Einleitung.
Unter den vielen, im Verlauf des letzten Jahrzehents über Canada erschienenen Werken, welche Auswanderung zum Thema haben, ertheilen nur wenige oder vielleicht nicht ein einziges über die häusliche Einrichtung der Ansiedler hinreichend genaue Auskunft, um derjenigen, welche für alle Bequemlichkeiten und den wohlbehaglichen Zustand einer Familie verantwortlich ist, — der Hausfrau, welcher die häusliche Ordnung obliegt, als treuer und sichrer Führer zu dienen.
Zwar hat Dr. Dunlop eine geistreiche Flugschrift, betitelt »The Backwoodsman,« (der Urwald-Siedler) herausgegeben, allein sie geht nicht in die Routine weiblicher Pflichten und Geschäfte, in dem bezeichneten neuen Wirkungskreise, ein. In der That kann nur die Feder einer Frau die andre Hälfte von dem beschreiben, was von der innern Einrichtung und Leitung eines Hauswesens in den Urwäldern zu sagen ist, sie allein vermag die neuanlangenden weiblichen Auswandrer über die schwierigen Pflichten und Prüfungen, welche ihrer warten, gehörig zu unterrichten.
»Vorausgewarnt, vorausgewaffnet,« ist ein Sprichwort unsrer Vorväter, das in seiner markigen Kürze viel Stoff zum Nachdenken enthält; seine Bedeutung im Auge, ist die Verfasserin vorliegenden Werkes bestrebt gewesen, den Frauen und Töchtern von Auswandrern aus den höheren Ständen, welche inmitten unsrer canadischen Wildnisse eine Heimath suchen, jeden nur möglichen Unterricht zu ertheilen. Wahrheit war ihr Hauptziel, denn es wäre grausam, Leute, die ihre Familie, ihr Vermögen und ihre Hoffnungen in ein wildfremdes Land versetzen, mit falschen Hoffnungen zu täuschen und glauben zu machen, daß in diesem Lande Milch und Honig fließe, und daß es zur Erlangung von Bequemlichkeit und Ueberfluß daselbst nur geringer Mühe bedürfe. Sie zieht es vor, gewissenhaft und treu die Dinge in ihrem wahren Lichte darzustellen, damit der weibliche Theil der Ankömmlinge im Stande sei, den neuen Verhältnissen kühn ins Gesicht zu blicken, in dem ihm angebornen Tact und Scharfsinn ein Mittel in vorkommenden Schwierigkeiten zu finden, und, gehörig vorbereitet, mit jener muthvollen Freudigkeit, wovon wohlerzogne Frauenzimmer oft außerordentliche Beweise liefern, dem Uebrigen zu begegnen. Desgleichen wünscht sie, ihnen zu zeigen, wie vortheilhaft es ist, Alles wegzulassen, was außschließlich jener künstlichen Verfeinerung des modischen Lebens in England angehört; und wie sie durch Verwendung des Geldes, welches der Ankauf von dergleichen mehr lästigen und überflüssigen Artikeln erheischen würde, auf wahrhaft nützliche Gegenstände, die in Canada nicht leicht zu erlangen sind, sich das Vergnügen verschaffen können, einem wohlgeordneten Hauswesen vorzustehen. Sie wünscht ihnen den Vortheil einer dreijährigen Erfahrung zu sichern, damit sie jeden Theil ihrer Zeit zweckmäßig anwenden mögen, und lernen, daß alles, sowohl Geld als Geldeswerth, das irgend einem Gliede der Emigranten-Familie angehört, gewissenhaft als Capital zu betrachten sei, welches durch Vermehrung entweder des Einkommens oder der häuslichen Ordnung und Bequemlichkeit seine Zinsen tragen werde.
Diese Aussprüche, welche mehr auf Nutzen und Brauchbarkeit, als künstliche persönliche Verfeinerung abzwecken, sind nicht so unnöthig, als das Publikum vielleicht meinen dürfte. Die nach dem brittischen Amerika auswandernden Familien sind nicht mehr von dem Range im Leben, wie die, welche früher dort eine neue Heimath suchten. Es sind nicht blos arme Landleute und Handwerker, die in großen Anzahlen dem Westen zuziehen, sondern auch unternehmende englische Capitalisten, und die vormals in Ueberfluß lebenden Landeigenthümer, welche, beunruhigt durch die Schwierigkeit, in einem Lande, wo alle Gewerbe überfüllt sind, eine zahlreiche Familie in Unabhängigkeit zu erhalten, sich den Schaaren anschließen, die jährlich aus England nach jenen Colonien strömen. Von welcher Bedeutung ist es nicht, daß die weiblichen Glieder dieser Colonien gehörigen Unterricht hinsichtlich der wichtigen Pflichten erhalten, denen sie sich unterziehen; daß sie sich auf die Mühen gefaßt machen und vorbereiten, welche ihrer warten, und so Reue und Mißvergnügen über grundlose Erwartungen und getäuschte Hoffnungen vermeiden.
Es ist eine dem Publikum nicht allgemein bekannte Thatsache, daß brittische Offiziere und ihre Familien gewöhnlich die Bewohner der Urwälder sind, und da sehr viele außer Dienst stehende Offiziere jedes Ranges Land-Bewilligungen in Canada erhalten haben, so kann man sie als die Begründer der Civilisirung in der Wildniß betrachten; und ihre Frauen, nur zu oft zärtlich erzogen und von vornehmer Abkunft, sehen sich auf einmal in alle, mit der rohen Lebensweise eines Waldsiedlers verbundnen Beschwerden und Entbehrungen versenkt. Die Gesetze, welche die Bewilligung von Grundeigenthum regulieren, nöthigen den Colonisten, sich auf eine bestimmte Zeit verbindlich zu machen, so wie zur Ausübung gewisser Pflichten, und verstatten daher, ist einmal die Absteckung des Bodens erfolgt, keinen Urlaub. Dieselben Gesetze nöthigen sehr weislich einen Mann von besserer Erziehung, der sowohl im Besitz von Vermögen als gebildetem Verstand ist, alle seine Kräfte einem bestimmten Flächenraum ungelichteten Bodens zu widmen. Es läßt sich wohl denken, daß nur solche, die eine junge Familie in Wohlstand und Unabhängigkeit zu erhalten wünschen, sich dergleichen Mühseligkeiten unterziehen werden. Diese Familie macht die Niederlassung eines solchen Ansiedlers der Colonie noch werther; und der auf halben Sold gesetzte Offizier, welcher dergestalt gleichsam die Avantgarde der Civilisirung führt und in jene rohen Distrikte anständige und wohlerzogne weibliche Wesen bringt, die durch geistige Verfeinerung alles um sich her sänftigen und veredeln, dient seinem Vaterlande durch Gründung friedlicher Dörfer und anmuthiger Wohnstätten eben so nachdrücklich, als je zur Zeit des Kriegs durch persönlichen Muth oder militairische Klugheit.
Es wird sich im Verfolg dieses Werkes ergeben, daß die Verfasserin, Damen, welche der höhern Ansiedler-Klasse angehören, die geistigen Quellen einer besseren Erziehung eben so sehr im Auge zu behalten empfiehlt, als sie ihnen die Beibehaltung aller unvernünftiger und künstlicher Bedürfnisse, so wie jedes nutzlose Thun und Treiben widerräth. Sie mögen ihre Aufmerksamkeit auf die Naturgeschichte, die Flora dieser neuen Heimath richten, hierin werden sie eine unerschöpfliche Quelle für Unterhaltung und Belehrung finden, eine Beschäftigung, die den Geist erleuchtet und erhebt und für den Mangel an jenen leichteren weiblichen Zeitvertreiben, welche nothwendiger Weise den gebieterischen häuslichen Pflichten weichen müssen, Ersatz leisten dürfte. Dem Weibe, welches fähig ist, die Schönheiten der Natur zu empfinden und den Schöpfer des Weltalls in seinen Werken zu verehren, eröffnet sich ein reicher Vorrath reiner ungeschminkter Freuden, die es inmitten der einsamsten Gegend unsrer westlichen Wildnisse frei von Langerweile und übler Laune erhalten.
Schreiberin dieser Seiten spricht aus Erfahrung und würde sich sehr freuen, wenn sie vernehmen sollte, daß die einfachen Quellen, aus welchen sie selbst so manche Freude geschöpft hat, die Einsamkeit zukünftiger Ansiedlerinnen in den Urwäldern von Canada zu erheitern vermögen.
Als allgemeine Bemerkung für Ansiedler jechlicher Art und jechlichen Standes, mag hier noch stehen, daß das Ringen nach Unabhängigkeit oft sehr mühevoll und ohne eine thätige und heitere Lebensgefährtin fast unmöglich ist. Kinder sollte man frühzeitig die aufopfernde Liebe schätzen lehren, welche ihre Aeltern zur Ueberwindung des natürlichen Widerstrebens, das Land ihrer Vorväter, den Schauplatz ihrer frühesten und glücklichsten Tage, zu verlassen und in einem fernen Welttheile als Fremdlinge eine neue Wohnstätte zu suchen, neue Banden, neue Freundschaften zu knüpfen, und gleichsam des Lebens mühevollen Pfad von neuem anzutreten bestimmte, und alles dies, um ihre Kinder in eine Lage zu versetzen, worin sie durch Fleiß und Thätigkeit sich stets die materiellen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens zu verschaffen und ihren Nachkommen ein wohlbestelltes Grundeigenthum zu hinterlassen vermögen.
Junge Männer söhnen sich bald mit diesem Lande aus, indem es ihnen dasjenige gewährt, was den größten Reiz für die Jugend hat — nämlich große persönliche Freiheit. Ihre Beschäftigungen sind erheiternd und der Gesundheit zuträglich; ihre Belustigungen, z. B. Jagen, Schießen, Fischen und Gondeln sind vorzüglich einladend und für viele bezaubernd. An allen diesen Zeitvertreiben aber können ihre Schwestern keinen Antheil nehmen, daher die Mühseligkeiten und Beschwerden des Ansiedler-Lebens insbesondre dem weiblichen Theil der Familie anheim fallen. Mit einem Hinblick auf Abhülfe dieser Entbehrungen und um zu zeigen, wie man einige Schwierigkeiten sich erleichtern andre vermeiden kann, hat die Verfasserin manche ihr nützlich erscheinende Vorschläge eingestreut. Einfache Wahrheit, durchaus auf persönliche Kenntniß gestützt, ist die Grundlage des vorliegenden Werkes; eingeflochtne Erdichtungen hätten es vielleicht manchen Lesern willkommner gemacht, würden aber auf der andern Seite seiner Brauchbarkeit Abbruch gethan haben; indeß werden auch Diejenigen, welche keineswegs die Absicht haben, die Mühseligkeiten und Gefahren des in Rede stehenden Ansiedler-Lebens zu theilen, wohl aber von Scenen und Lebens-Verhältnissen, die von denen eines seit langer Zeit civilisirten Landes so himmelweit verschieden sind, einige Kenntniß zu erlangen wünschen, ihre Rechnung finden und sowohl Unterhaltung als auch manche nützliche Lehre daraus schöpfen.
Die Urwälder von Canada.