Sechszehnter Brief.
Indianische Jäger. — Segel auf einem Canoe. — Mangel an Bibliotheken in den Urwäldern. — Neues Dorf. — Fortschritte und Verbesserungen. — Leuchtende Insekten (Johanniswürmchen.)
Ich habe Ihnen in einem früheren Briefe von einem Winter-Besuch bei den Indianern erzählt; ich will Ihnen jetzt Einiges über ihr Sommer-Lager mittheilen, das ich an einem schönen Juni-Nachmittage in Begleitung meines Gatten und einiger Freunde, die zu uns kamen, um den Tag mit uns zuzubringen, in Augenschein genommen habe.
Die Indianer hatten ihr Lager auf einer kleinen, zwischen den beiden Seen hervorspringenden Halbinsel aufgeschlagen; unser nächster Weg dahin würde durch den Busch geführt haben, allein der Boden war so mit umgestürzten Bäumen bestreut, daß wir eine Fahrt im Canoe vorzogen. Der Tag war warm, ohne drückend heiß zu sein, wie dies nur zu oft während der Sommer-Monate der Fall ist; und o Wunder! die Musquitos und schwarzen Stechfliegen waren so höflich, daß sie uns gar nicht beschwerlich fielen. Unsre leichte Barke glitt leicht und ruhig über die ruhige Wasserfläche im Schatten der überhängenden Aeste von Cedern, Schierlingstannen und Balsampappeln, welche köstliche Wohlgerüche verbreiten, wenn die wehenden Lüfte durch ihre Laubkrone streichen. Ein Beet blauer Schwertlilien (iris), untermengt mit schneeweißen Nymphäen, über die unser Canoe wegsegelte, entzückte mein Auge. Als wir um einen felsigen Ufervorsprung gesteuert waren, sahen wir den dünnen bläulichen Rauch aus dem Indianer-Lager sich über die Bäume kräuseln, und bald war unser Canoe sicher an einem derselben, auf der Seite des Indianer-Lagers, angelegt, und mit Hülfe der weitspreizigen Zweige und des Unterholzes gelang es mir, mich einen steilen Pfad hinan zu arbeiten, und bald stand ich gerade vor dem Zelte. Es war Sonntag Nachmittags; sämmtliche Männer waren zu Hause; einige der jüngern Familien-Glieder (drei Familien bewohnten den Wigwam) warfen zum Zeitvertreib den Tomahawk nach einer Kerbe, die in die Rinde eines fern stehenden Baums gehauen war, oder schossen mit ihren Bogen und Pfeilen nach dem Ziele, während die ältern theils auf ihren Bettdecken im Schatten schliefen, theils lasen, theils rauchten und die Geschicklichkeit der jungen, mit einander wetteifernden Schützen ernsten Auges prüften.
Blos eine von den Squaws war zu Hause, und zwar meine alte Freundin, die Gattin des Jägers, die auf einer Bettdecke saß; ihr jüngstes Kind, der kleine David, eine Papouse von drei Jahren, die noch nicht entwöhnt war, ruhte zwischen ihren Füßen; sie beäugelte ihn oft mit liebevollen zärtlichen Blicken, und klopfte ihn von Zeit zu Zeit sanft auf das zottige Köpfchen. Peter, der eine Art angesehner Mann, wenn auch gerade kein Häuptling ist, saß neben seiner Frau, in einen hübschen blauen Schlafrock gekleidet, den eine rothe gewirkte Binde über der Hüfte zusammen hielt. Er rauchte aus einer kurzen Pfeife und betrachtete die vor der Thür des Zeltes versammelte Gesellschaft mit einem Ausdruck ruhiger Theilnahme; bisweilen nahm er seine Pfeife auf einige Augenblicke aus dem Munde und bezeichnete durch eine Art innern Ausruf den Erfolg oder das Fehlschlagen der Versuche seiner Söhne, das Ziel am Baume zu treffen. Die alte Squaw, winkte mir, sobald sie meiner ansichtig wurde, zu, näher zu treten und gab mir mit wohlmeinendem Lächeln zu verstehen, indem sie auf eine freie Stelle ihrer Bettdecke hinwieß, daß ich neben ihr Platz nehmen möchte, was ich auch that. Die Durchmusterung des Wigwams und seiner Bewohner machten mir viel Unterhaltung. Das Gebäude war von länglicher Form, und an beiden Enden offen, jedoch wurden die Oeffnungen, wie man mir sagte, des Nachts durch Tücher oder Matten verschlossen; der obere Theil des Dachs war ebenfalls offen; die Seitenwände bestanden aus rohem Pfahlwerk mit großen Schichten zwischen die Stöcke, welche das Gerippe des Zeltes bildeten, gezogner Birkenrinde; eine lange dünne Stange von Eisenholz bildet einen niedern Tragbalken, woran verschiedne eiserne und kupferne Töpfe und Kessel, desgleichen einige Keulen frisch getödteten Wildbrets und gedörrte Fische hingen; das Feuer nahm den Mittelpunkt der Hütte ein, und um die glühende Asche her lagen mehre friedliche Jagdhunde; sie zeigten etwas von der ruhigen Apathie ihrer Herren, sie öffneten beim Eintreten der Fremdlinge blos die Augen, und als sie bemerkten, daß alles in Ordnung war, überließen sie sich wieder ihrem Schlummer und kümmerten sich nicht weiter um uns.
Die Jäger-Familie nahm eine ganze Seite des Gebäudes ein, während Joseph Muskrat mit seiner Familie, und Joseph Bolans und seine Squaw die entgegengesetzte Wand theilten; die verschiednen Abtheilungen waren durch Bettdecken, Fischerspeere, lange Flinten, Tomahawks und andres Eigenthum bezeichnet und geschieden; das Kochgeräthe anlangend, so schien es mir wegen seiner Spärlichkeit allen gemeinschaftlich anzugehören; es herrschte vollkommne Freundschaft und Einigkeit zwischen den drei Familien, und, nach dem äußern Anschein zu urtheilen, waren alle glücklich und zufrieden. Ein Blick auf die Bücher in den Händen der jungen Männer überzeugte mich, daß es fromme Lieder und Abhandlungen waren; die eine Seite enthielt den englischen Text, die andere die indianische Uebersetzung. Auf unsre Bitten sangen die Männer eins von den Liedern, welches recht gut klang, allein wir vermißten die süßen Stimmen der indianischen Mädchen, die ich vor dem Hause gelassen hatte, wo sie auf einem Fichtenstamme saßen und sich mit meinem Knäbchen unterhielten, welches ihnen nebst seiner Wärterin sehr zu gefallen schien.
An der Außenseite des Zeltes zeigte mir die Squaw ein Canoe von Birkenrinde, dessen Bau noch nicht vollendet war. Die Gestalt des kleinen Fahrzeugs war durch eine Anzahl in regelmäßigen Abständen von einander in die Erde gesteckte Stöcke angedeutet; die Birkenrinden-Schichten waren angefeuchtet, und jede an dem geeigneten Platze durch Cedern-Latten befestigt, die so gekrümmt sind, daß sie als Rippen oder Fachwerk dienen; die Rindenschichten sind mit den zähen Wurzeln des Tamarack (Lärchenbaum) zusammengestrickt; und die Ränder des Canoes sind mit demselben Material besäumt oder umflochten; das Ganze wird, ist es so weit vollendet, mit dickem Gummi überzogen.
Ich hatte die Ehre, von Mrs. Peter nach Hause gerudert zu werden, und zwar in einem neuen Canoe, das eben erst von Stapel gelassen worden war; die Bewegung war in höchstem Grade angenehm, ich saß auf dem Boden des kleinen Fahrzeugs auf einigen leichten Schierlingstannen-Zweigen und meine Heimfahrt war sehr ergötzlich und angenehm. Das Canoe, durch den Arm der schwärzlichen Amazone in Bewegung setzt, flog schnell über das Wasser, und bald landeten wir in einer kleinen Bucht in geringer Entfernung von meinem Hause. Zur Vergeltung der mir von der Squaw erwiesnen Aufmerksamkeit, erfreute ich sie durch das Geschenk einiger Perlen zum Einwirken in Messerscheiden und Mokassins womit sie sehr zufrieden zu sein schien; sie verbarg ihren Schatz sorgfältig im Busentuche, und befestigte ihn noch überdieß mit einem Stückchen Bande.
Gepaart mit einer eigenthümlichen Zurückgehaltenheit und ernstem Temperament zeigen die Indianer in einigen Stücken zu gleicher Zeit einen Grad von kindischem Wesen. Ich gab dem Jäger und seinem Sohne eines Tages einige colorirte Kupferstiche, die ihnen viel Spaß zu machen schienen, denn sie lachten gewaltig über die modisch gekleideten Figuren. Nachdem sie das Haus verlassen, setzten sie sich auf einen gefallenen Baum, versammelten ihre Hunde um sich und breiteren vor jedem besonders die Gemälde aus.
Die armen Thiere, anstatt die bunt gekleideten Herren und Damen aufmerksam zu betrachten, streckten ihre Köpfe in die Höhe und leckten ihren Herren Hände und Gesicht; allein der alte Peter hatte sich einmal vorgenommen, daß die Hunde das Vergnügen der Gemäldeschau theilen sollten, daher drückte er sie mit der Nase auf die Kupferstiche, und hielt sie an ihren langen Ohren fest, wenn sie Miene machten, zu entweichen. Ich hätte den alten ernsten Indianer eines so kindischen albernen Benehmens kaum für fähig gehalten.
Diese halbcivilisirten Wilden scheinen gegenwärtig nicht mehr so eingenommen für bunten glänzenden Putz wie früher, und beobachten in ihrer Kleidung mehr einen europäischen Styl; es ist nichts Ungewöhnliches, einen Indianer in einen feinen Tuchoberrock und Pantalons gekleidet zu sehen, wiewohl ich gestehen muß, daß die weiten Ueberhemden, womit die Regierung sie versorgt, und die einen Theil ihrer jährlichen Geschenke bilden, ihnen weit besser stehen und bequemer sind. Die Squaws ziehen baumwollene oder wollene Röcke, Schürzen und Tücher, und andre dergleichen nützliche Artikel vor; wiewohl sie ihre Kleinen gern recht herausputzen, und ihre Wiegen-Decken mit Seide und Perlen sticken und an ihren Schultern Flügel von Vögeln befestigen. Wie viel Vergnügen machte mir die Erscheinung eines dieser indianischen Cupidos, der mit den Fittigen des amerikanischen Streitvogels, eines sehr schönen Thieres, geschmückt war. Der erwähnte Vogel ist unserm brittischen Buchfinken nicht unähnlich, nur daß die Farben seines Gefieders lebhafter sind; Brust und Unter-Federn der Flügel schmückt das glänzendste Carminroth, das mit Schwarz und Weiß schattirt ist. Man hat diesen Vogel deshalb Streit- oder Kriegs-Vogel genannt, weil er zuerst während des letzten amerikanischen Krieges in Canada erschienen ist, ein Umstand, der, meines Bedünkens, wohl verbürgt ist oder wenigstens allgemein Glauben gefunden hat.
Ueber Ihre Bemerkung, daß wir in den Urwäldern leicht zu einer Leibibliothek unsre Zuflucht nehmen dürften, konnte ich mich kaum des Lächelns enthalten. In einer Hinsicht, sind Sie in der That nicht so weit von der Wahrheit entfernt; denn die Bibliothek eines jeden Ansiedlers kann eine circulirende genannt werden, insofern die Bücher von einem Freund zum andern wandern; und glücklicher Weise haben wir einige recht wohl bestellte und reichhaltige Bibliotheken in unsrer Nachbarschaft, die uns stets offen stehen. Zu York ist eine öffentliche Bibliothek, allein von dieser können wir eben so wenig Gebrauch machen, als wenn sie sich auf der andern Seite des atlantischen Ozeans befände.
Ich weiß recht gut, wie sich die Sache verhält; in der Heimath hat man dieselbe Vorstellung von der Leichtigkeit, in diesem Lande zu reisen, die ich ehemals hatte; jetzt aber weiß ich, was Busch-Straßen sind, eine Reise von nur wenigen Stunden scheint ein abentheuerliches verhängnißvolles Unternehmen. Erinnern Sie sich wohl meines Berichtes von einer Tagereise durch den Wald? Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß sich die Wege seitdem nur wenig verbessert haben. Ich habe nur noch einmal eine ähnliche Fahrt gewagt, die mir mehre sehr beschwerdevolle Stunden verursachte, und mehr durch gutes Glück als in Folge eines andern Umstandes langte ich ganzbeinig an dem Orte meiner Bestimmung an. Ich mußte dabei über die häufigen Betheuerungen des Wagenlenkers, eines schlauen Burschen aus Yorkshire, lachen: »— O! wenn ich nur seine Excellenz den Gouverneur über diese Straße zu fahren hätte, wie wollte ich die Pferde über diese Stummel und Steine traben lassen;« aber bald darauf schrie er wieder: »Ich wette, er würde alles dafür thun, ehe er wieder darauf führe.«
Unglücklicher Weise haben wir auf dieser Seite des Flusses keine von der Regierung angelegte Straße; sie ist blos von den Ansiedlern zu größrer Bequemlichkeit durch den Wald gehauen worden, daher ich fürchte, daß nichts zu ihrer Verbesserung gethan werden dürfte, wofern die Einwohner nicht selbst Hand anlegen.
Wir hoffen bald einen nähern Markt für unser Getraide zu haben, als Peterborough ist; eine Kornmühle ist erst kürzlich in dem neuen Dorfe errichtet worden. Dies wird ein großer Vortheil für uns sein. Die Herbeischaffung von Mehl auf den schlechten Fahrwegen verursacht großen Kostenaufwand, und der Zeitverlust, den diejenigen erleiden, welche ihren Weizen zum Mahlen nach der Stadt senden müssen, ist ein großes Uebel; allein das wird bald anders werden, zur großen Freude der ganzen Nachbarschaft.
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wichtig dergleichen Verbesserungen sind, und welchen Einfluß sie auf Ermuthigung des Emigranten haben, wozu noch kommt, daß sie den Werth seines Besitzthums in keinem geringen Grade vermehren; wir haben uns bereits von den Vortheilen überzeugt, welche die Nähe der Sägemühle für uns hat, indem wir nunmehr nicht nur billiger bauen sondern auch rohe Stämme gegen zugeschnittnes Holz austauschen können. Die großen Fichtenstämme, welche unter andern Umständen nichts als ein Hinderniß bei Lichtung des Bodens sein würden, sind, wenn sie in der für die Behandlung auf der Sägemühle erforderlichen Form gefällt werden, was sich leicht thun läßt, wo sie in der Nähe des Wassers stehen, sehr gewinnbringend, die Stämme müssen eine gewisse Länge haben und werden von Ochsen während des Winters, wenn der Boden fest gefroren ist, hart an den Rand des Sees geschleift; sobald das Eis aufbricht, schwimmen die Baumstämme mit der Fluth stromabwärts und gelangen so in den Mühlgraben; ich habe den See unsern Fenstern gegenüber mit dergleichen schwimmenden, auf seinem Wege zur Sägemühle begriffnen Holze bedeckt gesehen.
Wie schätzbar würden die großen Eichen und riesenhaften Fichten in einem englischen Besitzthum sein; während man sie hier nicht mehr achtet, als man in der Heimath kleine unbedeutende Bäumchen achtet. Einige Jahre später dürfte man indeß die gewaltigen Stämme welche jetzt verbrannt werden, im Bauwesen vermissen. Die Eichen eignen sich vorzüglich zu Umpfählungen und Gitterwerk, weil ihr Holz sehr dauerhaft ist; Fichten, Cedern und weiße Aeschen werden vorzüglich zu Schlagbäumen und dergleichen verwendet; Ahorn und Buchen liefern das beste Brenn-Holz; weiße Aesche brennt gut. Zur Bereitung von Seifenlauge nimmt man keine andre, als Asche von hartem Holz: als Eiche, Aesche, Ahorn und Buche; alle harzhaltige Bäume taugen nicht zu diesem Behuf, die Lauge von dergleichen Asche verbindet sich beim Sieden nicht mit dem Fett, zum großen Verdruß des nicht eingeweihten Seifensieders, der, hätte er den eben erwähnten Umstand gekannt, viel Zeit und Mühe, und, was das Wichtigste ist, viel von dem seit Monaten sorgfältig gesammelten Material erspart haben würde.
Die Frau eines amerikanischen Ansiedlers erzählte mir dies und rieth mir, bei Bereitung meiner Seifenlauge sorgfältig alle Fichten-Asche auszuschließen. Und hier muß ich bemerken, daß unter allen Ansiedlern die Yankies, wie sie genannt werden, die fleißigsten und erfindungsreichsten sind; sie sind nie wegen eines Auskunftsmittels in Verlegenheit; wenn ihnen der eine Plan fehl schlägt, so ergreifen sie mit einer Gedankenschnelligkeit, die mich mit Staunen erfüllt, während sie bei ihnen ganz natürlich zu sein scheint, einen andern. Sie scheinen eine Art angeborner Geistesgegenwart zu besitzen, und, anstatt ihre Energie in Worten darzuthun, handeln sie.
Die alten Ansiedler, welche lange unter ihnen gewesen, scheinen sich dieselben Gewohnheiten anzueignen, so daß es schwer hält, sie von den Yankies zu unterscheiden. Ich habe die Amerikaner ein geschwätziges Volk nennen hören; allein, so weit meine Bekanntschaft mit ihnen reicht, möchte ich sie vielmehr für laconisch halten, und wenn ich sie nicht recht leiden kann, so ist vielmehr ihr kaltes kurzangebundnes Benehmen daran schuld, welches eine Schranke zwischen uns zu ziehen scheint.
Die Bemerkungen eines wandernden Uhrmachers, aus dem Staate Ohio gebürtig, befremdete mich ein wenig. Nachdem er nämlich die Vorzüglichkeit des Ohio-Klimas in Vergleich mit dem unsrigen (in Canada) gerühmt, sagte er, in Beantwortung einiger von meinem Gatten an ihn gerichteten Fragen; er wundre sich, daß alle Leute von feiner Bildung Canada, besonders den Busch, wo sie manches liebe Jahr hindurch alle höheren Annehmlichkeiten und verfeinerten Genüsse des Lebens entbehren müßten; den reichen, halbcultivirten und fruchtbaren Ohio-Staat, wo man noch dazu Land, sowohl wildes als gelichtetes, weit billiger kaufen könne, vorzögen.
Hierauf antworteten wir, daß erstens brittische Unterthanen lieber unter brittischer Botmäßigkeit ständen, und daß dieselben überdies den Sitten seiner Landsleute abgeneigt wären. Er erkannte freimüthig den ersten Einwurf als richtig, bemerkte aber hinsichtlich des andern daß man die Amerikaner im Allgemeinen nicht nach den einzelnen, in den brittischen Colonien vorkommenden Beispielen beurtheilen dürfe. Da letztere in der Regel Leute von eben nicht sonderlichem Ruf wären, viele derselben hätten sich Schulden oder andrer schlechter Streiche wegen, nach Canada geflüchtet; »es wäre hart,« fügte er hinzu, »wenn man die Engländer nach den nach Botany-Bay transportirten Verbrechern beurtheilen wollte.«
Nun war nichts Ungefälliges oder Rohes in dem Benehmen dieses Fremden, und die Vertheidigung seiner Nation war ruhig und vernünftig, mit einem Wort von der Art, daß jeder Vorurtheilsfreie ihn deswegen nur achten mußte.
So eben unterbricht mich ein Freund und sagt mir, daß er Gelegenheit habe, eine portofreie Sendung nach London oder Liverpool zu machen, und daß er in der Kiste, die er für England packe, ein Packet von mir einschließen wolle.
Das Anerbieten ist mir sehr willkommen, nur bedaure ich, daß ich nichts als einige Blumen-Samen, einige indianische Fabrikate und etliche Schmetterlinge zu senden habe — die letzten sind für Jane bestimmt. Ich hoffe, daß nicht alle das Schicksal der letzten theilen werden. Sarah hat mir geschrieben, daß sie von der grünen Nacht-Eule, die ich das letzte Mal in der kleinen Schachtel mitgeschickt, nichts weiter gefunden habe, als etwas Staub und einige rothe Füße. Es ist mir, jedoch nicht ohne Schwierigkeit geglückt, ein andres und schöneres Exemplar zu erlangen; aber, aus Furcht, daß ihm ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte, will ich wenigstens durch nachstehende Beschreibung das Andenken seiner Schönheit zu erhalten suchen.
Er mißt von einer Flügelspitze zur andern gerade fünf Zoll; der Leib ist so dick, wie mein kleiner Finger, schneeweiß und mit langem seidnen Haar bedeckt; die Beine und Fühlhörner sind hellroth, letztere sind auf den beiden Seiten gezahnt wie ein Kamm; beide Flügel, Ober- und Unter-Flügel zeichnen sich durch schönes Blaßgrün aus, und haben an den Rändern goldne Franzen; jeden Flügel schmückt ein kleiner Halbmond von Blaßblau, Roth und Orangenfarben; das Blau nimmt die Mitte ein, wie ein halbgeschloßnes Auge; die untern Flügel sind tief ausgeschnitten, sie bilden dergestalt zwei lange Schwänze, wie bei dem sogenannten Schwalbenschwanz (Schmetterling) von ungefähr einem vollen Zoll in Länge, und sind tief gefranzt; mit einem Wort, dieser Schmetterling ist das reizendste Insekt, welches ich je gesehn habe.
Wir besitzen eine große Mannigfaltigkeit an Pfauenaugen (Schmetterlinge), die sich durch Farbenpracht und unzählige Augen auf den Flügeln auszeichnen. Der gelbe Schwalbenschwanz, der schwarz und blaue Admiral, und der roth, weiß und schwarze Admiral, nebst manchen andern prächtigen Varietäten, die ich nicht beschreiben kann, sind ebenfalls sehr gemein. Der größte Schmetterling, den ich bis jetzt gesehn, zeichnet sich durch ein muntres Vermilion aus, welches durch ein über seine großen Schwingen verbreitetes Netz von schwarzen Linien noch mehr hervorgehoben wird.
Das Libellen-Geschlecht anlangend, so haben wir dergleichen von jeder Größe, Gestalt und Farbe. Vorzüglich erfreute mich ein Pärchen prächtig blauer, die ich häufig auf meinen Spaziergängen sah, wenn ich meine Schwester besuchte. Sie waren so groß wie Schmetterlinge, mit schwarzen Flor-Flügeln, auf jedem Flügelpaar prangte ein mit Scharlachroth schattirter Halbmond vom glänzendsten Azurblau; der Leib dieser schönen Thierchen war ebenfalls blau. Außerdem bin ich auf scharlachfarbne und schwarze, gelb und schwarze, kupferfarbne, grüne und braune gestoßen; letztere sind große Feinde der Musquitos und andrer kleiner Insekten und schwärmen des Abends in Aufsuchung von Beute in großen Schaaren überall umher.
Die Feuerfliegen dürfen nicht vergessen werden, denn unter allen andern sind sie die merkwürdigsten, ihre Erscheinung kündet gemeiniglich Regen an; man sieht sie oft, nach Eintritt der Dunkelheit, an milden feuchten Abenden, zwischen den Cedern am Saume der Wälder, und besonders in der Nähe von Lachen und Sümpfen umherschwärmen, und sie erleuchten die Luft mit ihrem glänzenden tanzenden Lichte. Bisweilen sieht man sie in Gruppen, gleich Sternschnuppen in der mittlern Luftregion schweben, oder so tief herabsteigen, daß sie in die Zimmer gerathen und um die Bett- und Fenster-Vorhänge herumgaukeln; das Licht, welches sie verbreiten ist heller und glänzender als das des Johanniswürmchens, aber es geht auf dieselbe Weise, wie bei diesem von dem untern Theile des Leibes aus. Auch das Johanniswürmchen ist keine seltne Erscheinung, man sieht es sogar noch im September, versteht sich in milden, warmen, thauigen Nächten.
Wir haben Ueberfluß an großen und kleinen Käfern, einige sind sehr prachtvoll grün und golden, rosenfarben, roth und schwarz; einige völlig schwarz, furchtbar groß, mit weitspreizigen ästigen Hörnern. Wespen sind nicht so lästig wie in England, allein ich glaube, dies ist blos darum der Fall, weil wir diesen räuberischen Insekten nicht die nämlichen Lockungen darbieten können, wie unsre heimathlichen Gärten.
Einer unsrer Holzfäller brachte mir eines Tages ein Hornissen-Nest, wie er es nannte, es war jedenfalls ein schönes und zartes Werk für ein so großes Insekt; und ich vermuthe vielmehr, daß es einem schönen goldfarbigen Insekt, Wespen-Fliege (wasp-fly) genannt, angehört, indeß weiß ich dies nicht gewiß. Das Nest glich in Größe und Gestalt einem Truthahn-Ei und bestand aus sechs papiernen Bechern, die einer in den andern geschoben, und immer einer kleiner als der zunächst vorhergehende äußere waren, und der innerste erschien nicht viel größer als ein Tauben-Ei. Ein prüfender Blick durch die Oeffnung des letzten Bechers, ließ mich im Innern eine kleine Scheibe mit zwölf Zellen von vorzüglicher Nettigkeit und von weit größrer Regelmäßigkeit, als die Zellen der gemeinen Hausbiene zu sein pflegen, wahrnehmen; in Größe glich eine Zelle nur dem dritten Theil von denen der Honig-Biene. Die Substanz, woraus die Becher bestanden, war ein feines, silbergraues, seidenartiges Gewebe, so fein als das feinste chinesische Seiden-Papier und äußerst spröde; wenn man es schwach netzte, so wurde es klebrig und haftete etwas an dem berührenden Finger; das Ganze war sorgfältig an einen Stock befestigt, ich habe seitdem ein dergleichen Netz an eine rohe Gitterstange befestigt gesehen. Ich konnte nicht umhin, die instinktmäßige Sorgfalt zu bewundern, welche in der Bildung dieses Meisterstücks von Insekten-Baukunst zur Schützung des Embryos gegen schädliche Einflüsse, namentlich gegen die Gefräßigkeit von Vögeln, so wie gegen Regen und Unwetter zu Tage lag; der Regen konnte wohl kaum einen Eingang in das Innere finden.
Ich hatte — wenigstens glaubte ich so — meinen Schatz sorgfältig in einem Tischkasten verwahrt, allein ein ruchloser kleiner Spitzbube von Maus machte ihn ausfindig und zerriß ihn in Stücke, um des Bischen Honigs willen, das in einer oder zwei Zellen enthalten war. Ich war sehr ärgerlich darüber, denn ich hatte mir fest vorgenommen, das hübsche Nest bei günstiger Gelegenheit einem lieben Freunde in Gloucester Place zu senden, der ein großer Freund von dergleichen Naturmerkwürdigkeiten ist, und mir einst ein Nest von ähnlicher Form zeigte, welches in einem Bienenstock gefunden worden war; doch war bei diesem das Material weit gröber, auch hatte es, erinnere ich mich recht, nicht sechs, sondern nur zwei Zellen.
Ich bin stets sehr begierig darauf gewesen, das Nest eines Kolibris zu sehen, war aber bisher nicht so glücklich, meinen Wunsch befriedigen zu können. Diesen Sommer hatte ich einige Beete mit Kartäuser-Nelken und andern Blumen, besonders einigen prächtigen Convolvolus-Arten (morning gloves), wie sie die Amerikaner nennen, bepflanzt; diese lieblichen Blumen lockten die Kolibris an, meinen Garten zu besuchen, und ich hatte das Vergnügen, ein Pärchen dieser schönen Vögel zu sehen, allein ihr Flug ist so eigenthümlich, daß man kaum einen vollkommnen Anblick ihrer mannigfaltigen Farben erlangen kann; ihre Bewegung, wenn sie auf dem Flittig schweben, gleicht dem Umkreisen eines Spinnrades, und das Geräusch, das sie dabei erregen, dem Schnarren oder Sumsen eines im Gange begriffnen Rades; ich will jetzt recht viel Blumen anpflanzen, um die niedlichen Thiere zum Nisten in unsrer Nähe zu bestimmen.
Ich fürchte bisweilen, daß ich Ihnen mit meinem langen uninteressanten Briefe beschwerlich falle; die einzige Quelle, woraus ich schöpfen kann, ist das Hauswesen und die Naturgeschichte des Landes, und hiervon theile ich Ihnen alles dasjenige mit, was durch seine Neuheit Ihre Aufmerksamkeit fesseln dürfte. Wahrscheinlich mag ich bisweilen Ihre Erwartung täuschen, indem ich Ihnen Dinge erzähle, welche den Zustand eines Emigranten in ein ungünstiges Licht setzen; allein ich trage die Sachen ganz so vor, wie ich sie gesehen oder gehört habe. Ich könnte Ihnen manche günstig lautende Berichte von den Ansiedlern in diesem Lande geben; ich könnte das Gemälde auch umkehren, und Sie würden endlich zu dem Schlusse gelangen, daß es an Gründen für und wider Auswanderung nicht fehle. Der erste und wichtigste Grund indeß ist und bleibt Nothwendigkeit, und dieser wird stets die Wagschale zu Gunsten der Auswanderung kehren; und dieselbe befehlshaberische und herrische Dame Nothwendigkeit sagt mir, daß es nothwendig sei, meinen Brief zu schließen.
Leben Sie wohl, ich unterzeichne mich in Liebe und Achtung Ihre
ergebenste Freundin.