Erster Brief.
Abfahrt von Greenock in der Brig Laurel. — Beschaffenheit der Kajüte. — Reise-Gefährte. — Mangel an Beschäftigung und Unterhaltung. — Des Capitains Goldfinke. —
Brig Laurel, Juli 18, 1832.
Theuerste Mutter!
Ich erhielt Ihren letzten lieben Brief nur wenige Stunden vor unsrer Abfahrt von Greenock. Da Sie den Wunsch äußern, eine ausführliche Beschreibung unsrer Reise von mir zu erhalten, so will ich meine Mittheilungen von der Zeit unsrer Einschiffung an beginnen, und so oft schreiben, als mich meine Neigung dazu treibt. Gewiß sollen Sie keinen Grund haben, über zu kurze Briefe von mir zu klagen, ich fürchte Sie werden dieselben nur zu lang finden.
Nach manchem Aufschub, mancher fehlgeschlagnen Erwartung glückte es uns endlich, eine Gelegenheit zur Ueberfahrt in einer schnell segelnden Brig, dem Laurel von Greenock, zu finden; und günstige Winde tragen uns jetzt in reißendem Fluge über den atlantischen Ocean.
Der Laurel ist kein regelmäßiges Passagier-Schiff, dies aber betrachte ich als einen Vortheil, denn was wir auf der einen Seite an Unterhaltung und Mannigfaltigkeit einbüßen, gewinnen wir auf der andern an Behaglichkeit. Die Kajüte ist recht hübsch aufgeputzt und ich erfreue mich des Genusses, (denn ein solcher ist es in der That, in Vergleich zu den schmalen Sitzen der Staats-Kajüte) eines hübschen Sophas mit rothem Ueberzug, in der großen Kajüte. Die Staats-Kajüte steht uns auch offen. Wir zahlten für unsre Ueberfahrt nach Montreal jedes funfzehn Pfund, allerdings ein ziemlich hoher Preis, der aber jede andre Ausgabe in sich einschließt; und übrigens hatten wir keine Wahl. Das einzige nach Canada bestimmte Fahrzeug auf dem Flusse war mit Auswandrern, vorzüglich Holländern aus der niedrigen Klasse, buchstäblich überfüllt.
Die einzigen Passagiere in dem Laurel, außer uns, sind der Neffe des Capitains, ein hübscher blondhaariger Bursche von ungefähr funfzehn Jahren, der die Unkosten für seine Ueberfahrt abarbeitet; und ein junger Herr, der nach Quebek reist, wo er in einem Handlungshause eine Anstellung als Commis erhalten hat. Derselbe scheint zu sehr mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, um sehr mittheilend gegen andre zu sein; er spaziert viel umher, spricht wenig und liest noch weniger; unterhält sich aber oft mit Singen, wenn er das Deck auf- und abschreitet, seine Lieblingslieder sind, »O Heimath, süße Heimath!« u. s. w.; und jener treffliche Gesang, »Schöne Insel[1]« u. s. w. gewiß eine süße Weise, und ich kann mir den Zauber, welchen sie für ein am Heimweh leidendes Herz hat, leicht vorstellen.
Die Scenerei des Clyde (Fluß) gefiel mir ausnehmend; der Tag, an welchem wir die Anker lichteten, war heiter und angenehm, und ich blieb bis spät Abends auf dem Deck. Das Morgenlicht begrüßte unser Schiff, als es mit einem günstigen Winde von Lande her stattlich durch den Nordcanal hinsteuerte; an diesem Tage sahen wir die letzte der Hebriden, und vor Eintritt der Nacht verloren wir die nördliche Küste von Irland aus den Augen. Eine weite Wasserfläche und über uns der Himmel sind jetzt unser einziger Anblick, durch nichts unterbrochen, als wenn sich in weiter Ferne am Saume des Horizonts die kaum zu unterscheidenden Umrisse eines Fahrzeugs zeigen, — ein Fleck in dem unermeßlichen Raume, — oder dann und wann einige Seevögel vorübergleiten.
Es macht mir Vergnügen, diese Wandrer des Oceans, indem sie mit den hochgehenden Wogen steigen und fallen, oder um unser Schiff flattern, zu beobachten; und oft denke ich mit Verwunderung darüber nach, woher sie kommen, nach welchem fernen Ufer sie ihren Flug nehmen, und ob sie den langen Tag und die finstre Nacht hindurch die wilde Woge zu ihren Ruheplatz wählen; und dann fallen mir unwillkührlich die Worte des amerikanischen Dichters Bryant ein:
»Er der von Zone zu Zone
Durch den grenzenlosen Luftkreis ihren
bestimmten Flug lenkt,
Wird auf dem langen Wege, den ich
allein durchwandern muß,
Meine Schritte richtig leiten.«
Wiewohl wir noch nicht viel über eine Woche an Bord gewesen sind, so fängt mich doch schon die Reise zu langweilen an. Ich kann ihre Einförmigkeit blos mit der Einkerkerung in ein Dorfwirthshaus während schlechten Wetters vergleichen. Ich habe mich bereits mit allen Büchern der Schiffs-Bibliothek, die des Lesens werth sind, bekannt gemacht; unglücklicher Weise besteht sie größtentheils aus alten Novellen und faden Romanen.
Wenn das Wetter schön ist, sitze ich auf einer Bank auf dem Deck, in meinen Mantel gehüllt, und nähe, oder wandle mit meinem Gatten Arm in Arm umher und schwatze über Pläne für die Zukunft, die wohl nie verwirklicht werden dürften. Die Männer, welche nicht thätig beschäftigt sind, verdienen in der That Mitleiden; Frauenzimmer haben in ihrer Nadel stets ein Zufluchts-Mittel gegen die tödtende Langeweile eines müßigen Lebens; aber wo ein Mann auf einen engen Raum, wie das Deck und die Kajüte eines Handelsschiffs, beschränkt ist und nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu thun hat, spielt er wirklich eine sehr bedauernswürdige Rolle.
Ein einziger Passagier an Bord scheint sich vollkommen glücklich zu fühlen, wenn man anders nach der Lebhaftigkeit seines Gesanges schließen darf, womit er uns begrüßt, so oft wir seinem Käfig nahe kommen. Dies ist »Harry« der Goldfinke des Capitains — »des Capitains Gehülfe,« wie ihn die Matrosen nennen. Dieses niedliche Geschöpf hat nicht weniger als zwölf Reisen auf dem Laurel mitgemacht. »Es ist ihm ganz einerlei, ob sich sein Käfig auf dem Lande oder auf der See befindet, er ist stets zu Hause,« sagte der Capitain, seinen kleinen Liebling mit zärtlichen Blicken betrachtend und durch die Aufmerksamkeit, die wir seinem Vogel widmeten, sich offenbar geschmeichelt fühlend.
Ich habe mich bereits mit dem kleinen Gefangnen befreundet. Er verfehlt nie, meine Annäherung mit einem seiner lieblichsten Gesänge zu begrüßen, und nimmt ein Stückchen Bisquit von meinen Fingern, welches er so lange in seinen Krällchen hält, bis er mir mit einigen seiner klarsten Töne gedankt hat; dieses Zeichen von Anerkennung nennt der Proviantmeister sein Tischgebet.
Wenn uns der Wind noch länger begünstigen sollte, werden wir uns in der nächsten Woche an der Küste von Neufundland befinden. Für jetzt leben Sie wohl.
Fußnoten:
[1] England.