demselben, und fragte, Bertha für Emma haltend, dieselbe ziemlich barsch, wohin der böse Junge versteckt worden sey, welcher von seinem Pfirsichbaum Früchte gemaust hat? »Ich sahe sie,« äusserte er, »vorhin schon hier an dem Bassin sitzen und lesen; Sie müssen sicherlich den kleinen Dieb aufgefangen und verborgen haben.« Das Mädchen den Zusammenhang ahnend, aber im Grunde Nichts wissend, konnte ganz unbefangen antworten, daß sie keinen Knaben gehört noch gesehen habe. Ulrich betrachtete sie lange forschend, allein die ehrliche Miene, mit welcher Bertha obige Versicherung ertheilte, benahm ihm jeden Zweifel, und er ging ruhig fort. Nun suchte sie aber nach der Schwester und ihrem Schüzling im Gärtchen umher, und rief mit halblauter Stimme Emma's Namen. So näherte sie sich auch unter andern der Kellerthüre, und vernahm auf ihr Rufen ein leises Pochen unterhalb derselben; allein mit aller Anstrengung vermochte sie die Thüre nicht aufzuheben. Da war nun guter Rath theuer, denn einen Domesticken wollte sie nicht rufen; zum Glücke kam zufällig Franz herbei, welchem die Schwester in Eile und heimlich alle ihre Vermuthungen mittheilte. Der kräftigere Knabe brachte die Kellerthüre in die Höhe, und aus der Tiefe stieg Emma herauf, sich ängstlich umschauend: ob Antons Verfolger nicht mehr in der Nähe wäre. Wohl war dies nicht der Fall, doch zu größerer Sicherheit winkte Franz, daß der Knabe noch im Keller bleiben solle, lief fort, und kehrte aber bald mit seinem Mantel zurück, in welchen er Anton hüllte, und ihn, auf solche Weise unkenntlich durch den Garten in die Wohnung führte. Hier mußte nun vor Franzens Aeltern der Flüchtling beichten, wer er sey, und durch was er sich Ulrichs Zorn zugezogen habe. Er erzählte: daß sein Vater ein armer Maurersgeselle, und Miethsmann des reichen Böttchers, die Mutter schon längst gestorben wäre. Durch einen unglücklichen Sturz vom Gerüste hatte sich der Maurer sehr beschädigt, und eine bedeutende Krankheit kam dazu. Hier brach Anton in lautes Weinen aus, und schilderte seinen Kummer über das Leiden des Vaters so herzergreifend, daß in die Augen Aller, die ihm zu hörten, Thränen traten. Nach einer Weile fuhr er fort: »Wie es nun bei Kranken geht – sie haben mancherlei Gelüste, und so wünschte sich mein armer Vater, wenn er von seinem elenden Lager ans Fenster wankte, und den reichbeladenen Pfirsichbaum im Hofe unsers Hausherrns betrachtete, sehnlich eine, ach nur eine Frucht desselben. Ich nahm es über mich, den Hartherzigen darum zu bitten, aber er schlug mir rund und kalt mein Gesuch ab; und doch wiederholte der Kranke immer von Neuem sein Verlangen mit solchen Klagen, die mir durch die Seele schnitten. Da wollte ich vorhin, in der Meinung, Meister Ulrich sey nicht zu Hause, einen Versuch machen und einen einzigen Pfirsich abpflücken. Aber hilf Himmel, mein karger Hausherr stand an dem Fenster, das in das Gärtchen und in einen Theil seines Hofraum's führte, und sah mein Beginnen. Nun sprang er die Treppe herunter, und mir nach. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als in ihren Garten zu flüchten, und die Hülfe des Fräuleins anzusprechen. Gott lohne ihnen den Schuz den Sie mir angedeihen ließen, und glauben sie, dass mich nur das Verlangen, meinen kranken Vater das ihm grausam versagte Labsal zu verschaffen, nöthigen konnte, diesen Pfirsich hier zu nehmen. Ach wenn ich ihn nur behalten, und jenem bringen dürfte! doch wie Sie wollen;« sezte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, und reichte Herrn v. Falkensee die Frucht hin. Die Kinder sahen erwartungsvoll auf des Vaters Miene, um darin zu lesen, was er thun würde. Dieser gab dem Knaben den Pfirsisch zurück und sagte: »Nun es sey; ich will deinen Versicherungen Glauben beimessen, und hoffen, daß du nie mehr ohne Fug und Macht etwas entwenden wirst, sey es auch nur eine Frucht wie diese; denn wisse, selbst die Liebe zu deinem Vater kann eine solche Handlung nicht entschuldigen. Wärst du zu mir gekommen, siehe, meine Bäume biegen sich unter dem Obstsegen dieses Jahrs; und ich hätte dir deine Bitte um eine Erquickung für deinen Kranken gewiß erfüllt. Nun versprich mir nur,« sagte er noch zu dem still weinenden Knaben; »versprich mir, nie mehr etwas zu stehlen, und dann will ich für dich und deinen Vater sorgen.« Anton legte das feierliche Gelübde in des Barons Hand, und ging mit seinem Pfirsich getröstet fort. Franz mußte ihn schüzend begleiten, und im Namen des Vaters Ulrichen für jene Frucht ein Stück Geld bringen. Dem kranken Lorenz aber sandte der Baron den menschenfreundlichen Arzt Wollmann, der ihn bald wieder herstellte, zumal da Emma und Bertha von der Mutter die Erlaubniß erhielten, jenem täglich eine kräftige Suppe kochen und bringen zu dürfen. Nicht lange, so konnte er wieder sein Handwerk treiben, und jezt mit mehr frohem Muth als sonst; denn sein Sohn Anton, den er herzlich liebte war durch des Majors Veranstaltung versorgt. – Zuerst durfte er auf Falkensee's Kosten eine Schule besuchen, und dann gab ihn jener in die Werkstatt eines Tischlers, wo er sich zu einem brauchbaren und geschickten Manne bildete. Bertha sagte nachher oft zu Emma: »In diesem Falle hat unsere täuschende Aehnlichkeit etwas Gutes bewirkt; sie führte Meister Ulrich irre, und wäre dies nicht geschehen, so hätte der Grausame den armen Anton mishandelt, statt daß dieser gerettet in unser Haus kam, wir ihn von einer guten Seite kennen lernten, und unser liebe Vater seinem Schicksal eine günstige Wendung gab. Ja, wohl mir, daß ich meinem Schwesterchen ähnlich bin!« sezte dann fröhlich die lustige Bertha hinzu, und fiel Emma mit stürmischer Zärtlichkeit um den Hals.