Die Erbschaft.

Emma war die erklärte Günstlingin einer alten reichen Bürgersfrau, welche in ihrer Nachbarschaft wohnte. Sie hatte sich ihre Zuneigung durch einen Dienst erworben, den sie ihr nicht vergaß. Es fiel nämlich einmal im Winter Glatteis ein, und als Emma von dem Besuch bei einer Freundin vorsichtig nach Haus trippelte sah sie Frau Günther an den Häusern fortschleichen, an der Mauer sich ängstlich festhaltend, und dennoch ausglitschen. Die eigene Gefahr vergeßend, sprang Emma eilig hin, half der Matrone mit vieler Mühe empor, und bot sich freundlich an, sie in ihre Wohnung zu führen. Es wurde dankbar angenommen, und Schritt vor Schritt suchte man jene glücklich zu erreichen. Hier mußte die Greisin von dem erlittenen Schrecken sich ein wenig erholen, und konnte nicht, wie sie wünschte, auf der Stelle ihrer lieben Führerin die Dankbarkeit, die sie für sie fühlte, mit der That beweisen; aber sie bat dieselbe, recht bald auf länger zu ihr zu kommen. Frau Günther wohnte in einem Stübchen zu ebener Erde, und nach ein paar Tagen vermochte sie das Bett wieder zu verlassen, und an dem Fenster ihren gewöhnlichen Plaz in dem grüngepolsterten Armsessel einzunehmen. Sie gedachte eben, eine Einladung für Nachmittag an Emma ergehen zu lassen, da sie sich immer mit Dank ihres geleisteten Beistandes erinnerte, als Bertha vorüber ging, welche sie für Jene hielt, sie zu sich rief, und selbst jene Aufforderung an sie richtete. Die Schwestern waren gewohnt, von ihren kleinen und größern guten Handlungen, die sie alleine vollbrachten, nichts zu rühmen, und so wußte Bertha auch nichts von dem Dienst, welchen Emma der Frau Nachbarin erwiesen, konnte daher gar nicht begreifen, warum es dieser einfiel, sie einzuladen; denn sie wohnte schon länger in ihrer Nähe, und hatte noch nie etwas von sich hören lassen. Bei ihrer Nachhausekunft erzählte sie also verwundert, was sie erfahren, und bemerkte, wie Emma still und heimlich für sich lächelte. Sie drang in sie, ihr zu sagen, was sie beschäftige, und nun theilte ihr jene obige Begebenheit mit. Darauf bat Bertha die Schwester herzlich, statt ihrer Frau Günther zu besuchen, da sie ja gemeint sey, und auch die Mutter fand es billig. Suschen, das Stubenmädchen hörte es, und sagte: »O Fräulein! wie gut wird es Ihnen da ergehen! Frau Günther bewirthet ihre Gäste vortrefflich, sie werden nicht genug eßen und trinken können.« Dies bewog Bertha noch mehr, Emma, welche wir als eine Liebhaberin vom Backwerk u. d. gl. kennen zuzureden, die Ehre, die ihr rechtmäßig zustehe, zu genießen. »Nun wohl,« sagte diese. »Diesmal will ich hingehen; kommt aber von der lieben Frau Günther wieder eine Einladung, so mußt Du sie benüzen. Bei unserer großen Aehnlichkeit wird die gute Alte gar nicht wissen und erkennen; ob Du oder ich es sey.«

Emma begab sich also hin, und wurde aufs freundlichste empfangen. Es war ihr recht wohl und heimlich in den neuen Umgebungen; und dies konnte auch seyn, denn in dem heitern, grauangestrichenen Stübchen herrschte die größte Ordnung und Reinlichkeit. Der Boden war blendend weis, wie ein hölzerner Teller, Tische, Sessel und Schränke glänzend gebahnt, in den grünen Ofentafeln konnte man sich spiegeln, die klaren hellen Fenster zierten reine Vorhänge von roth- und weisgestreiftem Zeug; auf der Komode, die ein grünes Wachstuch bedeckte, stand ein kleines Schränkchen mit Glasthüren, hinter dem allerlei hübsche Geräthschaften von Glas und Porzelan, auch ein paar Salzfäßer, Messer, Gabeln und Löffel von Silber, ja sogar ein vergoldeter Pokal prangte. Die silberne Zuckerdose und einige Kaffelöffel befanden sich schon auf dem Kaffetisch, der mit einer Decke von feinem geblümten Zitz versehen war. Auf ihm standen auf einem lackirten Brett, drei Tassen vom blau und weißen Dresdner Porzelan, und auf einer gelben Schale ein ziemlich großer köstlicher Gogelhopfen, durch dessen saftige Rinde die kleinen braunen Rosinen, die in Menge darinen waren, hervor schauten, feine Damastene Servietten lagen auf den Pläzen, welche die Hauswirthin und ihr lieber Gast einzunehmen hatten, und neben an stunden Porzelanteller, das Kaffebrod darauf zu legen, und blank geputzte Messer mit braunen Heften, dasselbe zu zerschneiden, fehlten auch nicht dabei. Kaum war Emma eingetreten, so brachte die Magd, die hellkupferne Kaffe- und Milchkanne, und Frau Günther nöthigte ihren Besuch, Plaz zu nehmen, und bediente ihn reichlich. Dabei schwazte sie recht treuherzig von diesem und jenem, und die Zeit verstrich so schnell und angenehm für beide, daß die Hausfrau Emma beim Abschied bat, doch ja recht bald ihren Besuch zu wiederholen, diese es auch versprach, aber im Stillen eigentlich für Bertha es zu sagte.

Wirklich erschien nicht lange nachher wieder eine Einladung von der freundlichen Nachbarin, und auf Emma's Zureden machte Bertha davon Gebrauch. Wie es vorauszusehen war, so geschah es; die Matrone bemerkte nicht die Statt gefundene Verwechslung der Schwestern und war eben so liebevoll gegen Bertha, als gegen Emma. Ja sie lobte vorzugsweise an Ersterer diesmal ihre lautere Aussprache, (welche auch ein Unterscheidungszeichen der Mädchen war, indem Emma's sanfterer Charakter im etwas leiserem Sprechen sich kund gab,) Frau Günther aber litt', wie gewöhnlich alte Personen, am Gehör, und also machte sie obige Bemerkung mit vielem Wohlgefallen. Zur Unterhaltung ihres lieben Gastes öffnete sie auch diesmal ihr Glasschränkchen, nahm ein Kästchen heraus, das aus Ebenholz fein gearbeitet und mit Elfenbein eingelegt war, und worin sich die Kostbarkeiten der Greisin befanden; nämlich silberne und goldne Ketten, Perlen, Ohrringe und Halsgehänge von ächten Korallen, von Perlen und Granaten, Ringe, in denen Inschriften schwarz eingeschmelzt waren u. a. m. Die purpurrothen schönen Granaten gefielten dem Mädchen besonders wohl, und sie äusserte es auch gegen die Eigenthümerin; da sagte diese gütig: »nun warte nur mein Kind, wenn ich sterbe, vermache ich sie dir in meinem Testamente.« »O stille doch gute Frau Günther,« erwiederte Bertha. »Von Ihrem Tode mag ich nichts hören, sie sollen noch lange, recht lange leben!« Bei dieser Aeusserung schlang sie ihren Arm um den Nacken der Greisin, und küßte herzlich ihre faltige Wange. Diese drükte sie aber mit vieler Liebe an ihr Herz und versicherte sie wiederholt: daß ihr jenes Andenken nun ganz gewiß von ihr bestimmt sey. – Und sie hielt Wort. Nach einigen Monaten, zu bald für Emma und Bertha, nahm sie ein sanfter Tod hinweg. Jene hatten sie abwechselnd fleißig besucht, und wohl späterhin sich ihr als Zwillingsschwestern vorgestellt, aber durch das Alter waren die Geisteskräfte der guten Frau doch etwas geschwächt, und ihr geschah häufiger, was schon jüngern und kräftigern Personen oft widerfuhr, daß sie die Mädchen verwechselte; da ihr der Name Emma von der ersten Begegnung mit derselben an geläufiger war als Bertha, so galt diese bei ihr größtentheils für Erstere. – Nach ihrem Dahinscheiden ergab sichs, daß sie auch Emma den Granatenschmuck testamentlich bestimmt hatte, und er wurde dieser eingehändigt. Allein nun entstand wieder ein liebender Streit zwischen den Schwestern. Bertha behauptete: Emma verdiene die Erbschaft, da sie der Verstorbenen den wesentlichsten Beistand einst geleistet hatte; Jene aber wandte ein: daß Frau Günther, als sie Bertha die Kostbarkeiten zeigte, ausdrücklich derselben die Granaten versprochen habe. Da es indessen eine große Anzahl waren, so schlug die Mutter eine redliche Theilung vor, und freudig verstanden sich die Schwestern dazu. In diesem Besitzthum ehrten beide dankbar das Andenken an ihre verewigte Freundin, und oft war sie und ihr freundliches Benehmen gegen die Schwestern, ein Gegenstand ihrer Gespräche.

Der Schluß.

Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr 13tes Jahr begleitet, und dabei oft Gelegenheit gehabt, sie ihrer Aehnlichkeit und Verschiedenheit nach, genau kennen zu lernen. Ich hoffe, sie sind meinen lieben Lesern und Leserinnen lieb geworden, und sie würden mir vielleicht gerne länger zuhören, wenn ich ihnen noch eine oder die andere Erfahrung ihres Jugendlebens mittheilen wollte, allein der Raum des Büchleins gestattet mir nicht bei jenem Zeitpunkt zu verweilen, indem ich glaube, es wird meinen jungen Freunden nicht unangenehm seyn auch zu erfahren, wie sich das Schicksal der erwachsenen Emma und Bertha gestaltete; deshalb überschreite ich einige Jahre schweigend oder doch schneller, und stelle Euch die Schwestern als Jungfrauen vor, welche ihr 20tes Jahr erreicht hatten. In dieser Zeit mußten sie manche herbe Erfahrung machen. Ihre Taufpathinnen, so wie mehrere ihrer nähern Freunde und Bekannte wurden ihnen durch den Tod, oder andere Verhältnisse, welche sie in die Ferne riefen, geraubt. Auch Dokter Woldemann war unter den leztern. Ja er konnte gar nicht mehr an seinen besten Freunden Falkensee's seine Geschicklichkeit erproben, indem er einen Ruf in eine sehr entfernte Gegend erhielt, und demselben folgte, noch ehe den Major eine tödliche Krankheit auf das Lager warf, die ihm auch das Leben wirklich kostete. Seine Gattin, welche unbeschreiblich zärtlich ihn liebte, ertrug seinen Verlust nicht lange, sondern folgte ihm bald in die Gruft; und nun standen die Schwestern alleine, und sehr verlassen, denn Franz hatte bei einem reichen Engländer die Stelle als Hofmeister von dessen einzigen Sohn erhalten, und machte mit diesem große Reisen. Das Vermögen aber, das Falkensee hinterließ, war unbedeutend, denn der treffliche Mann hatte seinem wohltätigen Sinne zu viel geopfert, und oft Undank und großen Verlust erfahren müssen, denn nicht alle, die er großmüthig mit Geldsummen unterstüzte, suchten wie Walther auf eine oder die andere Weise ihre Schuld zu tilgen, und also ergab sichs nach seinem Tode, daß die Töchter das Haus und andere Habseligkeiten zu verkaufen, und irgendwo eine Unterkunft für sich zu suchen, genöthigt wurden. – Für ihre Wohnung erhielten sie lange keinen paßenden Käufer, und so lange sie dieselben besäßen, benüzten sie fleißig ihren Lieblingsaufenthalt, ihr Gärtchen, wo sie sich einzeln und vereint wehmütigen Erinnerungen hingaben, auch zuweilen mit ihrer Guitarre oder einem schönen Buche die Sorgen für ihre Zukunft verscheuchten. An den Garten stieß das Nebengebäude eines stark besuchten Gasthofs, und die Fenster einiger Gastzimmer führten in denselben. Eine durchreisende Gräfin fand im Hauptgebäude keine Unterkunft mehr, mußte sich mit jenen Gemächern begnügen, und bemerkte Emma in ihrer Laube, welche zuerst, nach ihrer frühern Gewohnheit mehrere Stellen aus einer schönen Gedichtsammlung laut und ausdrucksvoll für sich las, dann die neben ihr liegende Guitarre ergriff und ein frommes erhebendes Lied spielte und sang. – Gräfin Sternfeld suchte schon längst eine Gesellschafterin für sich, da ihre Kinder alle erwachsen und vermählt waren, und sie öfters sich recht einsam fühlte, ob sie gleich jene von Zeit zu Zeit besuchte, und eben auch jezt von einer Reise, welche sie zu einem ihrer entfernt lebenden Söhne gemacht hatte, zurück kehrte. Emma's Talent, gut zu lesen, so wie ihr hübsches Spiel und sanfter Gesang, ließen sie wünschen, die holde Jungfrau zu sich nehmen zu können. Sie ließ den Gastwirth rufen, und fragte ihn nach Namen und Verhältnis derselben. »Es ist Berta von Falkensee,« erwiederte der dienstbefließene redselige Mann. »Das Mädchen ist ein verarmtes Fräulein, überdies eine Waise, deren Aeltern, Gott hab sie selig! wackere Leute waren. Der Major hatte nur einen Fehler, daß er nämlich zu gut war, und sich von jedem Taugenichts hinters Licht führen ließ, dafür müssen nun die Töchter büßen, und in beschränkter Lage leben; indessen hat der Vater auch viel Gutes ausgeübt, und ich denke immer, dies soll den Kindern vergolten werden.«

Dies war genug um die Gräfin in ihrem Entschluß zu befestigen. Sie beorderte den Wirth die Guitarrspielerin, die noch immer ohne zu wissen, daß sie beobachtet wurde, im Gärtchen weilte, rufen zu lassen; und er sandte also nach Bertha Falkensee, welche bei der Gräfin erschien, wo gegenseitig ein vortheilhafter Vertrag sehr bald abgeschlossen wurde. Auch die Abreise fand in den nächsten Tagen Statt, und der Abschied zwischen den zärtlichen Schwestern war ungemein schmerzlich für Jede.

Noch betrübter aber wurde Bertha, als sie, angelangt auf dem Landsitz der Gräfin die vielen Vortheile ihrer neuen Lage, und den trefflichen Charakter jener edlen Frau erst recht kennen lernte, nach einigen Tagen sich aber überzeugen mußte, daß abermals, auch bei diesem wichtigen Schritt, der ihr Schicksal entschied eine Verwechslung der Schwestern Statt fand. Die Gräfin ersuchte nämlich ihre Gesellschafterin, als sie einmal mit ihr in einem Rosenbasquett des großen Parks saß, das Lied zu singen, und auf der Guitarre zu spielen, welches ihr das Wohlgefallen derselben zugezogen habe. Es hatte sich ihr so eingeprägt, daß sie die Endstrophen, mit denen jeder Vers sich schloß, recht in Gedächtnis behalten hatte. Sie lauteten:

»Bewahre dir in Freud und Schmerz

Des Glaubens Kraft o Menschenherz!«

Dies war jedoch ein Lied, welches nicht Bertha, sondern Emma immer sang, und Erstere gar nie gespielt hatte. Da entdeckte sich nun, daß der Gastwirth Emma für Berta gehalten, und dieser das Glück mit Gräfin Sternfeld in so schöne Verhältniße zu treten, aus Irrthum verschafft hatte, was die liebende Schwester ungemein beunruhigte. Sie verheelte es weder jener noch Emma selbst, erhielt aber von Beiden den Trost, daß es eine höhere Fügung sey, welcher sie sich ruhig unterwerfen müßten. Bald aber wurde Bertha ganz zufrieden gestellt, indem sie aus der Heimath die Kunde erhielt, daß ein würdiger Mann um die Hand der Schwester geworben habe. Sie kannte ihn wohl; es war ein Bekannter des Banquier Krause, bei dem sie ihn öfter traf, und welcher Gefallen an ihr zu finden schien. Nun hatte er eine kaufmännische Reise zurückgelegt, begründete in W* eine eigene Handlung und begann von Neuem Emma, die er mit Bertha verwechselte, auszuzeichnen. Bald wurde ihm sein Wahn benommen, aber nicht die achtungsvolle Liebe, die ihm Emma nun auch eingeflößt hatte, und er fand nie Ursache zu bereuen, sie, statt Bertha, zur Lebensgefährtin gewählt zu haben. Diese aber traf bei einem Besuch, den sie mit der Gräfin einer verheiratheten Tochter derselben abstattete mit dem Geistlichen des, dem jungen Paare zugehörigem Rittergut's, zusammen, und erkannte in ihm den alten Freund, Heinrich Volkmar. Dieser war noch unverehlicht, und hatte, da der Vater nicht mehr lebte, seine Mutter zu sich genommen, welche dem kleinen Haushalt sorgsam vorstand. Bald erhielt sie in Bertha eine liebende Tochter und Heinrich eine treue Gattin; und so bewährte die Verwechslung der Zwillingsschwestern, in ihrem spätern Leben, keinen nachtheiligen, sondern einen beglückenden Einfluß auf ihr Geschick. Beide aber blieben auch entfernt, im Geiste sich immer noch, und durch die innigste Liebe und Theilnahme verbunden.