Achtzehnter Brief.
Geschäftreiches Frühjahr. — Zunahme der Gesellschaft und Bequemlichkeit. — Erinnerungen an die Heimath. — Nordlicht.
Dies ist ein geschäftreiches Frühjahr für uns gewesen; zuerst hatten wir Zucker zu sieden, und diesmal in größerer Menge als früher, als wir unsern ersten Versuch machten. — Alsdann hatten wir Werkleute, indem unser Haus mancher Erweiterung bedurfte; wir haben eine große und bequeme Küche bauen lassen, die alte dient jetzt als Schlafgemach; das Wurzel-Haus und die Milcherei sind ziemlich vollendet. — Wir haben einen Brunnen mit trefflichem Wasser gleich vor der Thür, und eine hübsche hölzerne Scheune ist diese Woche fertig geworden, sie enthält zugleich einen Getraideboden und einen Stall, mit einer Abtheilung für das Federvieh, welches mir viel Unterhaltung und Freude gewährt.
Außer einem hübschen Hühner-Völkchen, den Abkömmlingen von zwei Hennen und einem Hahn oder Rooster, wie die Yankies diesen Vogel nennen, habe ich einige Enten, wozu diesen Sommer auch Truthühner und Gänse kommen werden. Ich verlor etliche meiner besten Vögel nicht durch den Stößer, sondern durch ein sehr schädliches Thier, welches unserm Iltiß genau verwandt ist und hier Scunck genannt wird; es ist weit räuberischer, und richtet größere Verheerungen an als Fuchs und Habicht; denn es kommt wie ein Dieb in der Nacht, dringt in den Hühnerhof ein und hinterläßt furchtbare Spuren seiner Raubgier und seines Blutdurstes.
Unser Garten, der bisher weiter nichts als eine viereckige Einfriedigung für Gemüse war, erhält eine andre, dem Auge gefälligere Form; zwei halbkreisförmige Flügel laufen vom Eingange nach beiden Seiten des Hauses; der Zaun ist eine Art rohes Korb- oder Hürden-Werk, wie Sie dergleichen in England häufig sehen können, und welches die Bauern geflochtnen Zaun nennen; jedenfalls nimmt sich eine dergleichen Einfriedigung weit malerischer aus als die von gespaltnen Holzscheiten.
Entlang dieser kleinen Einfriedigung habe ich angefangen, eine Art Blumen-Hecke nebst einigen der einheimischen Sträucher anzupflanzen, wovon unsre Wälder und Seeufer strotzen.
Unter den bereits eingeführten sind zwei Geißblatt-Arten mit weißen und rosenfarbnen Blüthen; die amerikanischen Botaniker nennen dieselben Quilostium.
Dann habe ich die weiße Spiraea, (ein strauchartiges Gewächs), welches in Ueberfluß auf dem See-Ufer wächst, die canadische wilde Rose, die rothe blühende Himbeere (rubus spectabilis), Leder-Holz (dircas) auch amerikanisches Mezereon- oder Moos-Holz genannt, dies ist ein sehr hübscher und zu gleicher Zeit nützlicher Strauch; die Rinde wird von den Landleuten als ein Substitut für Stricke, zum Zubinden von Säcken u. s. w. gebraucht; die Indianer nähen ihre Weidenrinden-Körbe gelegentlich damit.
Milde Stachelbeeren, rothe und schwarze Johannisbeeren, Apfelbäume und hier und da ein Weißdorn-Strauch, und einige andre dergleichen Gewächse sind alles, was ich bisher habe einführen können.
Der Stoup (Verandah) ist errichtet, und ich habe erst kürzlich am Fuße der hölzernen Säulen Hopfen gepflanzt. Ich habe auch zwei tragende Ableger einer purpurfarbnen wilden Traube von der Insel in unsrer Nähe aufgezogen und bin neugierig, ihre Früchte zu sehen.
Mein Gatte ist gegenwärtig frisch und wohlgemuth; unser geliebtes Kind befindet sich ebenfalls wohl und läuft überall umher. Wir erfreuen uns einer angenehmen und freundlichen Gesellschaft, die im Verlauf der letzten zwei Jahre so zugenommen hat, daß wir uns über unsre Entfernung von der volkreichern Stadt kaum beklagen können.
Meine theure Schwester und ihr Gatte fühlen sich in ihrer neuen Wohnstätte sehr behaglich und haben ein schönes Stück Land gelichtet und angebaut. Wir besuchen sie häufig und plaudern dann manches liebe Stündchen von der Heimath, der süßen unvergeßlichen Heimath, und schmeicheln uns dabei mit dem angenehmen Wahne, daß wir in einer nicht allzufernen Zeit ihre fruchtbaren Felder und blumigen Thäler einmal wieder sehen werden.
Mit welchem Entzücken würden wir unsre jungen Canadier ihren Großmüttern und Tanten vorführen; mein kleiner Buschmann soll zeitig die Namen dieser unbekannten aber theuren Freunde aussprechen und das Land verehren und lieben lernen, wo seine Aeltern das Licht der Welt erblickten, die herrlichen Hügel des Nordens und mein eignes geliebtes England.
Verursachte mir die Entfernung von meinem Geburtslande, und noch dazu von einem so schönen und gesegneten Lande gar kein Bedauern, gar kein Weh, so würde dies nur ein fühlloses Herz verrathen; dennoch aber muß ich gestehen, daß ich Canada trotz all seiner Rauhigkeit liebe und mich in meinem niedrigen Block-Hause eben so froh und glücklich fühle, als dies in einem reich geschmückten Palaste nur der Fall sein könnte; Gewohnheit versöhnt uns mit manchen Dingen, die uns anfangs nicht recht zusagen wollen. Es ist stets mein Bestreben gewesen, lieber das Süße als das Bittre in den Becher des Lebens zu träufeln, und gewiß ist dies das Beste und klügste, was man thun kann. In einem Lande, wo alles — Jung und Alt, Vornehm und Gering — sich zur Thätigkeit aufgefordert fühlt, würde es höchst ungereimt und thörigt sein, seine Lebensgeister durch unnützes Trauern und Klagen zu dämpfen und im Hause durch Niedergeschlagenheit und unaufhörliche Klagelieder über die Trennung von so vielen theuren Gegenständen in der alten Heimath, eine düstre Stimmung zu verbreiten. Da wir nun einmal hier sind, müssen wir uns so gut als möglich in die Umstände schicken und mit heitrem Muthe das Loos ertragen, welches wir uns selbst gewählt haben. Die Fähigkeit, das Gute, welches wir besitzen, zu genießen, scheint mir ein Haupterforderniß zur menschlichen Glückseligkeit zu sein.
Wiewohl wir von vorn herein manche Widerwärtigkeiten erfuhren, manche unvorhergesehne Kosten zu bestreiten hatten, uns manchen unangenehmen Aufschub gefallen lassen mußten und viele Entbehrungen, die uns sehr drückend erschienen, zu erdulden hatten, so können wir doch, im Ganzen genommen, von gutem Glück sagen; vorzüglich, was die Lage unsers Grundstücks betrifft, welches seitdem in Werth bedeutend gestiegen ist; die Hauptschwierigkeiten haben wir jetzt überwunden, wenigstens hoffen wir so, und bald werden wir alle Annehmlichkeiten einer wohl eingerichteten Meierei genießen.
Mein Gatte söhnt sich von Tage zu Tage mehr mit dem Lande aus, und auch ich fühle mich täglich fester daran gebunden. Sogar die Baumstummel, welche mir Anfangs so sehr zuwieder waren, scheinen etwas von ihrer Häßlichkeit zu verlieren; das Auge gewöhnt sich sogar an die unangenehmsten Gegenstände, bis sie fast gar nicht mehr beachtet werden. Wie ganz verschieden von seiner gegenwärtigen Erscheinung wird sich dieser Fleck nach Verlauf einiger Jahrhunderte ausnehmen! meine Einbildungskraft malt es mir mit fruchtbaren Feldern und Fluren, schattigen Hainen und geschmackvoll angepflanzten Bäumen vor; alles wird anders sein; unsre gegenwärtigen rohen Wohnungen werden andern bequemern und schönern Platz gemacht haben, und Anmuth und Behaglichkeit wird die Landschaft umfangen, welche gegenwärtig eine Waldwildniß ist.
Sie fragen mich, ob mir das Klima von Ober-Canada gefällt; aufrichtig zu reden, so glaube ich nicht, daß es alle die Lobsprüche verdient, welche ihm Reisende gezollt haben. Die Sommerhitze im letzten Jahre war sehr drückend, die Dürre außerordentlich groß, und erwies sich in mancher Hinsicht nachtheilig, vorzüglich schadete sie der Kartoffel-Ernte. Die Fröste traten zeitig ein, und eben so fiel zeitig Schnee; den gepriesnen indianischen Nachsommer betreffend, so scheint er vor der Hand Abschied von dem Lande genommen zu haben, denn seit unserm dreijährigen Aufenthalte daselbst haben wir nur wenig davon gesehn. Letztverfloßnes Jahr war auch nicht ein Schein davon wahrzunehmen, und in diesem Jahre wurde ein abscheulich düstrer trüber Tag, der mich gewaltsam an einen Londoner Nebel erinnerte, und der ganz eben so niederschlagend und geistlähmend wirkte, von den alten Bewohnern für den Anfang des indianischen Sommers erklärt; die Sonne schien düster und roth, und ein gelber graulicher Nebel verdunkelte die Atmosphäre, so daß es fast nöthig wurde, am Mittage Licht anzuzünden. Wenn dies der indianische Sommer ist, so könnte man eine Reihe auf einander folgender londoner Nebeltage den »Londoner-Sommer« nennen, dachte ich bei mir, als ich den lieben langen Tag in einer Art bewilderndem düstern Lichtschimmer umhertappte; und, froh war ich, als nach ein- oder zweitägigem heftigen Regen, Frost und Schnee eintraten.
So weit unsre Erfahrung reicht, ist dieses Klima in hohem Grade veränderlich; nicht zwei Jahre sind sich einander nur einigermaßen gleich gewesen; und wie man glaubt, wird diese Veränderlichkeit in demselben Verhältniß zunehmen, als die Lichtung des Bodens von Jahr zu Jahr vorwärts schreitet. In der Nähe der Flüsse und großen Seen ist das Klima weit milder und gleichförmiger; mehr landeinwärts fällt der Schnee selten so hoch, um das Schlittenfahren, nachdem es allgemein geworden, mehre Wochen hindurch zu verstatten; dies ist indeß, wenn wir den Zustand unsrer Buschstraßen berücksichtigen, mehr ein Umstand zu unsern Gunsten, insofern das Reisen minder schwierig wird, obgleich die Wege immer noch ziemlich holperig bleiben.
Ich habe das Nordlicht mehre Mal, gesehn; desgleichen eine glänzende meteorische Erscheinung, glänzender und großartiger als alles, was ich der Art je zuvor beobachtet. Großen Spaß machten mir die Worte eines jungen Burschen, der einem Herrn die Erscheinung einer Reihe Sternschnuppen, wie sie schnell über den Himmel weggeschossen, erklärte, »Sir,« sagte der Bursche, »ich habe nie zuvor etwas Aehnliches gesehn, und ich kann die Kette von Sternen mit der Block-Kette (logging-chain) vergleichen,« gewiß ein höchst natürlicher und einziger Vergleich, ganz in Einklang mit der Beschäftigung des Burschen, der es häufig mit den Ochsen und ihrer Block-Kette, (der Fortschaffung von gefällten Bäumen) zu thun hatte, — und am Ende nicht bäurischer, wenn ich so sagen darf, als die gewöhnlichen Namen, welche mehre unsrer prächtigsten Sternbilder führen — z. B. Pflug, Sichel u. s. w.
Als ich letzte Weihnachten eines Abends von einem Besuche bei einer Freundin nach Hause kehrte, überraschte mich eine glänzende blaßgrünliche Lichtsäule im Westen; sie erhob sich zu einiger Höhe über die dunkle Fichten-Linie, womit die jenseitigen Ufer des Otanabee bekränzt waren, und erleuchtete den Himmel auf beiden Seiten mit einem keuschen reinen Lichte, dem nicht unähnlich, welches der Mond bei seinem Auf- und Untergang verbreitet; sie war nicht ganz pyramidal, jedoch an der Basis um vieles breiter als an der Spitze; sie erbleichte allmälig, bis nur noch ein weißes flimmerndes Licht die Stelle bezeichnete, die sie am Himmel eingenommen, und auch dieser schwache Lichtschimmer verschwand ungefähr nach einer halben Stunde. Es war eine so schöne und liebliche Erscheinung, daß ich ordentlich trauerte, als sie in die dünnen Lüfte zerrann; ja bisweilen bestimmte mich meine Phantasie zu dem Glauben, als sähe ich das Gewand eines glanzvollen Besuches aus einer andern und bessern Welt; — aber weg mit dergleichen Träumereien! — war es vielleicht eine phosphorische Ausdünstung von einem unsrer zahlreichen Moräste oder Binnen-Seen, oder stand sie vielleicht mit dem Nordlicht in Verbindung, welches so häufig an unserm Himmel gesehn wird?
Ich muß jetzt diesen Brief schließen; denn ich habe noch an einige Freunde zu schreiben, denen ich blos bei günstiger Gelegenheit etwas von meiner Hand zufertigen kann, denn das Porto ist sehr hoch, und man muß für alles, was man nach New York sendet, oder von daher erhält, theuer bezahlen.
Leben Sie wohl Meine Gütigste und Beste Freundin.
Erster Anhang.