Zweiter Brief.
Ankunft an der Küste von Neufundland. — Der Goldfinke singt kurz vor Entdeckung des Landes. — Der Meerbusen St. Laurence. — Schwierige Fahrt auf dem Flusse. — Ein französischer Fischer wird als Lootse angestellt. — Die Insel Bic. — Grün-Eiland. — Anstellung eines regelmäßigen Lootsen. — Scenerei von Grün-Eiland. — Gros-Eiland. — Quarantaine-Gesetze. — Emigranten auf Gros-Eiland. — Ankunft vor Quebek. — Anblick der Stadt und ihrer Umgebungen.
Brig Laurel, Fluß St. Laurence, August 6, 1832.
Theuerste Mutter!
Ich brach meinen letzten Brief aus der einfachen Ursache ab, weil ich nichts weiter zu schreiben hatte. Ein Tag war gleichsam das Echo des vorhergehenden, so daß eine Seite aus dem Tagebuche des Unterschiffers eben so unterhaltend und eben so belehrend gewesen sein würde, als mein Tagebuch, wofern ich nämlich ein solches während der letzten vierzehn Tage geführt hätte.
So arm an Ereignissen war diese ganze Zeit, daß die Erscheinung einer Anzahl Flaschennasen, einiger Robben und eines Meerschweins[2], — wahrscheinlich auf ihrem Wege zu einer Mittags- oder Thee-Gesellschaft am Nordpol, — als eine Begebenheit von großer Wichtigkeit betrachtet wurde. Jeder griff nach seinem Fernglase, als sie sich zeigten, und man stierte sie an, als wollte man sie in Verlegenheit setzen.
Den fünften August, also gerade einen Monat, nachdem wir die brittischen Inseln völlig aus den Augen verloren, bekamen wir die Küste von Neufundland zu Gesicht, und ob sie gleich braun, rauh und öde erschien, so begrüßte ich doch ihren Anblick mit Entzücken. Nie ist mir etwas so erfrischend und köstlich vorgekommen, als die kühle Landluft, welche uns entgegen wehete und uns, wie mich täuchte, Gesundheit und Freude auf ihren Schwingen zuführte.
Nicht ohne einiges Befremden gewahrte ich die rastlose Thätigkeit des oben erwähnten Goldfinken, einige Stunden bevor der Ausruf »Land!« vom Mastkorbe erscholl. Er sang in einem fort, und seine Töne waren länger, heller und durchdringender als früher; das kleine Geschöpf, versicherte mir der Capitain, fühlte die Umänderung in der Luft, als wir uns dem Lande näherten. »Ich verlasse mich,« sagte er, »fast eben so sehr auf meinen Vogel als auf mein Fernglas, und bin bis jetzt nie getäuscht worden.«
Unsre Fortschritte, nachdem wir in den Golf hineingesteuert, waren etwas langsam und langweilig. Die Strecke durch denselben bis zum Eingang in den majestätischen Laurence-Fluß beträgt neunzig englische Meilen, er scheint an und für sich allein ein Ocean zu sein. Die Hälfte unsrer Zeit bringen wir über der großen Karte in der Kajüte zu, die mein Gatte unaufhörlich auf- und zurollt, um sich mit den Namen der fernen Ufer und Inseln, an denen wir vorbeifahren, bekannt zu machen.
Wir sind bis jetzt ohne Lootsen, und der Capitain, ein vorsichtiger Seemann, will das Schiff nicht gern an diese gefährliche Fahrt wagen, daher unsre Reise nur langsam von statten geht.
Den siebenten August. — Wir erhielten diesen Morgen Besuch von einem schönen kleinen Vogel, der nicht viel größer war, als ein Zaunkönig. Ich pries ihn als einen Vogel guter Vorbedeutung — einen kleinen Boten, abgesendet, uns in der neuen Welt willkommen zu heißen; gewiß ich fühlte eine fast kindische Freude bei Erblickung des kleinen Fremdlings. Es giebt glückliche Momente in unserm Leben, wo wir aus den unbedeutendsten Dingen große Freude schöpfen, wie Kinder, denen das einfachste Spielwerk Vergnügen macht.
Gleich nachdem wir in den Meerbusen hineingesteuert waren, äußerte sich bei allen an Bord eine sichtbare Veränderung. Der Capitain, ein ernster schweigsamer Mann, wurde ganz gesprächig. Mein Gatte zeigte sich mehr als gewöhnlich lebhaft und aufgeregt, ja selbst der gedankenvolle junge Schotte thauete auf und wurde im buchstäblichen Sinne des Wortes unterhaltend. Die Schiffsmannschaft entfaltete den regsten Eifer in Erfüllung ihrer Pflicht, und der Goldfinke sang lustig von Morgen bis Abend. Was mich betrifft, so war mein Herz voller Hoffnung, die jedes Gefühl von Zweifel oder Bedauern, welches die Gegenwart hätte verdüstern oder die Zukunft bewölken können, verdrängte.
Ich kann jetzt deutlich die Umrisse der Küste auf der Südseite des Flusses mit meinen Augen verfolgen. Bisweilen hüllen sich die Hochlande plötzlich in dichte Nebelwolken, die in beständiger Bewegung sind und in dunkeln Wogen dahin rollen, bald von rosigem Licht gefärbt, bald weiß und flockig, oder glänzend wie Silber, wenn die Strahlen der Sonne darauf fallen. So schnell sind die Veränderungen, welche in diesen Nebelmassen vor sich gehen, daß man, bei dem nächsten Blick darauf, die Scene wie durch Zauber umgewandelt findet. Der Nebelschleier wird wie von unsichtbaren Händen emporgehoben, und die wilden bewaldeten Berge enthüllen sich nebst den kühnen felsigen Ufern und langgedehnten Buchten zum Theil dem überraschten Auge. Ein andermal zertheilt sich die Dunstschicht und schwebt gleich hohen Rauchsäulen in den Thälern und Schluchten hin oder hängt gleich schneeweißen Vorhängen zwischen den dunkeln Waldkiefern.
Ich kann mich an diesen seltsam gestalteten Wolken nicht satt sehen; sie erinnern mich an die schöne Zeit, die ich in den Hochlanden (schottische) zwischen nebelgekrönten Hügeln des Nordens verlebte.
Gegenwärtig ist die Luft kalt, und wir haben häufige Windstöße und Hagelschauer mit gelegentlichem Donnerwetter, gleich darauf ist alles wieder hell und heiter, und die Luft füllt sich mit Wohlgerüchen, und Mücken, Bienen und Vögel schwärmen vom Ufer aus hinter uns her.
Den achten August. Wiewohl ich nur mit Gefühlen von Bewunderung auf der Majestät und Gewalt dieses mächtigen Flusses weilen kann, so fängt mich doch seine Endlosigkeit zu langweilen an, und ich sehne mich nach einem nähern Anblick des Ufers; denn vor der Hand sehen wir in südlicher Richtung nichts als lange Reihen mit Nadelholz bedeckter Hügel und hier und da ein weißes Fleckchen, wie man mir sagt, Ansiedlungen und Dörfer; während hohe Berge, von allem Grün entblößt, auf der Nordseite des Flusses die Aussicht beschränken. Meine Vorliebe für bergige Gegenden zieht mein Auge gewaltsam nach letztrer Seite, und ich beobachte mit wahrem Vergnügen die Cultur-Fortschritte dieser rauhen und unwirthbaren Gegenden.
Während der letzten zwei Tage haben wir uns ängstlich nach einem Lootsen umgesehen, der das Schiff nach Quebek geleiten soll. Es sind mehre Signal-Schüsse gethan worden, aber bisher ohne Erfolg; kein Lootse hat uns bis jetzt mit einem Besuche beehrt, und so befinden wir uns gleichsam auf einer Station, ohne Wagenlenker und blos mit einer der Führung der Zügel unkundigen Hand. Ich bemerke bereits einige Zeichen von Ungeduld unter uns, aber Niemand tadelt den Capitain, der sich sehr besorgt bei der Sache zeigt, da der Fluß mit Felsen und Untiefen gefüllt ist und demjenigen, der nicht genau mit der Fahrt in dieser Gegend vertraut ist, große Schwierigkeiten entgegengesetzt. Ueberdies ist er den Unternehmern für die Sicherheit des Schiffs verantwortlich, im Fall er einen Lootsen an Bord zu nehmen unterläßt.
Während ich obige Bemerkungen niederschrieb, wurde ich plötzlich durch einen Lärm auf dem Deck gestört, und als ich hinaufging, um die Ursache kennen zu lernen, erfuhr ich, daß ein Boot mit dem so lange ersehnten Lootsen vom Ufer abgestoßen sei; allein nach allem Lärm und Durcheinanderlaufen ergab sichs, daß es nur ein französischer Fischer nebst einem armseligen zerlumpten Jungen, seinem Gehülfen, war. Der Capitain bewog ohne große Schwierigkeit Monsieur Paul Breton, uns bis Grün-Eiland, eine Strecke von einigen hundert englischen Meilen den Fluß weiter aufwärts zu geleiten, wo wir, wenn nicht noch früher, seiner Versicherung nach, einen regelmäßigen Lootsen finden würden.
Es fällt mir etwas schwer, Monsieur Paul zu verstehen, da er einen besondern Dialect spricht; aber er scheint ein guter Mensch zu sein und zeigt sich sehr gefällig. Wie er uns erzählt, ist das Getraide zur Zeit noch grün und kaum in der Aehre, und die Sommerfrüchte sind noch nicht reif, indeß meint er, daß wir zu Quebek Aepfel und andre Früchte in Ueberfluß finden werden.
Je weiter wir den Fluß hinaufkommen, desto einladender und anmuthiger wird der Anblick des Landes auf beiden Seiten. Grüne Fleckchen mit weißen Hütten zeigen sich auf den Ufern und längs den Berg-Abhängen ausgestreut; während hier und da eine Dorfkirche mit ihrem Thurme hervorgukt, der mit seiner blitzenden Fahne und hellem Zinndache die umgebenden Gebäude überragt. Die südlichen Ufer sind besser bevölkert, aber nicht so malerisch als die nördlichen, indeß bieten beide Seiten dem Auge viel Erfreuliches dar.
Diesen Morgen ankerten wir im Angesicht der Insel Bic, einem niedlichen, niedrigen, mit Bäumen bedeckten und recht einladenden Eiland. Ich fühlte großes Verlangen, meinen Fuß auf canadischen Boden zu setzen, und muß gestehen, daß es mich etwas verdroß, als mir der Capitain rieth, an Bord zu bleiben, und die Gesellschaft, welche sich vorbereitete, ans Ufer zu gehen, nicht zu begleiten; mein Gatte unterstützte den Wunsch des Capitains, und ich begnügte mich damit, vom Schiffe aus meine Augen auf die reichen Laubmassen zu richten, welche ein leichtes Lüftchen hin und her bewegte. Indeß hatte ich bald Ursache, dankbar zu sein, daß ich meinem eigensinnigen Wunsch nicht gewillfahrtet, denn Nachmittags wurde es trübe und neblich, und bei der Rückkehr des Bootes erfuhr ich, daß der Boden gerade da, wo die Gesellschaft gelandet, morastig sei, und daß sie bis über die Fußknöchel ins Wasser eingesunken. Sie hatten die Insel kniehoch mit üppigem rothen Klee, schlanken Bäumen, niedrigem Strauchwerk und einem Ueberfluß von wilden Blumen bedeckt gefunden.
Um mich einigermaßen dafür zu entschädigen, daß ich ihn nicht hatte begleiten dürfen, überreichte mir mein Gatte bei seiner Rückkehr ein prächtiges Bouquet, das er für mich gesammelt. Unter den Blumen befanden sich süß duftende rothe Rosen, derjenigen nicht unähnlich, welche wir in Schottland die pimpinellenblättrige Rose (burnet-leaved) nennen, mit glatten glänzenden Blättern und wenigen oder gar keinen Dornen; ferner das Lungenkraut (Pulmonaria) welches ich häufig in den Hochlanden gepflückt habe; eine Zucker-Erbse mit rothen Blüthen und blaßgrünen Blätter-Ranken; eine weiße Orchis, von entzückendem Geruch; und außer diesen verschiedne kleine, weiße und gelbe Blumen, die mir völlig unbekannt waren. Der Proviantmeister versah mich mit einem Porzelankruge und frischem Wasser, so daß ich während des Restes unsrer Reise den Genuß eines schönen Blumen-Straußes haben werde. Die Matrosen hatten nicht vergessen, ein oder zwei buschige Aeste zur Schmückung des Schiffs mitzubringen, und der Vogelkäfig war bald in eine kleine Laube umgestaltet.
Obgleich das Wetter jetzt sehr schön ist, so machen wir doch nur langsame Fortschritte; der Wind bläst von allen Seiten, nur nicht von der rechten. Wir schwimmen mit der Fluth vorwärts, werfen, wenn diese uns verläßt, die Anker aus und warten dann so geduldig als möglich, bis es wieder Zeit ist, dieselben zu lichten. Zu meiner Unterhaltung mustre ich bald die Dörfer und Ansiedlungen durch das Fernglas des Capitains, bald belauere ich das Erscheinen der weißen, zwischen den Wogen schaukelnden Meerschweine (porpoises). Diese Thiere sind von milchweißer Farbe und haben nichts von dem ekelhaften Aeußern der schwarzen. Dann und wann steckt eine Robbe ihr drolliges Haupt dicht neben dem Schiffe aus dem Wasser hervor, ganz so aussehend wie Sindbad's kleiner Meer-Greis[3].
Es ist ein glücklicher Umstand für mich, daß meine Liebe zur Naturgeschichte mir mancherlei Gegenstände, die vielen der Beachtung unwerth erscheinen, zu Quellen der Unterhaltung und Belehrung macht. Das einfachste Kräutchen, das auf meinem Pfade wächst, die unscheinbare Mücke, welche um mich her summt, gewährt mir Stoff zum Nachsinnen und zur freudigen Bewunderung.
Wir befinden uns jetzt im Angesicht von Grün-Eiland. Es ist die größte und, meines Bedünkens, eine der bevölkertsten Inseln, an denen wir bisher vorbeigekommen sind. Mit jeder Minute nimmt die Scenerei an Schönheit zu.
So weit das Auge reichen kann, sieht man das Ufer dicht mit Dörfern und Meiereien in einer fast ununterbrochnen Linie bedeckt. Auf der Südseite glänzt und funkelt Alles von den Zinndächern der ansehnlicheren Gebäude; die übrigen Häuser sind mit weiß übertünchten Schindeln gedeckt. Letztere gefallen mir weniger als die einfachen (nicht angestrichnen) Schindeln; die weiße Farbe der Dächer der Hütten und Hausstätten blendet das Auge, und vergebens sieht man sich zur Erleichterung nach Schiefer- oder Stroh-Dächern um; die Schindeln, in ihrem natürlichen Zustande, erlangen bald das Ansehn von Schieferplatten, so daß man sie kaum davon unterscheiden kann. Was würden Sie zu einem rosenroth angestrichnen Hause mit einem Dache von derselben muntern Farbe, und auf der Vorderseite mit grünen Fensterladen, grünen Thüren und einer grünen Verandah (Vorhalle) sagen. Jedenfalls ist das Innere in entsprechendem Geschmack verziert. In der Regel bemerkt man in einem canadischen Dorfe, ein oder mehre dergleichen rosenfarbne Häuser, die sich durch ihr prahlendes Aeußere vor ihren bescheidnern Brüdern auszeichnen.
Den elften August. — Gleich unter Grün-Eiland nahmen wir einen wirklichen Lootsen an Bord, den ich indeß, beiläufig gesagt, nicht halb so gut leiden kann, als Herrn Paul. Er ist etwas superklug und scheint sich offenbar nicht wenig auf seine überlegne Kenntniß des Flußes einzubilden. Der gutmüthige Fischer verließ seinen Posten mit recht gefälligem Anstand und scheint mit seinem geschickteren Nebenbuhler bereits ziemlich befreundet zu sein. Ich meines Theils gerieth in große Sorge, als der neue Lootse an Bord kam; das erste was er that, war, daß er uns einen gedruckten Zettel einhändigte, welcher Verordnungen von Seiten des Gesundheit-Ausschusses zu Quebek hinsichtlich der Cholera enthielt, die, nach seiner Aussage, sowohl an diesem Orte als zu Montreal wahrhaft pestartig wüthet.
Diese Verordnungen verbieten sowohl dem Capitain als dem Lootsen, unter Androhung schwerer Strafe im Unterlassungsfall, ausdrücklich, irgend Jemand, sei es von der Schiffsmannschaft oder den Passagieren, ohne vorherige strenge Untersuchung von Seiten der Quarantaine-Anstalt aus dem Schiffe zu entlassen.
Dies war für alle höchst unangenehm und ärgerlich, besonders da der Capitain an demselben Morgen den Vorschlag gethan hatte, daß er uns an einem anmuthigen Orte, Namens Kranich-Insel landen wolle, damit wir den Nachmittag bis zur Rückkehr der Fluthzeit in dem Hause eines angesehnen Schotten zubringen könnten, der die beste Ansiedelung, sowohl in Hinsicht der Gebäude als Anlage des Bodens, die mir bis jetzt zu Gesicht gekommen, daselbst besitzt.
Die Lage der Insel ist an sich selbst sehr schön. Um sie her fluthet der gewaltige St. Laurence-Fluß, auf seinen Wogen den Handel verschiedner Nationen tragend; im Vordergrunde sind die volkreichen und lebhaften Ansiedelungen der südlichen Ufer, während dahinter und weit darüber hinaus sich die hohe Bergkette nach Norden zu erhebt, gegenwärtig dicht mit Dörfern, anmuthigen Meiereien und angebauten Feldern bedeckt. Die Insel selbst zeigte uns ebne freie Plätze und smaragdgrüne Wiesen, nebst Obstpflanzungen und Kornfeldern, die sanft abwärts nach dem Wasser-Rande verliefen. Nach einer Einkerkerung von ziemlich fünf Wochen an Bord des Schiffs, können Sie sich leicht vorstellen, mit welcher Freude uns die Aussicht erfüllte, einige Stunden an diesem einladendem Orte zuzubringen.
Wir hoffen, diesen Abend den Quarantaine-Platz (Gros-Eiland) zu erreichen, wo wir, wie uns der Lootse sagt, drei Tage werden verweilen müssen. Ob wir uns gleich alle einer guten Gesundheit erfreuen, so müssen wir doch, weil wir aus einem inficirten Hafen kommen, Quarantaine halten und dürfen nicht landen.
Den zwölften August. Wir erreichten Gros-Eiland gestern Abend, — eine schöne felsige Insel, mit Buchen-, Birken-, Eschen- und Tannen-Wäldchen bedeckt. Es liegen hier verschiedne Schiffe dicht am Ufer vor Anker, eins davon führt das traurige Krankheitssymbol, die gelbe Flagge; es ist ein Passagier-Schiff und hat Pocken- und Masern-Kranke unter seiner Mannschaft. Sobald sich an Bord Zeichen von ansteckenden Krankheiten äußern, wird die gelbe Flagge aufgesteckt, und die Erkrankten werden in das Cholera-Hospital oder hölzerne Gebäude geschafft, welches auf einer Anhöhe des Ufers errichtet worden ist. Es ist mit Palisaden und einer Soldaten-Wache umgeben.
In einer kleinen Entfernung vom Hospital steht ein temporäres Castell mit einer Besatzung, zur Aufrechterhaltung und Einschärfung der Quarantaine-Vorschriften. Diese Vorschriften gelten als sehr mangelhaft und in mancher Hinsicht als völlig ungereimt; in der That bringen sie den unglücklichen Emigranten bedeutende Nachtheile[4].
Wenn die Passagiere und Mannschaft eines Schiffs eine gewisse Anzahl nicht übersteigen, so ist es ihnen, unter Verantwortlichkeit sowohl des Capitains als des Uebertreters, nicht erlaubt, zu landen; überschreiten sie dagegen die festgesetzte Zahl, — sie seien nun krank oder gesund, so müssen beide — Passagiere und Mannschaft — ans Land gehen, ihre Betten und Kleider mitnehmen, die man auf dem Ufer ausbreitet, um sie zu waschen, zu lüften und zu durchräuchern, wodurch die Gesunden nothwendiger Weise jeder Gelegenheit zur Ansteckung von Seiten der Kranken ausgesetzt werden.
Die Schuppen und Gebäude zur Aufnahme derjenigen, die sich den Quarantaine-Gesetzen unterziehen müssen, stehen in der unmittelbaren Nähe des Hospitals.
Nichts kann größer sein, als mein sehnsüchtiges Verlangen nach der Erlaubniß zum Landen und zur Durchforschung dieser malerischen Insel; das Wetter ist so schön, und die unter dem Einfluß kühler Lüftchen hin und her wogenden grünen Wäldchen, die kleinen felsigen Baien und Einbuchten der Insel erscheinen so reizend und lockend! — aber allen meinen Bitten setzte der besuchende Arzt, welcher an Bord des Schiffs kam, ein entschiedenes Nein entgegen.
Wenige Stunden nach seinem Besuche indeß langte ein indianischer Korb, gefüllt mit Stachelbeeren und Himbeeren, nebst einem Strauße wilder Blumen und dem Compliment dieses Arztes an Bord unsers Kerkers an.
Ich unterhalte mich mit Entwerfung kleiner Skitzen des Castells und der umgebenden Landschaft oder beobachte die am Ufer umherwandelnden Auswandrer-Gruppen. Wir haben bereits die Passagiere von drei Emigranten-Schiffen landen sehen. Man glaubt, einen Meßplatz oder mit Menschen überfüllten Markt vor sich zu haben: Kleider flattern im Winde oder liegen auf dem Erdboden ausgebreitet; überall stößt das Auge auf Kisten, Bündel, Körbe; auf Männer, Weiber und Kinder, die theils schlafen, theils sich in der Sonne weiden; einige sind mit Ordnung ihrer Güter beschäftigt, die Weiber waschen und kochen unter freiem Himmel, neben den Holz-Feuern, die auf dem Strande lodern; während hier und da Gruppen von Kindern in fröhlicher Ausgelassenheit einander haschen und jagen, ihre neuerlangte Freiheit genießend. Mit diesen vermischt zeigen sich die stattlichen Gestalten und bunten Uniformen der Schildwachen, während der dünne blaugraue Rauch der brennenden Holzstöße sich langsam über die Bäume wegwälzt und die malerische Wirkung der Scene erhöht. Als mein Gatte die Aufmerksamkeit eines Offiziers vom Castell, der an Bord des Schiffs gekommen war, auf die malerische Erscheinung vor uns lenkte, erwiederte dieser mit einem traurigen Lächeln: »Glauben Sie mir, daß in gegenwärtigem Falle, so wie in vielen andern, nur die Ferne dem Anblick einen Zauber verleiht; könnten Sie einige von jenen so heiter erscheinenden Gruppen, die Sie bewundern, näher betrachten, so würden Sie, denk' ich, ihr Auge mit siechem Herzen davon abkehren; Sie würden hier die Krankheit in allen ihren Formen, Sie würden Laster, Armuth, Schmuz und Hungersnoth — das menschliche Elend in seinen grellsten Farben und in der abscheulichsten Gestalt erblicken, Scenen, wie sie nur der Pinsel eines Hogarth zu malen, oder die Feder eines Crabbe zu schildern vermöchte.«
Den vierzehnten August. — Wir haben die Anker wieder gelichtet und schwimmen mit der Fluth stromaufwärts. Gros-Eiland liegt gerade fünfundzwanzig englische Meilen unterhalb Quebek, ein günstiger Wind würde uns binnen wenigen Stunden dahin führen; vor der Hand kommen wir nur kleine Strecken vorwärts und legen, wenn uns die Fluth verlassen, bald an dem einen, bald an dem andern Ufer an. Indeß macht mir diese Art zu steuern Vergnügen, indem sie mir Gelegenheit verschafft, beide Seiten des Flusses, der sich, je mehr wir uns Quebek nähern, immer mehr und mehr verschmälert, genauer kennen zu lernen. Morgen werden wir, wofern kein Hinderniß eintritt, im Angesicht eines Ortes ankern, der sowohl wegen der geschichtlichen Erinnerung, welche er weckt, als auch wegen seiner natürlichen schönen Lage alle Aufmerksamkeit verdient. Bis Morgen also Adieu.
Ich rechnete sehr darauf, die Wasserfälle von Montmorenci zu sehen, die sich im Angesicht des Flusses befinden; allein die Sonne ging unter, und die Sterne stiegen glänzend am Himmel empor, ehe wir das Geräusch des Katarakts vernahmen; und ob ich gleich meine Augen anstrengte, bis ich es müde wurde, die von den Schatten der Nacht verschleierte Scenerei anzustarren, so konnte ich doch nichts als die dunkeln, den Canal bildenden Felsen-Massen erkennen, zwischen welchen hindurch die Wassermassen des Montmorenci in den St. Laurence-Fluß strömen.
Am zehnten August, Nachts Um zehn Uhr schimmerten uns die Lichter der Stadt Quebek aus der Ferne, wies ein Sternen-Kranz über dem Wasser, entgegen. Um halb elf Uhr ließen wir der Citadelle gegenüber die Anker fallen, und ich versank in Schlaf, von den mannigfaltigen Scenen träumend, an denen ich vorbeigekommen war.
Abermals sollte ich in meiner Erwartung, das Ufer zu betreten, getäuscht werden. Der besuchende Arzt rieth meinem Gatten und mir, ja nicht ans Land zu gehen, indem die immer noch in der Stadt herrschende Sterblichkeit dies sehr gefährlich mache. Er gab uns eine traurige Schilderung von dem Platze. »Oede und Wehe und große Trauer, — Rahel beweint ihre Kinder, denn sie sind nicht mehr!« sind Worte, die man passend auf diesen von der Seuche heimgesuchten Ort anwenden kann.
Nichts ist wohl imposanter als die Lage von Quebek, welche die Seiten und den Gipfel eines großartigen Felsen einnimmt, auf dessen höchstem Punkte (Cap Diamant) das Castell steht, welches den Fluß beherrscht und eine treffliche Aussicht auf die umgebende Gegend gewährt. Die Einbuße dieses edeln Anblicks war mir in der That sehr unlieb, und gewiß dürfte mir nie seines Gleichen vorkommen; er würde noch lange in meiner Erinnerung fortgelebt und, nachdem ich bereits Jahre lang in der Einsamkeit der canadischen Wälder begraben gewesen, meinen Augen vorgeschwebt haben.
Die Anhöhen gegenüber, die sogenannte Point Levi-Seite, sind höchst malerisch, jedoch weniger gebietend als der Felsen, vorauf die Stadt steht. Das Ufer ist steinig, abschüssig und mit Bäumen bekleidet, die sich bis an den Rand des Wassers erstrecken, ausgenommen da, wo sie gefällt worden sind, um weißübertünchten Hütten, Gärten und Obstpflanzungen Platz zu machen. Allein meiner Ansicht nach würde diese höchst romantische Lage eine noch weit schönere Wirkung hervorbringen, wenn man auf die Gebäude und Anlage des Bodens mehr Geschmack verwendet hätte. Wie reizend und anziehend würde ein solcher Platz in England oder Schottland geworden sein. Die Natur hat hier alles gethan, der Mensch aber nur wenig, und die hier und da von ihm errichteten plumpen hölzernen Häuser, welche eben so elend als geschmacklos sind, geben ihm eben keine Ansprüche auf Lob. Es ist indes möglich, daß weiter aufwärts hübsche Dörfer und Häuser vorkommen, die jedoch durch die dazwischen liegenden Wäldchen dem Auge entzogen werden.
Von Point Levi bis zu den Landungsstufen unterhalb des Zollhauses in Quebek soll der Fluß gerade eine englische Meile breit sein; es war sehr unterhaltend für mich, die Fährböte zwischen den beiden Ufern spielen zu sehen. Wie mir der Capitain sagte, sind hier nicht weniger als zwölf dergleichen seltsam aussehende Maschinen im Gange. Sie haben jedes seine bestimmten Stunden, so daß man sie in fortwährender Aufeinanderfolge kommen und gehen sieht. Die Zusammengruppirung von allerlei Passagiren macht ihren Anblick ebenfalls eigenthümlich; schlecht- und gutgekleidete, alte und junge, arme und reiche Leute;
Rinder, Schafe, Pferde, Schweine und Hunde, Geflügel, Marktkörbe, Gemüse, Früchte, Heu, Korn, kurz Alles, was man sich nur denken kann, gleiten darauf über den Fluß.
Die Fährböte sind flach, rings herum mit Gitterwerk als Brustwehr versehen, und haben an jedem Ende ein Weiden-Flechtwerk zur Aufnahme der lebendigen und leblosen Ladung; die Mitte des Bootes, wenn man es so nennen kann, nehmen vier magre, abgetriebne Pferde ein, die im Kreise gehen, wie bei einer Dreschmaschine, und die Ruderschaufeln zu beiden Seiten in Bewegung setzen. Für das Vieh ist eine Art Hürde da.
Wie ich höre, ist man gegenwärtig mit Errichtung eines Denkmals zu Ehren des General Wolf im Gouverneurs-Garten, welcher an den St. Laurence stößt und von Point Levi aus gesehen werden kann, beschäftigt. Ueber die Inschrift ist man noch nicht einig[5].
Der Capitain ist so eben von der Stadt zurückgekehrt. Recht gütig hat er für mich einen Korb mit reifen Aepfeln, frischem Fleisch, Gemüse, Brod und Butter an Bord gebracht. Auf dem Deck wimmelt es von Zollbeamten und Leuten, die einen Theil der Schiffs-Fracht, welche hauptsächlich in Rum, Branntwein, Zucker und Kohlen als Ballast besteht, ausladen. Gegen fünf Uhr Abends sind wir gesonnen, Quebek zu verlassen. Das brittische Amerika, ein prächtiges Dampfschiff mit dreifachem Deck, wird uns bis Montreal bugsiren (ins Schlepptau nehmen). Für jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen.
Fußnoten:
[2] Delphinus Phocaena.
[3] Siehe des Seemann's Sindbad Reisen in den arabischen Mährchen (Tausend und eine Nacht).
[4] Es ist zu hoffen, daß die Regierung diesen mangelhaften und nachtheiligen Gesetzen abhelfen werde, da sie in der That zu wiederholten Malen gerade die Uebel, welche der Gesundheits-Ausschuß von der Colonie abzuhalten wünscht, für die armen Auswandrer herbeigeführt haben.
Manches schätzbare Leben ist durch die zu nahe Zusammengesellung der Gesunden mit den Angesteckten muthwillig geopfert worden, nicht zu gedenken der vielen andern Leiden, Ausgaben und Unbequemlichkeiten, die man dem heimathslosen Wandrer wohl ersparen könnte.
Müssen nun einmal Quarantaine-Gesetze bestehen, — und ich halte sie für ein nothwendiges Uebel, — so sollte man wenigstens alles thun, um sie für die Emigranten so wenig drückend und nachtheilig, als möglich zu machen.
[5] Seit jener Zeit, zu welcher die Verfasserin Quebek besuchte, ist Wolf's Denkmal vollendet worden. Lord Dalhousie hat in der Weihschrift der Säule mit eben so viel Geschmack als Gefühl, die Namen der beiden mit einander wetteifernden Helden, Wolf und Montcalm, vereinigt, eine Freisinnigkeit, welche den canadischen Franzosen nur angenehm sein kann, während sie dem brittischen Krieger nichts von seinem Ruhme entzieht.
Der Entwurf zu dem Monument ist das Werk Major Young's vom 97. Regiment. Die Höhe des Untersatzes, vom Fußboden aus, beträgt vierzehn Fuß; auf dem Untersatz ruht ein sieben Fuß, drei Zoll hoher Sarcophag, und von diesem erhebt sich eine zweiundvierzig Fuß, acht Zoll hohe Spitzsäule; die Breite der letztern, an der Grundfläche, beträgt sechs Fuß, die Dicke vier Fuß, acht Zoll. J. C. Fisher, L. L. D. erhielt für nachstehende Inschrift auf den Sarg eine Preis-Medaille: —
Mortem virtus communem
Famam Historia
Monumentum Posteritas
Dedit.
Auf dem Untersatz über der Schwelle ist eine Inschrift von Dr. Mill's Feder, welche Lord Dalhousie, den Statthalter von Unter-Canada, als Kostenbestreiter nennt, und die Todestage von Wolf und Montcalm, den 13. und 14. Septbr. 1759 angiebt. Wolf fiel auf dem Schlachtfelde; und Montcalm, durch die einzige Kanone im Besitz der Engländer verwundet, starb am folgenden Tage nach der Schlacht.