Der Gevatterbrief.
Wenn es im Falkensee'schen Hause Holz zu spalten gab, so wurde ein armer, aber ehrlicher Taglöhner vom Lande berufen, und ihm jener Verdienst zugewiesen. Ehemals unter des Major's Regiment, gemeiner Soldat, stand er bei diesem noch in großer Gunst, denn er hatte sich immer brav gehalten, und seine Wunden, die ihn zum Invaliden machten, zeigten von seiner Tapferkeit. Er war aber auch seinem ehemaligen Vorgesezten mit Liebe zu gethan, und freute sich herzlich, wenn er in sein Haus berufen wurde. Die Kinder hatten den lustigen Paul recht gern, und unterhielten sich oft lange mit ihm, besonders Bertha, die ohnehin ihr Plappermäulchen öfter in Bewegung sezte als Emma. Sie ließ es sich nicht nehmen, Paul das Frühstück, und sein Mittageßen zu bringen, und erbat sich oft für ihm von der Mutter eine aussergewöhnliche Erfrischung in einem Glas Bier, oder wenn es kalt war, eine Erwärmung in einem Glas Brantewein. Dabei ließ sie sich dann von ihm erzählen wie er als Soldat in manche Noth gerieth, sich durch List und tolle Streiche, aber auch durch Muth daraus half, welche Leute und Kinder er kennen lernte, wenn er hie und da einquartirt wurde, wie seine Hauswirthe ihn immer so ungerne verloren, weil er in Küche und Garten, im Stall und Scheuern gute Dienste leistete, mit den Kindern spielte, ihre zerbrochenen kleinen Besitzthümer wieder herstellte und sich kurz jedem gefällig machte. »Am liebsten,« gestund er lachend, »am liebsten war es mir, wenn ich einen Auftrag im Keller zu besorgen hatte, oder bei einem Wirthe einquartirt wurde, da ließ es sich Paul schmecken, daß es eine Lust war.« Dieser Versicherung mußte man Glauben beimessen, denn noch jezt war Paul's größter Fehler, die Liebe zum Trunk. – In einem solchen Zustand, wo er nicht ganz seiner Geisteskräfte Herr war, schrieb er einmal, als seine Frau mit einem Mädchen in die Wochen kam, einen Gevatterbrief an Emma, den er eigentlich Bertha zugedacht hatte. Allein die Freude, daß er nach 4 Jungen, ein nettes Mädchen erhielt, ließ ihn das gehörige Maß vergessen, und er sezte in der Schenke dem Gerstensaft wieder tüchtig zu. Als er darauf nach Haus kam, und, da er zu schüchtern war, sein liebes Fräulein persönlich zu Gevatter zu bitten, obigen Brief schrieb, so verwechselte er in der Adreße die Namen der Schwestern, und sezte Emma, statt Bertha. Jene war höchlich darüber verwundert, und konnte es nicht begreifen wie ihr die Taufpathen-Ehre zu gefallen sey, weil sie eigentlich keine absonderliche Gönnerin ihres neuen Herrn Gevatters war, und Bertha trauerte ganz, daß sie von ihm vernachläßiget zu werden schien; da sagte Jene als sie dies bemerkte: »weißt du was Schwesterchen, Paul wird es schon recht seyn, 2 Pathen statt einer für sein Kindchen zu bekommen, wir wollen alle beide bei der Taufhandlung gegenwärtig seyn, und die Kleine soll den Namen Marie, den wir ja gemeinschaftlich tragen, erhalten.« Bertha hüpfte über diesen Vorschlag vor Freuden in die Höhe, und auch die Aeltern genehmigten ihn vollkommen.
Am Tag der Taufe fuhren nun die Schwestern, von der Mutter und Franz begleitet, auf das Dorf, in dem Paul wohnte. Die Landleute versammelten sich neugierig vor der kleinen Hütte, als die Staatskarosse daher fuhr, und bei jener hielt. Beim Aussteigen, wo Bertha ihrer lieben Emma folgte, riefen mehrere der versammelten Zuschauer: – »Ei, was ist denn das, die Gevatter kommt ja doppelt! oder ist die eine ihr Geist?« – Paul aber und sein Weib waren ganz erstaunt, die beiden Fräuleins bei sich zu sehen in der Absicht, ihr Kind aus der Taufe zu heben, und weder Mann noch Frau befanden sich im Stande, die Schwestern zu unterscheiden. Während der Weihe-Handlung hielten Emma und Bertha das Kind nach einander auf dem Arm, und freuten sich im Stillen, gemeinschaftlichen Antheil an dem kleinen Mädchen zu zu haben; späterhin aber, als Paul einmal ausser dem Stübchen ein Geschäft zu besorgen hatte, schlich ihm Bertha nach und sagte halb schmollend: »Ich sollte eigentlich recht böse auf dich seyn, alter Paul, daß Du mich nicht zur Gevatter gewollt hast, sondern Schwester Emma. Habe ich Dir denn etwas zu leide gethan, und war ich nicht immer recht freundlich gegen Dich? Warum hast du mir denn jene Freude nicht gegönnt?« »Poz Bliz! ich weiß nicht wie mir geschieht!« antwortete der Taglöhner, faßte bescheiden Bertha bei der Schulter, wandte sie gegen das Licht, das durch die offene Thüre auf den kleinen Vorplaz herein fiel, und sah ihr forschend ins Antliz. »Sagen Sie mir nur« – fuhr er fort, »sind Sie denn Fräulein Emma oder Bertha? doch ja ja, ich erkenne Sie jezt doch. Sie sind meine liebe lustige Fräulein Bertha, und Sie habe ich auch gemeint.« »Aber du hast ja den Brief an Emma überschrieben« – wandte jene ein. »Hab ich das wirklich?« frug Paul. »O ich alter Schöps! da war es einmal wieder nicht ganz richtig hier im Kopfe, als ich das schrieb. Ja ja ich erinnere mich, die Buchstaben tanzten damals gar wunderlich vor meinen Augen; aber die Freude, Papa von einem lieben Mädel zu werden, nachdem mir 4 wilde Jungen oft tüchtig warm machen, führte mich zum Trunk, wo ich nicht zur rechten Zeit aufhörte. Doch nun ists gut. Sie erwiesen ja auch meinem Kinde den Liebesdienst und machten meinen begangenen Fehler freundlich selbst gut. Nun habe ich zwei herzige Gevattern statt einer, denn Fräulein Emma ist ebenfalls die Liebe selbst.« Diese trat eben aus der Stube, und erkundigte sich, was Paul mit Bertha so laut verhandle, die Verwechslung kam an Tag, doch des Mannes treuherzige Versicherung: wie dankbar er dem Schwesternpaar für ihre vereinte Pathenschaft sey, verscheuchte bei jener jeden Argwohn, daß er seinen Irrthum bereue. Auch in Zukunft fand er nur Ursache, sich über die Art und Weise, wie sich die Sache gestaltete, zu freuen, denn Emma und Bertha wetteiferten, ihrem Pathchen Liebe und Fürsorge zu beweisen, und auch sie erlebten viel Freude an dem Kinde, das die Aeltern in Gottesfurcht, zum Fleiße und allen Guten erzogen. Die Schwestern aber theilten ihrem lieben Mariechen, als sie größer wurde, auch manches von ihrer Geschicklichkeit in weiblichen Arbeiten mit, und sie vergalt ihre Liebe mit treuer Anhänglichkeit.